Wir müssen neugierig bleiben – Interview mit Randolf Rodenstock und Nese Sevsay-Tegethoff

Wir müssen neugierig bleiben

Interview mit Randolf Rodenstock und Nese Sevsay-Tegethoff

Anläss­lich der neu­en agora42 WIRTSCHAFT IM WIDERSPRUCH haben wir Ran­dolf Roden­stock (RR) und Nese Sev­say-Tege­t­hoff (NST) vom Roman Her­zog Insti­tut (RHI) zum The­ma eini­ge Fra­gen gestellt.  Das RHI ist ein inter­dis­zi­pli­nä­rer Think Tank, der von baye­ri­schen Arbeit­ge­ber- und Wirt­schafts­ver­bän­den finan­zert wird. Es befasst sich mit gesell­schafts­po­li­ti­schen Fra­gen rund um die Zukunft der Arbeit und der Ethik in der sozia­len Markt­wirt­schaft.

Im Inter­view spre­chen sie über die Ver­än­de­run­gen in Wirt­schaft und Gesell­schaft und deren Bedeu­tung für den Ein­zel­nen.

 

Mit der aktu­el­len Aus­ga­be der agora42 wagen wir die The­se, dass der Wider­spruch ein 
Zei­chen der Zeit ist, dass schein­bar Selbst­ver­ständ­li­ches zuneh­mend zur Dis­kus­si­on steht, gleich ob in Wirt­schaft, Poli­tik oder im pri­va­ten Bereich. Wie erle­ben Sie die Zeit? Gibt es noch kla­re Ori­en­tie­rung?

Dr. Nese Sev­say-Tege­t­hoff (1975) ist Geschäfts­füh­re­rin des Roman Her­zog Insti­tuts. Zuvor arbei­te­te und forsch­te sie bis 2007 am Extra­or­di­na­ri­at für Sozio­öko­no­mie der Arbeit- und Berufs­wel­t­an der Uni­ver­si­tät Augs­burg.

NST: Selbst­ver­ständ­li­ches zu hin­ter­fra­gen und den Sta­tus Quo zur Dis­kus­si­on zu stel­len gehört für mich zu einer frei­en Gesell­schaft. Ich sehe es als Chan­ce an, bewähr­te Denk­mus­ter auf­zu­ge­ben und ande­re Sicht­wei­sen zuzu­las­sen – denn wenn wir nur nach Selbst­be­stä­ti­gung suchen, krei­sen wir um uns selbst und kön­nen uns nicht wei­ter­ent­wi­ckeln.
Das Dilem­ma sehe ich dar­in, dass Gesell­schaf­ten sich wan­deln müs­sen, wir Men­schen uns aber Sta­bi­li­tät wün­schen. Dabei wis­sen wir, dass die Zukunft nie­mals plan­bar ist und immer neue Brü­che und Unsi­cher­hei­ten bereit­hält.
Aktu­ell erle­ben wir Ver­än­de­run­gen auf allen Ebe­nen – in Poli­tik, Wirt­schaft und im pri­va­ten Bereich. Vie­le Men­schen füh­len sich dadurch ver­un­si­chert, was ich gut nach­füh­len kann. Die Suche nach Sinn und Ori­en­tie­rung nimmt viel­fäl­ti­ge Aus­drucks­for­men an, wofür der boo­men­de Markt von Acht­sam­keits­se­mi­na­ren nur ein Bei­spiel ist.
Gleich­zei­tig nei­gen wir dazu, Mythen auf­zu­stel­len. So wird die indi­vi­du­el­le Sinn­su­che sehr schnell mit einer all­ge­mei­nen Wer­te­kri­se gleich­ge­setzt. Die Ver­gan­gen­heit wird ver­klärt, indem man sie im Rück­blick als fest­ge­fügt und bere­chen­bar dar­stellt. Daher wür­de ich auf die Fra­ge, ob es noch kla­re Ori­en­tie­rung gibt, die Gegen­fra­ge stel­len: Gab es denn jemals einen kla­ren Kom­pass in unse­rer moder­nen Gesell­schaft?

 

Prof. Randolf Rodenstock

Prof. Ran­dolf Roden­stock (1948) ist Vor­stands­vor­sit­zen­der des Roman Her­zog Insti­tuts. Zuvor lei­te­te er bis 2003 als per­sön­lich haf­ten­der Gesell­schaf­ter das Fami­li­en­un­ter­neh­men Roden­stock.

