Einfach LEBEN – Hartmut Rosa über das lebendige Leben

Lebendig zu sein bedeutet, verbunden zu sein”

Inter­view mit Hart­mut Rosa

 

 

Anlässlich der neuen agora42 EINFACH LEBEN haben wir ausgewählten Personen zum Thema ein paar Fragen gestellt. Hier die Antworten von Hartmut Rosa. Er spricht über das Lebendigsein, den Himmel voller Geigen, neue Maßstäbe und die Versöhnung mit der Welt …

 

Herr Rosa, kann man über­haupt ein­fach über Ein­fach­heit spre­chen, oder spricht man da nicht gleich über etwas ziem­lich Kompliziertes?

Ein­fach leben’ ist ja ein wun­der­bar dop­pel­deu­ti­ger Titel, und ich plä­die­re für die Beto­nung auf dem zwei­ten Wort: Ein­fach LEBEN. Was könn­te das hei­ßen? Was ich in mei­nem Buch Reso­nanz. Eine Sozio­lo­gie der Welt­be­zie­hung zu sagen ver­sucht habe ist, dass leben­dig zu sein bedeu­tet, ver­bun­den zu sein, wobei die­se Ver­bin­dung – mit der Welt, mit dem Leben, mit uns selbst – vier ent­schei­den­de Merk­ma­le aufweist:
Ers­tens, ich muss in der Lage sein, mich von den Men­schen und/oder Din­gen errei­chen, berüh­ren, bewe­gen zu lassen.
Zwei­tens, ich muss wil­lens und in der Lage sein, auf die­se Berüh­rung ant­wor­tend zu reagie­ren, und zwar so, dass ich die ande­re Sei­te – ‘das Leben’ – auch mei­ner­seits errei­chen und spü­ren kann, d.h. so, dass ich mich als selbst­wirk­sam erle­be. Leben­dig sein heißt in die­sem Sin­ne ‘einem Ruf ant­wor­ten’, oder auch: Immer wie­der auf Anru­fe zu antworten.
Drit­tens: In die­sem hören­den Ant­wor­ten ver­än­de­re ich mich auch, und die Welt, die ich dabei erfah­re, ver­än­dert sich eben­falls. Ste­ti­ge Trans­for­ma­ti­on gehört also zum Leben.
Und vier­tens: Leben­dig kann nur sein, wer akzep­tiert, dass vie­les in der Welt und im Leben unver­füg­bar ist und bleibt: Man kann Reso­nanz nicht erzwin­gen, und wenn sie ein­tritt, weiß man nie im Vor­hin­ein, was dabei her­aus­kommt. ‘Kom­pli­ziert­heit’ ent­steht im Leben vor allen Din­gen dadurch, dass wir ver­su­chen, alles ver­füg­bar zu machen und unter bere­chen­ba­re Kon­trol­le zu bringen.
Ihre Aus­gangs­ver­mu­tung trifft also mei­nes Erach­tens voll ins Schwar­ze: Wenn wir ein­fach LEBEN, erfül­len wir die­se vier Bedin­gun­gen, aber sie sind nicht so leicht zu erfül­len, es han­delt sich um eine kom­ple­xe Form des In-Bezie­hung-Seins, und dazu kommt noch, dass es unmög­lich ist, immer oder nur im Reso­nanz­mo­dus zu leben. Es gehört zu den unver­zicht­ba­ren und groß­ar­ti­gen Kul­tur­leis­tun­gen des Men­schen, dass wir eben auch in der Lage sind, die Welt und das Leben zu ver­ding­li­chen, in küh­le Distanz zur Welt zu gehen, dem Ruf eben NICHT zu ant­wor­ten. Ein­fach leben ver­langt daher oben­drein, immer die Balan­ce zu halten.

 

Kann man ein­fach leben, ohne dem Leben irgend­ei­ne Struk­tur und Ord­nung zu geben? Kann man ein­fach nur In-Situa­ti­on-Sein, das heißt, in wech­seln­den Situa­tio­nen leben und Sinn fin­den, ohne einen „Gesamt­sinn“ zu unterstellen?

Hart­mut Rosa ist seit 2005 Pro­fes­sor für All­ge­mei­ne und Theo­re­ti­sche Sozio­lo­gie an der Uni­ver­si­tät Jena sowie Direk­tor des Max-Weber-Kol­legs der Uni­ver­si­tät Erfurt. 2016 erschien sein Buch Reso­nanz: Eine Sozio­lo­gie der Welt­be­zie­hung im Suhr­kamp Verlag.

Das kommt sehr dar­auf an, was Sie mit ‘Sinn’ mei­nen. Gelin­gen­des Leben hängt mei­nes Erach­tens wirk­lich nicht davon ab, dass wir ein geschlos­se­nes Welt­bild im Sin­ne einer Theo­rie über das Uni­ver­sum und das Leben haben. Das kann man sich leicht an Bei­spie­len klar­ma­chen. Neh­men wir an, jemand sitzt in sei­nem Zim­mer und fin­det sein Leben und die Welt öde, trau­rig, sinn­los und leer. Dann geht er auf die Stra­ße und ver­liebt sich – und plötz­lich hängt ihm oder ihr ‘der Him­mel vol­ler Gei­gen’, wobei es sogar egal ist, ob er sich in einen Men­schen oder ein Lied oder ein Buch oder eine Stadt oder eine Auf­ga­be ver­liebt hat. Was sich geän­dert hat, ist nicht sei­ne Theo­rie, sein Welt­bild, er hat kein neu­es Sinn­ge­bäu­de geschaf­fen – son­dern er oder sie hat sich anru­fen las­sen und fühlt sich leben­dig genug, die­sem Ruf zu fol­gen oder zu ant­wor­ten. Aller­dings ver­hält es sich so dass wir, wenn wir auf die­se Wei­se einem Ruf ant­wor­ten (viel­leicht auch, indem wir uns um ein Kind oder einen alten Men­schen oder Flücht­lin­ge oder einen Wald küm­mern), uns auf eigen­ar­ti­ge Wei­se wie­der mit dem ‘Umgrei­fen­den’ des Lebens ins­ge­samt ver­bun­den füh­len. Zwi­schen uns und der Welt zieht es dann, sozu­sa­gen, ‘wie­der durch’, der Lebens­hauch geht durch uns hin­durch. Tat­säch­lich hal­te ich des­halb die spät­mo­der­ne Obses­si­on des ‘Ganz-im-Hier-und Jetzt-Sein-Wol­lens’ für einen Irr­tum: Wenn wir in Reso­nanz mit dem Leben sind, wei­tet sich unser Hori­zont zeit­lich und räum­lich, weil unser Welt­ver­hält­nis nicht mehr starr ist, son­dern sich gleich­sam ver­flüs­sigt. Wenn sich Struk­tur und Ord­nung aus sol­cher Ver­bun­den­heit erge­ben, ist das wun­der­bar, ich den­ke in der Tat: Ohne Struk­tur und einen Sinn für Ord­nung geht es nicht, ohne sie las­sen sich kei­ne Reso­nanz­räu­me eta­blie­ren und kei­ne Reso­nanz­ach­sen sta­bi­li­sie­ren. Aber natür­lich kön­nen umge­kehrt star­re Ord­nun­gen und unfle­xi­ble, vor­ge­ge­be­ne Struk­tu­ren Reso­nanz­mög­lich­kei­ten zer­stö­ren. Struk­tu­ren und Ord­nun­gen haben den Nach­teil, dass sie mit den Punk­ten drei und vier des gelin­gen­den Lebens (Trans­for­ma­ti­on und Unver­füg­bar­keit) schlecht ver­ein­bar sind.

 

Dem mensch­li­chen Stre­ben nach Glück sind nach Sig­mund Freud enge Gren­zen gesetzt: „(…) man möch­te sagen, die Absicht, daß der Mensch »glück­lich« sei, ist im Plan der »Schöp­fung« nicht ent­hal­ten.“ Die Kul­tur ist für Freud eine Quel­le des mensch­li­chen Unbe­ha­gens und zeit­gleich die Not­wen­dig­keit für das (Über-)Leben in der Gemein­schaft. Beschränkt das Aus­maß und die Durch­drin­gung der Kul­tur die Mög­lich­keit des Glücks? Müs­sen wir allein sein, um glück­lich zu sein?

Selbst wenn Freud recht hät­te blie­be als Fak­tum bestehen, dass Men­schen nach Glück stre­ben und wir des­halb poli­tisch und phi­lo­so­phisch und auch in unse­rem öko­no­mi­schen Tun nach den Mög­lich­kei­ten und Gren­zen gelin­gen­den Lebens fra­gen müs­sen. Von mir aus könn­te die Fra­ge dann lau­ten: Wie sind wir am wenigs­ten unglück­lich? Ich fin­de die Stra­te­gie zu behaup­ten, es käme auf Glück gar nicht an, ist nicht nur phi­lo­so­phisch unbe­frie­di­gend son­dern poli­tisch gefähr­lich – sie ist eine Recht­fer­ti­gungs­stra­te­gie dafür, ent­frem­den­de Ver­hält­nis­se auf­recht zu erhal­ten. Aller­dings stim­me ich mit Freuds Aus­sa­ge inso­fern über­ein, als die Idee, mit allem und jedem jeder­zeit in Reso­nanz sein zu wol­len nicht nur kata­stro­phal illu­so­risch ist, son­dern poli­tisch brand­ge­fähr­lich, vor allem dann, wenn man Reso­nanz auch noch mit Ein­klang oder Har­mo­nie ver­wech­selt. Ich glau­be in der Tat, dass Reso­nanz nur eine Art moment­haf­ter Ver­söh­nung mit der Welt oder dem Leben ist, oder bes­ser: Das Auf­blit­zen der Idee mög­li­cher Ver­söh­nung. Sie macht uns aller­dings zwei Din­ge deut­lich: Ers­tens, wir kön­nen nicht und nie­mals ‘ganz allein’ glück­lich sein, etwa indem wir nur in uns ruhen und uns ‘ganz frei gemacht’ haben von allem, was da drau­ßen ist. Glück, oder bes­ser: gelin­gen­des Leben bedeu­tet, bereit und fähig zu sein sich berüh­ren zu las­sen, dar­auf zu ant­wor­ten und sich dabei immer wie­der zu ver­än­dern. Dafür bedarf es die­ser ‘ande­ren Sei­te’. Sie besteht aller­dings nicht nur und nicht not­wen­dig aus ande­ren Men­schen – dazu gehö­ren auch Tie­re, Pflan­zen, Din­ge, Ster­ne, Musik etc. Und zwei­tens, Gemein­schaft gelingt da, wo sie auf reso­nan­ter Ver­bun­den­heit basiert, nicht auf star­ren Regeln, die auch ein Volk von Teu­feln zu bän­di­gen ver­möch­ten, wie Kant meint.

 

Ein­deu­ti­ge Ant­wor­ten sind immer unter­kom­plex, kla­re Hand­lun­gen den­noch not­wen­dig – wie soll man in Zukunft mit die­sem Para­dox umge­hen? Wie kön­nen wir ein­fach Handeln?

