Neue Maßstäbe setzen: Die Thales-Akademie im Gespräch mit Susanne und Kai Henkel von der Richard Henkel GmbH

VERANTWORTUNG UNTERNEHMEN

Mittelständische Unternehmer werden zwar als „Rückgrat der deutschen Wirtschaft“ besungen, treten aber selten öffentlich in Erscheinung. Im Gespräch mit der Thales-Akademie erzählen sie von Erfolgen und Niederlagen, Erfahrungen und Einsichten.

 

Neue Maßstäbe setzen – Die Thales-Akademie im Gespräch mit Susanne und Kai Henkel von der Richard Henkel GmbH

 

Ihr Unternehmen gilt als eines der kreativsten Postwachstumsunternehmen in Deutschland. Wie sind Sie zur Postwachstumsökonomie gekommen?

SH: Wir sind zunächst über die ökonomischen Fragen zur Postwachstumsökonomie gekommen, weil wir gemerkt haben, dass unsere internen Einsparpotenziale, also die Möglichkeiten eines „inneren Wachstums“, längst nicht ausgeschöpft sind. Aber bald wurde mir klar: Postwachstum heißt auch Ressourcenschonung im Sinne einer ethischen Verantwortung für die Gesellschaft. Denn wenn Sie sich unseren weltweiten Umgang mit Ressourcen anschauen, läuft es einem kalt den Rücken herunter. Für mich sind Fälle wie der von VW daher besonders grausig. Denn das ist nicht nur zivil- und strafrechtlich bedenklich gegenüber den Kunden, sondern es schadet der ganzen Bevölkerung, weil diese Autos ja überall mit einem massiv überhöhten CO2-Ausstoß herumfahren. Eine weitere, bislang allerdings weitgehend ignorierte Gefahr im Kontext von CO2-Emissionen ist übrigens das Auftauen der Permafrostböden. Hierdurch werden gigantische Mengen an CO2 frei, wodurch das Zwei-Grad-Ziel von Paris geradezu unerreichbar wird. Frau Merkel war doch selbst mal Umweltministerin. Hat sie das alles vergessen? Warum gehen wir so unverantwortlich mit diesem Planeten um? Ich habe zwar keine eigenen Kinder, aber Nichten, Neffen und Patenkinder – und denen möchte ich keine Welt hinterlassen, die nicht mehr reparabel ist.

 

Thales Akademie

THALES-AKADEMIE FÜR WIRTSCHAFT UND PHILOSOPHIE  –  Echte Gespräche werden immer seltener. Manchmal fehlt uns der Mut, immer öfter aber auch die Muße, um uns über persönliche Erfahrungen, Hoffnungen und Zweifel auszutauschen. Auch der Primat von Auflage und Profit seitens der Medien sowie die Selbstvermarktungsinteressen der Interviewten sind eine Hürde für solche aufrichtigen Gespräche. In der Gesprächsreihe VERANTWORTUNG UNTERNEHMEN setzen Frank Obergfell und Philippe Merz von der Thales-Akademie diesem Trend etwas entgegen: kein klassisches Interview, sondern einen offenen Austausch auf Augenhöhe mit jeweils einem mittelständischen Unternehmer oder einer unternehmerisch erfahrenen Persönlichkeit. Die Thales-Akademie selbst bietet Vorträge und Inhouse-Seminare zu den wirtschafts- und unternehmensethischen Herausforderungen unserer Zeit sowie – gemeinsam mit der Universität Freiburg – eine berufsbegleitende Weiterbildung an.

 

Was bedeutet für Sie der Postwachstumsansatz in betriebswirtschaftlicher Hinsicht?

SH: Zunächst hat die Postwachstumsidee bei mir dazu geführt, dass ich mir seit rund zehn Jahren keine Gedanken mehr über irgendwelche Umsatzziele mache – und vor allem nicht mehr über die Umsatzsteigerung. Wichtig ist für mich nur, ob wir Gewinn erwirtschaften und ob ich Investitionen tätigen und faire Löhne bezahlen kann. Schon damit unterscheiden wir uns von den meisten anderen Unternehmen. Für diesen Ansatz gibt es mehrere Gründe. Ein Grund ist, dass die Unternehmen, die ständig ihren Umsatz steigern wollen, alle möglichen Aufträge annehmen und dadurch sehr abhängig von der Willkür einzelner Auftraggeber werden. Auch ich habe diesen Fehler anfangs gemacht. Wir hatten beispielsweise einmal eine zusätzliche Schicht für einen großen Auftrag aus der UMTS-Branche eingeführt. Da wir Verträge mit klaren Vertragsstrafen abgeschlossen hatten, dachte ich, dass alles im grünen Bereich ist. Aber dann stellte der Endkunde plötzlich fest: „Huch, der Erstbestückungsmarkt ist ja schon gedeckt, ab jetzt bieten wir nur noch Ersatzteile an.“ Und innerhalb von einer Woche wurden alle Verträge gekündigt. Bei uns fiel daraufhin die extra eingerichtete Schicht weg, unsere Mitarbeiter standen quasi „auf der Straße“. Doch wer in diesem Moment die Vertragsstrafe geltend macht, den beauftragt der Endkunde nie wieder. Also haben wir dafür gesorgt, dass wir nicht mehr so abhängig von einer Branche oder einem Auftraggeber sind.

Oder denken Sie an die Abhängigkeiten von gesamtwirtschaftlichen Entwicklungen. Nach dem 11. September 2001 wurden viele unserer Dienstleistungen nicht mehr benötigt, weil die Fluggastzahlen zum Beispiel von Swiss Air in den Keller gerauscht sind. Große Konzerne wie Audi, die in Teilbereichen mit Zeitarbeitsfirmen arbeiten, entlassen in solchen Phasen viele Mitarbeiter mit „Sonderverträgen“. Wir hingegen müssten in einem solchen Moment eine ganze Schicht streichen. Und das kann ich meinen Mitarbeitern gegenüber nicht verantworten. Ich will doch jedem in die Augen schauen können.

