Der falsche Gott

Der falsche Gott

von Jens Böttcher

Von der Notwendigkeit, den Kapitalismus als scheiternde Ersatzreligion zu erkennen – und von der unerhörten Möglichkeit einer Revolution. Aus der Ausgabe DER KAPITALISMUS AUF DER COUCH

Jens Böttcher

Jens Böttcher lebt als Schriftsteller, Musiker und Medienschaffender im Süden Hamburgs. Sein jüngster Roman Herr Sturm und die Farbe des Windes (SCM-Verlag, 2016) handelt vom Glauben der Menschheit, auf seinem aktuellen Album V: Unsterblich besingt er die Schönheit und Unvergänglichkeit der Liebe.

Es mag befremdlich sein, es so zu betrachten, aber all die diffusen Begriffe, die wir für die systemischen Wirren unserer Zeit immer wieder zu finden suchen – Kapitalismus, Neoliberalismus, Konsumismus – verbergen doch nur mäßig geschickt, dass wir in ihren verborgenen Erlösungsversprechen eine tief in uns selbst verankerte, ausgesprochen religiös gefärbte Sehnsucht zu befriedigen suchen. Oder suchten.

Wollen wir es wagen, aufrichtig zu sein? Aufhören, angeblich Säkulares von angeblich Spirituellem zu trennen? Den Mut aufbringen, unser eigenes wahnhaftes Scheitern zuzugeben? Endlich für möglich halten, dass wir viel mehr sind als die Summe unserer sichtbaren Teile? In die Tiefe unserer Herzen hinabspüren und bar jeder intellektuellen Rüstung fragen: Worum geht es denn bei tatsächlich allem, was wir tun und suchen und ersehnen, sei es in Ost oder West, Nord oder Süd? Worum ging es in all unseren Systemen und System-Revolutionen, seien sie laut oder leise gewesen, gewalttätig oder friedlich?

Es ging stets um den tiefen menschlichen Wunsch nach innerem Ankommen. Es ging immer um die Möglichkeit – vielleicht die Illusion – finaler Geborgenheit. Um die kindliche Hoffnung, unsere tiefsten Ängste vor Verlassenheit mögen von Zauberhand fortgeweht werden und nicht dereinst als neues Trauma zurückkehren. Es geht immer um Bedingungslosigkeit, um das Gefühl hingegeben sein zu dürfen. Es geht immer um Liebe. Nur geben wir das natürlich nicht gern zu. Das klingt so schrecklich kitschig. So trivial. So leer. Jedenfalls solange wir die Liebe in ihrer ganzen Größe abweisen, solange wir sie behandeln wie den störenden Bettler, der es am Heiligen Abend wagt, an unsere Türen zu klopfen.

Da uns der Mut zu einem kollektiven Bekenntnis zur Liebe inklusiver all ihrer Herausforderungen fehlt, suchen wir seit Anbeginn unseres eigenen Urknalls nach Heilsversprechen, die stets von außen nach innen wirken sollen. Die von Erich Fromm einst gestellte Frage nach „Haben oder Sein“ war wohl nie aktueller als heute. Wir als Konsumgesellschaft haben sie nur falsch beantwortet – und leben in dem Glauben, dass ein zufriedenes Sein aus dem Haben entsteht. Tatsächlich geht es nur andersherum: Nur ein befriedetes Sein gibt uns die Möglichkeit, in ihm etwas zu haben, nämlich Selbstwert, Selbstliebe. Unsere Zufriedenheit müsste von einem geheimnisvollen inneren Kontinent kommen, den wir als Kollektiv bislang nicht entdeckt haben. Dieses „Haben“ käme aus dem Sein und wäre mit Gold nicht aufzuwiegen.

Die Lüge stirbt

Der Kapitalismus verpackt sein Heilsversprechen in ein Glaubenssystem, das im Gegensatz zu seinen monotheistischen Stiefgeschwistern nicht mal mehr „himmlisch“ zu sein hat, sondern uns aufgeklärte Geister, ganz und gar modisch-säkularisiert, in das Korsett eines rein weltlichen Pragmatismus zwängt. So werden wir in einem zwangsläufig kaltherzigen Hier und Jetzt verortet, zu Füßen des Götzenpriesters Konsum, dessen zuckrig-fauligen Zaubertrank wir schon hektoliterweise getrunken haben. Alles im Neonschein einer Ersatzreligion, die uns in sich zu bergen verspricht wie eine gute Mutter, ohne dass wir Gläubigen dabei länger die Unberechenbarkeit oder gar die Strafen jenseitiger Mächte zu fürchten hätten.

