Drei Schritte zur Einfachheit von Dieter Brandes

Drei Schritte zur Einfachheit

Inter­view mit Die­ter Bran­des

 

 

Anlässlich der neuen agora42 EINFACH LEBEN haben wir ausgewählten Personen zum Thema ein paar Fragen gestellt. Hier die Antworten von Dieter Brandes, Inhaber des Instituts für Einfachheit. Er spricht über das Marketingkonzept “Simplify-your-life”, den Verzicht auf Überflüssiges und die drei Schritte zur Einfachheit …

 

Herr Bran­des, gibt es das ein­fa­che Leben wirk­lich? Oder ver­birgt sich hin­ter dem „Sim­pli­fy-your-life“ nur ein ren­ta­bles Mar­ke­ting­kon­zept?

Das „ein­fa­che Leben“ im Sin­ne von dem, was wirk­lich unter dem Begriff „Ein­fach­heit“ zu ver­ste­hen wäre, gibt es natür­lich nicht. Aber es kann ein Leben för­dern, das ein­fa­cher gestal­tet wird. Ein­fach­heit mag zwar gut zu ver­ste­hen oder zu begrei­fen sein, es zu prak­ti­zie­ren ist aber meist nicht leicht. Ein­fach­heit, wie ich sie ver­ste­he, ist ja nicht eine neue Wis­sen­schaft, Phi­lo­so­phie oder Reli­gi­on. Ein­fach­heit soll nur leich­ter mög­lich machen, dass Absich­ten, Hand­lun­gen und Sys­te­me über­haupt funk­tio­nie­ren und zudem noch mög­lichst effi­zi­ent sind. Dar­über hin­aus schafft Ein­fach­heit fast immer eine Ori­en­tie­rung in der kom­ple­xen Umwelt. Das „Sim­pli­fy-your-life“ ist ein pas­sen­der Bei­trag zum ein­fa­chen Leben und zudem sicher inzwi­schen auch ein net­tes Mar­ke­ting­kon­zept.

 

Big Data und intel­li­gen­te Algo­rith­men sind gera­de in aller Mun­de. Die Hoff­nung ist, dass die Tech­nik in Zukunft „mit­denkt“ und das Leben ver­ein­fa­chen wird. Tei­len Sie die­se Hoff­nung?

Die­ter Bran­des war Geschäfts­füh­rer des Ver­wal­tungs­rats von Aldi Essen sowie der Unter­neh­mens­grup­pen Asko/Metro, Coop und Wen­deln. Heu­te ist er Bera­ter für Stra­te­gie und Orga­ni­sa­ti­on und Grün­der des Insti­tuts für Ein­fach­heit.

Nein. Daten sind oft Hilfs­mit­tel zum Ver­ständ­nis bestimm­ter Erschei­nun­gen. Ent­schei­dend allein bleibt zunächst die intel­li­gen­te Fra­ge zu bestimm­ten The­men oder Erschei­nun­gen. Danach mag man Daten zur Beant­wor­tung und zur Unter­stüt­zung eines bes­se­ren Ver­ständ­nis­ses her­an­zie­hen. Was meint man mit Kapi­ta­lis­mus? Was meint man mit einer Fehl­ent­wick­lung, mit Spe­ku­la­ti­ons­bla­sen etc.?

 

Was macht das Leben wirk­lich ein­fa­cher?

Bes­ser zu fra­gen wäre viel­leicht: Wie macht man das Leben ein­fa­cher? Dazu emp­feh­le ich drei Schrit­te.

Ers­tens: Wirk­lich ver­ste­hen, was Kom­ple­xi­tät ist. Hier in Kurz­form und etwas abs­trakt: vie­le Ele­men­te, die viel­fach mit­ein­an­der ver­bun­den sind, schaf­fen Kom­ple­xi­tät. Es geht dar­um, größt­mög­li­che Klar­heit zu gewin­nen dar­über, was man will, was das Ziel oder die Absich­ten sind. Das erfor­dert eine oft fast aske­ti­sche Bereit­schaft zum Ver­zicht auf Über­flüs­si­ges und Neben­säch­li­ches.

