14 Thesen zur Digitalisierung – von Felix Sühlmann-Faul

14 Thesen zur Digitalisierung

von Felix Sühlmann-Faul

 

Unter Digitalisierung wird – je nach Kontext – immer etwas anderes gemeint und verstanden. Unzählige Aspekte, Folgen, Veränderungen und Möglichkeiten des digitalen Wandels werden bedacht. Trotzdem bleiben blinde Flecken, die bislang in Diskussionen gemieden werden.

Diese blinden Flecken der Digitalisierung sichtbar zu machen und etwas Ordnung in das allgemeine Wirrwarr höchster Erwartungen und schlimmster Befürchtungen zu schaffen, war das Anliegen des Techniksoziologen Felix Sühlmann-Faul mit seinem Buch Der blinde Fleck der Digitalisierung, das im September erschienen ist. Da zudem das Thema Nachhaltigkeit viel zu häufig übersehen wird, widmet er sich, gemeinsam mit dem Koautor Stephan Rammler, der Frage: Wie lassen sich Nachhaltigkeit und digitale Transformation in Einklang bringen?

Felix Sühlmann-Faul hat die zentralen Thesen des Buches in 14 Punkten zusammengefasst:

 

1.) Die Komplexität steigert sich: Die Digitalisierung ist ein umfassender, gesellschaftsweiter Akt der Transformation. Durch diese Vielschichtigkeit ihres Einflusses auf sämtliche gesellschaftliche Elemente entsteht ein hohes Maß an Komplexität. Es entsteht dabei eine erhöhte Informationsdichte und –frequenz. Das führt dazu, dass die Auswirkungen des eigenen Handelns schwerer abzuschätzen sind. Auch das Verstehen von Zusammenhängen wird zunehmend schwieriger. Das erhöht die Anforderungen und den Druck nicht nur bei den Entscheider*innen in Politik und Wirtschaft, sondern gesamtgesellschaftlich.

 

2.) Digitalisierung spielt in Öffentlichkeit, Politik und Wirtschaft jeweils eine unterschiedliche Rolle: Während in der öffentlichen Diskussion auch Ängste, bspw. in Bezug auf Bedrohung von Arbeitsplätzen durch Automatisierung thematisiert werden, spielt die Digitalisierung in Politik und Wirtschaft eher die Rolle einer Heilsbringerin: Sie wird riesiges Wirtschaftswachstum, industrielle Höchstleistungen und natürlich ein besseres und moderneres Leben für uns alle bringen. Eine Bedingung stellt sie jedoch auch: Der Heilsbringerin muss im Gegenzug auch mit Scheuklappen im Gleichschritt gefolgt werden. Ein Innehalten und das Hinterfragen von Sinn und Zweck kann nicht – DARF nicht stattfinden. Die Konsequenzen eines Zögerns – so der implizite Glaube und die häufige Verlautbarung – wären ein Desaster für den Wirtschaftsstandort Deutschland, für die Bevölkerung und wir wollen ja auch Europa nicht vergessen.

 

Felix Sühlmann-Faul und Stephan Rammler beschreiben in diesem Buch die Nachhaltigkeitsdefizite, die auf den Ebenen Ökologie, Ökonomie, Politik und Gesellschaft infolge der Digitalisierung entstehen. Die Autoren geben Handlungsempfehlungen, zeigen Wege einer erhöhten Nachhaltigkeit durch Digitalisierung und schildern die wichtigsten nächsten Forschungsschritte für eine nachhaltige Digitalisierung.

3.) Wachstumsorientierung ist fatal: Hinter der Auffassung, der technologischen Entwicklung blind zu folgen und ja nicht zu durch lästige Nachfragen zu bremsen verbirgt sich in erster Linie Hoffnung auf weiteres Wirtschaftswachstum. Man muss sich schon ein bisschen wundern, denn weitere Wachstumsbestrebungen auf einem biophysikalisch begrenzten Planeten ziehen bereits heute deutlich sichtbare Folgen nach sich. Das zeigt sich an Symptomen wie unumkehrbarer Umweltverschmutzung, Artensterben und dem Klimawandel. Sich für weiteres Wachstum zu entscheiden, bedeutet eine erneute Abkehr vom dringend notwendigen Ziel einer Entkopplung zwischen Wachstum und Umweltverbrauch. Aber vermutlich wird alles doch gut gehen, da Digitalisierung – auch das wird häufig impliziert  – ja auch automatisch Nachhaltigkeit mit sich bringen.

 

4.) Digitalisierung ist keineswegs automatisch nachhaltig: Paradoxerweise besitzt Digitalisierung zwar das Potenzial nachhaltig zu wirken, bspw. auf Ebene der Dematerialisierung. Aktuell findet aber das genaue Gegenteil statt: Der Bedarf und der Transport von Rohstoffen wächst und wächst. Die verbrauchte Netto-Materialmenge steigt u.a. durch die Herstellung einer stetig steigenden Menge von Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) deutlich an, so dass von tatsächlichen Nachhaltigkeitsgewinnen jede Spur fehlt.

 

5.) Nachhaltigkeit fehlt im Diskurs: Weder in der Öffentlichkeit, noch auf Ebene der Politik oder der Wirtschaft ist Nachhaltigkeit Teil des Diskurses. Durch die zunehmende Verbreitung von IKT und dem zunehmenden industriellen Einsatz digitaler Lösungen entsteht eine enorme Steigerung des Bedarfs an Energie, Rohstoffen, Logistik und Transport, Produktion und Entsorgung. In Kombination mit einem gänzlichen Mangel an intelligenten Stoffkreisläufen entstehen große Probleme: jährliche Elektroschrottmengen jenseits der 60 Millionen Tonnen, Finanzierung von Bürgerkriegen durch den Rohstoffabbau in Drittweltländern, großräumige Umweltverschmutzung rings um Abbaugebiete seltener Erden etc. etc. etc.

