Über blöden Komfort und falsche Helden – Wolfgang Schmidbauer

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Über blöden Komfort und falsche Helden

von Wolf­gang Schmidbauer

 

War­um erken­nen Men­schen das Rich­ti­ge, bil­li­gen es – und tun dann doch das Fal­sche? Die­se Fra­ge wur­de vie­le hun­dert Jah­re lang von Mora­lis­ten gestellt (Der römi­sche Dich­ter Ovid schrieb: „Das Bes­se­re seh ich und lob ich, Schlech­te­rem fol­get das Herz.“) und bezog sich auf das Han­deln von Indi­vi­du­en, die bei­spiels­wei­se wis­sen, dass Ehe­bruch ver­bo­ten ist, die­se mora­li­sche Hal­tung auch gegen­über ihrem Part­ner ver­tre­ten – und dann fremd gehen. Heu­te beschäf­tigt uns ange­sichts des Wider­spruchs zwi­schen gutem Wis­sen und schlech­tem Tun weni­ger die Moral von Indi­vi­du­en als die Sta­bi­li­tät von Staa­ten, der Erhalt der Bio­sphä­re, glo­ba­le Ener­gie- oder Schuldenkrisen.

 

Fast alle Kon­sum­ge­sell­schaf­ten trei­ben Raub­bau an der Gegen­wart, ver­brau­chen mehr Roh­stof­fe und Ener­gie­trä­ger, als nach­wach­sen, und zah­len die Zin­sen für ihre Kre­di­te durch neue Schul­den. Wer einen klei­nen Kre­dit haben will und kei­ne Sicher­heit bie­tet, geht leer aus; wer einen Staat führt und nicht die gerings­te Wahr­schein­lich­keit gel­tend machen kann, dass er des­sen Schul­den­last min­dern wird, kann sich gerau­me Zeit hohe Sum­men leihen.

Wenn uns gegen­wär­tig unse­re Intel­li­genz nicht dar­an hin­dert, Atom­kraft­wer­ke zu bau­en, Tro­pen­wäl­der zu roden und die Ozon­hül­le zu schä­di­gen, dann zeigt das, dass die mate­ri­el­len Struk­tu­ren, die sol­che Ent­wick­lun­gen bedin­gen, stär­ker gewor­den sind als die mensch­li­che Ein­sicht. Zu den dümms­ten Aus­sa­gen über Tech­nik gehört die, sie sei neu­tral, es kom­me dar­auf an, was der ver­ant­wort­li­che Mensch mit ihr mache. Neu­tral ist Tech­nik nur, solan­ge sie nicht vor­gau­kelt, es gäbe einen Gewinn an Macht ohne Kos­ten. In der Kon­sum­ge­sell­schaft wird Tech­nik sys­te­ma­tisch benützt, um süch­tig zu machen; kom­mer­zi­ell erfolg­rei­che Waren beru­hen weit­ge­hend auf sol­chen Mechanismen.

 

In der Kon­sum­ge­sell­schaft wird Tech­nik sys­te­ma­tisch benützt, um süch­tig zu machen.”

 

In der Fabel Der Zieh­brun­nen aus Chi­na lehnt ein wei­ser alter Mann den Hebel­brun­nen ab, weil er fürch­tet, durch sei­ne Benut­zung selbst wie eine Maschi­ne zu funk­tio­nie­ren. Gün­ter Anders hat in sei­nem Buch Die Anti­quiert­heit des Men­schen (1956) die­sen Gesichts­punkt der Anste­ckung durch die Maschi­ne um den Aspekt der Beschä­mung durch sie ergänzt. Sei­ne For­mu­lie­run­gen über die „pro­me­t­hei­sche Scham“ beschrei­ben die Reak­ti­on auf Pro­duk­te ange­häuf­ter, über­in­di­vi­du­el­ler mensch­li­cher Erfin­dungs­kraft, vor der die eige­nen Fähig­kei­ten küm­mer­lich erschei­nen. Die­se Ein­wän­de gehö­ren in eine Zeit, in der sich das selbst­kri­ti­sche Indi­vi­du­um noch von den regres­si­ven Rei­zen der Kon­sum­ge­sell­schaft abgren­zen konn­te (Regres­si­on – hier: unbe­wuss­ter Rück­griff auf kind­li­che Verhaltensmuster).

