Unruhe – Ralf Konersmann über ein Leitbild der Moderne

Unruhe

von Ralf Kon­ers­mann

 

Ralf Konersmann

Ralf Kon­ers­mann ist Pro­fes­sor für Phi­lo­so­phie an der Uni­ver­si­tät Kiel und Direk­tor des dor­ti­gen Phi­lo­so­phi­schen Semi­nars. Er ist Her­aus­ge­ber des Wör­ter­buchs der phi­lo­so­phi­schen Meta­phern, Mit­her­aus­ge­ber der Zeit­schrift für Kul­tur­phi­lo­so­phie sowie des His­to­ri­schen Wör­ter­buchs der Phi­lo­so­phie. Foto: Bodo Krem­min

Lan­ge Zeit war der Begriff des Leit­bil­des ver­pönt. Der 1967 von Theo­dor W. Ador­no für eine Samm­lung phi­lo­so­phi­scher Essays gewähl­te Titel Ohne Leit­bild war Pro­gramm. Kei­nes­falls durf­te der Lauf der Din­ge durch die Befan­gen­hei­ten des Augen­blicks behin­dert wer­den, die Zukunft soll­te offen sein.

Geschichts­phi­lo­so­phisch war der Ver­zicht kon­se­quent, aber er war auch unpo­li­tisch. Die Absa­ge igno­rier­te die Tat­sa­che, dass die Gegen­wart ihre Leit­bil­der längst schon besitzt und dass die­se von den Leit­me­di­en und der Poli­tik, von Wis­sen­schaft und Wer­bung stän­dig in Anspruch genom­men wer­den – Leit­bil­der im Übri­gen, die kaum jemals als sol­che aus­ge­wie­sen sind und, weil sie sich gleich­sam von selbst ver­ste­hen, umso über­zeu­gen­der wir­ken.

Zu die­ser Art Leit­bil­der, die in aus­ge­such­ten Momen­ten macht­voll auf­schei­nen, ansons­ten aber im Bereich des kul­tu­rell Unbe­wuss­ten zu Hau­se sind, gehört die Unru­he. Die Unru­he ist da, sie ist über­all, tritt aber kaum jemals rein als sol­che her­vor. Und doch wis­sen wir alle nur zu gut, was es heißt, dass wir vor­wärts­kom­men müs­sen, dass wer nicht kämpft, schon ver­lo­ren hat, dass wir die Hän­de nicht in den Schoß legen dür­fen und öfter mal was Neu­es anfan­gen müs­sen. Die all­tags­sprach­li­chen Echos der Unru­he sind uns allen ver­traut, und es wäre falsch zu mei­nen, hier geschä­he etwas heim­lich oder im Ver­bor­ge­nen. Der Kon­sens der Unru­he ist mit Hän­den zu grei­fen und braucht, eben weil das Ein­ver­neh­men total ist, weder über­prüft noch gerecht­fer­tigt zu wer­den. In die­sem Kli­ma frag­lo­ser Akzep­tanz dient uns das Abc der Unru­he als eine Art Kom­pass, der uns durch den Tag führt und der uns die Stich­wor­te lie­fert, wenn es gilt, das Leben so zu leben, wie es heu­te gelebt sein will.

 

Unru­he als Lei­den­schaft

Seit rund sech­zig Jah­ren kla­gen die Men­schen über Stress, seit der Jahr­tau­send­wen­de über Burn-out. Umso drin­gen­der stellt sich die Fra­ge: Wie hat die­ses Leit­bild der Unru­he ent­ste­hen, wie hat es sich in den Köp­fen und Her­zen fest­set­zen kön­nen? Wie ist es zuge­gan­gen, dass wir, obgleich wir offen­sicht­lich an ihr lei­den, zu Enthu­si­as­ten der Unru­he gewor­den sind?

Mei­ne The­se ist, dass Leit­bil­der Ori­en­tie­run­gen sind – Ori­en­tie­run­gen, die nicht des­halb ange­nom­men wer­den, weil sie im anspruchs­vol­len Sinn des Wor­tes wahr sind, son­dern weil sie all­ge­mei­nen Über­zeu­gun­gen ent­spre­chen und jeder­mann unmit­tel­bar ein­leuch­ten. Die enor­me Kul­tur­be­deu­tung der Unru­he ent­springt aus ihrer Aktua­li­tät: aus dem, was der Unru­he zuge­traut wird.

Die Unru­he hat eine lan­ge und höchst wider­spruchs­vol­le Bedeu­tungs­ge­schich­te durch­lau­fen – vom Ver­häng­nis und dem Zei­chen der Sün­de, von dem die Theo­lo­gen jahr­hun­der­te­lang gespro­chen haben, bis hin zum Ver­spre­chen, das der frü­he Auf­klä­rungs­phi­lo­soph Fran­cis Bacon aus der Unru­he her­aus­le­sen woll­te. Die Geschich­te der Neu­zeit ist ganz wesent­lich die Aner­ken­nungs­ge­schich­te der Unru­he. Selbst die Freu­de sei Unru­he, ver­si­chert Lud­wig Feu­er­bach in sei­nen Leib­niz-Stu­di­en: „Ja, die Unru­he ist selbst wesent­lich zur Glück­se­lig­keit der Geschöp­fe, denn sie besteht nicht in einem voll­komm­nen Besit­ze, der sie nur fühl­los und stumpf machen wür­de, son­dern in einem fort­wäh­ren­den und unun­ter­broch­nen Fort­schritt zu immer grö­ßern Gütern, ein Fort­schritt, wel­cher nicht ohne ein Ver­lan­gen oder eine bestän­di­ge Unru­he denk­bar ist.“

Leit­bil­der, auch dar­an ent­zün­de­te sich die Kri­tik Ador­nos, müs­sen sich nicht erklä­ren – sie müs­sen ein­leuch­tend sein. Die Zei­len Feu­er­bachs heben die­se Qua­li­tät leit­bild­haf­ter Ori­en­tie­run­gen her­vor, indem sie ein­mal unum­wun­den aus­spre­chen, was auf dem Boden der west­li­chen Kul­tur jedes Kind ver­stan­den und sich, wenn es klug ist, zuei­gen gemacht hat: die Lei­den­schaft für Bewe­gung, Wan­del und Ver­än­de­rung; das Fie­ber des Auf­bruchs und des Vor­wärts­kom­men­wol­lens; die Begeis­te­rung für Ande­res, Frem­des und Neu­es.

 

Kri­tik der Unru­he

Schon zur Zeit ihrer Ent­fes­se­lung, also im Ver­lauf des 17. Jahr­hun­derts, ist die pro­ble­ma­ti­sche Sei­te der Unru­he gese­hen wor­den, am deut­lichs­ten viel­leicht von Blai­se Pas­cal. Der fran­zö­si­sche Phi­lo­soph und Mathe­ma­ti­ker spricht von Zer­streu­ung, vom diver­tis­se­ment, und meint damit die Kor­rum­pie­rung der über­lie­fer­ten Vor­stel­lungs- und Emp­fin­dungs­welt durch die Unru­he. Unmit­tel­bar an der his­to­ri­schen Schwel­le zählt Pas­cal auf, was sich eben gera­de jetzt zu ver­än­dern beginnt: dass wir nun offen­bar zu allem bereit sind, wenn uns nur das Elend der Lan­ge­wei­le erspart bleibt; dass wir uns von den Gegen­stän­den ablen­ken und weg­zie­hen las­sen, denen unse­re Sor­ge gel­ten müss­te; dass wir uns mit unse­rem vol­len Ein­ver­ständ­nis aus unse­rer Mit­te rei­ßen und in eine Wirk­lich­keit trei­ben las­sen, in der wir uns nur ver­lie­ren kön­nen.

Pas­cal bestimmt die mensch­li­che Situa­ti­on, wie sie mit Beginn der Neu­zeit ent­stan­den ist, als Situa­ti­on der Unru­he. Unter dem maß­geb­li­chen Ein­fluss der Psy­cho­lo­gie ist die­se Situa­ti­on seit­her auf das For­mat der „inne­ren Unru­he“ geschrumpft. Erkennt­nis­för­dernd ist die­se Dia­gno­se nicht. Sie trübt den Blick für die Zwei­deu­tig­keit des The­mas: dafür, dass die Unru­he Ver­häng­nis und Ver­spre­chen zugleich ist – eine Pas­si­on. Noch weni­ger ist sich die­se dia­gnos­ti­sche Rou­ti­ne ihrer eige­nen Ver­stri­ckung bewusst: der Tat­sa­che, dass der sche­ma­ti­sche Kreis­lauf von Pro­blem und Lösung selbst ein Echo der Unru­he ist. Tat­säch­lich ist die Unru­he Lebens­form und Denk­form zugleich: die west­li­che Art, das Leben anzu­neh­men.

Da dies aber so ist und die Unru­he mit der Kul­tur­wirk­lich­keit des Wes­tens ver­schmol­zen ist, gibt es kein Rezept. Wir kön­nen die Unru­he nicht abschaf­fen und über­win­den. Wohl aber kön­nen wir beson­nen mit ihr umge­hen und die Viel­falt ihrer Erschei­nungs­for­men zur Kennt­nis neh­men. Das führt zu der alten Ein­sicht, dass auch die Leit­bil­der (exem­p­la nobi­lia) Ver­füh­rer zur Unru­he sind. Der Ideo­lo­gie­kri­ti­ker Ador­no hät­te dem wohl zustim­men kön­nen: Indem sie uns dazu auf­for­dern, dem ver­meint­lich Bes­se­ren und Voll­kom­me­ne­ren nach­zu­ei­fern, über­win­den die Leit­bil­der nicht die Schwä­che unse­res Bewusst­seins, son­dern nut­zen sie aus. Die Kri­tik der Unru­he ist auch eine Kri­tik der Leit­bil­der, genau­er: eine Kri­tik ihrer Kom­pli­zen­schaft.

