"Gestatten, Müll!" – Der lange Schatten des Menschen

 
 
 
 
 

"Gestatten, Müll"

Der lange Schatten des Menschen

von Christian Unverzagt

 

 

 

 

Nachdem der Mensch sich aufgerichtet und somit beide Hände frei hatte, begann er Dinge wegzuwerfen: Bananenschalen, abgenagte Knochen, abgenutzte Faustkeile, zerbrochene Pfeilspitzen. Der Müll folgte dem Menschen wie ein treuer Gefährte. Wo immer er kampierte und Feuer machte, ließ der Mensch ihn wieder zurück. Aber nie wurde er ihn auf Dauer los. Manches verrottete, anderes blieb Jahre und Jahrtausende erhalten, sodass die Archäologie, die durch die Erde hindurch zurück in die Vergangenheit blickt, die ersten Spuren des Menschen in seinem Müll entdeckte. Noch bevor er Felswände bemalte, Gräber aushob oder sich gar zum Bau von aufwendigen Palästen anhalten ließ, machte der Mensch Müll.

 

Schon früh war Müll zweierlei: das Unbrauchbare und das Unreine. Letzteres bedeutet, dass der Mensch sich nicht nur aus Platzgründen von seinem Müll trennen musste. Lange Zeit waren es vor allem Religionen, die Gebote zur Reinhaltung und Reinigung erließen. Sie konnten nicht ein für alle Male erfüllt werden, denn Abfall ist das, was permanent anfällt. So auch die Reinigung von ihm. Rhythmisch wie das Ein- und Ausatmen muss sie sich wiederholen. Der Mensch lebt im Rhythmus von Müll machen und Müll entsorgen. Während sich Hygienemaßnahmen gegen das Unreine allmählich von der Religion lösten, wurde die Entsorgungstechnik immer wichtiger. Als Menschen sich in Siedlungen und schließlich Städten ansammelten, zeigte auch der Müll – wie ein Double des Menschen – seinen Hang zur Ansammlung, der sich noch heute an jeder wilden Müllkippe beobachten lässt. Der Müll forderte seine Infrastruktur, die mit den Städten wuchs: Müllhaufen wurden ausgelagert, sortiert, kompostiert, deponiert, verbrannt, dann wurden Straßen gepflastert und regelmäßig gereinigt, Kloaken wurden angelegt etc. Wie ein länger und länger werdender Schatten begleitete der Müll den Menschen.

 

Das katastrophische Auftauchen des Mülls

Christian Unverzagt ist Philosoph und lebt als freier Autor wissenschaftlicher, essayistischer und belletristischer Schriften in Heidelberg. 1991 veröffentlichte er zusammen mit Volker Grassmuck Das Müll-System. Eine metarealistische Bestandsaufnahme. Seither hat er sich dem Thema in verschiedenen Aufsätzen und Vorträgen gewidmet. Weitere Schriften von ihm finden Sie auf seiner Homepage.

Die Geschichte des Mülls verläuft jedoch nicht linear. Müll will vergessen werden. Er ist das Nicht-Thema schlechthin. Das erfordert immer wieder Bewusstseinssprünge, die durch Skandale erzwungen werden. Eine Konstante in der Geschichte des Mülls ist sein katastrophisches Auftauchen. Im Jahre 1185 ließ der französische König Philipp II. die wichtigsten Straßen von Paris pflastern, nachdem er durch aufsteigendes Faulgas einen Ohnmachtsanfall erlitten hatte. An anderen Orten und zu anderen Zeiten waren es Pest und Cholera, die den Stadtbewohnern die Notwendigkeit einer organisierten Müllentsorgung erneut vor Augen führten. Im 20. Jahrhundert wurde der Fortschrittsoptimismus der Industriegesellschaft zum ersten Mal in den 60er-Jahren mit dem Hinweis auf die Begrenztheit ihrer Ressourcen gedemütigt. Noch bevor man daran dachte, dass eines Tages das Erdöl ausgehen könnte, war der Raum für den Abfall knapp geworden. Deponien waren überfüllt, überall entstanden wilde Müllkippen – und mit ihnen Gefahr für Leib und Leben der Bevölkerung.

Massenproduktion und Massenkonsum unter dem Vorzeichen unbedingten Wachstums hinterließen ihre Spuren. Mit dem rein quantitativen Anwachsen des Müllbergs ging aber noch eine andere Gefahr einher: Die Industriegesellschaft hatte die Stoffzusammensetzung der Dinge verändert. Noch vor den großen Unfällen von Seveso (1976) und Tschernobyl (1986) drangen durch lokale Skandale Botschaften einer neuen Gefahr ins gesellschaftliche Bewusstsein. Konnte in vorindustrieller Zeit der ausgelagerte Müll als verschwindendes Phänomen behandelt werden, so war er nun zur problematischen Materie geworden. Der Müll erschien plötzlich als unbezähmbares Ungeheuer, das den Lebensraum des Menschen bedrohte, als giftige Hydra, der zwei Häupter nachwachsen, wenn man ihr eines abschlägt.

 

Vermeiden – Verwerten – Verschwindenlassen

Der Mensch nahm den Kampf auf. Gegen den Müll, den er zunächst als Feind behandelte, besann er sich auf Strategien – die zwar nicht wirklich neu waren, aber neu entdeckt, erneuert und neu angewendet wurden.

