The European Balcony Project

Die Ausrufung der Europäischen Republik

In einem Monat wird die Euro­päi­sche Repu­blik aus­ge­ru­fen. Was es damit auf sich hat und wer dahin­ter steckt lesen Sie in fol­gen­dem Bei­trag, der aus der aktu­el­len Aus­ga­be der agora42 stammt.

Eines ist klar: So wie Euro­pa jetzt kon­zi­piert ist, hat es kei­ne Per­spek­ti­ve. Davon zeugt nicht zuletzt der auf­kei­men­de Natio­na­lis­mus, der – wie jede ande­re Rück­zugs­be­we­gung auch – Aus­druck des Aus­blei­bens einer fäl­li­gen gesell­schaft­li­chen Wei­ter­ent­wick­lung ist. Klar: Der Natio­nal­staat hat sich fast 200 Jah­re lang wacker gehal­ten und die euro­päi­schen Gesell­schaf­ten durch eini­ge Moder­ni­sie­rungs­schü­be gelotst. Aber schon im letz­ten Jahr­hun­dert ging es kata­stro­phal dane­ben mit ihm, als die natio­na­lis­ti­sche Idee zu zwei Welt­krie­gen führ­te. Ulri­ke Gué­rot, Poli­tik­wis­sen­schaft­le­rin und Grün­de­rin des Euro­pean Demo­cra­cy Labs, schreibt dazu: „Natio­na­lis­mus und sein häss­li­cher Bru­der, der Popu­lis­mus, sind (…) Sym­pto­me, Mecha­nis­men der Abschot­tung, wo der Weg, die gesell­schaft­li­chen Pro­ble­me (…) gesamt­eu­ro­pä­isch zu lösen, insti­tu­tio­nell wie poli­tisch ver­sperrt ist.“

Ange­sichts der tie­fen euro­päi­schen Kri­se, die Euro­pa nicht nur in Nord und Süd, Ost und West gespal­ten hat, son­dern auch die natio­na­len Gesell­schaf­ten selbst zer­setzt, soll­te man also erst ein­mal vor der eige­nen Haus­tü­re keh­ren, anstatt sich mit Ver­weis auf Trump, Putin oder Xi Jin­ping davor zu drü­cken, längst über­fäl­li­ge Refor­men anzu­ge­hen. Ent­spre­chend plä­diert Gué­rot schon seit Jah­ren für einen radi­ka­len Neu­an­fang: Dem gemein­sa­men Markt und der gemein­sa­men Wäh­rung muss end­lich eine gemein­sa­me euro­päi­sche Demo­kra­tie fol­gen – eine Euro­päi­sche Repu­blik.

 

Nous ne coali­sons pas des États, nous unis­sons les hom­mes.” – „Wir schaf­fen kein Staa­ten­bünd­nis, wir ver­ei­nen Men­schen.“

 

Die­se Wor­te stam­men aus dem Jahr 1952 und von kei­nem Gerin­ge­ren als Jean Mon­net, dem Grün­dungs­va­ter der heu­ti­gen EU. Genau dar­um geht es auch Ulri­ke Gué­rot und dem öster­rei­chi­schen Schrift­stel­ler Robert Men­as­se: Die Men­schen Euro­pas sol­len in stür­mi­scher wer­den­den Zei­ten zusam­men­ge­bracht wer­den. Des­halb haben sie The Euro­pean Bal­co­ny Pro­ject ins Leben geru­fen.

In die­sem Pro­jekt geht es nicht um den Urlaub auf Bal­ko­ni­en, son­dern dar­um, eine alte Tra­di­ti­on wie­der­auf­le­ben zu las­sen. So wird am 10. Novem­ber 2018 um 16 Uhr die Euro­päi­sche Repu­blik von (Theater-)Balkonen und an öffent­li­chen Plät­zen in ganz Euro­pa aus­ge­ru­fen. Die­ses Datum wur­de gewählt, weil es zwi­schen zwei für die euro­päi­sche Geschich­te wich­ti­gen Gedenk­ta­gen liegt: Am 9. Novem­ber 1918 wur­den die Repu­bli­ken Wei­mar, Bay­ern und Öster­reich aus­ge­ru­fen und am 11. Novem­ber 1918 ende­te der Ers­te Welt­krieg.

Das Euro­pean Bal­co­ny Pro­ject wird unter ande­rem von Milo Rau und Elfrie­de Jeli­nek unter­stützt. Es umfasst Ver­an­stal­tun­gen, Gesprä­che, Podi­ums­dis­kus­sio­nen und künst­le­ri­sche Inter­ven­tio­nen, die vom 9. bis 11. Novem­ber 2018 in zahl­rei­chen euro­päi­schen Städ­ten statt­in­den. Es ist an der Zeit, eine gesamt­eu­ro­päi­sche Staat­lich­keit ins Visier zu neh­men, die für eine euro­päi­sche Gemein­wohl­si­che­rung und die Nut­zung euro­päi­scher öffent­li­cher Güter sorgt. Sechs Mona­te vor den nächs­ten Wah­len zum Euro­päi­schen Par­la­ment sol­len die Wei­chen für ein gemein­sa­mes, sozia­les und demo­kra­ti­sches Euro­pa gestellt wer­den – für ein bür­ger­na­hes, dezen­tra­les Euro­pa ohne Natio­nen und Gren­zen. Die Idee des Gemein­wohls – der res publi­ca – dient als Leit­prin­zip die­ser zukünf­ti­gen euro­päi­schen Ord­nung: ein Markt, eine Wäh­rung, eine Demo­kra­tie. So soll sich der euro­päi­sche Wahl­spruch von der „Ein­heit in Viel­falt“ ver­wirk­li­chen.

