Warum betreiben wir ein 200-jähriges Krisenprojekt überhaupt noch weiter? – Interview mit David Hemmerle

Anläss­lich der aktu­el­len Aus­ga­be zum The­ma “DER KAPITALISMUS AUF DER COUCH” haben wir aus­ge­wähl­te Per­so­nen um Ant­wor­ten auf die zen­tra­len Fra­gen des Hef­tes gebe­ten. Hier die Ant­wor­ten von David Hem­mer­le.

Wenn ich mir die historischen Entwicklungen anschaue, hat der Kapitalismus noch nie so wirklich geblüht

1. Wel­chen Aspekt des Kapi­ta­lis­mus fin­den Sie am inter­es­san­tes­ten und am ehes­ten zu beden­ken?

David Hemmerle

David Hem­mer­le, Jahr­gang 1990, ist Mas­ter­stu­dent in Öko­no­mie und Gesell­schafts­ge­stal­tung an der Cusa­nus Hoch­schu­le. In sei­nem dor­ti­gen Stu­di­ums­schwer­punkt beschäf­tigt ihn die his­to­ri­sche Gene­se des Eigen­tums­be­griffs, spe­zi­ell im Hin­blick auf sei­ne rechts­öko­no­mi­sche sowie onto­lo­gi­sche Begrün­dung. In sei­ner Mas­ter­ar­beit unter­sucht er, wie sich das Eigen­tum im Zusam­men­hang mit der tech­no­lo­gi­schen Ent­wick­lung der Block­chain ver­hält.

Inter­es­sant am wirt­schaft­li­chen Sys­tem fin­de ich, wie eng das Ent­ste­hen des Gel­des mit dem des abs­trak­ten Den­kens ver­floch­ten ist. Wie die For­scher David Graeber und Karl-Heinz Brod­beck zei­gen, prägt der Umgang mit Geld unser Den­ken seit Jahr­tau­sen­den. Die heu­ti­gen Errun­gen­schaf­ten der Natur­wis­sen­schaf­ten und der Tech­nik gehen dar­auf zurück. Aller­dings läuft die­se Ent­wick­lung Gefahr, sich gegen uns zu keh­ren. Die Dia­lek­tik der Auf­klä­rung ist eben, dass die mono­li­thi­sche Wahr­heit einer auf­ge­hen­den mathe­ma­ti­schen Glei­chung im von der Rea­li­tät ent­kop­pel­ten Ver­stand eine eige­ne anthro­po­zen­tri­sche Mytho­lo­gie ent­fal­tet. Wenn die von Öko­no­men ent­deck­ten „Geset­ze“ gel­ten, weil ihre inne­re Kon­sis­tenz mathe­ma­tisch beweis­bar ist, dann stellt sich vor dem Hin­ter­grund eines unse­re eige­ne Exis­tenz gefähr­den­den Kapi­ta­lis­mus die Fra­ge, ob dies die ein­zig legi­ti­me Wahr­heits­fin­dung ist. Ich den­ke daher, das der omni­prä­sen­ten Bedeu­tung der Zahl (auch in Form des Gel­des) eine Refle­xi­on über die onto­lo­gi­schen Gren­zen die­ses Blicks auf die Welt ent­ge­gen­ge­setzt wer­den soll­te, die um die Dis­kus­si­on alter­na­ti­ver epis­te­mi­scher Sym­bo­li­ken ergänzt wird.

 

2. War­um konn­ten sich die Men­schen so schnell und unbe­merkt für das kapi­ta­lis­ti­sche Den­ken begeis­tern? Ent­spricht der Kapi­ta­lis­mus unse­rer Natur?

Ich den­ke nicht, dass die mensch­li­che Natur den Kapi­ta­lis­mus not­wen­dig her­vor­bringt. Er wird aller­dings häu­fig als not­wen­di­ge Kon­se­quenz der mensch­li­chen Ent­wick­lung dar­ge­stellt. Der Mensch kann sei­ne Hand­lungs­wei­sen jedoch kul­tu­rell reflek­tie­ren. Wenn Öko­no­men von den Geset­zen des Mark­tes oder alter­na­tiv­lo­sen Sach­zwän­gen spre­chen, bin ich skep­tisch, wel­che Annah­men sie zuvor über die mensch­li­che Natur getrof­fen haben. Wer­fe ich dann einen Blick auf die mathe­ma­tisch-funk­tio­na­len Axio­me, die den Men­schen als nut­zen­ma­xi­mie­ren­den homo oeco­no­mi­c­us beschrei­ben, stel­le ich mir die Fra­ge: Wo sind da die refle­xi­ven Fähig­kei­ten des Men­schen, durch die er sein Han­deln hin­ter­fra­gen könn­te? Brau­chen wir noch Rich­te­rIn­nen, Psy­cho­the­ra­peu­tIn­nen oder Leh­re­rIn­nen, die uns dazu anlei­ten, unser Han­deln zu über­den­ken, oder Medi­ta­ti­on, um uns sei­ner Impul­se bewusst zu wer­den, wenn ohne­hin alle Prä­fe­ren­zen gege­ben sind und Ent­schei­dun­gen nut­zen­ori­en­tiert fal­len?
Wel­chen Ein­fluss hat Den­ken und Han­deln mit Geld dar­auf, dass ich mei­nen Vor­teil suche? Ist der Umgang mit Geld auf Märk­ten alter­na­tiv­los oder kön­nen wir uns ande­re Ver­hal­tens­mo­del­le vor­stel­len? Im Neo­li­be­ra­lis­mus wer­den das Geld und das Preis­sys­tem als anthro­po­lo­gi­sche Kon­stan­ten dar­ge­stellt, die jen­seits eines gestal­te­ri­schen Zugangs lie­gen. Statt­des­sen sol­len wir uns ihnen unbe­wusst unter­ord­nen. Inzwi­schen warnt bereits der vor­sit­zen­de Rich­ter des Ver­fas­sungs­ge­richts, Andre­as Voß­kuh­le, vor einer Ver­hand­lung über den ESM, dass eine Ent­schei­dung vor dem Hin­ter­grund der Reak­ti­on der Märk­te getrof­fen wer­den soll­te. Wem über­las­sen wir es damit, die Regeln unse­rer Gesell­schaft zu set­zen – einem Markt?

 

3. In unse­rer aktu­el­len Aus­ga­be liegt der Kapi­ta­lis­mus auf der Couch. Er ist aus­ge­brannt, kaum jemand glaubt noch ernst­haft an ihn, immer häu­fi­ger fragt man sich “wozu”, Kri­sen­stim­mung macht sich breit. Ist die Blü­te­zeit des Kapi­ta­lis­mus vor­über? Und wie geht es wei­ter?

