Wie wollen wir 2048 leben? Wie werden wir wohnen, arbeiten, essen, uns fortbewegen? Wie können wir eine Zukunft gestalten, die gerecht und ökologisch ist? In der Rubrik ZUKUNFT FÜR ALLE erkunden wir in Kooperation mit dem Konzeptwerk Neue Ökonomie Wege zu neuen Wirtschafts- und Lebensweisen jenseits der kapitalistischen Wachstumsgesellschaft. Das Konzeptwerk Neue Ökonomie e. V. setzt sich für eine soziale, ökologische und demokratische Wirtschaft und Gesellschaft ein. Es eröffnet Bildungs- und Austauschräume rund um Themen des sozialökologischen Wandels und will zeigen, dass alternative Wirtschaftsformen schon heute existieren und als Anknüpfungspunkte für diesen Wandel dienen.
Die Hoffnung auf eine lebenswerte Zukunft in einer intakten Umwelt und einem funktionierenden demokratischen System, in dem wir gut versorgt leben können, schwindet mehr und mehr. Wer noch Nachrichten liest oder Radio hört wird stündlich von den neusten Meldungen über Krieg, Aufrüstung, Umweltkatastrophen und dem scheinbar beständig ansteigenden Zuspruch für rechte bis konservative Parteien konfrontiert. Zukunftsängste sind insbesondere bei jüngeren Generationen so ausgeprägt wie seit dem Kalten Krieg nicht mehr. Bisher begegnen uns als Reaktion darauf aber eher Ratschläge wie etwa mit dem Meditieren zu beginnen oder eine Therapie zu machen. Vorschläge wie ein kollektive Umgang mit diesen sehr realen Ängsten aussehen könnte, sind rar. Es entsteht unweigerlich der Eindruck, dass wir mit unseren Zukunftsängsten alleine klar kommen müssen, wenn wir nicht in der Lage sind, sie einfach zu verdrängen. Menschen in Regierungsverantwortung scheinen vor allem mit ihrem Machterhalt und der Erhöhung unserer wöchentlichen Arbeitszeit beschäftigt und weniger an einer sozial-ökologischen Transformation unserer Gesellschaft interessiert zu sein. Gleichzeitig herrscht eine immer offener zu Tage tretende Ratlosigkeit darüber wie diese positive Zukunft innerhalb der Klimakrise überhaupt aussehen könnte.
Wir müssen uns also wie so oft selber darum kümmern, dass wir die Hoffnung auf ein gutes Leben und eine lebenswerte Zukunft nicht verlieren. Denn klar ist, viele von uns haben mit climate anxiety (Klima-Angst) zu kämpfen, deren Symptomatik unter anderem Hoffnungslosigkeit ist. Wie viele von uns tatsächlich davon betroffen sind und welche Auswirkungen diese Ängste und die damit einhergehende Hoffnungslosigkeit haben, ist mir in den letzten Monaten vor allem auch auf Reisen bewusst geworden: Menschen kämpfen mit Depressionen, zwischenmenschliche Beziehungen leiden darunter und politische Projekte zerreiben sich zwischen der Resignation der einen und dem panischen Arbeiten-bis-zum-Burnout der anderen. Diesen Menschen trotz der extremen Dringlichkeit der Klimakrise und den im Hier und Jetzt stattfindenden Zerstörungen von Krieg und Vertreibung zu raten, Pausen zu machen und zu entschleunigen, fühlt sich an vielen Stellen unmöglich an. Trotzdem – oder gerade deshalb – habe ich eine fünfmonatige Auszeit genommen und mich an diesen Ratschlag von Edward Abbey gehalten: „Do not burn yourselves out. Be as I am – a reluctant enthusiast, a part-time crusader, a half-hearted fanatic. Save the other half of yourselves and your lives for pleasure and adventure. It is not enough to fight for the land; it is even more important to enjoy it. While you can. While it’s still here.“
Eine Etappe dieser Reise war die Teilnahme an einem Ulex-Training in den Pyrenäen. In diesen Trainings werden Aktivist*innen aus soziale und ökologische Bewegungen aus ganz Europa fortgebildet und vernetzt. In meinem Ulex-Training habe ich den action-learning-cycle kennengelernt. Nach Planung und Durchführung kommt eine Zeit der Erholung und der Reflektion bevor es in die Analyse und zu der erneuten Planung kommt. Diese Form des Innehaltens ist in der politischen Arbeit vieler Menschen nicht vorgesehen. Zwei Wochen Urlaub genügen wenn überhaupt nur um sich oberflächlich zu erholen. Um über größere Prozesse zu reflektieren, braucht es deutlich mehr Zeit. Glücklicherweise nimmt die Verbreitung von Sabbaticals auch in Deutschland mittlerweile zu.
