Der falsche Gott

Der falsche Gott

von Jens Böttcher

Von der Not­wen­dig­keit, den Kapi­ta­lis­mus als schei­tern­de Ersatz­re­li­gi­on zu erken­nen – und von der unerhörten Möglichkeit einer Revo­lu­ti­on. Aus der Aus­ga­be DER KAPITALISMUS AUF DER COUCH

Jens Böttcher

Jens Böttcher lebt als Schrift­stel­ler, Musi­ker und Medi­en­schaf­fen­der im Süden Ham­burgs. Sein jüngster Roman Herr Sturm und die Far­be des Win­des (SCM-Ver­lag, 2016) han­delt vom Glau­ben der Mensch­heit, auf sei­nem aktu­el­len Album V: Unsterb­li­ch besingt er die Schönheit und Unvergänglichkeit der Lie­be.

Es mag befremd­li­ch sein, es so zu betrach­ten, aber all die dif­fu­sen Begrif­fe, die wir für die sys­te­mi­schen Wir­ren unse­rer Zeit immer wie­der zu fin­den suchen – Kapi­ta­lis­mus, Neo­li­be­ra­lis­mus, Kon­su­mis­mus – ver­ber­gen doch nur mäßig geschickt, dass wir in ihren ver­bor­ge­nen Erlösungsversprechen eine tief in uns selbst ver­an­ker­te, aus­ge­spro­chen religiös gefärbte Sehn­sucht zu befrie­di­gen suchen. Oder such­ten.

Wol­len wir es wagen, auf­rich­tig zu sein? Aufhören, angeb­li­ch Säkulares von angeb­li­ch Spi­ri­tu­el­lem zu tren­nen? Den Mut auf­brin­gen, unser eige­nes wahn­haf­tes Schei­tern zuzu­ge­ben? End­li­ch für möglich hal­ten, dass wir viel mehr sind als die Sum­me unse­rer sicht­ba­ren Tei­le? In die Tie­fe unse­rer Her­zen hinabspüren und bar jeder intel­lek­tu­el­len Rüstung fra­gen: Wor­um geht es denn bei tatsächlich allem, was wir tun und suchen und erseh­nen, sei es in Ost oder West, Nord oder Süd? Wor­um ging es in all unse­ren Sys­te­men und Sys­tem-Revo­lu­tio­nen, sei­en sie laut oder lei­se gewe­sen, gewalttätig oder fried­li­ch?

Es ging stets um den tie­fen mensch­li­chen Wunsch nach inne­rem Ankom­men. Es ging immer um die Möglichkeit – viel­leicht die Illu­si­on – fina­ler Gebor­gen­heit. Um die kind­li­che Hoff­nung, unse­re tiefs­ten Ängste vor Ver­las­sen­heit mögen von Zau­ber­hand fort­ge­weht wer­den und nicht der­ein­st als neu­es Trau­ma zurückkehren. Es geht immer um Bedin­gungs­lo­sig­keit, um das Gefühl hin­ge­ge­ben sein zu dürfen. Es geht immer um Lie­be. Nur geben wir das natürlich nicht gern zu. Das klingt so schreck­li­ch kit­schig. So tri­vi­al. So leer. Jeden­falls solan­ge wir die Lie­be in ihrer gan­zen Größe abwei­sen, solan­ge wir sie behan­deln wie den störenden Bett­ler, der es am Hei­li­gen Abend wagt, an unse­re Türen zu klop­fen.