RR: Zunächst müs­sen wir uns dar­über klar­wer­den, in wel­cher Gesell­schaft wir eigent­lich leben wol­len. Die­se Fra­ge ist auch rich­tungs­wei­send für unse­re Arbeit am Roman Her­zog Insti­tut. Statt über den soge­nann­ten Wer­te­ver­fall zu kla­gen, soll­ten wir uns fra­gen, was jeder Ein­zel­ne dage­gen tun kann. Ich sehe da beson­ders auch die Wirt­schafts­ver­tre­ter in der Ver­ant­wor­tung, mehr als bis­her öffent­lich Posi­ti­on zu bezie­hen und für demo­kra­ti­sche Wer­te ein­zu­ste­hen. Ange­sichts der Kri­se der west­li­chen Demo­kra­ti­en sind die Wirt­schafts­eli­ten gefor­dert, ihre Stim­me zu erhe­ben gegen euro­pa­feind­li­che, popu­lis­ti­sche und pro­tek­tio­nis­ti­sche Bewe­gun­gen.
Auch mit Blick auf die Arbeits­welt hal­te ich es für sehr wich­tig, über Wer­te nach­zu­den­ken. Künf­tig wer­den vie­le Tätig­kei­ten von „intel­li­gen­ten“ Maschi­nen und Robo­tern aus­ge­übt. Wir müs­sen dar­über ent­schei­den, wel­che Wer­te wir ihnen ein­pro­gram­mie­ren wol­len. Man stel­le sich bei­spiels­wei­se das Dilem­ma vor, wenn ein auto­nom fah­ren­des Auto bei einem unver­meid­li­chen Aus­weich­ma­nö­ver nur die Wahl zwi­schen meh­re­ren mensch­li­chen Zie­len hat. Ange­sichts des rasan­ten tech­no­lo­gi­schen Fort­schritts und der Eigen­dy­na­mik von Auto­ma­ti­sie­rungs­pro­zes­sen kom­men wir nicht umhin, Regeln und Nor­men fest­zu­le­gen und dadurch für grund­le­gen­de Ori­en­tie­rung zu sor­gen. Letzt­lich zählt nicht nur, was mach­bar ist, son­dern auch, wie es umge­setzt wer­den soll.

 

Häu­fig beob­ach­tet man, dass Men­schen mit ihrer Lebens­si­tua­ti­on unzu­frie­den sind – der Job macht einen kaputt, der Part­ner nervt –, sie aber den­noch die­se Situa­ti­on nicht ändern. Wor­an liegt das?

RR: Einer öko­no­mi­schen Theo­rie zufol­ge han­delt der Mensch nach der Modell­vor­stel­lung des homo oeco­no­mi­c­us. Danach opti­miert er sei­ne Ent­schei­dun­gen, indem er stets die ratio­nal bes­te Alter­na­ti­ve aus­wählt. Die Rea­li­tät sieht aber meist anders aus: Wir urtei­len intui­tiv, las­sen uns von Emo­tio­nen lei­ten und tref­fen irra­tio­na­le Ent­schei­dun­gen. Oder wir ver­har­ren in Situa­tio­nen, die uns unzu­frie­den machen, anstatt sie zu ver­än­dern. Die Ver­hal­tens­öko­no­mik lie­fert uns dafür Grün­de: Zum einen nei­gen Men­schen dazu, das bei­be­hal­ten zu wol­len, was sie haben und was ihnen sicher erscheint (sta­tus quo bias). Zum ande­ren füh­len sie sich ange­sichts zu vie­ler Ent­schei­dungs­mög­lich­kei­ten oft über­for­dert. Statt eine Wahl zu tref­fen, ver­blei­ben sie lie­ber in ihrer Aus­gangs­si­tua­ti­on (choice over­load). Die­se bei­den Erklä­rungs­mo­del­le besa­gen: Men­schen wol­len sich im Grun­de nicht ver­än­dern, denn sie haben Angst vor einem Wan­del.

Die­se bei­den Erklä­rungs­mo­del­le besa­gen: Men­schen wol­len sich im Grun­de nicht ver­än­dern, denn sie haben Angst vor einem Wan­del.