Heu­te über­wie­gen Ver­schmel­zun­gen mit den Maschi­nen, deren über­mensch­li­che Qua­li­tä­ten scham­los zur Stei­ge­rung des eige­nen Macht­emp­fin­dens und der Ver­wöh­nungs­be­dürf­nis­se die­nen. Solan­ge Auto­mo­bi­le, Han­dys und Lap­tops kom­for­ta­bler wer­den, sind wir abge­lenkt nach­zu­den­ken, ob sie nicht prin­zi­pi­ell unbe­kömm­lich für den Men­schen sind. In der Ver­schmel­zung und Iden­ti­fi­zie­rung mit schein­bar immer fort­schritt­li­che­ren Pro­duk­ten ist das erschli­che­ne Macht­ge­fühl nicht mehr erkenn­bar. Der Kon­su­ment ist Sie­ger, wenn nicht über die düs­te­re Zukunft, dann doch über die hoff­nungs­los rück­stän­di­ge Ver­gan­gen­heit, in der bei­spiels­wei­se ein Auto noch eine Hand­kur­bel hat­te, um es anzu­wer­fen, ein Motor­rad mit einem Fuß­tritt gestar­tet wur­de, ein Foto­ap­pa­rat mit­hil­fe eines Dau­men­drucks den Film trans­por­tier­te oder eine Uhr auf­ge­zo­gen wur­de und nicht alle zwei Jah­re eine Por­ti­on Bat­te­rie­gift in die Umwelt entließ.

In der Welt der stum­men Die­ner ist es selbst­ver­ständ­lich, dass die kleins­te Unbe­quem­lich­keit von einem geräusch­lo­sen Ser­vo­mo­tor besei­tigt wird.”

 

Wären sie nicht selbst Teil­ha­ber an die­sem selbst­ver­ständ­li­chen Macht­ge­winn, dann wür­den die Intel­lek­tu­el­len und die Ange­hö­ri­gen hel­fen­der Beru­fe (Ärz­te, Sozi­al­ar­bei­ter, The­ra­peu­ten etc.) öfter dar­auf hin­wei­sen, wie wenig die Waren­ver­wöh­nun­gen auf die unaus­weich­li­chen Ent­täu­schun­gen des Lebens vor­be­rei­ten. Die Gefahr wächst, dass erträg­li­che, unter Umstän­den sogar ent­wick­lungs­för­dern­de Ein­schrän­kun­gen in der Kon­sum­ge­sell­schaft wie uner­träg­li­che Frus­tra­tio­nen erschei­nen, die nach sofor­ti­ger Rache schrei­en. Neue Kate­go­ri­en wie Mob­bing und Stal­king signa­li­sie­ren, dass es den Men­schen schwe­rer gewor­den ist, Krän­kun­gen zu ver­ar­bei­ten. Schließ­lich ist es in der Welt der stum­men Die­ner um uns her­um selbst­ver­ständ­lich, dass die kleins­te Unbe­quem­lich­keit von einem geräusch­lo­sen Ser­vo­mo­tor besei­tigt wird. In einem gesell­schaft­li­chen Kli­ma, das die eige­ne Bequem­lich­keit zum sitt­li­chen Gut erklärt, ist Ver­trau­en schwe­rer zu haben als alles ande­re. Dabei wirkt die Waren­bot­schaft nach­hal­ti­ger als die ethi­sche Erzie­hung, die nach wie vor Gemein­wohl, Altru­is­mus und Ver­trau­ens­be­zie­hun­gen betont.

Wer die regres­si­ven Nei­gun­gen der Kon­su­men­ten för­dert und aus­beu­tet, macht mehr Umsatz und kann mehr Geld in Rekla­me inves­tie­ren, die den Absatz sei­nes Schun­des wei­ter stei­gert. Die Ware pro­gram­miert den Kon­su­men­ten. Ange­sichts einer Stö­rung fällt ihm nichts ein, weil er weder weiß, wie sein Gerät funk­tio­niert, noch die­ses ihm irgend­et­was bei­ge­bracht hat. Dum­me Din­ge sagen uns nichts über ihr Innen­le­ben und hel­fen uns nicht, aus ihren Stö­run­gen zu ler­nen. Der Kon­su­ment soll sie weg­wer­fen und das nächs­te Pro­dukt kau­fen, ohne nachzudenken.