 

6.) Steigende Effizienz führt keineswegs zu Einsparungen: Die technologische Entwicklung im Rahmen der Digitalisierung läuft nicht linear sondern exponentiell und macht dadurch Innovationssprünge und deren Nebenfolgen zunehmend unabsehbar. Diese Geschwindigkeitssteigerung ist ein zentraler Charakterzug der Mikroelektronik. Rechenkapazität und -geschwindigkeit steigen ständig und damit entstehen allenthalben neue technische Möglichkeitshorizonte. Durch die wachsenden Fähigkeiten sind durchaus große Effizienzgewinne verbunden: bspw. werden komplexe Berechnungen beschleunigt, der Versand von großen Datenmengen nimmt weniger Zeit in Anspruch. Doch führen Effizienzgewinne empirisch allzu selten zu Einsparungen und tatsächlichen Gewinnen auf der Nachhaltigkeitsebene. Vielmehr werden entstehende Möglichkeiten stets maximal ausgeschöpft. Es entsteht also keine wirkliche Einsparung. Neuere Gebiete der Digitalisierung wie künstliche Intelligenz, Connected Mobility, Virtual Reality, Internet der Dinge und 5G-Netze sind erst durch die Nutzung neu gewonnener technologischer Möglichkeiten existent. Und wieder zeigt sich das Prinzip: wachsende Möglichkeiten werden maximal ausgeschöpft, so dass Einsparungen aufgefressen werden. Schnellere Computer könnten ja theoretisch auch Nachhaltigkeitsgewinne erzeugen, indem sie für dieselben Anforderungen wie zuvor seltener genutzt werden würden. Weil das aber nicht stattfindet, sondern sich die Nutzung der Mikroelektronik stets an die Möglichkeiten anpasst, steigt der Datendurchsatz täglich, erhöht dabei den Energieverbrauch von Rechenzentren und kompensiert bei weitem etwaige Effizienzgewinne. Beispiel gefällig? Der globale Datendurchsatz des Internets lag 2002 bei ca. 100 GB pro Sekunde. Eine Prognose des IKT- Riesen Cisco sieht 106.000 GB pro Sekunde für das Jahr 2021 vorher.

 

7.) Digitalisierung ist die dritte große Herausforderung unserer Zeit: Der Prozess der Digitalisierung spielt sich zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt ab. In Verbindung mit den zwei anderen großen Herausforderungen – Globalisierung und Klimawandel -, lenkt uns die Digitalisierung unter den aktuellen Rahmenbedingungen weg von einem Weg, der zu einer Balance zwischen Ressourcen-, Energie- und insgesamt Umweltverbrauch führt - und letztendlich dem Fortbestand unserer Zivilisation. An längst vergangenen Zivilisationen vor der unsrigen – bspw. bei den Maya, den Anasazi oder den Bewohnern der Osterinseln – zeigt sich, dass diese Völker die Fehler begangen haben, die auch wir begehen. Sie bauten ihre Existenz auf der Ausbeutung von Ressourcen auf. Während diese Völker aber nur in bestimmten Regionen lebten erstreckt sich unsere Zivilisation über den ganzen Planeten. Das bedeutet, dass die unnachhaltige und zusätzliche Intensivierung des Ressourcen-, Energie- und Umweltverbrauchs, der durch die Digitalisierung stattfindet, eine existentielle Bedrohung für jeden einzelnen Menschen bedeuten.

 

8.) Eine moralische Debatte führt nicht weiter: Eine moralische Debatte über soziale und ökologische Probleme, die durch den immensen Rohstoffbedarf der Digitalisierung und der wachsenden Menge an IKT in den Haushalten entstehen, ist wichtig – führt jedoch zu nichts. Natürlich wäre es wünschenswert, wenn sich Konsument*innen mit diesen Themen auseinandersetzen würden. Jedoch sind Nachhaltigkeitsüberlegungen in aller Regel ein elitäres Thema. Daher sind politische Maßnahmen viel wichtiger. Ordnungspolitische Maßnahmen bis hin zu einer Internalisierung der Rohstoffkosten schaffen verbindliche Regelungen und zwingen zu Verhaltensanpassungen auf Mikro- und Makro-Ebene. Regulierungen erzeugen positive Effekte, die kein ökologisches oder soziales Gewissen bei den Konsument*innen, Herstellern und ökonomischen Akteuren voraussetzt. Hier trägt die Politik die Verantwortung, ihrem Auftrag gerecht zu werden und kollektiv verbindliche Entscheidungen zu treffen – auch wenn manche dieser Maßnahmen unpopulär sein werden.

 

9.) Der Kopf gehört nicht in den Sand: Es gibt heute keine einfachen Lösungen mehr für unsere globalen Herausforderungen. Und Digitalisierung gehört zu den Herausforderungen, die viele Dinge, auf die lange Zeit Verlass war, ordentlich durcheinander wirbelt. Da ist eine Reaktion wie Spaltung – eben die Welt in schwarz und weiß zu teilen, in Gut und Böse – verständlich aber fatal. Erfolglos ist diese Strategie darin, Prozesse aufzuhalten oder konstruktiv zu ändern. Die Frustration wird dadurch nur noch befördert, weil es sich um eine Erstarrung handelt, um eine Nicht-Reaktion. Eine Veränderung oder eine Lenkung des Prozesses in eine Richtung, die den eigenen Vorstellungen entspricht, wird damit nicht erreicht. Und weil die Digitalisierung sich weiterhin ausbreiten wird ist das Mauern sinnlos. Die grauen Bereiche zwischen schwarz und weiß sind die Masse, aus der heute echte Lösungen und Wege in die richtige Richtung empor geholt werden. Das ist anstrengend und langwierig, aber ermöglicht die Steuerung der digitalen Transformation in eine wünschenswerte Richtung. Für eine nachhaltige und sozial gerechte Digitalisierung müssen wir uns anstrengen. Dafür muss der Kopf aber aus dem Sand, denn das kann nur mit offenen Augen und Ohren gelingen.

