Die silberzebra gmbh ist ein Freiburger Social-Start-up, das digitale Werkzeuge für nachhaltiges Wirtschaften entwickelt. Im Zentrum steht das Produkt goodbalancer. Dabei handelt es sich um eine Online-Plattform für Nachhaltigkeits-Management und -Berichterstattung. goodbalancer richtet sich an mittelständische Unternehmen, die nachhaltiger und verantwortungsbewusster wirtschaften möchten. Das Ziel ist es, Unternehmen so niedrigschwellig wie möglich dabei zu unterstützen, ihre Praktiken umfassend zu reflektieren, anzupassen, und schließlich auch darüber zu berichten. Entweder in Form von verpflichtenden und freiwilligen EU-Nachhaltigkeits-Richtlinien und Standards, insbesondere aber auch durch das Veröffentlichen einer Gemeinwohl-Bilanz, dem Herzstück der Gemeinwohl-Ökonomie. silberzebra versteht sich selbst als gemeinwohlorientiertes Unternehmen ohne externe Investoren, mit Fokus auf soziale und ökologische Nachhaltigkeit.
Wir haben mit Veronika Sharonova und Matthias Fehske von der silberzebra gmbh gesprochen. Sie haben die Firma gegründet und sind Geschäftsführer*in.
a42: Stellt euch gerne zu Beginn unseren Leser*innen vor: Wer seid ihr und was macht ihr?
Matthias: Wir und unsere Mitarbeiter*innen, die silberzebra gmbh, entwickeln eine Softwarelösung namens goodbalancer für mittelständische Unternehmen, um sich umfassend mit Nachhaltigkeit zu beschäftigen, ökologisch, sozial und wirtschaftlich. Das betrifft zum einen das sogenannte Reporting, also das strukturierte Erstellen von Berichten, was einen starken Reflexionseffekt hat. Man stellt sich gezwungenermaßen die Frage: Sind wir da eigentlich gut oder nicht?
Noch mehr geht es uns aber eigentlich um Nachhaltigkeitsmanagement, also die strategische Arbeit daran, Dinge tatsächlich besser zu machen, Maßnahmen zu definieren und umzusetzen. Nachhaltigkeit ist ein oft vager Begriff. Für uns bedeutet er: langlebig, gesund und resilient, sowohl für das Unternehmen als auch für alle, die mit dem Unternehmen zu tun haben.
Was hat euch dazu bewegt, die silberzebra gmbh zu gründen?
Matthias: Wir haben beide Wirtschaft studiert, sind dann in einer großen Digitalagentur gelandet und haben dort klassische Digitalisierungsprojekte für große Konzerne gemacht. In dieser Firma haben wir uns kennengelernt. Und wir haben dort auch relativ zeitgleich ähnliche Vorbehalte gegenüber unserer Arbeit entwickelt. Wir haben zunächst versucht, im Rahmen dieser Arbeit das Beste daraus zu machen, mussten aber feststellen, dass wir in diesem Kontext mit dem, was wir eigentlich mit unserer Lebenszeit anfangen wollten, an Grenzen stoßen. Also haben wir gekündigt, haben uns selbstständig gemacht und gemeinsam die silberzebra gmbh gegründet. Die Idee war, unsere Energie, unsere Zeit und unsere Expertise dafür zu nutzen, die Welt ein wenig besser zu machen.
Was genau hat euch an eurer früheren Arbeit gestört?
Matthias: Ein typischer Auftrag damals war zum Beispiel der Relaunch einer Website: dann malt man sie von rot auf blau um, macht ein rebranding und fragt sich, ob das irgendjemanden wirklich interessiert. Wenn man den Job gut macht, macht man im Zweifel Aktionäre eines sehr großen Unternehmens noch ein bisschen reicher. In manchen Fällen ist das vielleicht okay, in anderen nicht. Problematisch wird es, wenn man gleichzeitig nicht die Augen davor verschließt, was gerade in der Welt passiert: der Planet steht in Flammen, soziale Strukturen lösen sich auf, Menschen werden gegeneinander aufgehetzt – und man sitzt da und gestaltet eine Bankenwebsite. Wir wollten nicht am Ende unseres Lebens zurückblicken und sagen: Ja, wir haben den Planeten kaputt gemacht und gesellschaftliche Strukturen weiter zersetzt, aber Hauptsache, wir hatten ein gutes Leben. Das ließ unser persönliches Verantwortungsgefühl nicht zu.
Einige Menschen kennen das vielleicht: ein gutes Gehalt, aber das Gefühl, dass die eigene Arbeit gesellschaftlich sinnlos oder vielleicht sogar schädlich ist. Der Schritt raus aus der Komfortzone ist trotzdem groß. Gab es bei euch so etwas wie einen Aha-Moment?