Wenn ich mir die his­to­ri­schen Ent­wick­lun­gen anschaue, hat der Kapi­ta­lis­mus noch nie so wirk­lich geblüht – wenn dann, nur für weni­ge. Schon immer war der Kapi­ta­lis­mus von Kri­sen geprägt, die mit gesell­schaft­li­chen Ver­än­de­run­gen ein­her­gin­gen. Viel­leicht ist der Kapi­ta­lis­mus selbst das Resul­tat einer gesell­schaft­li­chen Ver­än­de­rung, wie bei­spiels­wei­se der Bevöl­ke­rungs­ex­plo­si­on im 18. Jahr­hun­dert. War­um betrei­ben wir ein 200jähriges Kri­sen­pro­jekt über­haupt noch wei­ter?
Wenn wir den Kapi­ta­lis­mus jedoch tie­fen­psy­cho­lo­gisch „auf der Couch“ behan­deln, könn­ten wir einen Blick auf die unbe­wuss­ten Pro­zes­se wer­fen, die einer kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft zugrun­de lie­gen. Wel­che Instink­te und Emo­tio­nen wer­den getrig­gert, wel­che lie­gen brach? Ganz offen­sicht­lich sind Angst, Gier und refe­ren­ti­el­ler Selbst­be­zug die Zug­pfer­de einer wett­be­werbs­ori­en­tier­ten Markt­ge­sell­schaft. Wie dar­aus jemals ein har­mo­ni­sches Gleich­ge­wicht ent­ste­hen soll, ist den Men­schen­kennt­nis­sen der öko­no­mi­schen Theo­re­ti­ker über­las­sen.
Wen­den wir uns statt­des­sen den gesell­schaft­li­chen Bedin­gun­gen für eine lebens­wer­te Zukunft zu, erscheint mir die Fra­ge rele­vant, wel­chen struk­tu­rel­len Nähr­bo­den wir für unser sozia­les Mit­ein­an­der anstre­ben. Ängs­te kön­nen abge­fan­gen und Begier­den Gren­zen gesetzt wer­den. Aber wel­che mensch­li­chen Ver­hal­tens­wei­sen wol­len wir för­dern? In der Anti­ke oder im Mit­tel­al­ter war viel von Tugen­den die Rede. „Märk­te“ ver­lan­gen nur unse­ren blin­den Ego­is­mus, der inzwi­schen selbst zur Tugend der Selb­st­op­ti­mie­rung wur­de. Die Fra­ge danach, wie es wei­ter­geht, erschließt sich mir nur vor dem Hin­ter­grund der mensch­li­chen Fähig­keit, sich zu ent­wi­ckeln. Kapi­ta­lis­tisch gese­hen wird der Mensch frei, in dem er von äuße­ren Zwän­gen unab­hän­gig Wahl­ent­schei­dun­gen tref­fen darf. Aber ist ein alter­na­tiv­lo­ser Markt­ge­hor­sam nicht auch ein Zwang? Huma­nis­tisch gese­hen wird der Mensch nur frei, in dem er sich bil­det. Wie es wei­ter geht ist für mich eine Fra­ge des Ler­nens und eines bewuss­ten Gestal­tens von Bezie­hun­gen. Jeder­zeit ste­hen wir in sozia­ler Gemein­schaft mit ande­ren, dass soll­te uns bewusst sein, auch wenn wir uns in anony­men Struk­tu­ren bewe­gen. Bei­spiel­ge­bend für Kon­tex­te in denen das wie­der ein­ge­übt wird ist für mich die Soli­da­ri­sche Land­wirt­schaft, in der Men­schen mit­ein­an­der im Dia­log aus­han­deln, wie sie die land­wirt­schaft­li­che Leis­tung des Bau­ern gemein­sam finan­zi­ell ermög­li­chen.

 

4. Ist eine nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung im Kapi­ta­lis­mus denk­bar?

Wir haben ver­schie­de­ne Mög­lich­kei­ten, Nach­hal­tig­keit zu defi­nie­ren. Wenn wir sie im Hin­blick auf die öko­lo­gi­sche Erhal­tung der mensch­li­chen Art betrach­ten, ist der Kapi­ta­lis­mus sicher in der Lage, die Exis­tenz der Mensch­heit fort­zu­füh­ren. Zur Not ernäh­ren wir uns mit Lebens­mit­teln aus dem Labor wenn die Natur rege­ne­rie­ren muss. Der­zeit wird die Natur zur Kühl­the­ke der Mensch­heit degra­diert und hat kei­nen Wert an sich. Ich den­ke, die Fra­ge, wie wir in eine wech­sel­sei­tig frucht­ba­re Bezie­hung zur Natur tre­ten kön­nen, wer­den wir nicht in Geld­wer­ten beant­wor­ten kön­nen, son­dern eine Spra­che abseits quan­ti­ta­ti­ver Logik fin­den müs­sen.
Hin­sicht­lich einer sozi­al nach­hal­ti­gen Ent­wick­lung ist es kom­pli­zier­ter, weil sie his­to­risch kon­tin­gent ist. Skla­ven zu hal­ten war ein­mal sozi­al ver­träg­lich, eben­so wie die Unter­drü­ckung der Frau­en. Heu­te gehen wir wie selbst­ver­ständ­lich davon aus, in einem Arbeits­ver­hält­nis inhalt­lich, zeit­lich und ört­lich wei­sungs­ge­bun­den sein zu müs­sen, wenn wir dafür ent­spre­chend kom­pen­siert wer­den. Auch hier fra­ge ich mich, ob wir den Wert einer mensch­li­chen Leis­tung bezif­fern und gleich­zei­tig ihre Wür­de bei­be­hal­ten kön­nen.
Die öko­no­mi­sche Per­spek­ti­ve auf Nach­hal­tig­keit ist ange­sichts von den Wachs­tums­zwän­gen, Kri­sen und Ungleich­hei­ten viel­leicht ein Dreh- und Angel­punkt einer nach­hal­ti­gen Ent­wick­lung. Wir kön­nen viel dar­über dis­ku­tie­ren, inwie­fern sich der Kapi­ta­lis­mus ohne Wachs­tum den­ken lässt, aber für mich ist die Idee eines all­sei­ti­gen Pro­fits ohne ent­spre­chen­de Expan­si­on schlicht uto­pisch.

Der Kapitalismus ist eine Fiktion – Interview mit Sarah Mewes

Anläss­lich der aktu­el­len Aus­ga­be zum The­ma “DER KAPITALISMUS AUF DER COUCH” haben wir aus­ge­wähl­te Per­so­nen um Ant­wor­ten auf die zen­tra­len Fra­gen des Hef­tes gebe­ten. Hier die Ant­wor­ten von Sarah Mewes.

 

Der Kapitalismus ist eine Fiktion – Interview mit Sarah Mewes

1. Wel­chen Aspekt des Kapi­ta­lis­mus fin­den Sie am inter­es­san­tes­ten und am ehes­ten zu beden­ken?

Sarah Mewes

Sarah Mewes: Ich bin 26 Jah­re alt und stu­die­re im Mas­ter Öko­no­mie an der Cusa­nus Hoch­schu­le. Als sechs­zehn­jäh­ri­ge Schü­le­rin, ver­ließ ich zum ers­ten mal für einen ein­jäh­ri­ger Schü­ler­aus­tausch in Argen­ti­ni­en, den euro­päi­schen Kon­ti­nent. Nach dem Abitur ver­brach­te ich ein wei­te­res Jahr in Latein­ame­ri­ka. In die­sen Jah­ren ent­wi­ckel­ten sich die Fra­gen, wel­che mich dazu brach­ten Wirt­schaft zu stu­die­ren. Auf­grund der ande­ren Lebens­rea­li­tä­ten, denen ich in Süd­ame­ri­ka begeg­ne­te, die oft stark von wirt­schaft­li­chen Aspek­ten domi­niert waren, frag­te ich mich, was Wirt­schaft ist, was sie sein soll­te und wie man sie men­schen­wür­di­ger und umwelt­freund­li­cher gestal­ten könn­te. In mei­nem Bache­lor­stu­di­um VWL und Phi­lo­so­phie fand ich dar­auf kei­ne Ant­wor­ten und begann im Arbeits­kreis „Plu­ra­le Öko­no­mik“ Ring­vor­le­sun­gen zu orga­ni­sie­ren, um mich wenigs­tens am Ran­de mit die­sen Fra­gen beschäf­ti­gen zu kön­nen. Erst das Mas­ter­stu­di­um an der Cusa­nus Hoch­schu­le hat mir dann die Mög­lich­keit eröff­net eige­nen Fra­gen an Wirt­schaft nach­ge­hen zu kön­nen.

