Drei Schritte zur Einfachheit von Dieter Brandes

Drei Schritte zur Einfachheit

Inter­view mit Die­ter Bran­des

 

 

Anlässlich der neuen agora42 EINFACH LEBEN haben wir ausgewählten Personen zum Thema ein paar Fragen gestellt. Hier die Antworten von Dieter Brandes, Inhaber des Instituts für Einfachheit. Er spricht über das Marketingkonzept “Simplify-your-life”, den Verzicht auf Überflüssiges und die drei Schritte zur Einfachheit …

 

Herr Bran­des, gibt es das ein­fa­che Leben wirk­lich? Oder ver­birgt sich hin­ter dem „Sim­pli­fy-your-life“ nur ein ren­ta­bles Mar­ke­ting­kon­zept?

Das „ein­fa­che Leben“ im Sin­ne von dem, was wirk­lich unter dem Begriff „Ein­fach­heit“ zu ver­ste­hen wäre, gibt es natür­lich nicht. Aber es kann ein Leben för­dern, das ein­fa­cher gestal­tet wird. Ein­fach­heit mag zwar gut zu ver­ste­hen oder zu begrei­fen sein, es zu prak­ti­zie­ren ist aber meist nicht leicht. Ein­fach­heit, wie ich sie ver­ste­he, ist ja nicht eine neue Wis­sen­schaft, Phi­lo­so­phie oder Reli­gi­on. Ein­fach­heit soll nur leich­ter mög­lich machen, dass Absich­ten, Hand­lun­gen und Sys­te­me über­haupt funk­tio­nie­ren und zudem noch mög­lichst effi­zi­ent sind. Dar­über hin­aus schafft Ein­fach­heit fast immer eine Ori­en­tie­rung in der kom­ple­xen Umwelt. Das „Sim­pli­fy-your-life“ ist ein pas­sen­der Bei­trag zum ein­fa­chen Leben und zudem sicher inzwi­schen auch ein net­tes Mar­ke­ting­kon­zept.

 

Big Data und intel­li­gen­te Algo­rith­men sind gera­de in aller Mun­de. Die Hoff­nung ist, dass die Tech­nik in Zukunft „mit­denkt“ und das Leben ver­ein­fa­chen wird. Tei­len Sie die­se Hoff­nung?

Die­ter Bran­des war Geschäfts­füh­rer des Ver­wal­tungs­rats von Aldi Essen sowie der Unter­neh­mens­grup­pen Asko/Metro, Coop und Wen­deln. Heu­te ist er Bera­ter für Stra­te­gie und Orga­ni­sa­ti­on und Grün­der des Insti­tuts für Ein­fach­heit.

Nein. Daten sind oft Hilfs­mit­tel zum Ver­ständ­nis bestimm­ter Erschei­nun­gen. Ent­schei­dend allein bleibt zunächst die intel­li­gen­te Fra­ge zu bestimm­ten The­men oder Erschei­nun­gen. Danach mag man Daten zur Beant­wor­tung und zur Unter­stüt­zung eines bes­se­ren Ver­ständ­nis­ses her­an­zie­hen. Was meint man mit Kapi­ta­lis­mus? Was meint man mit einer Fehl­ent­wick­lung, mit Spe­ku­la­ti­ons­bla­sen etc.?

 

Was macht das Leben wirk­lich ein­fa­cher?

Bes­ser zu fra­gen wäre viel­leicht: Wie macht man das Leben ein­fa­cher? Dazu emp­feh­le ich drei Schrit­te.

Ers­tens: Wirk­lich ver­ste­hen, was Kom­ple­xi­tät ist. Hier in Kurz­form und etwas abs­trakt: vie­le Ele­men­te, die viel­fach mit­ein­an­der ver­bun­den sind, schaf­fen Kom­ple­xi­tät. Es geht dar­um, größt­mög­li­che Klar­heit zu gewin­nen dar­über, was man will, was das Ziel oder die Absich­ten sind. Das erfor­dert eine oft fast aske­ti­sche Bereit­schaft zum Ver­zicht auf Über­flüs­si­ges und Neben­säch­li­ches.

Hat man das geklärt, soll­te man im zwei­ten Schritt prü­fen, wor­auf man bei die­sen Zie­len viel­leicht doch noch ver­zich­ten kann. Dabei geht es nicht dar­um, so viel wie irgend mög­lich zu strei­chen, son­dern das Wesent­li­che in den Blick zu neh­men. Hier hilft ein guter Satz des ame­ri­ka­ni­schen Desi­gners Mil­ton Gla­ser: „Not less is more but just enough is more“.

Im drit­ten Schritt schließ­lich kann man die immer noch vor­han­de­ne Rest­kom­ple­xi­tät zu beherr­schen ver­su­chen durch eine klu­ge Gestal­tung der Akti­vi­tä­ten und Ver­fah­ren oder Vor­ge­hens­wei­sen. Das nen­ne ich Orga­ni­sa­ti­on mit Hil­fe von Dezen­tra­li­sa­ti­on, Über­tra­gung von Ver­ant­wor­tung und Ver­trau­en auf ande­re. Aber auch mit Kon­trol­le, wie das alles klappt. Schließ­lich pas­sen hier auch die wich­tigs­ten Schrit­te der Evo­lu­ti­on: „Ver­such und Irr­tum“. An klei­nen Akti­vi­tä­ten mit gerin­gen Risi­ken ein­fach mal etwas aus­pro­bie­ren.
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Die aktu­el­le agora42 zum The­ma EINFACH LEBEN ver­schi­cken wir ver­sand­kos­ten­frei. Lesen Sie span­nen­de Bei­trä­ge u.a. von Robert Pfal­ler (“Das nack­te und das gute Leben”), Ulri­ke Gué­rot (“Euro­pa ein­fach machen – ein­fach Euro­pa machen”), Frank Ruda (“Ein­fach nicht ein­fach”) und Mads Pan­kow (“End­lich wei­ter­ma­chen – Wer kei­ne Uto­pi­en hat, dem bleibt nur die Zukunft.”)