Nennen wir das garstige Kind also beim Namen: Der Kapitalismus hat sich zu einer Placebo-Religion aufgeschwungen, die es nun in finalem Zucken noch wagt, sich selbst als „alternativlos“ zu erklären, ohne dabei wenigstens mit Schamesröte im Antlitz einzuräumen, dass keine menschliche Idee das je historisch ungestraft von sich behaupten durfte. Und doch verheißt er uns weiterhin die allerschönste Erlösung, wenn auch mit dem Röcheln des sterbenden Psychopathen, der mit dem Messer in der Hand unter einem Mahagoni-Schreibtisch an der Wall Street hervorlugt: „Strengt euch nur an, geht voran! Ja, ihr könnt noch ankommen in eurem gelobten Land. Ihr könnt es noch erreichen: das volle Konto, die Motorjacht, die Sorglosigkeit. Arbeitet! Kauft! Mehr!“

Die Lüge lebt. Jeder Werbespot erzählt sie. Nur fallen jetzt nicht mehr alle auf sie rein. Es regt sich Widerstand im Herzen der Sektenopfer, die wir alle sind. Aber wie bei jedem Sektenopfer: Es gehört viel Mut dazu, sich den Irrglauben einzugestehen. Sich von den noch überzeugten oder lethargischen Glaubensbrüdern abzuwenden und zu rufen: „Wir wurden getäuscht! Es klang alles so gut, damals zu Wirtschaftswunderzeiten. Wir konnten wirklich nicht sehen, dass wir auf den nächsten Abgrund zufahren.“ Es wäre übrigens auch zu billig zu sagen, dass wir uns bloß von irgendwelchen bösen Mächten haben täuschen lassen – auch wenn die Großkonzerne dieser Welt die Rolle der Bösen mit bemerkenswertem Tatendrang spielen. Es geht aber viel tiefer. Wir selbst sind nicht nur willige Opfer, wir sind auch Meister der Selbsttäuschung – und deshalb stets auch Täter. „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen“, sagte einst Adorno. Aber wir sind entschuldigt. Weil die Sehnsucht so stark in uns brennt, weil sie uns schwächt, solange wir nicht zu ihrem Kern vordringen und die vermeintliche Schwäche des Aufgebens als Stärke erkennen. Bis es so weit ist, korrumpieren wir jedes Wunder der Liebe und der Mitmenschlichkeit, weil wir deren simple Eindeutigkeit nicht ertragen wollen.

Wir suchen, wir brauchen Erlösung. Diese Sehnsucht ist die Wiege der Religionen, der Philosophie, der Poesie, der Künste, der politischen Systeme, die ja oft mit Klugheit beginnen und in starrer Dogmenwut enden. Wir suchen jene Begnadigung, die im christlichen Duktus, der Kreuzigung und Auferstehung Jesu entspringend, die „Errettung durch die Vergebung der menschlichen Sünde“ genannt wird (und dabei etwas grundsätzlich Menschliches beschreibt – nicht etwa moralische Verfehlungen des Individuums). Wir suchen das, was Muslime ihrem Glauben als jenseitiges Belohnungssystem zugrunde legen, das, was die Buddhisten als Nirvana bezeichnen und damit, wie ihre christlichen, jüdischen und muslimischen Sinnsucher-Brüder, den wonnevollen Zustand der Freiheit von allen allzu menschlichen Plagen meinen – inklusive der Freiheit von eigenen wertenden Gedankenwelten, von irreführenden Vorstellungen des Menschseins. Ja, verdammt, wir brauchen Erlösung. Wir suchen sie überall, vornehmlich in unseren Religionen. Da wir aber längst zu klug und zu reif geworden sind für die im Sinne unseres Pragmatismus verwelkten Weltreligionen, haben wir uns unterwegs eine neue erfunden, die angeblich gar keine ist. Ohne zu merken, dass sie, wie die anderen zuvor, ohne eine radikale Umkehr zur Liebe nicht zu jenem Heil führen kann, das wir alle ersehnen.