Wie­so soll­ten wir ein­fach han­deln wol­len? Wir soll­ten weder das EINFACHE Han­deln zum Maß­stab machen noch ein­fach HANDELN wol­len. Unse­re Hand­lun­gen wer­den das rich­ti­ge Maß an Kom­ple­xi­tät fin­den, wenn sie sich aus einer Hal­tung des In-Reso­nanz-Seins mit den Men­schen, mit den Din­gen und mit dem Leben oder Welt als umgrei­fen­der Ord­nung voll­zie­hen. Das heißt, wenn ihr Maß­stab nicht mehr das immer bes­se­re Kon­trol­lie­ren, Berech­nen und Beherr­schen ist, son­dern das immer bes­se­re Hören und Antworten.
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agora42 ist das phi­lo­so­phi­sche Wirt­schafts­ma­ga­zin und erscheint seit 2009 im Eigen­ver­lag in Stutt­gart. Alle drei Mona­te ver­öf­fent­li­chen wir ein neu­es The­men­heft. Dabei wid­men wir uns den gro­ßen Fra­gen der Öko­no­mie, wie etwa Frei­heit, Wachs­tum, Fort­schritt, Gerech­tig­keit, Nach­hal­tig­keit u.v.m. Anspruchs­voll, aber trotz­dem ver­ständ­lich las­sen wir Den­ker und Prak­ti­ker zu Wort kom­men, die meist nur in spe­zi­el­len Fach­krei­sen gele­sen wer­den – aber deren Erkennt­nis­se für alle Men­schen von Bedeu­tung sind.

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Freiheit: Einfach leben im Kapitalismus – Interview mit Anna Torus

Freiheit: Einfach leben im Kapitalismus

Inter­view mit Anna Torus

 

 

Anlässlich der neuen agora42 EINFACH LEBEN haben wir ausgewählten Personen zum Thema ein paar Fragen gestellt. Hier die Antworten der Philosophiestudentin und Bloggerin Anna Torus. Sie spricht über die Suche nach dem Lebenssinn, den nimmersatten Kapitalismus und den Trend zum Minimalismus, sowie: Freiheit …

 

Frau Torus, kann man ein­fach leben, ohne dem Leben irgend­ei­ne Struk­tur und Ord­nung zu geben? Kann man ein­fach nur In-Situa­ti­on-Sein, das heißt, in wech­seln­den Situa­tio­nen leben und Sinn fin­den, ohne einen „Gesamt­sinn“ zu unterstellen?

Im Moment zu leben und „ein­fach nur“ zu sein scheint mir des­halb eine so gro­ße Sehn­sucht vie­ler Men­schen in der Gegen­wart, weil sie zwar de fac­to in gewis­sen Ord­nungs­struk­tu­ren leben, die­se aber als been­gend erfah­ren. Sie füh­len sich nicht nur durch einen ermü­den­den und gleich­för­mi­gen Arbeits­all­tag bedrängt und ent­mün­digt, son­dern auch durch die stän­di­gen Impe­ra­ti­ve und For­de­run­gen der Kon­sum­ge­sell­schaft. Es ist nicht so, als wür­de es an ord­nen­den Struk­tu­ren feh­len. Sie sind da und for­men unse­re Gesell­schaft, auch wenn sie sich dabei nicht gera­de in den Vor­der­grund drän­gen und so oft­mals nur ein vages Gefühl zurück­las­sen, dass „etwas falsch läuft“. Die­ses stil­le Wir­ken sowie die all­ge­mei­ne Beschleu­ni­gung und grel­le Über­zeich­nung des „Lebens“, wel­che sie erzeu­gen, schei­nen mir mög­li­che Grün­de dafür zu sein, dass sich der Wunsch nach Struk­tur und Ord­nung ver­stärkt hat. Wir wol­len aber eigent­lich nicht irgend­ei­ne Struk­tur oder Ord­nung, son­dern eine sol­che, in der wir „ein­fach leben“ kön­nen. Das schließt sich gar nicht unbe­dingt aus. Der Mensch hat die berech­ti­ge Sehn­sucht danach, in Rah­men­be­din­gun­gen zu leben, die ihm freie Ent­fal­tung ermög­li­chen. Nur inner­halb einer offe­nen Struk­tur kön­nen wir es uns erlau­ben, „nur zu sein“. In der jet­zi­gen, die uns bloß eine Schein-Frei­heit vor­spie­gelt, wür­de dies eine Gedan­ken­lo­sig­keit mit sich füh­ren, die wir uns nicht leis­ten kön­nen. Eine wirk­lich offe­ne Struk­tur wür­de es mit sich brin­gen, dass wir auch ruhi­gen Gewis­sens uns selbst und die Sinn­fra­ge ein­mal ver­ges­sen könn­ten, weil wir nicht mehr nach dem Sinn suchen, son­dern ihn im Moment erfah­ren. Das akti­ve Suchen nach Sinn (oder Frei­heit) ent­steht immer auch aus einem Man­gel her­aus. Seh­nen wir uns nach Sinn, so ist das kein Luxus­be­dürf­nis, son­dern ein berech­tig­ter Anspruch unse­rer Men­schen­na­tur, die damit anzeigt, wie sehr sie unter der all­täg­lich erfah­re­nen Sinn­lo­sig­keit leidet.

 

Ist unse­re heu­ti­ge Situa­ti­on nicht erschre­ckend ein­fach? Denn auf­grund der dra­ma­ti­schen Fehl­ent­wick­lun­gen des Kapi­ta­lis­mus – man den­ke nur an die gigan­ti­sche Spe­ku­la­ti­ons­bla­se, die in den letz­ten 40 Jah­ren auf­ge­pumpt wor­den ist – haben wir eigent­lich nur die Wahl zwi­schen einer öko­no­mi­schen Kata­stro­phe oder aber, soll­te irgend­wie das nöti­ge Wachs­tum gene­riert wer­den, einer öko­lo­gi­schen Katastrophe.

Anna Torus ist das Pseud­onym einer blog­gen­den Phi­lo­so­phie­stu­den­tin im fort­ge­schrit­te­nen Semes­ter, Jahr­gang 1991, die der­zeit in Ber­lin lebt. Wei­te­re Tex­te von ihr fin­den Sie hier: https://annatorus.wordpress.com

Ich den­ke eher, dass wir in jedem Fall mit einem Sowohl-als-auch-Sze­na­rio rech­nen müs­sen, solan­ge wir uns inso­fern für das „ein­fa­che“ Leben ent­schei­den, als wir die gegen­wär­ti­ge Gesell­schafts­struk­tur stumm beja­hen. Das vom Men­schen selbst geschaf­fe­ne Mons­ter des Kapi­ta­lis­mus ist nim­mer­satt, es frisst öko­lo­gi­sche Res­sour­cen wie mensch­li­che Arbeits- und Geis­tes­kraft und kann sich am Ende doch bloß über­fres­sen und alles wie­der hin­aus­wür­gen. Es ist gewiss „ein­fach“, dem zuzu­se­hen, doch heißt die­se Ein­fach­heit nicht Leben. Die­se Art Ein­fach­heit wäre die glei­che, für die sich der Skla­ve ent­schei­det, damit er vom Herrn nicht geschla­gen wird. Haben wir das Bedürf­nis nach „Ein­fach­heit“, so mei­nen wir damit eigent­lich Frei­heit von Leid und struk­tur­be­ding­ten Pro­ble­men. Und bei jeder Wahl hof­fen wir wie Kin­der, dass die neu­es­ten Ver­tre­ter der Ein­heits­par­tei der Alter­na­tiv­lo­sig­keit sie uns die­ses Mal viel­leicht doch besche­ren werden.

 

Ist das mini­ma­lis­ti­sche Leben eine »zu ein­fa­che« Ant­wort auf die Kom­ple­xi­tät des Lebens und die Suche nach einem tie­fe­ren Sinn?

Der Mini­ma­lis­mus-Trend scheint mir dann „zu ein­fach“ gera­ten, wenn er als blo­ße indi­vi­dua­lis­ti­sche Abs­trak­ti­on inter­pre­tiert wird. Das Indi­vi­du­um wird in den Mit­tel­punkt gestellt und dar­über oft die tie­fe­ren gesamt­ge­sell­schaft­li­chen Ursa­chen ver­ges­sen. Die extre­me Zurück­nah­me indi­vi­du­el­ler Kon­sum­tä­tig­keit allei­ne kann kein Heils­weg sein. Sie führt im Gegen­teil aktu­el­le Ten­den­zen der Selb­st­op­ti­mie­rung und des neo­li­be­ra­len Dog­mas „Du allein bist selbst ver­ant­wort­lich“ fort. Der Mini­ma­lis­mus als Trend lenkt das Augen­merk pro­ble­ma­ti­scher­wei­se auf den­je­ni­gen Teil der Gesell­schaft, der durch sein Kon­sum­ver­hal­ten bloß mit­tel­bar ver­ant­wort­lich ist. Mög­li­che Fra­gen nach den Ursa­chen des Kon­sum­ver­lan­gens oder der Bedürf­nis­er­zeu­gung gera­ten in den Hintergrund.

Begrei­fen wir Mini­ma­lis­mus dage­gen als Geis­tes­hal­tung, als eine Art Übung oder Aske­se des Bewusst­seins, so bin ich sehr dafür. Die Kom­ple­xi­tät des Lebens wird begreif­li­cher, wenn wir unse­ren Blick so schu­len, dass er immer nach dem Wesent­li­chen sieht. Wir ler­nen, unse­rem Drang nach Klar­heit zu ver­trau­en und der Ver­su­chung nicht nach­zu­ge­ben, uns im Unwe­sent­li­chen zu ver­lie­ren. Son­dern stets die Din­ge noch kla­rer, noch ein­fa­cher ver­ste­hen zu wol­len. Damit ist kei­nes­falls eine Ver­ein­fa­chung gemeint. Ein­fach­heit ist hier nicht mit Bequem­lich­keit zu ver­wech­seln, eine sol­che bedürf­te jeden­falls kei­ner Übung. Viel­mehr wird es schwie­ri­ger, weil man sich mit dem „Nächst-Bes­ten“, dem „Ein­fa­chen“ im Sin­ne des Beque­men nicht zufrie­den­ge­ben mag, wie man an der Phi­lo­so­phie sieht, die vom Kom­pli­zier­ten zum Ein­fa­chen fort­schrei­tet. Eine sol­che mini­ma­lis­ti­sche Bewusst­seins-Übung kann wie­der­um nur vom Indi­vi­du­um aus­ge­hen, mit dem Unter­schied aller­dings, dass sie ihr Augen­merk auf das Gan­ze richtet.


Was macht das Leben wirk­lich einfacher?

Ein Wort: Frei­heit. Aller­dings nicht als „chao­ti­sche“ Frei­heit ver­stan­den, son­dern als sol­che, die inner­halb von Struk­tu­ren ent­steht, wel­che bei aller Bestän­dig­keit den leben­di­gen Wan­del immer wie­der herausfordern.