Schwie­rig zu sagen, weil es „den Kapi­ta­lis­mus“ ja gar nicht gibt. Der Begriff „Kapi­ta­lis­mus“ wird ja für alles und nichts ver­wen­det. Mal ist er Aus­druck für Markt­wirt­schaft, schran­ken­lo­sen Wett­be­werb und Pri­vat­ei­gen­tum an Pro­duk­ti­ons­mit­teln, mal beschreibt er eine Form der Kapi­tal­ak­ku­mu­la­ti­on, eine bestimm­te Ratio­na­li­täts­form, die Pra­xis der Gewinn­ma­xi­mie­rung, die Aus­schal­tung der Demo­kra­tie durch die Wirt­schaft oder wie­der­um die Wirt­schafts­form wel­che Demo­kra­tie erst ermög­licht hat. Er wird dua­lis­tisch als Gegen­bild von Plan­wirt­schaft gese­hen oder als poli­ti­scher Kampf­be­griff gegen aus­beu­te­ri­sche Wirt­schafts­struk­tu­ren. Je nach Inter­pre­ta­ti­on, erschei­nen dabei unter­schied­li­che inter­es­san­te Aspek­te.

Wenn man den Begriff unter der Bril­le eines Stre­bens nach Gewinn­ma­xi­mie­rung betrach­tet, erscheint mir das dahin­ter­ste­hen­de Men­schen­bild als ein inter­es­san­ter Aspekt. Es wird oft mit dem soge­nann­ten „Homo Oeco­no­mi­c­us“ in Ver­bin­dung gesetzt, der als auto­no­mes Indi­vi­du­um in der Welt steht und ledig­lich sei­nen indi­vi­du­el­len Nut­zen maxi­miert. Der dar­aus resul­tie­ren­de feh­len­de Blick für die mensch­li­che Ein­bet­tung in eine Sozi­al­struk­tur und damit auch eine Ver­ant­wor­tung für sel­bi­ge, erschei­nen mir ein pro­ble­ma­ti­scher Aspekt zu sein, den die­ses Bild von Kapi­ta­lis­mus in die Welt setzt. Da Theo­ri­en nie nur abs­trakt blei­ben, son­dern hand­lungs­lei­tend wir­ken und per­for­ma­tiv Welt gestal­ten, kann ein sol­ches Men­schen­bild ver­hee­ren­de Aus­wir­kun­gen haben. Wenn sich jeder nur für sein eige­nes Wohl ver­ant­wort­lich fühlt, kann das – ent­ge­gen der Annah­me Adam Smiths, der unsicht­ba­ren Hand – zu einer Kol­li­si­on des Sozi­al­we­sens füh­ren, wie wir es gera­de im Nie­der­gang unse­res Sozi­al­staats beob­ach­ten kön­nen.

 

2. War­um konn­ten sich die Men­schen so schnell und unbe­merkt für das kapi­ta­lis­ti­sche Den­ken begeis­tern? Ent­spricht der Kapi­ta­lis­mus unse­rer Natur?

Wie kommt die Aus­sa­ge zustan­de, dass sich Men­schen schnell und unbe­merkt für das kapi­ta­lis­ti­sche Den­ken begeis­tert hät­ten? Wenn ich in die Geschich­te zurück­bli­cke drängt sich mir die­ses Bild nicht gera­de auf.

Man den­ke nur dar­an, dass sich im Mit­tel­al­ter zunächst nur in den ita­lie­ni­schen Stadt­staa­ten akti­ve Geld- und Kapi­tal­ver­meh­rung betrie­ben wur­de, Bei­spiel ers­ter kapi­ta­lis­ti­scher Hoch­bur­gen betrach­tet wird. Das war weiß Gott kei­ne Mas­sen­be­we­gung. Auch von Sei­ten der Kir­che und dar­über in nahe­zu der gesam­ten Gesell­schaft wur­de die Pra­xis der Zins­nah­me und das welt­li­che Gewinn­stre­ben ja lan­ge Zeit ver­pönt. Begeis­te­rung sieht mei­nes Erach­tens anders aus. Dass sich eine auf Kapi­tal­ak­ku­mu­la­ti­on beru­hen­de Wirt­schafts­wei­se den­noch durch­ge­setzt hat, wird ver­mut­lich zu einem gro­ßen Teil im Zusam­men­hang mit begüns­ti­gen­den Macht­ver­hält­nis­sen ste­hen. Gewiss ist dabei auch eine gewis­se Pfad­ab­hän­gig­keit mit im Spiel. Aller­dings zeigt ja auch schon ein Blick auf die unter­schied­li­chen Wirt­schafts­wei­sen, die als Kapi­ta­lis­mus bezeich­net wer­den, dass Men­schen auf sehr ver­schie­de­ne Arten des wirt­schaf­ten – die­se Ein­sicht bestä­tigt sich erst recht, wenn wir es wagen unse­ren Euro­zen­tris­mus hin­ter uns zu las­sen und einen Blick über unse­re west­li­che Welt hin­aus zu wagen. Nur weil wir es in den letz­ten Jahr­hun­der­ten durch ver­schie­dens­te Kolo­nia­li­sie­rungs­prak­ti­ken geschafft haben, vie­le ande­re Kul­tu­ren erfolg­reich zu zer­stö­ren und es heu­te ein mäch­ti­ges glo­ba­les Wirt­schafts­sys­tem gibt, das welt­weit Men­schen sei­ne Sach­zwan­g­lo­gik auf­drückt, hat das noch lan­ge nichts damit zu tun, das es der mensch­li­chen Natur ent­spricht – es ent­spricht viel­mehr aktu­el­len glo­ba­len Macht­ver­hält­nis­sen. Die mensch­li­che Natur zeich­net sich dage­gen dadurch aus, dass sie offen ist, d.h. ihre Prak­ti­ken nicht fest­ge­schrie­ben sind und Men­schen sie anpas­sen, über­den­ken und ändern kön­nen.

 

3. In unse­rer aktu­el­len Aus­ga­be liegt der Kapi­ta­lis­mus auf der Couch. Er ist aus­ge­brannt, kaum jemand glaubt noch ernst­haft an ihn, immer häu­fi­ger fragt man sich “wozu”, Kri­sen­stim­mung macht sich breit. Ist die Blü­te­zeit des Kapi­ta­lis­mus vor­über? Und wie geht es wei­ter?

Die Per­spek­ti­ve einer all­ge­mein ver­brei­te­ten Kri­sen­stim­mung kann ich nicht mit­tra­gen. Viel­mehr sehe ich zwei gewis­ser­ma­ßen gegen­läu­fi­ge Ent­wick­lun­gen: auf der einen Sei­te ist die herr­schen­de finanz­ka­pi­ta­lis­ti­sche Welt­wirt­schafts­ord­nung so stark wie noch nie – man beden­ke nur, dass die letz­te Finanz­kri­se zugleich die ers­te in der Geschich­te war, in der kei­ner der Ver­ant­wort­li­chen für sein Han­deln juris­tisch belangt wor­den ist. Da macht es eher den Ein­druck, als hät­te sich der glo­ba­le Finanz­ka­pi­ta­lis­mus so eine fes­te Burg gebaut, dass nicht ein­mal sei­ne eige­ne Kri­se ihn mehr erschüt­tern kann. Aller­dings glau­be ich weder, dass „der Kapi­ta­lis­mus“ Bur­gen baut, noch, dass er müde ist. Der Kapi­ta­lis­mus ist kei­ne Per­son die auf der Couch liegt. Es ist eine gesell­schaft­li­che Fik­ti­on, die wir alle in unse­rem all­täg­li­chen Han­deln repro­du­zie­ren… und momen­tan sind vie­le Men­schen sehr erfolg­reich damit.

