Warum betreiben wir ein 200-jähriges Krisenprojekt überhaupt noch weiter? – Interview mit David Hemmerle

Anläss­lich der aktu­el­len Aus­ga­be zum The­ma “DER KAPITALISMUS AUF DER COUCH” haben wir aus­ge­wähl­te Per­so­nen um Ant­wor­ten auf die zen­tra­len Fra­gen des Hef­tes gebe­ten. Hier die Ant­wor­ten von David Hem­mer­le.

Wenn ich mir die historischen Entwicklungen anschaue, hat der Kapitalismus noch nie so wirklich geblüht

1. Wel­chen Aspekt des Kapi­ta­lis­mus fin­den Sie am inter­es­san­tes­ten und am ehes­ten zu beden­ken?

David Hemmerle

David Hem­mer­le, Jahr­gang 1990, ist Mas­ter­stu­dent in Öko­no­mie und Gesell­schafts­ge­stal­tung an der Cusa­nus Hoch­schu­le. In sei­nem dor­ti­gen Stu­di­ums­schwer­punkt beschäf­tigt ihn die his­to­ri­sche Gene­se des Eigen­tums­be­griffs, spe­zi­ell im Hin­blick auf sei­ne rechts­öko­no­mi­sche sowie onto­lo­gi­sche Begrün­dung. In sei­ner Mas­ter­ar­beit unter­sucht er, wie sich das Eigen­tum im Zusam­men­hang mit der tech­no­lo­gi­schen Ent­wick­lung der Block­chain ver­hält.

Inter­es­sant am wirt­schaft­li­chen Sys­tem fin­de ich, wie eng das Ent­ste­hen des Gel­des mit dem des abs­trak­ten Den­kens ver­floch­ten ist. Wie die For­scher David Graeber und Karl-Heinz Brod­beck zei­gen, prägt der Umgang mit Geld unser Den­ken seit Jahr­tau­sen­den. Die heu­ti­gen Errun­gen­schaf­ten der Natur­wis­sen­schaf­ten und der Tech­nik gehen dar­auf zurück. Aller­dings läuft die­se Ent­wick­lung Gefahr, sich gegen uns zu keh­ren. Die Dia­lek­tik der Auf­klä­rung ist eben, dass die mono­li­thi­sche Wahr­heit einer auf­ge­hen­den mathe­ma­ti­schen Glei­chung im von der Rea­li­tät ent­kop­pel­ten Ver­stand eine eige­ne anthro­po­zen­tri­sche Mytho­lo­gie ent­fal­tet. Wenn die von Öko­no­men ent­deck­ten „Geset­ze“ gel­ten, weil ihre inne­re Kon­sis­tenz mathe­ma­tisch beweis­bar ist, dann stellt sich vor dem Hin­ter­grund eines unse­re eige­ne Exis­tenz gefähr­den­den Kapi­ta­lis­mus die Fra­ge, ob dies die ein­zig legi­ti­me Wahr­heits­fin­dung ist. Ich den­ke daher, das der omni­prä­sen­ten Bedeu­tung der Zahl (auch in Form des Gel­des) eine Refle­xi­on über die onto­lo­gi­schen Gren­zen die­ses Blicks auf die Welt ent­ge­gen­ge­setzt wer­den soll­te, die um die Dis­kus­si­on alter­na­ti­ver epis­te­mi­scher Sym­bo­li­ken ergänzt wird.

 

2. War­um konn­ten sich die Men­schen so schnell und unbe­merkt für das kapi­ta­lis­ti­sche Den­ken begeis­tern? Ent­spricht der Kapi­ta­lis­mus unse­rer Natur?

