Posted on

Warum ändern wir uns nicht? – Über Realismus, Verzweiflung und Veränderung

Warum ändern wir uns nicht?

Über Realismus, Verzweiflung und Veränderung

Jeder weiß, dass vieles falsch läuft und geändert werden müsste. Also: Warum ändern wir uns nicht? Alternative Ideen und Modelle sind zu Hauf vorhanden, Pilotprojekte zeigen bereits Wege aus der Wachstumsfalle, niemand glaubt mehr an Glück und Zufriedenheit durch Wohlstand – und doch bleibt das Gefühl eines gierigen Systems, dass sich ungebremst und wissentlich gegen die Wand fährt.

Nun ist es so, dass eine Gesellschaft nicht so leicht zu ändern ist, weil sie eben nicht wie ein Haus um uns herum gebaut ist, sondern eher wie ein Mobilfunknetz aus uns heraus und durch uns hindurch strahlt und mit all unseren Schlüssen, Erkenntnissen, Gefühlen, Befindlichkeiten und Gedanken verwoben ist. Wir können uns von unserer Kultur nicht frei machen. Wir müssen zumindest ihre Sprache benutzen, um über sie zu sprechen. Diese Kultur ist nicht vom Himmel über uns gekommen oder wie ein Tyrann vor unsere Nase gesetzt worden, sondern wird tagtäglich durch eben unsere Handlungen und Ansichten am Leben gehalten. Ein Teufelskreis. Und die Unmöglichkeit das Ganze zu ändern zeigt sich schon an der Unmöglichkeit sich selbst zu ändern: Wer kann ernsthaft behaupten, dass die Erkenntnis er müsse sich selbst lieben, um andere lieben zu können automatisch zu einer empfindsamen Selbstliebe führt? Wer von denen, die es sinnvoll finden dem Wahn des Wachstums und Fortschritts eine Grenze zu setzen, hört auf ständig selbst vorankommen und sich verbessern zu wollen? Wir rufen: Die Gesellschaft soll sich ändern, dann ändere ich mich auch. Aber eigentlich denken wir, dass die Änderung der Gesellschaft genauso hoffnungslos ist wie die Veränderung unser selbst.

 

Wolfram Bernhardt Tanja Will Frank Augustin
Wolfram Bernhardt, Tanja Will und Frank Augustin machen das philosophische Wirtschaftsmagazin agora42 in Stuttgart. In der Jubiläumsausgabe sagen sie: „42, das ist also die Antwort auf alle Fragen, die keine Antwort ist. Diese Zahl steht für den typisch menschlichen Versuch, einen Sinn zu finden – und ist doch gleichzeitig Ausdruck der Tatsache, dass dieser nicht gefunden werden kann. Zum Glück! Sonst wäre alles sinnlos.“