Hat man das geklärt, soll­te man im zwei­ten Schritt prü­fen, wor­auf man bei die­sen Zie­len viel­leicht doch noch ver­zich­ten kann. Dabei geht es nicht dar­um, so viel wie irgend mög­lich zu strei­chen, son­dern das Wesent­li­che in den Blick zu neh­men. Hier hilft ein guter Satz des ame­ri­ka­ni­schen Desi­gners Mil­ton Gla­ser: „Not less is more but just enough is more“.

Im drit­ten Schritt schließ­lich kann man die immer noch vor­han­de­ne Rest­kom­ple­xi­tät zu beherr­schen ver­su­chen durch eine klu­ge Gestal­tung der Akti­vi­tä­ten und Ver­fah­ren oder Vor­ge­hens­wei­sen. Das nen­ne ich Orga­ni­sa­ti­on mit Hil­fe von Dezen­tra­li­sa­ti­on, Über­tra­gung von Ver­ant­wor­tung und Ver­trau­en auf ande­re. Aber auch mit Kon­trol­le, wie das alles klappt. Schließ­lich pas­sen hier auch die wich­tigs­ten Schrit­te der Evo­lu­ti­on: „Ver­such und Irr­tum“. An klei­nen Akti­vi­tä­ten mit gerin­gen Risi­ken ein­fach mal etwas aus­pro­bie­ren.
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Die aktu­el­le agora42 zum The­ma EINFACH LEBEN ver­schi­cken wir ver­sand­kos­ten­frei. Lesen Sie span­nen­de Bei­trä­ge u.a. von Robert Pfal­ler (“Das nack­te und das gute Leben”), Ulri­ke Gué­rot (“Euro­pa ein­fach machen – ein­fach Euro­pa machen”), Frank Ruda (“Ein­fach nicht ein­fach”) und Mads Pan­kow (“End­lich wei­ter­ma­chen – Wer kei­ne Uto­pi­en hat, dem bleibt nur die Zukunft.”)

 

 

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Der falsche Gott

Der falsche Gott

von Jens Böttcher

Von der Not­wen­dig­keit, den Kapi­ta­lis­mus als schei­tern­de Ersatz­re­li­gi­on zu erken­nen – und von der unerhörten Möglichkeit einer Revo­lu­ti­on. Aus der Aus­ga­be DER KAPITALISMUS AUF DER COUCH

Jens Böttcher

Jens Böttcher lebt als Schrift­stel­ler, Musi­ker und Medi­en­schaf­fen­der im Süden Ham­burgs. Sein jüngster Roman Herr Sturm und die Far­be des Win­des (SCM-Ver­lag, 2016) han­delt vom Glau­ben der Mensch­heit, auf sei­nem aktu­el­len Album V: Unsterb­lich besingt er die Schönheit und Unvergänglichkeit der Lie­be.

Es mag befremd­lich sein, es so zu betrach­ten, aber all die dif­fu­sen Begrif­fe, die wir für die sys­te­mi­schen Wir­ren unse­rer Zeit immer wie­der zu fin­den suchen – Kapi­ta­lis­mus, Neo­li­be­ra­lis­mus, Kon­su­mis­mus – ver­ber­gen doch nur mäßig geschickt, dass wir in ihren ver­bor­ge­nen Erlösungsversprechen eine tief in uns selbst ver­an­ker­te, aus­ge­spro­chen religiös gefärbte Sehn­sucht zu befrie­di­gen suchen. Oder such­ten.

Wol­len wir es wagen, auf­rich­tig zu sein? Aufhören, angeb­lich Säkulares von angeb­lich Spi­ri­tu­el­lem zu tren­nen? Den Mut auf­brin­gen, unser eige­nes wahn­haf­tes Schei­tern zuzu­ge­ben? End­lich für möglich hal­ten, dass wir viel mehr sind als die Sum­me unse­rer sicht­ba­ren Tei­le? In die Tie­fe unse­rer Her­zen hinabspüren und bar jeder intel­lek­tu­el­len Rüstung fra­gen: Wor­um geht es denn bei tatsächlich allem, was wir tun und suchen und erseh­nen, sei es in Ost oder West, Nord oder Süd? Wor­um ging es in all unse­ren Sys­te­men und Sys­tem-Revo­lu­tio­nen, sei­en sie laut oder lei­se gewe­sen, gewalttätig oder fried­lich?

