Warum Europa baden gehen sollte — ein Plädoyer für kleine Akte konkreter Solidarität

Ein Gast­beitarg von Dr. Rafa­el Zieg­ler

Geld regiert die Welt, und wer regiert das Geld? Die Euro­päi­sche Zen­tral­bank gibt fol­gen­den Hin­weis zur neu­en Euro-Bank­no­ten­se­rie: Sehen sie sich die neu­en Euro­schei­ne „gegen das Licht an. Ein sche­men­haf­tes Motiv wird sicht­bar, in dem ein Porträt-(Wasserzeichen) der mytho­lo­gi­schen Gestalt Euro­pa“ zu erken­nen ist. Regiert Euro­pa das Geld?

Euro­pa ist eine Toch­ter aus phö­ni­zi­schem Königs­haus, irgend­wo im heu­ti­gen Liba­non und Jor­da­ni­en. Am Mit­tel­meer­strand spie­lend, nährt sich ihr ein Frem­der. Es ist ein Stier. Die Königs­to­cher spielt mit ihm, win­det ihm Blu­men um die Hör­ner. Er schwimmt mit ihr übers Meer – ins heu­ti­ge Euro­pa. Begann Euro­pa mit einem Raub? Oder einer Lie­bes­rei­se durchs Mit­tel­meer? Wie es auch sei, laut die­sem namens­ge­ben­den Mythos, schwimmt Euro­pa mit einem Frem­den. Euro­pa kommt durchs Was­ser, von anders­wo her.

In Euro­pa hei­ra­ten die bei­den. Der Stier wird zum Och­sen. Im mit­tel­al­ter­li­chen Euro­pa sor­gen Och­sen und Pflug für Reich­tum – und gehö­ren damit aller­dings auch, so die berühm­ten The­se des His­to­ri­kers Lynn White, zu den Wur­zeln unse­re öko­lo­gi­schen Kri­se. Denn die im Mit­tel­al­ter ent­wi­ckel­ten Pflü­ge erfor­der­ten acht Och­sen, die das Land tief auf­ris­sen und die Euro­pä­er zu „Aus­beu­tern der Natur“ (White) mach­ten. Auch zu Was­ser wur­de die Natur erobert. So beschreibt der His­to­ri­ker David Black­bourn die Ent­ste­hung des moder­nen Deutsch­land als eine „Erobe­rung der Natur“: Sümp­fe wur­den ent­wäs­sert, Flüs­se begra­digt und Däm­me gebaut. Mit der Indus­tria­li­sie­rung und der mit die­ser eng ver­bun­de­nen Finanz­wirt­schaft wird der Och­se wie­der zum Stier – und steht als Sym­bol wirt­schaft­li­cher Potenz und Auf­stiegs vor der Bör­se.

So gese­hen führt uns der Hin­weis der EZB zu einem viel­schich­ti­gen, wirt­schaft­li­chen Mythos — Euro­pas Hoch­zeit mit dem Stier schafft Reich­tum. Und wür­den nicht auch heu­te noch Men­schen durchs Mit­tel­meer nach Euro­pa schwim­men, wenn sie nicht von Poli­zei und Mili­tär dar­an gehin­dert wür­den? (Und soll­ten wir sie nie nicht ankom­men las­sen, wenn das der euro­päi­sche Grün­dungs­my­thos ist)? Wie auch immer, der zen­tra­le Aspekt des heu­te gän­gi­gen Reich­tums-Mythos ist der eines durch wirt­schaft­li­che Zusam­men­ar­beit befrie­de­ten Kon­ti­nents. Wirt­schaft­li­che Ergeb­nis­se und Effek­ti­vi­tät legi­ti­mie­ren die Euro­päi­sche Uni­on als supra­na­tio­na­le Enti­tät.