Wenn jemand müde ist, müs­sen wir das sein – die Men­schen und das ist die ande­re Sei­te der Medail­le. Ver­schie­dens­te Kri­sen­phä­no­me­ne, wel­che, das mensch­li­che Dasein exis­ten­zi­ell bedro­hen und sei­ne aktu­el­le Lebens- und Wirt­schafts­wei­se infra­ge stel­len, brin­gen Men­schen immer mehr zum Nach­den­ken, wie er sein Han­deln ändern könn­te, um auf nach­hal­ti­ge Wei­se zu einem guten Leben für Mensch und Umwelt bei­zu­tra­gen.

Eine Per­spek­ti­ve dar­auf könn­te sein, dass welt­wei­te Beschleu­ni­gungs­pro­zes­se und das end­lo­se Stre­ben nach „mehr“, nicht nur die Umwelt zer­stört, son­dern auch vie­le Men­schen ermü­det haben. Sie ste­hen vor einer Sinn­kri­se, fra­gen sich, was das alles soll. Das Leben erscheint als Hams­ter­rad, in dem sie nach etwas Stre­ben, was sie weder wol­len, noch sie glück­lich macht. Ein Attest was dar­aus häu­fig folgt ist Bur­nout. Heu­te kön­nen wir ver­schie­dens­te Gegen­be­we­gun­gen dazu beob­ach­ten. Einer­seits gibt es Men­schen, die für völ­lig aus­stei­gen und ihr Leben ändern, auf der ande­ren Sei­te ver­su­chen aber auch Unter­neh­men sich zu ändern und mehr dem Sinn­be­dürf­nis der Men­schen anzu­pas­sen und ihnen ein Umfeld zu bie­ten, in dem sol­che Kri­sen nicht auf­tau­chen. Ob sie damit auch Ver­ant­wor­tung für die ande­ren Pro­ble­ma­ti­ken, wie dem Umwelt­wan­del über­neh­men, ist von Fall zu Fall unter­schied­lich. Ich den­ke, dass die­se Ent­wick­lung wei­ter­ge­hen wird. Men­schen wer­den aus­stei­gen und aus der Erfah­rung von Pro­ble­ma­ti­ken ande­re For­men des Wirt­schaf­tens und des Zusam­men­le­bens ent­wi­ckeln, ande­rer­seits wer­den Unter­neh­men ver­su­chen sich anzu­pas­sen – ob sie dabei Green­wa­shing betrei­ben oder authen­ti­sche Ver­ant­wor­tung über­neh­men und ande­res Wirt­schaf­ten mög­lich machen wol­len steht letz­ten Endes auch im Zusam­men­hang damit, was wir for­dern – poli­tisch und per­sön­lich.

 

4. Ist eine nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung im Kapi­ta­lis­mus denk­bar?

Das kommt stark dar­auf an, was man einer­seits unter Kapi­ta­lis­mus ver­steht und wie man ande­rer­seits Nach­hal­tig­keit inter­pre­tiert. Wenn nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung in einem sozi­al- öko­lo­gi­schen Wan­del besteht, der sich dadurch aus­zeich­net, dass nut­zen­ma­xi­mie­ren­des Han­deln zuguns­ten des Gemein­wohls auf­ge­ge­ben und Pri­vat­ei­gen­tum zuguns­ten von Umwelt­be­wah­rung weit­ge­hend auf­ge­ho­ben wird, bräuch­te es schon einen ziem­lich wei­ten Begriff von Kapi­ta­lis­mus, damit das dar­aus erwach­sen­de Sys­tem damit noch gefasst wür­de. Wenn nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung aller­dings damit ein­her­gin­ge, dass Unter­neh­men sich zuneh­mend ihrer gesell­schaft­li­chen Ver­ant­wor­tung bewusst wer­den und die­se aktiv in Bezug auf einen Erhalt von Umwelt und Gesell­schaft wahr­neh­men, wäre es viel­leicht eher mög­lich, den Begriff des Kapi­ta­lis­mus wei­ter zu ver­wen­den – auch wenn der Homo Oeco­no­mi­c­us dann raus­fal­len wür­de. Ich glau­be, dass das Sys­tem letzt­end­lich aus den Men­schen besteht die dar­in agie­ren, und die­se legen fest, wie es kon­kret aus­ge­stal­tet ist. Gegen­wär­tig sehe ich bei­de Ent­wick­lun­gen – den Ent­wurf einer völ­lig neu­en Wirt­schafts­wei­se unter ande­ren Arbeits- und Eigen­tums­be­din­gun­gen, sowie den Ver­such in alten Struk­tu­ren ver­ant­wor­tungs­voll zu han­deln, um nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung vor­an zu trei­ben. Ich den­ke eine nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung braucht bei­des: ein Bewusst­sein für die Struk­tu­ren, die nicht immer wie­der ver­hee­ren­de Aus­wir­kun­gen haben, wie Kapi­tal­markt­bla­sen, sowie aber auch eine indi­vi­du­el­le Ver­ant­wor­tungs­über­nah­me für das jewei­li­ge Han­deln. Ein Sys­tem kann kei­ne Ver­ant­wor­tung über­neh­men, das kann nur der Mensch und bes­ten­falls struk­tu­riert er dabei das Sys­tem so, dass es ihm dies auch ermög­licht.

Blick ins Archiv: Vernunft – eine knappe Ressource

Dass aktu­el­le Pro­ble­me nicht in den Tages­the­men zu sehen sind, son­dern nur durch frei­es Den­ken erkenn­bar wer­den, stel­len wir immer wie­der beim Stö­bern in unse­rem Archiv fest. Seit der Grün­dung des Klein­ver­lags im Jahr 2009 pocht das phi­lo­so­phi­sche Wirt­schafts­ma­ga­zin regel­mä­ßig dar­auf die drän­gen­den Fra­gen unse­rer Zeit zu stel­len. Damit sind auch unse­re ers­ten Aus­ga­ben noch brand­ak­tu­ell. Bereits 2010 trug bei­spiels­wei­se ein Heft den Titel: Ver­nunft – eine knap­pe Res­sour­ce. Dar­in schreibt agora42-Grün­der Wolf­ram Bern­hardt über das Klein­kind in der Öko­no­mie.

 

 

Das Kleinkind in der Ökonomie

von Wolf­ram Bern­hardt

Wolfram Bernhardt agora42

Wolf­ram Bern­hardt ist Grün­der und Mit­her­aus­ge­ber des phi­lo­so­phi­schen Wirt­schafts­ma­ga­zins agora42. Er stu­dier­te BWL mit dem Schwer­punkt Finanz- und Kapi­tal­märk­te sowie Unter­neh­mens­fi­nan­zie­rung.