Veronika: Das war eher eine stetige Entwicklung, bei der man am Ende gar nicht mehr anders kann. Wenn man diesen inneren Drang hat und merkt, so geht es nicht weiter, dann ist das vielleicht nicht rational oder klug, aber es gab keine wirkliche Wahl. Gleichzeitig waren wir objektiv in einer bequemen Situation. Vielleicht war es auch gut, dass wir uns nicht ausgemalt haben, wie das ein paar Jahre später aussieht. Sonst hätten wir es vielleicht gar nicht erst probiert.
Matthias: Ein wichtiger Punkt war auch, dass wir uns gegenseitig hatten. Wenn man allein denkt: „Man müsste eigentlich mal“, dann passiert oft nichts. Aber wenn jemand neben dir sitzt und sagt: „Ja, man sollte wirklich – und ich mache mit“, dann entsteht eine andere Dynamik. Wir waren gegenseitig unsere ersten Follower.
Ihr versteht euch als gemeinwohlorientiertes Unternehmen. Was unterscheidet euch konkret von klassischen profitorientierten Firmen?
Veronika: Die Aspekte, die wir auch im Konzept der Gemeinwohl-Ökonomie schätzen. Darin geht es es sowohl um das „was“ als auch um das „wie“. Unser „was“, also unser Unternehmenszweck ist im Gesellschaftsvertrag festgeschrieben: nicht Profiterwirtschaftung, sondern die Schaffung eines nachhaltigen Lebensraums für Mensch, Natur und Tiere.
Wir versuchen seit Gründung mit allen Mitteln zu vermeiden, Investor*innen an Bord zu holen und nur den Profit zu maximieren. Das prägt auch, wie wir mit Mitarbeiter*innen und Kund*innen umgehen: Transparenz, gemeinsame Entscheidungen, Gespräche über Preise, Bedürfnisse und Zwänge. Und es prägt unseren gesellschaftlichen Beitrag. Wir verstehen unsere Arbeit auch als Bildungsaufgabe, als Werbung dafür, dass Wirtschaft anders geht als vielerorts behauptet. Deshalb sind wir auf Veranstaltungen, sprechen über das Thema, auch wenn es nicht unmittelbar unserer Software dient.
Lust auf ein
Probe-Abo?
agora42 schließt die Lücke zwischen Ökonomie und Philosophie, macht Zusammenhänge deutlich und gibt Raum für die drängenden Fragen in diesen turbulenten Zeiten.
Lust auf ein
Probe-Abo?
agora42 schließt die Lücke zwischen Ökonomie und Philosophie, macht Zusammenhänge deutlich und gibt Raum für die drängenden Fragen in diesen turbulenten Zeiten.
Ihr bewegt euch damit zwischen For-Profit-Logiken und Non-Profit-Ansprüchen. Wie erlebt ihr dieses Spannungsfeld?
Matthias: Das ist wahrscheinlich die zentrale Erfahrung unserer Arbeit. Wir bewegen uns zwischen zwei Welten, die oft unvereinbar scheinen. Auf der einen Seite das knallharte Start-up-Umfeld mit maximalem Wachstumsdruck, auf der anderen Seite der Non-Profit-Bereich, in dem viele sinnvolle Dinge getan werden, für die niemand zahlen will. Wir leben dazwischen, im „Not-for-Profit“-Bereich: wirtschaftlich arbeiten, aber nicht aus Profitmaximierung, sondern kostendeckend. Wir wollen von sinnvoller Arbeit leben können, auch gut leben. Aber nicht, um maximal Geld herauszuziehen.
Das führt häufig dazu, dass man in beiden Welten misstrauisch beäugt wird: Für die einen ist man zu wirtschaftlich, für die anderen zu nett. Aber eigentlich steckt dieses Spannungsfeld schon im Begriff der sozialen Marktwirtschaft. Es geht darum, diese beiden Dinge, die, die beide ihre Berechtigung haben, das Soziale und die Marktwirtschaft, irgendwie in einen Kompromiss zu bringen. Gefühlt haben sich diese beiden Lager in den letzten Jahren immer stärker gegeneinander verschanzt, und haben ihre eigenen Echokammern gebildet. Wir versuchen, dazwischen eine Brücke zu bauen und Menschen einzuladen, diese Spannung auszuhalten und Kompromisse zu suchen.
Zeigen sich solche Unterschiede und Spannungen auch im konkreten Unternehmensalltag?
Veronika: Ständig. Im Kleinen, bei Preisfragen, bei Fairness, bei Transparenz. Und im Großen: Was machen wir, wenn das Geld knapp wird? Würden wir einen Investor reinholen, der die Hälfte der Firma kauft und uns zwei Jahre finanziert? In den meisten Fällen lautet die Antwort nein. Aber die Fragen stellen wir uns trotzdem ständig. Natürlich kannst Du es dir als Unternehmer verhältnismäßig leicht machen, wenn du eine Firma gründest und einfach vorgegebenen Standards und Regeln folgen.