Da uns der Mut zu einem kol­lek­ti­ven Bekennt­nis zur Lie­be inklu­si­ver all ihrer Her­aus­for­de­run­gen fehlt, suchen wir seit Anbe­ginn unse­res eige­nen Urknalls nach Heils­ver­spre­chen, die stets von außen nach innen wir­ken sol­len. Die von Erich Fromm ein­st gestell­te Fra­ge nach „Haben oder Sein“ war wohl nie aktu­el­ler als heu­te. Wir als Kon­sum­ge­sell­schaft haben sie nur fal­sch beant­wor­tet – und leben in dem Glau­ben, dass ein zufrie­de­nes Sein aus dem Haben ent­steht. Tatsächlich geht es nur anders­her­um: Nur ein befrie­de­tes Sein gibt uns die Möglichkeit, in ihm etwas zu haben, nämlich Selbst­wert, Selbst­lie­be. Unse­re Zufrie­den­heit müsste von einem geheim­nis­vol­len inne­ren Kon­ti­nent kom­men, den wir als Kol­lek­tiv bis­lang nicht ent­deckt haben. Die­ses „Haben“ käme aus dem Sein und wäre mit Gold nicht auf­zu­wie­gen.

Die Lüge stirbt

Der Kapi­ta­lis­mus ver­packt sein Heils­ver­spre­chen in ein Glau­bens­sys­tem, das im Gegen­satz zu sei­nen mono­the­is­ti­schen Stief­ge­schwis­tern nicht mal mehr „himm­li­sch“ zu sein hat, son­dern uns aufgeklärte Geis­ter, ganz und gar modisch-säkularisiert, in das Kor­sett eines rein welt­li­chen Prag­ma­tis­mus zwängt. So wer­den wir in einem zwangsläufig kalt­her­zi­gen Hier und Jetzt ver­or­tet, zu Füßen des Götzenpriesters Kon­sum, des­sen zuck­rig-fau­li­gen Zau­ber­trank wir schon hek­to­li­ter­wei­se getrun­ken haben. Alles im Neon­schein einer Ersatz­re­li­gi­on, die uns in sich zu ber­gen ver­spricht wie eine gute Mut­ter, ohne dass wir Gläubigen dabei länger die Unbe­re­chen­bar­keit oder gar die Stra­fen jen­sei­ti­ger Mächte zu fürchten hätten.

Nen­nen wir das gars­ti­ge Kind also beim Namen: Der Kapi­ta­lis­mus hat sich zu einer Pla­ce­bo-Reli­gi­on auf­ge­schwun­gen, die es nun in fina­lem Zucken noch wagt, sich selbst als „alter­na­tiv­los“ zu erklären, ohne dabei wenigs­tens mit Schamesröte im Ant­litz einzuräumen, dass kei­ne mensch­li­che Idee das je his­to­ri­sch unge­straft von sich behaup­ten durf­te. Und doch ver­heißt er uns wei­ter­hin die allerschönste Erlösung, wenn auch mit dem Röcheln des ster­ben­den Psy­cho­pa­then, der mit dem Mes­ser in der Hand unter einem Maha­go­ni-Schreib­ti­sch an der Wall Street her­vor­lugt: „Strengt euch nur an, geht vor­an! Ja, ihr könnt noch ankom­men in eurem gelob­ten Land. Ihr könnt es noch errei­chen: das vol­le Kon­to, die Motor­jacht, die Sorg­lo­sig­keit. Arbei­tet! Kauft! Mehr!“

Die Lüge lebt. Jeder Wer­be­spot erzählt sie. Nur fal­len jetzt nicht mehr alle auf sie rein. Es regt sich Wider­stand im Her­zen der Sek­ten­op­fer, die wir alle sind. Aber wie bei jedem Sek­ten­op­fer: Es gehört viel Mut dazu, sich den Irr­glau­ben ein­zu­ge­ste­hen. Sich von den noch überzeugten oder lethar­gi­schen Glaubensbrüdern abzu­wen­den und zu rufen: „Wir wur­den getäuscht! Es klang alles so gut, damals zu Wirt­schafts­wun­der­zei­ten. Wir konn­ten wirk­li­ch nicht sehen, dass wir auf den nächsten Abgrund zufah­ren.“ Es wäre übrigens auch zu bil­lig zu sagen, dass wir uns bloß von irgend­wel­chen bösen Mächten haben täuschen las­sen – auch wenn die Groß­kon­zer­ne die­ser Welt die Rol­le der Bösen mit bemer­kens­wer­tem Taten­drang spie­len. Es geht aber viel tie­fer. Wir selbst sind nicht nur wil­li­ge Opfer, wir sind auch Meis­ter der Selbsttäuschung – und des­halb stets auch Täter. „Es gibt kein rich­ti­ges Leben im Fal­schen“, sag­te ein­st Ador­no. Aber wir sind ent­schul­digt. Weil die Sehn­sucht so stark in uns brennt, weil sie uns schwächt, solan­ge wir nicht zu ihrem Kern vor­drin­gen und die ver­meint­li­che Schwäche des Auf­ge­bens als Stärke erken­nen. Bis es so weit ist, kor­rum­pie­ren wir jedes Wun­der der Lie­be und der Mit­mensch­lich­keit, weil wir deren sim­ple Ein­deu­tig­keit nicht ertra­gen wol­len.