 

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Die­ser Arti­kel ist erst­mals in der agora42-Aus­ga­be 03/2016 LEITBILDER erschie­nen.agora42 LEITBILDER

Die neue Ausgabe: DIGITALISIERUNG

Jetzt erhältlich: DIGITALISIERUNG

 

agora42_Digitalisierung

Die neue agora42 ist nun im Shop erhält­lich. Das Cover gestal­te­te die Male­rin Eloï­se Cot­ty. Eine Vor­schau fin­den Sie hier.

Die Aus­ga­be der agora42 zum The­ma DIGITALISIERUNG ist ab sofort im Shop erhält­lich. Mit Bei­trä­gen von u.a. Felix Stal­der, Pro­fes­sor für digi­ta­le Kul­tur in Zürich, Karin Frick, Lei­te­rin Rese­arch und Mit­glied der Geschäfts­lei­tung des Gott­lieb Dutt­wei­ler Insti­tuts, Joa­chim Paul, Bio­phy­si­ker und für die Pira­ten-Par­tei im Land­tag Nord­rhein-West­fa­lens oder Eike Wen­zel, Grün­der und Lei­ter des Insti­tuts für Trend- und Zukunfts­for­schung. Im Inter­view ver­gleicht Rafa­el Capur­ro, Infor­ma­ti­ons­ethi­ker und Phi­lo­soph, die vir­tu­el­le mit der rea­len Welt:

 

Der Cyber­space erschien vie­len als ein vir­tu­el­ler Raum, der nichts mit der mate­ri­el­len Welt zu tun hat. Dabei war die vir­tu­el­le Welt natür­lich gar nicht so unab­hän­gig von der mate­ri­el­len Welt, wie es den Anschein mach­te…”

 

Im Edi­to­ri­al die­ser Aus­ga­be schreibt Chef­re­dak­teur Frank Augus­tin:

Man kommt um The­men wie Big Data, Inter­net der Din­ge, Block­chain oder künst­li­che Intel­li­genz kaum her­um. Inzwi­schen kön­nen Din­ge fak­tisch Editorial Frank Augustinmit­ein­an­der ver­kop­pelt wer­den, die man frü­her nicht ein­mal gedank­lich in Ver­bin­dung gebracht hat – mit über­wäl­ti­gen­den Mög­lich­kei­ten für Kom­mu­ni­ka­ti­on, For­schung, Mobi­li­tät, Logis­tik und Pro­duk­ti­on. Auch in phi­lo­so­phi­scher Hin­sicht ist das The­ma über­aus reiz­voll, stel­len sich doch sogleich Fra­gen nach neu­en For­men des Wirt­schaf­tens, des gesell­schaft­li­chen Zusam­men­le­bens oder danach, wel­che Aus­wir­kun­gen die tech­ni­schen Ent­wick­lun­gen auf die Frei­heit des Men­schen und des­sen Selbst­ver­ständ­nis haben.”

 

 

 

Blick ins Archiv: Vernunft – eine knappe Ressource

Dass aktu­el­le Pro­ble­me nicht in den Tages­the­men zu sehen sind, son­dern nur durch frei­es Den­ken erkenn­bar wer­den, stel­len wir immer wie­der beim Stö­bern in unse­rem Archiv fest. Seit der Grün­dung des Klein­ver­lags im Jahr 2009 pocht das phi­lo­so­phi­sche Wirt­schafts­ma­ga­zin regel­mä­ßig dar­auf die drän­gen­den Fra­gen unse­rer Zeit zu stel­len. Damit sind auch unse­re ers­ten Aus­ga­ben noch brand­ak­tu­ell. Bereits 2010 trug bei­spiels­wei­se ein Heft den Titel: Ver­nunft – eine knap­pe Res­sour­ce. Dar­in schreibt agora42-Grün­der Wolf­ram Bern­hardt über das Klein­kind in der Öko­no­mie.

 

 

Das Kleinkind in der Ökonomie

von Wolf­ram Bern­hardt

Wolfram Bernhardt agora42

Wolf­ram Bern­hardt ist Grün­der und Mit­her­aus­ge­ber des phi­lo­so­phi­schen Wirt­schafts­ma­ga­zins agora42. Er stu­dier­te BWL mit dem Schwer­punkt Finanz- und Kapi­tal­märk­te sowie Unter­neh­mens­fi­nan­zie­rung.

Wie einen Säug­ling – der schreit, wenn er Hun­ger hat, der schreit, wenn er Wär­me und Zunei­gung braucht, der sich und die Befrie­di­gung sei­ner Bedürf­nis­se in den Mit­tel­punkt stellt –, so sahen Öko­no­men jahr­zehn­te­lang den Men­schen; ego­is­tisch oder wie die Öko­no­men es nann­ten: auf die Maxi­mie­rung des Eigen­nut­zens bedacht. Aller­dings waren sich die Öko­no­men sehr wohl bewusst, dass es kei­ne Säug­lin­ge sind, die das Wirt­schafts­ge­sche­hen bestim­men, son­dern erwach­se­ne Men­schen. Und da von erwach­se­nen Men­schen erwar­tet wird, dass sie ver­nünf­tig sind und ver­nünf­tig han­deln, sind die zwei wesent­li­chen Eigen­schaf­ten, die das über­lie­fer­te Men­schen­bild der Öko­no­men cha­rak­te­ri­sie­ren, die Ver­nunft (ratio­nal) und der Ego­is­mus (Maxi­mie­rung des Eigen­nut­zens).
Das Men­schen­bild der Öko­no­men fand in der Bezeich­nung Homo oeco­no­mi­c­us sei­nen Aus­druck. Die­se Bezeich­nung ist eine Anspie­lung auf den evo­lu­ti­ons­ge­schicht­li­chen Begriff Homo sapi­ens, der die heu­ti­ge Spe­zi­es des Men­schen bezeich­net. Der Homo sapi­ens, der sich von sei­nen Vor­fah­ren durch ein ande­res Ske­lett, ein grö­ße­res Gehirn und ande­re kör­per­li­che Merk­ma­le unter­schied, wur­de gewis­ser­ma­ßen vom Homo oeco­no­mi­c­us abge­löst. Die­se neue „Spe­zi­es“ basiert jedoch nicht auf einer ver­än­der­ten Phy­sio­gno­mie, son­dern auf einer ver­än­der­ten Ver­hal­tens­form: Obers­tes Ziel die­ses “neu­en Men­schen ist die Maxi­mie­rung des eige­nen Nut­zens.
Drei grund­le­gen­de Eigen­schaf­ten zeich­nen den „neu­en“ Men­schen aus: Ers­tens ist der Homo oeco­no­mi­c­us voll­stän­dig infor­miert, er kann also bei Ent­schei­dun­gen alle mög­li­chen Alter­na­ti­ven ein­be­zie­hen. Zwei­tens kennt er sei­ne Prä­fe­ren­zen genau – er weiß, was ihm den größ­ten Nut­zen bringt. Drit­tens passt sich der Homo oeco­no­mi­c­us Vor­ga­ben bezie­hungs­wei­se Nor­men der Umwelt/Gesellschaft an.
Wen­det man die­se Grund­an­nah­men auf den Säug­ling an, kann man des­sen Ver­hal­ten erstaun­lich genau vor­her­sa­gen. Hat ein Säug­ling Hun­ger, weiß er ganz genau, wie er sich ver­hal­ten muss, damit er gefüt­tert wird. Je älter das Kind wird, des­to bes­ser weiß es auch, wie es sich ver­hal­ten muss, um bei­spiels­wei­se einen Scho­ko­rie­gel an der Kas­se im Super­markt zu bekom­men. Und wenn die Eltern den unge­sun­den Scho­ko­rie­gel ver­bie­ten (Umwelt­be­din­gun­gen set­zen Gren­zen), kann es sich rela­tiv fle­xi­bel dar­auf ein­stel­len und ist zur Not auch mit einer Tüte Gum­mi­bär­chen zufrie­den. Auf der ande­ren Sei­te kön­nen die Eltern sich die­se Ver­hal­tens­mus­ter zunut­ze machen. Da dies nicht nur die Eltern erkannt haben, son­dern die Gesell­schaft die­ses Men­schen­bild als Kon­sens akzep­tiert hat, wird in Fabri­ken im Akkord gear­bei­tet und in den Vor­stands­eta­gen wer­den Tan­tie­me und Boni gezahlt.

 