2013-02_agora42-Wohlstand Cover

Die­ser Arti­kel ist erst­mals in agora42 WOHLSTAND erschienen.

Wer heu­te mit Ärz­ten spricht, kommt bald auf ein The­ma, das vie­len enga­gier­ten, nicht pri­mär am Geld­erwerb inter­es­sier­ten Medi­zi­nern die Freu­de am Beruf ver­gällt. Pati­en­ten wol­len zwar ihre Gesund­heit wie­der­ha­ben, aber auf nichts ver­zich­ten. Der Dok­tor soll doch, wozu ver­fügt er über die­se wun­der­ba­ren Appa­ra­te und Medi­ka­men­te, die Depres­si­on weg­zau­bern, das Herz in Ord­nung brin­gen, die chro­ni­sche Bron­chi­tis weg­schaf­fen, aber bit­te ohne eige­nes Bemü­hen, ohne den Ver­zicht auf Ziga­ret­ten und Alko­hol. Hat er nichts Ange­neh­mes zu sagen? Dann kau­fe ich mir einen ande­ren Exper­ten! Der Medi­zin sind Leis­tun­gen mög­lich, die der mensch­li­chen Mobi­li­tät in einem Zwei­sit­zer mit Zwölf­zy­lin­der­mo­tor ent­spre­chen – die drit­te Herz­trans­plan­ta­ti­on, Ope­ra­tio­nen im Grei­sen­al­ter, die Ret­tung von Unfall­op­fern, die dann ein hal­bes Men­schen­le­ben im Koma lie­gen. Dabei gerät aus dem Blick, dass der Ver­zicht auf Junk­food, Zucker­ge­trän­ke und Genuss­gif­te sowie mehr Bewe­gung nach­weis­lich mehr für die Lebens­qua­li­tät der Bevöl­ke­rung leis­ten als alle chir­ur­gi­schen und medi­ka­men­tö­sen Neue­run­gen. Wir haben längst ange­fan­gen, eine durch Alko­ho­lis­mus beding­te Leber­zir­rho­se durch die Trans­plan­ta­ti­on eines neu­en Organs zu „hei­len“ und Fett­süch­ti­ge dadurch zu behan­deln, dass ihnen ein Stück Dünn­darm her­aus­ge­schnit­ten wird. Die Soli­dar­ge­mein­schaft der Ver­si­cher­ten insze­niert so ihre eige­ne Auflösung.

Weil das neue Auto über 230 Stun­den­ki­lo­me­ter schnell ist und einen Motor von jener Stär­ke hat, die sonst einen Omni­bus bewegt, braucht es Anti­blo­ckier­sys­te­me, Gurt­straf­fer, Air­bags rund­um, einen Sei­ten­auf­prall­schutz und ein den­ken­des Fahr­werk. Um zu ver­hin­dern, dass die macht­voll getrie­be­nen Rei­fen beim Anfah­ren ver­heizt wer­den, ist eine Antriebs­schlupf­re­ge­lung ein­ge­baut. Wer sich auf die­se fas­zi­nie­ren­de Absur­di­tät ein­lässt, ist von ver­trau­ten Pro­ble­men und ver­trau­ten Lösun­gen umge­ben; er fühlt sich in der Beschäf­ti­gung mit einer lebens­ge­fähr­li­chen Maschi­ne, die sei­nen Kin­dern Erde und Luft weg­nimmt, gebor­gen.

Sol­che Exem­pel doku­men­tie­ren die Ver­wund­bar­keit der Indus­trie­ge­sell­schaft. Ein gut kon­stru­ier­tes Auto oder Motor­rad fas­zi­niert uns wie ein Kunst­werk, das wir andäch­tig strei­cheln, begeh­ren und nut­zen. Die­se emo­tio­na­len Reak­tio­nen sind in einer hand­werk­lich struk­tu­rier­ten Welt ange­mes­sen, in der es weni­ge sol­cher Din­ge gibt und ihr öko­no­mi­sches Umfeld ihre her­aus­ge­ho­be­ne Stel­lung recht­fer­tigt. In der Kon­sum­ge­sell­schaft ist es mög­lich gewor­den, die­se Din­ge mas­sen­haft zu erzeu­gen. Da dies nur auf Kos­ten des öko­lo­gi­schen Gleich­ge­wichts mög­lich ist, wer­den die geweck­ten Ansprü­che zu einer schwe­ren Hypothek.