 

 

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Zwischen Himmel und Hölle – Rafael Capurro im Interview

Zwischen Himmel und Hölle

Inter­view mit Rafa­el Capur­ro

Rafa­el Capur­ro ist Infor­ma­ti­ons­ethi­ker und Phi­lo­soph. Mit agora42 sprach er über das In-der-Cyber­welt-sein, die engels­ar­ti­ge Vor­stel­lung vir­tu­el­ler Intel­li­gen­zen, den digi­ta­len Daten-Kapi­ta­lis­mus des 21. Jahr­hun­derts, das Recht Din­ge ver­ber­gen zu dür­fen und die Chan­ce der Zivil­ge­sell­schaft sich digi­tal-poli­tisch zu orga­ni­sie­ren.

 

Herr Capur­ro, vor 20 Jah­ren haben Sie die The­se auf­ge­stellt, dass sich im Zuge der Digi­ta­li­sie­rung eine vir­tu­el­le Welt her­aus­bil­den wird, die für uns bedeu­ten­der als die rea­le Welt wer­den könn­te. Woher rühr­te die­se Begeis­te­rung fürs Vir­tu­el­le?

Damals herrsch­te eine Auf­bruch­stim­mung: Beson­ders die Erfin­dung des Inter­nets und spä­ter des World Wide Web hat alle begeis­tert. John Per­ry Bar­low rief 1996 die Decla­ra­ti­on of the Inde­pen­dence of Cyber­space aus. Der Cyber­space erschien vie­len als ein vir­tu­el­ler Raum, der nichts mit der mate­ri­el­len Welt zu tun hat. Dabei war die vir­tu­el­le Welt natür­lich gar nicht so unab­hän­gig von der mate­ri­el­len Welt, wie es den Anschein mach­te: Der Com­pu­ter, die bits wie auch die mathe­ma­ti­schen Sym­bo­le 0/1, die in das elek­tro­ma­gne­ti­sche Medi­um ein­ge­prägt wer­den, die­ses Medi­um also „in-for­mie­ren“ – das ist alles Ener­gie und Mate­rie. Aber das wur­de aus­ge­blen­det. Man war fas­zi­niert vom Imma­te­ri­el­len.

Das Gan­ze hat­te etwas Meta­phy­si­sches: Es ging um die Erret­tung des Men­schen aus der schnö­den Welt hier unten und das Empor­stei­gen in die Höhen des Cyber­space. Eine gan­ze Gene­ra­ti­on hat das zu Beginn so erlebt. Damals dach­ten wir wirk­lich, es gäbe zwei getrenn­te Wel­ten, eine vir­tu­el­le und eine mate­ri­el­le.

 

Kön­nen Sie die Fas­zi­na­ti­on des Imma­te­ri­el­len genau­er beschrei­ben?

Das Inter­net erweck­te den Ein­druck, als kön­ne man sich von Raum, Zeit und Mate­rie lösen, als kön­ne man an ver­schie­de­nen Orten gleich­zei­tig sein. Wir bewe­gen uns hier wie­der im Bereich der Meta­phy­sik, in einer Welt des Jen­seits, in der die Kate­go­ri­en des Dies­seits – Raum, Zeit und Mate­ria­li­tät – nicht gel­ten. So dach­te ich damals, die Unter­schei­dung von Mate­rie und Geist wür­de in der Tren­nung von Hard­ware und Soft­ware wie­der auf­tau­chen. Ich habe Soft­ware sogar mit der mate­rie­lo­sen Seins­wei­se von Engeln (vom Grie­chi­schen ange­los = Bote) ver­gli­chen – also mit der mit­tel­al­ter­li­chen Vor­stel­lung engels­glei­cher, von der Mate­rie getrenn­ter Intel­li­gen­zen. Intel­li­gen­tiae sepa­ra­tae war der Begriff, den die mit­tel­al­ter­li­chen Phi­lo­so­phen dafür gebrauch­ten. Ist Soft­ware in die­sem Sin­ne nicht kör­per­los? Ist das In-der-Cyber­welt-sein nicht bei­na­he engels­ar­tig? Ich dach­te, dass die Lücke, die der Ver­fall der Reli­gio­nen und der Meta­phy­sik hin­ter­las­sen hat­te und die nicht mehr durch engels­glei­che Boten zwi­schen Gott und dem Men­schen aus­ge­füllt wird, durch das In-der-Cyber­welt-sein geschlos­sen wer­den könn­te.

 

Ist Soft­ware in die­sem Sin­ne nicht kör­per­los? Ist das In-der-Cyber­welt-sein nicht bei­na­he engels­ar­tig?”

 

War das Inter­net so etwas wie ein moder­ner Gott?

Nein, denn wir haben es selbst erschaf­fen. Das macht den tech­no­lo­gi­schen Mythos doch gera­de aus: Wir schaf­fen selbst eine Intel­li­genz, die in man­cher Hin­sicht mäch­ti­ger ist als die mensch­li­che, aber nicht gött­lich. Das führ­te auch zu der Fra­ge: Wie bestim­men wir uns selbst in der digi­ta­len Moder­ne? Im Mit­tel­al­ter wur­de der Mensch als ein Grenz­we­sen defi­niert, das zwi­schen dem Geis­ti­gen und dem Ani­ma­li­schen steht und sich sowohl durch sei­ne tie­ri­sche Her­kunft als auch durch sei­nen gött­li­chen Geist defi­niert. Im 19. Jahr­hun­dert war aber im Abend­land von Gott und Engeln nicht mehr viel übrig geblie­ben. Nach unten konn­ten wir uns über die Evo­lu­ti­on, das heißt unse­re tie­ri­schen Wur­zeln defi­nie­ren. Nach oben aber war nichts mehr da, wor­an wir uns ori­en­tie­ren konn­ten. Da kam die Vor­stel­lung eines Cyber­space wie geru­fen – eine vir­tu­el­le Intel­li­genz, die über uns steht, die wir tech­no­lo­gisch erschaf­fen und die nicht theo­lo­gi­scher Her­kunft ist. Ähn­lich war im Mit­tel­al­ter die phi­lo­so­phi­sche Funk­ti­on der Engel: Der Ver­gleich zwi­schen Gott und Mensch war per defi­ni­tio­nem nicht mög­lich, weil Gott das Unver­gleich­ba­re ist; also muss­te man nach etwas suchen, was zwi­schen Gott und dem Men­schen steht, was uns nicht gleicht, aber trotz­dem nicht so weit weg von uns ist wie Gott.