Ich den­ke nicht, dass die mensch­li­che Natur den Kapi­ta­lis­mus not­wen­dig her­vor­bringt. Er wird aller­dings häu­fig als not­wen­di­ge Kon­se­quenz der mensch­li­chen Ent­wick­lung dar­ge­stellt. Der Mensch kann sei­ne Hand­lungs­wei­sen jedoch kul­tu­rell reflek­tie­ren. Wenn Öko­no­men von den Geset­zen des Mark­tes oder alter­na­tiv­lo­sen Sach­zwän­gen spre­chen, bin ich skep­tisch, wel­che Annah­men sie zuvor über die mensch­li­che Natur getrof­fen haben. Wer­fe ich dann einen Blick auf die mathe­ma­tisch-funk­tio­na­len Axio­me, die den Men­schen als nut­zen­ma­xi­mie­ren­den homo oeco­no­mi­c­us beschrei­ben, stel­le ich mir die Fra­ge: Wo sind da die refle­xi­ven Fähig­kei­ten des Men­schen, durch die er sein Han­deln hin­ter­fra­gen könn­te? Brau­chen wir noch Rich­te­rIn­nen, Psy­cho­the­ra­peu­tIn­nen oder Leh­re­rIn­nen, die uns dazu anlei­ten, unser Han­deln zu über­den­ken, oder Medi­ta­ti­on, um uns sei­ner Impul­se bewusst zu wer­den, wenn ohne­hin alle Prä­fe­ren­zen gege­ben sind und Ent­schei­dun­gen nut­zen­ori­en­tiert fal­len?
Wel­chen Ein­fluss hat Den­ken und Han­deln mit Geld dar­auf, dass ich mei­nen Vor­teil suche? Ist der Umgang mit Geld auf Märk­ten alter­na­tiv­los oder kön­nen wir uns ande­re Ver­hal­tens­mo­del­le vor­stel­len? Im Neo­li­be­ra­lis­mus wer­den das Geld und das Preis­sys­tem als anthro­po­lo­gi­sche Kon­stan­ten dar­ge­stellt, die jen­seits eines gestal­te­ri­schen Zugangs lie­gen. Statt­des­sen sol­len wir uns ihnen unbe­wusst unter­ord­nen. Inzwi­schen warnt bereits der vor­sit­zen­de Rich­ter des Ver­fas­sungs­ge­richts, Andre­as Voß­kuh­le, vor einer Ver­hand­lung über den ESM, dass eine Ent­schei­dung vor dem Hin­ter­grund der Reak­ti­on der Märk­te getrof­fen wer­den soll­te. Wem über­las­sen wir es damit, die Regeln unse­rer Gesell­schaft zu set­zen – einem Markt?

 

3. In unse­rer aktu­el­len Aus­ga­be liegt der Kapi­ta­lis­mus auf der Couch. Er ist aus­ge­brannt, kaum jemand glaubt noch ernst­haft an ihn, immer häu­fi­ger fragt man sich “wozu”, Kri­sen­stim­mung macht sich breit. Ist die Blü­te­zeit des Kapi­ta­lis­mus vor­über? Und wie geht es wei­ter?

