Den Kapitalismus verschlafen

Widerstand im Lummerland

»Schla­fen kann ich, wenn ich tot bin.« sag­te einst der umtrie­bi­ge Fil­me­ma­cher Rai­ner Wer­ner Fass­bin­der. Er starb dann mit 37 Jah­ren. Wer durch den Druck und Arbeits­wahn einer Rund-um-die-Uhr-Gesell­schaft, unbe­grenz­tes Anneh­men aller Lebens­op­tio­nen, oder die digi­ta­len Ver­füh­run­gen stän­dig sei­ne Schlaf­be­dürf­nis­se igno­riert, stirbt nicht nur eher, son­dern lebt auch unglück­li­cher. Dabei ist Schlaf kost­ba­re Zeit und kann ein wah­rer Genuss sein. Wir soll­ten eine neue Schlaf-Wach-Kul­tur ent­wi­ckeln.

Pho­to by Nigel Tadya­ne­hon­do on Uns­plash

Ein Drit­tel sei­ner Lebens­zeit ver­schläft der Mensch. Wir brau­chen den Schlaf nicht nur kör­per­lich, son­dern auch als Aus­zeit vom hek­ti­schen All­tag. Ins Bett zu gehen bedeu­tet eine inne­re Ein­kehr zu uns selbst. Wir schir­men uns in die­ser Zeit von unse­ren all­täg­li­chen Auf­ga­ben und Anfor­de­run­gen ab. Nachts sind wir allein, wir haben kei­nen Kon­takt zu unse­ren Mit­men­schen – die Rück­zugs­zeit Schlaf gehört heu­te zu den letz­ten Idyl­len unse­rer Welt. Der Schlaf ent­zieht sich unse­rer Kon­trol­le, dem Wach­be­wusst­sein und der Erin­ne­rung. Die Vor­gän­ge des Ein­schla­fens, Durch­schla­fens und Aus­schla­fens kön­nen wir nicht wirk­lich wil­lent­lich steu­ern.

Der Schlaf lässt sich nicht erzwin­gen und hat sei­ne eige­nen Spiel­re­geln. Er muss über uns kom­men, ganz von allein und ohne Wil­lens­kraft oder Anstren­gung. Je mehr wir uns anstren­gen ein­zu­schla­fen, des­to ange­spann­ter wer­den wir, und umso weni­ger kön­nen wir schla­fen. Es ist eine Zeit der Frei­heit, denn der Akt des Schla­fens ist eine wirt­schaft­lich unpro­duk­ti­ve Zeit. Sozu­sa­gen die letz­te Bas­ti­on gegen den 24/7 Raub­tier­ka­pi­ta­lis­mus, denn in einer glo­ba­li­sier­ten Welt ist immer irgend­wer irgend­wo wach. Wer schläft, kon­su­miert nicht und pro­du­ziert auch kei­nen Mehr­wert. Aus­gie­bi­ges Schla­fen ist von daher eine Rebel­li­on gegen herr­schen­de Zeit­ver­hält­nis­se – gegen das Funk­tio­nie­ren der Welt.

 

Die unausgeschlafene Gesellschaft

Men­schen haben eine inne­re Uhr, die unter­schied­lich getak­tet sein kann. Es wird zwi­schen Eulen und Ler­chen unter­schie­den: Ler­chen gehen abends früh schla­fen und wachen mor­gens zei­tig wie­der auf. Ihr Leis­tungs­hoch liegt am frü­hen Vor­mit­tag. Eulen gehen am Abend lie­ber spät zu Bett und schla­fen mor­gens lie­ber län­ger. Ihr Leis­tungs­hoch haben sie eher am Nach­mit­tag oder sogar erst am Abend.

Mit Beginn der Indus­tria­li­sie­rung wur­de Schlaf zu einem nutz­lo­sen Stör­fak­tor. Nächt­li­cher Schlaf gilt heu­te – eben­so wie das Nicker­chen tags­über – oft­mals als Pro­duk­ti­ons­hemm­nis und wird mit Inef­fek­ti­vi­tät, Müßig­gang oder Faul­heit gleich­ge­setzt. Wenig schla­fen hin­ge­gen ist in unse­rer Kul­tur ange­sagt und gilt als Beweis für Leis­tungs­fä­hig­keit. Der Schlaf ist zu einem Instru­ment der Beschleu­ni­gungs­ge­sell­schaft gewor­den. Den­ken wir an den Schlaf, dann geht es meist schon um den nächs­ten Tag, und dass wir wie­der leis­tungs­fä­hig sein müs­sen. Für vie­le ist die Nacht kei­ne Zeit zum Genie­ßen, son­dern soll vor allem eins: effi­zi­ent sein.