Realismus und Verzweiflung

Es scheint also, als würde alles beim Alten bleiben, obwohl sich engagierte Weltverbesserer bereits viele alternative Ideen und Modelle ausgedacht haben. Aber irgendwie lassen sich diese nicht überzeugend verkaufen. Schnell werden sie als „unrealistisch“ abgetan, mit dem Vorwurf der weltfremden Romantik abgestraft und mit einem resignierten Abwinken nicht ernst genommen. Derartige Gespräche mit selbsternannten „Realisten“, kennen wir zur Genüge. Sie entgegnen: Wie sollen wir denn ohne Wachstum leben? Wie im Mittelalter? Es gibt da ein paar wilde Experimente von Hartgesottenen, die ihren ökologischen Fußabdruck verkleinern wollen und dafür auf Klopapier, Shampoo, Strom etc. verzichten. Mal ehrlich, da verlieren viele lieber den Kampf gegen die Umwelt und lassen sich ihre Heiligtümer mit einem letzten großen Aufbäumen von der Klimakatastrophe entreißen. Die Realisten meinen, den Fehdehandschuh aufnehmen zu müssen, den die Natur ihnen angeblich vor die Füße wirft. Die menschengemachte Katastrophe wird zur übernatürlichen Herausforderung: Soll es nur kommen, das extreme Wetter, dann fahren auch wir andere Geschütze auf. Du, Umwelt, willst uns Menschen vernichten? Da unterschätzt du uns aber, das hat bisher noch keiner geschafft. Und auf einmal ist das „realistische“ Ziel wieder da, die Vision der Tech-Milliardäre zumindest ein Menschenleben über die Katastrophe hinweg zu retten, das sich messen an der scheinbaren Übermacht am Ende aller Tage, das durchbrechen der natürlichen Grenze. Der Neoliberalismus lehrte zu kämpfen und zu trotzen. Die Industrie dazu läuft schon auf Hochtouren: Ferne Planeten werden als Alternativdomizile ausgekundschaftet, Biolabore züchten künstliche Nahrungsmittel heran, neue Energiequellen werden angezapft und als „grün“ bezeichnet – was nichts weiter bedeutet als „unbegrenzte Ausbeutung möglich“. Wir werden sehen, wer am Ende lacht. Die Hoffnung, die Natur zu überlisten und am Ende immer mehr von ihr nehmen zu können ohne dafür die Quittung zu erhalten ist groß, der Finder dieses heiligen Grals wird göttlich sein. Die Opfer, die dieses Unternehmen fordert, sind bereits heute zahlreich – aber verschmerzbar, sterben sie doch für die große Aufgabe des Weltfriedens am Ende aller Tage, an dem der Mensch nur noch nimmt und befiehlt und keine Opfer mehr bringen muss.

Diese höchst unrealistische kämpferische Einstellung der „Realisten“ ist keineswegs mit einfacher Überheblichkeit und Selbstüberschätzung zu erklären, der Lage noch Herr werden zu können. Ihren Elan und ihre Überzeugungskraft erhält die emsig forschende Techszene im Gegenteil gerade aus der Auswegslosigkeit der Zukunftsperspektive: Das Leben der Menschheit, ja der Fortbestand des ganzen Planeten auf dem Spiel. Angesichts dessen, was da droht, ist jedes Mittel recht, jede noch so beängstigende Forschung erlaubt, jeder brutale Verlust verschmerzbar. Die Radikalität der Techszene ist ausschließlich über die Radikalität des vermeintlichen Gegners, der natürlichen Grenze, zu erklären. Der aktiv nach Lösungen suchende Unternehmer, der Mensch der Tat, ist also tatsächlich von Verzweiflung und nicht von Zuversicht getrieben. Der Soziologe Johannes Weiß sieht darin einen Gedankengang, der erstmals in der Moderne populär wurde und aufs Engste mit der empfundenen Sinnlosigkeit und Ungerechtigkeit natürlicher Grenzen – etwa des Todes – zusammenhängt: „Ein allerletzter und nun wahrhaft verzweifelter Versuch einer radikal innerweltlichen Sinngebung des Todes lag darin, den ‚Tod im Felde‘ zur eigentlichen höchsten Bestimmung des Menschen zu erklären.“ Dieser von Thomas Abbts erstmals 1764 beschriebene Tod fürs Vaterland belebte den Glaube an den Tod für etwas, der dem sinnlosen und jämmerlichen Sterben entgegen tritt. Johannes Weiß bemerkt dazu: „Dieser Glaube (ist) fast immer sofort in sich zusammengebrochen, wenn es dann wirklich ans Sterben ging.“ Die wirklich zu fürchtenden Unternehmer, allesamt „Realisten“ opfern sich heute nicht mehr für das Vaterland. Sie opfern die Gegenwart für die Zukunft der Menschheit.