Es ging stets um den tie­fen mensch­li­chen Wunsch nach inne­rem Ankom­men. Es ging immer um die Möglichkeit – viel­leicht die Illu­si­on – fina­ler Gebor­gen­heit. Um die kind­li­che Hoff­nung, unse­re tiefs­ten Ängste vor Ver­las­sen­heit mögen von Zau­ber­hand fort­ge­weht wer­den und nicht der­einst als neu­es Trau­ma zurückkehren. Es geht immer um Bedin­gungs­lo­sig­keit, um das Gefühl hin­ge­ge­ben sein zu dürfen. Es geht immer um Lie­be. Nur geben wir das natürlich nicht gern zu. Das klingt so schreck­lich kit­schig. So tri­vi­al. So leer. Jeden­falls solan­ge wir die Lie­be in ihrer gan­zen Größe abwei­sen, solan­ge wir sie behan­deln wie den störenden Bett­ler, der es am Hei­li­gen Abend wagt, an unse­re Türen zu klop­fen.

Da uns der Mut zu einem kol­lek­ti­ven Bekennt­nis zur Lie­be inklu­si­ver all ihrer Her­aus­for­de­run­gen fehlt, suchen wir seit Anbe­ginn unse­res eige­nen Urknalls nach Heils­ver­spre­chen, die stets von außen nach innen wir­ken sol­len. Die von Erich Fromm einst gestell­te Fra­ge nach „Haben oder Sein“ war wohl nie aktu­el­ler als heu­te. Wir als Kon­sum­ge­sell­schaft haben sie nur falsch beant­wor­tet – und leben in dem Glau­ben, dass ein zufrie­de­nes Sein aus dem Haben ent­steht. Tatsächlich geht es nur anders­her­um: Nur ein befrie­de­tes Sein gibt uns die Möglichkeit, in ihm etwas zu haben, nämlich Selbst­wert, Selbst­lie­be. Unse­re Zufrie­den­heit müsste von einem geheim­nis­vol­len inne­ren Kon­ti­nent kom­men, den wir als Kol­lek­tiv bis­lang nicht ent­deckt haben. Die­ses „Haben“ käme aus dem Sein und wäre mit Gold nicht auf­zu­wie­gen.

Die Lüge stirbt

Der Kapi­ta­lis­mus ver­packt sein Heils­ver­spre­chen in ein Glau­bens­sys­tem, das im Gegen­satz zu sei­nen mono­the­is­ti­schen Stief­ge­schwis­tern nicht mal mehr „himm­lisch“ zu sein hat, son­dern uns aufgeklärte Geis­ter, ganz und gar modisch-säkularisiert, in das Kor­sett eines rein welt­li­chen Prag­ma­tis­mus zwängt. So wer­den wir in einem zwangsläufig kalt­her­zi­gen Hier und Jetzt ver­or­tet, zu Füßen des Götzenpriesters Kon­sum, des­sen zuck­rig-fau­li­gen Zau­ber­trank wir schon hek­to­li­ter­wei­se getrun­ken haben. Alles im Neon­schein einer Ersatz­re­li­gi­on, die uns in sich zu ber­gen ver­spricht wie eine gute Mut­ter, ohne dass wir Gläubigen dabei länger die Unbe­re­chen­bar­keit oder gar die Stra­fen jen­sei­ti­ger Mächte zu fürchten hätten.

Nen­nen wir das gars­ti­ge Kind also beim Namen: Der Kapi­ta­lis­mus hat sich zu einer Pla­ce­bo-Reli­gi­on auf­ge­schwun­gen, die es nun in fina­lem Zucken noch wagt, sich selbst als „alter­na­tiv­los“ zu erklären, ohne dabei wenigs­tens mit Schamesröte im Ant­litz einzuräumen, dass kei­ne mensch­li­che Idee das je his­to­risch unge­straft von sich behaup­ten durf­te. Und doch ver­heißt er uns wei­ter­hin die allerschönste Erlösung, wenn auch mit dem Röcheln des ster­ben­den Psy­cho­pa­then, der mit dem Mes­ser in der Hand unter einem Maha­go­ni-Schreib­tisch an der Wall Street her­vor­lugt: „Strengt euch nur an, geht vor­an! Ja, ihr könnt noch ankom­men in eurem gelob­ten Land. Ihr könnt es noch errei­chen: das vol­le Kon­to, die Motor­jacht, die Sorg­lo­sig­keit. Arbei­tet! Kauft! Mehr!“