Die Idee vom Kapitalismus, von den freien Märkten, die uns ins Paradies kollektiven, globalen Reichtums führen würden, von der befreienden und welteinenden Kraft des gemeinsam genutzten „Kapitals“ hat in diesem Sinne ungeheures Heil nicht nur für unsere Geldbörsen, sondern auch für unsere Seelen verheißen: Am Ende des Weges wartet äußerer und somit innerer Wohlstand für alle. Die Lebensleistung des Einzelnen wird be- lohnt durch das Gefühl grenzenloser Sicherheit, geboren aus dem Schoß eines prallgefüllten Bankkontos. All das meint und zielt eben auf: Ankommen. Frieden. Erlösung. Hinfort mit Gebet und Beichtstuhl, hier gelten Kaufkraft, Zinserträge und Ansehen als wonnige Wundermittel. Aber was für ein Wahn!

Der Kapitalismus hat sich als Weltreligion übrigens einen Sonderplatz erschlichen, als er tönte, dass er sogar mit unserer großen Errungenschaft Demokratie im Bunde sei, dass zudem ausnahmslos alle Völker und Nationen in seinen heiligen Markthallen willkommen seien. All das, was uns an den totalitären Aussagen der monotheistischen Weltreligionen stets so missfallen hat – die Exklusivität, die ausgrenzende Alternativlosigkeit der jeweiligen Errettungskriterien – wird vom Kapitalismus mit einer feierlichen Einladung an alle ausgehebelt. Dass er dabei gelogen hat, wird uns erst jetzt bewusst: Das vermeintliche Heil musste ja zwangsläufig auf seine wenigen Hohepriester in den goldenen Kapellen begrenzt bleiben. Und es wurden immer schon blutige Kriege in seinem Namen geführt, auch wenn er das noch geschickt zu tarnen weiß – Verteidigung der Freiheit, heißt es dann. Aber wir sollten uns nicht vorwerfen, es nicht eher erkannt zu haben. Wie jedes andere bedingungslose Heilsversprechen musste der Kapitalismus sich an der schonungslosen Realität des Menschseins erweisen, reiben, schließlich zerreiben. Nun wird es zu seinem Unglück, dass er sich nicht auf himmlische Herkunft berufen kann.

Zitat Böttcher

Revolution – aber anders

Er, der große säkulare Angebergott, wird mit Karacho gegen die Wand fahren. Und wir, die wir schon all die Jahre jubelnd auf seinem Rücken reiten, werden mit Kopfschmerzen erwachen. Die Analyse des religiösen Subtextes des Kapitalismus wird uns vielleicht jetzt schon helfen und den Schmerz des Aufpralls zumindest intellektuell ein klein wenig lindern können. Von der Notwendigkeit einer Revolution, die unser verändertes Herz voraussetzt, wird sie uns allerdings nicht entbinden.

Werfen wir noch kurz und entschlossen einen Blick auf die heiligen Gebote des Kapitalismus und vergleichen sie mit dem wohl tiefsten spirituellen Gesetz, das je niedergeschrieben wurde – dem „höchsten Gebot“, wie es der Zimmermannssohn Jesus von Nazareth im Zwiegespräch mit den starrköpfig-religiösen Fundamentalisten seiner Zeit nannte.

Die höchsten Gebote des Kapitalismus sind: produzieren, kaufen, wachsen. Die höchsten Gebote laut Jesus sind: Liebe Gott und liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Darin seien alle Gesetze erfüllt. Das klingt erstmal wieder nach einer unzulässigen Gegenüberstellung Ökonomie versus Spiritualität, aber, sie- he oben, das ist im Sinne der mensch- lichen Ganzheitlichkeit ein komplett falsches Urteil – was überdies dadurch bewiesen wird, dass der Kapitalismus ja auch den ganzen Menschen zerstört, sofern er nicht seinen Geboten folgt. Man denke an die grausame Armut und Ausbeutung ganzer Völker oder an die unermesslich wachsende Depression und weitere seelische Erkrankungen des Individuums in den vermeintlich „reichen“ Ländern. Wer im Kapitalismus scheitert, ist nicht nur bankrott, sondern wird auch an Leib und Seele gebrochen. Wir müssen nicht in die dritte Welt reisen, um die Opfer seiner brutalen Gier zu entdecken. Ein Besuch in der Kneipe neben dem Hartz-IV-Amt reicht.

