Innehalten – Interview mit Georg Monjoie

Innehalten

Interview mit Georg Monjoie

 

In der aktuellen Ausgabe sprechen wir mit dem Maler Georg Monjoie über Zukunftsangst und Lebendigkeit, alternative Ideen und deren Schönheit, sowie das Ausatmen und die Liebe.

 

 

Herr Monjoie, die auf uns zurollende Katastrophe, klimatisch als auch gesellschaftlich, wird mittlerweile nicht mehr ernsthaft in Abrede gestellt – trotzdem reißen wir das Ruder nicht herum und fahren sehenden Auges gegen den Eisberg. Ist die Welt nicht mehr zu retten?

Zu sagen, die Welt werde untergehen und überhaupt sei alles schrecklich, ist schlicht albern! Fatalismus ist eher ein Angstreflex, kein Standpunkt. Die Alternative allerdings ist anstrengend: Sie bedeutet langsamer zu werden und auszuatmen. Leben ist nicht Essen. Leben ist Stoffwechsel! Wer nur isst und nicht verdaut platzt einfach. Und ich hoffe doch, dass wir aus all der geistigen Nahrung, all den Dingen und Gedanken, die wir im Kopf haben, nicht nur Fäkalien machen, sondern ein Plus, nämlich uns. Guckt uns nur an mit all den Dingen, die wir um uns herum haben! Was machen wir daraus? Machen wir Glück daraus? Nein, wir sind völlig impotent geworden, wir machen nur Zukunftsangst daraus. Das ist grauenhaft! Wir leben nur noch im Konsumismus und der ist tatsächlich eindimensional und linear. Er braucht keine Lebendigkeit, er braucht Waren und deren Umsatz. In ihm können wir nicht verstoffwechseln, sondern nur verbrauchen.

 

Heißt das, dass wir den Wert der Dinge nicht mehr erkennen? Das ist doch paradox, wo ständig ein „Mehrwert“ erschaffen werden soll …

Georg Monjoie ist Maler. Er studierte Germanistik und Philosophie. Mehr unter georgmonjoie.com

 

Der Kapitalismus ist ein Wertevernichter. Es fließen zwar wahnsinnig viel Kapital, Güter und Informationen, aber keine Werte. Stattdessen denken wir nur noch in Relationen von größer, besser, schneller, mehr und suchen ununterbrochen den Vergleich – am besten auf die Zahl genau.

Aber Zahlen vernichten Werte, eben weil sie so eindeutig sind. Sie kennen keine Zweideutigkeit, keine Zweifel. Wirkliche Werte, ethische Werte, ergeben sich stets aus Zweideutigkeit. Dem eindimensionalen linearen „Mehr“ zu folgen, heißt nicht, Werte zu schaffen, sondern Werte zu vernichten. Das Lineare „Mehr“ steht allein, am besten regulierungsfrei und ohne Begrenzung. Es kennt kein sowohl als auch. So brauchen auch die Akteure des Finanzmarktes gar kein Gewissen: „Was redet ihr denn, die Umsätze steigen doch, die Unternehmenszahlen sind besser als 2008 – und Ende Gelände.“ Mit dieser Denke ist nichts mehr wertvoll. Sie ist vollkommen systemimmanent. Und deswegen ist für mich allein schon die Idee des Maßhaltens der eigentliche Systemwechsel. Alles andere ist totalitär. Die Planwirtschaft zum Beispiel: Wieder wird in Zahlen gedacht, Umsätze werden gemessen und ein einheitlicher Grenzverbrauch vorgeschrieben. Das ist nicht die Lösung. Maßhalten bedeutet langsamer zu werden, nach innen zu schauen und Ambivalenzen auszuhalten. Es geht darum, Müll zu vermeiden, und nicht darum, Strände von Plastikmüll zu säubern. Das Maßhalten allein hat aber noch keine schöne Gestalt, ist noch keine schöne Erzählung. Jetzt ist der Moment, in dem wir gesellschaftlich politisch werden müssen. Mit meinem Sohn sprach ich neulich über die „visionäre Heimatlosigkeit“, einen Begriff von Harald Welzer: Wir sind voller Visionen, Möglichkeiten und Ideen, aber nichts davon wird umgesetzt. Wir hören uns die netten Ideen an und sagen: „Aha, und jetzt?“

 

Woran es mangelt, ist also nicht die Freiheit, sich in Gedanken theoretische Lösungen auszudenken, sondern diese auch umzusetzen?