Und schließlich: Rechnen Sie mal aus, was Sie mit einer dritten Schicht verdienen. Nichts! Die einzige Schicht, mit der sie etwas verdienen, ist die erste Schicht. Sagt der Gesamtumsatz also etwas über die Ertragslage aus? Ich glaube nicht. Viel sinnvoller ist es, die Prozesse innerhalb des Unternehmens zu optimieren. So erhöht man am schnellsten den Ertrag. Das „Wachstum“, bei dem oben 20 Millionen stehen und unten nichts raus kommt, brauche ich nicht.

 

Würden Sie sagen, dass die ökonomischen und die ethischen Gründe, die für einen Postwachstumskurs sprechen, für Sie letztlich gleichrangig sind?

SH: Absolut. Wir können damit die Verantwortung wahrnehmen, die wir nach meiner Überzeugung für die Gesellschaft tragen. Und zugleich gilt: Der wahre Ertragsbringer ist das Bündel der Maßnahmen, die ergriffen werden, um CO2 zu reduzieren und Materialien zu schonen – und nicht die Umsatzsteigerung.

KH: Das stimmt vollkommen. In den letzten zehn Jahren haben wir beispielsweise 60 Prozent der Strom- und Prozesswärme einsparen können. Da wird schnell klar, dass wir vergleichbare Gewinne durch Mengen- oder Umsatzsteigerungen niemals erzielt hätten.

 

Diese Synergieeffekte und die damit verbundenen wirtschaftlichen Erfolge sind für viele Menschen sicher überraschend. Gibt es daneben denn auch Themen, die Sie im Unternehmen derzeit bedrücken und belasten?

KH: Ganz eindeutig die Schwierigkeiten mit manchen Mitarbeitern. Wir haben mittlerweile große Probleme, Menschen zu finden, die eine gute Arbeitseinstellung mitbringen. Um ein Beispiel zu nennen: Jeder Zeitarbeiter hat bei uns mittelfristig die Chance, übernommen zu werden. Mehrere Produktionshelfer waren beispielsweise in letzter Zeit ein dreiviertel Jahr oder ein Jahr bei uns als Zeitarbeiter beschäftigt, haben einen guten Job gemacht und daraufhin wie versprochen einen festen Vertrag erhalten. Dann haben sie ein halbes Jahr weiter gearbeitet, bis sie wussten, wie „das System“ funktioniert – und plötzlich waren sie ständig krank. Und wenn der eine Arzt sie nicht mehr krankschreiben wollte, sind sie zu einem anderen gegangen und haben sich dort ihr Attest geholt. Das ist doch Wahnsinn. Und es ist auch in solchen Fällen unverantwortlich von den Ärzten, das sage ich ganz ausdrücklich. Die Mehrlast tragen die fleißigen Kollegen! Mehr als unkollegial!

SH: Es gibt außerdem Mitarbeiter, die ihre – teils großen – privaten Probleme mit zur Arbeit bringen. Wir versuchen dann, uns für sie einzusetzen, beispielsweise auch, indem wir mit Gläubigern oder Anwälten sprechen. Und mehrfach haben wir schon erlebt, dass genau diese Mitarbeiter uns die Kündigung auf den Tisch legen, sobald es wieder besser läuft – und zwei Tage später melden sie sich für den Rest der Zeit krank. Da geht es mir nicht ums Geld, sondern das sind für mich vor allem menschliche Enttäuschungen.

Das Gleiche gilt für einen bestimmten Kunden, für den wir 20 Jahre lang gearbeitet haben. Während dieser Zeit gab es Fälle, wo Mitarbeiter dieses Kunden bei uns angerufen haben, weil sie technische Probleme mit ihren eigenen Lackieranlagen hatten. Natürlich haben wir ihnen da mit unserem Know-how geholfen. Anfang dieses Jahres habe ich mir dann erlaubt, bei einigen Produkten die Preise zu erhöhen. Das haben wir seit 2005 nicht mehr getan und folglich mit diesen Produkten so gut wie nichts mehr verdient. Das habe ich auch komplett offengelegt und dem Einkaufschef erklärt. Was glauben Sie, ist passiert? Der Auftrag wurde abgezogen. Es ist nicht mal zu einem Gespräch gekommen. Das hat man nach 20 Jahren guter, offener Zusammenarbeit nicht für nötig gehalten. 300.000 Euro Umsatz weg – direkt zum Wettbewerber einige Kilometer weiter. Wahrscheinlich war der fünf Cent billiger. Es ist hart zu sehen, dass es in solchen Fällen nur noch um das billigste Angebot geht. Auch hier war es nicht so sehr der Auftragsverlust, der uns zu schaffen machte, sondern die menschliche Enttäuschung.

 

 

Wie würden sie denn die Unternehmenskultur beschreiben, die Sie selbst zu leben versuchen?

SH: Gegenseitiger Respekt ist für mich das oberste Gebot. Bei uns im Unternehmen arbeiten Menschen aus der ganzen Welt mit teils sehr unterschiedlichen kulturellen Hintergründen. Da benötigen alle viel Sensibilität, damit es nicht kracht. Das geht bis zu der Frage, wie aufreizend sich eine Mitarbeiterin an einem heißen Sommertag anzieht. Es ist also ein Geben und Nehmen, das bei uns ganz gut funktioniert, für das wir aber auch viele Fortbildungen anbieten.

Außerdem bedeutet Unternehmenskultur für mich, genau hinzuschauen. Es ist wichtig, dass man es beispielsweise bemerkt, wenn ein Mitarbeiter durch sein Privatleben belastet wird. Für solche und andere Schwierigkeiten müssen wir sensibel bleiben, denn jeder Mitarbeiter verbringt die meiste Zeit des Tages im Betrieb. Wir dürfen die Menschen nicht nur als Arbeitstiere sehen, sondern müssen sie als ganze Personen wahrnehmen.