 

Angst verhindert Veränderung

Kern dieser immer hektischeren und verzweifelteren Suche nach Auswegen aus der Krise ist die Angst vor dem Tod und der Sinnlosigkeit und Abgründigkeit der eigenen Existenz. Nun wissen wir bereits, dass diese Erkenntnis nicht automatisch zur Veränderung führt. Angst ist schwer auszuhalten. Vielleicht hilft es aber bewusst zu machen, wie allgemein menschlich und damit auch verbindend das Nachdenken über die Angst des Menschen sein kann. Was können wir über und von der Angst lernen? Sicherlich nicht, die Existenzbedrohungen der heutigen Zeit – Klimawandel, Artensterben, Boden-, Luft- und Wasservergiftung und Ressourcenknappheit – „realistisch“ anzugehen und ihnen einzelne wissenschaftlich fundierte Scheinlösungen entgegen zu setzen. Die Gesellschaft wahrhaft – und zwar grundlegend – zu verändern, heißt nicht, effizientere Ausbeutungstechniken zu finden oder perfidere Arbeitsmodelle zu entwerfen, um ihren Fortbestand bis in alle Ewigkeit zu sichern. Die einzige wirkliche Veränderung ist, innezuhalten. Angst ist eine der stärksten Emotionen der Menschen, die uns lähmt und damit zum Innehalten zwingt. Statt sie zu verdrängen, können wir sie als Hilfe begreifen: Sie hilft, die Dinge für einen Moment sein zu lassen und zu reflektieren. Woher kommt die Angst? Wann tritt sie auf? Dank ihrer enormen Auswirkung auf unser Handeln (genauer: sie macht uns handlungsunfähig) ist sie die derzeit größte Hoffnung, das vermeintlich festgefahrene „Realitäten“ sich doch noch ändern lassen. Der Soziologieprofessor Heinz Bude sagt einmal im Interview mit agora42: „Das Bewusstsein der Angst ist die Möglichkeit, den Neoliberalismus verlassen zu können, um nicht von der Angst gepeinigt und terrorisiert zu werden, dass alles nur noch schlimmer wird. Aber das Bewusstsein der Angst, sollte nie das Ziel haben, die Angst loszuwerden. Das ist meine Kritik an all denen, die von einer Welt links oder einer Welt rechts des Neoliberalismus träumen und behaupten, das wäre eine andere Welt, in der die Menschen keine Angst mehr hätten. Der Kampf gegen die Angst endet schnell in einem Kampf gegen die Freiheit.“ Also: Ein Programm gegen die Angst gibt es nicht. Zukunft ist immer mit Ängsten verbunden. Die Frage ist nur, lassen wir sie zu und lassen wir uns von ihnen helfen?

 

Ausgeliefert oder handlungsmächtig?

Für die Änderung der heutigen Lage, ist die enorme Bedeutung, die wir Vergangenheit und Zukunft zumessen, ein großes Hindernis. In verantwortungsvollen Positionen wird keine Entscheidung mehr getroffen, ohne im Vorfeld den zukünftigen Nutzen abzuwägen, kaum eine Handlung findet ohne vorangegangenen Präzedenzfall statt. Man kann hier von einer übervorsichtigen Versicherungsmentalität sprechen. In der zutiefst vernetzten und systematisch voneinander abhängigen Welt werden Schäden zunehmend kollateraler – sie betreffen längst nicht mehr nur die Gesellschaft, sondern ebenso das Tierreich, die Umwelt, ja den ganzen Planeten. Systeme führen dazu, dass einzelne Handlungen wie Dominosteine eine Kette von unbeabsichtigten Handlungsfolgen in Gang setzen können, die uns am Ende fassungslos machen. Trotzdem halten wir an dem Grundsatz fest, dass Schuldige immer Menschen sein müssen – niemals Systeme. Der Mensch muss sich aufgrund dieser unmenschlichen Zumutung absichern und sein Handeln, Sprechen und Denken so ausrichten, dass ihm am Ende keine „Persönlichkeit“, kein individuelles Vergehen, keine „Radikalität“ mehr vorgeworfen werden kann. Welche Auswirkungen hat dies auf die Möglichkeit die Zeiten zu ändern?