 

 

 

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Nur sehr selten im Leben müssen wir wirklich schnell handeln” – Interview mit Heiko Ernst

Nur sehr selten im Leben müssen wir wirklich schnell handeln”

Inter­view mit Hei­ko Ernst

 

 

Anlässlich der neuen agora42 EINFACH LEBEN haben wir ausgewählten Personen zum Thema ein paar Fragen gestellt. Hier die Antworten des Wissenschaftsjournalisten Heiko Ernst. Er spricht über die Schwierigkeit Dinge einfach zu erklären, die Entrümpelung des Lebens, darüber, sich Zeit zu nehmen und die Wonnen der Gewöhnlichkeit …

 

Herr Ernst, kann man über­haupt ein­fach über Ein­fach­heit spre­chen, oder spricht man da nicht gleich über etwas ziem­lich Kompliziertes?

Hei­ko Ernst ist Psy­cho­lo­ge, Wis­sen­schafts­jour­na­list und Sach­buch­au­tor. Er war von 1979 bis 2014 Chef­re­dak­teur der Monats­zeit­schrift Psy­cho­lo­gie Heu­te. Von ihm ist u.a. erschie­nen: Innen­wel­ten. War­um Tag­träu­me uns krea­ti­ver, muti­ger und gelas­se­ner machen (Klett-Cot­ta, 2011).

Kei­ne ein­fa­che Fra­ge! Viel­leicht soll­te man sich an die­se Maxi­me hal­ten: Du sollst immer ver­su­chen zu ver­ein­fa­chen, so weit es mög­lich ist – aber nicht wei­ter! Denn sonst gehörst Du zu den „schreck­li­chen Ver­ein­fa­chern“, den ter­ri­bles sim­pli­fi­ca­teurs, von denen Jacob Burck­hardt sprach.  Unter­kom­ple­xi­tät ist manch­mal schlicht eine Form der Lüge. Als Wis­sen­schafts­jour­na­list hat man mit die­sem Pro­blem stän­dig zu tun – kom­pli­zier­te und kom­ple­xe Din­ge in mög­lichst kla­rer Spra­che zu erklä­ren. Das braucht Zeit und Übung – ist also kei­nes­wegs ein­fach. Sie sehen, man ist schnell in Para­do­xa gefangen …

 

Kann man ein­fach leben, ohne dem Leben irgend­ei­ne Struk­tur und Ord­nung zu geben? Kann man ein­fach nur In-Situa­ti­on-Sein, das heißt, in wech­seln­den Situa­tio­nen leben und Sinn fin­den, ohne einen „Gesamt­sinn“ zu unterstellen?

Ein­fach leben  h e i ß t  ja gera­de­zu, Struk­tur und Ord­nung zu haben, eben um sich das Leben zu ver­ein­fa­chen. Erst Ord­nung und Klar­heit in man­chen Berei­chen schafft Raum und Zeit, um die neu­en, kom­ple­xen und manch­mal müh­sa­men Din­ge gut zu beden­ken und anzu­ge­hen. Ein­fach­heit ist ein Mit­tel, um sich den Rücken frei­zu­hal­ten. Aber „ein­fach leben“ hat auch wie­der einen Dop­pel­sinn. Es kann im Sin­ne von „sim­pli­fy your life“ gemeint sein, also den All­tag und auch sonst alles „ent­rüm­peln“. Und es kann mei­nen: Lebe ein­fach drauf los, mach Dir nicht so vie­le Sor­gen, im Sin­ne eines ande­ren berühm­ten „Rat­ge­bers“ (Sor­ge Dich nicht, lebe!). Und was die Sinn­su­che betrifft: Die Sinn­fra­ge, so hat der skep­ti­sche Phi­lo­soph Odo Mar­quard befun­den, wer­de am bes­ten „sub­si­di­är“ gelöst. Das heißt, man soll­te sich also nicht stän­dig um einen Gesamt­sinn küm­mern, son­dern Sinn in dem fin­den, was man gera­de als nächs­tes tut und vor­hat. Aus vie­len sol­cher sinn-vol­len Schrit­ten setzt sich dann schon ein „Gesamt­sinn“ zusammen.

 

Dem mensch­li­chen Stre­ben nach Glück sind nach Sig­mund Freud enge Gren­zen gesetzt: „(…) man möch­te sagen, die Absicht, daß der Mensch »glück­lich« sei, ist im Plan der »Schöp­fung« nicht ent­hal­ten.“ Die Kul­tur ist für Freud eine Quel­le des mensch­li­chen Unbe­ha­gens und zeit­gleich die Not­wen­dig­keit für das (Über-)Leben in der Gemein­schaft. Beschränkt das Aus­maß und die Durch­drin­gung der Kul­tur die Mög­lich­keit des Glücks? Müs­sen wir allein sein, um glück­lich zu sein?

Glück war für den Pes­si­mis­ten Freud vor allem ein Kon­tras­t­er­leb­nis. Oder, um es mit Lau­rel und Har­dy (aka Dick und Doof) zu para­phra­sie­ren: Glück ist, wenn der Schmerz nach­lässt. Kul­tur kann sicher „Unbe­ha­gen“ erzeu­gen, wie Freud mein­te – weil sie uns auch gän­gelt und ein­schränkt und das Aus­le­ben man­cher Impul­se ver­hin­dert. Aber sie kann uns auch Glück ver­schaf­fen – etwa in Form der Sub­li­ma­ti­on, also der Ver­ede­lung von eigent­lich nicht so guten Erfah­run­gen. Aber – um bei Freud zu blei­ben – es gibt auch den Weg in die Ein­fach­heit, den Weg der Regres­si­on, also einen (viel­leicht sogar bewuss­ten) Rück­fall in kind­li­che Mus­ter des Lust­ge­winns, in die „Won­nen der Gewöhnlichkeit“.

 

Ein­deu­ti­ge Ant­wor­ten sind immer unter­kom­plex, kla­re Hand­lun­gen den­noch not­wen­dig – wie soll man in Zukunft mit die­sem Para­dox umge­hen? Wie kön­nen wir ein­fach Handeln?

Die Psy­cho­lo­gie kennt das Pro­blem der end­lo­sen Infor­ma­ti­ons­samm­lung – etwa vor wich­ti­gen Ent­schei­dun­gen. Sie spricht von „boun­ded ratio­na­li­ty”, also von begrenzt mög­li­cher Ratio­na­li­tät – wir kön­nen nie alles erfah­ren oder wis­sen und müs­sen auf einer not­wen­dig begrenz­ten Basis ent­schei­den.  Des­halb hat die Intui­ti­on ja so viel Inter­es­se und Zulauf gefun­den – das Bauch­ge­fühl ver­spricht eine Abkür­zung sol­cher Ent­schei­dungs­pro­zes­se. Das ist manch­mal rich­tig –  und manch­mal schwer dane­ben. Aber auch Intui­ti­on greift auf Unmen­gen an gespei­cher­ter, ver­kör­per­ter Infor­ma­ti­on zurück. Das Bes­te ist, Intui­ti­on  u n d  Ratio zu bemü­hen, und sich in wich­ti­gen, kom­ple­xen Fra­gen viel Zeit zu las­sen. Nur sehr sel­ten im Leben müs­sen wir wirk­lich schnell han­deln – so schnell, dass wir nicht nach­den­ken kön­nen. Aber wenn man – nach bes­tem Wis­sen und Gewis­sen – nach­ge­dacht hat, muss man auch zu Pot­te kom­men können.
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Neue Maßstäbe setzen: Die Thales-Akademie im Gespräch mit Susanne und Kai Henkel von der Richard Henkel GmbH

VERANTWORTUNG UNTERNEHMEN

Mit­tel­stän­di­sche Unter­neh­mer wer­den zwar als „Rück­grat der deut­schen Wirt­schaft“ besun­gen, tre­ten aber sel­ten öffent­lich in Erschei­nung. Im Gespräch mit der Tha­les-Aka­de­mie erzäh­len sie von Erfol­gen und Nie­der­la­gen, Erfah­run­gen und Einsichten.

 

Neue Maßstäbe setzen – Die Thales-Akademie im Gespräch mit Susanne und Kai Henkel von der Richard Henkel GmbH

 

Ihr Unter­neh­men gilt als eines der krea­tivs­ten Post­wachs­tums­un­ter­neh­men in Deutsch­land. Wie sind Sie zur Post­wachs­tums­öko­no­mie gekommen?

SH: Wir sind zunächst über die öko­no­mi­schen Fra­gen zur Post­wachs­tums­öko­no­mie gekom­men, weil wir gemerkt haben, dass unse­re inter­nen Ein­spar­po­ten­zia­le, also die Mög­lich­kei­ten eines „inne­ren Wachs­tums“, längst nicht aus­ge­schöpft sind. Aber bald wur­de mir klar: Post­wachs­tum heißt auch Res­sour­cen­scho­nung im Sin­ne einer ethi­schen Ver­ant­wor­tung für die Gesell­schaft. Denn wenn Sie sich unse­ren welt­wei­ten Umgang mit Res­sour­cen anschau­en, läuft es einem kalt den Rücken her­un­ter. Für mich sind Fäl­le wie der von VW daher beson­ders grau­sig. Denn das ist nicht nur zivil- und straf­recht­lich bedenk­lich gegen­über den Kun­den, son­dern es scha­det der gan­zen Bevöl­ke­rung, weil die­se Autos ja über­all mit einem mas­siv über­höh­ten CO2-Aus­stoß her­um­fah­ren. Eine wei­te­re, bis­lang aller­dings weit­ge­hend igno­rier­te Gefahr im Kon­text von CO2-Emis­sio­nen ist übri­gens das Auf­tau­en der Per­ma­frost­bö­den. Hier­durch wer­den gigan­ti­sche Men­gen an CO2 frei, wodurch das Zwei-Grad-Ziel von Paris gera­de­zu uner­reich­bar wird. Frau Mer­kel war doch selbst mal Umwelt­mi­nis­te­rin. Hat sie das alles ver­ges­sen? War­um gehen wir so unver­ant­wort­lich mit die­sem Pla­ne­ten um? Ich habe zwar kei­ne eige­nen Kin­der, aber Nich­ten, Nef­fen und Paten­kin­der – und denen möch­te ich kei­ne Welt hin­ter­las­sen, die nicht mehr repa­ra­bel ist.

 

Thales Akademie

THALES-AKADEMIE FÜR WIRTSCHAFT UND PHILOSOPHIE  –  Ech­te Gesprä­che wer­den immer sel­te­ner. Manch­mal fehlt uns der Mut, immer öfter aber auch die Muße, um uns über per­sön­li­che Erfah­run­gen, Hoff­nun­gen und Zwei­fel aus­zu­tau­schen. Auch der Pri­mat von Auf­la­ge und Pro­fit sei­tens der Medi­en sowie die Selbst­ver­mark­tungs­in­ter­es­sen der Inter­view­ten sind eine Hür­de für sol­che auf­rich­ti­gen Gesprä­che. In der Gesprächs­rei­he VERANTWORTUNG UNTERNEHMEN set­zen Frank Oberg­fell und Phil­ip­pe Merz von der Tha­les-Aka­de­mie die­sem Trend etwas ent­ge­gen: kein klas­si­sches Inter­view, son­dern einen offe­nen Aus­tausch auf Augen­hö­he mit jeweils einem mit­tel­stän­di­schen Unter­neh­mer oder einer unter­neh­me­risch erfah­re­nen Per­sön­lich­keit. Die Tha­les-Aka­de­mie selbst bie­tet Vor­trä­ge und Inhou­se-Semi­na­re zu den wirt­schafts- und unter­neh­mens­ethi­schen Her­aus­for­de­run­gen unse­rer Zeit sowie – gemein­sam mit der Uni­ver­si­tät Frei­burg – eine berufs­be­glei­ten­de Wei­ter­bil­dung an.