Die Lüge lebt. Jeder Wer­be­spot erzählt sie. Nur fal­len jetzt nicht mehr alle auf sie rein. Es regt sich Wider­stand im Her­zen der Sek­ten­op­fer, die wir alle sind. Aber wie bei jedem Sek­ten­op­fer: Es gehört viel Mut dazu, sich den Irr­glau­ben ein­zu­ge­ste­hen. Sich von den noch überzeugten oder lethar­gi­schen Glaubensbrüdern abzu­wen­den und zu rufen: „Wir wur­den getäuscht! Es klang alles so gut, damals zu Wirt­schafts­wun­der­zei­ten. Wir konn­ten wirk­lich nicht sehen, dass wir auf den nächsten Abgrund zufah­ren.“ Es wäre übrigens auch zu bil­lig zu sagen, dass wir uns bloß von irgend­wel­chen bösen Mächten haben täuschen las­sen – auch wenn die Groß­kon­zer­ne die­ser Welt die Rol­le der Bösen mit bemer­kens­wer­tem Taten­drang spie­len. Es geht aber viel tie­fer. Wir selbst sind nicht nur wil­li­ge Opfer, wir sind auch Meis­ter der Selbsttäuschung – und des­halb stets auch Täter. „Es gibt kein rich­ti­ges Leben im Fal­schen“, sag­te einst Ador­no. Aber wir sind ent­schul­digt. Weil die Sehn­sucht so stark in uns brennt, weil sie uns schwächt, solan­ge wir nicht zu ihrem Kern vor­drin­gen und die ver­meint­li­che Schwäche des Auf­ge­bens als Stärke erken­nen. Bis es so weit ist, kor­rum­pie­ren wir jedes Wun­der der Lie­be und der Mit­mensch­lich­keit, weil wir deren simp­le Ein­deu­tig­keit nicht ertra­gen wol­len.

Wir suchen, wir brau­chen Erlösung. Die­se Sehn­sucht ist die Wie­ge der Reli­gio­nen, der Phi­lo­so­phie, der Poe­sie, der Künste, der poli­ti­schen Sys­te­me, die ja oft mit Klug­heit begin­nen und in star­rer Dog­men­wut enden. Wir suchen jene Begna­di­gung, die im christ­li­chen Duk­tus, der Kreu­zi­gung und Auf­er­ste­hung Jesu ent­sprin­gend, die „Erret­tung durch die Ver­ge­bung der mensch­li­chen Sünde“ genannt wird (und dabei etwas grundsätzlich Mensch­li­ches beschreibt – nicht etwa mora­li­sche Ver­feh­lun­gen des Indi­vi­du­ums). Wir suchen das, was Mus­li­me ihrem Glau­ben als jen­sei­ti­ges Beloh­nungs­sys­tem zugrun­de legen, das, was die Bud­dhis­ten als Nir­va­na bezeich­nen und damit, wie ihre christ­li­chen, jüdischen und mus­li­mi­schen Sinnsucher-Brüder, den won­nevol­len Zustand der Frei­heit von allen all­zu mensch­li­chen Pla­gen mei­nen – inklu­si­ve der Frei­heit von eige­nen wer­ten­den Gedan­ken­wel­ten, von irreführenden Vor­stel­lun­gen des Mensch­seins. Ja, ver­dammt, wir brau­chen Erlösung. Wir suchen sie überall, vor­nehm­lich in unse­ren Reli­gio­nen. Da wir aber längst zu klug und zu reif gewor­den sind für die im Sin­ne unse­res Prag­ma­tis­mus ver­welk­ten Welt­re­li­gio­nen, haben wir uns unter­wegs eine neue erfun­den, die angeb­lich gar kei­ne ist. Ohne zu mer­ken, dass sie, wie die ande­ren zuvor, ohne eine radi­ka­le Umkehr zur Lie­be nicht zu jenem Heil führen kann, das wir alle erseh­nen.