Wenn ich mir die his­to­ri­schen Ent­wick­lun­gen anschaue, hat der Kapi­ta­lis­mus noch nie so wirk­lich geblüht – wenn dann, nur für weni­ge. Schon immer war der Kapi­ta­lis­mus von Kri­sen geprägt, die mit gesell­schaft­li­chen Ver­än­de­run­gen ein­her­gin­gen. Viel­leicht ist der Kapi­ta­lis­mus selbst das Resul­tat einer gesell­schaft­li­chen Ver­än­de­rung, wie bei­spiels­wei­se der Bevöl­ke­rungs­ex­plo­si­on im 18. Jahr­hun­dert. War­um betrei­ben wir ein 200jähriges Kri­sen­pro­jekt über­haupt noch wei­ter?
Wenn wir den Kapi­ta­lis­mus jedoch tie­fen­psy­cho­lo­gisch „auf der Couch“ behan­deln, könn­ten wir einen Blick auf die unbe­wuss­ten Pro­zes­se wer­fen, die einer kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft zugrun­de lie­gen. Wel­che Instink­te und Emo­tio­nen wer­den getrig­gert, wel­che lie­gen brach? Ganz offen­sicht­lich sind Angst, Gier und refe­ren­ti­el­ler Selbst­be­zug die Zug­pfer­de einer wett­be­werbs­ori­en­tier­ten Markt­ge­sell­schaft. Wie dar­aus jemals ein har­mo­ni­sches Gleich­ge­wicht ent­ste­hen soll, ist den Men­schen­kennt­nis­sen der öko­no­mi­schen Theo­re­ti­ker über­las­sen.
Wen­den wir uns statt­des­sen den gesell­schaft­li­chen Bedin­gun­gen für eine lebens­wer­te Zukunft zu, erscheint mir die Fra­ge rele­vant, wel­chen struk­tu­rel­len Nähr­bo­den wir für unser sozia­les Mit­ein­an­der anstre­ben. Ängs­te kön­nen abge­fan­gen und Begier­den Gren­zen gesetzt wer­den. Aber wel­che mensch­li­chen Ver­hal­tens­wei­sen wol­len wir för­dern? In der Anti­ke oder im Mit­tel­al­ter war viel von Tugen­den die Rede. „Märk­te“ ver­lan­gen nur unse­ren blin­den Ego­is­mus, der inzwi­schen selbst zur Tugend der Selb­st­op­ti­mie­rung wur­de. Die Fra­ge danach, wie es wei­ter­geht, erschließt sich mir nur vor dem Hin­ter­grund der mensch­li­chen Fähig­keit, sich zu ent­wi­ckeln. Kapi­ta­lis­tisch gese­hen wird der Mensch frei, in dem er von äuße­ren Zwän­gen unab­hän­gig Wahl­ent­schei­dun­gen tref­fen darf. Aber ist ein alter­na­tiv­lo­ser Markt­ge­hor­sam nicht auch ein Zwang? Huma­nis­tisch gese­hen wird der Mensch nur frei, in dem er sich bil­det. Wie es wei­ter geht ist für mich eine Fra­ge des Ler­nens und eines bewuss­ten Gestal­tens von Bezie­hun­gen. Jeder­zeit ste­hen wir in sozia­ler Gemein­schaft mit ande­ren, dass soll­te uns bewusst sein, auch wenn wir uns in anony­men Struk­tu­ren bewe­gen. Bei­spiel­ge­bend für Kon­tex­te in denen das wie­der ein­ge­übt wird ist für mich die Soli­da­ri­sche Land­wirt­schaft, in der Men­schen mit­ein­an­der im Dia­log aus­han­deln, wie sie die land­wirt­schaft­li­che Leis­tung des Bau­ern gemein­sam finan­zi­ell ermög­li­chen.

 

4. Ist eine nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung im Kapi­ta­lis­mus denk­bar?

Wir haben ver­schie­de­ne Mög­lich­kei­ten, Nach­hal­tig­keit zu defi­nie­ren. Wenn wir sie im Hin­blick auf die öko­lo­gi­sche Erhal­tung der mensch­li­chen Art betrach­ten, ist der Kapi­ta­lis­mus sicher in der Lage, die Exis­tenz der Mensch­heit fort­zu­füh­ren. Zur Not ernäh­ren wir uns mit Lebens­mit­teln aus dem Labor wenn die Natur rege­ne­rie­ren muss. Der­zeit wird die Natur zur Kühl­the­ke der Mensch­heit degra­diert und hat kei­nen Wert an sich. Ich den­ke, die Fra­ge, wie wir in eine wech­sel­sei­tig frucht­ba­re Bezie­hung zur Natur tre­ten kön­nen, wer­den wir nicht in Geld­wer­ten beant­wor­ten kön­nen, son­dern eine Spra­che abseits quan­ti­ta­ti­ver Logik fin­den müs­sen.
Hin­sicht­lich einer sozi­al nach­hal­ti­gen Ent­wick­lung ist es kom­pli­zier­ter, weil sie his­to­risch kon­tin­gent ist. Skla­ven zu hal­ten war ein­mal sozi­al ver­träg­lich, eben­so wie die Unter­drü­ckung der Frau­en. Heu­te gehen wir wie selbst­ver­ständ­lich davon aus, in einem Arbeits­ver­hält­nis inhalt­lich, zeit­lich und ört­lich wei­sungs­ge­bun­den sein zu müs­sen, wenn wir dafür ent­spre­chend kom­pen­siert wer­den. Auch hier fra­ge ich mich, ob wir den Wert einer mensch­li­chen Leis­tung bezif­fern und gleich­zei­tig ihre Wür­de bei­be­hal­ten kön­nen.
Die öko­no­mi­sche Per­spek­ti­ve auf Nach­hal­tig­keit ist ange­sichts von den Wachs­tums­zwän­gen, Kri­sen und Ungleich­hei­ten viel­leicht ein Dreh- und Angel­punkt einer nach­hal­ti­gen Ent­wick­lung. Wir kön­nen viel dar­über dis­ku­tie­ren, inwie­fern sich der Kapi­ta­lis­mus ohne Wachs­tum den­ken lässt, aber für mich ist die Idee eines all­sei­ti­gen Pro­fits ohne ent­spre­chen­de Expan­si­on schlicht uto­pisch.