 

Was bedeu­tet für Sie der Post­wachs­tums­an­satz in betriebs­wirt­schaft­li­cher Hinsicht?

SH: Zunächst hat die Post­wachs­tums­idee bei mir dazu geführt, dass ich mir seit rund zehn Jah­ren kei­ne Gedan­ken mehr über irgend­wel­che Umsatz­zie­le mache – und vor allem nicht mehr über die Umsatz­stei­ge­rung. Wich­tig ist für mich nur, ob wir Gewinn erwirt­schaf­ten und ob ich Inves­ti­tio­nen täti­gen und fai­re Löh­ne bezah­len kann. Schon damit unter­schei­den wir uns von den meis­ten ande­ren Unter­neh­men. Für die­sen Ansatz gibt es meh­re­re Grün­de. Ein Grund ist, dass die Unter­neh­men, die stän­dig ihren Umsatz stei­gern wol­len, alle mög­li­chen Auf­trä­ge anneh­men und dadurch sehr abhän­gig von der Will­kür ein­zel­ner Auf­trag­ge­ber wer­den. Auch ich habe die­sen Feh­ler anfangs gemacht. Wir hat­ten bei­spiels­wei­se ein­mal eine zusätz­li­che Schicht für einen gro­ßen Auf­trag aus der UMTS-Bran­che ein­ge­führt. Da wir Ver­trä­ge mit kla­ren Ver­trags­stra­fen abge­schlos­sen hat­ten, dach­te ich, dass alles im grü­nen Bereich ist. Aber dann stell­te der End­kun­de plötz­lich fest: „Huch, der Erst­be­stü­ckungs­markt ist ja schon gedeckt, ab jetzt bie­ten wir nur noch Ersatz­tei­le an.“ Und inner­halb von einer Woche wur­den alle Ver­trä­ge gekün­digt. Bei uns fiel dar­auf­hin die extra ein­ge­rich­te­te Schicht weg, unse­re Mit­ar­bei­ter stan­den qua­si „auf der Stra­ße“. Doch wer in die­sem Moment die Ver­trags­stra­fe gel­tend macht, den beauf­tragt der End­kun­de nie wie­der. Also haben wir dafür gesorgt, dass wir nicht mehr so abhän­gig von einer Bran­che oder einem Auf­trag­ge­ber sind.

Oder den­ken Sie an die Abhän­gig­kei­ten von gesamt­wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lun­gen. Nach dem 11. Sep­tem­ber 2001 wur­den vie­le unse­rer Dienst­leis­tun­gen nicht mehr benö­tigt, weil die Flug­gast­zah­len zum Bei­spiel von Swiss Air in den Kel­ler gerauscht sind. Gro­ße Kon­zer­ne wie Audi, die in Teil­be­rei­chen mit Zeit­ar­beits­fir­men arbei­ten, ent­las­sen in sol­chen Pha­sen vie­le Mit­ar­bei­ter mit „Son­der­ver­trä­gen“. Wir hin­ge­gen müss­ten in einem sol­chen Moment eine gan­ze Schicht strei­chen. Und das kann ich mei­nen Mit­ar­bei­tern gegen­über nicht ver­ant­wor­ten. Ich will doch jedem in die Augen schau­en können.

Und schließ­lich: Rech­nen Sie mal aus, was Sie mit einer drit­ten Schicht ver­die­nen. Nichts! Die ein­zi­ge Schicht, mit der sie etwas ver­die­nen, ist die ers­te Schicht. Sagt der Gesamt­um­satz also etwas über die Ertrags­la­ge aus? Ich glau­be nicht. Viel sinn­vol­ler ist es, die Pro­zes­se inner­halb des Unter­neh­mens zu opti­mie­ren. So erhöht man am schnells­ten den Ertrag. Das „Wachs­tum“, bei dem oben 20 Mil­lio­nen ste­hen und unten nichts raus kommt, brau­che ich nicht.

 

Wür­den Sie sagen, dass die öko­no­mi­schen und die ethi­schen Grün­de, die für einen Post­wachs­tums­kurs spre­chen, für Sie letzt­lich gleich­ran­gig sind?

SH: Abso­lut. Wir kön­nen damit die Ver­ant­wor­tung wahr­neh­men, die wir nach mei­ner Über­zeu­gung für die Gesell­schaft tra­gen. Und zugleich gilt: Der wah­re Ertrags­brin­ger ist das Bün­del der Maß­nah­men, die ergrif­fen wer­den, um CO2 zu redu­zie­ren und Mate­ria­li­en zu scho­nen – und nicht die Umsatzsteigerung.

KH: Das stimmt voll­kom­men. In den letz­ten zehn Jah­ren haben wir bei­spiels­wei­se 60 Pro­zent der Strom- und Pro­zess­wär­me ein­spa­ren kön­nen. Da wird schnell klar, dass wir ver­gleich­ba­re Gewin­ne durch Men­gen- oder Umsatz­stei­ge­run­gen nie­mals erzielt hätten.

 

Die­se Syn­er­gie­ef­fek­te und die damit ver­bun­de­nen wirt­schaft­li­chen Erfol­ge sind für vie­le Men­schen sicher über­ra­schend. Gibt es dane­ben denn auch The­men, die Sie im Unter­neh­men der­zeit bedrü­cken und belasten?

KH: Ganz ein­deu­tig die Schwie­rig­kei­ten mit man­chen Mit­ar­bei­tern. Wir haben mitt­ler­wei­le gro­ße Pro­ble­me, Men­schen zu fin­den, die eine gute Arbeits­ein­stel­lung mit­brin­gen. Um ein Bei­spiel zu nen­nen: Jeder Zeit­ar­bei­ter hat bei uns mit­tel­fris­tig die Chan­ce, über­nom­men zu wer­den. Meh­re­re Pro­duk­ti­ons­hel­fer waren bei­spiels­wei­se in letz­ter Zeit ein drei­vier­tel Jahr oder ein Jahr bei uns als Zeit­ar­bei­ter beschäf­tigt, haben einen guten Job gemacht und dar­auf­hin wie ver­spro­chen einen fes­ten Ver­trag erhal­ten. Dann haben sie ein hal­bes Jahr wei­ter gear­bei­tet, bis sie wuss­ten, wie „das Sys­tem“ funk­tio­niert – und plötz­lich waren sie stän­dig krank. Und wenn der eine Arzt sie nicht mehr krank­schrei­ben woll­te, sind sie zu einem ande­ren gegan­gen und haben sich dort ihr Attest geholt. Das ist doch Wahn­sinn. Und es ist auch in sol­chen Fäl­len unver­ant­wort­lich von den Ärz­ten, das sage ich ganz aus­drück­lich. Die Mehr­last tra­gen die flei­ßi­gen Kol­le­gen! Mehr als unkollegial!

SH: Es gibt außer­dem Mit­ar­bei­ter, die ihre – teils gro­ßen – pri­va­ten Pro­ble­me mit zur Arbeit brin­gen. Wir ver­su­chen dann, uns für sie ein­zu­set­zen, bei­spiels­wei­se auch, indem wir mit Gläu­bi­gern oder Anwäl­ten spre­chen. Und mehr­fach haben wir schon erlebt, dass genau die­se Mit­ar­bei­ter uns die Kün­di­gung auf den Tisch legen, sobald es wie­der bes­ser läuft – und zwei Tage spä­ter mel­den sie sich für den Rest der Zeit krank. Da geht es mir nicht ums Geld, son­dern das sind für mich vor allem mensch­li­che Enttäuschungen.

Das Glei­che gilt für einen bestimm­ten Kun­den, für den wir 20 Jah­re lang gear­bei­tet haben. Wäh­rend die­ser Zeit gab es Fäl­le, wo Mit­ar­bei­ter die­ses Kun­den bei uns ange­ru­fen haben, weil sie tech­ni­sche Pro­ble­me mit ihren eige­nen Lackier­an­la­gen hat­ten. Natür­lich haben wir ihnen da mit unse­rem Know-how gehol­fen. Anfang die­ses Jah­res habe ich mir dann erlaubt, bei eini­gen Pro­duk­ten die Prei­se zu erhö­hen. Das haben wir seit 2005 nicht mehr getan und folg­lich mit die­sen Pro­duk­ten so gut wie nichts mehr ver­dient. Das habe ich auch kom­plett offen­ge­legt und dem Ein­kaufs­chef erklärt. Was glau­ben Sie, ist pas­siert? Der Auf­trag wur­de abge­zo­gen. Es ist nicht mal zu einem Gespräch gekom­men. Das hat man nach 20 Jah­ren guter, offe­ner Zusam­men­ar­beit nicht für nötig gehal­ten. 300.000 Euro Umsatz weg – direkt zum Wett­be­wer­ber eini­ge Kilo­me­ter wei­ter. Wahr­schein­lich war der fünf Cent bil­li­ger. Es ist hart zu sehen, dass es in sol­chen Fäl­len nur noch um das bil­ligs­te Ange­bot geht. Auch hier war es nicht so sehr der Auf­trags­ver­lust, der uns zu schaf­fen mach­te, son­dern die mensch­li­che Enttäuschung.

 

 

Wie wür­den sie denn die Unter­neh­mens­kul­tur beschrei­ben, die Sie selbst zu leben versuchen?

SH: Gegen­sei­ti­ger Respekt ist für mich das obers­te Gebot. Bei uns im Unter­neh­men arbei­ten Men­schen aus der gan­zen Welt mit teils sehr unter­schied­li­chen kul­tu­rel­len Hin­ter­grün­den. Da benö­ti­gen alle viel Sen­si­bi­li­tät, damit es nicht kracht. Das geht bis zu der Fra­ge, wie auf­rei­zend sich eine Mit­ar­bei­te­rin an einem hei­ßen Som­mer­tag anzieht. Es ist also ein Geben und Neh­men, das bei uns ganz gut funk­tio­niert, für das wir aber auch vie­le Fort­bil­dun­gen anbieten.

Außer­dem bedeu­tet Unter­neh­mens­kul­tur für mich, genau hin­zu­schau­en. Es ist wich­tig, dass man es bei­spiels­wei­se bemerkt, wenn ein Mit­ar­bei­ter durch sein Pri­vat­le­ben belas­tet wird. Für sol­che und ande­re Schwie­rig­kei­ten müs­sen wir sen­si­bel blei­ben, denn jeder Mit­ar­bei­ter ver­bringt die meis­te Zeit des Tages im Betrieb. Wir dür­fen die Men­schen nicht nur als Arbeits­tie­re sehen, son­dern müs­sen sie als gan­ze Per­so­nen wahrnehmen.