Die­ser Mythos hält den Kon­ti­nent nur schwer über Was­ser, wenn selbst EU-Kom­mi­sar Bar­ro­so sagt: “The­se are chal­len­ging times, a real stress-test for the EU … Let’s make no mista­ke: the­re is no way back to busi­ness as usu­al”. Wenn busi­ness as usu­al hieß: gemein­sa­me wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung, der die poli­ti­sche dann irgend­wie folgt, dann heißt no return to busi­ness as usu­al wohl, dass es sozia­le und öko­lo­gi­sche Fra­gen gibt, die sich nicht qua­si von allei­ne, nach­ho­lend erle­di­gen wer­den. Zu der alten Fra­ge, wer über­haupt zu Euro­pa gehört, kommt die Fra­ge der Indi­gna­dos, ob eine Uni­on mit gro­ßen Nord-Süd Ungleich­hei­ten, und immer grö­ße­ren Ungleich­hei­ten bei den Lebens­er­war­tun­gen ver­schie­de­ner Gene­ra­tio­nen über­haupt noch zusam­men­hal­ten kann und soll. Und die Fra­ge der alten Eli­ten, ob auf das Euro­pa der öko­no­mi­sche Zusam­men­ar­beit ein Euro­pa der Angst (Roma­no Pro­di) fol­ge: Angst vor Chi­na, Angst vor der Glo­ba­li­sie­run­gen und natür­lich Angst vor denen, die übers Meer kom­men.

Den­noch lohnt sich ein genau­er Blick auf das aus der Mode gekom­me­nen busi­ness as usu­al. Sei­ne Strahl­kraft wur­de im Nach­kriegs­eu­ro­pa per­so­ni­fi­ziert durch Jean Mon­net. Der fran­zö­si­sche Unter­neh­mer war Antrei­ber eines Euro­pas der Pro­jek­te. Über Pro­jek­te wie die Mon­tan­uni­on gelang es ihm die wirt­schaft­li­che Zusam­men­ar­beit in den 50er und 60er Jah­ren vor­an­zu­trei­ben. Die nach ihm benann­te Mon­net-Metho­de steht für die kon­kre­te Soli­da­ri­tät der gemein­sa­men Tat.

Und sie steht für einen pri­mä­ren Fokus auf wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung, der in Zei­ten sozia­ler und öko­lo­gi­scher Kri­se dop­pelt wie­der­holt erscheint: Wirt­schafts­wachs­tum führt nicht ein­fach zu stei­gen­dem Lebens­stan­dard für alle, und vor allem nicht qua­si selbst­ver­ständ­lich, und nach­ho­lend zur „Lösung“ von sozia­len und öko­lo­gi­schen Fra­gen. So scheint die Metho­de prak­tisch vor allem ein­fach „Brüs­sel“ zu stär­ken: Lob­by­is­ten, Büro­kra­tie und immer mehr Regel­wer­ken. Es ent­steht eine büro­kra­ti­sche Schick­sals­macht, die Euro­pa ent­zau­bert, die Pro­ble­me nicht löst son­dern tech­no­kra­tisch unnah­bar macht. Mit Blick auf euro­päi­sche Kon­tro­ver­sen for­mu­liert Bet­ti­na Gaus so, „Wenn ein Fach­stu­di­um und meh­re­re Prak­ti­ken erfor­der­lich sind, um inner­halb eines demo­kra­ti­schen Sys­tems eine Grund­satz­fra­ge kom­pe­tent erör­tern zu kön­nen, dann braucht man sich über eine schlecht gelaun­te Öffent­lich­keit nicht zu wun­dern.“

Aber statt nun schlecht gelaunt Euro­pa baden gehen zu las­sen, ist es gera­de jetzt beden­kens­wert die „kon­kre­te Soli­da­ri­tät“ neu zu den­ken bzw. das „Euro­pa der Pro­jek­te“ mit Blick auf die heu­ti­gen sozia­len und öko­lo­gi­schen Fra­gen neu ver­su­chen. Vor eini­gen Jah­ren star­te­te der Dich­ter und Sän­ger Heinz Ratz einen mora­li­schen Tri­ath­lon. Er schwamm 815 Kilo­me­ter durch Donau, Rhein und ande­re Flüs­se, um die „Flüs­se zu umar­men“ (Ratz) und gleich­zei­tig Öffent­lich­keit für Arten­schutz zu schaf­fen. Ein Euro­pä­er schwimmt mit Frem­den. Unse­ren Flüs­sen? Ratz wan­der­te auch mit Obdach­lo­sen von Stadt zu Stadt, und er radel­te – drit­te Dis­zi­plin des Tri­ath­lons – von einem Flücht­lings­la­ger ins nächs­te. Auf der Suche nach Euro­pa? In einer Ver­an­stal­tung in Tübin­gen sag­te er, dass es ihm nicht pri­mär dar­um gehe, „das gesell­schaft­li­che Pro­blem zu betrach­ten, son­dern dar­um den Men­schen im Mensch zu sehen“. Und ver­mut­lich den Fluss im Fluss. Aus der Fahr­rad­tour ent­stand die Band The Refu­gees, die anschlie­ßend erfolg­reich tour­te. Kon­kre­te Soli­da­ri­tät in neu­er Form?