Wie einen Säug­ling – der schreit, wenn er Hun­ger hat, der schreit, wenn er Wär­me und Zunei­gung braucht, der sich und die Befrie­di­gung sei­ner Bedürf­nis­se in den Mit­tel­punkt stellt –, so sahen Öko­no­men jahr­zehn­te­lang den Men­schen; ego­is­tisch oder wie die Öko­no­men es nann­ten: auf die Maxi­mie­rung des Eigen­nut­zens bedacht. Aller­dings waren sich die Öko­no­men sehr wohl bewusst, dass es kei­ne Säug­lin­ge sind, die das Wirt­schafts­ge­sche­hen bestim­men, son­dern erwach­se­ne Men­schen. Und da von erwach­se­nen Men­schen erwar­tet wird, dass sie ver­nünf­tig sind und ver­nünf­tig han­deln, sind die zwei wesent­li­chen Eigen­schaf­ten, die das über­lie­fer­te Men­schen­bild der Öko­no­men cha­rak­te­ri­sie­ren, die Ver­nunft (ratio­nal) und der Ego­is­mus (Maxi­mie­rung des Eigen­nut­zens).
Das Men­schen­bild der Öko­no­men fand in der Bezeich­nung Homo oeco­no­mi­c­us sei­nen Aus­druck. Die­se Bezeich­nung ist eine Anspie­lung auf den evo­lu­ti­ons­ge­schicht­li­chen Begriff Homo sapi­ens, der die heu­ti­ge Spe­zi­es des Men­schen bezeich­net. Der Homo sapi­ens, der sich von sei­nen Vor­fah­ren durch ein ande­res Ske­lett, ein grö­ße­res Gehirn und ande­re kör­per­li­che Merk­ma­le unter­schied, wur­de gewis­ser­ma­ßen vom Homo oeco­no­mi­c­us abge­löst. Die­se neue „Spe­zi­es“ basiert jedoch nicht auf einer ver­än­der­ten Phy­sio­gno­mie, son­dern auf einer ver­än­der­ten Ver­hal­tens­form: Obers­tes Ziel die­ses “neu­en Men­schen ist die Maxi­mie­rung des eige­nen Nut­zens.
Drei grund­le­gen­de Eigen­schaf­ten zeich­nen den „neu­en“ Men­schen aus: Ers­tens ist der Homo oeco­no­mi­c­us voll­stän­dig infor­miert, er kann also bei Ent­schei­dun­gen alle mög­li­chen Alter­na­ti­ven ein­be­zie­hen. Zwei­tens kennt er sei­ne Prä­fe­ren­zen genau – er weiß, was ihm den größ­ten Nut­zen bringt. Drit­tens passt sich der Homo oeco­no­mi­c­us Vor­ga­ben bezie­hungs­wei­se Nor­men der Umwelt/Gesellschaft an.
Wen­det man die­se Grund­an­nah­men auf den Säug­ling an, kann man des­sen Ver­hal­ten erstaun­lich genau vor­her­sa­gen. Hat ein Säug­ling Hun­ger, weiß er ganz genau, wie er sich ver­hal­ten muss, damit er gefüt­tert wird. Je älter das Kind wird, des­to bes­ser weiß es auch, wie es sich ver­hal­ten muss, um bei­spiels­wei­se einen Scho­ko­rie­gel an der Kas­se im Super­markt zu bekom­men. Und wenn die Eltern den unge­sun­den Scho­ko­rie­gel ver­bie­ten (Umwelt­be­din­gun­gen set­zen Gren­zen), kann es sich rela­tiv fle­xi­bel dar­auf ein­stel­len und ist zur Not auch mit einer Tüte Gum­mi­bär­chen zufrie­den. Auf der ande­ren Sei­te kön­nen die Eltern sich die­se Ver­hal­tens­mus­ter zunut­ze machen. Da dies nicht nur die Eltern erkannt haben, son­dern die Gesell­schaft die­ses Men­schen­bild als Kon­sens akzep­tiert hat, wird in Fabri­ken im Akkord gear­bei­tet und in den Vor­stands­eta­gen wer­den Tan­tie­me und Boni gezahlt.

 

Der Plan, der öko­no­mi­schen Theo­rie ein sol­ches Men­schen­bild zugrun­de zu legen, schien auf­zu­ge­hen. Im Regel­fall lässt sich mit dem Kon­zept des Homo oeco­no­mi­c­us näm­lich sehr gut das Ver­hal­ten der Indi­vi­du­en im öko­no­mi­schen Kon­text erklä­ren. Was dabei wirk­lich über­zeug­te, war, dass ers­tens die Ver­hal­tens­an­nah­me des öko­no­mi­schen Ansat­zes auf tat­säch­li­chen Ein­sich­ten in die mensch­li­che Natur beruht. Zwei­tens konn­te auf­grund der weni­gen Grund­an­nah­men die­ses Modell rela­tiv gut als Instru­ment dazu die­nen, das mensch­li­che Ver­hal­ten im öko­no­mi­schen Kon­text zu steu­ern.
Die­ses Kon­zept lag auch bei der „Aus­deh­nung der mikro­öko­no­mi­schen Theo­rie auf einen wei­ten Bereich mensch­li­chen Ver­hal­tens und mensch­li­cher Zusam­men­ar­beit“ zugrun­de – so der Wort­laut der König­lich Schwe­di­schen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten, als sie 1992 dem US-ame­ri­ka­ni­schen Öko­no­men Gary S. Becker den Nobel­preis für Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten ver­lieh. Becker erklär­te anhand der Annah­men, die dem Homo oeco­no­mi­c­us zugrun­de lie­gen, unter ande­rem, war­um Men­schen sich schei­den las­sen, wie eine wir­kungs­vol­le Dro­gen­po­li­tik aus­se­hen muss und was die Grün­de dafür sind, ob und wenn ja wie vie­le Kin­der aus Bezie­hun­gen her­vor­ge­hen.
Die­se Wür­di­gung und die damit ver­bun­de­ne Lob­re­de auf das Kon­zept des Homo oeco­no­mi­c­us ist umso erstaun­li­cher, da nur zwei Jah­re spä­ter der deut­sche Öko­nom Rein­hard Sel­ten den Nobel­preis für Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten bekam, obwohl er zu die­sem Zeit­punkt bereits das Kon­zept des Homo oeco­no­mi­c­us wider­legt hat­te. Aber wir wol­len nichts über­stür­zen. Bis das Bild des Homo oeco­no­mi­c­us tat­säch­lich ins Wan­ken kam, muss­te zunächst noch eine wei­te­re Ent­wick­lungs­stu­fe durch­lau­fen wer­den: vom Säug­ling zum Klein­kind, wel­ches im Spiel sich selbst erfährt – oder wie Fried­rich Schil­ler es aus­drückt: „Der Mensch spielt nur, wo er in vol­ler Bedeu­tung des Wor­tes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“
So gese­hen, war es wie­der nur kon­se­quent, dass Sel­ten den Nobel­preis für sei­ne Erkennt­nis­se in der Spiel­theo­rie erhielt – denn in der Spiel­theo­rie wird nach wie vor von einem ratio­nal und logisch han­deln­den Men­schen aus­ge­gan­gen, auch wenn man spon­tan mit dem Name „Spiel­theo­rie“ etwas ande­res ver­bin­det. Der Name kommt aus der Betrach­tung von Brett­spie­len, wie zum Bei­spiel Schach, die die Wis­sen­schaft­ler zur Ana­ly­se mensch­li­chen Ver­hal­tens her­an­ge­zo­gen haben. Das Beson­de­re an den Situa­tio­nen, wie sie sich zum Bei­spiel beim Schach erge­ben, ist, dass der Erfolg und somit die Ent­schei­dung des Ein­zel­nen nicht nur vom eige­nen Han­deln, son­dern auch von den Aktio­nen des Gegen­übers abhängt. Der Spie­ler muss bei sei­nem Ver­hal­ten also sowohl sei­ne eige­nen Züge im bis­he­ri­gen Spiel­ver­lauf wie auch die des Geg­ners und dar­über hin­aus die Spiel­si­tua­tio­nen, die sich aus den künf­ti­gen eige­nen Zügen und denen des Mit­spie­lers erge­ben kön­nen, glei­cher­ma­ßen ins Kal­kül zie­hen. Dass die­sen Ent­schei­dun­gen ratio­na­le Ver­hal­tens­an­nah­men zugrun­de lie­gen, ist intui­tiv nach­voll­zieh­bar.
Auch für das aus der Spiel­theo­rie resul­tie­ren­de Men­schen­bild fan­den die Wis­sen­schaft­ler einen wür­di­gen Namen und tauf­ten die­se „evo­lu­tio­nä­re“ Wei­ter­ent­wick­lung des Men­schen Homo ludens (latei­nisch: der spie­len­de Mensch). Im Grun­de ist der Homo ludens aber immer noch der alt­be­kann­te Homo oeco­no­mi­c­us. Denn bei allen Arten von „Spie­len“ der Öko­no­men geht es dar­um, vor­her­zu­sa­gen, wie der Mensch sich in bestimm­ten Situa­tio­nen ent­schei­det. Und die Grund­la­ge für die­se Vor­her­sa­gen bil­det nach wie vor die Maxi­mie­rung des indi­vi­du­el­len Nut­zens. Trotz­dem darf man die­ser Theo­rie ihre gro­ße Errun­gen­schaft nicht aberken­nen: So wur­de doch in die­ser Theo­rie berück­sich­tigt, dass der Mensch sich stets im sozia­len Kon­text bewegt und jede sei­ner Ent­schei­dun­gen Aus­wir­kun­gen auf ande­re Men­schen hat und umge­kehrt.