 

Richard Henkel GmbH

RICHARD HENKEL GMBH – „Jedes Unter­neh­men muss wach­sen, um erfolg­reich zu sein.“ So haben wir es gelernt, so wird es uns täglich vor­ge­lebt. Aber stimmt das wirk­lich? Seit eini­gen Jah­ren lösen sich ver­schie­de­ne Unter­neh­men eben­so bewusst wie erfolg­reich von der Fixie­rung auf Umsatz­wachs­tums­zie­le und scho­nen so die natürlichen Res­sour­cen. Zu die­sen Unter­neh­men zählt die Richard Hen­kel GmbH aus Forch­ten­berg im schwäbischen Hohen­lo­he­kreis. Sie hat sich in drit­ter Gene­ra­ti­on auf die Fer­ti­gung hoch­wer­ti­ger Stahlrohrmöbel spe­zia­li­siert. Nach­hal­tig­keit steht dabei an ers­ter Stel­le: Ver­schlis­se­ne Tei­le können vollständig auf­ge­ar­bei­tet wer­den – vor Ort, von Hand und mit wie­der­ver­wert­ba­ren Mate­ria­li­en. Dane­ben hat sich das Fami­li­en­un­ter­neh­men einen Namen als unkon­ven­tio­nel­ler Pul­ver­be­schicht­er für mittelständische und gro­ße Unter­neh­men gemacht. Es ver­wen­det etwa eine Fil­ter­an­la­ge aus der Milch­in­dus­trie, um Rückstände des Beschich­tungs­vor­gangs opti­mal zu rei­ni­gen. Eine betriebs­ei­ge­ne Zis­ter­ne ver­sorgt das Unter­neh­men mit Was­ser, während der Ein­brenn­ofen mit Mate­ri­al aus der Reak­tor­for­schung gedämmt wird und so außergewöhnlich ener­gie­ef­fi­zi­ent ist. Auf das respekt- und ver­trau­ens­vol­le Verhältnis zu den Mit­ar­bei­tern legen die Geschwis­ter und Geschäftsführer Susan­ne und Kai Hen­kel beson­de­ren Wert. Die Richard Hen­kel GmbH ist Mit­in­itia­tor der WIN!-Charta des Lan­des Baden-Württemberg und wur­de bereits mehr­fach im Rah­men des Umwelt­prei­ses von Baden-Württemberg ausgezeichnet.

 

Gelingt es denn, mit die­ser geleb­ten Empa­thie eine höhe­re Ver­läss­lich­keit und Ver­bind­lich­keit zwi­schen Ihnen und den Mit­ar­bei­tern zu eta­blie­ren, um so auch zwi­schen­mensch­li­chen Ent­täu­schun­gen vorzubeugen?

KH: Ich hal­te das auch für ein Gene­ra­tio­nen­the­ma. Bei Kol­le­gen, die 20 oder 30 Jah­re bei uns sind, stellt sich die­se Fra­ge gar nicht. Es sind eher die Jün­ge­ren zwi­schen 25 und 30, die Schwie­rig­kei­ten haben, sich ein­zu­fin­den und kon­ti­nu­ier­lich ihre Leis­tung zu bringen.

SH: Wir haben Mit­ar­bei­ter, die schon lan­ge bei uns sind und die eine so hohe Loya­li­tät auf­ge­baut haben, dass sie wohl alles für uns tun wür­den. Bei ande­ren Mit­ar­bei­tern fra­ge ich mich dage­gen, ob sie sich auch bei den gro­ßen Fir­men in der Nähe wie Würth oder Audi trau­en wür­den, ein solch schlech­tes Ver­hal­ten an den Tag zu legen.

Aber man muss eben beden­ken: Der Hohen­lo­he­kreis ist eine Welt­markt­füh­rer­re­gi­on mit einer Arbeits­lo­sen­quo­te von unter 3 Pro­zent. Hier fin­det jeder schnell eine neue Anstel­lung, auch ein Unge­lern­ter. Zugleich lie­gen wir hier abseits der gro­ßen Städ­te, sodass es schwie­rig ist, hoch­qua­li­fi­zier­te Mit­ar­bei­ter zu fin­den – und Woh­nun­gen, die ihnen gefal­len. Wir suchen der­zeit hän­de­rin­gend einen Umwelt­be­auf­trag­ten und einen Pro­duk­ti­ons­lei­ter, die für ihre Auf­ga­be bren­nen. Aber wir fin­den nie­man­den. So wer­den wir oft selbst vom Tages­ge­schäft auf­ge­fres­sen, anstatt uns tech­ni­schen Inno­va­tio­nen wid­men zu können.

 

Haben Sie neben den Unter­neh­men, von denen Sie sich bewusst abgren­zen, auch unter­neh­me­ri­sche Vorbilder?

SH: Ja klar, bei­spiels­wei­se die Braue­rei Neu­mark­ter Lamms­bräu oder Wele­da. Die hat­ten bis­lang in Sachen Res­sour­cen­ein­spa­rung und Mit­ar­bei­ter­füh­rung die glei­chen Ansät­ze wie wir. Aber auch vie­le klei­ne­re Unter­neh­men, die mit uns in ver­schie­de­nen Arbeits­krei­sen oder auch ein­mal in gemein­sa­men Pro­jek­ten wie zum Bei­spiel der Deut­schen Bun­des­stif­tung Umwelt zusammenarbeiten.

 

Was bedeu­tet für Sie unter­neh­me­ri­scher Erfolg, wenn Sie die­sen nicht mehr an kon­ven­tio­nel­len Kenn­zah­len wie dem Umsatz­wachs­tum festmachen?

KH: Für beson­ders wich­tig hal­te ich die lang­fris­ti­ge Sta­bi­li­tät des Unternehmens …

SH: … und außer­dem fai­re Löh­ne und kei­ne Steu­er­schul­den. Also wie­der die Fra­ge: Was kommt tat­säch­lich unten heraus?

 

Für die­sen Ansatz müs­sen Sie mit einer hohen Eigen­ka­pi­tal­quo­te arbei­ten, um sich den Zins­er­war­tun­gen von Ban­ken oder den Ren­di­te­er­war­tun­gen von Inves­to­ren zu ent­zie­hen, da ansons­ten wie­der Wachs­tums­druck ent­stün­de, oder?

KH: Wir sind eines der am bes­ten bewer­te­ten Unter­neh­men in Deutsch­land, und ja, das hat sicher auch mit einer hohen Eigen­ka­pi­tal­quo­te zu tun. Aber wir neh­men auch schon mal einen Kre­dit auf, wenn es sich nicht ver­mei­den lässt.

SH: Wir sind aller­dings ganz kon­ven­tio­nel­le Spar­kas­sen­kun­den. Schon mein Groß­va­ter hat gesagt: „Du kaufst, was du zah­len kannst.“ Und wenn wir bei einer Inves­ti­ti­on aus­nahms­wei­se finan­zi­el­le Unter­stüt­zung brauch­ten, hat­ten wir mit der Spar­kas­se immer einen fai­ren Part­ner, der gut mit uns umge­gan­gen ist. Vie­le Unter­neh­mer beschwe­ren sich stän­dig über ihre Ban­ken, weil sie sich mit deren Geschäfts­ver­hal­ten nicht mehr iden­ti­fi­zie­ren kön­nen. Da kann ich nur sagen: Dann muss man eben den Mut haben, der Deut­schen Bank den Rücken zu keh­ren und viel­leicht zur GLS Bank zu gehen.

Zum Unter­neh­mens­er­folg kön­nen aber auch ande­re Fak­to­ren bei­tra­gen, die oft ver­ges­sen wer­den. Gute Unter­neh­mer­netz­wer­ke wie unser „Modell Hohen­lo­he“ hel­fen bei­spiels­wei­se bei vie­lem wei­ter. Man muss das Rad nicht immer neu erfin­den, son­dern kann auch von den Erfah­run­gen ande­rer pro­fi­tie­ren. Dane­ben gibt es gera­de im Bereich Effi­zi­enz und Mate­ri­al vie­le Zuschuss­mög­lich­kei­ten durch Bund und Land, die jedes Jahr nicht abge­ru­fen wer­den – wor­auf Minis­ter Unter­stel­ler auch immer wie­der hin­weist, beson­ders die KMU!

KH: Aber vie­le klei­ne Mit­tel­ständ­ler haben kei­ne Zeit, sich dar­um zu küm­mern. Und wenn Sie mal Ihre IHK danach fra­gen, kom­men in der Regel nur 08/15-Vor­schlä­ge, die ich nach fünf Minu­ten Inter­net­re­cher­che auch selbst her­aus­fin­de oder die wir in Arbeits­krei­sen unse­res Modells Hohen­lo­he längst gemacht haben. Für die För­der­topf-Bera­ter sind wir wie­der­um unin­ter­es­sant, weil wir zu klein sind. Ent­we­der hän­gen Sie sich also beim The­ma För­der­mög­lich­kei­ten selbst rein oder Sie las­sen es bes­ser ganz bleiben.

 

Gibt es Momen­te in den letz­ten Jah­ren, in denen Sie dach­ten: „Genau hier­für mache ich das alles“?

SH: Aber ja! Etwa wenn wir nach lan­ger Suche end­lich ein unschlag­ba­res Dämm­ma­te­ri­al für unse­ren Ein­brenn­ofen (Lackier­be­reich) fin­den und dadurch ganz neue Ein­spar­mög­lich­kei­ten ent­ste­hen. Also wenn wir eine bes­se­re Lösung fin­den, weil wir gegen den Strom schwim­men – weil wir uns nicht danach rich­ten, was der „Markt“ angeb­lich for­dert oder will. Das sind die Momen­te, für die ich mor­gens aufstehe.

Wenn mir dann wie­der ein Unter­neh­mer erzählt, er macht 50 Mil­lio­nen Umsatz, und am Ende kom­men 3 Pro­zent Ertrag raus, dann sage ich ihm, dass wir durch eine ein­zi­ge Effi­zi­enz­maß­nah­me 16 Pro­zent Ertrag errei­chen. Ich möch­te ein­fach, dass wir erken­nen, wie vie­le Mög­lich­kei­ten wir auch ohne stän­di­gen Preis­kampf und ohne die­se Fixie­rung auf das Umsatz­wachs­tum haben. Wir kön­nen nicht mehr immer wei­ter wach­sen, die Welt ist voll, und die Res­sour­cen wer­den immer knap­per. Gera­de wenn man bedenkt, dass die Men­schen in Asi­en und Afri­ka eben­so pro­du­zie­ren, ver­kau­fen und kon­su­mie­ren möch­ten wie wir. Wir müs­sen jetzt schau­en, dass wir anders wachsen.

Repa­rie­ren statt Weg­wer­fen: In der Richard Hen­kel GmbH wer­den ver­schlis­se­ne Stahl­rohr­mö­bel sorg­fäl­tig aufgearbeitet.

Das sehen vie­le Unter­neh­mens­ver­ant­wort­li­che bekannt­lich anders – auch in klei­ne­ren und mit­tel­gro­ßen Unter­neh­men. Vie­le glau­ben nach wie vor an gren­zen­lo­ses Wachs­tum und die Expan­si­on in neue Märkte.

