Thomas Piketty Capital is BacK: Wealth-Income Ratios in Rich Countries 1700 — 2010 (Teil 1)

Alle Welt spricht von dem Buch “Das Kapi­tal im 21. Jahr­hun­dert” von Tho­mas Piket­ty. Ange­sichts von 816 Sei­ten dich­ter öko­no­mi­scher Theo­rie fragt sich bestimm­te er eine oder ande­re, ob man die Essenz des Buches auch in kür­ze­rer Fas­sung bekom­men kann. Man Kann bezie­hungs­wei­se konn­te schon vor fünf Mona­ten – in der Aus­ga­be 3/2014 “Das Unsicht­ba­re” der agora42 haben wir das Paper “Capi­tal is BacK: Wealth-Inco­me Rati­os in Rich Coun­tries 1700 — 2010*” von Tho­mas Piket­ty und Gabri­el Zucman ver­ständ­lich zusam­men­ge­fasst. Und letzt­lich steht in dem Buch nichts anderes.

*Erschie­nen in: Quar­ter­ly Jour­nal of Eco­no­mics, vol.129, no.3, 2014

Fra­ge­stel­lung
Wie ent­wi­ckelt sich lang­fris­tig gese­hen pri­va­tes Vermögen (Kapi­tal) in Rela­ti­on zum Wirtschaftswachstum?

Daten­er­he­bung
Die Auto­ren erstel­len eine Daten­bank mit Daten aus volks­wirt­schaft­li­chen Bilan­zen, die bis ins Jahr 1700 zurückreicht.

Ergeb­nis
Die Ana­ly­se der Daten zeigt, dass das pri­va­te Vermögen schnel­ler wächst als die Wirt­schaft. Die Fol­ge: Man nähert sich einer Vermögensverteilung an, wie sie für das 18. und 19. Jahr­hun­dert typisch war.

ZUSAMMENFASSUNG DES ARTIKELS
Zum ers­ten Mal in der Geschich­te der Ökonomik wer­den der­ar­tig umfang­rei­che Daten zur Ent­wick­lung von Vermögenswerten auf der einen und dem Wirt­schafts­wachs­tum auf der ande­ren Sei­te ana­ly­siert. Dabei ist das Wirt­schafts­wachs­tum der Grad­mes­ser für die Verdienstmöglichkeiten, die man durch Arbeit erzie­len kann (inco­me). Im Gegen­satz dazu ste­hen die Ein­nah­men, die durch Vermögenswerte (wealth) erzielt wer­den können.

Das beson­de­re Augen­merk in dem Arti­kel gilt der Ent­wick­lung des Verhältnisses von wealth und inco­me, da sich aus die­sem Verhältnis Aus­sa­gen darüber ablei­ten las­sen, wie sich die Ver­tei­lung des Vermögens in der Gesell­schaft entwickelt.

In allen unter­such­ten Ländern konn­ten die Auto­ren fest­stel­len, dass die Bedeu­tung des Vermögens gegenüber der Bedeu­tung des Werts der Arbeit zunimmt. Damit nähert man sich struk­tu­rell einer Ver­tei­lungs­si­tua­ti­on an, die man in Euro­pa im 18. und 19. Jahr­hun­dert beob­ach­ten konn­te. Die Gründe hierfür sind den Auto­ren zufol­ge in den Preis­stei­ge­run­gen von Vermögenswerten (ihrer­seits ver­ur­sacht durch die wirt­schaft­li­che Erho­lung der Nach­kriegs­jah­re) sowie dar­in zu fin­den, dass die Bevölkerung kaum mehr wächst und auch die Produktivität nicht mehr so stark zunimmt wie früher.

1. DIE DATENGRUNDLAGE
Die Grund­la­ge die­ser Ana­ly­se stel­len Daten natio­na­ler sta­tis­ti­scher Ämter dar. Für die Jah­re 1970 bis 2010 ent­spra­chen die­se in den aller­meis­ten Fällen bereits dem U.N. Sys­tem of Natio­nal Accounts (kurz SNA), einem von den Ver­ein­ten Natio­nen veröffentlichten Stan­dard zur Erstel­lung Volks­wirt­schaft­li­cher Gesamt­rech­nun­gen. Inso­fern sind die- se Daten direkt mit­ein­an­der ver­gleich­bar. In den Fällen, in dem die Daten von die­sen Stan­dards abwi­chen, wur­den sie bestmöglich ange­passt. Dies gilt auch für die Daten vor 1970, die im Fal­le Frank­reichs bis ins Jahr 1700 zurückreichen.

2. DAS VERHÄLTNIS WEALTH-INCOME
Im Zen­trum der Argu­men­ta­ti­on steht die For­mel ␣ = s/g, die das Verhältnis (␣ = „Beta“) von wealth (pri­va­te Vermögenswerte) und inco­me (Ein­kom­men) angibt.

Dabei steht das „s“ im Zähler nicht für das Vermögen als sol­ches, son­dern viel­mehr für den Zuwachs des Vermögens pro Jahr. Dabei beinhal­tet der Begriff Vermögen natürlich Geld, umfasst dar- über hin­aus aber auch jeg­li­ches Vermögen, das (in der Regel) pro­blem­los ver­kauft wer­den kann: Immo­bi­li­en, Land, Akti­en, Anlei­hen oder ande­re Wertgegenstände.

Auch das „g“ im Nen­ner steht für eine Zuwachs­ra­te – in die­sem Fall für das Wachs­tum der Wirt­schaft, das mit­tels des Brut­to­in­lands­pro­dukts gemes­sen wird und die Sum­me aller Ein­kom­men in einer Volks­wirt­schaft (Arbeits- und Kapi­tal­ein­kom­men) darstellt.

Folg­lich gibt jeder Wert über 100% an, dass der Wert des blo­ßen Vermögens schnel­ler steigt als die Wirt­schaft wächst. Ist das der Fall, heißt das, dass die Bedeu­tung von Vermögen (Grund, Boden, Maschi­nen, Akti­en) als Zuge­winn­fak­tor gegenüber dem Ein­kom­men als Zuge­winn­fak­tor zunimmt. Bei einem ␣ von 400%, sprich einem s=4% und einem g=1%, nimmt der Zuge­winn durch Vermögen 4-mal so stark zu wie der Zuge­winn durch stei­gen­de Ein- kom­men. Ent­spre­chend könnte der Vermögende drei Vier­tel des Wert­zu­wach­ses sei­nes Vermögens ver­pul­vern und den­noch würde sein Vermögen im Gleich­schritt mit der Wirt­schaft wachsen.

wbernhardt