Der Plan, der öko­no­mi­schen Theo­rie ein sol­ches Men­schen­bild zugrun­de zu legen, schien auf­zu­ge­hen. Im Regel­fall lässt sich mit dem Kon­zept des Homo oeco­no­mi­c­us näm­lich sehr gut das Ver­hal­ten der Indi­vi­du­en im öko­no­mi­schen Kon­text erklä­ren. Was dabei wirk­lich über­zeug­te, war, dass ers­tens die Ver­hal­tens­an­nah­me des öko­no­mi­schen Ansat­zes auf tat­säch­li­chen Ein­sich­ten in die mensch­li­che Natur beruht. Zwei­tens konn­te auf­grund der weni­gen Grund­an­nah­men die­ses Modell rela­tiv gut als Instru­ment dazu die­nen, das mensch­li­che Ver­hal­ten im öko­no­mi­schen Kon­text zu steu­ern.
Die­ses Kon­zept lag auch bei der „Aus­deh­nung der mikro­öko­no­mi­schen Theo­rie auf einen wei­ten Bereich mensch­li­chen Ver­hal­tens und mensch­li­cher Zusam­men­ar­beit“ zugrun­de – so der Wort­laut der König­lich Schwe­di­schen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten, als sie 1992 dem US-ame­ri­ka­ni­schen Öko­no­men Gary S. Becker den Nobel­preis für Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten ver­lieh. Becker erklär­te anhand der Annah­men, die dem Homo oeco­no­mi­c­us zugrun­de lie­gen, unter ande­rem, war­um Men­schen sich schei­den las­sen, wie eine wir­kungs­vol­le Dro­gen­po­li­tik aus­se­hen muss und was die Grün­de dafür sind, ob und wenn ja wie vie­le Kin­der aus Bezie­hun­gen her­vor­ge­hen.
Die­se Wür­di­gung und die damit ver­bun­de­ne Lob­re­de auf das Kon­zept des Homo oeco­no­mi­c­us ist umso erstaun­li­cher, da nur zwei Jah­re spä­ter der deut­sche Öko­nom Rein­hard Sel­ten den Nobel­preis für Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten bekam, obwohl er zu die­sem Zeit­punkt bereits das Kon­zept des Homo oeco­no­mi­c­us wider­legt hat­te. Aber wir wol­len nichts über­stür­zen. Bis das Bild des Homo oeco­no­mi­c­us tat­säch­lich ins Wan­ken kam, muss­te zunächst noch eine wei­te­re Ent­wick­lungs­stu­fe durch­lau­fen wer­den: vom Säug­ling zum Klein­kind, wel­ches im Spiel sich selbst erfährt – oder wie Fried­rich Schil­ler es aus­drückt: „Der Mensch spielt nur, wo er in vol­ler Bedeu­tung des Wor­tes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“
So gese­hen, war es wie­der nur kon­se­quent, dass Sel­ten den Nobel­preis für sei­ne Erkennt­nis­se in der Spiel­theo­rie erhielt – denn in der Spiel­theo­rie wird nach wie vor von einem ratio­nal und logisch han­deln­den Men­schen aus­ge­gan­gen, auch wenn man spon­tan mit dem Name „Spiel­theo­rie“ etwas ande­res ver­bin­det. Der Name kommt aus der Betrach­tung von Brett­spie­len, wie zum Bei­spiel Schach, die die Wis­sen­schaft­ler zur Ana­ly­se mensch­li­chen Ver­hal­tens her­an­ge­zo­gen haben. Das Beson­de­re an den Situa­tio­nen, wie sie sich zum Bei­spiel beim Schach erge­ben, ist, dass der Erfolg und somit die Ent­schei­dung des Ein­zel­nen nicht nur vom eige­nen Han­deln, son­dern auch von den Aktio­nen des Gegen­übers abhängt. Der Spie­ler muss bei sei­nem Ver­hal­ten also sowohl sei­ne eige­nen Züge im bis­he­ri­gen Spiel­ver­lauf wie auch die des Geg­ners und dar­über hin­aus die Spiel­si­tua­tio­nen, die sich aus den künf­ti­gen eige­nen Zügen und denen des Mit­spie­lers erge­ben kön­nen, glei­cher­ma­ßen ins Kal­kül zie­hen. Dass die­sen Ent­schei­dun­gen ratio­na­le Ver­hal­tens­an­nah­men zugrun­de lie­gen, ist intui­tiv nach­voll­zieh­bar.
Auch für das aus der Spiel­theo­rie resul­tie­ren­de Men­schen­bild fan­den die Wis­sen­schaft­ler einen wür­di­gen Namen und tauf­ten die­se „evo­lu­tio­nä­re“ Wei­ter­ent­wick­lung des Men­schen Homo ludens (latei­nisch: der spie­len­de Mensch). Im Grun­de ist der Homo ludens aber immer noch der alt­be­kann­te Homo oeco­no­mi­c­us. Denn bei allen Arten von „Spie­len“ der Öko­no­men geht es dar­um, vor­her­zu­sa­gen, wie der Mensch sich in bestimm­ten Situa­tio­nen ent­schei­det. Und die Grund­la­ge für die­se Vor­her­sa­gen bil­det nach wie vor die Maxi­mie­rung des indi­vi­du­el­len Nut­zens. Trotz­dem darf man die­ser Theo­rie ihre gro­ße Errun­gen­schaft nicht aberken­nen: So wur­de doch in die­ser Theo­rie berück­sich­tigt, dass der Mensch sich stets im sozia­len Kon­text bewegt und jede sei­ner Ent­schei­dun­gen Aus­wir­kun­gen auf ande­re Men­schen hat und umge­kehrt.

 

Die Puber­tät
Wie bereits erwähnt, wur­de Rein­hard Sel­ten aber weni­ger auf­grund sei­ner Errun­gen­schaf­ten in der Spiel­theo­rie bekannt, als durch sei­ne Expe­ri­men­te, wel­che die Annah­men, auf denen das Men­schen­bild des Homo oeco­no­mi­c­us fußt, infra­ge stell­ten. In die­sen Expe­ri­men­ten stell­te er Ver­suchs­per­so­nen vor bestimm­te Ent­schei­dun­gen. Das Ver­hal­ten der Per­so­nen, die an den Expe­ri­men­ten teil­nah­men, wider­sprach jedoch dem Bild des ratio­na­len, gut infor­mier­ten Ent­schei­ders, der sei­ne Prä­fe­ren­zen ganz genau kennt und sei­nen opti­ma­len Nut­zen berech­nen kann. Kurz, die Ver­suchs­per­so­nen ver­hiel­ten sich viel zu mensch­lich. Was tun?
Aus Sicht der Wis­sen­schaft­ler wäre es unver­ant­wort­lich gewe­sen, die inzwi­schen lieb gewon­ne­ne Theo­rie des Homo oeco­no­mi­c­us, in die sie viel For­schungs­ar­beit inves­tiert hat­ten, ein­fach auf­zu­ge­ben. Ande­rer­seits war es nicht mehr von der Hand zu wei­sen, dass das zugrun­de lie­gen­de Men­schen­bild sich ver­än­dert hat­te – es schien, als ob der Mensch in die Puber­tät ein­trat. Aber was ist die Puber­tät in die­sem Kon­text? Heißt das, dass der Mensch im Grun­de sei­nes Wesens noch immer ratio­nal und sein abwei­chen­des Ver­hal­ten ledig­lich eine Art Trotz­re­ak­ti­on dar­stellt?
Bereits 1955 hat­te sich Her­bert Simon, Wirt­schafts­no­bel­preis­trä­ger aus dem Jah­re 1978, kri­tisch zum Homo oeco­no­mi­c­us geäu­ßert. In die­sem Jahr ver­öf­fent­lich­te er eine Abhand­lung, in der er die Annah­men, die der Theo­rie des Homo oeco­no­mi­c­us zugrun­de lie­gen, anzwei­fel­te. Aber wenn die Wis­sen­schaft selbst im Jah­re 1994 noch an den Grund­an­nah­men des Homo oeco­no­mi­c­us fest­hielt, wie soll sie da im Jahr 1978 bereits die Rele­vanz der mensch­li­chen Psy­che aner­kannt haben? So ver­wun­dert es auch nicht, dass Simon den Nobel­preis „für sei­ne bahn­bre­chen­de Erfor­schung der Ent­schei­dungs­pro­zes­se in Wirt­schafts­or­ga­ni­sa­tio­nen“ erhielt und nicht etwa, weil er das gän­gi­ge Men­schen­bild der Öko­no­men ange­zwei­felt hat­te.

Seit die­sem ers­ten Auf­satz dau­er­te es 48 Jah­re, bis die König­li­che Schwe­di­sche Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten den welt­weit bekann­tes­ten Preis der Wis­sen­schaf­ten am 9. Okto­ber 2002 für eine Theo­rie ver­lieh, die die Grund­fes­ten des Homo oeco­no­mi­c­us nach­hal­tig erschüt­ter­te. Dani­el Kah­ne­man erhielt den Nobel­preis für „das Ein­füh­ren von Ein­sich­ten der psy­cho­lo­gi­schen For­schung in die Wirt­schafts­wis­sen­schaft, beson­ders bezüg­lich Beur­tei­lun­gen und Ent­schei­dun­gen bei Unsi­cher­heit“. Der Nobel­preis wur­de ihm für sei­ne Arbeit Pro­s­pect Theo­ry: an ana­ly­sis of Deci­si­on under risk, die er bereits 1978 zusam­men mit Amos Tvers­ky ver­öf­fent­licht hat­te, ver­lie­hen. Die­se Stu­die gilt heu­te als der Anfang vom Ende der Allein­herr­schaft des Homo oeco­no­mi­c­us in der Öko­no­mie.
Die Pro­s­pect Theo­ry besagt, dass Men­schen Wahr­schein­lich­kei­ten falsch ein­schät­zen und somit nicht ratio­nal han­deln. Inso­fern stellt sie tat­säch­lich die Puber­tät der öko­no­mi­schen Theo­ri­en dar. Denn was pas­siert mit dem Men­schen in der Puber­tät? Er tut so herr­lich irra­tio­na­le Din­ge, wie sich zu ver­lie­ben. Und spä­tes­tens die Hand­lun­gen, die der Mensch aus der Lie­be her­aus unter­nimmt, mag man getrost als irra­tio­nal bezeich­nen kön­nen. Kah­ne­man und Tvers­ky bau­ten ihre Theo­rie jedoch nicht auf ver­lieb­ten Men­schen auf, son­dern benann­ten Grün­de, war­um Men­schen sich in bestimm­ten Situa­tio­nen irra­tio­nal ent­schei­den. Aus ihren Beob­ach­tun­gen fol­ger­ten sie, dass Men­schen offen­sicht­li­che Ein­tritts­wahr­schein­lich­kei­ten bestimm­ter Ereig­nis­se immer rela­tiv zu ihrem Stand­punkt und ihren Erwar­tun­gen bewer­ten. Die getrof­fe­ne Ent­schei­dung kann somit im Gegen­satz zu der objek­ti­ven Erwar­tung ste­hen.
Kah­ne­man und Tvers­ky waren jedoch nicht die Ein­zi­gen, die Erkennt­nis­se aus der Psy­cho­lo­gie mit der Öko­no­mie zu ver­bin­den such­ten. Nach­dem der Damm erst ein­mal gebro­chen war, tauch­ten in immer kür­ze­ren Abstän­den Ver­öf­fent­li­chun­gen auf, die beleg­ten, dass der Mensch sich selbst im öko­no­mi­schen Kon­text nicht so ver­hält, wie es das Kon­zept des Homo oeco­no­mi­c­us erwar­ten ließ. Da bei die­ser For­schungs­rich­tung der Öko­no­mie das Ver­hal­ten der Men­schen den zen­tra­len Unter­su­chungs­ge­gen­stand bil­det, heißt die­ser Zweig auch „Ver­hal­tens­öko­no­mie“ (eng­lisch: beha­vio­ral finan­ce).