Der Kapitalismus ist eine Fiktion – Interview mit Sarah Mewes

Anläss­lich der aktu­el­len Aus­ga­be zum The­ma “DER KAPITALISMUS AUF DER COUCH” haben wir aus­ge­wähl­te Per­so­nen um Ant­wor­ten auf die zen­tra­len Fra­gen des Hef­tes gebe­ten. Hier die Ant­wor­ten von Sarah Mewes.

 

Der Kapitalismus ist eine Fiktion – Interview mit Sarah Mewes

1. Wel­chen Aspekt des Kapi­ta­lis­mus fin­den Sie am inter­es­san­tes­ten und am ehes­ten zu beden­ken?

Sarah Mewes

Sarah Mewes: Ich bin 26 Jah­re alt und stu­die­re im Mas­ter Öko­no­mie an der Cusa­nus Hoch­schu­le. Als sechs­zehn­jäh­ri­ge Schü­le­rin, ver­ließ ich zum ers­ten mal für einen ein­jäh­ri­ger Schü­ler­aus­tausch in Argen­ti­ni­en, den euro­päi­schen Kon­ti­nent. Nach dem Abitur ver­brach­te ich ein wei­te­res Jahr in Latein­ame­ri­ka. In die­sen Jah­ren ent­wi­ckel­ten sich die Fra­gen, wel­che mich dazu brach­ten Wirt­schaft zu stu­die­ren. Auf­grund der ande­ren Lebens­rea­li­tä­ten, denen ich in Süd­ame­ri­ka begeg­ne­te, die oft stark von wirt­schaft­li­chen Aspek­ten domi­niert waren, frag­te ich mich, was Wirt­schaft ist, was sie sein soll­te und wie man sie men­schen­wür­di­ger und umwelt­freund­li­cher gestal­ten könn­te. In mei­nem Bache­lor­stu­di­um VWL und Phi­lo­so­phie fand ich dar­auf kei­ne Ant­wor­ten und begann im Arbeits­kreis „Plu­ra­le Öko­no­mik“ Ring­vor­le­sun­gen zu orga­ni­sie­ren, um mich wenigs­tens am Ran­de mit die­sen Fra­gen beschäf­ti­gen zu kön­nen. Erst das Mas­ter­stu­di­um an der Cusa­nus Hoch­schu­le hat mir dann die Mög­lich­keit eröff­net eige­nen Fra­gen an Wirt­schaft nach­ge­hen zu kön­nen.

Schwie­rig zu sagen, weil es „den Kapi­ta­lis­mus“ ja gar nicht gibt. Der Begriff „Kapi­ta­lis­mus“ wird ja für alles und nichts ver­wen­det. Mal ist er Aus­druck für Markt­wirt­schaft, schran­ken­lo­sen Wett­be­werb und Pri­vat­ei­gen­tum an Pro­duk­ti­ons­mit­teln, mal beschreibt er eine Form der Kapi­tal­ak­ku­mu­la­ti­on, eine bestimm­te Ratio­na­li­täts­form, die Pra­xis der Gewinn­ma­xi­mie­rung, die Aus­schal­tung der Demo­kra­tie durch die Wirt­schaft oder wie­der­um die Wirt­schafts­form wel­che Demo­kra­tie erst ermög­licht hat. Er wird dua­lis­tisch als Gegen­bild von Plan­wirt­schaft gese­hen oder als poli­ti­scher Kampf­be­griff gegen aus­beu­te­ri­sche Wirt­schafts­struk­tu­ren. Je nach Inter­pre­ta­ti­on, erschei­nen dabei unter­schied­li­che inter­es­san­te Aspek­te.

