Wohlstand oder Stolz. Endet der Kapitalismus?

Wohlstand oder Stolz. Endet der Kapitalismus?

von Bir­ger Prid­dat

Birger Priddat

Bir­ger Prid­dat ist Seni­or­pro­fes­sor für Wirt­schaft und Phi­lo­so­phie an der pri­va­ten Uni­ver­si­tät Witten/Herdecke. Herr Prid­dat ist Mit­her­aus­ge­ber der ago­r­a42. Pro­fes­sor

Make Ame­ri­ca great again’? Ame­ri­ka soll wie­der groß gemacht wer­den, so dass alle stolz auf es sein kön­nen. Zugleich aber soll es auch wach­sen, d.h. höhe­ren Wohl­stand erlan­gen. Was nun aber?

Wenn Trump sei­nen Pro­tek­tio­nis­mus durch­setzt, bedeu­tet es, dass vie­le Güter teu­er wer­den. Und ob die Staats­sub­ven­tio­nen, die Trump vor­hat, län­ger­fris­tig Arbeits­plät­ze schaf­fen, ist unge­wiss, zumal die digi­tal revo­lu­ti­on mas­siv wei­ter­hin Arbeits­plät­ze ein­spa­ren wird. Es ist unklar, ob Trump über­haupt die digi­ta­le Trans­for­ma­ti­on auf dem Schirm hat. So bleibt die Fra­ge, ob man dafür, dass man auf sein Land wie­der stolz sein kann, bereit ist, an Wohl­stand ein­zu­bü­ßen.

Der Traum, dass alle Ame­ri­ka­ner wie­der gut ver­die­nen – wie in den 50i­ger und 60i­ger Jah­ren des vor­he­ri­gen Jahr­hun­derts – wird der Ernüch­te­rung wei­chen, dass der Wohl­stand eher noch mehr sin­ken könn­te. Ein paar alte Berg- und Stahl­wer­ke wer­den, hoch­sub­ven­tio­niert, auf­ge­mö­belt, aber die Digi­ta­li­sie­rung baut wei­ter­hin mehr und mehr Arbeits­plät­ze ab. Nicht nur im ‚Rost Belt’. Und die gro­ßen Sharing-Kon­zer­ne (Uber, Airnb etc.) drü­cken die Löh­ne mehr und mehr, so dass die Leu­te trotz Beschäf­ti­gung ärmer wer­den.

Ob dann noch das Gefühl der Würde reicht? Möglichweise ja.

Wir haben es mit einem neu­en Phä­no­men zu tun: in Russ­land ver­armt die Bevöl­ke­rung mas­siv, aber alle glau­ben, dass Russ­land ein star­ker Staat sei, den vie­le ande­re fürch­ten. Auf den man des­halb stolz sein kann. In der Tür­kei schäumt ein Natio­na­lis­mus hoch, der par­al­lel mit einer wirt­schaft­li­chen begin­nen­den Sta­gna­ti­on ver­läuft, vor allem aber mit einem Demo­kra­tie­ab­bau ein­her­geht. Ähn­li­ch in den ara­bi­schen Län­dern, die durch­weg nicht in der Lage sind, ihre Wirt­schafts­ge­sell­schaf­ten zu ent­wi­ckeln. Man wen­det sich gegen den Wes­ten, den man bewun­dert, des­sen mate­ri­el­len Wohl­stand man aber ver­ach­tet und die eige­ne Wür­de – als Ara­ber, als Mus­li­me – hoch­hält. Der Dschi­ha­dis­mus ist die Extrem­form die­ser Hal­tung: die Wür­de so hoch zu erach­ten, dass man lie­ber in Armut lebt und die west­li­che Kul­tur bekämpft. In Euro­pa wer­den in Eng­land, Polen, Frank­reich etc. die natio­na­len Stolz­hei­ten hoch­ge­fah­ren. Auch in Deutsch­land haben wir Ten­den­zen, natio­na­lis­ti­sch und völ­ki­sch zu den­ken: stolz auf Deutsch­land sein.

Der ent­schei­den­de Punkt ist nicht der Stolz – war­um soll man den nicht haben, wenn man gleich­zei­tig des­halb nicht ande­re dis­kre­di­tiert? -, son­dern die damit ver­bun­de­nen ein­sei­ti­gen wirt­schaft­li­chen Maß­nah­men, der Pro­tek­tio­nis­mus und die Re-Natio­na­li­sie­rung, die den aus der Glo­ba­li­sie­rung gewon­ne­nen Wohl­stand zurück­fal­len las­sen wer­den. Was mag das für Stolz sein, der dar­auf beruht, sein Land abzu­schot­ten, um ‚unter sich’ zu blei­ben? Eine Art von cocoo­n­ing (wie es im Pri­vat­le­ben auch zunimmt).

Zitat PriddatSind wir ans Ende der Wohl­fahrts­ge­sell­schaft gelangt, gar ans Ende des Kapi­ta­lis­mus, den Adam Smith als Prin­zip ‚to hig­her the com­fort of life’ beschrieb? In den Lec­tures of Juris­pru­den­ce stell­te Smith zur Wahl: vir­tu­es or wealth. Das Prin­zip der neu­en Poli­ti­schen Öko­no­mie um 1776 lau­te­te: weni­ger den Tugen­den fol­gen, dafür mate­ri­ell bes­ser leben. Eben die­ses Kon­zept scheint an sein Ende gera­ten zu sein, wenn man den Stolz bzw. die Wür­de höher ver­an­schlagt als die wirt­schaft­li­che Pro­spe­ri­tät. Der Test für den Kapi­ta­lis­mus lau­tet: sind die Trump-Wäh­ler gewillt, den vom Prä­si­den­ten geschür­ten Patrio­tis­mus höher zu schät­zen als die Ent­täu­schung, die sie erei­len wird, wenn die Arbeits­plät­ze noch gerin­ger wer­den (statt mehr)?

Mög­li­cher­wei­se geht der Kapi­ta­lis­mus zu Ende, jeden­falls der Kapi­ta­lis­mus, der Wohlstand-/ Wohl­fahrt- und Zivi­li­sa­ti­ons­ent­wick­lung par­al­lel lau­fen las­sen konn­te. Wenn wir zulas­sen, dass wir popu­lis­ti­sch genähr­te auto­kra­ti­sche Poli­ti­ken bekom­men, wer­den wir uns mit Ideo­lo­gi­en begnü­gen müs­sen, bei sin­ken­den Ein­kom­men. Wir wer­den ‚tugend­haft’ ärmer. Das aber ist eine Grö­ße, an die man wahr­schein­li­ch nicht dach­te, als man ‚Ame­ri­ca great’ hoff­te. Zur kul­tu­rel­len Ver­ar­mung durch Ideo­lo­gi­sie­rung kommt die wirt­schaft­li­che durch pro­tek­tio­nis­ti­sche Ver­teue­rung.

 

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Der Tex­te ist zuer­st auf der Home­page von Herrn Prid­dat erschie­ne­ne.

wbernhardt