Ja genau! Im Internet findet man zahllose Gedanken und Schriften zum Thema Postwachstumsgesellschaft, Postwachstumsökonomie, wachstumsneutrale Unternehmen etc. Die Gedankenwerkstatt ist am dampfen – aber was machen wir daraus? Was uns fehlt, ist tatsächlich so etwas Olles und Altbackenes wie die Kultur und Ästhetik dazu – die Gestalt. Kunst, Architektur, Stadtplanung, Literatur und Musik reagieren noch nicht. Die alternativen Ideen sind alle da! Sie nehmen nur keine Gestalt an. Wir zeigen zwar auf sie und rufen: „Hey, guck mal, es geht auch anders!“ Nur sind wir damit noch systemimmanent, bleiben im selben Sumpf stecken. Wir sitzen noch in der vergeistigten Denkwerkstatt und stellen uns das „anders“ vor. Die Ästhetik müsste sich jetzt darum kümmern, aus den bereits vorhandenen Ideen die praktische Erfahrung zu schaffen und jeden spüren zu lassen „Hey, so ist es viel schöner!“ Verantwortlichkeit, soziale Nähe, lebendige Stadtteilkulturen, Commons, diese ganzen Ideen. Lasst uns keinen Thinktank, sondern einen habitual Tank daraus machen. Von der Machbarkeit zur Schönheit! Auch der Prozess der Transformation muss diesen Weg gehen!

Erzählen wir doch eine bildliche Geschichte zum Verzicht, die jeder nachempfinden kann, und zeigen, dass weniger wirklich mehr ist. Winfried Kretschmann hat es vor Jahren gewagt zu sagen, dass weniger Autos mehr Lebensqualität bedeuten. Er hat den Satz im Autoland Baden-Württemberg dann leider nie mehr wiederholt. Das Weniger muss als tatsächliche Option wieder zurückkehren, als eine Möglichkeit zu mehr Lebensqualität: Cool-down, ausatmen, Metabolismus herunterfahren.

 

Weckt dieses Herunterfahren nicht gleich Verlustängste? Was bleibt uns, wenn wir nicht ständig nach mehr streben?

Im Gegenteil, mit diesem Ausatmen gewinnen wir erst an Lebendigkeit. Das zeigt eindrücklich das fernöstliche Yin und Yang: Lebendigkeit entsteht nicht im Schwarz oder Weiß, sondern dort, wo beides aufeinandertrifft. Wenn diese Grenze aufhört zu sein, dann ist das der Tod. Dann wird alles grau. Die Grenze ist unsere Lebensbedingung – und nicht das Grenzwertig-sein.

Die Grenze ist unsere Lebensbedingung – und nicht das Grenzwertig-sein.

Das ist ein wichtiger Unterschied! Von der Grenze sieht man nach beiden Seiten und kann den Wechsel erkennen, man scheut die Komplexität nicht und ist deshalb lebendig. Außerdem ist wichtig: Das Yin-und-Yang-Symbol hat eine geschwungene Linie in sich, keine gerade. Damit wird unser schwieriger und vielleicht auch längerer Weg symbolisiert. So sind wir. Wir wandern auf diesem Grat entlang, denn wenn wir keine Auseinandersetzung haben, stürzen wir zusammen. Das ist schön und anstrengend zugleich, braucht Zeit und Behutsamkeit.

 

Die Krise 2008 hat uns echt geschockt. Wir wussten, so geht es nicht weiter. Aber warum teilen diejenigen, die das System maßgeblich mitbestimmen und viel tiefere Einblicke in seine Abgründe haben als wir, diese Einsicht darüber nicht?

Das Problem ist: Manager und Banker nehmen die Krise überhaupt nicht als eine solche wahr. Sie denken systemimmanent: Es wird wärmer? Dann kauft mehr Klimaanlagen! Dieser hektische, aber doch hilflose Typ Mensch ist ein Tatmensch, weil er keinen Sinn darin sieht, zu differenzieren oder nach innen zu gehen.

