Von der Weste zum Investment

Eigentlich alles ganz einfach …

Der Geschäfts­be­richt 2017 der VR Bank West­müns­ter­land eG mit dem Titel: PERSPEKTIVEN

Kürz­lich erhiel­ten wir den Geschäfts­be­richt der VR-Bank West­müns­ter­land eG. Na und, mag sich nun der eine oder ande­re von Ihnen den­ken. Ein Geschäfts­be­richt einer Bank – wie lang­wei­lig!

Pus­te­ku­chen. Denn der lang­wei­li­ge Teil – sofern die Gewinn- und Ver­lust­rech­nung sowie die Bilanz einer eine Bank lang­wei­lig sind – beschränkt sich auf die letz­ten sie­ben Sei­ten. Die Erläu­te­rung hier­für fin­det man auf der ers­ten Sei­te, wo es heißt: „Doch bil­det sie (die Bilanz) stets die Ver­gan­gen­heit ab, in nüch­ter­nen Zah­len und Fak­ten. Des­halb haben wir unse­re Mit­glie­der und Kun­den, Part­ner und Mit­ar­bei­ter gefragt, in wel­che Pro­jek­te und The­men sie aktu­ell inves­tie­ren – denn die­se Inves­ti­tio­nen sind die Basis für die Erfol­ge von Mor­gen.“

Das klingt zunächst gut und wenig revo­lu­tio­när. Aber wer sich auf die­sen Geschäfts­be­richt ein­lässt, der kommt aus dem Stau­nen nicht mehr her­aus. So erwar­tet den unbe­darf­ten Leser gleich im ein­lei­ten­den Essay der Vor­stän­de der Bank fol­gen­der Satz:

Para­do­xe Welt? Vor­han­de­nes Inves­ti­ti­ons­geld kann nicht aus­ge­ge­ben wer­den, weil kein Geld da ist?“

??? Was ist damit gemeint?

Die Vor­stän­de wol­len damit auf den Sach­ver­halt hin­wei­sen, dass zahl­rei­che Mit­tel des Bun­des, die für das Jahr 2016 z.B. für Infra­struk­tur­maß­nah­men (Stra­ßen­bau, Breit­band) bereit­ge­stellt wor­den waren, gar nicht abge­ru­fen wur­den. Unter ande­rem des­halb, weil in den Bun­des­län­dern und den Kom­mu­nen auf­grund von Spar­zwän­gen schlicht die per­so­nel­len Kapa­zi­tä­ten dafür gefehlt hät­ten, sich mit den Bud­gets und deren kon­kre­ter Inves­ti­ti­on zu beschäf­ti­gen.

Erstaun­lich: da wei­sen drei Vor­stän­de einer Bank, von denen man erwar­tet, dass das Spa­ren für sie die höchs­te aller Tugen­den ist, auf die Schat­ten­sei­ten des Spa­rens hin (in die­sem Fall auf das Nicht-Geld-aus­ge­ben, was unterm Strich aber das glei­che ist wie spa­ren). Bevor wir nun jedoch den Vor­stän­den vor­wer­fen, dass sie ihren Job nicht ver­ste­hen, muss man sie viel­mehr dafür loben, dass sie den Unter­schied von Betriebs­wirt­schaft und Volks­wirt­schaft ver­stan­den haben. Denn so sinn­voll Spa­ren auf betriebs­wirt­schaft­li­cher Ebe­ne sein kann, so gefähr­lich kann es auf volks­wirt­schaft­li­cher Ebe­ne wer­den. Die­ser Effekt ist schon län­ger unter den Namen Spar­pa­ra­dox (geprägt von John May­nard Keynes) bekannt. Damit beschrieb Keynes den Sach­ver­halt, dass die Spar­be­mü­hun­gen auf indi­vi­du­el­ler (betriebs­wirt­schaft­li­cher) Ebe­ne die Nach­fra­ge und damit die Wirt­schaft abwür­gen. Was für einen pri­va­ten Haus­halt oder für ein ein­zel­nes Unter­neh­men sinn­voll sein mag, führt volks­wirt­schaft­lich, ins­be­son­de­re wenn die Wirt­schaft schwä­chelt, zu gro­ßen Pro­ble­men. Was tun? Wenn Unter­neh­men und pri­va­te Haus­hal­te spa­ren, ist nach Keynes nur noch der Staat in der Lage die­ses Para­dox auf­zu­lö­sen.

Tja, nur eben nicht in der heu­ti­gen Situa­ti­on, da der Staat selbst bereits soviel gespart hat, dass er gar nicht mehr inves­tie­ren kann. Kann man nur noch hof­fen, dass die Bank nicht spart, son­dern inves­tiert. In was also inves­tiert die VR-Bank West­müns­ter­land eG? Auf Sei­te elf fin­den wir dazu fol­gen­den Pas­sus: „Solan­ge also letzt­lich immer Men­schen in Men­schen inves­tie­ren und man sich des­sen bewusst ist, ist ein wich­ti­ges Fun­da­ment für ein nach­hal­ti­ges Wirt­schaf­ten und Mit­ein­an­der gesi­chert. Eigent­lich ist alles ganz ein­fach …“

Tja, so ein­fach kann es sein und wir machen uns im Vor­feld der aktu­el­len Aus­ga­be Gedan­ken, grü­beln und dis­ku­tie­ren, um letzt­lich zu einer Ant­wort auf die Fra­ge zu kom­men, was das Leben ein­fach macht. Hät­ten wir den Geschäfts­be­richt vor drei Mona­ten gele­sen, dann hät­ten wir Ihnen viel­leicht eine ein­fa­che Aus­ga­be zum The­ma EINFACH LEBEN prä­sen­tie­ren kön­nen, so aber kön­nen wir nur mit den Wor­ten von Frank Ruda sagen: Es ist nicht ein­fach mit der Ein­fach­heit.