 

Richard Henkel GmbH

RICHARD HENKEL GMBH – „Jedes Unternehmen muss wachsen, um erfolgreich zu sein.“ So haben wir es gelernt, so wird es uns täglich vorgelebt. Aber stimmt das wirklich? Seit einigen Jahren lösen sich verschiedene Unternehmen ebenso bewusst wie erfolgreich von der Fixierung auf Umsatzwachstumsziele und schonen so die natürlichen Ressourcen. Zu diesen Unternehmen zählt die Richard Henkel GmbH aus Forchtenberg im schwäbischen Hohenlohekreis. Sie hat sich in dritter Generation auf die Fertigung hochwertiger Stahlrohrmöbel spezialisiert. Nachhaltigkeit steht dabei an erster Stelle: Verschlissene Teile können vollständig aufgearbeitet werden – vor Ort, von Hand und mit wiederverwertbaren Materialien. Daneben hat sich das Familienunternehmen einen Namen als unkonventioneller Pulverbeschichter für mittelständische und große Unternehmen gemacht. Es verwendet etwa eine Filteranlage aus der Milchindustrie, um Rückstände des Beschichtungsvorgangs optimal zu reinigen. Eine betriebseigene Zisterne versorgt das Unternehmen mit Wasser, während der Einbrennofen mit Material aus der Reaktorforschung gedämmt wird und so außergewöhnlich energieeffizient ist. Auf das respekt- und vertrauensvolle Verhältnis zu den Mitarbeitern legen die Geschwister und Geschäftsführer Susanne und Kai Henkel besonderen Wert. Die Richard Henkel GmbH ist Mitinitiator der WIN!-Charta des Landes Baden-Württemberg und wurde bereits mehrfach im Rahmen des Umweltpreises von Baden-Württemberg ausgezeichnet.

 

Gelingt es denn, mit dieser gelebten Empathie eine höhere Verlässlichkeit und Verbindlichkeit zwischen Ihnen und den Mitarbeitern zu etablieren, um so auch zwischenmenschlichen Enttäuschungen vorzubeugen?

KH: Ich halte das auch für ein Generationenthema. Bei Kollegen, die 20 oder 30 Jahre bei uns sind, stellt sich diese Frage gar nicht. Es sind eher die Jüngeren zwischen 25 und 30, die Schwierigkeiten haben, sich einzufinden und kontinuierlich ihre Leistung zu bringen.

SH: Wir haben Mitarbeiter, die schon lange bei uns sind und die eine so hohe Loyalität aufgebaut haben, dass sie wohl alles für uns tun würden. Bei anderen Mitarbeitern frage ich mich dagegen, ob sie sich auch bei den großen Firmen in der Nähe wie Würth oder Audi trauen würden, ein solch schlechtes Verhalten an den Tag zu legen.

Aber man muss eben bedenken: Der Hohenlohekreis ist eine Weltmarktführerregion mit einer Arbeitslosenquote von unter 3 Prozent. Hier findet jeder schnell eine neue Anstellung, auch ein Ungelernter. Zugleich liegen wir hier abseits der großen Städte, sodass es schwierig ist, hochqualifizierte Mitarbeiter zu finden – und Wohnungen, die ihnen gefallen. Wir suchen derzeit händeringend einen Umweltbeauftragten und einen Produktionsleiter, die für ihre Aufgabe brennen. Aber wir finden niemanden. So werden wir oft selbst vom Tagesgeschäft aufgefressen, anstatt uns technischen Innovationen widmen zu können.

 

Haben Sie neben den Unternehmen, von denen Sie sich bewusst abgrenzen, auch unternehmerische Vorbilder?

SH: Ja klar, beispielsweise die Brauerei Neumarkter Lammsbräu oder Weleda. Die hatten bislang in Sachen Ressourceneinsparung und Mitarbeiterführung die gleichen Ansätze wie wir. Aber auch viele kleinere Unternehmen, die mit uns in verschiedenen Arbeitskreisen oder auch einmal in gemeinsamen Projekten wie zum Beispiel der Deutschen Bundesstiftung Umwelt zusammenarbeiten.

 

Was bedeutet für Sie unternehmerischer Erfolg, wenn Sie diesen nicht mehr an konventionellen Kennzahlen wie dem Umsatzwachstum festmachen?

KH: Für besonders wichtig halte ich die langfristige Stabilität des Unternehmens …

SH: … und außerdem faire Löhne und keine Steuerschulden. Also wieder die Frage: Was kommt tatsächlich unten heraus?

 

Für diesen Ansatz müssen Sie mit einer hohen Eigenkapitalquote arbeiten, um sich den Zinserwartungen von Banken oder den Renditeerwartungen von Investoren zu entziehen, da ansonsten wieder Wachstumsdruck entstünde, oder?

KH: Wir sind eines der am besten bewerteten Unternehmen in Deutschland, und ja, das hat sicher auch mit einer hohen Eigenkapitalquote zu tun. Aber wir nehmen auch schon mal einen Kredit auf, wenn es sich nicht vermeiden lässt.

SH: Wir sind allerdings ganz konventionelle Sparkassenkunden. Schon mein Großvater hat gesagt: „Du kaufst, was du zahlen kannst.“ Und wenn wir bei einer Investition ausnahmsweise finanzielle Unterstützung brauchten, hatten wir mit der Sparkasse immer einen fairen Partner, der gut mit uns umgegangen ist. Viele Unternehmer beschweren sich ständig über ihre Banken, weil sie sich mit deren Geschäftsverhalten nicht mehr identifizieren können. Da kann ich nur sagen: Dann muss man eben den Mut haben, der Deutschen Bank den Rücken zu kehren und vielleicht zur GLS Bank zu gehen.

Zum Unternehmenserfolg können aber auch andere Faktoren beitragen, die oft vergessen werden. Gute Unternehmernetzwerke wie unser „Modell Hohenlohe“ helfen beispielsweise bei vielem weiter. Man muss das Rad nicht immer neu erfinden, sondern kann auch von den Erfahrungen anderer profitieren. Daneben gibt es gerade im Bereich Effizienz und Material viele Zuschussmöglichkeiten durch Bund und Land, die jedes Jahr nicht abgerufen werden – worauf Minister Untersteller auch immer wieder hinweist, besonders die KMU!

KH: Aber viele kleine Mittelständler haben keine Zeit, sich darum zu kümmern. Und wenn Sie mal Ihre IHK danach fragen, kommen in der Regel nur 08/15-Vorschläge, die ich nach fünf Minuten Internetrecherche auch selbst herausfinde oder die wir in Arbeitskreisen unseres Modells Hohenlohe längst gemacht haben. Für die Fördertopf-Berater sind wir wiederum uninteressant, weil wir zu klein sind. Entweder hängen Sie sich also beim Thema Fördermöglichkeiten selbst rein oder Sie lassen es besser ganz bleiben.