Wenn man den Begriff unter der Bril­le eines Stre­bens nach Gewinn­ma­xi­mie­rung betrach­tet, erscheint mir das dahin­ter­ste­hen­de Men­schen­bild als ein inter­es­san­ter Aspekt. Es wird oft mit dem soge­nann­ten „Homo Oeco­no­mi­c­us“ in Ver­bin­dung gesetzt, der als auto­no­mes Indi­vi­du­um in der Welt steht und ledig­lich sei­nen indi­vi­du­el­len Nut­zen maxi­miert. Der dar­aus resul­tie­ren­de feh­len­de Blick für die mensch­li­che Ein­bet­tung in eine Sozi­al­struk­tur und damit auch eine Ver­ant­wor­tung für sel­bi­ge, erschei­nen mir ein pro­ble­ma­ti­scher Aspekt zu sein, den die­ses Bild von Kapi­ta­lis­mus in die Welt setzt. Da Theo­ri­en nie nur abs­trakt blei­ben, son­dern hand­lungs­lei­tend wir­ken und per­for­ma­tiv Welt gestal­ten, kann ein sol­ches Men­schen­bild ver­hee­ren­de Aus­wir­kun­gen haben. Wenn sich jeder nur für sein eige­nes Wohl ver­ant­wort­lich fühlt, kann das – ent­ge­gen der Annah­me Adam Smiths, der unsicht­ba­ren Hand – zu einer Kol­li­si­on des Sozi­al­we­sens füh­ren, wie wir es gera­de im Nie­der­gang unse­res Sozi­al­staats beob­ach­ten kön­nen.

 

2. War­um konn­ten sich die Men­schen so schnell und unbe­merkt für das kapi­ta­lis­ti­sche Den­ken begeis­tern? Ent­spricht der Kapi­ta­lis­mus unse­rer Natur?

Wie kommt die Aus­sa­ge zustan­de, dass sich Men­schen schnell und unbe­merkt für das kapi­ta­lis­ti­sche Den­ken begeis­tert hät­ten? Wenn ich in die Geschich­te zurück­bli­cke drängt sich mir die­ses Bild nicht gera­de auf.

Man den­ke nur dar­an, dass sich im Mit­tel­al­ter zunächst nur in den ita­lie­ni­schen Stadt­staa­ten akti­ve Geld- und Kapi­tal­ver­meh­rung betrie­ben wur­de, Bei­spiel ers­ter kapi­ta­lis­ti­scher Hoch­bur­gen betrach­tet wird. Das war weiß Gott kei­ne Mas­sen­be­we­gung. Auch von Sei­ten der Kir­che und dar­über in nahe­zu der gesam­ten Gesell­schaft wur­de die Pra­xis der Zins­nah­me und das welt­li­che Gewinn­stre­ben ja lan­ge Zeit ver­pönt. Begeis­te­rung sieht mei­nes Erach­tens anders aus. Dass sich eine auf Kapi­tal­ak­ku­mu­la­ti­on beru­hen­de Wirt­schafts­wei­se den­noch durch­ge­setzt hat, wird ver­mut­lich zu einem gro­ßen Teil im Zusam­men­hang mit begüns­ti­gen­den Macht­ver­hält­nis­sen ste­hen. Gewiss ist dabei auch eine gewis­se Pfad­ab­hän­gig­keit mit im Spiel. Aller­dings zeigt ja auch schon ein Blick auf die unter­schied­li­chen Wirt­schafts­wei­sen, die als Kapi­ta­lis­mus bezeich­net wer­den, dass Men­schen auf sehr ver­schie­de­ne Arten des wirt­schaf­ten – die­se Ein­sicht bestä­tigt sich erst recht, wenn wir es wagen unse­ren Euro­zen­tris­mus hin­ter uns zu las­sen und einen Blick über unse­re west­li­che Welt hin­aus zu wagen. Nur weil wir es in den letz­ten Jahr­hun­der­ten durch ver­schie­dens­te Kolo­nia­li­sie­rungs­prak­ti­ken geschafft haben, vie­le ande­re Kul­tu­ren erfolg­reich zu zer­stö­ren und es heu­te ein mäch­ti­ges glo­ba­les Wirt­schafts­sys­tem gibt, das welt­weit Men­schen sei­ne Sach­zwan­g­lo­gik auf­drückt, hat das noch lan­ge nichts damit zu tun, das es der mensch­li­chen Natur ent­spricht – es ent­spricht viel­mehr aktu­el­len glo­ba­len Macht­ver­hält­nis­sen. Die mensch­li­che Natur zeich­net sich dage­gen dadurch aus, dass sie offen ist, d.h. ihre Prak­ti­ken nicht fest­ge­schrie­ben sind und Men­schen sie anpas­sen, über­den­ken und ändern kön­nen.