Wir suchen, wir brau­chen Erlösung. Die­se Sehn­sucht ist die Wie­ge der Reli­gio­nen, der Phi­lo­so­phie, der Poe­sie, der Künste, der poli­ti­schen Sys­te­me, die ja oft mit Klug­heit begin­nen und in star­rer Dog­men­wut enden. Wir suchen jene Begna­di­gung, die im christ­li­chen Duk­tus, der Kreu­zi­gung und Auf­er­ste­hung Jesu ent­sprin­gend, die „Erret­tung durch die Ver­ge­bung der mensch­li­chen Sünde“ genannt wird (und dabei etwas grundsätzlich Mensch­li­ches beschreibt – nicht etwa mora­li­sche Ver­feh­lun­gen des Indi­vi­du­ums). Wir suchen das, was Mus­li­me ihrem Glau­ben als jen­sei­ti­ges Beloh­nungs­sys­tem zugrun­de legen, das, was die Bud­dhis­ten als Nir­va­na bezeich­nen und damit, wie ihre christ­li­chen, jüdischen und mus­li­mi­schen Sinnsucher-Brüder, den won­ne­vol­len Zustand der Frei­heit von allen all­zu mensch­li­chen Pla­gen mei­nen – inklu­si­ve der Frei­heit von eige­nen wer­ten­den Gedan­ken­wel­ten, von irreführenden Vor­stel­lun­gen des Mensch­seins. Ja, ver­dammt, wir brau­chen Erlösung. Wir suchen sie überall, vor­nehm­li­ch in unse­ren Reli­gio­nen. Da wir aber längst zu klug und zu reif gewor­den sind für die im Sin­ne unse­res Prag­ma­tis­mus ver­welk­ten Welt­re­li­gio­nen, haben wir uns unter­wegs eine neue erfun­den, die angeb­li­ch gar kei­ne ist. Ohne zu mer­ken, dass sie, wie die ande­ren zuvor, ohne eine radi­ka­le Umkehr zur Lie­be nicht zu jenem Heil führen kann, das wir alle erseh­nen.

Die Idee vom Kapi­ta­lis­mus, von den frei­en Märkten, die uns ins Para­dies kol­lek­ti­ven, glo­ba­len Reich­tums führen würden, von der befrei­en­den und welt­ei­nen­den Kraft des gemein­sam genutz­ten „Kapi­tals“ hat in die­sem Sin­ne unge­heu­res Heil nicht nur für unse­re Geldbörsen, son­dern auch für unse­re See­len ver­hei­ßen: Am Ende des Weges war­tet äußerer und somit inne­rer Wohl­stand für alle. Die Lebens­leis­tung des Ein­zel­nen wird be- lohnt durch das Gefühl gren­zen­lo­ser Sicher­heit, gebo­ren aus dem Schoß eines prallgefüllten Bank­kon­tos. All das meint und zielt eben auf: Ankom­men. Frie­den. Erlösung. Hin­fort mit Gebet und Beicht­stuhl, hier gel­ten Kauf­kraft, Zinserträge und Anse­hen als won­ni­ge Wun­der­mit­tel. Aber was für ein Wahn!