 

Gibt es Momente in den letzten Jahren, in denen Sie dachten: „Genau hierfür mache ich das alles“?

SH: Aber ja! Etwa wenn wir nach langer Suche endlich ein unschlagbares Dämmmaterial für unseren Einbrennofen (Lackierbereich) finden und dadurch ganz neue Einsparmöglichkeiten entstehen. Also wenn wir eine bessere Lösung finden, weil wir gegen den Strom schwimmen – weil wir uns nicht danach richten, was der „Markt“ angeblich fordert oder will. Das sind die Momente, für die ich morgens aufstehe.

Wenn mir dann wieder ein Unternehmer erzählt, er macht 50 Millionen Umsatz, und am Ende kommen 3 Prozent Ertrag raus, dann sage ich ihm, dass wir durch eine einzige Effizienzmaßnahme 16 Prozent Ertrag erreichen. Ich möchte einfach, dass wir erkennen, wie viele Möglichkeiten wir auch ohne ständigen Preiskampf und ohne diese Fixierung auf das Umsatzwachstum haben. Wir können nicht mehr immer weiter wachsen, die Welt ist voll, und die Ressourcen werden immer knapper. Gerade wenn man bedenkt, dass die Menschen in Asien und Afrika ebenso produzieren, verkaufen und konsumieren möchten wie wir. Wir müssen jetzt schauen, dass wir anders wachsen.

Reparieren statt Wegwerfen: In der Richard Henkel GmbH werden verschlissene Stahlrohrmöbel sorgfältig aufgearbeitet.

Das sehen viele Unternehmensverantwortliche bekanntlich anders – auch in kleineren und mittelgroßen Unternehmen. Viele glauben nach wie vor an grenzenloses Wachstum und die Expansion in neue Märkte.

SH: Aber was soll das denn? Und wann sind diese Unternehmer denn das letzte Mal durch die Produktionshallen gelaufen? Dieses Gerede spielt sich doch nur in den Vorstandsbüros ab. Ich kann nur sagen, dass ich kein Umsatzwachstum auf Kosten der Mitarbeiter und der Natur brauche.

 

Gab es auch Momente, in denen Sie das Gefühl hatten, dass es nicht mehr weitergeht?

SH: Ja, in der Finanzkrise, als die Kundenstruktur in allen Branchen plötzlich wegbrach. Da wir unsere Mitarbeiter in einer solchen Phase nicht einfach vor die Tür setzen wollen, haben wir seitdem variable Arbeitsverträge, bei denen wir die wöchentliche Arbeitszeit zwischen 37 und 40 Wochenstunden variieren können, um flexibel auf Konjunkturschwankungen zu reagieren.

 

Ist es in solchen Phasen eine zusätzliche Last, ein Familienunternehmen in der dritten Generation zu führen, weil man nicht diejenige oder derjenige sein möchte, der dieser Tradition ein Ende setzt?

KH: Im Tagesgeschäft spielt das keine Rolle.

SH: Auch für mich geht es im Alltag vor allem darum, das Unternehmen über die Runden zu bringen. Nur manchmal renne ich am Bild meines Großvaters vorbei und denke: „Mensch, Opa, was hast du mir da eingebrockt?“ Dann findet ein innerer Dialog statt, bei dem ich mich frage, warum ich nicht etwas ganz anderes gemacht oder einfach reich geheiratet habe (lacht). Aber da geht’s letztlich nur ums spontane Dampfablassen.

 

Wir leben in einer unübersichtlichen und oft auch widersprüchlichen Zeit. So gibt es auf der einen Seite immer mehr verantwortungsvolle Konsumenten, auf der anderen Seite aber nach wie vor exzessive Konsumgewohnheiten. Ähnlich widersprüchlich sind viele Unternehmensstrategien, die von seriösen ethischen Ansätzen über diverse Greenwashing-Strategien bis hin zu rücksichtslosem und ausbeuterischem Vorgehen reichen. Wie schätzen Sie diese Gemengelage ein?

SH: Mir gibt das ebenfalls sehr zu denken. Letztlich zähle ich vor allem auf eine verstärkte Aufklärungs- und Bildungsarbeit. Denken Sie beispielsweise daran, wie große Firmen häufig produzieren: Man lässt in China Produkte von Wanderarbeitern fertigen. Da kommt es schon mal vor, dass von einem auf den anderen Tag plötzlich ein Drittel der Beschäftigten fehlt, weil diese weitergezogen sind. Daraufhin verlegt man die Produktion einfach nach Vietnam oder Afrika: noch dreckiger, noch menschenunwürdiger. Unter solchen Umständen gefertigte Teile sind in vielen Fahrzeugen verbaut oder wir kleiden uns damit. Das sollten die Menschen wissen, das muss häufiger und deutlicher gezeigt werden!

 

Aus diversen Studien geht hervor, dass Informationstransparenz viele Menschen tatsächlich zu Verhaltensänderungen motiviert.

SH: Aber was macht unser Schulsystem? Nichts – oder in jedem Fall zu wenig! Nehmen Sie den Gemeinschaftskundeunterricht: Der darf sich doch heute nicht mehr auf Deutschland beschränken, sondern muss junge Menschen über globale Lieferketten und Arbeitsbedingungen informieren.

 

Uns würde abschließend noch interessieren, in welcher Form die „Industrie 4.0“ bei Ihnen Einzug hält. Treiben Sie die Digitalisierung und Automatisierung bewusst voran oder beschäftigen Sie sich bislang eher perspektivisch damit?

SH: Zunächst bin ich davon überzeugt, dass wir Unternehmen brauchen, die mit Menschen arbeiten – auch in Zukunft. Aber natürlich haben wir uns angeschaut, wo Roboter unsere Arbeit möglicherweise ergänzen können. Und für uns lautet das Ergebnis: nirgendwo. Nehmen wir etwa das Aufarbeiten unserer Liegestühle, also das Aufwickeln einer neuen Liegefläche, wenn die alte verschlissen ist. Oder auch das Nähen bestimmter Doppelnähte. Dafür hätten wir jeweils zwei Roboter gebraucht. Rechnen Sie das mal durch: Das lohnt sich nicht. Gleiches gilt für die Pulverbeschichtungsanlage. Wir machen es daher heute so: Es wird ein Band vorbereitet, und die Mitarbeiter stehen im Durchlauf und hängen die Teile auf. Beim Aufhängen sehen sie das Rohteil und das Fertigteil und überprüfen jeweils beide. Das menschliche Auge stellt bei uns also zugleich die Qualität sicher – das ist wesentlich günstiger als alle technischen Lösungen. Zugleich achten wir darauf, dass alle Mitarbeiter nach spätestens einer Stunde die Arbeit wechseln, damit es nicht zu monoton wird und sie nicht zu einseitig beansprucht werden.