 

10.) Technik und Gesellschaft begegnen sich auf Augenhöhe. Und apropos Augen: Eine Abwendung von der Digitalisierung ist auch deswegen fatal, da sich Technologie und Gesellschaft stets auf Augenhöhe begegnet sind. Die Technikgeschichte zeigt, dass es stets eine Aushandlung, ein Tanz gewesen ist. Manchmal führte den Tanz die Technologie (neolithische Revolution, Mobilfunk...) und in manchen Fällen führte den Tanz die Gesellschaft (z.B. war das Radio nie als Unterhaltungs-/Nachrichtenmedium konzipiert, sondern als kabelloser Fernschreiber). Das bedeutet: Wie stark uns die Digitalisierung prägt, liegt zu großen Teilen in unseren Händen. Zwar ist die Verknüpfung zwischen Technologie und Gesellschaft heute augenscheinlich enger als in den vergangenen Epochen – trotzdem sind Einflussnahme, Steuerung, Akzeptanz und Ablehnung möglich und liegen in unserer Verantwortung.

 

11.) Suffizienz besitzt die oberste Priorität: Die drei Elemente der Nachhaltigkeit – Effizienz, Konsistenz und Suffizienz – besitzen unterschiedliche Wichtigkeit. Nachhaltigkeit lässt sich mittels Effizienz oder Konsistenz alleine nicht erreichen. Die Einsparung von Netto-Energie muss das Ziel sein. Und dafür ist Suffizienz, nämlich die Reduzierung des Lebensstandards und Konsums, unabdingbar. Die Mikroelektronik kann nicht anders als täglich neue Horizonte technischer Möglichkeiten zu erzeugen. Das ist ihre innere Logik. Dies darf aber nicht das automatisch mit dem maximalen Ausreizen dieser Möglichkeiten einhergehen. Vielmehr muss ein Streben nach einem zufriedenstellenden, aber niedrigeren Niveau an Energie- und Rohstoffbrauch, Datendurchsatz und Konsum erfolgen. Konkret: Der wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung hat im Jahr 2008 einmal errechnet, wie hoch der CO2-Ausstoß sein dürfte, um das Ziel einer Begrenzung der Klimaerwärmung auf unter 2°C im Vergleich zur vorindustriellen Phase zu erreichen. Das Ergebnis waren 2,7t CO2 für jeden einzelnen Menschen pro Jahr. Als Gegenwert: Ein Direktflug von Berlin nach Los Angeles für eine Person in der Economy-Klasse verbraucht bereits 2,8t CO2.

 

12.) Technik ist keineswegs neutral: Technik wird immer zu einem bestimmten Zweck konzipiert und eingesetzt und kann daher nicht von diesen Zwecken getrennt bewertet werden. Ein Großteil der uns heute umgebenden Technologie sammelt Informationen über uns. Im günstigsten Fall werden uns durch Analyse dieser vielen täglichen datenförmigen Hinterlassenschaften maßgeschneiderte Konsumchancen offeriert. Aber es besteht auch das Potenzial zur totalitären Beherrschung: Je mehr Datenspuren wir hinterlassen, desto einfacher sind wir zu analysieren. Und vielfach teilen wir unsere persönlichen Daten großzügig und ohne Nachzudenken mit unzähligen Technologiefirmen, Shops und sonstigen Institutionen. Die Vereinfachung und Perfektionierung sozialer Kontrolle gehören mit in den Möglichkeitshorizont der uns heute umgebenden, allgegenwärtigen Technologie. Gerade in der Überschneidung zwischen staatlicher Kontrolle und dem Einsatz technologischer Mittel stehen in der Volksrepublik China sehr bald extreme Formen vor dem Einsatz. Das Sozialkredit-System weist jedem/jeder Bürger*in einen Reputationswert zu, in dem sich bspw. Kreditwürdigkeit, Einträge in das Strafregister und soziales wie politisches Verhalten widerspiegeln. Ziel dieser umfassenden Überwachungsmaßnahme ist, ein angepasstes Sozialverhalten zu erzwingen. Sicherlich sind solche Maßnahmen in dieser Kultur eher akzeptiert als in westlichen Ländern. Doch die technologischen Möglichkeiten für eine solche Form der Gleichschaltung existieren überall.