Der Kapi­ta­lis­mus hat sich als Welt­re­li­gi­on übrigens einen Son­der­platz erschli­chen, als er tönte, dass er sogar mit unse­rer gro­ßen Errun­gen­schaft Demo­kra­tie im Bun­de sei, dass zudem aus­nahms­los alle Völker und Natio­nen in sei­nen hei­li­gen Markt­hal­len will­kom­men sei­en. All das, was uns an den totalitären Aus­sa­gen der mono­the­is­ti­schen Welt­re­li­gio­nen stets so miss­fal­len hat – die Exklusivität, die aus­gren­zen­de Alter­na­tiv­lo­sig­keit der jewei­li­gen Erret­tungs­kri­te­ri­en – wird vom Kapi­ta­lis­mus mit einer fei­er­li­chen Ein­la­dung an alle aus­ge­he­belt. Dass er dabei gelo­gen hat, wird uns erst jetzt bewusst: Das ver­meint­li­che Heil mus­s­te ja zwangsläufig auf sei­ne weni­gen Hohe­pries­ter in den gol­de­nen Kapel­len begrenzt blei­ben. Und es wur­den immer schon blu­ti­ge Krie­ge in sei­nem Namen geführt, auch wenn er das noch geschickt zu tar­nen weiß – Ver­tei­di­gung der Frei­heit, heißt es dann. Aber wir soll­ten uns nicht vor­wer­fen, es nicht eher erkannt zu haben. Wie jedes ande­re bedin­gungs­lo­se Heils­ver­spre­chen mus­s­te der Kapi­ta­lis­mus sich an der scho­nungs­lo­sen Realität des Mensch­seins erwei­sen, rei­ben, schließ­li­ch zer­rei­ben. Nun wird es zu sei­nem Unglück, dass er sich nicht auf himm­li­sche Her­kunft beru­fen kann.

Zitat Böttcher

Revolution – aber anders

Er, der gro­ße säkulare Ange­ber­gott, wird mit Kara­cho gegen die Wand fah­ren. Und wir, die wir schon all die Jah­re jubelnd auf sei­nem Rücken rei­ten, wer­den mit Kopf­schmer­zen erwa­chen. Die Ana­ly­se des religiösen Sub­tex­tes des Kapi­ta­lis­mus wird uns viel­leicht jetzt schon hel­fen und den Schmerz des Auf­pralls zumin­dest intel­lek­tu­ell ein klein wenig lin­dern können. Von der Not­wen­dig­keit einer Revo­lu­ti­on, die unser verändertes Herz vor­aus­setzt, wird sie uns aller­dings nicht ent­bin­den.

Wer­fen wir noch kurz und ent­schlos­sen einen Bli­ck auf die hei­li­gen Gebo­te des Kapi­ta­lis­mus und ver­glei­chen sie mit dem wohl tiefs­ten spi­ri­tu­el­len Gesetz, das je nie­der­ge­schrie­ben wur­de – dem „höchsten Gebot“, wie es der Zim­mer­manns­sohn Jesus von Naza­re­th im Zwiegespräch mit den starrköpfig-religiösen Fun­da­men­ta­lis­ten sei­ner Zeit nann­te.

Die höchsten Gebo­te des Kapi­ta­lis­mus sind: pro­du­zie­ren, kau­fen, wach­sen. Die höchsten Gebo­te laut Jesus sind: Lie­be Gott und lie­be dei­nen Nächsten wie dich selbst. Dar­in sei­en alle Geset­ze erfüllt. Das klingt erst­mal wie­der nach einer unzulässigen Gegenüberstellung Ökonomie ver­sus Spiritualität, aber, sie- he oben, das ist im Sin­ne der men­sch- lichen Ganz­heit­lich­keit ein kom­plett fal­sches Urteil – was überdies dadurch bewie­sen wird, dass der Kapi­ta­lis­mus ja auch den gan­zen Men­schen zerstört, sofern er nicht sei­nen Gebo­ten folgt. Man den­ke an die grau­sa­me Armut und Aus­beu­tung gan­zer Völker oder an die uner­mess­li­ch wach­sen­de Depres­si­on und wei­te­re see­li­sche Erkran­kun­gen des Indi­vi­du­ums in den ver­meint­li­ch „rei­chen“ Ländern. Wer im Kapi­ta­lis­mus schei­tert, ist nicht nur bank­rott, son­dern wird auch an Leib und See­le gebro­chen. Wir müssen nicht in die drit­te Welt rei­sen, um die Opfer sei­ner bru­ta­len Gier zu ent­de­cken. Ein Besu­ch in der Knei­pe neben dem Hartz-IV-Amt reicht.