 

Wenn Sie eines Tages aufhören und das Unternehmen Ihrem Nachfolger beziehungsweise Ihrem Bruder übergeben, welches wäre Ihr wichtigster Ratschlag?

SH: Mach jede Erfahrung selbst! Laufe nicht dem hinterher, was in der Zeitung oder im Lehrbuch steht. Was andere irgendwo aufschreiben, ist deren Erfahrung. Diese kann man für sich zwar als Richtlinie nehmen, aber sie ersetzt nicht das eigene Erleben und das eigenständige Denken und Handeln.

SAMSUNG CSC

Frank Obergfell und Philippe Merz von der Thales-Akademie trafen Susanne und Kai Henkel in den Räumen der Richard Henkel GmbH in Forchtenberg.

Verantwortung im Zeitalter der Digitalisierung – Veranstaltung der Thales Akademie

FREIBURGER AUFGEPASST!

Einladung zum offenen wirtschaftsethischen Forum in Freiburg

Thales Akademie

Gerne weisen wir auf die besondere Veranstaltung unseres Kooperationspartners Thales Akademie in Freiburg hin: WAS HEIßT “VERANTWORTUNG” IM ZEITALTER DER DIGITALISIERUNG? Alle, die im Freiburger Raum beheimatet sind, sollten dort vorbeischauen, denn:

1. ist das Thema von höchster Relevanz und
2. bietet das gewählte Format die Möglichkeit mit vielen interessanten Personen ins Gespräch zu kommen.

 

Eckdaten:
Mittwoch, 9. November 2016 um 19.30h im Cafe Artjamming, Günterstalstraße 41 in Freiburg. Der Eintritt ist frei.

Thales Akademie

Die Thales Akademie widmet sich den wirtschaftsethischen Fragen unserer Zeit, insbesondere den Herausforderungen der verantwortungsvollen Unternehmensführung. In Seminaren und Weiterbildungen können Führungskräfte eigenständige Haltungen zu wirtschaftsethischen Herausforderungen entwickeln.

Programm
Der Begriff „Verantwortung“ ist der Schlüsselbegriff der modernen Ethik schlechthin. Zugleich steht er im Zentrum unseres persönlichen Selbstverständnisses und unserer gesellschaftlichen Selbstverständigung: Wir beanspruchen Verantwortung für uns selbst, weisen sie anderen zu, nehmen sie an oder weisen sie von uns. Wir sollen für problematische Ereignisse in der Vergangenheit verantwortlich sein, aber auch für wünschenswerte Ergebnisse in der Zukunft, sowohl privat wie beruflich. Das ist schon komplex und widersprüchlich genug. Doch mittlerweile treten wir unser Denken und Entscheiden zunehmend an Maschinen und programmierte Algorithmen ab – mit weitreichenden Folgen für unsere Tagesabläufe, aber auch für unser Selbstverständnis als autonome Individuen und unsere Gesellschaft insgesamt.
Beim offenen wirtschaftsethischen Forum der Thales-Akademie für Wirtschaft und Philosophie gehen wir diesen tiefgreifenden Veränderungen gemeinsam nach: in zwei kurzen Impulsvorträgen von Dr. Philippe Merz (Einführung) und Esther Röder (Schwerpunkt: KI und autonomes Fahren) sowie in offenen persönlichen Gesprächen und Diskussionen.
Dazu gibt es lecker zu essen und zu trinken und viele sympathische, aufgeschlossene Gesprächspartner. Alle Interessenten sind herzlich eingeladen!

Teilnehmende
Im Forum Wirtschaftsethik kommen kreative Denker und Macher zusammen: innovative Führungskräfte von heute und morgen, Wissenschaftler mit Weitblick, early adapters aus dem Unternehmerkreis sowie aufgeschlossene Bürgerinnen und Bürger mit Freude am persönlichen Austausch zu den grundlegenden wirtschaftsethischen Fragen unserer Zeit.

Der Philosoph – Paradebeispiel für einen Nichtsnutz?

Vor einem Jahr richteten wir gemeinsam mit den Bayreuther Dialogen einen Essaywettbewerb aus. Anlässlich der bald wieder stattfinden (29.10.16) Dialoge möchten wir Ihnen hier gerne einer der zwei Siegeressays präsentieren.

Der Philosoph – Paradebeispiel für einen Nichtsnutz?

Studenten der Altphilologie und Kunstgeschichte teilen ein gemeinsames Schicksal mit mir: Sie leiden unter einem Tinnitus, der eigentlich gar keiner ist. Mit einem echten Tinnitus gemeinsam hat dieser Tinnitus, dass er zum ständigen Begleiter geworden ist, sich dabei als äußerst unangenehm erweist und man ihn wohl nur los wird, wenn man lernt wegzuhören. Doch anstatt mich unaufhörlich piepsend um meine innere Ruhe zu bringen, raubt er mir beständig quasselnd den letzten Nerv: „Aber was fängt man denn bitte mit Philosophie nach dem Studium an?“

 

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Illustration von Carlos Garcia-Sancho

Bevor ich anfing, ein Orchideenfach zu studieren, war mir nicht klar gewesen, wie tief unsere Gesellschaft, von jung bis alt, in der Mittel-Zweck-Kategorie feststeckt. Seit ich auf jene Frage aber fast täglich anderen und bald minütlich mir selbst antworten soll, sieht das anders aus. Wer es da wagt, pathetisch Sätze wie „Philosophie studiert man um ihrer selbst willen“ oder „Bildung und Studium sind doch Selbstzwecke“ zu verkünden, hat schlechte Karten. Ausführliche Argumentationen gibt der Smalltalk in der Regel jedoch nicht her. Ein kleiner Tipp deshalb, falls Sie gerade ähnliche Erfahrungen machen und um Ihr Seelenheil bangen: Denken Sie sich eine (erlogene) Standardantwort aus, mit der Sie schon kontern können, bevor dem Fragenden überhaupt der ganze Satz über die Lippe gekommen ist, und nehmen Sie Ihrem Gegenüber die Frage nicht allzu übel, es sei denn, Sie finden Gefallen an sukzessiver sozialer Isolierung.