 

Die Puber­tät
Wie bereits erwähnt, wur­de Rein­hard Sel­ten aber weni­ger auf­grund sei­ner Errun­gen­schaf­ten in der Spiel­theo­rie bekannt, als durch sei­ne Expe­ri­men­te, wel­che die Annah­men, auf denen das Men­schen­bild des Homo oeco­no­mi­c­us fußt, infra­ge stell­ten. In die­sen Expe­ri­men­ten stell­te er Ver­suchs­per­so­nen vor bestimm­te Ent­schei­dun­gen. Das Ver­hal­ten der Per­so­nen, die an den Expe­ri­men­ten teil­nah­men, wider­sprach jedoch dem Bild des ratio­na­len, gut infor­mier­ten Ent­schei­ders, der sei­ne Prä­fe­ren­zen ganz genau kennt und sei­nen opti­ma­len Nut­zen berech­nen kann. Kurz, die Ver­suchs­per­so­nen ver­hiel­ten sich viel zu mensch­lich. Was tun?
Aus Sicht der Wis­sen­schaft­ler wäre es unver­ant­wort­lich gewe­sen, die inzwi­schen lieb gewon­ne­ne Theo­rie des Homo oeco­no­mi­c­us, in die sie viel For­schungs­ar­beit inves­tiert hat­ten, ein­fach auf­zu­ge­ben. Ande­rer­seits war es nicht mehr von der Hand zu wei­sen, dass das zugrun­de lie­gen­de Men­schen­bild sich ver­än­dert hat­te – es schien, als ob der Mensch in die Puber­tät ein­trat. Aber was ist die Puber­tät in die­sem Kon­text? Heißt das, dass der Mensch im Grun­de sei­nes Wesens noch immer ratio­nal und sein abwei­chen­des Ver­hal­ten ledig­lich eine Art Trotz­re­ak­ti­on dar­stellt?
Bereits 1955 hat­te sich Her­bert Simon, Wirt­schafts­no­bel­preis­trä­ger aus dem Jah­re 1978, kri­tisch zum Homo oeco­no­mi­c­us geäu­ßert. In die­sem Jahr ver­öf­fent­lich­te er eine Abhand­lung, in der er die Annah­men, die der Theo­rie des Homo oeco­no­mi­c­us zugrun­de lie­gen, anzwei­fel­te. Aber wenn die Wis­sen­schaft selbst im Jah­re 1994 noch an den Grund­an­nah­men des Homo oeco­no­mi­c­us fest­hielt, wie soll sie da im Jahr 1978 bereits die Rele­vanz der mensch­li­chen Psy­che aner­kannt haben? So ver­wun­dert es auch nicht, dass Simon den Nobel­preis „für sei­ne bahn­bre­chen­de Erfor­schung der Ent­schei­dungs­pro­zes­se in Wirt­schafts­or­ga­ni­sa­tio­nen“ erhielt und nicht etwa, weil er das gän­gi­ge Men­schen­bild der Öko­no­men ange­zwei­felt hat­te.

Seit die­sem ers­ten Auf­satz dau­er­te es 48 Jah­re, bis die König­li­che Schwe­di­sche Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten den welt­weit bekann­tes­ten Preis der Wis­sen­schaf­ten am 9. Okto­ber 2002 für eine Theo­rie ver­lieh, die die Grund­fes­ten des Homo oeco­no­mi­c­us nach­hal­tig erschüt­ter­te. Dani­el Kah­ne­man erhielt den Nobel­preis für „das Ein­füh­ren von Ein­sich­ten der psy­cho­lo­gi­schen For­schung in die Wirt­schafts­wis­sen­schaft, beson­ders bezüg­lich Beur­tei­lun­gen und Ent­schei­dun­gen bei Unsi­cher­heit“. Der Nobel­preis wur­de ihm für sei­ne Arbeit Pro­s­pect Theo­ry: an ana­ly­sis of Deci­si­on under risk, die er bereits 1978 zusam­men mit Amos Tvers­ky ver­öf­fent­licht hat­te, ver­lie­hen. Die­se Stu­die gilt heu­te als der Anfang vom Ende der Allein­herr­schaft des Homo oeco­no­mi­c­us in der Öko­no­mie.
Die Pro­s­pect Theo­ry besagt, dass Men­schen Wahr­schein­lich­kei­ten falsch ein­schät­zen und somit nicht ratio­nal han­deln. Inso­fern stellt sie tat­säch­lich die Puber­tät der öko­no­mi­schen Theo­ri­en dar. Denn was pas­siert mit dem Men­schen in der Puber­tät? Er tut so herr­lich irra­tio­na­le Din­ge, wie sich zu ver­lie­ben. Und spä­tes­tens die Hand­lun­gen, die der Mensch aus der Lie­be her­aus unter­nimmt, mag man getrost als irra­tio­nal bezeich­nen kön­nen. Kah­ne­man und Tvers­ky bau­ten ihre Theo­rie jedoch nicht auf ver­lieb­ten Men­schen auf, son­dern benann­ten Grün­de, war­um Men­schen sich in bestimm­ten Situa­tio­nen irra­tio­nal ent­schei­den. Aus ihren Beob­ach­tun­gen fol­ger­ten sie, dass Men­schen offen­sicht­li­che Ein­tritts­wahr­schein­lich­kei­ten bestimm­ter Ereig­nis­se immer rela­tiv zu ihrem Stand­punkt und ihren Erwar­tun­gen bewer­ten. Die getrof­fe­ne Ent­schei­dung kann somit im Gegen­satz zu der objek­ti­ven Erwar­tung ste­hen.
Kah­ne­man und Tvers­ky waren jedoch nicht die Ein­zi­gen, die Erkennt­nis­se aus der Psy­cho­lo­gie mit der Öko­no­mie zu ver­bin­den such­ten. Nach­dem der Damm erst ein­mal gebro­chen war, tauch­ten in immer kür­ze­ren Abstän­den Ver­öf­fent­li­chun­gen auf, die beleg­ten, dass der Mensch sich selbst im öko­no­mi­schen Kon­text nicht so ver­hält, wie es das Kon­zept des Homo oeco­no­mi­c­us erwar­ten ließ. Da bei die­ser For­schungs­rich­tung der Öko­no­mie das Ver­hal­ten der Men­schen den zen­tra­len Unter­su­chungs­ge­gen­stand bil­det, heißt die­ser Zweig auch „Ver­hal­tens­öko­no­mie“ (eng­lisch: beha­vio­ral finan­ce).