Ein wei­te­res Jesus-Zitat könnte uns in den Sinn kom­men und uns ver­ste­hen hel­fen, dass die Reli­gi­on des Kapi­ta­lis­mus nicht mit jener der Lie­be zusam­men­geht: „Nie­mand kann zwei Her­ren die­nen: Ent­we­der er wird den einen has­sen und den andern lie­ben, oder er wird an dem einen hängen und den andern ver­ach­ten. Ihr könnt nicht Gott die­nen und dem Mam­mon.“

Die­se dras­ti­schen Worte sind nach­zu­le­sen im Matthäus-Evangelium. Die­ser Mam­mon – damals mus­s­te er von den Ohren­zeu­gen wohl als dämonische Gestalt ver­stan­den wor­den sein – ging später, nach­dem Luther dar­auf ver­zich­tet hat­te, sich eine deutsch­spra­chi­ge Ent­spre­chung des Begriffs aus­zu­den­ken, auch in den hie­si­gen Sprach­ge­brauch über: als Bild für „unred­li­ch erwor­be­nen Gewinn oder unmo­ra­li­sch ein­ge­setz­ten Reich­tum“. Eine ziem­li­ch pas­sen­de Meta­pher für das ent­seel­te Gesche­hen auf unse­rer Welt. Eine unbe­que­me dazu. Es ist im Kapi­ta­lis­mus nicht möglich, ein Lie­ben­der zu sein. So sehr wir es uns auch wünschten.

Wir haben dem fal­schen Gott gedient. Eif­rig. Überzeugt. So lan­ge wir glaub­ten. So lan­ge wir halt überzeugt waren. Nun kommt die Zeit für eine Revo­lu­ti­on. Überall sin­gen die Unzu­frie­de­nen und die Geschei­ter­ten schon ihr Lied. Aber sie wird doch nur gelin­gen, wenn sie sich ans Herz der Mensch­lich­keit zurückbindet. Son­st wird sie wie­der nur in neue Unfrei­heit führen, die es eines Tages zu überwinden gilt.

Wir wer­den um die­se Wahr­heit nicht länger her­um­kom­men. Sie wird uns ein- holen und ver­su­chen, uns zu wecken, so wie sie es schon immer tat. Unse­re Mammongläubigkeit wird enden, wenn das ent­fes­sel­te Vehi­kel Kapi­ta­lis­mus sich mit gro­ßem Knall selbst pul­ve­ri­siert. Durch den schmerz­haf­ten Auf­prall wird uns das Aus­maß sei­ner unverschämten Lüge bewusst wer­den. Und wir wer­den durch die Ana­ly­se sei­ner Gebo­te begrei­fen, dass es ihm gelun­gen war, uns rein­zu­le­gen, uns von etwas wirk­li­ch Bösem zu überzeugen, nämlich dem glat­ten Gegen­teil des­sen, was er ver­hei­ßen hat­te: Wir wer­den erken­nen, dass wir die Welt in wert­vol­le­re und wert­lo­se­re Men­schen ein­ge­teilt haben, dass wir erneut bereit waren – den gutbürgerlichen Lem­min­gen des soge­nann­ten Drit­ten Rei­ches gleich – welt­weit die „Schwa­chen“ zu opfern, die wir uns aller­dings selbst erschaf­fen und dann gewis­sen­los zu Kollateralschäden erklärt hat­ten. Wir wer­den erschre­cken, jene Mensch­lich­keit ver­ra­ten zu haben, die wir uns eigent­li­ch wünschen – und an der Stel­le von Güte und Nächstenliebe eine wei­te­re Ideo­lo­gie plat­ziert zu haben, die uns die Sin­ne mit Gier ver­ne­bel­te: alter­na­tiv­lo­ses Wachs­tum. Die­ser Wachs­tums­be­griff wird uns mit etwas Abstand plötzlich vor­kom­men wie ein Syn­onym für die kom­plet­te Aus­beu­tung von Res­sour­cen, Lebensräumen und vor allem: See­len. Und so wie Her- mann Hes­se ein­st wuss­te, als er die be- rühmten Worte nie­der­schrieb, die vom Papier flüsterten „Ich bin du und du bist ich“, wer­den wir erken­nen, dass die­se See­len doch stets wir alle waren.