 

Digi­ta­le Ange­bo­te ver­dum­men mehr, als dass sie stimulieren.

 

Der Ulmer Ner­ven­arzt Man­fred Spit­zer beschreibt die destruk­ti­ven Wir­kun­gen eines über­mä­ßi­gen Bild­schirm­kon­sums auf die geis­ti­ge Ent­wick­lung von Kin­dern und Erwach­se­nen. Eines sei­ner Bei­spie­le sind ver­glei­chen­de Unter­su­chun­gen an Taxi­fah­rern in Lon­don. Seit die­se sich mit­hil­fe elek­tro­ni­scher Hilfs­mit­tel ori­en­tie­ren, müs­sen sie nicht mehr rund 20.000 Stra­ßen­na­men ler­nen und räum­lich zuord­nen. Par­al­lel dazu haben sich die für sol­che Funk­tio­nen zustän­di­gen Gehirn­area­le mess­bar verkleinert.

Kin­der, denen ame­ri­ka­ni­sche For­scher 2010 eine Spiel­kon­so­le schenk­ten, ver­schlech­ter­ten sich bereits nach vier Mona­ten in ihren Schul­leis­tun­gen, wenn sie mit Kin­dern ver­gli­chen wur­den, die ohne sol­che Ablen­kung in die Schu­le gin­gen. Ähn­li­che Stu­di­en gibt es über die Fol­gen von Gewalt­spie­len auf die Empathiefähigkeit.

Es ist Spit­zer vor­ge­wor­fen wor­den, dass er mög­li­che posi­ti­ve Wir­kun­gen von Com­pu­tern auf die geis­ti­ge Leis­tungs­fä­hig­keit igno­riert. Aber sol­che Hin­wei­se soll­ten nicht dazu füh­ren, sei­ne gut begrün­de­ten Ein­wän­de gegen die Ver­wöh­nun­gen einer durch Maus­klick und Joy­stick beherrsch­ten Bild­schirm­welt zu ignorieren.

Ähn­lich wie Poli­ti­ker vor Ein­füh­rung des Pri­vat­fern­se­hens geis­ti­ge Anre­gung und viel­fäl­ti­ge Infor­ma­tio­nen ver­spra­chen, wäh­rend die Rea­li­tät der vie­len Kanä­le doch ein Über­wie­gen pri­mi­tivs­ter Unter­hal­tung zeigt, schei­nen die ver­dum­men­den Fol­gen der digi­ta­len Ange­bo­te mehr Wucht zu ent­fal­ten als die stimulierenden.

Über­all, wo uns der Wohl­stand geis­ti­ge oder kör­per­li­che Übung abnimmt, wird er auch gefähr­lich. Er unter­stützt Ent­wick­lun­gen, die zur Sucht füh­ren. Das beschränkt sich nicht auf Details wie das Über­ge­wicht und den Dia­be­tes, die nach einer von Spit­zer zitier­ten Stu­die zu einem Sechs­tel auf die digi­ta­len Medi­en zurück­zu­füh­ren sind.

 

Das eige­ne, „ver­al­te­te“ Pro­dukt wird zum Feind, die Din­ge zie­hen in den Krieg.

 

Die Logik der Din­ge in der Kon­sum­ge­sell­schaft hängt mit der glo­ba­li­sier­ten Nach­fra­ge zusam­men; die­se wie­der­um wird durch die Fort­set­zung natio­na­lis­ti­scher Erobe­rungs­plä­ne mit ande­ren Mit­teln geprägt. Beson­ders deut­lich ist die­se Situa­ti­on in der japa­ni­schen Industrie.

Die Japa­ner über­tru­gen nach ihrer dra­ma­ti­schen Nie­der­la­ge im Zwei­ten Welt­krieg und ihrem Ver­zicht auf eige­ne Waf­fen­pro­duk­ti­on die Prin­zi­pi­en der Rüs­tungs­in­dus­trie auf die Kon­sum­gü­ter­pro­duk­ti­on. So über­wäl­tig­ten sie die Wirt­schaft ihrer Wett­be­wer­ber. Eini­ge Jah­re lang blick­ten die Fest­red­ner der deut­schen opti­schen Indus­trie vom hohen Ross ihrer tra­di­ti­ons­rei­chen Mar­ken auf die japa­ni­schen „Bil­lig­ko­pi­en“. Ehe sie sich beson­nen hat­ten, waren sie erle­digt. Eine Ent­wick­lung, die damals begann, prägt heu­te fast alle Kon­sum­gü­ter. Selbst wo der Markt nicht von Japan bestimmt ist, wirkt er doch japa­ni­siert. Das eige­ne, „ver­al­te­te“ Pro­dukt wird zum Feind, die Din­ge zie­hen in den Krieg.