Und so lau­tet das Mani­fest:

 

MANIFEST

Heu­te, am 10. Novem­ber 2018 um 16 Uhr, 100 Jah­re nach Ende des I WK, der auf Jahr­zehn­te die euro­päi­sche Zivi­li­sa­ti­on zer­stört hat­te, geden­ken wir nicht nur der Geschich­te, son­dern neh­men unse­re Zukunft selbst in die Hand.

Es ist Zeit, das Ver­spre­chen Euro­pas zu ver­wirk­li­chen und sich an die Grün­dungs­idee des euro­päi­schen Eini­gungs­pro­jekts zu erin­nern.

Wir erklä­ren alle, die sich in die­sem Augen­blick in Euro­pa befin­den, zu Bür­ge­rin­nen und Bür­gern der euro­päi­schen Repu­blik. Wir neh­men unse­re Ver­ant­wor­tung für das uni­ver­sa­le Erbe der all­ge­mei­nen Erklä­rung der Men­schen­rech­te an, und gelo­ben, sie end­lich zu ver­wirk­li­chen.

Wir sind uns bewusst, dass der Reich­tum Euro­pas auf Jahr­hun­der­ten der Aus­beu­tung ande­rer Kon­ti­nen­te und der Unter­drü­ckung ande­rer Kul­tu­ren beruht. Wir tei­len des­halb unse­ren Boden mit jenen, die wir von ihrem ver­trie­ben haben. Euro­pä­er ist, wer es sein will. Die Euro­päi­sche Repu­blik ist der ers­te Schritt auf dem Weg zur glo­ba­len Demo­kra­tie.

Das Euro­pa der Natio­nal­staa­ten ist geschei­tert.

Die Idee des euro­päi­schen Eini­gungs­pro­jekts wur­de ver­ra­ten.

Der Bin­nen­markt und der Euro konn­ten ohne poli­ti­sches Dach zur leich­ten Beu­te einer neo­li­be­ra­len Agen­da wer­den, die der Idee der sozia­len Gerech­tig­keit wider­spricht.

Daher muss die Macht in den euro­päi­schen Insti­tu­tio­nen erobert wer­den, um den gemein­sa­men Markt und die gemein­sa­me Wäh­rung in einer gemein­sa­men euro­päi­schen Demo­kra­tie zu gestal­ten.

Denn Euro­pa heißt: Men­schen zu einen und nicht Staa­ten zu inte­grie­ren.

An die Stel­le der Sou­ve­rä­ni­tät der Staa­ten tritt hier­mit die Sou­ve­rä­ni­tät der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger. Wir begrün­den die Euro­päi­sche Repu­blik auf dem Grund­satz der all­ge­mei­nen poli­ti­schen Gleich­heit jen­seits von Natio­na­li­tät und Her­kunft. Die kon­sti­tu­tio­nel­len Trä­ger der euro­päi­schen Repu­blik sind die Städ­te und Regio­nen. Der Tag ist gekom­men, dass sich die kul­tu­rel­le Viel­falt Euro­pas end­lich in poli­ti­scher Ein­heit ent­fal­tet.

Der Euro­päi­sche Rat ist abge­setzt.
Das Euro­päi­sche Par­la­ment hat gesetz­ge­be­ri­sche Gewalt.
Es wählt eine euro­päi­sche Regie­rung, die dem Woh­le aller euro­päi­schen Bür­ge­rin­nen und Bür­ger glei­cher­ma­ßen ver­pflich­tet ist.

Es lebe die Euro­päi­sche Repu­blik!

Ulri­ke Gué­rot undRobert Men­as­se

Unter­stützt von Milo Rau

 


Aus der Aus­ga­be 42 der agora42. In die­ser Aus­ga­be befas­sen wir uns in vier Kapi­teln mit der Ideo­lo­gie, die zur Finanz­kri­se geführt hat. Und wie sich das für eine ago­ra (gr. für Markt­platz) gehört, haben wir die­se Aus­ga­be nicht mono-per­spek­ti­visch geschrie­ben, son­dern haben vie­le Men­schen zu Wort kom­men las­sen, die uns in den letz­ten Jah­ren begeg­net sind, u.a.:

So fragt die Jena­er Phi­lo­so­phin PEGGY HETMANK-BREITENSTEIN im Inter­view: “Wer möch­te heu­te eigent­lich in einer der nächs­ten Gene­ra­tio­nen leben? Ich nicht. Ist das nicht fins­ter?”

RICHARD DAVID PRECHT, Phi­lo­soph und Bei­rat der agora42, zur Fra­ge, wie er sich eine gelin­gen­de Zukunft vor­stellt: “Wir wer­den die Huma­ni­tät und das Sozia­le in den Mit­tel­punkt unse­res Lebens stel­len und nicht den Pro­fit, den Kon­sum und die Tech­nik.”

Kon­kre­te Hin­wei­se für den Über­gang in eine zukunfts­fä­hi­ge Wirt­schaft lie­fert der Publi­zist und Com­mons-Akti­vist HANS E. WIDMER: “Bevor wir smart schrump­fen kön­nen, müss­ten wir es zuerst schaf­fen smart zu wach­sen.”

wbernhardt