 

3. In unse­rer aktu­el­len Aus­ga­be liegt der Kapi­ta­lis­mus auf der Couch. Er ist aus­ge­brannt, kaum jemand glaubt noch ernst­haft an ihn, immer häu­fi­ger fragt man sich “wozu”, Kri­sen­stim­mung macht sich breit. Ist die Blü­te­zeit des Kapi­ta­lis­mus vor­über? Und wie geht es wei­ter?

Die Per­spek­ti­ve einer all­ge­mein ver­brei­te­ten Kri­sen­stim­mung kann ich nicht mit­tra­gen. Viel­mehr sehe ich zwei gewis­ser­ma­ßen gegen­läu­fi­ge Ent­wick­lun­gen: auf der einen Sei­te ist die herr­schen­de finanz­ka­pi­ta­lis­ti­sche Welt­wirt­schafts­ord­nung so stark wie noch nie – man beden­ke nur, dass die letz­te Finanz­kri­se zugleich die ers­te in der Geschich­te war, in der kei­ner der Ver­ant­wort­li­chen für sein Han­deln juris­tisch belangt wor­den ist. Da macht es eher den Ein­druck, als hät­te sich der glo­ba­le Finanz­ka­pi­ta­lis­mus so eine fes­te Burg gebaut, dass nicht ein­mal sei­ne eige­ne Kri­se ihn mehr erschüt­tern kann. Aller­dings glau­be ich weder, dass „der Kapi­ta­lis­mus“ Bur­gen baut, noch, dass er müde ist. Der Kapi­ta­lis­mus ist kei­ne Per­son die auf der Couch liegt. Es ist eine gesell­schaft­li­che Fik­ti­on, die wir alle in unse­rem all­täg­li­chen Han­deln repro­du­zie­ren… und momen­tan sind vie­le Men­schen sehr erfolg­reich damit.

Wenn jemand müde ist, müs­sen wir das sein – die Men­schen und das ist die ande­re Sei­te der Medail­le. Ver­schie­dens­te Kri­sen­phä­no­me­ne, wel­che, das mensch­li­che Dasein exis­ten­zi­ell bedro­hen und sei­ne aktu­el­le Lebens- und Wirt­schafts­wei­se infra­ge stel­len, brin­gen Men­schen immer mehr zum Nach­den­ken, wie er sein Han­deln ändern könn­te, um auf nach­hal­ti­ge Wei­se zu einem guten Leben für Mensch und Umwelt bei­zu­tra­gen.

Eine Per­spek­ti­ve dar­auf könn­te sein, dass welt­wei­te Beschleu­ni­gungs­pro­zes­se und das end­lo­se Stre­ben nach „mehr“, nicht nur die Umwelt zer­stört, son­dern auch vie­le Men­schen ermü­det haben. Sie ste­hen vor einer Sinn­kri­se, fra­gen sich, was das alles soll. Das Leben erscheint als Hams­ter­rad, in dem sie nach etwas Stre­ben, was sie weder wol­len, noch sie glück­lich macht. Ein Attest was dar­aus häu­fig folgt ist Bur­nout. Heu­te kön­nen wir ver­schie­dens­te Gegen­be­we­gun­gen dazu beob­ach­ten. Einer­seits gibt es Men­schen, die für völ­lig aus­stei­gen und ihr Leben ändern, auf der ande­ren Sei­te ver­su­chen aber auch Unter­neh­men sich zu ändern und mehr dem Sinn­be­dürf­nis der Men­schen anzu­pas­sen und ihnen ein Umfeld zu bie­ten, in dem sol­che Kri­sen nicht auf­tau­chen. Ob sie damit auch Ver­ant­wor­tung für die ande­ren Pro­ble­ma­ti­ken, wie dem Umwelt­wan­del über­neh­men, ist von Fall zu Fall unter­schied­lich. Ich den­ke, dass die­se Ent­wick­lung wei­ter­ge­hen wird. Men­schen wer­den aus­stei­gen und aus der Erfah­rung von Pro­ble­ma­ti­ken ande­re For­men des Wirt­schaf­tens und des Zusam­men­le­bens ent­wi­ckeln, ande­rer­seits wer­den Unter­neh­men ver­su­chen sich anzu­pas­sen – ob sie dabei Green­wa­shing betrei­ben oder authen­ti­sche Ver­ant­wor­tung über­neh­men und ande­res Wirt­schaf­ten mög­lich machen wol­len steht letz­ten Endes auch im Zusam­men­hang damit, was wir for­dern – poli­tisch und per­sön­lich.