Wenn die gesam­te Pro­duk­ti­on sich gewis­ser­ma­ßen auf Kriegs­zu­stand ein­stellt, gewinnt sie gegen­über ande­ren Pro­du­zen­ten einen kurz­fris­ti­gen Vor­teil, des­sen lang­fris­ti­ge Nach­tei­le erst spä­ter bemerk­bar wer­den. Im Krieg sind vie­le – man­che den­ken alle – Mit­tel erlaubt, den Feind zu schä­di­gen. Er erzieht zur Rück­sichts­lo­sig­keit gegen­über den Res­sour­cen und zur Scham­lo­sig­keit, mit der Zwe­cke die Mit­tel heiligen.

Die Mili­ta­ri­sie­rung in der Kon­sum­gü­ter­pro­duk­ti­on führt zu sehr wider­sprüch­li­chen, gele­gent­lich absurd anmu­ten­den Kon­se­quen­zen. Bei­spiels­wei­se wer­den für Fahr­rä­der Schnell­spannn­aben ange­bo­ten. Sie sind für Renn­sport­ler sinn­voll, die ein defek­tes Rad rasch aus­wech­seln müs­sen. In Rädern, die an einer Stra­ßen­la­ter­ne geparkt wer­den, erfreu­en Schnell­span­ner Die­be, wel­che mit einem Griff ein teu­res Lauf­rad mit­neh­men kön­nen. So wur­de eine Schnell­spannna­be ent­wi­ckelt, die zuge­sperrt wer­den kann.

 

Wir bräuch­ten Din­ge, die unse­ren kri­ti­schen Bezug zur Wirk­lich­keit verbessern.

 

Wir bräuch­ten Din­ge, die unse­ren kri­ti­schen Bezug zur Wirk­lich­keit ver­bes­sern, die ver­nünf­ti­ge Ver­hält­nis­se zwi­schen Auf­wand und Ertrag sinn­fäl­lig machen. Wir kau­fen Din­ge, die uns Ver­schwen­dung, Sucht nach maxi­ma­ler Bequem­lich­keit, Angst vor Anstren­gung und Grö­ßen­fan­ta­si­en jeder Art beibringen.

Wer Kon­sum­gü­ter von 1956 mit denen der Gegen­wart ver­gleicht, fin­det eben so vie­le Rück­schrit­te wie Fort­schrit­te. Die ver­wir­ren­de Viel­falt, die tech­ni­sche Extra­va­ganz sind Bele­ge für den Vor­stoß der Ware in eine Zone, in der sie der Kon­su­ment nicht mehr erfas­sen, durch­schau­en, repa­rie­ren und zu hun­dert Pro­zent nut­zen kann. Die typi­sche Ware des Grenz­nut­zens wird der Käu­fer in sei­nem Leben so wenig brau­chen kön­nen wie einen Fer­ra­ri im Stadtverkehr.

Die moder­nen Kon­sum­gü­ter ent­wi­ckeln sich in zwei Rich­tun­gen. In bei­den stre­ben sie in die Todes­zo­ne des Grenz­nut­zens, wo die Luft dünn wird. Ein­mal wer­den sie immer kom­for­ta­bler, idio­ten­si­cher, neh­men uns alles ab. Die Funk­uhr muss nicht ein­mal mehr auf die Som­mer­zeit gestellt wer­den. In Autos sind Appa­ra­te ein­ge­baut, die einen Stadt­plan erset­zen. Die Benut­zer­ober­flä­che erlaubt es bereits Kin­dern, einen Com­pu­ter zu bedie­nen. Ande­rer­seits wer­den aber die Gerä­te immer kom­pli­zier­ter. Bei einer bri­ti­schen Fir­ma ergab eine Unter­su­chung, dass die Hälf­te der als defekt ein­ge­schick­ten Video­ka­me­ras völ­lig in Ord­nung war. Die Kun­den hat­ten die Anlei­tung nicht ver­stan­den. Obwohl die vor­han­de­ne, noch tadel­los funk­tio­nie­ren­de Pro­dukt­ge­ne­ra­ti­on ihren Zweck per­fekt erfüllt, wer­den neue Model­le ange­bo­ten, mit Mil­lio­nen­auf­wand ver­mark­tet und gekauft.