Die Idee vom Kapi­ta­lis­mus, von den frei­en Märkten, die uns ins Para­dies kol­lek­ti­ven, glo­ba­len Reich­tums führen würden, von der befrei­en­den und weltei­nenden Kraft des gemein­sam genutz­ten „Kapi­tals“ hat in die­sem Sin­ne unge­heu­res Heil nicht nur für unse­re Geldbörsen, son­dern auch für unse­re See­len ver­hei­ßen: Am Ende des Weges war­tet äußerer und somit inne­rer Wohl­stand für alle. Die Lebens­leis­tung des Ein­zel­nen wird be- lohnt durch das Gefühl gren­zen­lo­ser Sicher­heit, gebo­ren aus dem Schoß eines prallgefüllten Bank­kon­tos. All das meint und zielt eben auf: Ankom­men. Frie­den. Erlösung. Hin­fort mit Gebet und Beicht­stuhl, hier gel­ten Kauf­kraft, Zinserträge und Anse­hen als won­ni­ge Wun­der­mit­tel. Aber was für ein Wahn!

Der Kapi­ta­lis­mus hat sich als Welt­re­li­gi­on übrigens einen Son­der­platz erschli­chen, als er tönte, dass er sogar mit unse­rer gro­ßen Errun­gen­schaft Demo­kra­tie im Bun­de sei, dass zudem aus­nahms­los alle Völker und Natio­nen in sei­nen hei­li­gen Markt­hal­len will­kom­men sei­en. All das, was uns an den totalitären Aus­sa­gen der mono­the­is­ti­schen Welt­re­li­gio­nen stets so miss­fal­len hat – die Exklusivität, die aus­gren­zen­de Alter­na­tiv­lo­sig­keit der jewei­li­gen Erret­tungs­kri­te­ri­en – wird vom Kapi­ta­lis­mus mit einer fei­er­li­chen Ein­la­dung an alle aus­ge­he­belt. Dass er dabei gelo­gen hat, wird uns erst jetzt bewusst: Das ver­meint­li­che Heil muss­te ja zwangsläufig auf sei­ne weni­gen Hohe­pries­ter in den gol­de­nen Kapel­len begrenzt blei­ben. Und es wur­den immer schon blu­ti­ge Krie­ge in sei­nem Namen geführt, auch wenn er das noch geschickt zu tar­nen weiß – Ver­tei­di­gung der Frei­heit, heißt es dann. Aber wir soll­ten uns nicht vor­wer­fen, es nicht eher erkannt zu haben. Wie jedes ande­re bedin­gungs­lo­se Heils­ver­spre­chen muss­te der Kapi­ta­lis­mus sich an der scho­nungs­lo­sen Realität des Mensch­seins erwei­sen, rei­ben, schließ­lich zer­rei­ben. Nun wird es zu sei­nem Unglück, dass er sich nicht auf himm­li­sche Her­kunft beru­fen kann.

Zitat Böttcher

Revolution – aber anders

Er, der gro­ße säkulare Ange­ber­gott, wird mit Kara­cho gegen die Wand fah­ren. Und wir, die wir schon all die Jah­re jubelnd auf sei­nem Rücken rei­ten, wer­den mit Kopf­schmer­zen erwa­chen. Die Ana­ly­se des religiösen Sub­tex­tes des Kapi­ta­lis­mus wird uns viel­leicht jetzt schon hel­fen und den Schmerz des Auf­pralls zumin­dest intel­lek­tu­ell ein klein wenig lin­dern können. Von der Not­wen­dig­keit einer Revo­lu­ti­on, die unser verändertes Herz vor­aus­setzt, wird sie uns aller­dings nicht ent­bin­den.

Wer­fen wir noch kurz und ent­schlos­sen einen Blick auf die hei­li­gen Gebo­te des Kapi­ta­lis­mus und ver­glei­chen sie mit dem wohl tiefs­ten spi­ri­tu­el­len Gesetz, das je nie­der­ge­schrie­ben wur­de – dem „höchsten Gebot“, wie es der Zim­mer­manns­sohn Jesus von Naza­reth im Zwiegespräch mit den starrköpfig-religiösen Fun­da­men­ta­lis­ten sei­ner Zeit nann­te.