Dabei lei­det fast die Hälf­te der deut­schen Bevöl­ke­rung min­des­tens gele­gent­lich unter Schlaf­stö­run­gen. Schlech­ter Schlaf gehört zum moder­nen Leben dazu, denn die Rund-um-die-Uhr-Gesell­schaft lässt uns ungern rich­tig zur Ruhe kom­men. Dazu kommt, dass ein Groß­teil der Men­schen in unse­rer Gesell­schaft jen­seits ihres eige­nen bio­lo­gi­schen Rhyth­mus lebt, denn ihr natür­li­cher Chro­no­typ ist die „Eule“, also der bio­lo­gi­sche Spät­auf­ste­her. Sie ste­hen viel zu zei­tig auf und häu­fen unter der Woche ein Schlaf­de­fi­zit an. Arbeits­zei­ten und Schul­be­ginn oder Schicht­ar­beit wider­spre­chen ihrem inne­ren Rhyth­mus. Die Fol­gen sind Schlaf­de­fi­zi­te, Müdig­keit und gesund­heit­li­che Beein­träch­ti­gun­gen. Es kommt zum „sozia­len Jet­lag“.

Aus wirt­schaft­li­cher Sicht mag es attrak­tiv erschei­nen, rund um die Uhr geschäf­tig zu sein und den eige­nen inne­ren Rhyth­mus zu ver­nach­läs­si­gen. Die Kos­ten einer schlaf­lo­sen Gesell­schaft sind hoch – jedoch schwer abzu­schät­zen. Wer nicht genug schläft ist müder, unkon­zen­trier­ter und macht mehr Feh­ler.

 

Schlaflosigkeit lässt die Kassen klingeln

Schlaf­lo­sig­keit hat zwei Sei­ten: Lärm und Licht las­sen uns nicht schla­fen – oder aber wir fin­den selbst kei­nen Schlaf. Oft ist es der Lärm in unse­ren eige­nen Köp­fen: Stress, Leis­tungs­druck, Lebens­pro­ble­me oder ande­re Sor­gen. In west­li­chen Indus­trie­ge­sell­schaf­ten ist die Angst vor Schlaf­stö­run­gen omni­prä­sent; die Beschäf­ti­gung mit dem Schlaf ist gera­de­zu zwang­haft.

Es wird erzählt, dass Napo­lé­on Bona­par­te mit nur drei Stun­den und Tho­mas Edi­son mit vier Stun­den Schlaf aus­ka­men. Nobel­preis­trä­ger Ein­stein wie­der­um benö­tig­te gan­ze elf Stun­den Schlaf. Und von Goe­the sagt man, dass er ein wah­rer Schlaf­künst­ler war. Schlaf war für ihn einer der „höchs­ten Genüs­se“, er schätz­te sei­ne „pro­duk­tiv machen­den Kräf­te“ und konn­te angeb­lich bis zu 24 Stun­den durch­schla­fen.

So hat sich die Schlaf­for­schung als eigen­stän­di­ge Wis­sen­schaft fest eta­bliert – und die Schla­f­in­dus­trie boomt mit Ange­bo­ten für teu­re Matrat­zen, Kopf­kis­sen oder Bet­ten, die uns zu einem guten Schla­fen ver­hel­fen sol­len. Spe­zi­el­le Wecker oder ent­spre­chen­de Apps sol­len uns ein per­fek­tes Wach­wer­den besche­ren und sind äußerst beliebt. Nicht zu ver­ges­sen die Flut von Schlaf­rat­ge­bern, Sen­dun­gen im Fern­se­hen oder Bei­trä­ge in Zei­tun­gen oder Zeit­schrif­ten, die uns leh­ren wol­len, wie wir per­fekt zu schla­fen haben.

 

Schlafe ausgiebig! Der Aufbruch in eine ausgeschlafene Zeit

Pho­to by Hern­an San­chez on Uns­plash

Dabei müs­sen wir, um gut zu schla­fen, uns vor allem wie­der erlau­ben, genug zu schla­fen. Wir müs­sen ver­su­chen, gelas­se­ner gegen­über dem Schlaf zu wer­den. Gelin­gen kann das nur, indem wir uns nicht nur von Wirt­schafts­wachs­tum und neu­en mate­ri­el­len Gütern lei­ten las­sen, son­dern auch für aus­rei­chend Schlaf und eine neue Zeit­kul­tur sor­gen. Das heißt, so wie wir einen nach­hal­ti­gen Umgang mit den Res­sour­cen unse­rer Erde brau­chen, benö­ti­gen wir auch einen nach­hal­ti­gen Umgang mit uns selbst. Wir müs­sen unse­re inne­re Uhr wie­der­ent­de­cken und gesell­schaft­lich umden­ken. Aus­rei­chen­der und erhol­sa­mer Schlaf ist ein wich­ti­ger Schritt auf dem Weg in eine glück­li­che Gesell­schaft und in ein gutes Leben.
Fol­gen­de zeit­po­li­tisch rele­van­te Punk­te könn­ten gesell­schaft­lich einen Weg dahin eröff­nen:

  • Lärm- und Licht­ver­schmut­zung redu­zie­ren: Nächt­li­cher Lärm und Licht stö­ren unse­ren Schlaf mas­siv. Des­halb soll­ten die­se auf ein Mini­mum redu­ziert wer­den.
  • Künst­li­ches Licht abends ver­ban­nen: Künst­li­ches Licht, das längst nicht mehr nur aus Lam­pen, son­dern vor allem auch aus den Bild­schir­men und Smart­pho­nes strahlt, stört den Schlaf. Dazu gehört, die stän­di­ge Erreich­bar­keit zu redu­zie­ren und Han­dys aus dem Schlaf­zim­mer zu ver­ban­nen.
  • Leben nach dem eige­nen Chro­no­typ: Ob Eule oder Ler­che, wir soll­ten auf unse­ren eige­nen chro­no­bio­lo­gi­schen Typ hören. Unter­neh­men soll­ten Arbeit­neh­mer ent­spre­chend ihres Chro­no­typs ein­set­zen.
  • Nur noch unver­meid­ba­re Nacht­ar­beit: Nacht­ar­beit soll­te auf das Not­wen­di­ge redu­ziert wer­den, und Schicht­plä­ne soll­ten an den ent­spre­chen­den Chro­no­typ ange­passt wer­den. Schicht­wech­sel soll­ten ent­spre­chend den Erkennt­nis­sen der schlaf- und arbeits­me­di­zi­ni­schen For­schung ange­passt wer­den.
  • Schaf­fen wir die Som­mer­zeit ab: Die Som­mer­zeit ist ein wah­rer Schlaf­räu­ber. Vie­le Men­schen erfah­ren nach der Uhren­um­stel­lung einen Mini-Jet­lag. Schlaf­pro­ble­me, die Zahl der Arzt­be­su­che sowie der Ver­brauch von Schlaf­mit­teln stei­gen nach der Zeit­um­stel­lung sprung­haft an und die Unfall­ge­fahr ist erhöht.
  • Die Schu­le spä­ter begin­nen las­sen: Gera­de Jugend­li­che haben ein höhe­res Schlaf­be­dürf­nis als Erwach­se­ne und wer­den mor­gens spä­ter wach. Die Schu­le beginnt dann, wenn Jugend­li­che noch nicht rich­tig wach und in ihrem Leis­tungs­tief sind.
  • Das Nicker­chen in den Mit­tags­stun­den för­dern: Hier­zu­lan­de ist der Mit­tags­schlaf als Zeit­ver­schwen­dung ver­pönt. Dabei för­dert die­ser die Lei­tungs­fä­hig­keit und hilft uns, auch tags­über mal abzu­schal­ten und inne­zu­hal­ten. Weh­ren wir uns also gegen das Dik­tat des Weckers und der All­zeit­leis­tungs­be­reit­schaft!

 

Guten Schlaf!

 


Die­ser Bei­trag ist zuerst auf der Home­page des trans­form Maga­zin – Das Maga­zin für das Gute Leben erschie­nen. Das etwa halb­jähr­lich erschei­nen­de Print­ma­ga­zin wird von Men­schen aus Ber­lin, Leip­zig und Ham­burg sowie vie­len frei­en Zuar­bei­ten­den pro­du­ziert. Das Team ver­zich­tet dabei bewusst auf Wer­bung, ganz dem trans­form-Ansatz fol­gend, dass weni­ger Kon­sum den Weg zu einem schö­ne­ren Leben erst mög­lich macht.

Der Bei­trag stammt von Elke Gro­ßer, die Sozio­lo­gin und Mit­glied im bera­ten­den Vor­stand der Deut­schen Gesell­schaft für Zeit­po­li­tik und Redak­teu­rin des „Zeit­po­li­ti­schen Maga­zins“ ist. Sie forscht u.a. an Zeit­ge­stal­tung im All­tag und Zeit­wohl­stand.