 

Der Engel ist vom Kör­per befreit. Ist das nicht auch die Vor­stel­lung, die dem berühm­ten Gedan­ken­ex­pe­ri­ment „Gehirn im Tank“ zugrun­de liegt?

Ein Grin­sen ohne Kat­ze ist wie ein Den­ken ohne Kör­per.”

Genau. Der fran­zö­si­sche Phi­lo­soph Jean-François Lyo­tard hat die Fra­ge gestellt, ob man ohne Kör­per den­ken kann. Wow, was für eine Fra­ge! Das riecht stark nach Engel! Aber als leib­li­che Wesen kön­nen wir uns ein Den­ken ohne Kör­per nicht vor­stel­len. Lewis Car­roll erzählt in Ali­ce in Wun­der­land die schö­ne Geschich­te von der Grin­se-Kat­ze, die lang­sam ver­schwin­det: „‚So etwas!’ dach­te Ali­ce; ‚ich habe schon oft eine Kat­ze ohne Grin­sen gese­hen, aber ein Grin­sen ohne Kat­ze! Das ist doch das Aller­selt­sams­te, was ich je erlebt habe!’“ Ein Grin­sen ohne Kat­ze ist wie ein Den­ken ohne Kör­per.

 

Von der anfäng­li­chen Begeis­te­rung für die unbe­grenz­ten Mög­lich­kei­ten des Inter­nets ist aller­dings nicht viel übrig geblie­ben, oder?

Mit dem Auf­kom­men des World Wide Web hat­te man geglaubt – und eini­ge glau­ben das auch heu­te noch –, eine Super­in­tel­li­genz schaf­fen zu kön­nen, die uns ein neu­es Mit­ein­an­der ermög­licht. Die gan­ze Welt soll­te vom Netz über­zo­gen sein und von der digi­ta­len Gesell­schaft pro­fi­tie­ren, alles soll­te geteilt wer­den kön­nen, nichts soll­te etwas kos­ten. Tat­säch­lich ist in kur­zer Zeit unglaub­lich viel pas­siert: Nach­rich­ten wur­den plötz­lich nicht mehr one-to-many ver­teilt, das heißt aus­ge­hend von zen­tra­len Insti­tu­tio­nen wie den Mas­sen­me­di­en oder dem Staat an alle ande­ren, son­dern jeder konn­te many-to-many oder few-to-many oder few-to-few messa­ges ver­tei­len.

Dann ist es aber schnell ans Ein­ge­mach­te gegan­gen: Gro­ße Kon­zer­ne wit­ter­ten Macht und Geld und besetz­ten alle digi­ta­len Kanä­le. Heu­te bestim­men Zucker­berg, Goog­le, Ama­zon & Co. was im Inter­net gesagt wer­den darf und was nicht. Es ist eine halb-öffent­li­che Moral ent­stan­den, die sich um demo­kra­ti­sche Regeln und Ver­fah­ren nicht schert. Wenn ich die Erwar­tun­gen und Hoff­nun­gen, die ich vor zwan­zig Jah­ren hat­te, mit den heu­ti­gen Gege­ben­hei­ten ver­glei­che, ist das, als ob sich der Him­mel in die Höl­le ver­wan­delt hät­te. Denn die Höl­le haben wir nun offen­bar: Über­wa­chungs­ge­sell­schaft, Geheim­diens­te, Big Data etc. Das alles kam in den letz­ten Jah­ren wie eine Lawi­ne über uns und zer­stör­te die Träu­me der 90er-Jah­re. Was machen wir jetzt? Dar­auf haben wir noch kei­ne halb­wegs ver­läss­li­che Ant­wort. Der Staat ist gegen­über den digi­ta­len Rie­sen ziem­lich macht­los und die Fir­men küm­mern sich um ihren Pro­fit. Wir kön­nen nicht erwar­ten, dass die IT-Gigan­ten sich um das Wohl der Mensch­heit küm­mern: Wel­ches Unter­neh­men wür­de schon ein gutes Geschäft aus­schla­gen? Die rules of fair play müs­sen stets im Diens­te des Pro­fits ste­hen.

 

Wir kön­nen nicht erwar­ten, dass die IT-Gigan­ten sich um das Wohl der Mensch­heit küm­mern: Wel­ches Unter­neh­men wür­de schon ein gutes Geschäft aus­schla­gen?”