Die höchsten Gebo­te des Kapi­ta­lis­mus sind: pro­du­zie­ren, kau­fen, wach­sen. Die höchsten Gebo­te laut Jesus sind: Lie­be Gott und lie­be dei­nen Nächsten wie dich selbst. Dar­in sei­en alle Geset­ze erfüllt. Das klingt erst­mal wie­der nach einer unzulässigen Gegenüberstellung Ökonomie ver­sus Spiritualität, aber, sie- he oben, das ist im Sin­ne der mensch- lichen Ganz­heit­lich­keit ein kom­plett fal­sches Urteil – was überdies dadurch bewie­sen wird, dass der Kapi­ta­lis­mus ja auch den gan­zen Men­schen zerstört, sofern er nicht sei­nen Gebo­ten folgt. Man den­ke an die grau­sa­me Armut und Aus­beu­tung gan­zer Völker oder an die uner­mess­lich wach­sen­de Depres­si­on und wei­te­re see­li­sche Erkran­kun­gen des Indi­vi­du­ums in den ver­meint­lich „rei­chen“ Ländern. Wer im Kapi­ta­lis­mus schei­tert, ist nicht nur bank­rott, son­dern wird auch an Leib und See­le gebro­chen. Wir müssen nicht in die drit­te Welt rei­sen, um die Opfer sei­ner bru­ta­len Gier zu ent­de­cken. Ein Besuch in der Knei­pe neben dem Hartz-IV-Amt reicht.

Ein wei­te­res Jesus-Zitat könnte uns in den Sinn kom­men und uns ver­ste­hen hel­fen, dass die Reli­gi­on des Kapi­ta­lis­mus nicht mit jener der Lie­be zusam­men­geht: „Nie­mand kann zwei Her­ren die­nen: Ent­we­der er wird den einen has­sen und den andern lie­ben, oder er wird an dem einen hängen und den andern ver­ach­ten. Ihr könnt nicht Gott die­nen und dem Mam­mon.“

Die­se dras­ti­schen Wor­te sind nach­zu­le­sen im Matthäus-Evangelium. Die­ser Mam­mon – damals muss­te er von den Ohren­zeu­gen wohl als dämonische Gestalt ver­stan­den wor­den sein – ging später, nach­dem Luther dar­auf ver­zich­tet hat­te, sich eine deutsch­spra­chi­ge Ent­spre­chung des Begriffs aus­zu­den­ken, auch in den hie­si­gen Sprach­ge­brauch über: als Bild für „unred­lich erwor­be­nen Gewinn oder unmo­ra­lisch ein­ge­setz­ten Reich­tum“. Eine ziem­lich pas­sen­de Meta­pher für das ent­seel­te Gesche­hen auf unse­rer Welt. Eine unbe­que­me dazu. Es ist im Kapi­ta­lis­mus nicht möglich, ein Lie­ben­der zu sein. So sehr wir es uns auch wünschten.

Wir haben dem fal­schen Gott gedient. Eif­rig. Überzeugt. So lan­ge wir glaub­ten. So lan­ge wir halt überzeugt waren. Nun kommt die Zeit für eine Revo­lu­ti­on. Überall sin­gen die Unzu­frie­de­nen und die Geschei­ter­ten schon ihr Lied. Aber sie wird doch nur gelin­gen, wenn sie sich ans Herz der Mensch­lich­keit zurückbindet. Sonst wird sie wie­der nur in neue Unfrei­heit führen, die es eines Tages zu überwinden gilt.