 

13.) Entzauberung ist die neue Verzauberung: Mit dem Zeitalter der Aufklärung durchdrang die Länder Europas und Nordamerika eine zunehmende Orientierung an Vernunft, Rationalisierung, Säkularisation und Naturwissenschaft – eine ‚Entzauberung der Welt‘. Der Glaube an geheimnisvolle, unberechenbare Mächte und eine Unterwerfung gegenüber einer göttlichen Willkür wurde dadurch vermeintlich in den Hintergrund gedrängt. ‚Vermeintlich‘ deswegen, da sich ein ‚Ersatzglauben‘ etablierte. Dieser beinhaltet die Annahme, die Geschicke der Welt durch die neugewonnenen Kulturmittel berechnen, lenken und beherrschen zu können. Es handelte und handelt sich jedoch erneut lediglich um Glauben und keineswegs um ein kühles, rationales Durchschauen und Verstehen. Der Aberglaube wurde keineswegs mit dem 18. Jahrhundert begraben. Das zeigt sich gerade heute sehr deutlich an der großen Menge an missverstandenen Projektionen, die sich um neuere technologische Entwicklungen wie der künstlichen Intelligenz reihen. De facto haben die Dinge, die aktuell als künstliche Intelligenz bezeichnet werden in 90% der Fälle nichts mit einem selbstlernenden System zu tun. Und sogar die wenigen selbstlernenden Systeme haben mit dem, was menschliche Intelligenz ausmacht, herzlich wenig zu tun. Trotzdem herrschen in vielen Diskursen Argwohn, Befürchtungen, übertriebene Hoffnungen und teilweise fast alberne Zukunftsvisionen zwischen Utopie und Dystopie.

Technologie ist der neue Zauber, der entweder blasses Erstaunen oder Angst und Schrecken – in beiden Fällen eben gerade aus dem Mangel an Vernunft und Rationalität heraus – hervorruft.

 

14.) Digitalisierung steigert unsere Abhängigkeit: Unsere technischen Errungenschaften reduzieren an vielen Punkten die Resilienz, sprich: die Flexibilität unserer Gesellschaft. Die Digitalisierung macht uns spröde und das zeigt u.a. auf die folgenden zwei Arten: Einerseits sind wir enorm abhängig von der Funktion technischer Unterstützung. Die Zuverlässigkeit von digitalen Infrastrukturen ist für uns inzwischen existenziell. Daher geht von einem Ausfall dieser Einrichtungen eine große Bedrohung im Fall einer Störung aus. Hackerangriffe und Schadsoftware bedrohen heute nicht nur die Stabilität von Finanzmärkten, sondern auch Wasser-, Strom- und Nahrungsmittelversorgung.

Andererseits erzeugen die vielen technischen Einrichtungen, die uns allgegenwärtig umgeben ein massives Maß an selbstverständlicher Bequemlichkeit. Komfort wird – das unterscheidet uns deutlich von vergangenen Epochen – stark über Dinge definiert, nicht über äußere Gegebenheiten wie Raum bspw. Eine Umkehr, eine Beachtung von Nachhaltigkeitsgesichtspunkten, Vernunft für Suffizienz und in letzter Konsequenz ein Beitrag zur Rettung unserer Zivilisation ist durch die gewohnte Allgegenwärtigkeit blinkender Spielzeuge zu wenig interessant. Vielleicht ist eine Erstarrung in seidiger Umhüllung unserer technologischen Komfortzone mittelfristig wichtiger.

Warum betreiben wir ein 200-jähriges Krisenprojekt überhaupt noch weiter? – Interview mit David Hemmerle

Anlässlich der aktuellen Ausgabe zum Thema “DER KAPITALISMUS AUF DER COUCH” haben wir ausgewählte Personen um Antworten auf die zentralen Fragen des Heftes gebeten. Hier die Antworten von David Hemmerle.

Wenn ich mir die historischen Entwicklungen anschaue, hat der Kapitalismus noch nie so wirklich geblüht

1. Welchen Aspekt des Kapitalismus finden Sie am interessantesten und am ehesten zu bedenken?

David Hemmerle

David Hemmerle, Jahrgang 1990, ist Masterstudent in Ökonomie und Gesellschaftsgestaltung an der Cusanus Hochschule. In seinem dortigen Studiumsschwerpunkt beschäftigt ihn die historische Genese des Eigentumsbegriffs, speziell im Hinblick auf seine rechtsökonomische sowie ontologische Begründung. In seiner Masterarbeit untersucht er, wie sich das Eigentum im Zusammenhang mit der technologischen Entwicklung der Blockchain verhält.

Interessant am wirtschaftlichen System finde ich, wie eng das Entstehen des Geldes mit dem des abstrakten Denkens verflochten ist. Wie die Forscher David Graeber und Karl-Heinz Brodbeck zeigen, prägt der Umgang mit Geld unser Denken seit Jahrtausenden. Die heutigen Errungenschaften der Naturwissenschaften und der Technik gehen darauf zurück. Allerdings läuft diese Entwicklung Gefahr, sich gegen uns zu kehren. Die Dialektik der Aufklärung ist eben, dass die monolithische Wahrheit einer aufgehenden mathematischen Gleichung im von der Realität entkoppelten Verstand eine eigene anthropozentrische Mythologie entfaltet. Wenn die von Ökonomen entdeckten „Gesetze“ gelten, weil ihre innere Konsistenz mathematisch beweisbar ist, dann stellt sich vor dem Hintergrund eines unsere eigene Existenz gefährdenden Kapitalismus die Frage, ob dies die einzig legitime Wahrheitsfindung ist. Ich denke daher, das der omnipräsenten Bedeutung der Zahl (auch in Form des Geldes) eine Reflexion über die ontologischen Grenzen dieses Blicks auf die Welt entgegengesetzt werden sollte, die um die Diskussion alternativer epistemischer Symboliken ergänzt wird.

 

2. Warum konnten sich die Menschen so schnell und unbemerkt für das kapitalistische Denken begeistern? Entspricht der Kapitalismus unserer Natur?