 

4. Ist eine nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung im Kapi­ta­lis­mus denk­bar?

Das kommt stark dar­auf an, was man einer­seits unter Kapi­ta­lis­mus ver­steht und wie man ande­rer­seits Nach­hal­tig­keit inter­pre­tiert. Wenn nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung in einem sozi­al- öko­lo­gi­schen Wan­del besteht, der sich dadurch aus­zeich­net, dass nut­zen­ma­xi­mie­ren­des Han­deln zuguns­ten des Gemein­wohls auf­ge­ge­ben und Pri­vat­ei­gen­tum zuguns­ten von Umwelt­be­wah­rung weit­ge­hend auf­ge­ho­ben wird, bräuch­te es schon einen ziem­lich wei­ten Begriff von Kapi­ta­lis­mus, damit das dar­aus erwach­sen­de Sys­tem damit noch gefasst wür­de. Wenn nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung aller­dings damit ein­her­gin­ge, dass Unter­neh­men sich zuneh­mend ihrer gesell­schaft­li­chen Ver­ant­wor­tung bewusst wer­den und die­se aktiv in Bezug auf einen Erhalt von Umwelt und Gesell­schaft wahr­neh­men, wäre es viel­leicht eher mög­lich, den Begriff des Kapi­ta­lis­mus wei­ter zu ver­wen­den – auch wenn der Homo Oeco­no­mi­c­us dann raus­fal­len wür­de. Ich glau­be, dass das Sys­tem letzt­end­lich aus den Men­schen besteht die dar­in agie­ren, und die­se legen fest, wie es kon­kret aus­ge­stal­tet ist. Gegen­wär­tig sehe ich bei­de Ent­wick­lun­gen – den Ent­wurf einer völ­lig neu­en Wirt­schafts­wei­se unter ande­ren Arbeits- und Eigen­tums­be­din­gun­gen, sowie den Ver­such in alten Struk­tu­ren ver­ant­wor­tungs­voll zu han­deln, um nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung vor­an zu trei­ben. Ich den­ke eine nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung braucht bei­des: ein Bewusst­sein für die Struk­tu­ren, die nicht immer wie­der ver­hee­ren­de Aus­wir­kun­gen haben, wie Kapi­tal­markt­bla­sen, sowie aber auch eine indi­vi­du­el­le Ver­ant­wor­tungs­über­nah­me für das jewei­li­ge Han­deln. Ein Sys­tem kann kei­ne Ver­ant­wor­tung über­neh­men, das kann nur der Mensch und bes­ten­falls struk­tu­riert er dabei das Sys­tem so, dass es ihm dies auch ermög­licht.

Virtual lunacy – Mit Biomasse in eine nachhaltige Parallelwelt

Virtual lunacy – Mit Biomasse in eine nachhaltige Parallelwelt

von Ste­fa­nie Gei­sel­hardt

 

Als Carl von Car­lo­witz 1713 den forst­wirt­schaft­li­chen Grund­satz präg­te, dass in einem Wald nur so viel Holz geschla­gen wer­den dür­fe, wie nach­wach­sen kann, stand für ihn der Nutz­wert als Bau- und Brenn­stoff im Vor­der­grund. Über Was­ser­schutz, Sta­bi­li­sie­rung von Böden und Koh­len­stoff­spei­che­rung dürf­te er kaum nach­ge­dacht haben. Und schon gar nicht über die Fähig­keit eines Bau­mes zur Pro­zes­sie­rung von Infor­ma­tio­nen. „Ein Baum ist ein mit Son­nen­licht betrie­be­ner Com­pu­ter“, schreibt César Hid­al­go, Asso­cia­te Pro­fes­sor am MIT in Bos­ton, in sei­nem Buch Why infor­ma­ti­on grows. Er „ver­ar­bei­tet die Infor­ma­tio­nen, die in sei­ner Umge­bung ver­füg­bar sind.“ Und dabei führt er Ope­ra­tio­nen durch, wie Stoff­wech­sel­tä­tig­keit, Holz­pro­duk­ti­on und Sauer­stoff­ab­ga­be. Umwelt- und Wirt­schafts­po­li­ti­ker ver­su­chen der­zeit, die­sen der Natur inne­woh­nen­den Fähig­kei­ten einen Geld­wert zuzu­schrei­ben, um zu einer öko­lo­gisch wie sozi­al gerech­ten Preis­bil­dung zu gelan­gen. Was in der Theo­rie gut klingt, hat in der Pra­xis einen Pfer­de­fuß: An der Fokus­sie­rung auf den Nutz­wert ändert sich nichts.

