Vertrauen ist ein Entschluss – Interview mit Nina Schmid

Vertrauen ist ein Entschluss

Inter­view mit Nina Schmid

© Kath­rin Borer “Don’t sell me fear”, 2016

Anlässlich der neuen agora42 WA(H)RE ANGST haben wir ausgewählten Personen zum Thema ein paar Fragen gestellt. Hier die Antworten von Nina Schmid. Sie spricht über Ängst, die lange ignoriert wurden, über den Willen zur Veränderung und darüber, dass Vertrauen in das Leben nicht von alleine kommt  …

 

Frau Schmid, auf den ers­ten Blick scheint in Deutsch­land alles in Ord­nung zu sein: die Wirt­schaft boomt, die Arbeits­lo­sig­keit ist auf einem his­to­ri­schen Tiefst­stand und die deut­sche Natio­nal­mann­schaft stellt einen neu­en Rekord auf. Den­noch macht sich ein Gefühl der Ori­en­tie­rungs- und Sinn­lo­sig­keit breit, das in Wahl­er­fol­gen der Afd oder stei­gen­den Burn-out Zah­len zum Aus­druck kommt. Wie passt das eine mit dem ande­ren zusam­men?

Nina Schmid, 1974 in Mün­chen gebo­ren, stu­dier­te in Paris und Graz Archi­tek­tur und arbei­te­te anschlie­ßend für unter­schied­li­che Archi­tek­tur­bü­ros sowie als selbst­stän­di­ge Archi­tek­tin. Seit 2015 wid­met sie sich der von ihr mit­ge­grün­de­ten Online Platt­form Street Phi­lo­so­phy. In 2017 ist ihr Buch „the ana­gram of god is dog — Die sie­ben Geheim­nis­se für ein wahr­haf­tig gutes Leben“ auf Deutsch erschie­nen. Sie ist allein­er­zie­hend mit zwei Töch­tern und einem Hund.

Ich glau­be, dass es ein Zei­chen unse­rer Zeit ist, dass Fra­gen nicht mehr so ein­fach zu beant­wor­ten sind. Zumin­dest fällt mir das zuneh­mend schwer. Die The­men schei­nen — egal in wel­chem Bereich — kom­ple­xer und für den Ein­zel­nen unüber­sicht­li­cher zu wer­den. Auch bei der von Ihnen gestell­ten Fra­ge ist das der Fall. Es wäre fast ver­mes­sen, dar­auf eine Ant­wort zu wis­sen.
Das, was ich mich trau­en wür­de zu sagen, ist, dass Din­ge nicht mehr ein­fach so gede­ckelt wer­den kön­nen — etwas das jah­re­lang sehr gut funk­tio­niert hat. Die heu­ti­gen Zei­ten las­sen das nicht mehr zu. Alles tritt zuta­ge. Auch die Schmer­zen und Ängs­te so vie­ler Men­schen (von Grup­pen wie von Indi­vi­du­en) die lan­ge weg­ge­drückt wur­den, kom­men nun zum Vor­schein, ent­we­der durch laut­star­ken Pro­test, Frust und Ärger oder eben durch gesund­heit­li­che Aus­wir­kun­gen.
Dadrin liegt gro­ßes Poten­zi­al, gera­de weil wir in einem so pri­vi­le­gier­ten Teil der Welt leben. Doch gera­de da bedarf es jetzt einen star­ken Wil­len zur Ver­än­de­rung und viel Offen­heit, um wirk­lich alles anzu­schau­en was noch im Argen ist.

 

Die Pro­ble­me, mit denen wir uns kon­fron­tiert sehen – bspw. Erd­er­wär­mung, außer Kon­trol­le gera­te­ne Finanz­märk­te und Geheim­diens­te, Lob­by­is­mus und zuneh­men­de Ungleich­heit –, schei­nen über­mäch­tig. Den­noch ver­mit­teln Sie den Ein­druck, dass Sie die Hoff­nung noch nicht auf­ge­ge­ben haben. Woher neh­men Sie die Kraft zu hof­fen?

Ich bin glück­li­cher­wei­se geseg­net mit einem star­ken Ver­trau­en. Ver­trau­en in das Leben selbst. Die­ses Ver­trau­en wur­de vor ein paar Jah­ren bis aufs Mark erschüt­tert und ich wuss­te nicht mehr, ob und wie ich wei­ter­ma­chen soll­te. Letzt­end­lich ist es dann ein Ent­schluss. Ein Ent­schluss ver­trau­en zu wol­len, die Hoff­nung nie, wirk­lich nie­mals auf­zu­ge­ben, immer mit dem Bewusst­sein zu leben, wie unend­lich gut es uns geht und, dass wir letzt­end­lich eine Ver­pflich­tung haben — wir, die wir in einem Teil der Welt leben, der so unend­lich vie­le Mög­lich­kei­ten bie­tet — jeden Tag unser Bes­tes zu geben.

 

In der Aus­ga­be WA(H)RE ANGST schreibt Tho­mas Gut­knecht „Sich recht ängs­ti­gen zu ler­nen, ist eine rei­fe Leis­tung.“ Wür­den Sie dem zustim­men?

Wir wer­den in Deutsch­land schon in so vie­len Berei­chen von der Angst beherrscht. Das ist das, was uns als Nati­on viel­leicht am hin­der­lichs­ten ist. Ich gebe der Angst daher nicht so ger­ne zu viel „Büh­nen­zeit“. Wenn Tho­mas Gut­knecht mit sei­ner Aus­sa­ge meint, dass es eine rei­fe Leis­tung ist, zu wis­sen, wann es rich­tig ist, sich zu ängs­ti­gen und wann nicht, dann stim­me ich ihm zu.

 

Wovor soll­te man Angst haben?

In unse­rem Teil der Welt gibt es für die meis­ten Men­schen über­haupt gar kei­nen Grund mehr Angst zu haben. Wenn man sich stär­ker mit sei­nen Gefüh­len aus­ein­an­der­setzt, merkt man, wie irre­al die aller­meis­ten unse­rer Ängs­te sind. Sie brin­gen uns heut­zu­ta­ge nichts mehr. Sie dür­fen uns an der einen oder ande­ren Stel­le wach­hal­ten und dafür sor­gen, dass wir acht­sam sind. Dafür sind sie ein her­vor­ra­gen­des Hilfs­mit­tel. Aber eben nicht für mehr als das. Sodass wir getrost bestim­men kön­nen, unse­re Ängs­te abzu­le­gen — und anzu­fan­gen mehr zu ver­trau­en, bzw. sich selbst aktiv dafür zu enga­gie­ren die Din­ge täg­lich posi­tiv zu beein­flus­sen und zu gestal­ten.

wbernhardt