Die Systeme sind derzeit höchst nervös! Man spürt die oszillierenden Mini-Gedanken, deren Verfallszeit immer kürzer wird. Wir sprechen allesamt hochgradig unruhig von der Notwendigkeit der Beruhigung. Nehmen wir uns doch nur mal selber wahr: Unser eigenes nervöses Verhalten trägt das Stigma des Widerspruchs in sich!

Ortega y Gasset sagt, das fand ich überzeugend, dass der Mensch nur dann in einem Krisenbewusstsein lebt, wenn er zumindest ahnt, dass es einen Ausweg gibt. Das heißt, wenn man nur daran denkt, am System zu rütteln, weiß man eigentlich schon, dass es eine Lösung gibt. Andernfalls würde man aus verständlicher Angst verkrampft am Bestehenden festhalten.

 

Woran liegt dann dieses hektische, ja panische Festhalten am Alten?

Wir sind ich-fixierte Seiltänzer, die nicht wirklich gut sind. Wir haben ständig Angst vor dem Absturz und spannen deshalb ein Netz darunter, das uns auffangen soll. Tatsächlich nennen wir Netzwerke heute sogar soziale Netzwerke, als seien sie caritativ. Das ist haarsträubend! Dieses soziale Netz hat ständig Empfang, solange man sein Smartphone dabeihat. Dort kann man jederzeit alles nachgucken – die Bibliothek von Alexandria war nichts dagegen. Aber: Wir fangen nichts damit an. Kulturüberlieferung ist heute so komplex wie noch nie, mit Big Data geht nichts mehr verloren. Aber wenn nichts mehr verloren geht, trägt auch nichts mehr eine Botschaft in sich. Die Daten sagen uns nichts mehr. Dieses krampfhafte und grenzenlose Aufbewahren und Sammeln von Daten mündet genau wieder in dieser linearen Impotenz.

 

Nun gibt es ja seit einiger Zeit den Trend zum „Detoxing“, das heißt zur Rückbesinnung und Stärkung der Unabhängigkeit und zur bewussten Entwöhnung von Abhängigkeiten. Was hat dies mit der Krise zu tun?

Jemand, der sich nicht krampfhaft an die Gesellschaft als ein Netzwerk der Sicherheiten klammern muss, um zu leben, der wird frei sein. Was müssen wir also tun, damit wir Seiltänzer keine Angst vor dem Absturz haben? Keinen Rettungsschirm aufspannen und kein Netz, sondern: liebevoll handeln! Liebe heißt Selbstwahrnehmung und diese findet im Konsumismus nicht mehr statt.

Liebe heißt Selbstwahrnehmung und diese findet im Konsumismus nicht mehr statt.

Das nach Innen gehen, um der Angst zu begegnen, ist heute nicht gefragt. Liebe, Selbstwahrnehmung und Maßhalten gehören für mich zusammen, weil meine Selbstwahrnehmung merkt, dass ich immer zwischen Yin und Yang entlangwandere. Damit muss sie ein Maß finden und auch Maß halten. Das eine gibt es nicht ohne das andere.

 

Aber kann man noch echte Liebe, auch gegenüber sich selbst, entfalten in der heutigen Zeit? Es gibt doch keinen Mitbürger mehr, der nicht eingebunden ist in diesen Wahnsinn, der nicht industrielle Nahrung konsumiert, Kohlestrom und abgepumptes Grundwasser verbraucht, CO2 in die Luft bläst, Hormone ausscheidet oder Plastik im Blut trägt. Das Gefühl der Zeit ist das der Vergiftung. Wie kann man da noch mit sich ins Reine kommen?

Wie ich mich verhalte und wer ich bin, ist nicht dasselbe. Wichtig ist, ob man die Geschichte erzählen kann über die Grenzen der eigenen Möglichkeiten. Das macht den Unterschied. Dann kann ich mich gegenüber der Welt anders verhalten, von innen heraus, nicht von außen. Wir sind nicht unsere Vergesellschaftung! Wir sind nicht unser kurzatmiges, aufgeschmissenes Wesen.