Das neue Men­schen­bild
In der Hoff­nung, dass der neue Ent­wurf des Men­schen sich nach einer Pha­se der Trans­for­ma­ti­on zu einem greif­ba­ren Cha­rak­ter for­men wür­de, forsch­ten vie­le Wis­sen­schaft­ler vol­ler Begeis­te­rung und zogen mit ihren Ergeb­nis­sen dem Homo oeco­no­mi­c­us nach und nach den Boden unter den Füßen weg. Mit viel­ver­spre­chen­den Namen wie zum Bei­spiel „Fluch des Gewin­ners“, „Selbst­über­schät­zung“ und „ideo­lo­gi­sche Nach­rich­ten­se­lek­ti­on“ erwei­ter­ten die Wis­sen­schaft­ler die Öko­no­mie um Kon­zep­te, die vor­her so nicht denk­bar gewe­sen wären.
Gleich­zei­tig lie­ßen die For­schungs­er­geb­nis­se die Wis­sen­schaft­ler ver­zwei­feln, denn die Ergeb­nis­se wider­spra­chen sich zuneh­mend. Obwohl die neu­en Model­le und Theo­ri­en das Kon­zept des Homo oeco­no­mi­c­us wider­leg­ten, hat noch kei­ne die­ser Theo­ri­en auch nur annä­hernd des­sen Stel­len­wert in Bezug auf die Erklä­rung mensch­li­chen Ver­hal­tens im öko­no­mi­schen Kon­text erreicht. Man weiß zwar, dass etwas falsch ist, man kennt die Sym­pto­me und auch alter­na­ti­ve Erklä­rungs­an­sät­ze – trotz­dem kann man all die­se Erkennt­nis­se nicht zu einem stim­mi­gen Bild ver­ei­nen. Ein Blick in das wah­re Leben zeigt, was mit dem Men­schen pas­siert, dem in einer sol­chen Situa­tio­nen selbst die Psy­cho­lo­gie nicht mehr hel­fen kann, um mit sich ins Rei­ne zu kom­men: Er wird zu sei­nem eige­nem Woh­le in die Psych­ia­trie ein­ge­wie­sen. Einen ähn­li­chen Weg ging der Homo oeco­no­mi­c­us. Denn der letz­te Schrei in der Öko­no­mie scheint der­zeit die Neu­ro-Öko­no­mie zu sein. Die Neu­ro­lo­gie als Leh­re vom Ner­ven­sys­tem und sei­nen Erkran­kun­gen soll end­lich wie­der ein Men­schen­bild her­vor­brin­gen, mit dem man in der Theo­rie­welt „ver­nünf­tig“ arbei­ten kann. So ver­su­chen die Öko­no­men momen­tan den Men­schen zu ver­ste­hen, indem sie sei­ne Gehirn­strö­me und ande­re Akti­vi­tä­ten des Gehirns unter­su­chen. Dabei fan­den sie her­aus, dass das Gehirn die Ent­schei­dun­gen schon getrof­fen hat, bevor der Mensch sich des­sen bewusst wird. Die Neu­ro-Öko­no­men sto­ßen mit die­sen For­schungs­er­geb­nis­sen in Gefil­de vor, die plötz­lich hoch­phi­lo­so­phisch wer­den. Denn inter­pre­tiert man die Fra­gen der For­schungs­ar­bei­ten aus einem phi­lo­so­phi­schen Blick­win­kel, so ist die Öko­no­mie inzwi­schen an dem Punkt ange­kom­men, an dem sie sich damit befasst, ob der Mensch über­haupt einen frei­en Wil­len hat oder ob sein Leben vor­her­be­stimmt ist.

 

Unter­des­sen war­tet die Welt vol­ler Span­nung dar­auf, wie der Mensch sich bald sel­ber sehen und ob er sein eige­nes Han­deln ver­ste­hen wird. Die span­nends­te aller Fra­gen ist also: Schafft der Homo oeco­no­mi­c­us den Weg aus der Anstalt?
Keh­ren wir zurück zum Aus­gangs­punkt: Ein Säug­ling kann als geeig­ne­tes Bei­spiel für das Ver­hal­ten des Homo oeco­no­mi­c­us her­an­ge­zo­gen wer­den. Der Säug­ling wur­de zum spie­len­den Kind, trat in die Puber­tät ein und trotz­te den öko­no­mi­schen Theo­ri­en. Irgend­wann muss­te man sich ein­ge­ste­hen, dass auch irra­tio­na­le Beweg­grün­de das Ver­hal­ten des (Modell-)Menschen beein­flus­sen. Da die­ser Mensch jedoch nun sein eige­nes Ver­hal­ten nicht mehr ver­stand, kam die Neu­ro­lo­gie ins Spiel. Was ist schief gelau­fen? Auf dem Weg wur­de ver­ges­sen, dass der Homo oeco­no­mi­c­us des­we­gen ein solch über­zeu­gen­des Kon­zept dar­stellt, weil er nur ein ein­zi­ges Ziel hat: die Nut­zen­ma­xi­mie­rung. Stets ging es auf dem Weg, der uns schließ­lich in die Anstalt führ­te, nur um die­ses Ziel. Aber könn­te es nicht sein, dass man die gan­ze Zeit einem fal­schen Ziel hin­ter­her­ge­rannt ist? Dann wür­de die­ser lan­ge Weg plötz­lich nicht mehr so wider­sprüch­lich erschei­nen, son­dern sich aus der fal­schen Ziel­set­zung erklä­ren.
Müss­te also nicht die Öko­no­mie das Ziel des Men­schen neu defi­nie­ren?

Plurale Ökonomik

Plurale Ökonomik

von Janina Urban und Lisa Weinhold

Janina Urban

Jani­na Urban.

Der Phi­lo­soph Her­bert Mar­cu­se schrieb in den 1960er Jah­ren über den „ein­di­men­sio­na­len Men­schen“. Er kri­ti­sier­te damit die Reduk­ti­on des Men­schen auf den Kon­su­men­ten im Kapi­ta­lis­mus. Fünfzig Jah­re später hat die Mainstream-Ökonomik die­se ein­sei­ti­ge Betrach­tung mensch­li­chen Zusam­men­le­bens und wirt­schaft­li­cher Zusammenhänge auf die Spit­ze getrie­ben.

Nach Erschütterungen auf den Finanzmärkten und wach­sen­der sozia­ler Ungleich­heit for­dern nun Stu­die­ren­de der Volks­wirt­schafts­leh­re, dass die Ökonomik ihre alt­be­kann­ten Kon­zep­te – allen vor­an den Homo oeco­no­mi­c­us – überdenken muss. Zum einen ver­sa­gen sie bei der Erklärung, geschwei­ge denn Vor­her­sa­ge, wirt­schaft­li­cher Ent­wick­lun­gen, zum ande­ren schei­nen die­se Kon­zep­te längst zur

Lisa Weinhold

Lisa Wein­hold

Self­full­ling pro­phe­cy“ für real­welt­li­che Abläufe gewor­den zu sein: In den Köpfen und Orga­ni­sa­tio­nen domi­nie­ren Eigen­nutz, Anrei­ze und Eff­zi­enz­kri­te­ri­en. Dabei könnte eine Plu­ra­le Ökonomik, die sich der Viel­schich­tig­keit von gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lun­gen bewusst ist und sich aus dem rei­chen Fun­dus der sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen Theo­ri­en, Metho­den und Refle­xio­nen speist, einen Bei­trag zu einem ange­mes­se­nen ökonomischen Den­ken und Han­deln leis­ten.