Wir wer­den um die­se Wahr­heit nicht länger her­um­kom­men. Sie wird uns ein- holen und ver­su­chen, uns zu wecken, so wie sie es schon immer tat. Unse­re Mammongläubigkeit wird enden, wenn das ent­fes­sel­te Vehi­kel Kapi­ta­lis­mus sich mit gro­ßem Knall selbst pul­ve­ri­siert. Durch den schmerz­haf­ten Auf­prall wird uns das Aus­maß sei­ner unverschämten Lüge bewusst wer­den. Und wir wer­den durch die Ana­ly­se sei­ner Gebo­te begrei­fen, dass es ihm gelun­gen war, uns rein­zu­le­gen, uns von etwas wirk­lich Bösem zu überzeugen, nämlich dem glat­ten Gegen­teil des­sen, was er ver­hei­ßen hat­te: Wir wer­den erken­nen, dass wir die Welt in wert­vol­le­re und wert­lo­se­re Men­schen ein­ge­teilt haben, dass wir erneut bereit waren – den gutbürgerlichen Lem­min­gen des soge­nann­ten Drit­ten Rei­ches gleich – welt­weit die „Schwa­chen“ zu opfern, die wir uns aller­dings selbst erschaf­fen und dann gewis­sen­los zu Kollateralschäden erklärt hat­ten. Wir wer­den erschre­cken, jene Mensch­lich­keit ver­ra­ten zu haben, die wir uns eigent­lich wünschen – und an der Stel­le von Güte und Nächstenliebe eine wei­te­re Ideo­lo­gie plat­ziert zu haben, die uns die Sin­ne mit Gier ver­ne­bel­te: alter­na­tiv­lo­ses Wachs­tum. Die­ser Wachs­tums­be­griff wird uns mit etwas Abstand plötzlich vor­kom­men wie ein Syn­onym für die kom­plet­te Aus­beu­tung von Res­sour­cen, Lebensräumen und vor allem: See­len. Und so wie Her- mann Hes­se einst wuss­te, als er die be- rühmten Wor­te nie­der­schrieb, die vom Papier flüsterten „Ich bin du und du bist ich“, wer­den wir erken­nen, dass die­se See­len doch stets wir alle waren.

Wir wer­den auf­wa­chen. Und einen wei­te­ren Ver­such star­ten, alles bes­ser zu machen. Viel­leicht wer­den schließ­lich unse­re Kin­der begin­nen, die Lie­be höher zu ach­ten, als wir es je taten. Viel­leicht wer­den sie begin­nen, sie allein als namen­lo­se Reli­gi­on zu akzep­tie­ren, als eine, die im Sin­ne der Wor­te von Jesus (und auch Sid­dhar­tha und Gan­dhi und all den ande­ren wirk­li­chen Hel­den der Mensch­heits­ge­schich­te) nie­man­den aus­schließt, son­dern auch die Schwa­chen in sich auf­nimmt; als eine, die sich mit den Glücklichen freut und mit den Trau­ri­gen trau­ert; als eine, die uns tei­len lehrt und uns dar­in unter­weist, unse­re Fein­de zu lie­ben, um augen­blick­lich fest­zu­stel­len, dass wir in der glei­chen Sekun­de, in der uns das gelingt, gar kei­ne mehr haben. Viel­leicht wer­den wir zu einem Bewusst­sein gelan­gen, das zunächst ein poe­ti­sches, ein spi­ri­tu­el­les sein muss – um dann ein ökonomisches, gesell­schaft­li­ches, sys­te­ma­ti­sches, wirt­schaft­li­ches, mit­mensch­li­ches Gan­zes wer­den zu können. Oder auch: Ertränken wir die bit­te­re Erkennt­nis des Schei­terns im Fluss des Lebens. Wagen wir den Weg. Las­sen wir unter­wegs kaputt­ge­hen, was uns kaputt macht.

 

 

Richard David Precht anlässlich seiner Herausgeberschaft der agora42

Richard David Precht anlässlich seiner Herausgeberschaft der agora42

 

Mit der Aus­ga­be 1/2011 wur­de der Best­sel­ler­au­tor und Phi­lo­soph Richard David Precht Mit­her­aus­ge­ber der agora42. Sei­nen Ent­schluss begrün­de­te er wie folgt:

 

Richard David Precht

Richard David Precht ist Mit­her­aus­ge­ber der agora42. Bekannt wur­de er 2007 durch sein Sach­buch Wer bin ich – und wenn ja, wie vie­le? Seit Sep­tem­ber 2012 mode­riert er die Phi­lo­so­phie­sen­dung Precht im ZDF.