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Alleine einen langen Küstenwanderweg zu gehen und all den Gedanken und Gefühle einmal uneingeschränkt Raum zu geben, war ein Schritt, der zumindest für mir sehr geholfen hat, in dem unablässigen Rasen unseres Alltags einmal Luft zu holen und Dinge zu verarbeiten, loszulassen und zu betrauern. Meine Begleitung hierbei waren Bücher, in denen es unter anderem darum ging, wie wir die Hoffnung nicht verlieren. Hospicing Modernity, die Parabels-Serie von Octavia Butler und Active Hope von Joanna Macy haben mir eine Auseinandersetzung mit den großen Zukunftsfragen ermöglicht, die nicht selten zu angeregte Diskussionen in den Hostels und Öko-Projekten, die ich besucht habe, und sogar beim Zugfahren geführt haben. Für einige meiner Gesprächspartner*innen war es das erste Mal, dass sie ausführlich über ihre Zukunftsängste gesprochen haben und sich mit den systemimmanenten Ursachen beschäftigt haben.
In Hospicing Modernity vertritt die Autorin Vanessa Machado de Oliveira die These, dass es unsere derzeitige Aufgabe ist, einer dystopischen Welt Sterbebegleitung zu leisten und dass diese Welt grade in uns und um uns herum stirbt. Das tut weh und die Lektüre ist nicht immer einfach. Die dystopischen Science-Fiction-Klassiker von Octavia Butler dazu zu lesen, macht die intellektuelle Aushandlung mit einer Zukunft der multiplen Krisen auch nicht leichter. Aber es ist auch befreiend, den Tatsachen einmal ungeschminkt ins Auge zu blicken. Octavia Butlers hat die Parables-Serie bereits in den 1980er Jahren geschrieben, aber es ist kein Zufall, dass sie grade jetzt ein solches Revivial erfahren, wo Trump wieder Präsident ist. Es lässt sich einiges daraus lernen wie Menschen in einer noch weitaus dystopischeren Welt als der unseren solidarische Beziehungsweisen und Überlebensstrategien finden.

Aber was tun, wenn man grade keine Auszeit nehmen, reisen, nachdenken, lesen, diskutieren und in Permakulturgärten mulchen kann?
Man kann zum Beispiel ins Klima-Kollaps-Café gehen. Das ist als online-Café ein emotionaler Schutzraum, um die Verarbeitung der teils traumatisierenden Krisenerfahrungen zu unterstützen. Sogar mein feministischer Kickbox-Verein bietet mittlerweile monatliche Resilience and Resistance–Nachmittage an, wo wir einen gemeinsamen Austauschraum haben und Körperübungen lernen, um mit der Überforderung und dem Schmerz besser klar zu kommen. Solche Räume lassen sich mit der Unterstützung von Psycholog*innen, traumasensiblen Körperarbeiter*innen oder anderweitig dafür ausgebildeten Menschen auch selber eröffnen. Unter anderem die Psychologists For Future bieten regelmäßige Sprechstunden und Workshops zu diesem Thema an.
Auch wir als Konzeptwerk machen Angebote um in Zeiten der globalen Krisen Halt zu geben und einen aktiven Umgang mit der Klimakrise zu finden. In unserer aktuellen Fortbildungsreihe „Was hält die Welt zusammen?“ geht es unter anderem um „Gerechte Zukünfte, Utopien & Gutes Leben“ oder wie wir mit unseren Emotionen und unseren Körpern arbeiten können, um Kraft und Handlungsfähigkeit innerhalb der Krisen zu spüren. Wir freuen uns auf euch!
Dieser Text ist zuerst in der Ausgabe 03/2025 HOFFNUNG erschienen. Die ganze Ausgabe zum Thema HOFFNUNG gibt es in unserem Shop.
Dieser Artikel ist von
Mascha Schädlich ist Klimaaktivistin und Feministin und arbeitet im Konzeptwerk Neue Ökonomie zu gesellschaftlichen Utopien und Klimagerechtigkeit.