Das neue Men­schen­bild
In der Hoff­nung, dass der neue Ent­wurf des Men­schen sich nach einer Pha­se der Trans­for­ma­ti­on zu einem greif­ba­ren Cha­rak­ter for­men wür­de, forsch­ten vie­le Wis­sen­schaft­ler vol­ler Begeis­te­rung und zogen mit ihren Ergeb­nis­sen dem Homo oeco­no­mi­c­us nach und nach den Boden unter den Füßen weg. Mit viel­ver­spre­chen­den Namen wie zum Bei­spiel „Fluch des Gewin­ners“, „Selbst­über­schät­zung“ und „ideo­lo­gi­sche Nach­rich­ten­se­lek­ti­on“ erwei­ter­ten die Wis­sen­schaft­ler die Öko­no­mie um Kon­zep­te, die vor­her so nicht denk­bar gewe­sen wären.
Gleich­zei­tig lie­ßen die For­schungs­er­geb­nis­se die Wis­sen­schaft­ler ver­zwei­feln, denn die Ergeb­nis­se wider­spra­chen sich zuneh­mend. Obwohl die neu­en Model­le und Theo­ri­en das Kon­zept des Homo oeco­no­mi­c­us wider­leg­ten, hat noch kei­ne die­ser Theo­ri­en auch nur annä­hernd des­sen Stel­len­wert in Bezug auf die Erklä­rung mensch­li­chen Ver­hal­tens im öko­no­mi­schen Kon­text erreicht. Man weiß zwar, dass etwas falsch ist, man kennt die Sym­pto­me und auch alter­na­ti­ve Erklä­rungs­an­sät­ze – trotz­dem kann man all die­se Erkennt­nis­se nicht zu einem stim­mi­gen Bild ver­ei­nen. Ein Blick in das wah­re Leben zeigt, was mit dem Men­schen pas­siert, dem in einer sol­chen Situa­tio­nen selbst die Psy­cho­lo­gie nicht mehr hel­fen kann, um mit sich ins Rei­ne zu kom­men: Er wird zu sei­nem eige­nem Woh­le in die Psych­ia­trie ein­ge­wie­sen. Einen ähn­li­chen Weg ging der Homo oeco­no­mi­c­us. Denn der letz­te Schrei in der Öko­no­mie scheint der­zeit die Neu­ro-Öko­no­mie zu sein. Die Neu­ro­lo­gie als Leh­re vom Ner­ven­sys­tem und sei­nen Erkran­kun­gen soll end­lich wie­der ein Men­schen­bild her­vor­brin­gen, mit dem man in der Theo­rie­welt „ver­nünf­tig“ arbei­ten kann. So ver­su­chen die Öko­no­men momen­tan den Men­schen zu ver­ste­hen, indem sie sei­ne Gehirn­strö­me und ande­re Akti­vi­tä­ten des Gehirns unter­su­chen. Dabei fan­den sie her­aus, dass das Gehirn die Ent­schei­dun­gen schon getrof­fen hat, bevor der Mensch sich des­sen bewusst wird. Die Neu­ro-Öko­no­men sto­ßen mit die­sen For­schungs­er­geb­nis­sen in Gefil­de vor, die plötz­lich hoch­phi­lo­so­phisch wer­den. Denn inter­pre­tiert man die Fra­gen der For­schungs­ar­bei­ten aus einem phi­lo­so­phi­schen Blick­win­kel, so ist die Öko­no­mie inzwi­schen an dem Punkt ange­kom­men, an dem sie sich damit befasst, ob der Mensch über­haupt einen frei­en Wil­len hat oder ob sein Leben vor­her­be­stimmt ist.

 

Unter­des­sen war­tet die Welt vol­ler Span­nung dar­auf, wie der Mensch sich bald sel­ber sehen und ob er sein eige­nes Han­deln ver­ste­hen wird. Die span­nends­te aller Fra­gen ist also: Schafft der Homo oeco­no­mi­c­us den Weg aus der Anstalt?
Keh­ren wir zurück zum Aus­gangs­punkt: Ein Säug­ling kann als geeig­ne­tes Bei­spiel für das Ver­hal­ten des Homo oeco­no­mi­c­us her­an­ge­zo­gen wer­den. Der Säug­ling wur­de zum spie­len­den Kind, trat in die Puber­tät ein und trotz­te den öko­no­mi­schen Theo­ri­en. Irgend­wann muss­te man sich ein­ge­ste­hen, dass auch irra­tio­na­le Beweg­grün­de das Ver­hal­ten des (Modell-)Menschen beein­flus­sen. Da die­ser Mensch jedoch nun sein eige­nes Ver­hal­ten nicht mehr ver­stand, kam die Neu­ro­lo­gie ins Spiel. Was ist schief gelau­fen? Auf dem Weg wur­de ver­ges­sen, dass der Homo oeco­no­mi­c­us des­we­gen ein solch über­zeu­gen­des Kon­zept dar­stellt, weil er nur ein ein­zi­ges Ziel hat: die Nut­zen­ma­xi­mie­rung. Stets ging es auf dem Weg, der uns schließ­lich in die Anstalt führ­te, nur um die­ses Ziel. Aber könn­te es nicht sein, dass man die gan­ze Zeit einem fal­schen Ziel hin­ter­her­ge­rannt ist? Dann wür­de die­ser lan­ge Weg plötz­lich nicht mehr so wider­sprüch­lich erschei­nen, son­dern sich aus der fal­schen Ziel­set­zung erklä­ren.
Müss­te also nicht die Öko­no­mie das Ziel des Men­schen neu defi­nie­ren?

Besser, anders, und vor allem weniger – Interview mit Barbara Unmüßig

Besser, anders, und vor allem weniger – Interview mit Barbara Unmüßig

Anläss­lich der aktu­el­len Aus­ga­be zum The­ma “DER KAPITALISMUS AUF DER COUCH” haben wir aus­ge­wähl­te Per­so­nen um Ant­wor­ten auf die zen­tra­len Fra­gen des Hef­tes gebe­ten. Hier die Ant­wor­ten von Bar­ba­ra Unmü­ßig.

Wel­chen Aspekt des Kapi­ta­lis­mus fin­den Sie am inter­es­san­tes­ten und am ehes­ten zu beden­ken?

Barbara Unmüßig

Bar­ba­ra Unmüßig ist seit 2002 Vor­stand der Heinrich-Böll-Stiftung. Sie ver­ant­wor­tet die inter­na­tio­na­le Arbeit der Stif­tung in Latein­ame­ri­ka, Afri­ka, Asi­en, dem Nahen und Mitt­le­ren Osten und die des Gun­da-Wer­ner-Insti­tuts für Femi­nis­mus und Geschlech­ter­de­mo­kra­tie. Sie ist außer­dem Vor­sit­zen­de der Jury des Anne-Klein-Frau­en­prei­ses.

Der fas­zi­nie­rends­te Aspekt ist sicher­lich die schöp­fe­ri­sche Kraft, die ste­ti­ge Neu­erfin­dung und Anpas­sung. Sie geht aber ein­her mit Zer­stö­rung und Aus­beu­tung von Men­schen und Natur. Er bringt lei­der –unge­zähmt —  mas­si­ve Ungleich­heit her­vor und macht unse­re natür­li­chen Lebens­grund­la­gen kaputt und heizt das Treib­haus.  Schum­pe­ter hat am bes­ten die­se schöp­fe­ri­sche Zer­stö­rung beschrie­ben, die der Kapi­ta­lis­mus braucht, um Neu­es aus Zer­stör­tem her­vor­zu­brin­gen. Das hat lei­der sehr viel Unrecht und Leid für Men­schen gebracht. Zu Recht wird die­se Vari­an­te als Raub­tier­ka­pi­ta­lis­mus bezeich­net und Men­schen und ihre sozia­len Kämp­fe ver­su­chen immer wie­der die sozia­len Fol­gen der Aus­beu­tung und der zer­stö­re­ri­schen Kraft ein­zu­däm­men oder zu zäh­men.

Was der Kapi­ta­lis­mus, sein Zwang zur Expan­si­on mit der Natur, mit den Öko­sys­tem und dem Pla­ne­ten als Gan­zes macht, nimmt heu­te irrever­si­ble Züge an. Das machen wir uns immer noch viel zu wenig bewusst. Und wie­der stellt sich hier die Hoff­nung ein, dass selbst die­se bru­ta­le Zer­stö­rung mit tech­no­lo­gi­scher Inno­va­ti­on und mit noch mehr Öko­no­mi­sie­rung der Natur wie­der zu repa­rie­ren sei. Eine sehr ris­kan­te Wet­te auf die Zukunft. Ein wesent­li­ches Ele­ment kapi­ta­lis­ti­scher Pro­duk­ti­on und Akku­mu­la­ti­on ist es, mehr Eigen­tum – oder mehr Kapi­tal – zu erwirt­schaf­ten. Ob wir es wol­len oder nicht, nicht alles kann pri­va­tes Eigen­tum sein – Die Luft zum Atmen, Was­ser, Arten­viel­falt, z. B, wer­den von allen gebraucht und genutzt. Kapi­ta­lis­mus denkt die­se Gemein­gü­ter nicht mit.

War­um konn­ten sich die Men­schen so schnell und unbe­merkt für das kapi­ta­lis­ti­sche Den­ken begeis­tern? Ent­spricht der Kapi­ta­lis­mus unse­rer Natur?

