Wir werden der Technologie Grenzen setzen müssen – Interview mit Anton Gost

Anläss­lich der Medi­en­part­ner­schaft zwi­schen der agora42 und den Bay­reu­ther Dia­lo­gen führ­ten wir ein Inter­view mit Anton Gost, der zusam­men mit Mar­ga­re­the Fin­ger und Maxi­mi­li­an Schind­ler die dies­jäh­ri­gen Dia­lo­ge lei­tet.

Die 15. bay­reu­ther dia­lo­ge, das Zukunfts­fo­rum für Phi­lo­so­phie, Öko­no­mie und Gesell­schaft, fin­den am 27. & 28. Okto­ber 2018 zum 15. Mal an der Uni­ver­si­tät Bay­reuth statt. Die­ses Jahr geht es um das The­ma Iden­ti­tät im Kon­text von glo­bal agie­ren­den Unter­neh­men, Staa­ten und Bür­gern. Mehr Infor­ma­tio­nen und Tickets gibt es unter bayreuther-dialoge.de.

 

In der aktu­el­len Aus­ga­be der agora42 beleuch­ten wir das The­ma BEFREIUNG. Frei nach Kant ist es unse­re größ­te Frei­heit, uns selbst Geset­ze zu geben – gemein­hin ver­bin­det man aber das Feh­len von Vor­schrif­ten mit Frei­heit. Wo braucht es Ihrer Mei­nung nach wie­der mehr Grenz­zie­hun­gen?

Auch für mich ist Frei­heit ulti­ma­tiv durch das Feh­len von Vor­schrif­ten und ande­ren Hand­lungs­be­schrän­kun­gen defi­niert. Häu­fig sind es aber weni­ger exter­ne als viel­mehr unse­re inter­nen Schran­ken, Trie­be, Emo­tio­nen und Affek­te, die dafür sor­gen, dass wir von ratio­na­lem Han­deln abwei­chen. In sol­chen Situa­tio­nen, wenn wir es nicht schaf­fen uns aus eige­ner Kraft an unse­re Prin­zi­pi­en zu hal­ten, ist es manch­mal sinn­voll, unse­rem Han­deln durch Grenz­zie­hun­gen auf die Sprün­ge zu hel­fen. Das trifft umso mehr zu, wenn es sich dabei um Prin­zi­pi­en han­delt, denen eigent­li­che eine Mehr­heit der Men­schen zustim­men wür­de.

Dies ist zum Bei­spiel im Kon­sum der Fall, wenn wir das Leid von Men­schen und Tie­ren in Kauf neh­men, obwohl wir die Aus­wir­kun­gen unse­rer Hand­lun­gen ratio­nal nega­tiv beur­tei­len wür­den. Da wir die­se Aus­wir­kun­gen nicht voll­stän­dig über­bli­cken und sie nicht unmit­tel­bar vor Augen haben, wei­chen wir von unse­rer ratio­na­len Beur­tei­lung ab. Hier fin­de ich es sinn­voll auf insti­tu­tio­nel­ler Ebe­ne Gren­zen zu set­zen und zum Bei­spiel bestimm­te Pro­duk­ti­ons­wei­sen zu ver­bie­ten. Gera­de im inter­na­tio­na­len Han­del gibt es hier auf­grund der gro­ßen recht­li­chen Dis­kre­pan­zen zwi­schen den inter­agie­ren­den Wirt­schafts­räu­men Hand­lungs­be­darf.

 

Bei den dies­jäh­ri­gen bay­reu­ther dia­lo­gen steht auch das Ver­hält­nis des Men­schen zur künst­li­chen Intel­li­genz im Fokus. Mit­hin geht es auch um die Angst, dass wir uns selbst über­flüs­sig machen. Kommt mit die­ser Angst auch ein Zwei­fel am tech­no­lo­gi­schen Fort­schritt zum Aus­druck – in dem Sin­ne, nicht alles was tech­no­lo­gisch mach­bar ist, soll­te auch getan wer­den?