 

Rafa­el Capur­ro wur­de 1945 in Uru­gu­ay gebo­ren. Er stu­dier­te Geis­tes­wis­sen­schaf­ten und Phi­lo­so­phie in Chi­le und Argen­ti­ni­en als Mit­glied des Jesui­ten­or­dens (1963–1970) und erlang­te 1971 den Grad eines Lizen­ti­ats der Phi­lo­so­phie an der Uni­ver­si­dad del Sal­va­dor (Bue­nos Aires). Nach sei­nem Aus­tritt aus dem Jesui­ten­or­den stu­dier­te er Doku­men­ta­ti­on am Lehr­in­sti­tut für Doku­men­ta­ti­on in Frank­furt am Main (1972–1973). Es folg­te die Pro­mo­ti­on in Phi­lo­so­phie an der Uni­ver­si­tät Düs­sel­dorf (1978). 1986 wur­de er zum Pro­fes­sor für Infor­ma­ti­ons­wis­sen­schaft an der Stutt­gar­ter Hoch­schu­le der Medi­en beru­fen, wo er bis 2009 auch Infor­ma­ti­ons­ethik lehr­te. Von 2000 bis 2010 war er Mit­glied der Euro­pean Group on Ethics in Sci­ence and New Tech­no­lo­gies (EGE) der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on. Seit 2007 enga­giert sich Capur­ro ins­be­son­de­re in Afri­ka, wo er das Afri­ca Net­work for Infor­ma­ti­on Ethics (ANIE) an der Uni­ver­si­tät Pre­to­ria mit­be­grün­de­te. 2010 grün­de­te er mit sei­ner Ehe­frau Annet­te die Capur­ro Fiek Stif­tung für Infor­ma­ti­ons­ethik. Die­se för­dert Pro­jek­te, wel­che sich mit den sozia­len und kul­tu­rel­len Aus­wir­kun­gen digi­ta­ler Tech­no­lo­gi­en in der Drit­ten Welt, vor allem in Afri­ka und Latein­ame­ri­ka, befas­sen. Mehr unter capurro.de

Das klingt, als wären alle Hoff­nun­gen begra­ben. Ande­rer­seits gibt es noch Träu­mer wie Vita­lik Bute­rin, die mit­hil­fe neu­er Tech­no­lo­gi­en – Stich­wort Block­chain – das Inter­net dezen­tra­li­sie­ren wol­len. Wird das Inter­net viel­leicht doch noch der erträum­te sha­red space, der uns zusam­men­führt?

Struk­tu­ren müs­sen von unten wach­sen – bot­tom up. Solan­ge die­se Mög­lich­keit besteht, ist auch Hoff­nung da. Und noch ist Raum für Krea­ti­vi­tät vor­han­den. Nur: Die öko­no­mi­schen Mäch­te sind erdrü­ckend in ihrem Geschäfts­ge­ba­ren und ihrer welt­wei­ten Domi­nanz. Die kau­fen gan­ze Län­der. Wie kann man die­sen ent­fes­sel­ten digi­ta­len Kapi­ta­lis­mus begrei­fen? Wor­um geht es dabei? Nach wel­chen Geset­zen läuft er ab? Eine kri­ti­sche Inter­pre­ta­ti­on von Marx’ Kapi­tal im digi­ta­len Zeit­al­ter wäre nötig.

 

Inwie­fern hat sich der Kapi­ta­lis­mus seit Marx ver­än­dert?

Momen­tan gibt es phi­lo­so­phisch gese­hen kei­ne Ant­wort auf die Her­aus­for­de­rung der Digi­ta­li­sie­rung bezie­hungs­wei­se des digi­ta­len Kapi­ta­lis­mus. Da stel­len sich ganz neue Fra­gen: Was bedeu­tet Frei­heit in der digi­ta­len Welt? Wie hängt die Digi­ta­li­sie­rung mit dem Kapi­ta­lis­mus zusam­men? Die­ses öko­no­mi­sche Sys­tem, ver­bun­den mit der Vor­stel­lung von Fort­schritt und Wachs­tum, hat etwas sehr Reli­giö­ses – nicht nur, sofern das Kapi­tal die Stel­le Got­tes besetzt, son­dern auch, sofern der digi­ta­le Kapi­ta­lis­mus in sei­ner glo­ba­len Gleich­zei­tig­keit eine Eigen­schaft besitzt, die tra­di­tio­nell einer gött­li­chen All­ge­gen­wart vor­be­hal­ten war.

 

Und das funk­tio­niert ja aus­ge­zeich­net, wie der Geld­berg von Zucker­berg zeigt. Ist es nicht ver­rückt, dass eine Fir­ma, die nichts Mate­ri­el­les pro­du­ziert, so viel Geld anhäuft?

Dass inner­halb von zehn Jah­ren rie­si­ge Fir­men wie Face­book aus dem Nichts ent­stan­den sind, ist tat­säch­lich kaum zu fas­sen. Womit haben sie das Geld gemacht? Nicht mit Öl. Mit Daten. Die digi­ta­li­sier­ten Daten sind die Basis des Kapi­ta­lis­mus des 21. Jahr­hun­derts. Und die­se Daten sind ein Fetisch, das heißt, man behan­delt sie so, als ob sie ein Eigen­le­ben füh­ren. Sie erwe­cken den Ein­druck, als wür­den sie zir­ku­lie­ren, wie schon Marx vom Kapi­tal sag­te, und als gäbe es kei­nen Men­schen, der über sie herrscht oder von ihnen pro­fi­tiert.

Wir erle­ben gera­de eine neue Form des Kapi­ta­lis­mus, auf des­sen Schat­ten­sei­te nicht mehr nur das natio­na­le Pro­le­ta­ri­at, son­dern auch das glo­ba­le Cyber­ta­ri­at steht. Im Gegen­satz zum unter­drück­ten Pro­le­ta­ri­at des 19. Jahr­hun­derts arbei­tet das Cyber­ta­ri­at weit­ge­hend fröh­lich für das Kapi­tal. Das Lum­pen­pro­le­ta­ri­at trägt heu­te Jeans und Kapu­zen­pul­li, kommt lachend daher und schenkt fröh­lich sei­ne Daten an die IT-Gigan­ten. Es ist eine ganz ver­dreh­te Situa­ti­on, weil man frei­wil­lig zum Skla­ven wird. Eigent­lich ist das ide­al: Alle sind glück­lich! Eine Win-win-Situa­ti­on. Die Kapi­ta­lis­ten sind glück­lich, weil sie so viel Geld bekom­men, und die Skla­ven sind glück­lich, weil sie arbei­ten, kon­su­mie­ren und online sein dür­fen. Das ist doch der Him­mel auf Erden.