SH: Aber was soll das denn? Und wann sind die­se Unter­neh­mer denn das letz­te Mal durch die Pro­duk­ti­ons­hal­len gelau­fen? Die­ses Gere­de spielt sich doch nur in den Vor­stands­bü­ros ab. Ich kann nur sagen, dass ich kein Umsatz­wachs­tum auf Kos­ten der Mit­ar­bei­ter und der Natur brauche.

 

Gab es auch Momen­te, in denen Sie das Gefühl hat­ten, dass es nicht mehr weitergeht?

SH: Ja, in der Finanz­kri­se, als die Kun­den­struk­tur in allen Bran­chen plötz­lich weg­brach. Da wir unse­re Mit­ar­bei­ter in einer sol­chen Pha­se nicht ein­fach vor die Tür set­zen wol­len, haben wir seit­dem varia­ble Arbeits­ver­trä­ge, bei denen wir die wöchent­li­che Arbeits­zeit zwi­schen 37 und 40 Wochen­stun­den vari­ie­ren kön­nen, um fle­xi­bel auf Kon­junk­tur­schwan­kun­gen zu reagieren.

 

Ist es in sol­chen Pha­sen eine zusätz­li­che Last, ein Fami­li­en­un­ter­neh­men in der drit­ten Gene­ra­ti­on zu füh­ren, weil man nicht die­je­ni­ge oder der­je­ni­ge sein möch­te, der die­ser Tra­di­ti­on ein Ende setzt?

KH: Im Tages­ge­schäft spielt das kei­ne Rolle.

SH: Auch für mich geht es im All­tag vor allem dar­um, das Unter­neh­men über die Run­den zu brin­gen. Nur manch­mal ren­ne ich am Bild mei­nes Groß­va­ters vor­bei und den­ke: „Mensch, Opa, was hast du mir da ein­ge­brockt?“ Dann fin­det ein inne­rer Dia­log statt, bei dem ich mich fra­ge, war­um ich nicht etwas ganz ande­res gemacht oder ein­fach reich gehei­ra­tet habe (lacht). Aber da geht’s letzt­lich nur ums spon­ta­ne Dampfablassen.

 

Wir leben in einer unüber­sicht­li­chen und oft auch wider­sprüch­li­chen Zeit. So gibt es auf der einen Sei­te immer mehr ver­ant­wor­tungs­vol­le Kon­su­men­ten, auf der ande­ren Sei­te aber nach wie vor exzes­si­ve Kon­sum­ge­wohn­hei­ten. Ähn­lich wider­sprüch­lich sind vie­le Unter­neh­mens­stra­te­gi­en, die von seriö­sen ethi­schen Ansät­zen über diver­se Green­wa­shing-Stra­te­gi­en bis hin zu rück­sichts­lo­sem und aus­beu­te­ri­schem Vor­ge­hen rei­chen. Wie schät­zen Sie die­se Gemenge­la­ge ein?

SH: Mir gibt das eben­falls sehr zu den­ken. Letzt­lich zäh­le ich vor allem auf eine ver­stärk­te Auf­klä­rungs- und Bil­dungs­ar­beit. Den­ken Sie bei­spiels­wei­se dar­an, wie gro­ße Fir­men häu­fig pro­du­zie­ren: Man lässt in Chi­na Pro­duk­te von Wan­der­ar­bei­tern fer­ti­gen. Da kommt es schon mal vor, dass von einem auf den ande­ren Tag plötz­lich ein Drit­tel der Beschäf­tig­ten fehlt, weil die­se wei­ter­ge­zo­gen sind. Dar­auf­hin ver­legt man die Pro­duk­ti­on ein­fach nach Viet­nam oder Afri­ka: noch dre­cki­ger, noch men­schen­un­wür­di­ger. Unter sol­chen Umstän­den gefer­tig­te Tei­le sind in vie­len Fahr­zeu­gen ver­baut oder wir klei­den uns damit. Das soll­ten die Men­schen wis­sen, das muss häu­fi­ger und deut­li­cher gezeigt werden!

 

Aus diver­sen Stu­di­en geht her­vor, dass Infor­ma­ti­ons­trans­pa­renz vie­le Men­schen tat­säch­lich zu Ver­hal­tens­än­de­run­gen moti­viert.

SH: Aber was macht unser Schul­sys­tem? Nichts – oder in jedem Fall zu wenig! Neh­men Sie den Gemein­schafts­kun­de­un­ter­richt: Der darf sich doch heu­te nicht mehr auf Deutsch­land beschrän­ken, son­dern muss jun­ge Men­schen über glo­ba­le Lie­fer­ket­ten und Arbeits­be­din­gun­gen informieren.

 

Uns wür­de abschlie­ßend noch inter­es­sie­ren, in wel­cher Form die „Indus­trie 4.0“ bei Ihnen Ein­zug hält. Trei­ben Sie die Digi­ta­li­sie­rung und Auto­ma­ti­sie­rung bewusst vor­an oder beschäf­ti­gen Sie sich bis­lang eher per­spek­ti­visch damit?

SH: Zunächst bin ich davon über­zeugt, dass wir Unter­neh­men brau­chen, die mit Men­schen arbei­ten – auch in Zukunft. Aber natür­lich haben wir uns ange­schaut, wo Robo­ter unse­re Arbeit mög­li­cher­wei­se ergän­zen kön­nen. Und für uns lau­tet das Ergeb­nis: nir­gend­wo. Neh­men wir etwa das Auf­ar­bei­ten unse­rer Lie­ge­stüh­le, also das Auf­wi­ckeln einer neu­en Lie­ge­flä­che, wenn die alte ver­schlis­sen ist. Oder auch das Nähen bestimm­ter Dop­pel­näh­te. Dafür hät­ten wir jeweils zwei Robo­ter gebraucht. Rech­nen Sie das mal durch: Das lohnt sich nicht. Glei­ches gilt für die Pul­ver­be­schich­tungs­an­la­ge. Wir machen es daher heu­te so: Es wird ein Band vor­be­rei­tet, und die Mit­ar­bei­ter ste­hen im Durch­lauf und hän­gen die Tei­le auf. Beim Auf­hän­gen sehen sie das Roh­teil und das Fer­tig­teil und über­prü­fen jeweils bei­de. Das mensch­li­che Auge stellt bei uns also zugleich die Qua­li­tät sicher – das ist wesent­lich güns­ti­ger als alle tech­ni­schen Lösun­gen. Zugleich ach­ten wir dar­auf, dass alle Mit­ar­bei­ter nach spä­tes­tens einer Stun­de die Arbeit wech­seln, damit es nicht zu mono­ton wird und sie nicht zu ein­sei­tig bean­sprucht werden.

 

Wenn Sie eines Tages auf­hö­ren und das Unter­neh­men Ihrem Nach­fol­ger bezie­hungs­wei­se Ihrem Bru­der über­ge­ben, wel­ches wäre Ihr wich­tigs­ter Ratschlag?

SH: Mach jede Erfah­rung selbst! Lau­fe nicht dem hin­ter­her, was in der Zei­tung oder im Lehr­buch steht. Was ande­re irgend­wo auf­schrei­ben, ist deren Erfah­rung. Die­se kann man für sich zwar als Richt­li­nie neh­men, aber sie ersetzt nicht das eige­ne Erle­ben und das eigen­stän­di­ge Den­ken und Handeln.

SAMSUNG CSC

Frank Oberg­fell und Phil­ip­pe Merz von der Tha­les-Aka­de­mie tra­fen Susan­ne und Kai Hen­kel in den Räu­men der Richard Hen­kel GmbH in Forchtenberg.

Verantwortung im Zeitalter der Digitalisierung – Veranstaltung der Thales Akademie

FREIBURGER AUFGEPASST!

Ein­la­dung zum offe­nen wirt­schafts­ethi­schen Forum in Freiburg

Thales Akademie

Ger­ne wei­sen wir auf die beson­de­re Ver­an­stal­tung unse­res Koope­ra­ti­ons­part­ners Tha­les Aka­de­mie in Frei­burg hin: WAS HEIßT “VERANTWORTUNGIM ZEITALTER DER DIGITALISIERUNG? Alle, die im Frei­bur­ger Raum behei­ma­tet sind, soll­ten dort vor­bei­schau­en, denn:

1. ist das The­ma von höchs­ter Rele­vanz und
2. bie­tet das gewähl­te For­mat die Mög­lich­keit mit vie­len inter­es­san­ten Per­so­nen ins Gespräch zu kommen.

 

Eck­da­ten:
Mitt­woch, 9. Novem­ber 2016 um 19.30h im Cafe Art­jamming, Gün­ter­stal­stra­ße 41 in Frei­burg. Der Ein­tritt ist frei.

Thales Akademie

Die Tha­les Aka­de­mie wid­met sich den wirt­schafts­ethi­schen Fra­gen unse­rer Zeit, ins­be­son­de­re den Her­aus­for­de­run­gen der ver­ant­wor­tungs­vol­len Unter­neh­mens­füh­rung. In Semi­na­ren und Wei­ter­bil­dun­gen kön­nen Füh­rungs­kräf­te eigen­stän­di­ge Hal­tun­gen zu wirt­schafts­ethi­schen Her­aus­for­de­run­gen entwickeln.

Pro­gramm
Der Begriff „Ver­ant­wor­tung“ ist der Schlüs­sel­be­griff der moder­nen Ethik schlecht­hin. Zugleich steht er im Zen­trum unse­res per­sön­li­chen Selbst­ver­ständ­nis­ses und unse­rer gesell­schaft­li­chen Selbst­ver­stän­di­gung: Wir bean­spru­chen Ver­ant­wor­tung für uns selbst, wei­sen sie ande­ren zu, neh­men sie an oder wei­sen sie von uns. Wir sol­len für pro­ble­ma­ti­sche Ereig­nis­se in der Ver­gan­gen­heit ver­ant­wort­lich sein, aber auch für wün­schens­wer­te Ergeb­nis­se in der Zukunft, sowohl pri­vat wie beruf­lich. Das ist schon kom­plex und wider­sprüch­lich genug. Doch mitt­ler­wei­le tre­ten wir unser Den­ken und Ent­schei­den zuneh­mend an Maschi­nen und pro­gram­mier­te Algo­rith­men ab – mit weit­rei­chen­den Fol­gen für unse­re Tages­ab­läu­fe, aber auch für unser Selbst­ver­ständ­nis als auto­no­me Indi­vi­du­en und unse­re Gesell­schaft insgesamt.
Beim offe­nen wirt­schafts­ethi­schen Forum der Tha­les-Aka­de­mie für Wirt­schaft und Phi­lo­so­phie gehen wir die­sen tief­grei­fen­den Ver­än­de­run­gen gemein­sam nach: in zwei kur­zen Impuls­vor­trä­gen von Dr. Phil­ip­pe Merz (Ein­füh­rung) und Esther Röder (Schwer­punkt: KI und auto­no­mes Fah­ren) sowie in offe­nen per­sön­li­chen Gesprä­chen und Diskussionen.
Dazu gibt es lecker zu essen und zu trin­ken und vie­le sym­pa­thi­sche, auf­ge­schlos­se­ne Gesprächs­part­ner. Alle Inter­es­sen­ten sind herz­lich eingeladen!