Alle ernst zu nehmenden heutigen Zukunftsentwürfe sind schwarz. Wenn wir die großen gesellschaftlichen und umweltlichen Entwicklungen betrachten, gibt es keine wissenschaftlich belegten Entwicklungen „zum Guten“ mehr. Das erstickt jede Tat, die ernsthaft die Zukunft ändern oder gar verbessern möchte, im Keim. Genauso ergeht es auch demjenigen, der die Kraft zur Veränderung aus der Vergangenheit ziehen will: Belege darüber, dass die Tat eines Menschen eine ganze Gesellschaft veränderte, sind rar. Heldentaten, die darüber hinaus die Umwelt retteten sind noch weniger bekannt. Es würde also schlichtweg als nicht plausibel, ja grob fahrlässig angesehen werden, wenn Manager nicht den maximalen Gewinn erzielen wollten, oder Politiker plötzlich eine Begrenzung des Konsums verlangten. Was das für Folgen hätte! Die Dominoketten, die dadurch ins Fallen gerieten, kann niemand verantworten. Will man das große Ganze ändern kommt man also unweigerlich zu der Frage: Wie standhaft sind gute Vorsätze, wenn am Ende die Frage der persönlichen Haftung im Raum steht? Gar nicht. Gute Vorsätze und die Abwendung von Katastrophen kommen daher in gesellschaftlich relevanten Institutionen nicht vor – auch nicht bei den sogenannten „social entrepreneurs“.

In dieser scheinbar aussichtslosen und unfreien Lage haben sich viele Menschen, bewusst oder unbewusst, für einen anderen Weg entschieden: Die Sabotage. Das Gefühl, dass es nicht ewig so weitergeht, ist mittlerweile auch in den Vorstandsetagen unserer Gesellschaft angekommen – auch wenn es dort nicht offen ausgesprochen wird. Die ständige Vorsicht, mit der die Menschen dort agieren, die extreme psychische Belastung und der immer raschere Austausch von Personal ist Beleg dafür, dass der euphorische Glanz des gesellschaftlichen Aufschwungs auch dort verblasst. Das Gefühl, das alles durchzieht ist: Es geht den Bach runter, jeder nimmt sich was er kriegen kann. Nach ihm die Sintflut. Die kleine aber feine Sabotage der Menschen an unliebsamen Systemen zeigt sich in der abnehmenden Loyalität gegenüber Unternehmen, der Forderung immer höherer Gehälter bei stetig abnehmender Leistung sowie der Langeweile und Espritlosigkeit, mit der politische oder wirtschaftliche Belange vertreten werden. Wer glaubt ernsthaft, dass einem Politiker seine Arbeit Spaß macht? Wer denkt, dass ein VW-Vorstandsvorsitzender seine Arbeit sinnvoll findet? Hohe Positionen werden genutzt, um den größtmöglichen Eigennutz abzuziehen – das schafft eine langsame Erosion sozialer Institutionen über Jahre hinweg und bricht gleichzeitig den Glaube an soziale Systeme, ohne dass ein Schuldiger benennbar wäre.

Zurück zur Ausgangsfrage: Warum ändern wir uns nicht? Tatsache ist, wir ändern derzeit eine ganze Menge. Nur tun wir dies (noch) unter dem Deckmantel des „schuldlosen Wandels“: Das System habe einfach nicht funktioniert, wird es dann heißen, es sei in sich zusammengebrochen …

 

 

Zum Thema erschienen:

Die 42. Ausgabe der agora42 verdichtet die im Magazin seit 2009 behandelten Themen in vier zentralen Fragen:

Rückblick: Wo kommen wir her?

Wo liegt das Problem?

Warum ändern wir uns nicht?

Was werden wir ändern (wenn doch alles anders kommt, als befürchtet)?

Diese Fragen können in wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Krisenzeiten Orientierung bieten und sollen die Leser zum Mitdenken und zur Stellungnahme anregen.