Wir wer­den auf­wa­chen. Und einen wei­te­ren Ver­su­ch star­ten, alles bes­ser zu machen. Viel­leicht wer­den schließ­li­ch unse­re Kin­der begin­nen, die Lie­be höher zu ach­ten, als wir es je taten. Viel­leicht wer­den sie begin­nen, sie allein als namen­lo­se Reli­gi­on zu akzep­tie­ren, als eine, die im Sin­ne der Worte von Jesus (und auch Sid­dhart­ha und Gan­d­hi und all den ande­ren wirk­li­chen Hel­den der Mensch­heits­ge­schich­te) nie­man­den aus­schließt, son­dern auch die Schwa­chen in sich auf­nimmt; als eine, die sich mit den Glücklichen freut und mit den Trau­ri­gen trau­ert; als eine, die uns tei­len lehrt und uns dar­in unter­weist, unse­re Fein­de zu lie­ben, um augen­blick­li­ch fest­zu­stel­len, dass wir in der glei­chen Sekun­de, in der uns das gelingt, gar kei­ne mehr haben. Viel­leicht wer­den wir zu einem Bewusst­sein gelan­gen, das zunächst ein poe­ti­sches, ein spi­ri­tu­el­les sein muss – um dann ein ökonomisches, gesell­schaft­li­ches, sys­te­ma­ti­sches, wirt­schaft­li­ches, mit­mensch­li­ches Gan­zes wer­den zu können. Oder auch: Ertränken wir die bit­te­re Erkennt­nis des Schei­terns im Fluss des Lebens. Wagen wir den Weg. Las­sen wir unter­wegs kaputt­ge­hen, was uns kaputt macht.

 

 

Richard David Precht anlässlich seiner Herausgeberschaft der agora42

Richard David Precht anlässlich seiner Herausgeberschaft der agora42

 

Mit der Aus­ga­be 1/2011 wur­de der Best­sel­ler­au­tor und Phi­lo­so­ph Richard David Precht Mit­her­aus­ge­ber der ago­r­a42. Sei­nen Ent­schluss begrün­de­te er wie folgt:

 

Richard David Precht

Richard David Precht ist Mit­her­aus­ge­ber der ago­r­a42. Bekannt wur­de er 2007 durch sein Sach­buch Wer bin ich – und wenn ja, wie vie­le? Seit Sep­tem­ber 2012 mode­riert er die Phi­lo­so­phie­sen­dung Precht im ZDF.

Öko­no­mie und Phi­lo­so­phie – in der heu­ti­gen Zeit wir­ken die bei­den Begrif­fe ein­an­der so fremd wie die erd­zu­ge­wand­te und die erd­ab­ge­wand­te Sei­te des Mon­des. Öko­no­mie, so scheint es, ist die Wis­sen­schaft von etwas sehr Nütz­li­chem und Prak­ti­schem, der Deckung des mensch­li­chen Bedarfs. Phi­lo­so­phie dage­gen ist, wenn über­haupt, die Wis­sen­schaft von etwas Unnüt­zem und Theo­re­ti­schem, den Muße­stun­den des Lebens vor­be­hal­ten; ein Hob­by für Men­schen mit hin­rei­chend Geld und Zeit.