Teil­neh­men­de
Im Forum Wirt­schafts­ethik kom­men krea­ti­ve Den­ker und Macher zusam­men: inno­va­ti­ve Füh­rungs­kräf­te von heu­te und mor­gen, Wis­sen­schaft­ler mit Weit­blick, ear­ly adap­ters aus dem Unter­neh­mer­kreis sowie auf­ge­schlos­se­ne Bür­ge­rin­nen und Bür­ger mit Freu­de am per­sön­li­chen Aus­tausch zu den grund­le­gen­den wirt­schafts­ethi­schen Fra­gen unse­rer Zeit.

Der Philosoph – Paradebeispiel für einen Nichtsnutz?

Vor einem Jahr rich­te­ten wir gemein­sam mit den Bay­reu­ther Dia­lo­gen einen Essay­wett­be­werb aus. Anläss­lich der bald wie­der statt­fin­den (29.10.16) Dia­lo­ge möch­ten wir Ihnen hier ger­ne einer der zwei Sie­ger­es­says präsentieren.

Der Philosoph – Paradebeispiel für einen Nichtsnutz?

Stu­den­ten der Alt­phi­lo­lo­gie und Kunst­ge­schich­te tei­len ein gemein­sa­mes Schick­sal mit mir: Sie lei­den unter einem Tin­ni­tus, der eigent­lich gar kei­ner ist. Mit einem ech­ten Tin­ni­tus gemein­sam hat die­ser Tin­ni­tus, dass er zum stän­di­gen Beglei­ter gewor­den ist, sich dabei als äußerst unan­ge­nehm erweist und man ihn wohl nur los wird, wenn man lernt weg­zu­hö­ren. Doch anstatt mich unauf­hör­lich piep­send um mei­ne inne­re Ruhe zu brin­gen, raubt er mir bestän­dig quas­selnd den letz­ten Nerv: „Aber was fängt man denn bit­te mit Phi­lo­so­phie nach dem Stu­di­um an?“

 

philosoph-nichtsnutz

Illus­tra­ti­on von Car­los Garcia-Sancho

Bevor ich anfing, ein Orchi­de­en­fach zu stu­die­ren, war mir nicht klar gewe­sen, wie tief unse­re Gesell­schaft, von jung bis alt, in der Mit­tel-Zweck-Kate­go­rie fest­steckt. Seit ich auf jene Fra­ge aber fast täg­lich ande­ren und bald minüt­lich mir selbst ant­wor­ten soll, sieht das anders aus. Wer es da wagt, pathe­tisch Sät­ze wie „Phi­lo­so­phie stu­diert man um ihrer selbst wil­len“ oder „Bil­dung und Stu­di­um sind doch Selbst­zwe­cke“ zu ver­kün­den, hat schlech­te Kar­ten. Aus­führ­li­che Argu­men­ta­tio­nen gibt der Small­talk in der Regel jedoch nicht her. Ein klei­ner Tipp des­halb, falls Sie gera­de ähn­li­che Erfah­run­gen machen und um Ihr See­len­heil ban­gen: Den­ken Sie sich eine (erlo­ge­ne) Stan­dard­ant­wort aus, mit der Sie schon kon­tern kön­nen, bevor dem Fra­gen­den über­haupt der gan­ze Satz über die Lip­pe gekom­men ist, und neh­men Sie Ihrem Gegen­über die Fra­ge nicht all­zu übel, es sei denn, Sie fin­den Gefal­len an suk­zes­si­ver sozia­ler Isolierung.

Da ich die nächs­te Zeit zufäl­li­ger­wei­se allei­ne bin, will ich es an die­ser Stel­le mit Argu­men­ten ver­su­chen, die im Small­talk oft nicht zur Spra­che kom­men – zuge­ge­ben, damit ver­bun­den ist die Hoff­nung, dass mein Tin­ni­tus über kurz oder lang zum Schwei­gen gebracht wird.

 

Spu­cken oder nicht spucken?

Ich könn­te zum Bei­spiel mit Aris­to­te­les behaup­ten, dass die phi­lo­so­phi­sche Betrach­tung (alt­gr.: theo­ria) nun mal der Königs­weg zur Glück­se­lig­keit sei. Sie erwie­se sich somit durch­aus als nütz­lich – für mein Glück. Die­ser Gedan­ke kommt mir jedoch ziem­lich eigen­sin­nig vor, bin ich doch kein Aris­to­krat, der sin­nie­rend nach der Eudä­mo­nie trach­tet, wäh­rend die ande­ren alle für ihren (und mei­nen) Lebens­un­ter­halt schuf­ten müssen.

Die ver­meint­li­che Ego­zen­trik trügt jedoch, wenn man bedenkt, dass eine ego­is­ti­sche Glücks­vor­stel­lung, wie sie heu­te gang und gäbe ist, im Hin­blick auf Aris­to­te­les völ­lig unan­ge­mes­sen wirkt. Als poli­ti­sches Lebe­we­sen (alt­gr.: zoon poli­ti­kon) ist der Mensch immer schon Teil der poli­ti­schen Gemein­schaft, auch wenn er „haupt­be­ruf­lich“ der Weis­heit frönt. Dass Aris­to­te­les beim glück­se­li­gen Phi­lo­so­phen an einen Ein­zel­gän­ger im Elfen­bein­turm dach­te, will ich mit­hin bezwei­feln. Viel­mehr dürf­te der idea­le Phi­lo­soph nach Aris­to­te­les neben den Ver­stan­des­tu­gen­den, zum Bei­spiel Wis­sen und Weis­heit, auch über Cha­rak­ter­tu­gen­den, zum Bei­spiel Frei­ge­big­keit, Wahr­haf­tig­keit und Sanft­mut, ver­fü­gen und im prak­ti­schen Leben der poli­ti­schen Gemein­de eine tra­gen­de Rol­le spie­len. Das Zusam­men­spiel von Theo­rie und Pra­xis ist dem­nach ent­schei­dend, will die Phi­lo­so­phie sich selbst nicht damit beschei­den, dass ihre Ver­tre­ter fach­in­tern eso­te­ri­sche Lie­bes­brief­chen austauschen.

Es gilt die Weis­heit in ihrer Man­nig­fal­tig­keit nach außen zu tra­gen, damit mehr als 2.000 Jah­re des Nach­den­kens über den Sinn des Lebens, das gute Leben, das Sein des Sei­en­den etc. nicht in der Fach­bi­blio­thek ver­stau­ben, son­dern jeder in ihren Genuss gelan­gen kann. Das, was aus dem Wis­sen ent­sprän­ge, wäre ver­mut­lich zwar nicht direkt wirt­schaft­lich ver­wert­bar, sofern man die Erkennt­nis­se nicht ent­stel­len woll­te. Die Phi­lo­so­phie könn­te indes hel­fen, gera­de die beschränk­te Sicht­wei­se zu durch­bre­chen, wonach der Nut­zen einer Sache mit des­sen wirt­schaft­li­cher Ver­wert­bar­keit iden­tisch sei.

Die­se vor­schnel­le Gleich­set­zung ist nicht ver­wun­der­lich, leben wir doch in einem Land, wo der Stei­ge­rung des Brut­to­so­zi­al­pro­dukts eine gan­ze Hym­ne gewid­met wur­de. Wer nicht in die Hän­de spuckt, der gilt schnell als Nichts­nutz, unge­ach­tet des­sen, ob er es eigent­lich ger­ne täte oder nicht. Der Phi­lo­soph ist mit­un­ter noch schlim­mer als der kon­ven­tio­nel­le Tunicht­gut, weil das, was er zu sagen hat, oft­mals nicht nur nicht pro­fi­ta­bel ist, son­dern der Logik des Pro­fits gera­de­zu wider­spricht. Und dafür soll man ihn dann auch noch bezahlen?!

Man den­ke nur an die fröh­lich ver­kün­de­te Nach­richt in der Tages­schau, die Kauf­lust der Deut­schen sei in die Höhe geschnellt und des­halb boo­me die Wirt­schaft. Dazu Bil­der von ein­kau­fen­den Leu­ten, die über bei­de Backen strah­len, wäh­rend sie ihre Ein­kaufs­tü­ten durch die Shop­ping­mei­le schlep­pen. Ein­kau­fen ist also etwas Gutes, weil es dem Ein­zel­nen Lust berei­tet und die Wirt­schaft ankur­belt. Kurz: Ein­kau­fen nützt.

Über die­ses Para­dies bricht nun die sata­ni­sche Phi­lo­so­phie her­ein und zer­stört den eitel Son­nen­schein. Sie erdreis­tet sich, Fra­gen zu stel­len: Ob Ein­kau­fen über­haupt lang­fris­tig glück­lich mache oder nur einen kur­zen Kick ver­schaf­fe. Ob Besitz glück­lich mache und ob viel Besitz noch glück­li­cher mache oder ob Besitz, wenn über­haupt, Mit­tel zum Glück sei und viel Besitz dem Glück sogar im Weg ste­hen kön­ne. Ob alle Bedürf­nis­se „natür­lich“ sei­en oder von der Gesell­schafts­form, in der wir leben, prä­for­miert wür­den, damit das Sys­tem mög­lichst rei­bungs­los funk­tio­nie­re. Ob das, was uns nütz­lich dünkt, somit wirk­lich nüt­ze oder im Hin­blick auf Men­schen aus ande­ren Län­dern oder die Natur sogar eher scha­de. Ob die Art unse­res auf Wachs­tum fixier­ten Wirt­schaf­tens lang­fris­tig Sinn ergebe …

 