Doch wie kom­men wir über­haupt dazu einen Geschäfts­be­richt der VR-Bank West­müns­ter­land zu erhal­ten, in dem der Fra­ge nach­ge­gan­gen wird, in was man inves­tie­ren soll­te? Nun, auch wir wur­den ein­ge­la­den, uns Gedan­ken über das Inves­tie­ren zu machen und fol­gen­der Bei­trag von Tan­ja Will – den wir Ihnen nicht vor­ent­hal­ten wol­len – fin­det sich auf Sei­te 39 des besag­ten Geschäfts­be­richts:

 

 

Von der Weste zum Investment

von Tan­ja Will
Was für uns heu­te komisch klingt, war im 14. Jahr­hun­dert gang und gäbe: das Inves­tie­ren von Bischö­fen. Inves­tiert wur­den im spä­ten Mit­tel­al­ter kei­ne Gold­un­zen, son­dern Kir­chen­män­ner, die von Papst oder Kai­ser fei­er­lich mit den Zei­chen der Amts­wür­de beklei­det – also inves­tiert – wur­den. Im deut­schen Wort „Wes­te“ ist die­ser ursprüng­li­che Sprach­ge­brauch im Sin­ne des latei­ni­schen Wor­tes inves­tī­re („beklei­den“) erhal­ten geblie­ben. Mit den Han­dels­er­fol­gen der Bri­tish East India Com­pa­ny hielt das Inves­tie­ren dann im 17. Jahr­hun­dert Ein­zug in die Wirt­schaft: Als aben­teu­er­lus­ti­ge Kauf­leu­te mit Schif­fen bis nach Indi­en fuh­ren, um exo­ti­sche Waren ein­zu­tau­schen, wur­den sie dort vom wohl­ge­son­ne­nen Mogul mit indi­schen Ehren­ro­ben inves­tiert. Das Inves­tie­ren war also ein Ritu­al, dass den Gewinn von gesell­schaft­li­chem Anse­hen und Ein­fluss sym­bo­li­sier­te: Klei­der machen Leu­te.

Im 19. Jahr­hun­dert wur­de im Deut­schen erst­mals davon gespro­chen Geld zu inves­tie­ren – ihm also ein ande­res Gewand, eine neue Erschei­nungs­form zu geben, indem man es in Sach­wer­te anlegt und lang­fris­tig auf Pro­fit hofft. Fort­an wur­de unter inves­tie­ren nicht mehr der qua­li­ta­ti­ve Gewinn von Anse­hen und Ein­fluss, son­dern der quan­ti­ta­ti­ve Gewinn von Geld ver­stan­den. Ein Invest­ment soll­te nicht mehr die Bezie­hung zu Gott oder den Mit­men­schen sym­bo­li­sie­ren – die Kas­se soll­te klin­geln.

Heu­te, noch ein­mal rund 200 Jah­re spä­ter, schei­nen Anle­ger wie­der mehr von ihrem Invest­ment zu erwar­ten. Auf ein­mal hei­ligt der Pro­fit nicht mehr alle Mit­tel, und der Ruf nach ethi­schen, nach­hal­ti­gen, ja sogar reli­giö­sen Geld­an­la­gen wird laut. Inves­tie­ren ja – aber die Wes­te bleibt sau­ber! Immer mehr Fonds­ma­na­ger suchen nun für ihre Kun­den nach „sün­den­frei­en“ Anla­ge­pro­duk­ten, die nicht auf anrü­chi­ge Waf­fen, Ziga­ret­ten, Alko­hol, Glücks­spie­le oder Ero­tik set­zen. „Alles Augen­wi­sche­rei!“ unkt es bereits. Ethi­sche Pro­fi­te sei­en ein Wider­spruch in sich. Das gro­ße Gan­ze, das „Wirt­schafts­sys­tem“ ist spä­tes­tens seit der Finanz­kri­se 2008 unter Beschuss: Muss es immer Wachs­tum sein? Lässt sich Wirt­schaft anders den­ken? Wozu wirt­schaf­ten wir über­haupt?

In die­sem Punkt sind Inves­ti­tio­nen ihrer Wort­her­kunft treu geblie­ben, spie­geln sie doch  wider, was gesell­schaft­lich „in Mode“ ist: Heu­te wird die Pro­fit­wes­te im Schrank gegen die Ethik­wes­te aus­ge­tauscht – und vie­le sind sogar ver­un­si­chert, ob sie ihr Geld über­haupt noch in Wes­ten ste­cken sol­len. Der­zeit befin­den wir uns auf der Suche nicht nur nach einem neu­en Klei­dungs­stil, son­dern nach einem neu­en Lebens­stil; einem Lebens­stil, der die gro­ßen öko­no­mi­schen Fra­gen unse­rer Zeit beant­wor­tet und dem Inves­tie­ren Rich­tung und Sinn gibt. Schon Aris­to­te­les wuss­te, dass Reich­tum ein Werk­zeug und kein Ziel ist. Nut­zen wir es.

wbernhardt