 

Wir erle­ben gera­de eine neue Form des Kapi­ta­lis­mus, auf des­sen Schat­ten­sei­te nicht mehr nur das natio­na­le Pro­le­ta­ri­at, son­dern auch das glo­ba­le Cyber­ta­ri­at steht.”

 

Das hört sich an wie die Beschrei­bung Dro­gen­ab­hän­gi­ger …

Das Inter­net kann tat­säch­lich eine Dro­ge wer­den. Marx hat gesagt, die Reli­gi­on sei „das Opi­um des Vol­kes“. Heu­te wür­de er ver­mut­lich sagen, die digi­ta­len Medi­en sind das Opi­um.

Unser Grund­ge­setz und unser Selbst­ver­ständ­nis sind tief ver­wur­zelt im Den­ken Kants, der die Ach­tung vor dem ande­ren, des­sen Recht zu exis­tie­ren und sei­ne prin­zi­pi­el­le Gleich­wer­tig­keit unter dem Begriff Men­schen­wür­de zusam­men­fass­te. Glei­cher­ma­ßen prägt uns die Erfah­rung des Zwei­ten Welt­kriegs und ins­be­son­de­re des Holo­causts. Des­halb ist es so wich­tig, die Erin­ne­rung sowohl an die Ide­en­ge­schich­te wie auch an die his­to­ri­schen Ereig­nis­se wach zu hal­ten.

Doch die­ses Bewusst­sein von den Grund­la­gen unse­res Zusam­men­le­bens löst sich gera­de welt­weit auf. Heu­te leben wir bequem in unse­rer Face­book-Bub­b­le. Hier wer­den wir dau­ernd bestä­tigt und den­ken: „Das hab ich doch gleich gesagt!“ Es gibt nur das, was ich sage, was ich mag, wie ich bin. Das erschwert das Abstand­neh­men, die Kri­tik, das selbst­stän­di­ge Den­ken, also all das, was für die euro­päi­sche Auf­klä­rung wich­tig war. Aber wie gehen wir gegen die­se Täu­schung vor oder mit ihr um? Das ist die Kern­fra­ge einer künf­ti­gen digi­ta­len Ethik.

 

Wie könn­te eine Ant­wort dar­auf aus­se­hen?

Ganz grund­sätz­lich: Sie müss­te unse­ren gesam­ten Rea­li­täts­be­griff und unser Selbst­ver­ständ­nis, nicht also was, son­dern wer wir sind, ver­än­dern.

Der Phi­lo­soph der Auf­klä­rung Geor­ge Ber­ke­ley hat die For­mel „esse est per­ci­pi“ auf­ge­stellt, also „Sein ist Wahr­ge­nom­men­wer­den“. Ber­ke­ley zufol­ge gibt es nur das Wahr­ge­nom­me­ne. Was nicht wahr­nehm­bar ist, exis­tiert nicht. Und ich sage, dass es heu­te das Wahr­ge­nom­me­ne nur inso­fern gibt, als es digi­ta­li­sier­bar ist: Esse est com­pu­ta­ri. Sprich: Was sich nicht digi­ta­li­sie­ren lässt, ist nicht. Und zwar nicht im Sin­ne von „It from Bit“, also nicht so ver­stan­den, dass die Rea­li­tät aus bits besteht, die Din­ge also digi­tal sind und nur aus­se­hen wie Mate­rie. Mei­ne The­se lau­tet viel­mehr, dass wir glau­ben, etwas nur dann ver­ste­hen zu kön­nen, wenn es digi­ta­li­sier­bar ist. Dem­entspre­chend defi­nie­ren wir uns selbst und alles, womit wir zu tun haben, als digi­ta­le Infor­ma­ti­on. Wer sind wir? Ant­wort: Wir sind unse­re digi­ta­len Daten.

 

Wir glau­ben, etwas nur dann ver­ste­hen zu kön­nen, wenn es digi­ta­li­sier­bar ist. Dem­entspre­chend defi­nie­ren wir uns selbst und alles, womit wir zu tun haben, als digi­ta­le Infor­ma­ti­on. Wer sind wir? Ant­wort: Wir sind unse­re digi­ta­len Daten.”

 

Inwie­fern ist das ein Pro­blem?

Es besteht die Gefahr, dass die­se Sicht auf die Welt tota­li­tär wird. Dann begrei­fen wir unser In-der-Welt-sein nicht mehr als frei gestalt­bar, son­dern dür­fen nur das als bedeu­tungs­voll für unser Dasein anse­hen, was das Digi­ta­le uns erlaubt. Die Erkennt­nis müss­te durch­si­ckern, dass unser In-der-Welt-sein nicht durch das Digi­ta­le allein bestimmt ist. Es ist nur eine Form des In-der-Welt-seins, nicht die ein­zi­ge.

Auf die Phi­lo­so­phie über­tra­gen hie­ße das: Aus einer Onto­lo­gie, also einer mög­li­chen Deu­tung des Seins, wird eine Meta­phy­sik, das heißt eine star­re Auf­fas­sung des­sen, was das Sein der Din­ge und vor allem was uns selbst aus­macht. Wenn das Digi­ta­le die onto­lo­gi­sche und ethi­sche Deu­tungs­ho­heit über­nimmt, dann wird die Sache auch poli­tisch gefähr­lich. Das haben wir schon im 19. Jahr­hun­dert erlebt, als das Mate­ri­el­le plötz­lich für die allei­ni­ge Basis der Rea­li­tät gehal­ten wur­de. Dadurch ent­stand der Mate­ria­lis­mus – und zwar nicht nur in theo­re­ti­scher Hin­sicht, son­dern prak­tisch-poli­tisch! So nach dem Mot­to: Was sich nicht der mate­ria­lis­ti­schen Dia­lek­tik ein­schrei­ben lässt, ist ein rück­stän­di­ges Den­ken. Ähn­li­ches steht uns bevor, wenn wir aus dem Digi­ta­len eine dog­ma­ti­sche poli­ti­sche Sicht der Rea­li­tät machen.