Es gab und gibt doch Alter­na­ti­ven zum Kapi­ta­lis­mus, die von eini­gen Völ­kern auch heu­te noch gelebt wer­den. Der Kapi­ta­lis­mus hat alte, feu­da­le Macht­struk­tu­ren abge­löst.  Und es hat nicht unbe­merkt die Welt erobert. Es gab immer Wider­stand gegen ihn aus ganz unter­schied­li­chen Rich­tun­gen. Einer sei­ner Erfol­ge: Auch, wenn es ein lan­ger und hart erkämpf­ter Weg und mit Rück­schlä­gen ver­bun­den war, hat er in den Kern­län­dern des Kapi­ta­lis­mus Gesell­schaf­ten demo­kra­ti­siert. Und er hat mit der „schar­fen Waf­fe” der güns­ti­gen Prei­se (Karl Marx) ein Wohl­stands­ver­spre­chen für brei­te­re Bevöl­ke­rungs­schich­ten ein­ge­löst. Das macht ihn heu­te ja gera­de so attrak­tiv für die Gesell­schaf­ten im glo­ba­len Süden, die teil­ha­ben wol­len an der Welt der bun­ten Waren. Der auto­kra­ti­sche Typus von Kapi­ta­lis­mus bezieht in Län­dern wie Chi­na ja gera­de hier­aus wesent­lich sei­ne Legi­ti­ma­ti­on Ver­ges­sen wir jedoch nicht:  Kapi­ta­lis­mus ist ein Gesell­schafts­ver­hält­nis von meh­re­ren mög­li­chen und ein rela­tiv neu­es in der Geschich­te der Mensch­heit.  Ob und wie wir ihn trans­for­mie­ren kön­nen ange­sichts der öko­lo­gi­schen Groß­kri­sen und der sozia­len Ungleich­heit und dabei demo­kra­ti­sche Errun­gen­schaf­ten und Men­schen­rech­te erhal­ten kön­nen, ist die gro­ße Fra­ge des 21. Jahr­hun­dert. Zum Glück haben das schon vie­le Men­schen begrif­fen und arbei­ten an Alter­na­ti­ven. Der Kapi­ta­lis­mus ist also mei­nes Erach­tens nicht unbe­dingt die logi­sche natür­li­che Kon­se­quenz für unse­re Gesell­schaf­ten und er liegt nicht in der Natur des Men­schen.

In unse­rer aktu­el­len Aus­ga­be liegt der Kapi­ta­lis­mus auf der Couch. Er ist aus­ge­brannt, kaum jemand glaubt noch ernst­haft an ihn, immer häu­fi­ger fragt man sich “wozu”, Kri­sen­stim­mung macht sich breit. Ist die Blü­te­zeit des Kapi­ta­lis­mus vor­über? Und wie geht es wei­ter?

Es herrscht nicht nur Kri­sen­stim­mung, son­dern wir ste­hen rea­len mul­ti­plen glo­ba­len Kri­sen gegen­über: die wach­sen­de Ungleich­heit, der Ver­lust der Bio­di­ver­si­tät, der Kli­ma­wan­del, glo­ba­le Migra­ti­ons- und Flücht­lings­strö­me, der immer stär­ke­re Gegen­wind gegen Demo­kra­tie und ihre Wer­te all das nagt vor allem am Wohl­stands- und Glücks­ver­spre­chen des Kapi­ta­lis­mus. Unser Wirt­schafts­mo­dell, unse­re Pro­duk­ti­ons- und Kon­sum­mus­ter, und die immer wei­ter vor­an­schrei­ten­de Glo­ba­li­sie­rung mit all ihren Vor­tei­len, pro­du­ziert auch vie­le Ver­lie­rer und Abge­häng­te – Mensch wie Natur. Es gibt eine glo­ba­le Mit­tel­klas­se, die die Kos­ten ihres Kon­sum- und Pro­duk­ti­ons­mo­dells exter­na­li­siert. Sozia­le Unge­rech­tig­keit und öko­lo­gi­sche Zer­stö­rung sind die Fol­gen. Unser wachs­tums­ge­trie­be­nes „wei­ter so“, die­se Jagd nach dem immer mehr, immer bes­ser, immer grö­ßer, immer schnel­ler ist nicht nach­hal­tig und nicht ver­ein­bar mit den natür­li­chen Gren­zen unse­res Pla­ne­ten. Die­se haben wir jetzt schon über­schrit­ten und ste­hen gleich­zei­tig einem gra­vie­ren­den Ver­tei­lungs- und Gerech­tig­keits­pro­blem auf der Welt gegen­über. Wir müs­sen uns end­lich von unse­rer Abhän­gig­keit vom Wachs­tum um jeden Preis befrei­en, uns vom fos­si­len Zeit­al­ter ver­ab­schie­den, und Alter­na­ti­ven erkun­den, die ein bes­se­res Leben für alle ermög­li­chen könn­ten. Dazu müs­sen wir Fra­gen rund um unser Wirt­schafts­mo­dell und wie es wei­ter gehen kann mehr denn je repo­li­ti­sie­ren und Ant­wor­ten demo­kra­tisch aus­han­deln.

Ist eine nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung im Kapi­ta­lis­mus denk­bar? Wie kön­nen Bedürf­nis­se zukünf­ti­ger Gene­ra­tio­nen, in einer Welt end­li­cher Res­sour­cen, gesi­chert wer­den?

Wir haben ja in den letz­ten Jah­ren erlebt, wie der Main­stream von Welt­bank bis Bun­des­re­gie­rung uns zu ver­spre­chen ver­sucht, dass unser Kapi­ta­lis­mus „ergrü­nen“ kann, und so zukunfts­fä­hig und nach­hal­tig wer­den kann. So sehr ich mir eine Ver­söh­nung von Öko­no­mie und Öko­lo­gie wünsch­te: ich glau­be sie ist eine Illu­si­on, solan­ge wir nicht radi­kal Emis­sio­nen aller Art unter­las­sen und Res­sour­cen­ver­brauch mas­siv redu­zie­ren. Ein sol­ches Ver­spre­chen kann nur machen, wer bewusst Kom­ple­xi­tät redu­ziert, stark an Wun­der des Mark­tes und der tech­no­lo­gi­schen Inno­va­ti­on glaubt und gleich­zei­tig rea­le Macht­struk­tu­ren im öko­no­mi­schen wie poli­ti­schen Kon­text igno­riert und nicht anpa­cken will. Wir dür­fen uns nicht täu­schen las­sen von der Annah­me, dass ein ergrün­ter Kapi­ta­lis­mus, der unse­re aktu­el­len Pro­duk­ti­ons- und Kon­sum­mus­ter nicht in Fra­ge stellt, die not­wen­di­ge Nach­hal­tig­keit gewähr­leis­ten kann, die wir unse­rem Pla­ne­ten und nach­kom­men­den Gene­ra­tio­nen schul­dig sind. Der Aus­stieg aus dem fos­si­len und finanz­markt­ge­trie­be­nen Kapi­ta­lis­mus selbst muss die Prio­ri­tät sein. Bes­ser, anders, und vor allem weni­ger – das Über­win­den von unsin­ni­gen Pro­duk­ti­ons- und Kon­sum­mus­tern. Die­ser Drei­klang ist mein Mot­to für die prak­ti­sche und theo­re­ti­sche Suche nach Neu­em.

Der Kapitalismus auf der Couch

Der Kapitalismus auf der Couch

AnalyseKapi­ta­lis­mus – was ist das über­haupt? Ein Sys­tem? Eine Über­zeu­gung? Ein Trug­bild? Es ist jeden­falls ein Begriff, den man jahr­zehn­te­lang gemie­den hat und der nun wie­der salon­fä­hig gewor­den ist. Er kommt zurück auf die Büh­ne einer Welt, die nicht mehr so funk­tio­niert, wie sie es ein­mal tat; er kommt zurück in eine Zeit, in der man kopf­schüt­telnd auf die Ver­gan­gen­heit zurück­blickt, die mitt­ler­wei­le als Ent­ste­hungs­ge­schich­te einer Kri­se wahr­ge­nom­men wird. Wer vom Kapi­ta­lis­mus spricht, meint einen äußerst bedenk­li­chen Zustand, in den wir uns im blin­den Glau­ben an eine rein mate­ri­el­le Welt, plan­ba­res Glück und klar defi­nier­ba­re Zie­le hin­ein­ma­nö­vriert haben. Das Gefühl, dass es so nicht wei­ter­geht, ist es, dass Rech­te mit Lin­ken, Extre­mis­ten mit Depres­si­ven, Akti­vis­ten mit Fata­lis­ten ver­bin­det. Aber was ist mit die­sem so gemeint?

Der Kapi­ta­lis­mus ist kein klar umgrenz­ter Gegen­stand, den man ein­fach betrach­ten kann, kein Par­tei­pro­gramm, kei­ne Finanz­for­mel, kein Geld­stück. Er ist abs­trakt, ungreif­bar, sub­til, unter­be­wusst und doch über­all prä­sent. Man fühlt ihn mehr, als dass man ihn sieht. Und jeder emp­fin­det ihn ein Stück weit anders. Nur: dass er Pro­ble­me berei­tet, dar­in sind sich immer mehr Men­schen einig. Die Kraft zur not­wen­di­gen Ver­än­de­rung – und wir spre­chen hier von einer tief­grei­fen­den Ver­än­de­rung – kann nur auf­ge­bracht wer­den, wenn der Groß­teil der Bevöl­ke­rung die Pro­ble­me nicht nur defi­nie­ren kann, son­dern auch den Wil­len zur Ver­än­de­rung spürt. Aber wo ist der geblie­ben?

Es gibt zwei Her­an­ge­hens­wei­sen, mit denen der Mensch ver­sucht, die Din­ge um sich her­um zu ver­ste­hen: die ratio­nal-logi­sche und die ein­füh­lend-emo­tio­na­le. Heut­zu­ta­ge wird das ratio­nal-logi­sche Ver­ste­hen über­stra­pa­ziert. Es wird immer noch ver­sucht, Kapi­ta­lis­mus als eine Art Mecha­nik zu begrei­fen. Sub­jek­ti­vi­tät gilt als unsou­ve­rän, die Fest­stel­lung objek­ti­ver Gege­ben­hei­ten und die For­mu­lie­rung von abs­trak­ten Gesetz­mä­ßig­kei­ten hin­ge­gen als bril­lant. Zei­tun­gen, Maga­zi­ne und wis­sen­schaft­li­che Stu­di­en ver­ket­ten Argu­men­te und füh­ren den Leser ent­lang roter Fäden zu wider­spruchs­frei gül­ti­gen Schlüs­sen. Sol­cher­lei Schlüs­se gibt es vie­le, nur: lei­den­schafts­los bezie­hungs­wei­se sach­lich, wie sie sind, hel­fen sie rein gar nichts. Dis­ku­tie­ren wird zum Selbst­zweck, der der Ver­än­de­rung im Weg steht.