Wäh­rend die Pro­du­zen­ten von lebens­not­wen­di­gen Gütern Bedürf­nis­se befrie­di­gen, die immer wie­der spon­tan ent­ste­hen (wie Hun­ger, Durst, Schutz vor Wit­te­rung), ach­ten die Her­stel­ler von Kon­sum­gü­tern dar­auf, Abhän­gig­kei­ten zu schaf­fen. Eine davon ist die Undurch­schau­bar­keit: Nur der vom Her­stel­ler aus­ge­bil­de­te Spe­zia­list, der in aller Regel auch am Ver­kauf des Pro­dukts und der Ersatz­tei­le ver­dient, ver­fügt über genü­gend Kennt­nis­se, um Stö­run­gen zu behe­ben. In die­se Rich­tung sind wir in zen­tra­len Gebie­ten der Tech­ni­sie­rung mit Rie­sen­schrit­ten marschiert.

James Bond ist ein Held der Kon­sum­ge­sell­schaft. Er bil­det sich auch noch etwas dar­auf ein, dass er kei­nes der Wun­der­din­ge ver­steht, mit denen er sei­ne Fein­de narrt. Er kann kei­nes repa­rie­ren; daher wech­seln die Gad­gets so schnell wie die Sze­nen und lösen sich in Explo­sio­nen auf.

 

Kon­su­mis­mus schä­digt nicht nur die Umwelt, son­dern macht Men­schen auch süch­tig, pri­mi­tiv und dumm.

 

1972 führ­te ich in mei­nen Buch Homo con­su­mens aus, dass der Kon­su­mis­mus nicht nur die Umwelt schä­digt, son­dern Men­schen auch süch­tig, pri­mi­tiv und dumm macht – ein Plä­doy­er gegen die Kon­sum-Demenz. Seit­her ver­fol­ge ich die Dif­fe­ren­zie­run­gen der Kri­tik am blin­den Wachs­tum, die unter­schied­li­chen aka­de­mi­schen Bei­trä­ge zur Öko­lo­gie, das Ent­ste­hen und Ver­ge­hen von Lösungs­vor­schlä­gen. Am meis­ten beein­druckt hat mich die Geduld und Gründ­lich­keit von Eli­nor Ostrom, die erforscht hat, unter wel­chen Bedin­gun­gen Men­schen die Welt um sich her­um sta­bi­li­sie­ren kön­nen, indem sie sich unter­ein­an­der eini­gen. Ostrom weist auch immer wie­der dar­auf hin, wie gefähr­lich Patent­re­zep­te und Ehr­geiz wer­den, auch wenn die Idea­le unta­de­lig sind, an denen sie sich orientieren.

Ich ver­mu­te, dass die Zeit vor­bei ist, in der Men­schen, von gro­ßen Idea­len begeis­tert, den Pla­ne­ten erober­ten, Ein­ge­bo­re­ne mis­sio­nier­ten und Kolo­ni­en grün­de­ten. Die Mensch­heit hat ihre Gren­zen gefun­den, auch wenn sie das noch nicht wahr­ha­ben mag. Sie wird auf die­ser Erde blei­ben, Erobe­rung ist Zer­stö­rung gewor­den, die Pfle­ge der Räu­me um uns her­um die ein­zi­ge Chan­ce, einen siche­ren Ort zu fin­den und zu behalten.

 

Wolf­gang Schmid­bau­er ist Psy­chon­ana­ly­ti­ker und Schrift­stel­ler. Er gilt als einer der ers­ten Kri­ti­ker der Kon­sum­ge­sell­schaft aus öko­lo­gisch-psy­cho­lo­gi­scher Sicht (Homo con­su­mens, 1972; Jetzt haben, spä­ter zah­len, 1995).