Über sei­ne Fluss­ak­ti­on sagt Ratz mitt­ler­wei­le, dass sie zu ein­zel­gän­ge­risch gewe­sen sei. Heu­te wür­de er sie stär­ker mit ande­ren orga­ni­sie­ren. So wie Rober­to Epp­le, Initia­tor des euro­päi­schen Fluss­netz­wer­kes. Er kämpft für Flüs­se und Seen — mit einem euro­pa­wei­ten Bade­tag. Bereits im Jahr 2000 hat sich die euro­päi­sche Uni­on mit der Was­ser­rah­men­richt­li­nie anspruchs­vol­le Zie­le gesetzt: guter öko­lo­gi­scher und che­mi­scher Zustand von Flüs­sen und Seen bis 2015. Bis 2009 soll­ten Umset­zungs­plä­ne für alle euro­päi­schen Was­ser­kör­per in Zusam­men­ar­beit mit der Öffent­lich­keit erar­bei­tet wer­den. 2014 gibt es, beson­ders im Süden, immer noch Län­der, die kei­ne Umset­zungs­plä­ne ver­fasst haben. Und auch bei Län­dern „mit Plan“ ste­hen die Zei­chen nicht auf grün. Deutsch­land wird ver­mut­lich den guten Zustand für ledig­lich 20% sei­ner Flüs­se und Seen errei­chen. Für alle ande­ren Gewäs­ser gel­ten Aus­nah­men und Ver­län­ge­run­gen. Die als Aus­nah­me­reg­lung kon­zi­pier­ten Mecha­nis­men sind zur Regel gewor­den. Also doch wie­der viel Büro­kra­tie, viel Papier, vie­le Regeln plus Nord-Süd­ge­fäl­le und man­gel­haf­te öko­lo­gi­sche Ziel­er­rei­chung?

Eine Per­spek­ti­ve auf Euro­pa als eines der sozia­len und öko­lo­gi­schen Pro­jek­te sieht hier nun kei­ne über­per­sön­li­che Schick­sals­macht, son­dern Mög­lich­kei­ten. Bade­ho­se ein­pa­cken und
gemein­sa­me Erfah­rungs- und Lern­pro­zes­se anzu­sto­ßen. Selbst wenn sie auf den ers­ten Blick so über­ra­schend anmu­ten wie ein Bade­tag. Epp­le und das euro­päi­sche Fluss­netz­werk laden alle Euro­päe­rin­nen ein, sich mit ihren Flüs­sen und Seen zu „ver­söh­nen“ (Epp­le). Gemein­sam und zur glei­chen Zeit in Flüs­sen und Seen zu schwim­men. Mit einem „Big Jump“ genie­ßen sie die „Umar­mung der Flüs­se“ und setzt gleich­zei­tig vie­le öffent­li­che Zei­chen für Gewäs­ser­schutz in Euro­pa.

Wenn wir in Loire und Vis­tu­la, Ebro und Donau und all den ande­ren Flüs­sen und Seen ohne Ekel mit Lust gemein­sam schwim­men könn­ten, wie stün­de es dann um Euro­pa? Sind die­se ein­fa­che Bedürf­nis­se – wan­dern und schwim­men ohne Ver­bot oder Ekel – viel­leicht sogar Vor­zei­chen einer euro­päi­schen Visi­on? Für ein Euro­pa, in gemein­sam, eng beleb­ter Natur vol­ler Geschich­ten? Die euro­päi­sche Idee, sagt Robert Men­as­se, ist nach­hal­ti­ger als die der­zei­ti­ge Wirt­schafts­form. Ist die­se Idee viel­leicht die Nach­hal­tig­keit selbst?