An die­sem Punkt wird es Zeit für Gefüh­le, oder, wem das zu kit­schig klingt, für das ein­füh­lend-emo­tio­na­le Ver­ste­hen. Es wird Zeit dafür, end­lich wie­der den eige­nen Antrieb zu akti­vie­ren. Und es wird Zeit für eine ver­nach­läs­sig­te Form der Spra­che, mit­tels derer die Emp­fin­dun­gen aus­ge­drückt wer­den kön­nen: die Erzäh­lung. Die fol­gen­de han­delt von einem Pati­en­ten, der uns alle bewegt: Herrn K. Er lan­det – erschöpft und per­spek­tiv­los – auf der Couch und spricht über sein Leben. Sei­ne Pro­ble­me sind die Pro­ble­me der end­ka­pi­ta­lis­ti­schen Welt, sei­ne Kri­se die Kri­sen der heu­ti­gen Zeit. In ihm ver­kör­pert sich die aller­or­ten gestell­te Fra­ge nach dem „Was nun?“, der Hil­fe­ruf der ori­en­tie­rungs­lo­sen Gesell­schaft. Wir begeg­nen uns selbst.
Herrn K gegen­über steht der The­ra­peut, der tie­fe Ein­bli­cke in den Zustand des Pati­en­ten erhält. Vor ihm lie­gen unzäh­li­ge Bele­ge des Schei­terns. Er erkennt den Wahn­sinn und spürt den Drang nach Ver­än­de­rung – und bleibt doch hilf­los. Eine Ohn­macht, die wir eben­falls all­täg­lich spü­ren. Der Kapi­ta­lis­mus ist am Ende. Und wir sind mit unse­rem Latein am Ende.

Der Ana­ly­se folgt die The­ra­pie – übli­cher­wei­se. Den Kapi­ta­lis­mus zu the­ra­pie­ren, wür­de aber bedeu­ten, hier und dort etwas aus­zu­bes­sern, abzu­stüt­zen und aus­zu­glei­chen, ohne den Kern des Pro­blems je zu errei­chen. Kurz­um: Es geht nicht mehr dar­um, einen bes­se­ren, mensch­li­che­ren oder gerech­te­ren Kapi­ta­lis­mus zu gestal­ten. Er wird auch nicht schö­ner, wenn man ihm Blu­men ansteckt. Aus die­sem Grund wur­de dem Pati­en­ten im letz­ten Teil der vor­lie­gen­den Aus­ga­be kei­ne The­ra­pie ver­ord­net, son­dern sei­ne Meta­mor­pho­se ein­ge­lei­tet. Die­ser wun­der­sa­me und doch in der Natur häu­fig anzu­tref­fen­de Vor­gang zeigt, dass der Über­gang einer Gestalt in eine gänz­lich ande­re mög­lich ist. Der genaue Moment der Wand­lung bleibt dabei oft ver­bor­gen – und ein­mal voll­zo­gen, ent­ste­hen uner­war­te­te Gebil­de, die nicht erken­nen las­sen, was ihnen einst vor­aus­ging. Weckt im Ana­ly­se-Teil die­ser Aus­ga­be Pati­ent K mög­li­cher­wei­se Asso­zia­tio­nen an Franz Kaf­ka, so geht es im zwei­ten Teil auch um die Ver­wand­lung der kapi­ta­lis­ti­schen Käfer, die wir sind, in so etwas wie … tja … Men­schen. Freie Men­schen.

 

von Tan­ja Will

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Die Aus­ga­be zum The­ma KAPITALISMUS AUF DER COUCH kön­nen Sie hier ver­sand­kos­ten­frei bestel­len.

Weise wirtschaften – Interview mit Sven Murmann

agora42 LEITBILDERDie­ses Inter­view ist erst­mals in der agora42 3/2016 LEITBILDER erschie­nen: Wel­che Leit­bil­der kön­nen (noch) lei­ten, wor­an hal­ten wir uns fest – und was lei­tet uns in die fal­sche Rich­tung? Acht Inter­views und 17 State­ments ver­wan­deln die­se Aus­ga­be der agora42 in das, was sie ihrem Namen nach ist: einen Markt­platz, auf dem die Zukunft ver­han­delt wird.

 

Weise wirtschaften

Inter­view mit Sven Mur­mann

 

Herr Mur­mann, Sie haben Phi­lo­so­phie stu­diert und wäh­rend Ihres Stu­di­ums auch ein phi­lo­so­phi­sches Maga­zin mit dem Titel „ago­ra“ redak­tio­nell betreut. Wie sind Sie zur Phi­lo­so­phie gekom­men?

Murmann

Dr. Sven Mur­mann stu­dier­te Phi­lo­so­phie und Poli­ti­sche Wis­sen­schaf­ten in Mün­chen, Cam­bridge (USA) und Zürich. Er ist Ver­le­ger und geschäfts­füh­ren­der Gesell­schaf­ter der Mur­mann Publishers GmbH. Ehren­amt­lich enga­giert er sich unter ande­rem im Vor­stand der Stif­tung der Deut­schen Wirt­schaft (sdw). Seit 2002 lehrt er als Dozent Phi­lo­so­phie im Stu­di­um Gene­ra­le an der Buce­ri­us Law School, Ham­burg.

Zur Phi­lo­so­phie kam ich als 15-jäh­ri­ger Gym­na­si­ast, als mir mein Phi­lo­so­phie­leh­rer vor­ge­schla­gen hat, über die Pflicht­lek­tü­re im Schul­un­ter­richt hin­aus auch Tex­te von Scho­pen­hau­er und Nietz­sche zu lesen. Noch bevor ich auf Kant stieß, das folg­te erst im Stu­di­um, wur­de ich mit phi­lo­so­phi­scher Kri­tik kon­fron­tiert. Mein Inter­es­se für die Phi­lo­so­phie im Sin­ne kri­ti­schen Den­kens fiel damals zusam­men mit mei­nem Enga­ge­ment für Umwelt- und Natur­schutz. Schon als Schü­ler habe ich ein Umwelt­ma­ga­zin gegrün­det und in die­sem Rah­men auch vie­le Sach­bü­cher gele­sen. So begeis­ter­te ich mich schnell für phi­lo­so­phi­sche und poli­ti­sche Fra­ge­stel­lun­gen, die mit den Her­aus­for­de­run­gen unse­rer Zeit zu tun haben, mit Ethik, Öko­lo­gie, Poli­tik und Öko­no­mie.

Da kamen dann ver­mut­lich ande­re Phi­lo­so­phen als Scho­pen­hau­er und Nietz­sche ins Spiel …

Ich habe mich wäh­rend des Stu­di­ums mit den klas­si­schen Phi­lo­so­phen wie Aris­to­te­les und Pla­ton und denen des deut­schen Idea­lis­mus wie Kant und Hegel befasst. Beson­ders der Aus­spruch von Kant „Habe Mut, dich dei­nes eige­nen Ver­stan­des zu bedie­nen!“, sei­ne Neu­in­ter­pre­ta­ti­on des Sape­re aude, hat sich bei mir schnell fest­ge­setzt. Für mich liegt genau dar­in der Reiz der Phi­lo­so­phie: Wozu sonst soll­te man sich sei­nes Ver­stan­des bedie­nen, wenn nicht, um damit eine bes­se­re Erkennt­nis der eige­nen Wirk­lich­keit zu erlan­gen? Inso­fern drängt das Den­ken zur Pra­xis. Ich bin ganz bei Kant, dem­zu­fol­ge auf die Fra­ge: „Was kann ich wis­sen?“ auto­ma­tisch die Fra­ge: „Was kann ich tun?“ folgt.

Sie kamen spä­ter als geschäfts­füh­ren­der Gesell­schaf­ter Ihrer Fami­li­en­hol­ding in eine lei­ten­de Posi­ti­on. Kann man sich in einer sol­chen Posi­ti­on grund­le­gen­de Gedan­ken über Sinn und Zweck des Wirt­schaf­tens machen oder ist man dafür zu sehr in der Wett­be­werbs- und Pro­fit­lo­gik gefan­gen?

Zunächst ein­mal stellt sich die Fra­ge, ob es in der Wirt­schaft über­haupt mög­lich ist, Phi­lo­so­phie anzu­wen­den und damit aner­kannt zu wer­den. Mei­ne Erfah­rung ist: Es ist zunächst schwie­rig bis fast unmög­lich. Es ist ein Kul­tur­schock, wenn man als Phi­lo­soph in die Wirt­schaft geht. Doch ich habe fest­ge­stellt, und das wür­de jeder Geis­tes­wis­sen­schaft­ler fest­stel­len, dass es mög­lich ist, sich den Hand­werks­kof­fer der Betriebs­wirt­schaft anzu­eig­nen. Und ich bin der Ansicht, man soll­te dies als Geis­tes­wis­sen­schaft­ler auch tun. Damit gewinnt man die nöti­ge fach­li­che Sicher­heit, von der aus­ge­hend man dann phi­lo­so­phi­sches Den­ken auch in der Unter­neh­mens­füh­rung ins Spiel brin­gen kann.

Brau­chen Füh­rungs­kräf­te die Phi­lo­so­phie?