 

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Low-tech Magazine – Zweifel an Fortschritt und Technik

LOW-TECH MAGAZINE

Zweifel an Fortschritt und Technik

 

Die zuneh­men­den digi­ta­len High­tech-Lösun­gen für all­täg­li­che rou­ti­nier­te Abläu­fe machen uns vor allem eins: ver­letz­lich. Spä­tes­tens seit dem Hor­ror­sze­na­rio gehack­ter Strom­net­ze, das Marc Els­berg in sei­nem Thril­ler Black­out ent­wirft, ist klar, dass unse­re ver­netz­te Gesell­schaft längst von digi­ta­len Steue­run­gen abhän­gig ist. Der unein­ge­schränk­te Glau­be an die Seg­nun­gen der digi­ta­len maschi­nel­len Ver­net­zung beginnt zu brö­ckeln und die Absi­che­rung der mäch­ti­gen Kris De Deckerdigi­ta­len Net­ze ver­schlingt immer grö­ße­re Men­gen an Geld, Strom und Zeit. Man­che mun­keln schon, dass es voll­kom­men unöko­no­misch ist, in künst­li­che Intel­li­gen­zen zu inves­tie­ren, die mensch­li­che Arbeit über­flüs­sig machen.

Der gebür­ti­ge Bel­gi­er Kris De Decker wehrt sich ent­schie­den gegen die Annah­me, dass jedes Pro­blem eine High­tech-Lösung habe. 2007 begann er mit der Grün­dung des Online-Maga­zins lowtechmagazine.com den Tech­nik­glau­ben infra­ge zu stel­len. Ein­mal pro Monat ver­öf­fent­licht er einen Arti­kel, in dem er über­ra­schend unkon­ven­tio­nel­le, ana­lo­ge Lösun­gen für unse­re All­tags­pro­ble­me vor­stellt, oder über die fata­len Fol­gen, wel­che durch „High­tech-Lösun­gen“ her­vor­ge­ru­fen wer­den, auf­klärt. Das Low-tech Maga­zi­ne wirft einen neu­en Blick auf unse­re „fort­schritt­lich“ aus­ge­stat­te­ten Büro­räu­me und zeigt deren Kehr­sei­te: die rasan­te Zunah­me des Ener­gie­ver­brauchs. Es unter­sucht, wie man auch in der Stadt ener­gie­aut­ark leben kann oder stellt eine Bau­an­lei­tung für ein unab­hän­gi­ges Low­tech-Inter­net zur Ver­fü­gung. Sol­che selbst­ge­bau­ten dezen­tra­len Net­ze sind bereits welt­weit zu fin­den – das größ­te zählt der­zeit 35.000 Nutzer.

 

Ich finde Hightech ziemlich langweilig.

Kris De Decker, Gründer des Low-tech Magazines

Herr Decker, leh­nen Sie tech­no­lo­gi­schen Fort­schritt per se ab?

Ich leh­ne tech­no­lo­gi­schen Fort­schritt nicht prin­zi­pi­ell ab, wohl aber die Rich­tung, die er ein­ge­schla­gen hat. Schließ­lich wer­den bei der Ent­wick­lung neu­er Tech­no­lo­gi­en die wah­ren Kos­ten, der Ener­gie­ver­brauch und die Aus­wir­kun­gen auf unse­re öko-sozia­le Umwelt noch lan­ge nicht berück­sich­tigt. Sämt­li­che „Inno­va­tio­nen“ füh­ren nur dazu, dass immer mehr der end­li­chen Res­sour­cen ver­braucht wer­den. Wir müss­ten tech­ni­sche Inno­va­tio­nen völ­lig neu den­ken, damit sie uns in ganz ande­ren Kon­tex­ten wirk­lich hilf­reich sind.

 

Was erach­ten Sie als die größ­te Bedro­hung durch die Digitalisierung?

Da ist zum einen der stei­gen­de Ener­gie­ver­brauch, der mit der Digi­ta­li­sie­rung ver­bun­den ist. Außer­dem erhöht die Digi­ta­li­sie­rung die Gefahr eines Kom­plett­aus­falls unse­rer Tech­nik: Das Ers­te, was Afri­ka­ner machen, wenn sie ein impor­tier­tes Auto aus dem Wes­ten recy­celn ist, dass sie sämt­li­che Elek­tro­nik ent­fer­nen. Zuletzt darf man nicht ver­ges­sen, dass die Digi­ta­li­sie­rung einen immensen Ein­fluss auf die zwi­schen­mensch­li­che Inter­ak­ti­on hat – wer weiß, viel­leicht ver­ges­sen wir irgend­wann, dass wir auch ohne tech­ni­sche Gerä­te mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren kön­nen? Wir nähern uns jeden Tag der dys­to­pi­schen Kurz­ge­schich­te „When the Machi­ne Stops“, die E. M. Fors­ter bereits 1905 geschrie­ben hat. Dar­in kom­mu­ni­zie­ren die Men­schen nur noch über Bild­schir­me miteinander.Kris De Decker Low-tech
 
 
 

Low-tech Magazine refuses to assume that every problem has a high-tech solution.”