Ich denke nicht, dass die menschliche Natur den Kapitalismus notwendig hervorbringt. Er wird allerdings häufig als notwendige Konsequenz der menschlichen Entwicklung dargestellt. Der Mensch kann seine Handlungsweisen jedoch kulturell reflektieren. Wenn Ökonomen von den Gesetzen des Marktes oder alternativlosen Sachzwängen sprechen, bin ich skeptisch, welche Annahmen sie zuvor über die menschliche Natur getroffen haben. Werfe ich dann einen Blick auf die mathematisch-funktionalen Axiome, die den Menschen als nutzenmaximierenden homo oeconomicus beschreiben, stelle ich mir die Frage: Wo sind da die reflexiven Fähigkeiten des Menschen, durch die er sein Handeln hinterfragen könnte? Brauchen wir noch RichterInnen, PsychotherapeutInnen oder LehrerInnen, die uns dazu anleiten, unser Handeln zu überdenken, oder Meditation, um uns seiner Impulse bewusst zu werden, wenn ohnehin alle Präferenzen gegeben sind und Entscheidungen nutzenorientiert fallen?
Welchen Einfluss hat Denken und Handeln mit Geld darauf, dass ich meinen Vorteil suche? Ist der Umgang mit Geld auf Märkten alternativlos oder können wir uns andere Verhaltensmodelle vorstellen? Im Neoliberalismus werden das Geld und das Preissystem als anthropologische Konstanten dargestellt, die jenseits eines gestalterischen Zugangs liegen. Stattdessen sollen wir uns ihnen unbewusst unterordnen. Inzwischen warnt bereits der vorsitzende Richter des Verfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, vor einer Verhandlung über den ESM, dass eine Entscheidung vor dem Hintergrund der Reaktion der Märkte getroffen werden sollte. Wem überlassen wir es damit, die Regeln unserer Gesellschaft zu setzen – einem Markt?

 

3. In unserer aktuellen Ausgabe liegt der Kapitalismus auf der Couch. Er ist ausgebrannt, kaum jemand glaubt noch ernsthaft an ihn, immer häufiger fragt man sich "wozu", Krisenstimmung macht sich breit. Ist die Blütezeit des Kapitalismus vorüber? Und wie geht es weiter?

Wenn ich mir die historischen Entwicklungen anschaue, hat der Kapitalismus noch nie so wirklich geblüht – wenn dann, nur für wenige. Schon immer war der Kapitalismus von Krisen geprägt, die mit gesellschaftlichen Veränderungen einhergingen. Vielleicht ist der Kapitalismus selbst das Resultat einer gesellschaftlichen Veränderung, wie beispielsweise der Bevölkerungsexplosion im 18. Jahrhundert. Warum betreiben wir ein 200jähriges Krisenprojekt überhaupt noch weiter?
Wenn wir den Kapitalismus jedoch tiefenpsychologisch „auf der Couch“ behandeln, könnten wir einen Blick auf die unbewussten Prozesse werfen, die einer kapitalistischen Gesellschaft zugrunde liegen. Welche Instinkte und Emotionen werden getriggert, welche liegen brach? Ganz offensichtlich sind Angst, Gier und referentieller Selbstbezug die Zugpferde einer wettbewerbsorientierten Marktgesellschaft. Wie daraus jemals ein harmonisches Gleichgewicht entstehen soll, ist den Menschenkenntnissen der ökonomischen Theoretiker überlassen.
Wenden wir uns stattdessen den gesellschaftlichen Bedingungen für eine lebenswerte Zukunft zu, erscheint mir die Frage relevant, welchen strukturellen Nährboden wir für unser soziales Miteinander anstreben. Ängste können abgefangen und Begierden Grenzen gesetzt werden. Aber welche menschlichen Verhaltensweisen wollen wir fördern? In der Antike oder im Mittelalter war viel von Tugenden die Rede. „Märkte“ verlangen nur unseren blinden Egoismus, der inzwischen selbst zur Tugend der Selbstoptimierung wurde. Die Frage danach, wie es weitergeht, erschließt sich mir nur vor dem Hintergrund der menschlichen Fähigkeit, sich zu entwickeln. Kapitalistisch gesehen wird der Mensch frei, in dem er von äußeren Zwängen unabhängig Wahlentscheidungen treffen darf. Aber ist ein alternativloser Marktgehorsam nicht auch ein Zwang? Humanistisch gesehen wird der Mensch nur frei, in dem er sich bildet. Wie es weiter geht ist für mich eine Frage des Lernens und eines bewussten Gestaltens von Beziehungen. Jederzeit stehen wir in sozialer Gemeinschaft mit anderen, dass sollte uns bewusst sein, auch wenn wir uns in anonymen Strukturen bewegen. Beispielgebend für Kontexte in denen das wieder eingeübt wird ist für mich die Solidarische Landwirtschaft, in der Menschen miteinander im Dialog aushandeln, wie sie die landwirtschaftliche Leistung des Bauern gemeinsam finanziell ermöglichen.