Virtual lunacy Geiselhardt

Mensch gestal­tet sei­nen Lebens­raum unter Ver­wen­dung natür­li­cher Res­sour­cen. Aus einem Baum kann ich mir zum Bei­spiel einen Tisch bau­en. Dabei ver­än­de­re ich nicht das Mate­ri­al – es ist immer noch Holz – wohl aber die dar­in gespei­cher­ten Infor­ma­tio­nen. Aus Anlei­tun­gen für Pho­to­syn­the­se und Blatt­wachs­tum wer­den auf den Men­schen bezo­ge­ne Hand­lungs­in­for­ma­tio­nen: was drauf stel­len und dar­an Haus­auf­ga­ben machen. Ich kann den Baum aber auch in einem Kraft­werk ver­feu­ern. Dann wird mit dem Infor­ma­ti­ons­ge­halt auch die Sub­stanz eli­mi­niert. Der Baum wird wie­der zu Gas, einem Häuf­chen Dreck und Ener­gie. Die­se Ener­gie könn­te dann den Com­pu­ter eines World-of-War­craft-Pro­gram­mie­rers antrei­ben, der gera­de einen Baum im Tal der Vier Win­de pro­gram­miert. Aber nie­mand wür­de Bäu­me abfa­ckeln, um vir­tu­el­le Bäu­me zu pro­gram­mie­ren. Oder?

In Indo­ne­si­en, die­sem weit ent­fern­ten Insel­staat am unte­ren Rand Asi­ens, wer­den jähr­lich 700 000 Hekt­ar Regen­wald gero­det – haupt­säch­lich, um Platz für Palm­öl­plan­ta­gen zu schaf­fen. Von die­sem Palm­öl wird etwa die Hälf­te zu Bio­sprit umge­wan­delt, das Autos antreibt oder Strom erzeugt. Und mit die­sem Strom (Öko­strom, weil Bio­mas­se!) wer­den dann Mil­lio­nen Com­pu­ter gefüt­tert, an denen Daten pro­du­ziert wer­den. Com­pu­ter wie die­ser hier, an dem ein Text über Bäu­me geschrie­ben wird. Ich habe hier­mit also mei­nen Bei­trag geleis­tet, um einen rea­len Urwald­rie­sen in eine ver­ba­le Beschrei­bung sei­ner selbst zu über­füh­ren. Und da aus kei­ner Steck­do­se 100 Pro­zent Öko­strom kom­men, habe ich gleich noch ein paar urzeit­li­che Urwald­rie­sen in Form von Koh­le und Öl mit zu Buch­sta­ben ver­wurs­tet.

Viel­leicht sind all die Men­schen, die den Groß­teil ihres Lebens mit Com­pu­ter­spie­len ver­brin­gen, ja gar nicht welt­fremd und lebens­un­tüch­tig, son­dern ein­fach nur ihrer Zeit weit vor­aus. Viel­leicht sind sie es, die als ers­te ver­stan­den haben, dass es nur eine Fra­ge der Zeit ist, bis wir unse­re phy­si­sche Umwelt voll­stän­dig in eine vir­tu­el­le über­führt haben? Dann blie­be nur noch zu klä­ren, ob das Carlowitz’sche Prin­zip der Nach­hal­tig­keit auch im Wald von Elwynn anwend­bar ist.

 

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Stefanie GeiselhardtSte­fa­nie Gei­sel­hardt lebt als freie Redak­teu­rin für Umwelt- und Wis­sen­schafts­kom­mu­ni­ka­ti­on in Ber­lin. Sie inter­es­siert sie sich dafür, wie Mensch und Natur heu­te und in Zukunft mit­ein­an­der klar kom­men & dabei kreuz und quer durch alle Dis­zi­pli­nen den­ken. Dar­über schreibt die pro­mo­vier­te Öko­lo­gin auch auf ihrem Blog: www.stefanie-geiselhardt.de