 

NST: Wer unzu­frie­den ist mit einer kon­kre­ten Situa­ti­on, muss sich fra­gen, ob er sie aktiv ändern will oder sich mit ihr arran­gie­ren kann. Auch wenn sich bei vie­len Ent­schei­dun­gen erst im Nach­hin­ein her­aus­stellt, ob sie sinn­voll waren oder nicht: Alles beim Alten zu belas­sen, erscheint mir als die schlech­tes­te Opti­on. In Zei­ten hoher Unsi­cher­heit zögern vie­le Men­schen jedoch, Ent­schei­dun­gen zu tref­fen. Sie nei­gen dann dazu, die äuße­ren Umstän­de für ihre Unzu­frie­den­heit ver­ant­wort­lich zu machen. Wer aber zu sehr auf „die Ver­hält­nis­se“ abstellt, gibt sei­ne Selbst­ver­ant­wor­tung und Frei­heit auf. Wir soll­ten uns mehr als Spiel­ma­cher unse­res Lebens anse­hen – und nicht als Spiel­fi­gu­ren.

Wir soll­ten uns mehr als Spiel­ma­cher unse­res Lebens anse­hen – und nicht als Spiel­fi­gu­ren.

Um selbst­be­stimmt zu leben und eigen­ver­ant­wort­lich zu han­deln, ist es auch wich­tig, sei­ner Umge­bung gegen­über kla­re Ansa­gen zu machen. Unre­flek­tiert frem­den Erwar­tun­gen zu fol­gen, führt oft zu Stress. Wenn wir an belas­ten­den Lebens­si­tua­tio­nen nichts ver­än­dern, hängt das schließ­lich auch damit zusam­men, dass wir uns oft von der Zukunft Bes­se­run­gen erhof­fen. Dabei müss­ten wir uns im ers­ten Schritt der Gegen­wart zuwen­den und das Hier und Jetzt gestal­ten.

 

Die­ses Ver­hal­ten auf indi­vi­du­el­ler Eben kann man auch auf gesell­schaft­li­cher Ebe­ne beob­ach­ten – man sieht was schief­läuft, aber not­wen­di­ge Ver­än­de­run­gen will man nicht vor­neh­men. (Bspw. Kero­sin wird nicht besteu­ert, obwohl der Flug­ver­kehr eine Kata­stro­phe für das Kli­ma ist. Ein ent­schlos­se­nes Vor­ge­hen gegen Steu­er­hin­ter­zie­hung sucht man ver­ge­bens. Trotz stei­gen­der Bur­nout Zah­len nimmt der Druck auf den Ein­zel­nen immer wei­ter zu etc.)

RR: Ja, lei­der wird auch auf poli­ti­scher Ebe­ne man­ches unter­las­sen, was drin­gend ange­gan­gen wer­den soll­te. Bei­spiels­wei­se muss die Armuts­ge­fähr­dung von allein­er­zie­hen­den Müt­tern sinn­voll und an der Wur­zel bekämpft wer­den – etwa durch Bil­dungs­för­de­rung sowie mehr Betreu­ungs­ein­rich­tun­gen für Kin­der und den Aus­bau von Ganz­tags­schu­len. Dadurch erhal­ten Allein­er­zie­hen­de die Chan­ce, bes­ser bezahl­te Arbeit anzu­neh­men und der dro­hen­den Armuts­fal­le zu ent­ge­hen.
Ich möch­te auch dar­auf hin­wei­sen, dass obgleich psy­chi­sche Erkran­kun­gen weit­rei­chen­de Fol­gen für die Betrof­fe­nen und ihr Arbeits­um­feld haben, der Ein­fluss von Arbeits­be­din­gun­gen auf die psy­chi­sche Gesund­heit gering ist. Statt­des­sen bele­gen wis­sen­schaft­li­che Stu­di­en, dass vor allem per­so­nen­be­zo­ge­ne und bio­gra­fi­sche Belas­tungs­fak­to­ren das Erkran­kungs­ri­si­ko beein­flus­sen. Belegt ist auch, dass Men­schen ohne Job sehr viel häu­fi­ger als Berufs­tä­ti­ge an Stres­ser­kran­kun­gen lei­den. Ins­ge­samt ist die Arbeits­zu­frie­den­heit bei uns sehr hoch, sie liegt bei 90 Pro­zent und es ist auch bewie­sen, dass gut gestal­te­te Arbeits­be­din­gun­gen wesent­lich auch zum gesund­heit­li­chen Wohl­be­fin­den der Men­schen bei­tra­gen.

Es ist auch bewie­sen, dass gut gestal­te­te Arbeits­be­din­gun­gen wesent­lich auch zum gesund­heit­li­chen Wohl­be­fin­den der Men­schen bei­tra­gen.

