Ein neues Leitbild für die Wissenschaft?

Transformative Wissenschaft – ein neues Leitbild für die Wissenschaft?

von Julia Fuchte
 
 

„Und was macht man damit?“ Wem diese Reaktion auf die eigene Studienwahl bekannt vorkommt: Es lohnt sich, sie einmal als verkanntes Signal zu betrachten. Ein Signal erstens dafür, dass sich die Rolle der Wissenschaft in unserer Gesellschaft ändern sollte und zweitens dafür, dass die Gesellschaft sich mitändern muss. Denn fraglich ist, ob deren ideelle und organisatorische Strukturen bereits der optimale Nährboden für eine Wissenschaft sind, die sinnvoll und nachhaltig in Gesellschaft wirken will.

 

Neu und nachhaltig Forschen lernen
Eine solche paradigmatische Wissenschafts-Wende fordert aktuell eine Bewegung in den Wirtschaftswissenschaften, die jedoch als Leitbild ebenso für andere Disziplinen interessant ist. Das Konzept der „transformativen Wissenschaft im Kontext nachhaltiger Entwicklung“¹ will eine zukünftige Forschung, die durch ihre Ergebnisse konkrete Änderungsimpulse insbesondere für einen sozial-ökologischen Wandel anstößt. Das umfassende Reformprogramm zur gesellschaftlichen Rolle von Wissenschaft haben zahlreiche WissenschaftlerInnen im deutschsprachigen Raum unterzeichnet.

Wissenschaft soll aktiver und kritischer in gesellschaftlichen Entscheidungs- und Handlungsprozessen werden und vor allem die Bedingungen von nachhaltigem Wandel analysieren und verbessern. Als erste Vorreiter werden Ansätze wie das Future Earth Programm oder die citizen science genannt, die sogenannten Bürgerwissenschaften und wissenschaftliche Konzepte wie die Commons-Ökonomik, Postwachstumsökonomie, das Nachhaltigkeitsmanagement u.a. Gleich, ob es um Fragen nach dem Energie- und Ressourcenverbrauch, der Abschaffung destruktiver Arbeit, einer Vielfalt von Eigentums- und Nutzungsformen oder einen Wandel in den Bildungsinstitutionen geht – im Fokus soll dabei immer auch die Art und Weise stehen, wie man Wissenschaft betreibt. Sie soll künftig ihre eigene Wirkung reflektieren und gesellschaftlich verantworten – denn wirken tut jede Wissenschaft: Indem sie neue Handlungsoptionen erzeugt (zum Beispiel durch Technologien und Behandlungsmethoden), Sinnhorizonte öffnet bzw. dekonstruiert, Denkräume für gesellschaftliche Diskurse bietet bzw. solche legitimiert. Eine transformative Wirtschaftswissenschaft dagegen muss sich zusätzlich zu ihrem performativen Charakter bekennen, um ihre Wirkkraft (verantwortungs)bewusst zu nutzen.

 

Bedingungen neuen Wissenschaffens
Transparenz, Wertebezug, Partizipation und Vielfalt gelten als weitere Bedingungen des neuen Wissenschaftprogramms. Als Studentin einer Hochschule, an der es bereits die Möglichkeit gibt, „transformativ zu forschen“, scheint mir, dass dieses Leitbild wissenschaftlichen Arbeitens unverzichtbar wird, wenn das gesellschaftliche System sich wandeln soll:
Viele wertvolle Bedarfe, Missstände oder Lösungspotenziale zeigen sich nur, wenn Wissenschaft sich gegenüber anderen Akteuren öffnet und „erdet“, indem sie mit Laien und Praxisexperten aus ihrem Bereich zusammenarbeitet. Dabei geht es um den Dialog auf Augenhöhe. Jeder Schritt hinaus aus dem Elfenbeinturm mag Forschen anstrengender, herausfordernder machen – aber auch im gleichen Maß wirkmächtiger. Dies gilt auch für den Dialog innerhalb der Disziplinen: Menschen lernen besonders gut, wenn Sachverhalte ganzheitlich aufbereitet sind und man sich ihnen aus verschiedenen Perspektiven und in der alltäglichen Anwendung nähern kann – so lassen sie sich auch effektiv beforschen. Warum sollte es immer notwendig sein, sich als VertreterIn einer Disziplin zu definieren, wenn die Antworten auf die eigenen Fragen jenseits disziplingebundenen Wissens und Recherchierens liegen? Um Wissen wirken zu lassen, ohne manipulativ oder aktionsblind zu werden, sollten die Disziplingrenzen noch öfter fallen können.