 

4. Ist eine nachhaltige Entwicklung im Kapitalismus denkbar?

Wir haben verschiedene Möglichkeiten, Nachhaltigkeit zu definieren. Wenn wir sie im Hinblick auf die ökologische Erhaltung der menschlichen Art betrachten, ist der Kapitalismus sicher in der Lage, die Existenz der Menschheit fortzuführen. Zur Not ernähren wir uns mit Lebensmitteln aus dem Labor wenn die Natur regenerieren muss. Derzeit wird die Natur zur Kühltheke der Menschheit degradiert und hat keinen Wert an sich. Ich denke, die Frage, wie wir in eine wechselseitig fruchtbare Beziehung zur Natur treten können, werden wir nicht in Geldwerten beantworten können, sondern eine Sprache abseits quantitativer Logik finden müssen.
Hinsichtlich einer sozial nachhaltigen Entwicklung ist es komplizierter, weil sie historisch kontingent ist. Sklaven zu halten war einmal sozial verträglich, ebenso wie die Unterdrückung der Frauen. Heute gehen wir wie selbstverständlich davon aus, in einem Arbeitsverhältnis inhaltlich, zeitlich und örtlich weisungsgebunden sein zu müssen, wenn wir dafür entsprechend kompensiert werden. Auch hier frage ich mich, ob wir den Wert einer menschlichen Leistung beziffern und gleichzeitig ihre Würde beibehalten können.
Die ökonomische Perspektive auf Nachhaltigkeit ist angesichts von den Wachstumszwängen, Krisen und Ungleichheiten vielleicht ein Dreh- und Angelpunkt einer nachhaltigen Entwicklung. Wir können viel darüber diskutieren, inwiefern sich der Kapitalismus ohne Wachstum denken lässt, aber für mich ist die Idee eines allseitigen Profits ohne entsprechende Expansion schlicht utopisch.

Der Kapitalismus ist eine Fiktion – Interview mit Sarah Mewes

Anlässlich der aktuellen Ausgabe zum Thema “DER KAPITALISMUS AUF DER COUCH” haben wir ausgewählte Personen um Antworten auf die zentralen Fragen des Heftes gebeten. Hier die Antworten von Sarah Mewes.

 

Der Kapitalismus ist eine Fiktion – Interview mit Sarah Mewes

1. Welchen Aspekt des Kapitalismus finden Sie am interessantesten und am ehesten zu bedenken?

Sarah Mewes

Sarah Mewes: Ich bin 26 Jahre alt und studiere im Master Ökonomie an der Cusanus Hochschule. Als sechszehnjährige Schülerin, verließ ich zum ersten mal für einen einjähriger Schüleraustausch in Argentinien, den europäischen Kontinent. Nach dem Abitur verbrachte ich ein weiteres Jahr in Lateinamerika. In diesen Jahren entwickelten sich die Fragen, welche mich dazu brachten Wirtschaft zu studieren. Aufgrund der anderen Lebensrealitäten, denen ich in Südamerika begegnete, die oft stark von wirtschaftlichen Aspekten dominiert waren, fragte ich mich, was Wirtschaft ist, was sie sein sollte und wie man sie menschenwürdiger und umweltfreundlicher gestalten könnte. In meinem Bachelorstudium VWL und Philosophie fand ich darauf keine Antworten und begann im Arbeitskreis „Plurale Ökonomik“ Ringvorlesungen zu organisieren, um mich wenigstens am Rande mit diesen Fragen beschäftigen zu können. Erst das Masterstudium an der Cusanus Hochschule hat mir dann die Möglichkeit eröffnet eigenen Fragen an Wirtschaft nachgehen zu können.

Schwierig zu sagen, weil es „den Kapitalismus“ ja gar nicht gibt. Der Begriff „Kapitalismus“ wird ja für alles und nichts verwendet. Mal ist er Ausdruck für Marktwirtschaft, schrankenlosen Wettbewerb und Privateigentum an Produktionsmitteln, mal beschreibt er eine Form der Kapitalakkumulation, eine bestimmte Rationalitätsform, die Praxis der Gewinnmaximierung, die Ausschaltung der Demokratie durch die Wirtschaft oder wiederum die Wirtschaftsform welche Demokratie erst ermöglicht hat. Er wird dualistisch als Gegenbild von Planwirtschaft gesehen oder als politischer Kampfbegriff gegen ausbeuterische Wirtschaftsstrukturen. Je nach Interpretation, erscheinen dabei unterschiedliche interessante Aspekte.

Wenn man den Begriff unter der Brille eines Strebens nach Gewinnmaximierung betrachtet, erscheint mir das dahinterstehende Menschenbild als ein interessanter Aspekt. Es wird oft mit dem sogenannten „Homo Oeconomicus“ in Verbindung gesetzt, der als autonomes Individuum in der Welt steht und lediglich seinen individuellen Nutzen maximiert. Der daraus resultierende fehlende Blick für die menschliche Einbettung in eine Sozialstruktur und damit auch eine Verantwortung für selbige, erscheinen mir ein problematischer Aspekt zu sein, den dieses Bild von Kapitalismus in die Welt setzt. Da Theorien nie nur abstrakt bleiben, sondern handlungsleitend wirken und performativ Welt gestalten, kann ein solches Menschenbild verheerende Auswirkungen haben. Wenn sich jeder nur für sein eigenes Wohl verantwortlich fühlt, kann das – entgegen der Annahme Adam Smiths, der unsichtbaren Hand – zu einer Kollision des Sozialwesens führen, wie wir es gerade im Niedergang unseres Sozialstaats beobachten können.

 

2. Warum konnten sich die Menschen so schnell und unbemerkt für das kapitalistische Denken begeistern? Entspricht der Kapitalismus unserer Natur?

Wie kommt die Aussage zustande, dass sich Menschen schnell und unbemerkt für das kapitalistische Denken begeistert hätten? Wenn ich in die Geschichte zurückblicke drängt sich mir dieses Bild nicht gerade auf.