 

NST: Jedem ver­ant­wort­li­chen Men­schen müss­te das Wohl zukünf­ti­ger Gene­ra­tio­nen am Her­zen lie­gen und er soll­te dies bei sei­nen Kon­sum­entschei­dun­gen beach­ten. Was den Druck anbe­langt: Wir wis­sen aus Unter­su­chun­gen, dass die kom­men­de Gene­ra­ti­on den Stel­len­wert von Arbeit anders defi­niert als ihre Eltern. Sie strebt nach einer Balan­ce zwi­schen Arbeit und Frei­zeit und ach­tet sehr dar­auf, sich im Job nicht zu ver­aus­ga­ben. Außer­dem müs­sen wir uns auch fra­gen, ob nicht ein gro­ßer Teil unse­rer Belas­tun­gen im All­tag haus­ge­macht ist. Vie­le Men­schen nei­gen dazu, sich immer mehr Auf­ga­ben auf­zu­bür­den. Die 
To-do-Lis­ten sowohl im Beruf­li­chen als auch im Pri­va­ten wer­den immer län­ger. Unse­re hohen Anfor­de­run­gen dür­fen nicht dazu füh­ren, dass wir uns allein über Leis­tung defi­nie­ren und es ver­ler­nen, Gren­zen zu zie­hen. Auch hier möch­te ich dar­auf ver­wei­sen, dass wir nicht Opfer eines über­mäch­ti­gen Sys­tems sind, son­dern die­je­ni­gen sind, die steu­ern.

Auch hier möch­te ich dar­auf ver­wei­sen, dass wir nicht Opfer eines über­mäch­ti­gen Sys­tems sind, son­dern die­je­ni­gen sind, die steu­ern.

 

Gibt es Per­so­nen und/oder Initia­ti­ven, die bereits heu­te durch ihre Arbeit ihre Gedan­ken zei­gen, wie ein gelin­gen­des Mor­gen aus­se­hen kann?

NST: Glück­li­cher­wei­se machen sich dar­über vie­le Men­schen und Insti­tu­tio­nen Gedan­ken. Ich hal­te es für not­wen­dig, dass wir auf allen gesell­schaft­li­chen Ebe­nen mehr über Zukunfts­the­men mit­ein­an­der ins Gespräch kom­men. Es braucht sol­che Foren – wie zum Bei­spiel auch am Roman Her­zog Insti­tut – die Exper­ten aus Wis­sen­schaft und Pra­xis eine Platt­form bie­ten, um über Zukunfts­fra­gen zu dis­ku­tie­ren. Und zwar ohne star­res Schub­la­den­den­ken und außer­halb der Tages­po­li­tik. Denn wenn wir Ent­schei­dun­gen über die Zukunft tref­fen – und dazu sind wir per­ma­nent gefor­dert – dür­fen wir uns nicht von Ideo­lo­gi­en und kurz­fris­ti­gen Inter­es­sen lei­ten las­sen.

Denn wenn wir Ent­schei­dun­gen über die Zukunft tref­fen, dür­fen wir uns nicht von Ideo­lo­gi­en und kurz­fris­ti­gen Inter­es­sen lei­ten las­sen.

Um Zukunfts­sze­na­ri­en zu ent­wer­fen und auf das zu schau­en, was wir künf­tig für ein gelin­gen­des Leben brau­chen, ist eine Viel­falt an Mei­nun­gen und Per­spek­ti­ven nötig. Wir brau­chen eine Kul­tur des Dia­logs.

 

RR: Unab­hän­gig davon, ob wir dem Wan­del auf­ge­schlos­sen oder kri­tisch gegen­über­ste­hen, soll­ten wir uns die Neu­gier auf die Zukunft bewah­ren.

Unab­hän­gig davon, ob wir dem Wan­del auf­ge­schlos­sen oder kri­tisch gegen­über­ste­hen, soll­ten wir uns die Neu­gier auf die Zukunft bewah­ren.

Wich­ti­ger als fer­ti­ge Patent­re­zep­te zu prä­sen­tie­ren, scheint es mir, Fra­gen zu stel­len, mit denen wir schein­ba­re Gewiss­hei­ten ins Wan­ken brin­gen. An die Stel­le gefühl­ter Wahr­hei­ten müs­sen Fak­ten tre­ten. Sie sind essen­zi­ell, um pro­duk­tiv über Zukunfts­ent­wür­fe zu dis­ku­tie­ren.

 

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