Uns ist bei den bay­reu­ther dia­lo­gen vor allem wich­tig, dazu anzu­re­gen, sich inten­si­ver mit der­ar­ti­gen Inno­va­tio­nen aus­ein­an­der­zu­set­zen und aus­zu­tau­schen. Nur so kön­nen wir die Grund­la­gen schaf­fen, die nötig sind, um die Vor­tei­le von künst­li­cher Intel­li­genz über­wie­gen zu las­sen. Die Aus­wir­kun­gen der KI auf den Arbeits­markt schei­nen nach den Pro­gno­sen eini­ger Öko­no­men in der Tat besorg­nis­er­re­gend. Wie­der ande­re sagen vor­aus, dass auch bei die­ser tech­ni­schen Revo­lu­ti­on wie­der neue Arbeit ent­ste­hen wird, die die Allein­stel­lungs­merk­ma­le des Men­schen erfor­dert.

Ich bin aller­dings opti­mis­tisch, dass die KI in bei­den Fäl­len Vor­tei­le mit sich brin­gen kann: Fal­len tat­säch­lich vie­le Jobs weg, wird es viel­leicht lang­fris­tig nicht mehr nötig sein, so viel zu arbei­ten wie heu­te, dafür brau­chen wir dann mög­li­cher­wei­se ein bedin­gungs­lo­ses Grund­ein­kom­men und wir müs­sen unse­re Lebens­mo­del­le neu defi­nie­ren. Wenn neue Jobs ent­ste­hen, arbei­ten wir viel­leicht immer noch genau­so viel, ver­rich­ten dann aber Arbei­ten, die uns glück­li­cher machen, da zum Bei­spiel ner­vi­ge „Fleiß­ar­bei­ten“ von Maschi­nen über­nom­men wer­den kön­nen. Die Ver­brei­tung von künst­li­cher Intel­li­genz kön­nen und soll­ten wir nicht auf­hal­ten, denn neben allen Hor­ror­sze­na­ri­en ist auch viel Gutes von der KI zu erwar­ten. Nichts­des­to­trotz wer­den wir den Kom­pe­ten­zen der Tech­no­lo­gi­en Gren­zen set­zen müs­sen, wenn es zum Bei­spiel um mora­li­sche Ent­schei­dun­gen geht. Da wer­den noch eini­ge Her­aus­for­de­run­gen auf uns zukom­men und wir wer­den gera­de dann zei­gen müs­sen, inwie­fern wir uns von den Maschi­nen unter­schei­den.

 

Die bay­reu­ther dia­lo­ge wer­den von Stu­den­ten orga­ni­siert also von Men­schen zwi­schen 18–23 Jah­ren. Wie könn­te man das Selbst­ver­ständ­nis die­ser Per­so­nen beschrei­ben? Sind Sie para­ly­siert ange­sichts der oft pro­kla­mier­ten Alter­na­tiv­lo­sig­keit? Glau­ben Sie noch dar­an, dass eine Welt jen­seits des Kon­sum­ka­pi­ta­lis­mus mög­lich ist?

Vie­le von uns stu­die­ren Phi­lo­so­phy & Eco­no­mics, weil wir in ver­stärk­tem Maße gesell­schaft­li­che Ver­ant­wor­tung über­neh­men wol­len. Ich habe mich zum Bei­spiel vor mei­nem Stu­di­um gefragt, was ich mit mei­nem Leben ein­mal machen möch­te und fand die Vor­stel­lung nicht befrie­di­gend, mich auf lan­ge Sicht nur mit mei­nem eige­nen Lebens­stan­dard zu beschäf­ti­gen. Ich glau­be, dass vie­le von uns zumin­dest dazu bei­tra­gen wol­len, durch ihr Han­deln sozia­le Miss­stän­de zu behe­ben. Wir ver­ste­hen uns dem­nach Men­schen, die zum einen eine gesell­schaft­li­che Ver­ant­wor­tung tra­gen und sich zum ande­ren auch so viel Auto­no­mie und Mün­dig­keit zutrau­en kön­nen, die­se selbst­be­stimmt aus­zu­üben.