Da ich die nächste Zeit zufälligerweise alleine bin, will ich es an dieser Stelle mit Argumenten versuchen, die im Smalltalk oft nicht zur Sprache kommen – zugegeben, damit verbunden ist die Hoffnung, dass mein Tinnitus über kurz oder lang zum Schweigen gebracht wird.

 

Spucken oder nicht spucken?

Ich könnte zum Beispiel mit Aristoteles behaupten, dass die philosophische Betrachtung (altgr.: theoria) nun mal der Königsweg zur Glückseligkeit sei. Sie erwiese sich somit durchaus als nützlich – für mein Glück. Dieser Gedanke kommt mir jedoch ziemlich eigensinnig vor, bin ich doch kein Aristokrat, der sinnierend nach der Eudämonie trachtet, während die anderen alle für ihren (und meinen) Lebensunterhalt schuften müssen.

Die vermeintliche Egozentrik trügt jedoch, wenn man bedenkt, dass eine egoistische Glücksvorstellung, wie sie heute gang und gäbe ist, im Hinblick auf Aristoteles völlig unangemessen wirkt. Als politisches Lebewesen (altgr.: zoon politikon) ist der Mensch immer schon Teil der politischen Gemeinschaft, auch wenn er „hauptberuflich“ der Weisheit frönt. Dass Aristoteles beim glückseligen Philosophen an einen Einzelgänger im Elfenbeinturm dachte, will ich mithin bezweifeln. Vielmehr dürfte der ideale Philosoph nach Aristoteles neben den Verstandestugenden, zum Beispiel Wissen und Weisheit, auch über Charaktertugenden, zum Beispiel Freigebigkeit, Wahrhaftigkeit und Sanftmut, verfügen und im praktischen Leben der politischen Gemeinde eine tragende Rolle spielen. Das Zusammenspiel von Theorie und Praxis ist demnach entscheidend, will die Philosophie sich selbst nicht damit bescheiden, dass ihre Vertreter fachintern esoterische Liebesbriefchen austauschen.

Es gilt die Weisheit in ihrer Mannigfaltigkeit nach außen zu tragen, damit mehr als 2.000 Jahre des Nachdenkens über den Sinn des Lebens, das gute Leben, das Sein des Seienden etc. nicht in der Fachbibliothek verstauben, sondern jeder in ihren Genuss gelangen kann. Das, was aus dem Wissen entspränge, wäre vermutlich zwar nicht direkt wirtschaftlich verwertbar, sofern man die Erkenntnisse nicht entstellen wollte. Die Philosophie könnte indes helfen, gerade die beschränkte Sichtweise zu durchbrechen, wonach der Nutzen einer Sache mit dessen wirtschaftlicher Verwertbarkeit identisch sei.

Diese vorschnelle Gleichsetzung ist nicht verwunderlich, leben wir doch in einem Land, wo der Steigerung des Bruttosozialprodukts eine ganze Hymne gewidmet wurde. Wer nicht in die Hände spuckt, der gilt schnell als Nichtsnutz, ungeachtet dessen, ob er es eigentlich gerne täte oder nicht. Der Philosoph ist mitunter noch schlimmer als der konventionelle Tunichtgut, weil das, was er zu sagen hat, oftmals nicht nur nicht profitabel ist, sondern der Logik des Profits geradezu widerspricht. Und dafür soll man ihn dann auch noch bezahlen?!

Man denke nur an die fröhlich verkündete Nachricht in der Tagesschau, die Kauflust der Deutschen sei in die Höhe geschnellt und deshalb boome die Wirtschaft. Dazu Bilder von einkaufenden Leuten, die über beide Backen strahlen, während sie ihre Einkaufstüten durch die Shoppingmeile schleppen. Einkaufen ist also etwas Gutes, weil es dem Einzelnen Lust bereitet und die Wirtschaft ankurbelt. Kurz: Einkaufen nützt.

Über dieses Paradies bricht nun die satanische Philosophie herein und zerstört den eitel Sonnenschein. Sie erdreistet sich, Fragen zu stellen: Ob Einkaufen überhaupt langfristig glücklich mache oder nur einen kurzen Kick verschaffe. Ob Besitz glücklich mache und ob viel Besitz noch glücklicher mache oder ob Besitz, wenn überhaupt, Mittel zum Glück sei und viel Besitz dem Glück sogar im Weg stehen könne. Ob alle Bedürfnisse „natürlich“ seien oder von der Gesellschaftsform, in der wir leben, präformiert würden, damit das System möglichst reibungslos funktioniere. Ob das, was uns nützlich dünkt, somit wirklich nütze oder im Hinblick auf Menschen aus anderen Ländern oder die Natur sogar eher schade. Ob die Art unseres auf Wachstum fixierten Wirtschaftens langfristig Sinn ergebe …

 