Eman­zi­pa­ti­on von unten

Zuge­ge­ben, der spe­zi­el­le Beruf, auf den das Phi­lo­so­phie­stu­di­um vor­be­rei­tet, muss erst noch erfun­den wer­den. Und kaum jemand wird ernst­haft auf die Idee kom­men, Phi­lo­so­phie zu stu­die­ren, um Kar­rie­re zu machen. Den­noch nützt die Phi­lo­so­phie auf ihre Art und Wei­se. Sie kann allein dadurch, dass sie (aus­gie­big) betrie­ben wird, einen Gedan­ken­wan­del im Men­schen bewir­ken – sei es im Gespräch mit ande­ren oder im Dia­log mit dem Phi­lo­so­phen, den man gera­de liest. Nun kommt dabei, wie wir gese­hen haben, nicht unbe­dingt ein end­gül­ti­ges Ergeb­nis her­aus, son­dern es ent­ste­hen eine Fül­le von Fra­gen, die erstarr­ten Denk­wei­sen wie­der Beweg­lich­keit ver­lei­hen. Wird die­se Öff­nung gegen­über alter­na­ti­ven Sicht­wei­sen ernst genom­men, kann sich eine Ver­än­de­rung in der inne­ren Ein­stel­lung zu sich selbst und zur Umwelt erge­ben, die einen in Oppo­si­ti­on zu land­läu­fi­gen Vor­stel­lun­gen bringt. In Oppo­si­ti­on indes befin­det man sich nur, solan­ge man es ver­säumt, ande­re damit anzu­ste­cken, ein­ge­fro­re­ne Denkar­ten eben­falls auf­zu­bre­chen. Hier­bei zeigt sich ein eman­zi­pa­ti­ves Moment der Phi­lo­so­phie, das jedoch auf kei­ne „Top-down-Eman­zi­pa­ti­on“ abzielt, son­dern auf eine „Bot­tom-up-Eman­zi­pa­ti­on“. Ers­te­re erin­nert an Pla­tons Höh­len­gleich­nis, wonach der Phi­lo­soph bei der Ide­en­schau ewi­ge Wahr­hei­ten erkennt, die ihn zum wis­sen­den Phi­lo­so­phen­kö­nig qua­li­fi­zie­ren, dem die unwis­sen­de Mas­se unter­tan zu sein hat. Die „Bot­tom-up-Eman­zi­pa­ti­on“ indes­sen fin­det sich bei Han­nah Arendt, die nicht von unge­fähr Pla­ton gegen­über sehr kri­tisch ein­ge­stellt ist. Als Herz­stück ihrer poli­ti­schen Theo­rie ent­wirft sie in dem Buch Vita activa oder vom täti­gen Leben den Begriff des „Han­delns“. „Han­deln“ beinhal­tet laut Arendt zwar ein „Füh­ren“ und ein „Fol­gen“; sie grenzt es jedoch dezi­diert von „Herr­schen“ und „Beherrscht wer­den“ ab. Wäh­rend sie mit die­sen bei­den Begrif­fen unter ande­rem das Ver­hält­nis von Pla­tons Phi­lo­so­phen­kö­nig zu sei­nen Unter­ge­be­nen cha­rak­te­ri­siert, beschreibt sie mit ers­te­ren Begrif­fen etwas ganz ande­res: Der­je­ni­ge, der führt, ist nie­mals dau­er­haft auf die Posi­ti­on des Füh­ren­den fest­ge­legt und genau­so ver­hält es sich mit den­je­ni­gen, die fol­gen. Der Füh­ren­de ist im Gegen­satz zum Herr­schen­den nicht durch ein blo­ßes Befeh­len gekenn­zeich­net, dem bedin­gungs­los gehorcht wer­den muss, son­dern durch das Ver­mö­gen, einen Anfang zu machen. Und jedem Men­schen wohnt poten­zi­ell ein sol­ches Ver­mö­gen inne, sodass jeder Mensch grund­sätz­lich dazu in der Lage ist, eine Hand­lung im arendt­schen Sin­ne zu begin­nen. Wur­de der Stein ein­mal ins Rol­len gebracht, kom­men die ande­ren Men­schen dem Füh­ren­den zu Hil­fe. Sie gehor­chen ihm nicht blind, son­dern fol­gen ihm, indem sie als Gleich­be­rech­tig­te krea­tiv und den­kend an der Hand­lung par­ti­zi­pie­ren, und voll­enden die­se als gemein­sa­mes Pro­jekt. Das Resul­tat der Hand­lung ist dabei nicht vor­her­seh­bar, gera­de weil es auf dem krea­ti­ven Zusam­men­wir­ken von vie­len beruht.

 

Den­ken gegen die Gedankenlosigkeit

Nun wur­de zwar eine Art und Wei­se cha­rak­te­ri­siert, wie eman­zi­pa­to­ri­sches Han­deln von­stat­ten gehen könn­te, das den Ein­zel­nen nicht ent­mün­dig­te. Die Fra­ge, ob man sich denn über­haupt noch von irgend­ei­nem Zustand eman­zi­pie­ren müs­se, blieb bis­lang indes unbe­ant­wor­tet. Kaum ein Mensch der „auf­ge­klär­ten Welt“ wird heu­te noch Zwei­fel dar­an hegen, dass es rich­tig war, sowohl die Skla­ven­hal­ter­ge­sell­schaft als auch die Feu­dal­ge­sell­schaft zu über­win­den. Die bür­ger­li­che Gesell­schaft lädt hin­ge­gen vie­le dazu ein, es sich in ihr bequem zu machen.

Dabei unter­liegt man einer dop­pel­ten Nai­vi­tät: Zum einen klaf­fen in unse­rer Gesell­schaft das, was sie zu sein bean­sprucht, und das, was sie ist, aus­ein­an­der. Die raue Wirk­lich­keit straft das Ide­al einer huma­nen und gerech­ten Gesell­schaft oft­mals Lügen. Wie der Kul­tur­so­zio­lo­ge Pierre Bour­dieu auf­ge­zeigt hat, wird zum Bei­spiel Chan­cen­gleich­heit dann zur Far­ce, wenn ich aus einem sozia­len Milieu stam­me, wo mir Wer­te, Nor­men und Ver­hal­tens­wei­sen ver­mit­telt wor­den sind, die in den Bil­dungs­in­sti­tu­tio­nen und am Markt über­haupt nicht gefragt sind. Beherr­sche ich bei­spiels­wei­se den schwä­bi­schen Dia­lekt bes­ser als jeder ande­re Schwa­be, so wird mir vor­ge­hal­ten, ich beherrsch­te kein Hoch­deutsch, anstatt dass ich für mein gran­dio­ses Schwä­bisch gesell­schaft­lich aner­kannt wür­de. Um mir das Hoch­deutsch anzu­eig­nen, muss ich nicht nur viel Zeit auf­wen­den, ich erfah­re auch einen Teil mei­ner sprach­li­chen und kul­tu­rel­len Iden­ti­tät als defi­zi­tär, wie­wohl ich für den Ort mei­ner Her­kunft rein gar nichts kann. Ich bin mit­hin das Opfer mei­nes eige­nen Habi­tus, wäh­rend ein Han­no­ve­ra­ner sich dies­be­züg­lich sei­nes Habi­tus erfreu­en darf.

Oder man den­ke an die fort­schrei­ten­de Glo­ba­li­sie­rung, die zu einer wirt­schaft­li­chen Ver­flech­tung der gesam­ten Welt führt. Wenn­gleich die Arbeits­be­din­gun­gen in Deutsch­land noch eini­ger­ma­ßen gut sein mögen, kann ich im Grun­de davon aus­ge­hen, dass die meis­ten erschwing­li­chen Pro­duk­te, die ich mir im Laden kau­fe, nicht unter der­art guten Bedin­gun­gen her­ge­stellt wur­den. Hin­zu kommt: Je ärmer ich bin, des­to eher bin ich dazu gezwun­gen, zum bil­ligs­ten Pro­dukt zu grei­fen. Zu mei­ner finan­zi­el­len Not gesellt sich also der Sach­zwang, mora­lisch bedenk­li­che Ein­käu­fe zu täti­gen, wäh­rend sich bes­ser Begü­ter­te schlicht­weg von ihrer mora­li­schen Schuld „frei­kau­fen“ kön­nen. Wer hier­bei wirk­lich unmo­ra­lisch han­delt und inwie­weit unse­re Gesell­schaft als Gan­zes in ein inter­na­tio­na­les Sys­tem der Unge­rech­tig­keit ver­strickt ist, müss­te eigens geklärt wer­den. Es geht mir an die­ser Stel­le vor allem um die psy­chi­sche Belas­tung, die sich aus dem Span­nungs­ver­hält­nis zwi­schen gel­ten­den Moral­vor­stel­lun­gen und beein­träch­tig­ter Ent­schei­dungs­frei­heit beim Ein­kau­fen ergibt und die zur Tat­sa­che der ohne­hin belas­ten­den Armut hinzutritt.

Zum ande­ren ist die bür­ger­li­che Gesell­schaft offen­sicht­lich nicht gegen Kri­sen gefeit. Nicht mehr nur im eher frei­geis­ti­gen Feuil­le­ton, son­dern auch im Wirt­schafts­res­sort nam­haf­ter Zei­tun­gen wird über das Ende des Heil ver­spre­chen­den Wachs­tums gespro­chen. In Euro­pa hat sich die Kri­se dau­er­haft ein­ge­rich­tet und auch in den Schwel­len­län­dern kri­selt es. Eine glo­ba­le Rezes­si­on kann jeder­zeit ein­set­zen – mit unab­seh­ba­ren Folgen.

Wenn ich in einer Wohl­stands­ge­sell­schaft unre­flek­tiert vor mich hin lebe, als ob ich davon aus­ge­hen könn­te, dass es auf ewig so ange­nehm sein wer­de, igno­rie­re ich schlicht­weg die bis­he­ri­ge Geschich­te des Men­schen, in der zwar kei­ne Kri­se end­los anhielt, aber auch kein Gedei­hen für immer weil­te. Gegen eine durch Wohl­stand beding­te Gedan­ken­lo­sig­keit ist die Phi­lo­so­phie alle­mal ein gutes Gegen­mit­tel. Denn in ihr haben stets auch kri­sen­haf­te Erfah­run­gen einen Aus­druck gefun­den: sei es die Kri­se der atti­schen Demo­kra­tie in der Phi­lo­so­phie Pla­tons, des­sen Leh­rer Sokra­tes dem Wil­len des Vol­kes zum Opfer fiel, sei es die Kri­se der Reli­gi­on und der Feu­dal­ge­sell­schaft in der Phi­lo­so­phie der Auf­klä­rung oder sei es der Zwei­te Welt­krieg in den Gedan­ken­wel­ten von Han­nah Arendt, Theo­dor W. Ador­no und Her­bert Marcuse.

Wenn die Kri­sen­haf­tig­keit sich tat­säch­lich als Teil unse­rer Art zu leben und zu wirt­schaf­ten erwei­sen soll­te, wer­den in Zei­ten der Kri­se immer die­je­ni­gen im Vor­teil sein, die ihre Vor­stel­lun­gen vom glück­li­chen Leben, mit­hin gro­ße Tei­le ihrer Bedürf­nis­struk­tur, nicht völ­lig an das Vor­find­li­che ange­passt haben, son­dern ihre Lebens­wei­se immer als eine Mög­lich­keit von vie­len erle­ben. Einen Mög­lich­keits­sinn zu ent­wi­ckeln und zu ver­fei­nern, dazu ist die Phi­lo­so­phie imstan­de. Ob wir der Mög­lich­kei­ten gewahr wer­den und sie auch ver­wirk­li­chen, das hängt wie­der­um von uns ab. Wer jedoch in Zei­ten der Kri­se immer noch sei­nen spieß­bür­ger­li­chen Träu­men nach­hängt, der wird womög­lich um deren Rea­li­sie­rung wil­len dazu bereit sein, radi­ka­le Wege ein­zu­schla­gen – Irr­we­ge, bei denen man sogar noch hin­ter die Feu­dal­ge­sell­schaft zurückfällt.

 

Wohin mich mein Weg führt, weiß ich immer noch nicht. Indem ich die­sen Essay geschrie­ben habe, habe ich zwar etwas mit mei­nem Phi­lo­so­phie­stu­di­um „ange­fan­gen“; aber ob das die Ant­wort war, die mein quas­seln­der Tin­ni­tus hören woll­te, da bin ich mir nicht so sicher.

 

Lukas Wet­zel stu­diert Phi­lo­so­phie und Empi­ri­sche Kul­tur­wis­sen­schaft in Tübingen.