Ein weiteres Jesus-Zitat könnte uns in den Sinn kommen und uns verstehen helfen, dass die Religion des Kapitalismus nicht mit jener der Liebe zusammengeht: „Niemand kann zwei Herren dienen: Entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“

Diese drastischen Worte sind nachzulesen im Matthäus-Evangelium. Dieser Mammon – damals musste er von den Ohrenzeugen wohl als dämonische Gestalt verstanden worden sein – ging später, nachdem Luther darauf verzichtet hatte, sich eine deutschsprachige Entsprechung des Begriffs auszudenken, auch in den hiesigen Sprachgebrauch über: als Bild für „unredlich erworbenen Gewinn oder unmoralisch eingesetzten Reichtum“. Eine ziemlich passende Metapher für das entseelte Geschehen auf unserer Welt. Eine unbequeme dazu. Es ist im Kapitalismus nicht möglich, ein Liebender zu sein. So sehr wir es uns auch wünschten.

Wir haben dem falschen Gott gedient. Eifrig. Überzeugt. So lange wir glaubten. So lange wir halt überzeugt waren. Nun kommt die Zeit für eine Revolution. Überall singen die Unzufriedenen und die Gescheiterten schon ihr Lied. Aber sie wird doch nur gelingen, wenn sie sich ans Herz der Menschlichkeit zurückbindet. Sonst wird sie wieder nur in neue Unfreiheit führen, die es eines Tages zu überwinden gilt.

Wir werden um diese Wahrheit nicht länger herumkommen. Sie wird uns ein- holen und versuchen, uns zu wecken, so wie sie es schon immer tat. Unsere Mammongläubigkeit wird enden, wenn das entfesselte Vehikel Kapitalismus sich mit großem Knall selbst pulverisiert. Durch den schmerzhaften Aufprall wird uns das Ausmaß seiner unverschämten Lüge bewusst werden. Und wir werden durch die Analyse seiner Gebote begreifen, dass es ihm gelungen war, uns reinzulegen, uns von etwas wirklich Bösem zu überzeugen, nämlich dem glatten Gegenteil dessen, was er verheißen hatte: Wir werden erkennen, dass wir die Welt in wertvollere und wertlosere Menschen eingeteilt haben, dass wir erneut bereit waren – den gutbürgerlichen Lemmingen des sogenannten Dritten Reiches gleich – weltweit die „Schwachen“ zu opfern, die wir uns allerdings selbst erschaffen und dann gewissenlos zu Kollateralschäden erklärt hatten. Wir werden erschrecken, jene Menschlichkeit verraten zu haben, die wir uns eigentlich wünschen – und an der Stelle von Güte und Nächstenliebe eine weitere Ideologie platziert zu haben, die uns die Sinne mit Gier vernebelte: alternativloses Wachstum. Dieser Wachstumsbegriff wird uns mit etwas Abstand plötzlich vorkommen wie ein Synonym für die komplette Ausbeutung von Ressourcen, Lebensräumen und vor allem: Seelen. Und so wie Her- mann Hesse einst wusste, als er die be- rühmten Worte niederschrieb, die vom Papier flüsterten „Ich bin du und du bist ich“, werden wir erkennen, dass diese Seelen doch stets wir alle waren.

Wir werden aufwachen. Und einen weiteren Versuch starten, alles besser zu machen. Vielleicht werden schließlich unsere Kinder beginnen, die Liebe höher zu achten, als wir es je taten. Vielleicht werden sie beginnen, sie allein als namenlose Religion zu akzeptieren, als eine, die im Sinne der Worte von Jesus (und auch Siddhartha und Gandhi und all den anderen wirklichen Helden der Menschheitsgeschichte) niemanden ausschließt, sondern auch die Schwachen in sich aufnimmt; als eine, die sich mit den Glücklichen freut und mit den Traurigen trauert; als eine, die uns teilen lehrt und uns darin unterweist, unsere Feinde zu lieben, um augenblicklich festzustellen, dass wir in der gleichen Sekunde, in der uns das gelingt, gar keine mehr haben. Vielleicht werden wir zu einem Bewusstsein gelangen, das zunächst ein poetisches, ein spirituelles sein muss – um dann ein ökonomisches, gesellschaftliches, systematisches, wirtschaftliches, mitmenschliches Ganzes werden zu können. Oder auch: Ertränken wir die bittere Erkenntnis des Scheiterns im Fluss des Lebens. Wagen wir den Weg. Lassen wir unterwegs kaputtgehen, was uns kaputt macht.