Emanzipation von unten

Zugegeben, der spezielle Beruf, auf den das Philosophiestudium vorbereitet, muss erst noch erfunden werden. Und kaum jemand wird ernsthaft auf die Idee kommen, Philosophie zu studieren, um Karriere zu machen. Dennoch nützt die Philosophie auf ihre Art und Weise. Sie kann allein dadurch, dass sie (ausgiebig) betrieben wird, einen Gedankenwandel im Menschen bewirken – sei es im Gespräch mit anderen oder im Dialog mit dem Philosophen, den man gerade liest. Nun kommt dabei, wie wir gesehen haben, nicht unbedingt ein endgültiges Ergebnis heraus, sondern es entstehen eine Fülle von Fragen, die erstarrten Denkweisen wieder Beweglichkeit verleihen. Wird diese Öffnung gegenüber alternativen Sichtweisen ernst genommen, kann sich eine Veränderung in der inneren Einstellung zu sich selbst und zur Umwelt ergeben, die einen in Opposition zu landläufigen Vorstellungen bringt. In Opposition indes befindet man sich nur, solange man es versäumt, andere damit anzustecken, eingefrorene Denkarten ebenfalls aufzubrechen. Hierbei zeigt sich ein emanzipatives Moment der Philosophie, das jedoch auf keine „Top-down-Emanzipation“ abzielt, sondern auf eine „Bottom-up-Emanzipation“. Erstere erinnert an Platons Höhlengleichnis, wonach der Philosoph bei der Ideenschau ewige Wahrheiten erkennt, die ihn zum wissenden Philosophenkönig qualifizieren, dem die unwissende Masse untertan zu sein hat. Die „Bottom-up-Emanzipation“ indessen findet sich bei Hannah Arendt, die nicht von ungefähr Platon gegenüber sehr kritisch eingestellt ist. Als Herzstück ihrer politischen Theorie entwirft sie in dem Buch Vita activa oder vom tätigen Leben den Begriff des „Handelns“. „Handeln“ beinhaltet laut Arendt zwar ein „Führen“ und ein „Folgen“; sie grenzt es jedoch dezidiert von „Herrschen“ und „Beherrscht werden“ ab. Während sie mit diesen beiden Begriffen unter anderem das Verhältnis von Platons Philosophenkönig zu seinen Untergebenen charakterisiert, beschreibt sie mit ersteren Begriffen etwas ganz anderes: Derjenige, der führt, ist niemals dauerhaft auf die Position des Führenden festgelegt und genauso verhält es sich mit denjenigen, die folgen. Der Führende ist im Gegensatz zum Herrschenden nicht durch ein bloßes Befehlen gekennzeichnet, dem bedingungslos gehorcht werden muss, sondern durch das Vermögen, einen Anfang zu machen. Und jedem Menschen wohnt potenziell ein solches Vermögen inne, sodass jeder Mensch grundsätzlich dazu in der Lage ist, eine Handlung im arendtschen Sinne zu beginnen. Wurde der Stein einmal ins Rollen gebracht, kommen die anderen Menschen dem Führenden zu Hilfe. Sie gehorchen ihm nicht blind, sondern folgen ihm, indem sie als Gleichberechtigte kreativ und denkend an der Handlung partizipieren, und vollenden diese als gemeinsames Projekt. Das Resultat der Handlung ist dabei nicht vorhersehbar, gerade weil es auf dem kreativen Zusammenwirken von vielen beruht.

 

Denken gegen die Gedankenlosigkeit

Nun wurde zwar eine Art und Weise charakterisiert, wie emanzipatorisches Handeln vonstatten gehen könnte, das den Einzelnen nicht entmündigte. Die Frage, ob man sich denn überhaupt noch von irgendeinem Zustand emanzipieren müsse, blieb bislang indes unbeantwortet. Kaum ein Mensch der „aufgeklärten Welt“ wird heute noch Zweifel daran hegen, dass es richtig war, sowohl die Sklavenhaltergesellschaft als auch die Feudalgesellschaft zu überwinden. Die bürgerliche Gesellschaft lädt hingegen viele dazu ein, es sich in ihr bequem zu machen.

Dabei unterliegt man einer doppelten Naivität: Zum einen klaffen in unserer Gesellschaft das, was sie zu sein beansprucht, und das, was sie ist, auseinander. Die raue Wirklichkeit straft das Ideal einer humanen und gerechten Gesellschaft oftmals Lügen. Wie der Kultursoziologe Pierre Bourdieu aufgezeigt hat, wird zum Beispiel Chancengleichheit dann zur Farce, wenn ich aus einem sozialen Milieu stamme, wo mir Werte, Normen und Verhaltensweisen vermittelt worden sind, die in den Bildungsinstitutionen und am Markt überhaupt nicht gefragt sind. Beherrsche ich beispielsweise den schwäbischen Dialekt besser als jeder andere Schwabe, so wird mir vorgehalten, ich beherrschte kein Hochdeutsch, anstatt dass ich für mein grandioses Schwäbisch gesellschaftlich anerkannt würde. Um mir das Hochdeutsch anzueignen, muss ich nicht nur viel Zeit aufwenden, ich erfahre auch einen Teil meiner sprachlichen und kulturellen Identität als defizitär, wiewohl ich für den Ort meiner Herkunft rein gar nichts kann. Ich bin mithin das Opfer meines eigenen Habitus, während ein Hannoveraner sich diesbezüglich seines Habitus erfreuen darf.

Oder man denke an die fortschreitende Globalisierung, die zu einer wirtschaftlichen Verflechtung der gesamten Welt führt. Wenngleich die Arbeitsbedingungen in Deutschland noch einigermaßen gut sein mögen, kann ich im Grunde davon ausgehen, dass die meisten erschwinglichen Produkte, die ich mir im Laden kaufe, nicht unter derart guten Bedingungen hergestellt wurden. Hinzu kommt: Je ärmer ich bin, desto eher bin ich dazu gezwungen, zum billigsten Produkt zu greifen. Zu meiner finanziellen Not gesellt sich also der Sachzwang, moralisch bedenkliche Einkäufe zu tätigen, während sich besser Begüterte schlichtweg von ihrer moralischen Schuld „freikaufen“ können. Wer hierbei wirklich unmoralisch handelt und inwieweit unsere Gesellschaft als Ganzes in ein internationales System der Ungerechtigkeit verstrickt ist, müsste eigens geklärt werden. Es geht mir an dieser Stelle vor allem um die psychische Belastung, die sich aus dem Spannungsverhältnis zwischen geltenden Moralvorstellungen und beeinträchtigter Entscheidungsfreiheit beim Einkaufen ergibt und die zur Tatsache der ohnehin belastenden Armut hinzutritt.

Zum anderen ist die bürgerliche Gesellschaft offensichtlich nicht gegen Krisen gefeit. Nicht mehr nur im eher freigeistigen Feuilleton, sondern auch im Wirtschaftsressort namhafter Zeitungen wird über das Ende des Heil versprechenden Wachstums gesprochen. In Europa hat sich die Krise dauerhaft eingerichtet und auch in den Schwellenländern kriselt es. Eine globale Rezession kann jederzeit einsetzen – mit unabsehbaren Folgen.