Man denke nur daran, dass sich im Mittelalter zunächst nur in den italienischen Stadtstaaten aktive Geld- und Kapitalvermehrung betrieben wurde, Beispiel erster kapitalistischer Hochburgen betrachtet wird. Das war weiß Gott keine Massenbewegung. Auch von Seiten der Kirche und darüber in nahezu der gesamten Gesellschaft wurde die Praxis der Zinsnahme und das weltliche Gewinnstreben ja lange Zeit verpönt. Begeisterung sieht meines Erachtens anders aus. Dass sich eine auf Kapitalakkumulation beruhende Wirtschaftsweise dennoch durchgesetzt hat, wird vermutlich zu einem großen Teil im Zusammenhang mit begünstigenden Machtverhältnissen stehen. Gewiss ist dabei auch eine gewisse Pfadabhängigkeit mit im Spiel. Allerdings zeigt ja auch schon ein Blick auf die unterschiedlichen Wirtschaftsweisen, die als Kapitalismus bezeichnet werden, dass Menschen auf sehr verschiedene Arten des wirtschaften – diese Einsicht bestätigt sich erst recht, wenn wir es wagen unseren Eurozentrismus hinter uns zu lassen und einen Blick über unsere westliche Welt hinaus zu wagen. Nur weil wir es in den letzten Jahrhunderten durch verschiedenste Kolonialisierungspraktiken geschafft haben, viele andere Kulturen erfolgreich zu zerstören und es heute ein mächtiges globales Wirtschaftssystem gibt, das weltweit Menschen seine Sachzwanglogik aufdrückt, hat das noch lange nichts damit zu tun, das es der menschlichen Natur entspricht – es entspricht vielmehr aktuellen globalen Machtverhältnissen. Die menschliche Natur zeichnet sich dagegen dadurch aus, dass sie offen ist, d.h. ihre Praktiken nicht festgeschrieben sind und Menschen sie anpassen, überdenken und ändern können.

 

3. In unserer aktuellen Ausgabe liegt der Kapitalismus auf der Couch. Er ist ausgebrannt, kaum jemand glaubt noch ernsthaft an ihn, immer häufiger fragt man sich "wozu", Krisenstimmung macht sich breit. Ist die Blütezeit des Kapitalismus vorüber? Und wie geht es weiter?

Die Perspektive einer allgemein verbreiteten Krisenstimmung kann ich nicht mittragen. Vielmehr sehe ich zwei gewissermaßen gegenläufige Entwicklungen: auf der einen Seite ist die herrschende finanzkapitalistische Weltwirtschaftsordnung so stark wie noch nie – man bedenke nur, dass die letzte Finanzkrise zugleich die erste in der Geschichte war, in der keiner der Verantwortlichen für sein Handeln juristisch belangt worden ist. Da macht es eher den Eindruck, als hätte sich der globale Finanzkapitalismus so eine feste Burg gebaut, dass nicht einmal seine eigene Krise ihn mehr erschüttern kann. Allerdings glaube ich weder, dass „der Kapitalismus“ Burgen baut, noch, dass er müde ist. Der Kapitalismus ist keine Person die auf der Couch liegt. Es ist eine gesellschaftliche Fiktion, die wir alle in unserem alltäglichen Handeln reproduzieren… und momentan sind viele Menschen sehr erfolgreich damit.

Wenn jemand müde ist, müssen wir das sein – die Menschen und das ist die andere Seite der Medaille. Verschiedenste Krisenphänomene, welche, das menschliche Dasein existenziell bedrohen und seine aktuelle Lebens- und Wirtschaftsweise infrage stellen, bringen Menschen immer mehr zum Nachdenken, wie er sein Handeln ändern könnte, um auf nachhaltige Weise zu einem guten Leben für Mensch und Umwelt beizutragen.

Eine Perspektive darauf könnte sein, dass weltweite Beschleunigungsprozesse und das endlose Streben nach „mehr“, nicht nur die Umwelt zerstört, sondern auch viele Menschen ermüdet haben. Sie stehen vor einer Sinnkrise, fragen sich, was das alles soll. Das Leben erscheint als Hamsterrad, in dem sie nach etwas Streben, was sie weder wollen, noch sie glücklich macht. Ein Attest was daraus häufig folgt ist Burnout. Heute können wir verschiedenste Gegenbewegungen dazu beobachten. Einerseits gibt es Menschen, die für völlig aussteigen und ihr Leben ändern, auf der anderen Seite versuchen aber auch Unternehmen sich zu ändern und mehr dem Sinnbedürfnis der Menschen anzupassen und ihnen ein Umfeld zu bieten, in dem solche Krisen nicht auftauchen. Ob sie damit auch Verantwortung für die anderen Problematiken, wie dem Umweltwandel übernehmen, ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Ich denke, dass diese Entwicklung weitergehen wird. Menschen werden aussteigen und aus der Erfahrung von Problematiken andere Formen des Wirtschaftens und des Zusammenlebens entwickeln, andererseits werden Unternehmen versuchen sich anzupassen – ob sie dabei Greenwashing betreiben oder authentische Verantwortung übernehmen und anderes Wirtschaften möglich machen wollen steht letzten Endes auch im Zusammenhang damit, was wir fordern – politisch und persönlich.