Das zeigt uns der Mythos des Sisyphos, der immer aufs Neue – und völlig sinnlos wie es scheint – den Stein nach oben rollt. Seine Mühe ist vergeblich, aber das hält ihn nicht davon ab, immer weiterzumachen. Denn es ist SEIN verdammtes Leben, und das kann und wird ihm niemand nehmen. Camus sagte dazu: „Darin besteht die verborgene Freude des Sisyphos. Sein Schicksal gehört ihm. Sein Fels ist seine Sache. [...] Der absurde Mensch sagt ja, und seine Anstrengung hört nicht mehr auf. Wenn es ein persönliches Geschick gibt, dann gibt es kein übergeordnetes Schicksal oder zumindest nur eines, das er unheilvoll und verachtenswert findet. Darüber hinaus weiß er sich als Herr seiner Tage. In diesem besonderen Augenblick, in dem der Mensch sich seinem Leben zuwendet, betrachtet Sisyphos, der zu seinem Stein zurückkehrt, die Reihe unzusammenhängender Handlungen, die sein Schicksal werden, als von ihm geschaffen, vereint unter dem Blick seiner Erinnerung und bald besiegelt durch den Tod. Derart überzeugt vom ganz und gar menschlichen Ursprung alles Menschlichen, ein Blinder, der sehen möchte und weiß, daß die Nacht kein Ende hat, ist er immer unterwegs. Noch rollt der Stein. […] Dieses Universum, das nun keinen Herrn mehr kennt, kommt ihm weder unfruchtbar noch wertlos vor. Jeder Gran dieses Steins, jedes mineralische Aufblitzen in diesem in Nacht gehüllten Berg ist eine Welt für sich. Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“ Den Wert in sich selber zu verlegen, hat also immer etwas Meditatives.

 

Kann denn die Liebe, die ja wahnsinnig besitzergreifend und leidenschaftlich sein kann, überhaupt den Weg weisen zu unserem Inneren? Inwiefern ist sie meditativ?

Mit Liebe meine ich hier, was im Christentum als Agape-Liebe bezeichnet wird und nicht den verlangenden Eros. Agape ist die uneigennützige und allumfassende Liebe. Sie ist für mich eine Liebe, die die Selbstwahrnehmung nicht scheut und sich selber aushält. Der Mensch, der sich selber aushalten will, muss maßvoll sein.

Der Mensch, der sich selber aushalten will, muss maßvoll sein.

Wenn er das nicht ist, dann hält er nicht sich selbst aus, sondern nur die Verhältnisse, in denen er lebt. Uns allen sitzt das zermürbende „Oh Gott, es geht so nicht weiter“ im Nacken, trotzdem und gerade deshalb müssen wir uns Zeit für das Wesentliche nehmen und die heiß gelaufenen Maschinen, Kraftwerke, Motoren, Körper und Seelen behutsam wieder herunterfahren.

 

Wie werde ich schließlich maßvoller?

Eine einfache Frage genügt: Warum mache ich das, was ich gerade mache? Schon bei der Frage werde ich langsam. Einatmen, innehalten, loslassen.

 

 


Die Jubiläumsausgabe der agora42 widmen wir der 42.

42, das ist die Antwort auf die Frage aller Fragen, die keine Antwort ist. Das ist die eindeutige Zahl, die alles im Unklaren belässt. Das ist gar nicht so unsinnig, wie es zunächst scheinen mag. Diese Zahl steht für den typisch menschlichen Versuch, einen Sinn zu finden – und ist doch gleichzeitig Ausdruck der Tatsache, dass dieser nicht gefunden werden kann. Zum Glück! Sonst wäre alles sinnlos…

In der Jubiläumsausgabe fragt die Jenaer Philosophin PEGGY HETMANK-BREITENSTEIN im Interview: “Wer möchte heute eigentlich in einer der nächsten Generationen leben? Ich nicht. Ist das nicht finster?”

RICHARD DAVID PRECHT, Philosoph und Beirat der agora42, zur Frage, wie er sich eine gelingende Zukunft vorstellt: “Wir werden die Humanität und das Soziale in den Mittelpunkt unseres Lebens stellen und nicht den Profit, den Konsum und die Technik.”
Konkrete Hinweise für den Übergang in eine zukunftsfähige Wirtschaft liefert der Publizist und Commons-Aktivist HANS E. WIDMER: “Bevor wir smart schrumpfen können, müssten wir es zuerst schaffen smart zu wachsen.”