 

Machen sich die Anfän­ge einer digi­ta­len Ideo­lo­gie schon im All­tag bemerk­bar?

Man bemerkt die Fol­gen der Ideo­lo­gi­sie­rung in vie­ler­lei Hin­sicht: Die Arbeit ist nicht mehr räum­lich und zeit­lich fest gere­gelt. Man muss Tag und Nach parat sein. Die Leu­te star­ren unter­wegs stän­dig auf ihre Smart­pho­nes und unter­wer­fen sich dem Dik­tat, online prä­sent sein zu müs­sen.

Grund­sätz­lich leben wir gleich­zei­tig in Ver­gan­gen­heit, Zukunft und Gegen­wart. Ich kann mich jetzt mit Ihnen unter­hal­ten, jeder­zeit zurück­ge­hen in die Ver­gan­gen­heit und mich auch jeder­zeit in die Zukunft pro­ji­zie­ren. In den Bekennt­nis­sen des Augus­ti­nus gibt es ein berühm­tes Kapi­tel über die Zeit, in dem das sehr tref­fend beschrie­ben wird: Wir gehen durch das Gedächt­nis zurück in die Hal­len der Ver­gan­gen­heit und pro­ji­zie­ren uns in die Zukunft. Das gibt uns eine unglaub­li­che Frei­heit über die Gegen­wart. Wenn wir die­se Mög­lich­kei­ten nicht hät­ten, wären wir gefan­gen in dem, was im Moment pas­siert. So jedoch kön­nen wir über Din­ge spre­chen, die es (noch) gar nicht gibt, die aber mög­lich sind; bei­spiels­wei­se dar­über, was Sie in einer Stun­de machen wer­den. Das Pro­blem ist aber, dass die Gegen­wart, das Jetzt, in unse­rer vom Digi­ta­len bestimm­ten Gesell­schaft zum Maß aller Din­ge wird. Es schrumpft alles auf das digi­ta­le Jetzt zusam­men.

 

Die­ses Inter­view sowie wei­te­re span­nen­de Arti­kel zum The­ma lesen Sie in der Aus­ga­be DIGITALISIERUNG von agora42.

Was tun? Wie sich befrei­en vom Druck der digi­ta­len Gegen­wart? Den stres­si­gen Job kün­di­gen? Das Smart­pho­ne weg­wer­fen?

Wir ste­cken in der Klem­me. Denn das Digi­ta­le ist immer bezo­gen auf das Jetzt. Sprich: Nur sofern ich in der Gegen­wart ange­spro­chen wer­de, gel­te ich etwas – und sofern ich im Gegen­warts­mo­dus hand­le. Durch die­ses Gefan­gen­sein in der digi­tal bestimm­ten Gegen­wart ent­ste­hen aber schwe­re sozia­le und psy­chi­sche Pro­ble­me. Das lässt sich im Fami­li­en­all­tag, aber auch am Arbeits­platz täg­lich erle­ben. Nicht online zu sein, wird als ein Risi­ko emp­fun­den: Ich könn­te etwas ver­pas­sen, wenn ich eine Wei­le mein Han­dy aus­schal­te oder gar nicht mit­neh­me; außer­dem erwar­ten alle, dass ich stän­dig ansprech­bar bin. Wenn man stän­dig und über­all digi­tal ver­netzt sein muss und sich auch gar nichts ande­res mehr vor­stel­len kann, ist das ein kla­res Anzei­chen von Frei­heits­ver­lust.

 

Muss dann der gesam­te gesell­schaft­li­che Rah­men ver­än­dert wer­den? Und wie gehen wir das an? Demons­tra­tio­nen? Peti­tio­nen?

Dafür bräuch­ten wir erst ein­mal wie­der einen öffent­li­chen Raum und eine Gesell­schaft, die sich mit ande­ren Gesell­schaf­ten ver­bun­den fühlt. Wir tei­len mit ande­ren Men­schen auf viel­fäl­ti­ge Wei­se eine gemein­sa­me Welt. Die­se gemein­sa­me Welt ist aber in Gefahr zu zer­fal­len: Aus Mög­lich­kei­ten des Zusam­men­seins dro­hen Rea­li­tä­ten des Gegen­ein­an­derseins zu wer­den. Aus der Welt wird sozu­sa­gen eine Unwelt und aus frei­en, sich für­ein­an­der ein­set­zen­den Men­schen wer­den in sich ver­schlos­se­ne, von ande­ren und der gemein­sa­men Welt getrenn­te Ego­is­ten, die nur an sich selbst den­ken. Das Beun­ru­hi­gen­de im Moment ist doch, dass wir den öffent­li­chen Raum nicht nur mäch­ti­gen digi­ta­len Fir­men und Staa­ten, son­dern auch digi­tal agie­ren­den Ter­ror­grup­pen sowie digi­ta­ler Des­in­for­ma­ti­on über­las­sen haben. Wir haben die Chan­ce ver­passt, uns digi­tal-poli­tisch zu orga­ni­sie­ren. Wir wis­sen nicht, wer wir als digi­ta­le Gesell­schaft sein wol­len. Wir kön­nen nicht all unse­re Stra­ßen pri­va­ti­sie­ren, unse­re Auto­bah­nen und unse­re Plät­ze – aber genau das haben wir in der digi­ta­len Welt gemacht! Die Kraft und die Mög­lich­keit, selbst­stän­dig zu urtei­len, gehen immer mehr ver­lo­ren. Auch das Ver­schen­ken von Daten ist kei­ne Lap­pa­lie. Es wird zuneh­mend an ande­rer Stel­le ent­schie­den, wer wir sind. Das Gefühl der Ohn­macht wächst. Alles wird kleb­rig und sti­ckig.