Wie dem auch sei, ein sozia­les und öko­lo­gi­sche Euro­pa der Pro­jek­te braucht Inno­va­to­ren – Men­schen, Orga­ni­sa­tio­nen, Netz­wer­ke, die neue Mög­lich­kei­ten für Begeg­nung und Bedürf­nis­be­frie­di­gung sehen (oder alte wie­der­ent­de­cken), und nicht nur Büro­kra­tie und Ohn­macht bekla­gen. Inno­va­to­ren die als Dich­ter, Inge­nieu­re, Unter­neh­mer und Frei­schwim­mer aller Art neue Erfah­rungs- und Lern­pro­zes­se ansto­ßen, und deren Inspi­ra­ti­ons­quel­len weder rein euro­pä­isch noch rein wirt­schaft­lich sind: Tho­reau und Gan­dhi genau­so wie Mon­net. Inno­va­to­ren, die nicht nur fra­gen, was uns zusam­men­hal­ten soll­te: die Leit­kul­tur? Das jüdisch-christ­li­che Erbe? Etc.? Son­dern die vor­schla­gen, was uns — außer der Cham­pi­ons­leau­ge — zusam­men­brin­gen könn­te. Inno­va­to­ren, die Din­ge ver­än­dern wol­len und dabei Geset­ze so ernst neh­men, dass sie auch deren Umset­zung ein­for­dern. „Kon­kre­te Soli­da­ri­tät“ unter Frem­den in einem immer grö­ße­ren Euro­pa lässt sich nur ler­nen, wenn Geset­ze und die mit ihnen ver­bun­de­nen Rol­len und Ver­pflich­tun­gen mit Leben erfüllt wer­den. Kurz gesagt, Inno­va­to­ren die die Din­ge ver­bes­sern wol­len über kon­kre­te Pro­jek­te der Soli­da­ri­tät.

Die­se sozia­len und öko­lo­gi­schen Pro­jek­te sind ein Bei­trag, um das Euro­pa der Bür­ger und sein Orga­ni­sa­ti­on („Brüs­sel“) mit einer gemein­sa­men öffent­li­chen Wil­lens­bil­dung in Fluss zu brin­gen. Wer mit einer Sache Erfah­run­gen und Emo­tio­nen ver­bin­det, küm­mert sich auch eher um sie. Wenn Euro­pa baden geht, geht Euro­pa wäh­len. Des­halb könn­te ein Euro­pa der sozia­len und öko­lo­gi­schen Pro­jekt einen Bei­tra­ge zu dem für ein poli­ti­sches Gemein­we­sen als not­wen­dig erach­te­ten „zivil­ge­sell­schaft­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­zu­sam­men­hang“ (Jür­gen Haber­mas) über natio­na­le Gren­zen hin­weg leis­ten. Ist es ein Zufall, dass die bis­her größ­te, euro­päi­sche Bür­ger­initia­ti­ve die Umset­zung des Men­schen­rechts auf Was­ser in Euro­pa for­der­te (und dafür 1 884 790 Unter­schrif­ten erhielt)?

Sicher­lich, das sind Was­ser­zei­chen, ver­schwom­me­ne Gestal­ten im euro­päi­schen myth­s­cape, und nicht zuletzt Hoff­nun­gen. „Hoff­nung“, ist aber „nicht ein Gefühl der Sicher­heit, dass alles gut wird. Hoff­nung ist ein­fach das Gefühl, dass das Leben und die Arbeit eine Bedeu­tung haben“ (Vaclav Havel) — wenn wir die­ser Bedeu­tung gewahr wer­den, beim Geld genau hin­se­hen, und wie­der gemein­sam baden gehen.

Dr. Rafa­el Zieg­ler ist Lei­ter der sozi­al-öko­lo­gi­schen For­schungs­grup­pe GETIDOS und ver­tritt die Pro­fes­sur Umwelt­ethik an der Uni­ver­si­tät Greifs­wald.

wbernhardt