Ja. In den letz­ten 15 Jah­ren bin ich immer wie­der Per­so­nen mit einem kauf­män­ni­schen oder tech­ni­schen Hin­ter­grund begeg­net, die so ein unbe­stimm­tes Gefühl haben, in der Phi­lo­so­phie lie­gen Ant­wor­ten auf ihre Fra­gen. Und zwar nicht nur hin­sicht­lich ethi­scher, son­dern auch hin­sicht­lich stra­te­gi­scher Fra­ge­stel­lun­gen. Denn auch im Manage­ment begreift man all­mäh­lich, dass es eines inter­dis­zi­pli­nä­ren Ansat­zes bedarf, wenn man als Füh­rungs­kraft noch Erfolg haben will. Dies füh­ren die Tex­te von bedeu­ten­den Manage­ment­theo­re­ti­kern wie Dru­cker, Malik oder Spren­ger in aller Deut­lich­keit vor Augen. Das sind Tex­te, die durch­aus phi­lo­so­phi­sche Ambi­tio­nen haben. Auch der sys­tem­theo­re­ti­sche Ansatz in der Manage­ment­theo­rie ver­an­schau­licht das Bedürf­nis, Instru­men­te an die Hand zu bekom­men, mit denen man das Cha­os, die Kom­ple­xi­tät einer glo­bal ver­netz­ten Öko­no­mie steu­ern kann – und zwar jen­seits öko­no­mi­scher Kenn­zif­fern. Hier hat die Phi­lo­so­phie eini­ges zu bie­ten.

Wel­che Auf­ga­be hat die Phi­lo­so­phie in der Wirt­schaft?

philo-zitatDie Phi­lo­so­phie bringt eine Denk­wei­se in die Wirt­schaft, die einen Per­spek­ti­ven­wech­sel erlaubt, ja die­sen sogar her­vor­bringt. Über­ge­ord­net ist ihre Auf­ga­be, Ant­wor­ten auf die Fra­ge zu fin­den, wor­in der Sinn des Wirt­schaf­tens eigent­lich besteht. In der Unter­neh­mens­pra­xis kann phi­lo­so­phi­sches Fra­gen ein­for­dern, gute Grün­de für Hand­lun­gen anzu­ge­ben. Wenn bestimm­te Ziel­vor­ga­ben die Wirt­schaft domi­nie­ren, wenn Unter­neh­men und Orga­ni­sa­tio­nen bloß noch ein­di­men­sio­nal, zum Bei­spiel von eini­gen weni­gen Kenn­zah­len gesteu­ert wer­den, wird eine Zwangs­kom­po­nen­te über­ge­wich­tet und damit schwin­det der gedank­li­che Spiel­raum, den es braucht, um gute Grün­de für Ent­schei­dun­gen zu fin­den. Dar­über hin­aus soll­te man sich – auch unter Markt­druck – die Frei­heit bewah­ren, die Fra­ge nach dem Sinn mei­nes wirt­schaft­li­chen Tuns zu stel­len. Begibt man sich auf die­sen Weg, mün­det er in gesell­schaft­lich rele­van­ter Pra­xis. Ein Bei­spiel: Wenn es die Auf­ga­be der Wirt­schaft ist, Wohl­stand zu gene­rie­ren, stellt sich die Fra­ge, ob wir dabei nur von mate­ri­el­lem Wohl­stand spre­chen und mit­hin von einem Wohl­stand, der dar­auf beruht, dass wir den Pla­ne­ten aus­beu­ten. Oder lässt sich Wohl­stand auch anders defi­nie­ren? Spre­chen wir von einem Wohl­stand, der auch das indi­vi­du­el­le Glück jen­seits der Kon­sum­be­frie­di­gung im Blick hat? Setzt Wohl­stand eine Wett­be­werbs­öko­no­mie vor­aus oder sind koope­ra­ti­ve Model­le wie die Gemein­wohlöko­no­mie eine Alter­na­ti­ve?

Inwie­weit kann man auf öko­no­mi­sche Kenn­zah­len ver­zich­ten? Viel­leicht sogar ganz?

Ich glau­be nicht, dass das mög­lich ist. Man soll­te sich aber eine gewis­se Frei­heit erhal­ten, wie man die­se Zah­len inter­pre­tiert und benutzt. Es ist immer ein Teil der Stand­ort­be­stim­mung eines Unter­neh­mens, die betriebs­wirt­schaft­li­chen Kenn­zah­len zur Selbst­be­schrei­bung zu benut­zen: Wie pro­fi­ta­bel sind wir? Wie wach­sen wir? Wie ist es um unse­re Liqui­di­tät bestellt? Wel­che Ver­bind­lich­kei­ten haben wir? Die­se Indi­ka­to­ren im Blick zu haben, ist uner­läss­lich. Aber die­se Indi­ka­to­ren geben kei­ne Ant­wor­ten auf die stra­te­gi­schen Fra­gen: Womit wol­len wir künf­tig Geld ver­die­nen? Wie wer­den künf­tig die Öko­no­mie und die Gesell­schaft funk­tio­nie­ren und sind da Ent­wick­lun­gen abseh­bar, die unser Geschäfts­mo­dell gefähr­den? Im Geschäfts­all­tag herrscht aller­dings gro­ßer Zeit­druck. Und zwar ganz gleich, ob man in einem Unter­neh­men, in der Poli­tik oder in einem Kran­ken­haus arbei­tet. Im öko­no­mi­schen Umfeld wird schnell auf die „Dyna­mik der Märk­te“, den „Wett­be­werbs­druck“ oder „die Erwar­tun­gen der Inves­to­ren“ ver­wie­sen, wodurch eine schein­ba­re Alter­na­tiv­lo­sig­keit sug­ge­riert und vor allem eines gefor­dert wird: Tem­po, Tem­po, Tem­po! Vor die­sem Hin­ter­grund ist voll­kom­men klar, dass Ent­schei­dun­gen häu­fig nicht weit­sich­tig getrof­fen wer­den kön­nen. Da fehlt oft ein­fach die Zeit, grund­le­gen­de Über­le­gun­gen über rich­tig und falsch anzu­stel­len. Ich per­sön­lich hal­te das für ein gro­ßes Man­ko des Manage­ments. Phi­lo­so­phi­sches Den­ken kann hier einen Bei­trag leis­ten: Ver­lang­sa­mung, sich Bedenk­zeit ein­räu­men, wei­ser zu wirt­schaf­ten.

Muss man als Phi­lo­soph nicht ver­su­chen, den von Ihnen skiz­zier­ten Geschäfts­all­tag grund­le­gend zu ver­än­dern?

Aus mei­ner Sicht ist es nicht die vor­ran­gi­ge Auf­ga­be eines Phi­lo­so­phen, die Welt zu ver­än­dern. Phi­lo­so­phie bedeu­tet auch und vor allem, die Welt zu ver­ste­hen, Erkennt­nis­se zu gene­rie­ren und gedank­lich zu ori­en­tie­ren Wie ein­gangs gesagt: Phi­lo­so­phi­sches Fra­gen drängt dann zur Pra­xis. So ver­stan­den, ken­ne ich kaum einen Phi­lo­so­phen, der nicht Impul­se zur Ver­än­de­rung der Welt setzt.

Suchen Sie also nach Auto­ren, die in der Lage sind, die heu­ti­ge gesell­schaft­li­che Wirk­lich­keit zu begrei­fen? Nach Visio­nä­ren, die im Sin­ne von Hegels Mot­to „Ist erst das Reich der Vor­stel­lung revo­lu­tio­niert, so hält die Wirk­lich­keit nicht aus“ das Den­ken ver­än­dern?

Als Ver­le­ger muss man über­zeugt davon sein, dass die Auto­ren, die man ver­legt, etwas für die Leser­schaft Rele­van­tes zu sagen haben. War­um sonst soll­te man in sie inves­tie­ren? Ich glau­be, wenn man sich unser Ver­lags­pro­gramm ansieht, dann merkt man, dass es uns zum einen dar­um geht, die gegen­wär­ti­ge Welt zu ver­ste­hen, zu neu­en Erkennt­nis­sen zu kom­men. Zum ande­ren liegt es vie­len unse­rer Auto­ren auch dar­an, die Welt zum Bes­se­ren zu ver­än­dern – sowohl auf der per­sön­li­chen wie auch auf der gesell­schaft­li­chen Ebe­ne

In die­sem Kon­text stellt sich die Fra­ge: Wo befin­den sich die Medi­en? Im Reich der Vor­stel­lung oder im Reich der Wirk­lich­keit? Trans­por­tie­ren sie das Reich der Vor­stel­lung ins Reich der Wirk­lich­keit oder anders­her­um? Ich sehe Medi­en als Ver­mitt­ler zwi­schen bei­den Rei­chen und habe dabei einen plu­ra­lis­ti­schen Ansatz gewählt. Das heißt, Sie fin­den in mei­nem Ver­lag Auto­ren und Tex­te, die die Viel­falt des Den­kens reprä­sen­tie­ren und unter­schied­li­che Per­spek­ti­ven auf­zei­gen. Wir ver­su­chen, die Viel­falt und Kom­ple­xi­tät der Welt zu respek­tie­ren, sprich, wir wol­len den Lesern kei­ne zu ein­fa­chen Schluss­fol­ge­run­gen anbie­ten. Letzt­lich ist das eine Offer­te an die Leser, ihre Umge­bung kla­rer zu sehen und eige­ne Schlüs­se zu zie­hen.

denkraumInso­fern könn­te man sagen, dass es mir dar­um geht, Frei­räu­me zu eröff­nen, Denk­räu­me zu eröff­nen, in denen man sich vor­stel­len kann, es könn­te auch anders sein. Ich hof­fe, so Men­schen zu ermu­ti­gen, in den Dia­log mit ihrem Chef, ihren Kol­le­gen oder ihrem Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten zu tre­ten. Wenn Sie das Welt­ver­än­de­rung nen­nen möch­ten, habe ich da nichts dage­gen.

Sie haben den Mur­mann Ver­lag 2004 mit dem Mot­to „Wirt­schaft und Gesell­schaft wei­ter den­ken“ gegrün­det. War­um müs­sen Wirt­schaft und Gesell­schaft wei­ter gedacht wer­den?

Weil wir heu­te mit Pro­ble­men kon­fron­tiert sind, die man in die­ser Form noch nicht kann­te, als nach dem Krieg der Rah­men für unse­re Wirt­schaft und Gesell­schaft vor­ge­ge­ben wur­de; mit Pro­ble­men, die trotz oder gera­de wegen des gestie­ge­nen Wohl­stands auf­ge­kom­men sind.