Wenn ich in einer Wohlstandsgesellschaft unreflektiert vor mich hin lebe, als ob ich davon ausgehen könnte, dass es auf ewig so angenehm sein werde, ignoriere ich schlichtweg die bisherige Geschichte des Menschen, in der zwar keine Krise endlos anhielt, aber auch kein Gedeihen für immer weilte. Gegen eine durch Wohlstand bedingte Gedankenlosigkeit ist die Philosophie allemal ein gutes Gegenmittel. Denn in ihr haben stets auch krisenhafte Erfahrungen einen Ausdruck gefunden: sei es die Krise der attischen Demokratie in der Philosophie Platons, dessen Lehrer Sokrates dem Willen des Volkes zum Opfer fiel, sei es die Krise der Religion und der Feudalgesellschaft in der Philosophie der Aufklärung oder sei es der Zweite Weltkrieg in den Gedankenwelten von Hannah Arendt, Theodor W. Adorno und Herbert Marcuse.

Wenn die Krisenhaftigkeit sich tatsächlich als Teil unserer Art zu leben und zu wirtschaften erweisen sollte, werden in Zeiten der Krise immer diejenigen im Vorteil sein, die ihre Vorstellungen vom glücklichen Leben, mithin große Teile ihrer Bedürfnisstruktur, nicht völlig an das Vorfindliche angepasst haben, sondern ihre Lebensweise immer als eine Möglichkeit von vielen erleben. Einen Möglichkeitssinn zu entwickeln und zu verfeinern, dazu ist die Philosophie imstande. Ob wir der Möglichkeiten gewahr werden und sie auch verwirklichen, das hängt wiederum von uns ab. Wer jedoch in Zeiten der Krise immer noch seinen spießbürgerlichen Träumen nachhängt, der wird womöglich um deren Realisierung willen dazu bereit sein, radikale Wege einzuschlagen – Irrwege, bei denen man sogar noch hinter die Feudalgesellschaft zurückfällt.

 

Wohin mich mein Weg führt, weiß ich immer noch nicht. Indem ich diesen Essay geschrieben habe, habe ich zwar etwas mit meinem Philosophiestudium „angefangen“; aber ob das die Antwort war, die mein quasselnder Tinnitus hören wollte, da bin ich mir nicht so sicher.

 

Lukas Wetzel studiert Philosophie und Empirische Kulturwissenschaft in Tübingen.

Richard David Precht anlässlich seiner Herausgeberschaft der agora42

Richard David Precht anlässlich seiner Herausgeberschaft der agora42

 

Mit der Ausgabe 1/2011 wurde der Bestsellerautor und Philosoph Richard David Precht Mitherausgeber der agora42. Seinen Entschluss begründete er wie folgt:

 

Richard David Precht

Richard David Precht ist Mitherausgeber der agora42. Bekannt wurde er 2007 durch sein Sachbuch Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? Seit September 2012 moderiert er die Philosophiesendung Precht im ZDF.

Ökonomie und Philosophie – in der heutigen Zeit wirken die beiden Begriffe einander so fremd wie die erdzugewandte und die erdabgewandte Seite des Mondes. Ökonomie, so scheint es, ist die Wissenschaft von etwas sehr Nützlichem und Praktischem, der Deckung des menschlichen Bedarfs. Philosophie dagegen ist, wenn überhaupt, die Wissenschaft von etwas Unnützem und Theoretischem, den Mußestunden des Lebens vorbehalten; ein Hobby für Menschen mit hinreichend Geld und Zeit.

Es scheint so. Tatsächlich jedoch ist Ökonomie eine sehr philosophische Wissenschaft. Denn was ist der menschliche Bedarf? Was gehört dazu und was nicht? Wer bestimmt die Ziele des Wirtschaftens? Liegen sie in Kurven und Tabellen verborgen, lassen sie sich kühl berechnen? Oder sind sie nicht vielmehr eine gesellschaftliche Festsetzung auf der Grundlage philosophischer Überlegungen?

Die bedeutendsten Ökonomen der Menschheitsgeschichte waren Philosophen, von Adam Smith über John Stuart Mill zu Karl Marx. Für sie war Ökonomie die praktische Umsetzung eines philosophischen Ziels: die Chance auf ein erfülltes Leben für möglichst viele Menschen. Dass sich Ökonomen kaum noch für Philosophie, Philosophen kaum mehr für Ökonomie interessieren, ist unter solchen Voraussetzungen ein gesellschaftliches Fiasko. Soll man den Wert und den Erfolg des Wirtschaftens allein am Wachsen des Bruttoinlandsprodukts bemessen? Ist Wirtschaft gut, wenn sie Wachstumsraten produziert, und schlecht, wenn sie stagniert? Und trägt materielles Wirtschaftswachstum zu allen Zeiten und ohne Einschränkung dazu bei, dass möglichst viele Menschen die Chance auf ein erfülltes Leben bekommen?

Sein Leben mit Gütern anzufüllen, so lehrt uns unser privilegiertes Leben in den reichen Ländern der westlichen Welt, ist noch nicht gleichbedeutend mit Erfüllung. Ökonomie ohne Philosophie ist leer. Philosophie dagegen, die sich um die ökonomischen Gegebenheiten nicht schert, ist blind für das tatsächliche Leben der Menschen. Viele Fragen nach einem erfüllten Leben sind heute unbeantwortet – wie auch die Theoreme der Wirtschaft oft unhinterfragt bleiben. In einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs, die Güter wie Zeit, Anerkennung, Liebe und Achtung in den Mittelpunkt eines erfüllten Lebens stellt, stellen sich zugleich Fragen nach einer neuen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ordnung. Was die Moderne leisten sollte, hat sie – zumindest in den wohlhabenden Ländern der westlichen Welt – erfüllt. Was nun ansteht, ist eine neue Moderne.

In dieser spannenden Zeit bietet die agora42 eine ganz hervorragende Plattform für Positionen und Theorien, Austausch und Streitkultur, Hintergrundwissen und Visionen. Ich freue mich deshalb sehr, die agora42 von nun an als Mitherausgeber begleiten und unterstützen zu dürfen.

 

Richard David Precht

 

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Weitere Interviews mit Richard David Precht finden Sie in den agora42-Ausgaben Europa und Vernunft.