 

Neue Wissenschaft: finanziell unabhängig und selbstkritisch?
Doch meines Erachtens erschweren einige mehr oder weniger sichtbare Hürden den gewünschten Wandel. Man organisiert wissenschaftliche Arbeit oft in Form von Projekten, zeitlich begrenzten Arbeitseinheiten, für die zunächst Mittel bei einem Geldgeber eingeworben und deren Resultate am Ende präsentiert werden müssen. Das Format, das ursprünglich aus militärischen Kontexten stammt, gestaltet den Forschungsprozess mit, indem es den Gelderwerb als ein wichtiges zusätzliches, wenn nicht primäres Ziel hereinholt. Das marginalisiert – strukturell bedingt – die Liebe zum Wissen und den Wunsch, Gesellschaft zum Besseren mitzugestalten.

Die Form suggeriert zudem, dass der Sinn des wissenschaftlichen Handelns einen terminierten Anfang und ein Ende hat, unabhängig davon, wie sich das gesellschaftliche Problem oder der Sachverhalt weiter entwickelt und lenkt den Fokus des/der Forschenden darauf, das Projekt erfolgreich abzuschließen, anstatt darauf, ob und wie seine Ergebnisse realgesellschaftliche Entwicklungen beeinflussen. Im fiktiven Fall eines Grundeinkommens für WissenschaftlerInnen würde sich das Konkurrenzbedürfnis „Lebenshaltung“ dagegen aus ihrem Forschungsinteresse zurückziehen. Mit den freigesetzten Energien könnten diese ihr Vorhaben mehr auf Sinn, Wirkung und Qualität hin gestalten.

Ernsthaft für und über transformative Prozesse einer nachhaltigen Entwicklung zu forschen, bedeutet außerdem, sich mit aufkommenden inhaltlichen Hindernissen und Hemmfaktoren auseinanderzusetzen. Beim Konzept gewaltfreier Kommunikation geht es darum, sein zwischenmenschliches oder institutionelles Gegenüber zu verstehen. So sollte man sich auch bezüglich wissenschaftlicher Erkenntnisse und Lösungsmodelle möglichen Widerständen annehmen und sie in einem weiteren Schritt schöpferisch transformieren. Wenn Kritik oft Anzeichen ungesehener oder unbeachteter Aspekte und Perspektiven ist, warum nicht die eigene wissenschaftliche Sicht systematisch und professionell mit ihrer Hilfe anreichern, um Synthesen zu schaffen?

Eine solche Wissenschaft könnte gesellschaftlich mehr Energien freisetzen – für das Wesentliche: Effektiv gutes Leben für alle fördern, ohne Grundlagenforschung zu vernachlässigen. Vielleicht könnte sie Erstaunliches hervorbringen in einem Zeitalter, in dem man so viele Informationen in Echtzeit teilen kann wie nie zuvor. Sie hat jedoch nur eine Chance, wenn sich die institutionellen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für Wissenschaft und Forschung ändern.

 
 

¹ https://epub.wupperinst.org/frontdoor/index/index/docId/6325

 
 

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Julia Fuchte studiert Ökonomie und Gesellschaftsgestaltung an der Cusanus Hochschule in Bernkastel-Kues. An diesem 2014 gegründeten Bildungsort werden Ökonomie und Philosophie in enger Verbundenheit gelehrt. Die Studierenden vertiefen ihr Wissen in praktischen Lebenszusammenhängen sowie in eigenen Forschungsprojekten. Die meisten Studierenden engagieren sich in sozial-ökologischen Initiativen oder der Studierendengemeinschaft. Im Studium spielen die eigenen, biografisch bedingten Fragen eine wichtige Rolle, aus denen heraus die Studenten sich selbst in der Gesellschaft verorten und verantworten.

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