Neh­men wir das The­ma der Umwelt­ge­rech­tig­keit. Allein aus die­sem The­men­feld erge­ben sich zahl­rei­che Fra­gen, wie bei­spiels­wei­se: Wie gerecht ist es, dass west­li­che Gesell­schaf­ten die natür­li­chen Res­sour­cen aus­beu­ten und das Kli­ma belas­ten, aber die Men­schen ande­rer Regio­nen die Kon­se­quen­zen zu tra­gen haben?

Wir kön­nen inzwi­schen nicht mehr die Augen vor dem Preis ver­schlie­ßen, der mit dem Wohl­stands­wachs­tum ver­bun­den ist. Wenn man eine Wirt­schaft auf­ge­baut hat, deren Wachs­tum auf der Zer­stö­rung der Umwelt des Men­schen basiert, die­ses Wachs­tum jedoch not­wen­dig ist, um Arbeits­plät­ze bereit­zu­stel­len, dann gera­ten über kurz oder lang die Arbeits­plät­ze mit dem Natur­schutz in Kon­flikt. Wir sehen also, dass das Wirt­schafts­wachs­tum inzwi­schen unter enor­men Begrün­dungs­schwie­rig­kei­ten steht und längst nicht mehr so selbst­ver­ständ­lich ist wie frü­her. Hier muss wei­ter gedacht wer­den. Eini­ge unse­rer Auto­ren wie etwa Hans-Chris­toph Binswan­ger, Franz Josef Rader­ma­cher oder Clau­dia Kem­fert leis­ten hier wich­ti­ge Bei­trä­ge.

Nun sind wir längst nicht mehr in der Lage, auf natio­na­ler Ebe­ne Lösun­gen für die gro­ßen Pro­ble­me wie Migra­ti­on, Staats­ver­schul­dung oder den Kli­ma­wan­del her­vor­zu­brin­gen. Auf der ande­ren Sei­te ist Euro­pa völ­lig zer­strit­ten. Müs­sen wir ein ganz neu­es Euro­pa erfin­den?

Ich bin der fes­ten Über­zeu­gung, dass der Natio­nal­staat kei­ne Ant­wort auf die drän­gen­den Fra­gen geben kann – weder im Bereich Wirt­schaft noch in den Berei­chen Kli­ma oder Migra­ti­on. Ich glau­be, der Natio­nal­staat schöpft aber nach wie vor aus einem geschicht­li­chen Vor­teil. So hat der his­to­risch gewach­se­ne Natio­nal­staat – also das poli­ti­sche Gebil­de, das eine gemein­sa­me Geschich­te, Spra­che, Kul­tur etc. ver­eint – gezeigt, dass Demo­kra­tie in die­sem Gebil­de recht gut funk­tio­niert. Und dies in ganz unter­schied­li­chen Grö­ßen­ord­nun­gen: Es gibt die USA mit über 300 Mil­lio­nen und Däne­mark mit knapp sechs Mil­lio­nen Ein­woh­nern. Nun hört man zwar immer, dass Euro­pa eine gemein­sa­me Geschich­te einen wür­de, aber lei­der muss man zum jet­zi­gen Zeit­punkt sagen, dass Euro­pa als poli­ti­sches und demo­kra­ti­sches Pro­jekt über­haupt nicht funk­tio­niert. Euro­pa doch noch zu einen, ist sicher­lich eine Her­ku­les­auf­ga­be. Wahr­schein­lich wer­den wir natio­nal­staat­li­che Sou­ve­rä­ni­tät abge­ben und ganz neue demo­kra­ti­sche For­men ein­füh­ren müs­sen. Und dann wird sich zei­gen, wer beim Pro­jekt Euro­pa noch dabei sein will.

Ist nicht auch die immer grö­ßer wer­den­de Ungleich­ver­tei­lung von Ein­kom­men und Ver­mö­gen ein gro­ßes Pro­blem?

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agora42 traf Sven Mur­mann im April 2016 in den Räu­men des Mur­mann Ver­lags in Ham­burg.

Tat­säch­lich stellt sich die Fra­ge, wie es sein kann, dass trotz sozia­ler Markt­wirt­schaft und star­kem Sozi­al­staat die Ver­mö­gens­ver­tei­lung immer noch vie­le Men­schen in unse­rem Land sehr zu benach­tei­li­gen scheint. Aller­dings bin ich der Mei­nung, dass es nicht dar­um geht, Ergeb­nis­gleich­heit zu schaf­fen, son­dern viel­mehr dar­um, Chan­cen­gleich­heit zu ermög­li­chen. Schließ­lich ist es in den aller­meis­ten rei­fen Volks­wirt­schaf­ten nicht gelun­gen, allen gesell­schaft­li­chen Schich­ten die glei­chen Chan­cen zu bie­ten. Die Start­be­din­gun­gen sind nach wie vor ungleich. Wer aus einer soge­nann­ten bil­dungs­fer­nen Schicht kommt, hat es ungleich schwe­rer, den Vor­sprung von jeman­dem ein­zu­ho­len, der bei­spiels­wei­se aus einem Aka­de­mi­kerhaus­halt kommt. Poli­tik, Wirt­schaft und Zivil­ge­sell­schaft haben hier noch eini­ges zu tun. Das Haupt­an­lie­gen mei­nes Enga­ge­ments bei der Stif­tung der deut­schen Wirt­schaft besteht dar­in, Chan­cen­ge­rech­tig­keit  in Deutsch­land zu ver­bes­sern.

Es gibt immer noch Öko­no­men, die behaup­ten, man bräuch­te die Ver­mö­gens- und Ein­kom­men­sun­gleich­heit, um wirk­sa­me Anrei­ze für eine dyna­mi­sche und inno­va­ti­ve Markt­wirt­schaft zu set­zen. Man müs­se den Homo oeco­no­mi­c­us in uns dau­ernd trig­gern, damit die Wirt­schaft und die Unter­neh­men im Wett­be­werb bestehen kön­nen und so einen Mehr­wert für die Gesell­schaft leis­ten. Ich hege star­ke Zwei­fel an der Zukunfts­fä­hig­keit die­ses Welt­bil­des.

Die Stif­tung der deut­schen Wirt­schaft ist eine Bil­dungs­stif­tung. Was ver­ste­hen Sie unter Bil­dung?

Gute Bil­dung soll­te zu einer Balan­ce aus Kom­pe­ten­zen und Wis­sen auf der einen und Cha­rak­ter- und Per­sön­lich­keits­bil­dung, auch im Sin­ne sozia­ler Kom­pe­tenz, auf der ande­ren Sei­te füh­ren. Blo­ßes Selbst­be­wusst­sein ohne fach­li­che Kom­pe­ten­zen kann auch zu Pein­lich­kei­ten füh­ren. Im Augen­blick ist unser Schul­sys­tem für vie­le Schü­ler extrem frus­trie­rend, weil die­ses ihren Enthu­si­as­mus und ihre Moti­va­ti­on nicht för­dert. Gleich­zei­tig kla­gen am ande­ren Ende der Bil­dungs­ket­te, auf dem Arbeits­markt, vie­le Fir­men dar­über, dass sie es zuneh­mend mit unrei­fen Per­sön­lich­kei­ten zu tun bekom­men. Inso­fern besteht in vie­ler­lei Hin­sicht die Not­wen­dig­keit, das Bil­dungs­sys­tem wei­ter zu ver­bes­sern.

Ich hal­te aller­dings dar­an fest, dass es für eine rei­fe Per­sön­lich­keit sehr wich­tig ist, sich inten­siv mit einer Mate­rie befasst zu haben – ganz gleich, ob im Rah­men einer Berufs­aus­bil­dung oder eines Stu­di­ums. Sich eine fach­li­che Kom­pe­tenz anzu­eig­nen, ein Hand­werk zu erler­nen oder eine wis­sen­schaft­li­che Arbeit zu schrei­ben, sich dabei auch gegen inne­re Wider­stän­de durch­ge­setzt und Prü­fungs­ängs­te über­wun­den zu haben – das kann  einem eine gro­ße Befrie­di­gung geben und ist wesent­li­cher Bestand­teil der Per­sön­lich­keits­bil­dung.

Nun ist das deut­sche Bil­dungs­sys­tem gera­de durch den Bolo­gna-Pro­zess auf noch mehr Geschwin­dig­keit und noch mehr Ver­gleich­bar­keit geeicht wor­den. Der Druck hat zuge­nom­men, es wer­den mehr Exzel­len­zen ein­ge­for­dert, auch im Bil­dungs­be­reich nimmt die Bedeu­tung von Kenn­zif­fern zu. Müss­te man die­se Reform zurück­neh­men?

Die inter­es­san­te Fra­ge in die­sem Zusam­men­hang ist doch: Wie wur­de die Bolo­gna-Reform ver­kauft? Wenn man sich das genau­er ansieht, dann stellt man fest, dass hier markt­wirt­schaft­li­che Argu­men­te vor­ge­bracht wur­den: „Die ande­ren machen das doch auch.“ Oder: „Wir müs­sen die Stu­die­ren­den schnel­ler dem Arbeits­markt zur Ver­fü­gung stel­len.“ So wur­de dafür gesorgt, dass die Stu­die­ren­den frü­her bei den Unter­neh­men ankom­men, die­se jedoch weni­ger mit ihnen anfan­gen kön­nen.

Ich weiß nicht, ob man die Reform unbe­dingt zurück­neh­men soll­te, viel­leicht wäre es auch eine Idee, die Reform wei­ter zu den­ken. Wie wäre es, wenn sie allen Stu­den­ten, egal, was sie stu­die­ren, ob BWL, Maschi­nen­bau, Medi­zin, Sozio­lo­gie oder Psy­cho­lo­gie, die Mög­lich­keit und die Zeit geben wür­den, sich schon in der Uni­ver­si­tät in einem Stu­di­um gene­ra­le mit den gro­ßen Fra­gen des Lebens zu beschäf­ti­gen? Es ist doch wenig sinn­voll, wenn man sich die­se Fra­gen erst stellt, wenn man in Ren­te geht.

 

 

 

 

interviewpartner

 

 

Herr Mur­mann, wir dan­ken Ihnen für die­ses Gespräch.