 

Homo oeconomicus – der eindimensionale Mensch?

Das Leit­bild der neo­klas­si­schen Mainstream-Ökonomik ist der Homo oeco­no­mi­c­us: ein abs­trak­tes Kon­strukt, das sei­nen eige­nen Nut­zen durch Kon­sum maxi­miert oder zwi­schen Nut­zen und Kos­ten abwägt. Sei­ne Gene­se voll­zog sich dabei über knapp zwei Jahr­hun­der­te: In den 1950er Jah­ren wur­de das ulti­ma­ti­ve, mathe­ma­ti­sche Modell zur Beschrei­bung eines Mark­tes und der Gesamt­wirt­schaft  unter ande­rem aus Jere­my Ben­t­hams hedo­nis­ti­schem Uti­li­ta­ris­mus (1789), Léon Wal­ras Gleich­ge­wichts­mo­dell (1874), Carl Men­gers (1871) und Alfred Mar­shalls (1890) Indi­vi­dua­lis­mus und Mar­gi­nal­prin­zip sowie Vilf­re­do Pare­tos Effi­zi­enz­kri­te­ri­en (1906) zusam­men­ge­setzt.

In dem Bestre­ben, die Volks­wirt­schafts­leh­re als eine wert­freie, qua­si natur­wis­sen­schaft­li­che Dis­zi­plin zu eta­blie­ren, hat­ten sich die Vor­den­ker der Neo­klas­sik Stück für Stück von der Abbil­dung der kom­ple­xen und his­to­risch gewach­se­nen Realität ent­fernt. Anstatt eine wert­freie Ana­ly­se der Wirt­schaft zu ermöglichen, führen der Homo oeco­no­mi­c­us und sei­ne beglei­ten­den Kon­zep­te des Gleich­ge­wichts und der Eff­zi­enz zu einer nor­ma­ti­ven und beschränkten Welt­sicht. Annah­men, die als Hilfs­ele­men­te genutzt wer­den, um das Zusam­men­fal­len von Ange­bot und Nach­fra­ge in einem mathe­ma­ti­schen Modell zu for­mu­lie­ren, geben den Ton in der neo­klas­si­schen Welt­kon­struk­ti­on an. Die mecha­nis­ti­sche, mathe­ma­ti­sche Spra­che bricht dabei mensch­li­ches Zusam­men­le­ben auf eini­ge weni­ge Begrif­fe her­un­ter. Aus kom­ple­xen Zusammenhängen – wan­del­ba­ren Abhängigkeitsstrukturen durch Pro­duk­ti­ons­wei­sen, Konsummöglichkeiten oder bezahl­ten und unbe­zahl­ten Beschäftigungsverhältnissen – wur­den sta­ti­sche Glei­chun­gen und Dia­gram­me. Die Ökonomik berei­te­te dem ein­di­men­sio­na­len Men­schen den Weg.

Das lan­ge (his­to­ri­sche) Rin­gen um die heu­ti­gen ökonomischen Kon­zep­te scheint vie­len Wirt­schafts­wis­sen­scha­le­rIn­nen kaum noch bewusst zu sein: Mathe­ma­ti­sche Model­le und die empi­ri­sche Überprüfung dar­aus abge­lei­te­ter Hypo­the­sen gel­ten als die ulti­ma­ti­ven Kri­te­ri­en von Wis­sen­scha­lich­keit. Frei nach Karl Pop­per ist zumeist die Überzeugung vor­herr­schend, die Main­stream-For­schung sei posi­ti­vis­tisch, wert­ur­teils­frei und die bes­se­re Theo­rie habe sich nun ein­mal durch­ge­setzt. Dabei lehn­te auch Pop­per (der ja als kri­ti­scher Ratio­na­list Her­bert Mar­cu­se, einem Ver­tre­ter der Frank­fur­ter Schu­le, gegenüberstand) die Vor­stel­lung von Wert­ur­teils­frei­heit, wie sie die Neo­klas­sik hegt, ent­schie­den ab. Sei­ner Ansicht nach dürfen sich Kate­go­ri­en­sys­te­me, Begriffs­ap­pa­ra­te und Wir­kungs­mo­del­le eben­so wenig der Kri­tik ent­zie­hen wie dadurch gewon­ne­ne Befun­de.

 

Leitbild: Pluralismus!

Das alte Fun­da­ment der Ökonomik bröckelt. Ihr neu­es Fun­da­ment soll­te sich des­halb, auch aus kri­tisch-ratio­na­lis­ti­scher Sicht, am Leit­bild des Plu­ra­lis­mus ori­en­tie­ren: an einer Viel­zahl von  Theo­ri­en und Methoden–auch über die Volks­wirt­schafts­leh­re hin­aus –, die gleich­be­rech­tigt in den Erkennt­nis­pro­zess mit­ein­be­zo­gen wer­den. Eine Plu­ra­le Ökonomik würde auf die­se Wei­se dazu bei­tra­gen, die der­zeit stan­dar­di­sier­ten Vor­stel­lun­gen von Wis­sen­schaft­lich­keit zu überwinden und neue Maßstäbe für das Den­ken über Wirt­schaft zu eta­blie­ren – sol­che, die sich nicht nur über die Metho­de, son­dern vor allem über ihren Gegen­stand defi­nie­ren. Grundsätzliche Fra­gen von Ethik, Gerech­tig­keit und Wahr­heit würden wie­der in der Ökonomik dis­ku­tiert wer­den. Außer­dem würde das Stu­di­um ver­schie­de­ner  Theo­rie­schu­len und der Geschich­te des ökonomischen Den­kens auch das Augen­merk auf die sozio­kul­tu­rel­le und his­to­ri­sche Kon­tex­tua­li­sie­rung der Wirtschaft(-swissenschaft) rich­ten – und mit­hin auf ihre sozia­le Bedingt­heit und Wirkmächtigkeit. Eine Plu­ra­le Ökonomik und die damit ver­bun­de­ne Offen­heit sind des­halb zen­tral, um neue Bil­der der Wirt­schaft, aber vor allem auch des mult­idi­men­sio­na­len Men­schen zu ent­wi­ckeln.

 

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Die­ser Text ent­stammt der aktu­el­len Aus­ga­be der agora42.

Jani­na Urban hat 2015 ihr Mas­ter­stu­di­um der VWL in Ber­lin abge­schlos­sen und arbei­tet aktu­ell im For­schungs­in­sti­tut für gesell­schaft­li­che Wei­ter­ent­wick­lung im The­men­be­reich Neu­es öko­no­mi­sches Den­ken. Sie ist seit 2013 im Netz­werk Plu­ra­le Öko­no­mik aktiv.

Lisa Wein­hold ist der­zeit Mas­ter­stu­den­tin der Inter­na­tio­na­len Bezie­hun­gen mit Schwer­punkt poli­ti­sche Ökonomie in Dres­den. Zuvor hat sie ihr Bache­lor­stu­di­um der Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten in Frank­furt am Main absol­viert. Im Netz­werk Plu­ra­le Ökonomik ist sie seit Beginn die­sen Jah­res aktiv.