Es scheint so. Tat­säch­li­ch jedoch ist Öko­no­mie eine sehr phi­lo­so­phi­sche Wis­sen­schaft. Denn was ist der mensch­li­che Bedarf? Was gehört dazu und was nicht? Wer bestimmt die Zie­le des Wirt­schaf­tens? Lie­gen sie in Kur­ven und Tabel­len ver­bor­gen, las­sen sie sich kühl berech­nen? Oder sind sie nicht viel­mehr eine gesell­schaft­li­che Fest­set­zung auf der Grund­la­ge phi­lo­so­phi­scher Über­le­gun­gen?

Die bedeu­tends­ten Öko­no­men der Mensch­heits­ge­schich­te waren Phi­lo­so­phen, von Adam Smith über John Stuart Mill zu Karl Marx. Für sie war Öko­no­mie die prak­ti­sche Umset­zung eines phi­lo­so­phi­schen Ziels: die Chan­ce auf ein erfüll­tes Leben für mög­lichst vie­le Men­schen. Dass sich Öko­no­men kaum noch für Phi­lo­so­phie, Phi­lo­so­phen kaum mehr für Öko­no­mie inter­es­sie­ren, ist unter sol­chen Vor­aus­set­zun­gen ein gesell­schaft­li­ches Fias­ko. Soll man den Wert und den Erfolg des Wirt­schaf­tens allein am Wach­sen des Brut­to­in­lands­pro­dukts bemes­sen? Ist Wirt­schaft gut, wenn sie Wachs­tums­ra­ten pro­du­ziert, und schlecht, wenn sie sta­gniert? Und trägt mate­ri­el­les Wirt­schafts­wachs­tum zu allen Zei­ten und ohne Ein­schrän­kung dazu bei, dass mög­lichst vie­le Men­schen die Chan­ce auf ein erfüll­tes Leben bekom­men?

Sein Leben mit Gütern anzu­fül­len, so lehrt uns unser pri­vi­le­gier­tes Leben in den rei­chen Län­dern der west­li­chen Welt, ist noch nicht gleich­be­deu­tend mit Erfül­lung. Öko­no­mie ohne Phi­lo­so­phie ist leer. Phi­lo­so­phie dage­gen, die sich um die öko­no­mi­schen Gege­ben­hei­ten nicht schert, ist blind für das tat­säch­li­che Leben der Men­schen. Vie­le Fra­gen nach einem erfüll­ten Leben sind heu­te unbe­ant­wor­tet – wie auch die Theo­re­me der Wirt­schaft oft unhin­ter­fragt blei­ben. In einer Zeit des gesell­schaft­li­chen Umbruchs, die Güter wie Zeit, Aner­ken­nung, Lie­be und Ach­tung in den Mit­tel­punkt eines erfüll­ten Lebens stellt, stel­len sich zugleich Fra­gen nach einer neu­en wirt­schaft­li­chen und gesell­schaft­li­chen Ord­nung. Was die Moder­ne leis­ten soll­te, hat sie – zumin­dest in den wohl­ha­ben­den Län­dern der west­li­chen Welt – erfüllt. Was nun ansteht, ist eine neue Moder­ne.

In die­ser span­nen­den Zeit bie­tet die ago­r­a42 eine ganz her­vor­ra­gen­de Platt­form für Posi­tio­nen und Theo­ri­en, Aus­tau­sch und Streit­kul­tur, Hin­ter­grund­wis­sen und Visio­nen. Ich freue mich des­halb sehr, die ago­r­a42 von nun an als Mit­her­aus­ge­ber beglei­ten und unter­stüt­zen zu dür­fen.

 

Richard David Precht

 

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Wei­te­re Inter­views mit Richard David Precht fin­den Sie in den ago­r­a42-Aus­ga­ben Euro­pa und Ver­nunft.