Das Thema Einstellungen kannst Du zum Beispiel so lösen: Wer am meisten Geld bekommt, der wird auch am ehesten zu mir kommen und dann ist das Thema damit erledigt. Oder du machst dir weitere Gedanken: Was brauchen Mitarbeiter*innen eigentlich wirklich, damit sie zufrieden sind? So eröffnen sich bei uns oft viele ähnliche Fragen. Ich glaube, wenn ich jetzt wieder in einem normalen Job wäre, wäre das exakt das, was mir total fehlen würde. Ich hätte das Gefühl, die Verantwortlichen laufen in ihrer Grundeinstellung in die falsche Richtung und ich habe keine Handhabe, darauf Einfluss zu nehmen.
Ihr müsst viel balancieren. Gibt es auch mal Zweifel an dem, was ihr tut?
Matthias: Es gibt immer wieder auch mal herausfordernde Momente oder Zweifel. Aber wir können morgens gut in den Spiegel schauen mit dem, was wir da machen. Den inneren Anteil, der sich fragt „Was mache ich hier eigentlich und wofür mache ich das?“, den gibt es tatsächlich nicht. Und wir haben ganz tolle Beziehungen zu unseren Kund*innen!
Was ist das Besondere in den Beziehungen zu Mitarbeiter*innen und Kund*innen?
Matthias: In den letzten Jahren haben wir gelernt, dass der entscheidende Marker für Nachhaltigkeit in Unternehmen ist, wie sie ihre Beziehungen pflegen: zu Mitarbeiter*innen, Kund*innen, Lieferant*innen, Umwelt, Umfeld. Bei uns ist das genauso. Wir bemühen uns da sehr. Unsere Mitarbeiter*innen würden anderswo vermutlich mehr verdienen, trotzdem arbeiten sie gerne bei uns. Und sie bringen sich bei uns entsprechend ein und sind ein moralisches Korrektiv für uns. Einen spontanen Schwenk auf maximale Profitorientierung beispielsweise würden sie uns gar nicht durchgehen lassen.
Veronika: Es geht nicht ausschließlich darum, etwas zu verkaufen, sondern im Zweifel einfach zu helfen. Ich glaube, das ist der Kern, den wir mit allen spüren, mit denen wir zusammenarbeiten. Zusätzlich zu der selbstverständlichen Professionalität hat man mit Menschen zu tun und begegnet sich menschlich. Es ist nicht einfach nur transaktional, Leistung gegen Geld, sondern man ist ehrlich aneinander und an der Zusammenarbeit, der Kommunikation und Kooperation interessiert und versucht, gemeinsam eine Lösung zu finden. Man spürt dabei nicht in erster Linie Druck, sondern Freude. Auch mit Kund*innen ist das so. In Sales-Gesprächen sagen wir manchmal offen: Unsere Software ist nicht das Richtige für euch, macht das lieber mit Excel. Das ist kein Kalkül, sondern ehrlich gemeint. Wenn wir uns nie wieder sehen, ist das okay.
Matthias: Oft versuchen andere dann, das wieder ökonomisch zu deuten: Das zahlt sich später bestimmt aus. Aber das ist nicht die Intention. Es geht darum, jemandem ehrlich zu helfen und ihm ein gutes Leben zu wünschen.
Ihr zeigt ganz konkret, wie es anders funktionieren könnte.
Matthias: Es ist schön, wenn Leute mögen, was wir tun. Es gibt aber Menschen, die haben sehr viel mehr Einfluss, Geld und Macht. Die finden uns oft interessant, bewundernswert und inspirierend. Aber ich würde gerne auf diese Bewunderung verzichten, wenn die selber ihrer Verantwortung nachkommen würden. Wir versuchen Verantwortung für etwas zu übernehmen, für das wir eigentlich keine Verantwortung haben. Wir machen etwas, das eigentlich eine gesamtgesellschaftliche Bildungs- und Erziehungsaufgabe wäre. Beides existiert bei uns nebeneinander: Hoffnung und eine Wut darüber, dass Verantwortung nicht wahrgenommen wird.
Veronika, Matthias, vielen Dank für dieses Gespräch!
silberzebra gmbh
Die silberzebra gmbh ist ein Freiburger Social-Start-up, das digitale Werkzeuge für nachhaltiges Wirtschaften entwickelt. silberzebra versteht sich selbst als gemeinwohlorientiertes Unternehmen ohne externe Investoren, mit Fokus auf soziale und ökologische Nachhaltigkeit.
Dieser Artikel ist von