 

4. Ist eine nachhaltige Entwicklung im Kapitalismus denkbar?

Das kommt stark darauf an, was man einerseits unter Kapitalismus versteht und wie man andererseits Nachhaltigkeit interpretiert. Wenn nachhaltige Entwicklung in einem sozial- ökologischen Wandel besteht, der sich dadurch auszeichnet, dass nutzenmaximierendes Handeln zugunsten des Gemeinwohls aufgegeben und Privateigentum zugunsten von Umweltbewahrung weitgehend aufgehoben wird, bräuchte es schon einen ziemlich weiten Begriff von Kapitalismus, damit das daraus erwachsende System damit noch gefasst würde. Wenn nachhaltige Entwicklung allerdings damit einherginge, dass Unternehmen sich zunehmend ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst werden und diese aktiv in Bezug auf einen Erhalt von Umwelt und Gesellschaft wahrnehmen, wäre es vielleicht eher möglich, den Begriff des Kapitalismus weiter zu verwenden – auch wenn der Homo Oeconomicus dann rausfallen würde. Ich glaube, dass das System letztendlich aus den Menschen besteht die darin agieren, und diese legen fest, wie es konkret ausgestaltet ist. Gegenwärtig sehe ich beide Entwicklungen – den Entwurf einer völlig neuen Wirtschaftsweise unter anderen Arbeits- und Eigentumsbedingungen, sowie den Versuch in alten Strukturen verantwortungsvoll zu handeln, um nachhaltige Entwicklung voran zu treiben. Ich denke eine nachhaltige Entwicklung braucht beides: ein Bewusstsein für die Strukturen, die nicht immer wieder verheerende Auswirkungen haben, wie Kapitalmarktblasen, sowie aber auch eine individuelle Verantwortungsübernahme für das jeweilige Handeln. Ein System kann keine Verantwortung übernehmen, das kann nur der Mensch und bestenfalls strukturiert er dabei das System so, dass es ihm dies auch ermöglicht.

Virtual lunacy – Mit Biomasse in eine nachhaltige Parallelwelt

Virtual lunacy – Mit Biomasse in eine nachhaltige Parallelwelt

von Stefanie Geiselhardt

 

Als Carl von Carlowitz 1713 den forstwirtschaftlichen Grundsatz prägte, dass in einem Wald nur so viel Holz geschlagen werden dürfe, wie nachwachsen kann, stand für ihn der Nutzwert als Bau- und Brennstoff im Vordergrund. Über Wasserschutz, Stabilisierung von Böden und Kohlenstoffspeicherung dürfte er kaum nachgedacht haben. Und schon gar nicht über die Fähigkeit eines Baumes zur Prozessierung von Informationen. „Ein Baum ist ein mit Sonnenlicht betriebener Computer“, schreibt César Hidalgo, Associate Professor am MIT in Boston, in seinem Buch Why information grows. Er „verarbeitet die Informationen, die in seiner Umgebung verfügbar sind.“ Und dabei führt er Operationen durch, wie Stoffwechseltätigkeit, Holzproduktion und Sauerstoffabgabe. Umwelt- und Wirtschaftspolitiker versuchen derzeit, diesen der Natur innewohnenden Fähigkeiten einen Geldwert zuzuschreiben, um zu einer ökologisch wie sozial gerechten Preisbildung zu gelangen. Was in der Theorie gut klingt, hat in der Praxis einen Pferdefuß: An der Fokussierung auf den Nutzwert ändert sich nichts.

Virtual lunacy Geiselhardt

Mensch gestaltet seinen Lebensraum unter Verwendung natürlicher Ressourcen. Aus einem Baum kann ich mir zum Beispiel einen Tisch bauen. Dabei verändere ich nicht das Material – es ist immer noch Holz – wohl aber die darin gespeicherten Informationen. Aus Anleitungen für Photosynthese und Blattwachstum werden auf den Menschen bezogene Handlungsinformationen: was drauf stellen und daran Hausaufgaben machen. Ich kann den Baum aber auch in einem Kraftwerk verfeuern. Dann wird mit dem Informationsgehalt auch die Substanz eliminiert. Der Baum wird wieder zu Gas, einem Häufchen Dreck und Energie. Diese Energie könnte dann den Computer eines World-of-Warcraft-Programmierers antreiben, der gerade einen Baum im Tal der Vier Winde programmiert. Aber niemand würde Bäume abfackeln, um virtuelle Bäume zu programmieren. Oder?

In Indonesien, diesem weit entfernten Inselstaat am unteren Rand Asiens, werden jährlich 700 000 Hektar Regenwald gerodet – hauptsächlich, um Platz für Palmölplantagen zu schaffen. Von diesem Palmöl wird etwa die Hälfte zu Biosprit umgewandelt, das Autos antreibt oder Strom erzeugt. Und mit diesem Strom (Ökostrom, weil Biomasse!) werden dann Millionen Computer gefüttert, an denen Daten produziert werden. Computer wie dieser hier, an dem ein Text über Bäume geschrieben wird. Ich habe hiermit also meinen Beitrag geleistet, um einen realen Urwaldriesen in eine verbale Beschreibung seiner selbst zu überführen. Und da aus keiner Steckdose 100 Prozent Ökostrom kommen, habe ich gleich noch ein paar urzeitliche Urwaldriesen in Form von Kohle und Öl mit zu Buchstaben verwurstet.

Vielleicht sind all die Menschen, die den Großteil ihres Lebens mit Computerspielen verbringen, ja gar nicht weltfremd und lebensuntüchtig, sondern einfach nur ihrer Zeit weit voraus. Vielleicht sind sie es, die als erste verstanden haben, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis wir unsere physische Umwelt vollständig in eine virtuelle überführt haben? Dann bliebe nur noch zu klären, ob das Carlowitz’sche Prinzip der Nachhaltigkeit auch im Wald von Elwynn anwendbar ist.

 

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Stefanie GeiselhardtStefanie Geiselhardt lebt als freie Redakteurin für Umwelt- und Wissenschaftskommunikation in Berlin. Sie interessiert sie sich dafür, wie Mensch und Natur heute und in Zukunft miteinander klar kommen & dabei kreuz und quer durch alle Disziplinen denken. Darüber schreibt die promovierte Ökologin auch auf ihrem Blog: www.stefanie-geiselhardt.de