Öko­no­mie und Phi­lo­so­phie – in der heu­ti­gen Zeit wir­ken die bei­den Begrif­fe ein­an­der so fremd wie die erd­zu­ge­wand­te und die erd­ab­ge­wand­te Sei­te des Mon­des. Öko­no­mie, so scheint es, ist die Wis­sen­schaft von etwas sehr Nütz­li­chem und Prak­ti­schem, der Deckung des mensch­li­chen Bedarfs. Phi­lo­so­phie dage­gen ist, wenn über­haupt, die Wis­sen­schaft von etwas Unnüt­zem und Theo­re­ti­schem, den Muße­stun­den des Lebens vor­be­hal­ten; ein Hob­by für Men­schen mit hin­rei­chend Geld und Zeit.

Es scheint so. Tat­säch­lich jedoch ist Öko­no­mie eine sehr phi­lo­so­phi­sche Wis­sen­schaft. Denn was ist der mensch­li­che Bedarf? Was gehört dazu und was nicht? Wer bestimmt die Zie­le des Wirt­schaf­tens? Lie­gen sie in Kur­ven und Tabel­len ver­bor­gen, las­sen sie sich kühl berech­nen? Oder sind sie nicht viel­mehr eine gesell­schaft­li­che Fest­set­zung auf der Grund­la­ge phi­lo­so­phi­scher Über­le­gun­gen?

Die bedeu­tends­ten Öko­no­men der Mensch­heits­ge­schich­te waren Phi­lo­so­phen, von Adam Smith über John Stuart Mill zu Karl Marx. Für sie war Öko­no­mie die prak­ti­sche Umset­zung eines phi­lo­so­phi­schen Ziels: die Chan­ce auf ein erfüll­tes Leben für mög­lichst vie­le Men­schen. Dass sich Öko­no­men kaum noch für Phi­lo­so­phie, Phi­lo­so­phen kaum mehr für Öko­no­mie inter­es­sie­ren, ist unter sol­chen Vor­aus­set­zun­gen ein gesell­schaft­li­ches Fias­ko. Soll man den Wert und den Erfolg des Wirt­schaf­tens allein am Wach­sen des Brut­to­in­lands­pro­dukts bemes­sen? Ist Wirt­schaft gut, wenn sie Wachs­tums­ra­ten pro­du­ziert, und schlecht, wenn sie sta­gniert? Und trägt mate­ri­el­les Wirt­schafts­wachs­tum zu allen Zei­ten und ohne Ein­schrän­kung dazu bei, dass mög­lichst vie­le Men­schen die Chan­ce auf ein erfüll­tes Leben bekom­men?

Sein Leben mit Gütern anzu­fül­len, so lehrt uns unser pri­vi­le­gier­tes Leben in den rei­chen Län­dern der west­li­chen Welt, ist noch nicht gleich­be­deu­tend mit Erfül­lung. Öko­no­mie ohne Phi­lo­so­phie ist leer. Phi­lo­so­phie dage­gen, die sich um die öko­no­mi­schen Gege­ben­hei­ten nicht schert, ist blind für das tat­säch­li­che Leben der Men­schen. Vie­le Fra­gen nach einem erfüll­ten Leben sind heu­te unbe­ant­wor­tet – wie auch die Theo­re­me der Wirt­schaft oft unhin­ter­fragt blei­ben. In einer Zeit des gesell­schaft­li­chen Umbruchs, die Güter wie Zeit, Aner­ken­nung, Lie­be und Ach­tung in den Mit­tel­punkt eines erfüll­ten Lebens stellt, stel­len sich zugleich Fra­gen nach einer neu­en wirt­schaft­li­chen und gesell­schaft­li­chen Ord­nung. Was die Moder­ne leis­ten soll­te, hat sie – zumin­dest in den wohl­ha­ben­den Län­dern der west­li­chen Welt – erfüllt. Was nun ansteht, ist eine neue Moder­ne.

In die­ser span­nen­den Zeit bie­tet die agora42 eine ganz her­vor­ra­gen­de Platt­form für Posi­tio­nen und Theo­ri­en, Aus­tausch und Streit­kul­tur, Hin­ter­grund­wis­sen und Visio­nen. Ich freue mich des­halb sehr, die agora42 von nun an als Mit­her­aus­ge­ber beglei­ten und unter­stüt­zen zu dür­fen.

 

Richard David Precht

 

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