 
 
 
In der Moder­ne ist Tech­nik weit mehr, als die Fähig­keit mit­tels einer Maschi­ne eine Arbeit zu erle­di­gen. Gera­de wenn man sich den Kult um ein glän­zen­des neu­es iPho­ne ansieht. Glau­ben Sie, dass Low­tech jemals so sexy sein kann wie ein iPhone?

Also ich fin­de Low­tech sogar viel sexy­er! Wäh­rend mir ein iPho­ne reich­lich egal ist, kann ich gera­de­zu in Ver­zü­ckung gera­ten, wenn ich ein stra­pa­zier­fä­hi­ges Werk­zeug ent­de­cke, dass ganz ohne Strom funk­tio­niert, oder ein Schub­kar­ren, der vom Wind ange­trie­ben wird, oder einen Zug mit Peda­lan­trieb. Ehr­lich gesagt, fin­de ich High­tech ziem­lich langweilig.

 

Wie wür­de sich unse­re Wirt­schaft ändern, wenn Low­tech an Stel­le der High­tech-Lösun­gen tre­ten würden?

Die Idee des unend­li­chen Wachs­tums geht ein­her mit der Vor­stel­lung eines unend­li­chen tech­no­lo­gi­schen Fort­schritts. Unter­neh­men ver­su­chen stän­dig, ihre Pro­fi­te zu stei­gern, indem sie „Inno­va­tio­nen“ vor­an­trei­ben. Wenn wir die­se Dyna­mik ein­fach durch Low­tech-Lösun­gen erset­zen wür­den, wäre unser heu­ti­ges Wirt­schafts­sys­tem am Ende. Letzt­lich geht es mir also auch um alter­na­ti­ve Wirt­schafts­sys­te­me. Aber ich glau­be, dass es ein­fa­cher ist, sich eine alter­na­ti­ve Wirt­schaft vor­zu­stel­len, wenn man sie anhand von alter­na­ti­ver Tech­nik und nicht-digi­ta­len Werk­zeu­gen, die uns jeden Tag hel­fen, ver­an­schau­licht – anstatt nur im theo­re­ti­schen Dis­kurs zu bleiben.

 

Sie schrei­ben neben dem Low-tech Maga­zi­ne auch noch für das No Tech Maga­zi­ne. Was ist Ihnen lie­ber: Low­tech oder Notech?

Auch wenn der Titel es sug­ge­riert, plä­die­re ich mit dem No Tech Maga­zi­ne nicht für eine radi­ka­le Abkehr von der Tech­nik. Der Mensch braucht Tech­nik, um zu über­le­ben – sei es ein Speer oder ein Feu­er­stein. Oft wird jedoch ange­nom­men, dass die ein­zi­ge Lösung für ein Pro­blem eine tech­ni­sche Lösung sei, anstatt sich zu über­le­gen, wie man anders mit dem Pro­blem umge­hen könn­te. Bei­spiels­wei­se sehen wir immer ener­gie­ef­fi­zi­en­te­re Kühl­schrän­ke, stel­len uns aber nie die Fra­ge, wie sinn­voll es ist, dass unser Lebens­mit­tel­sys­tem auf kon­stan­te Küh­lung ange­wie­sen ist. Wir befin­den uns als Gesell­schaft an einem Punkt, an dem wir über extrem fort­schritt­li­che Tech­no­lo­gi­en ver­fü­gen. War­um soll­ten wir nicht kurz inne­hal­ten und uns fra­gen, ob wir die­sen Weg wei­ter­ge­hen wol­len – vor allem da die Pro­ble­me ja nicht weni­ger, son­dern mehr werden?

 

Das Low-tech Maga­zi­ne von Kris De Decker fin­den Sie hier.