 

Das Beun­ru­hi­gen­de im Moment ist doch, dass wir den öffent­li­chen Raum nicht nur mäch­ti­gen digi­ta­len Fir­men und Staa­ten, son­dern auch digi­tal agie­ren­den Ter­ror­grup­pen sowie digi­ta­ler Des­in­for­ma­ti­on über­las­sen haben. Wir haben die Chan­ce ver­passt, uns digi­tal-poli­tisch zu orga­ni­sie­ren.”

 

Rafa­el Capur­ro im Gespräch mit Frank Augus­tin und Tan­ja Will von agora42.

Wie kann man sich wie­der los­ma­chen und sich Luft ver­schaf­fen?

Wenn jemand fragt: „Hast du etwas zu ver­ber­gen?“, kann man ganz ein­fach ant­wor­ten: „Das geht dich nichts an! Ich bestim­me, was ich von mir zei­ge. Punkt.“ Wo kämen wir hin, wenn wir nichts zu ver­ber­gen hät­ten und stän­dig alles sagen wür­den? Auch in poli­ti­scher und öko­no­mi­scher Hin­sicht wäre das undenk­bar. Eine Welt, in der es kei­ne Geheim­nis­se geben darf, wäre die Höl­le. Trans­pa­renz und Geheim­hal­tung gehö­ren zusam­men. Übri­gens liegt das auch dar­an, dass ich selbst nicht alles über mich weiß. Ich bin undurch­sich­tig für mich selbst. War­um soll ich mich preis­ge­ben gegen­über ande­ren, die genau­so undurch­sich­tig sind wie ich? Die heu­ti­ge For­de­rung: „Tei­le allen alles stän­dig und über­all mit!“ ist daher unethisch und über­haupt nicht leb­bar!

 

Es scheint, als wür­de die Gesell­schaft ihren Kitt ver­lie­ren. Was geht uns ver­lo­ren? Oder anders gefragt: Was ver­bin­det uns als Men­schen?

Nicht mehr und nicht weni­ger als ein frei­es, ver­trau­ens­vol­les Ver­hält­nis. Frei­heit als Ver­trau­en ist das Bin­de­glied! Wie kön­nen wir also freie Ver­trau­ens­struk­tu­ren in der heu­ti­gen digi­ta­len Gesell­schaft schaf­fen? Die­ser Auf­ga­be müs­sen sich die Phi­lo­so­phie und die Poli­tik heu­te stel­len. Im Moment ten­die­ren wir in die ent­ge­gen­ge­setz­te Rich­tung: weni­ger Ver­trau­en, mehr Kon­trol­le, weni­ger Den­ken, mehr Aktio­nis­mus. Die Lage ist brenz­lig. Den­ken braucht Zeit.

 

Herr Capur­ro, wir dan­ken Ihnen für die­ses Gespräch.

 

 

 

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agora42 ist das phi­lo­so­phi­sche Wirt­schafts­ma­ga­zin und erscheint seit 2009 im Eigen­ver­lag in Stutt­gart. Alle drei Mona­te ver­öf­fent­li­chen wir ein neu­es The­men­heft. Dabei wid­men wir uns den gro­ßen Fra­gen der Öko­no­mie, wie etwa Frei­heit, Wachs­tum, Fort­schritt, Gerech­tig­keit, Nach­hal­tig­keit u.v.m. Anspruchs­voll, aber trotz­dem ver­ständ­lich las­sen wir Den­ker und Prak­ti­ker zu Wort kom­men, die meist nur in ihren spe­zi­el­len Fach­krei­sen gele­sen wer­den – aber deren Erkennt­nis­se für alle Men­schen von Bedeu­tung sind.

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Bei einer Sintflut muss man Schiffe bauen, nicht Deiche – Interview mit Gunter Dueck zur Digitalisierung

agora42_DigitalisierungAnläss­lich der neu­en Aus­ga­be DIGITALISIERUNG haben wir aus­ge­wähl­ten Per­so­nen zum The­ma ein paar Fra­gen gestellt. Hier die Ant­wor­ten von Prof. Dr. Gun­ter Dueck:

Gunter Dueck Digitalisierung

Bei einer Sintflut muss man Schiffe bauen, nicht Deiche – Interview mit Gunter Dueck zur Digitalisierung

 

Herr Dueck, wel­che Hoff­nun­gen ver­bin­den Sie mit der Digi­ta­li­sie­rung?

Ich ver­bin­de sie nicht mit Hoff­nun­gen. Die Welt ver­än­dert sich, und wir soll­ten bemüht sein, das Bes­te dar­aus zu machen. Wir soll­ten also beherzt han­deln. Von Deutsch­land wird aber durch­weg gesagt, dass es hin­ter­her­hinkt – wahr­schein­lich, weil sich mit der Digi­ta­li­sie­rung zu weni­ge Hoff­nun­gen ver­bin­den. Man will nur dann los­ge­hen, wenn es für alle bes­ser wird. An die­sen Punkt kom­men wir bald, näm­lich wenn es uns wegen Hin­ter­her­hin­kens schlecht geht. Dann ist die Hoff­nung des Auf­ho­lens für alle bes­ser. Und dann gehen wir schon, weil wir irgend­wie nicht Hoff­nun­gen in Taten umset­zen, son­dern lau­fen, wenn man uns von hin­ten tritt.

 

Was erach­ten Sie als die größ­te Bedro­hung durch die Digi­ta­li­sie­rung?