 

 

Richard David Precht anlässlich seiner Herausgeberschaft der agora42

Richard David Precht anlässlich seiner Herausgeberschaft der agora42

 

Mit der Ausgabe 1/2011 wurde der Bestsellerautor und Philosoph Richard David Precht Mitherausgeber der agora42. Seinen Entschluss begründete er wie folgt:

 

Richard David Precht

Richard David Precht ist Mitherausgeber der agora42. Bekannt wurde er 2007 durch sein Sachbuch Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? Seit September 2012 moderiert er die Philosophiesendung Precht im ZDF.

Ökonomie und Philosophie – in der heutigen Zeit wirken die beiden Begriffe einander so fremd wie die erdzugewandte und die erdabgewandte Seite des Mondes. Ökonomie, so scheint es, ist die Wissenschaft von etwas sehr Nützlichem und Praktischem, der Deckung des menschlichen Bedarfs. Philosophie dagegen ist, wenn überhaupt, die Wissenschaft von etwas Unnützem und Theoretischem, den Mußestunden des Lebens vorbehalten; ein Hobby für Menschen mit hinreichend Geld und Zeit.

Es scheint so. Tatsächlich jedoch ist Ökonomie eine sehr philosophische Wissenschaft. Denn was ist der menschliche Bedarf? Was gehört dazu und was nicht? Wer bestimmt die Ziele des Wirtschaftens? Liegen sie in Kurven und Tabellen verborgen, lassen sie sich kühl berechnen? Oder sind sie nicht vielmehr eine gesellschaftliche Festsetzung auf der Grundlage philosophischer Überlegungen?

Die bedeutendsten Ökonomen der Menschheitsgeschichte waren Philosophen, von Adam Smith über John Stuart Mill zu Karl Marx. Für sie war Ökonomie die praktische Umsetzung eines philosophischen Ziels: die Chance auf ein erfülltes Leben für möglichst viele Menschen. Dass sich Ökonomen kaum noch für Philosophie, Philosophen kaum mehr für Ökonomie interessieren, ist unter solchen Voraussetzungen ein gesellschaftliches Fiasko. Soll man den Wert und den Erfolg des Wirtschaftens allein am Wachsen des Bruttoinlandsprodukts bemessen? Ist Wirtschaft gut, wenn sie Wachstumsraten produziert, und schlecht, wenn sie stagniert? Und trägt materielles Wirtschaftswachstum zu allen Zeiten und ohne Einschränkung dazu bei, dass möglichst viele Menschen die Chance auf ein erfülltes Leben bekommen?

Sein Leben mit Gütern anzufüllen, so lehrt uns unser privilegiertes Leben in den reichen Ländern der westlichen Welt, ist noch nicht gleichbedeutend mit Erfüllung. Ökonomie ohne Philosophie ist leer. Philosophie dagegen, die sich um die ökonomischen Gegebenheiten nicht schert, ist blind für das tatsächliche Leben der Menschen. Viele Fragen nach einem erfüllten Leben sind heute unbeantwortet – wie auch die Theoreme der Wirtschaft oft unhinterfragt bleiben. In einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs, die Güter wie Zeit, Anerkennung, Liebe und Achtung in den Mittelpunkt eines erfüllten Lebens stellt, stellen sich zugleich Fragen nach einer neuen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ordnung. Was die Moderne leisten sollte, hat sie – zumindest in den wohlhabenden Ländern der westlichen Welt – erfüllt. Was nun ansteht, ist eine neue Moderne.

In dieser spannenden Zeit bietet die agora42 eine ganz hervorragende Plattform für Positionen und Theorien, Austausch und Streitkultur, Hintergrundwissen und Visionen. Ich freue mich deshalb sehr, die agora42 von nun an als Mitherausgeber begleiten und unterstützen zu dürfen.

 

Richard David Precht

 

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Weitere Interviews mit Richard David Precht finden Sie in den agora42-Ausgaben Europa und Vernunft.