Para­ly­siert sind wir dem­nach glau­be ich nicht. Viel­leicht sind wir manch­mal etwas frus­triert, dass es anschei­nend nicht so ein­fach ist, die Welt so zu gestal­ten, wie wir sie uns in unse­rem phi­lo­so­phi­schen Elfen­bein­turm wün­schen wür­den. All­ge­mein wür­de ich aber sagen: Sind wir mit einem „alter­na­tiv­lo­sen“ Zustand unzu­frie­den, über­wiegt bei vie­len die Moti­va­ti­on ihn zu hin­ter­fra­gen und zu ver­än­dern.

Ich weiß nicht, ob wir immer gleich den Kapi­ta­lis­mus als Gan­zes hin­ter­fra­gen müs­sen, da Wachs­tum und freie Märk­te glo­bal gese­hen viel Gutes her­vor­ge­bracht haben. Bei bestimm­ten Aus­prä­gun­gen der Kon­sum­ge­sell­schaft hof­fe ich aller­dings, dass sie nicht alter­na­tiv­los sind. Zum einen tut es uns mensch­lich nicht gut, einem Kon­strukt wie mate­ri­el­lem Wert eine zu gro­ße Bedeu­tung bei­zu­mes­sen, zum ande­ren las­sen wir Natur und Men­schen durch unse­re Maß­lo­sig­keit lei­den. Dar­an müs­sen wir arbei­ten, sowohl auf poli­ti­scher als auch auf indi­vi­du­el­ler, per­sön­li­cher Ebe­ne.

 

Iden­ti­tät wird oft an gesell­schaft­li­chen Bil­dern aus­ge­rich­tet. Sind die gesell­schaft­li­chen Bil­der, an denen wir uns heu­te ori­en­tie­ren (Erfolg durch Leis­tung, Wachs­tum, Fort­schritt), Ihrer Mei­nung nach die rich­ti­gen, um den sozia­len und öko­lo­gi­schen Her­aus­for­de­run­gen ange­mes­sen begeg­nen zu kön­nen? Was wäre ein Set an Bil­dern an denen wir unse­re Iden­ti­tä­ten aus­rich­ten soll­ten?

Ich glau­be, es ist etwas grund­le­gend Mensch­li­ches sich ste­tig wei­ter­ent­wi­ckeln zu wol­len, wes­halb Wachs­tum und Fort­schritt mei­ner Ansicht nach tat­säch­lich alter­na­tiv­los sind. Prin­zi­pi­ell ist das auch auf sozia­ler und öko­lo­gi­scher Ebe­ne kein Pro­blem, so lan­ge wir immer die gesam­te Wohl­fahrt im Blick haben. Das ist genau wor­an es lei­der häu­fig hapert: Es ist noch zu oft mög­lich, sich auf dem Rücken der Gesell­schaft und Umwelt zu berei­chern.

Per­sön­li­che Wei­ter­ent­wick­lung und damit auch Fort­schritt ist durch­aus ein Prin­zip, an dem man sich ori­en­tie­ren kann, viel­leicht sogar soll­te. Nur soll­ten wir unse­ren Erfolg nicht aus­schließ­lich anhand unse­res Ein­kom­mens bemes­sen, son­dern ande­re „wei­che“ Fak­to­ren mit ein­be­zie­hen. Koope­ra­ti­on ist ein wei­te­res wich­ti­ges Prin­zip. Wir soll­ten unse­re Zie­le mit Rück­sicht auf ande­re und vor allem mit ande­ren zusam­men ver­fol­gen. Wenn ein grö­ße­res Bewusst­sein für sol­che sozia­len Fak­to­ren geschaf­fen wird und die Gesell­schaft ver­ant­wor­tungs­vol­lem Han­deln eine noch grö­ße­re Aner­ken­nung ent­ge­gen­bringt, ist ein ers­ter Schritt getan.

 

 

wbernhardt