Gunter Dueck

Gun­ter Dueck lebt als frei­er Schrift­stel­ler, Phi­lo­soph, Busi­ness Angel und Speaker bei Hei­del­berg. Nach einer Kar­rie­re als Mathe­ma­tik­pro­fes­sor arbei­te er fast 25 Jah­re bei der IBM, zuletzt bei sei­nem Wech­sel in den Unru­he­stand als Chief Tech­no­lo­gy Offi­cer. Er ist für humor­voll-sati­risch-kri­tisch-unver­blüm­te Reden und Bücher bekannt, zuletzt „Das Neue und sei­ne Fein­de“ und „Schwarm­dumm“. Mehr auf sei­ner Home­page www.omnisophie.com

Sehen Sie? Gleich kommt wie­der die­se deut­sche Fra­ge oder die Pro­blem­stel­lung der Ger­man Angst. War­um fra­gen Sie nicht, was getan wer­den muss? Das sage ich schon seit vie­len Jah­ren – unwi­der­spro­chen übri­gens: Wir müs­sen alle (!) bil­dungs­mä­ßig bes­ser sein als der Com­pu­ter, weil die Rou­ti­ne­ar­beit weg­fällt. Die­sen Fakt sehen nun vie­le als Bedro­hung, aber nicht als Hand­lungs­auf­for­de­rung. Die Bedro­hung liegt also nicht in der Digi­ta­li­sie­rung an sich, son­dern an unse­rer Akti­ons­un­wil­lig­keit mit­ten im Wan­del. Bei einer Sint­flut muss man Schif­fe bau­en, nicht Dei­che. Deich­bau­er agie­ren wie Bedroh­te und han­deln aus die­ser Sicht ganz falsch. Der Blick auf das Pro­blem ist manch­mal ent­schei­dend.

 

Big Data, Block­chain, KI und Co. geben kei­ne Ant­wort dar­auf, wie wir in Zukunft leben wol­len. Gesell­schaft­li­che Uto­pi­en sind im Ver­gleich zu Tech­ni­ku­to­pi­en gera­de Man­gel­wa­re. Wie möch­ten Sie im tech­nik­ge­präg­ten Zeit­al­ter leben?

Die Digi­ta­li­sie­rung ver­än­dert unser Leben ja nicht so sehr. Statt der Kas­se an der Bank habe ich den Auto­ma­ten, statt 100 TV-Pro­gram­men eben Stream. Das Gril­len und Fei­ern bleibt doch gleich, aber die Leis­tungs­er­brin­gung ändert sich stark, eben durch die genann­ten Tech­no­lo­gi­en. Es fin­det mehr ein Umbau der Arbeits­welt statt. Gesell­schaft­li­che Uto­pi­en sind Man­gel­wa­re, weil die Geis­tes­wis­sen­schaft­ler oder Intel­lek­tu­el­len sich inter­net­phob tot­stel­len und sich nur ab und zu für Bedro­hungs­jam­mer­kla­gen raus­wa­gen. Zu mei­ner Bil­dungs­gret­chen­fra­ge: Die Intel­lek­tu­el­len haben sich immer an der Auf­klä­rung ergötzt. Ja, Enligh­ten­ment für alle! Wis­sen für alle! Nun brau­chen wir als posi­ti­ve Uto­pie aber viel wei­ter­ge­hen­der “Empower­ment für alle” und die Mög­lich­keit zu Self-Empower­ment für alle! Das kann man doch sogar als Bibel­le­ser gut fin­den? Die Intel­lek­tu­el­len wol­len aber irgend­wie immer nur, dass der uto­pi­sche Mensch alles DARF, nun aber MUSS er Bil­dung haben. Wahr­schein­lich behagt ihnen die­se Pflicht nicht, spe­ku­lie­re ich.

 

Edu­ard Käser schreibt in agora42: “Einst hat­ten wir Pro­ble­me und erfan­den Gerä­te zu ihrer Lösung. Heu­te haben wir Gerä­te und erfin­den zu ihnen pas­sen­de Pro­ble­me.” – Haben wir nicht schon alles erfun­den, was wir brau­chen? War­um erfin­den wir lau­fend neue Gerä­te und Tech­no­lo­gi­en?

Die­se Fra­ge wird immer gestellt. Stel­len Sie sich die Fra­ge vor zehn Jah­ren vor. Da hät­ten wir sagen kön­nen: Wir haben doch alles. Heu­te sagen wir: Ohne Smart­pho­ne ist das Leben gar nicht mehr so schön. Und in fünf­zehn Jah­ren sagen wir: Selbst­fahr­au­tos sind toll, gera­de für die altern­de Gesell­schaft. Mit 90 noch zu den Enkeln gebracht wer­den! Ich will sagen: Das, was wir schon neu bekom­men und in unser Leben inte­griert haben, wol­len wir nicht mehr her­ge­ben, aber das, was gera­de neu erfun­den wird, sehen wir als Unsinn oder Bedro­hung. Die­ser Man­gel an Phan­ta­sie und Wan­de­lun­lust lässt sich als Phi­lo­so­phie ver­kau­fen, weil man natür­lich kri­ti­sie­ren kann, dass heu­te im Sili­con Val­ley nur um des Mil­li­ar­den­ma­chens wil­len erfun­den wird. Das ist eben so im Umbruch, vie­le suchen ihre Chan­ce mit­ten in der Revo­lu­ti­on. Zu ande­ren Zei­ten (also nach Edu­ard Käser: “einst”) wur­de doch auch wegen vor­ge­stell­ter Pro­ble­me geforscht, weil man in den Welt­raum woll­te oder Wett­rüs­ten betrieb – es sind eben die Umbrü­che, die hek­tisch erfin­den las­sen.

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- Mit State­ments von Gun­ter Dueck, Micha­el Win­ter­hoff (“War­um unse­re Kin­der Tyran­nen wer­den”), Rein­hold Mess­ner, Marc Els­berg (“Black­out”), Armin Nas­sehi uvm.

- Inklu­si­ve der aktu­el­len Aus­ga­be DIGITALISIERUNG.