Das Nächstliegende schien zu sein, Müll einfach zu vermeiden. Allerdings enthüllte die Idee der Müllvermeidung auf den zweiten Blick, dass sie genauso groß wie unrealistisch ist. Diese Idee, heute als Textbaustein unverzichtbar, liefe bei ihrer Realisierung auf ein Vermeiden der Industriegesellschaft selbst hinaus. Diese Einsicht führte zu der Erkenntnis, dass der Müll, der eben noch als Feind des Menschen identifiziert worden war, plötzlich als sein Alter Ego erschien. Bei der Vorstellung eines Lebens ohne Müll entdeckte der Mensch, dass jener zu seiner Würde gehört. Bedeutet nicht: mehr Müll = mehr Mensch? Die australischen Ureinwohner hatten außer einfachen Grabstöcken und Bumerangs kaum Dinge, entsprechend kaum Müll. Sie waren der Meinung, dass die Dinge irgendwann Besitz von den Menschen ergreifen würden; die Industriegesellschaft ist es nicht. Es kann also nur um eine Vermeidung des Mülls „im Rahmen des Möglichen und Machbaren“ gehen. Dieser Rahmen lässt zurzeit am Industriestandort Deutschland jährlich rund 385 Millionen Tonnen Müll zu.

Die Einsicht, dass man den Müll nicht vermeiden kann, weil er zur Conditio humana gehört, kann als der große Augenöffner einer Epoche betrachtet werden, die durch ökologische Erkenntnisse in tiefe Selbstzweifel gestürzt worden war. Auf einmal taten sich versöhnliche Perspektiven auf. War der Kampf mit dem Müll nicht ein Bruderkampf mit Hoffnung auf Befriedung? Es ist doch eine Welt, in der wir leben eine Erde, der wir alle – Mensch und Dinge – entstammen. Dieser Gedanke stand Pate bei der Lieblingsidee der Epoche, dem Recycling. Der Traum: dass sich alles wiederverwerten lässt; dass mithilfe der Technik es an uns ist, die Materie als Müll oder als Rohstoff zu definieren; dass sich ein Kreislauf von Ver- und Entsorgung schließen lässt.

 

 

Aber: Zum einen blieben zu viele Produkte durch ihre Stoffzusammensetzung von der Möglichkeit des Recyclings ausgeschlossen. Zum andern sind mit dem Recycling Kosten und ein erneutes Müllaufkommen verbunden, bei unter Umständen leicht degenerierten Produkten.

So sammelt sich der Müll weiter an. Ließen sich die in Deutschland produzierten 385 Millionen Müll-Tonnen in große Fässer verpacken, reichten sie mehrfach um den Äquator. Dafür aber ist der Äquator nicht gedacht. Die Menge muss reduziert werden, und für den Rest müssen andere Orte gefunden werden. Müllverbrennungsanlagen (MVAs) und Deponien sollen in der strategischen Aufstellung gegen den Müll wie zwei Backen einer Zange zusammenwirken.

Müll-Verbrennung gab es schon in der Steinzeit. Bereits damals setzte man periodisch Müllhalden in Brand, wahrscheinlich weniger, um ihr Volumen zu reduzieren, als mehr, um der Geruchsbelästigung und der Ungezieferplage Herr zu werden. Die erste moderne MVA wurde 1870 in England (Paddington) in Betrieb genommen. Richtig in Gang kam die Müllverbrennung aber erst mit der Konsumgesellschaft. 1971 waren es in Westdeutschland schon 30 MVAs, im Jahr 1981 dann 42. Im Jahr 2008 hatte man auf 71 erhöht. Wie kam es zu diesem Boom? Durch heutige MVAs lässt sich 1. die beim Verbrennungsvorgang freigesetzte Energie in Strom oder Heizwärme umsetzen; 2. wird durch die Verbrennung eine Volumenreduktion des Mülls auf 30 Prozent, manchmal sogar auf bis zu 10 Prozent erreicht.

Jedoch: Die Schadstoffbilanz des Mülls enthüllt bei näherer Betrachtung ein ihm eigenes Verlagerungsgesetz. Während das Fortschrittsdenken eine unaufhaltsame Perfektionierung nicht nur der industriellen Produktions-, sondern auch der Müllentsorgungstechniken sieht, verlagert der Müll hartnäckig die eben noch technisch scheinbar gelösten Probleme. Eine MVA ist ein chemischer Reaktor, in dem Stoffe nicht einfach vernichtet, sondern umgesetzt werden. Das Transformationselement Feuer setzt den Müll in das Transportelement Luft um. Bei der Verbrennung werden Substanzen freigesetzt und es entstehen neue Verbindungen – bisher in ihrer Gefährlichkeit noch nicht gekannte Stoffe. Die vermeintliche Beseitigung des Mülls verunreinigt die Elemente. Elementar geworden, wird er zum Allesdurchdringer. Was sich nicht „in Luft auflöst“ – von Rauchgasreinigungsanlagen abgefangen und zu Rest- und Festmüll kondensiert –, wird wieder zu Erde, nun aber zu hochgiftiger.

Auch die Deponierung von Müll gab es bereits in der Steinzeit. Das waren mehr oder weniger wilde Müllkippen, wie wir heute sagen würden, noch keine geordneten Deponien. Das änderte sich in Deutschland erst in den 60er-Jahren des vorigen Jahrhunderts (!). Davor kippte man den Müll einfach außerhalb der Städte in Ton- oder Kiesgruben, alte Steinbrüche, Sümpfe, Moore oder was einem sonst als passender Ort erschien. Inzwischen ist man nicht nur von diesen Orten abgekommen, die Grundidee der Deponie scheint der Realität des Mülls nicht mehr stand zu halten. Eigentlich war die Deponie als Ort für dessen Wegsein gedacht. Doch genauso wie die MVA ist die Deponie immer auch Ausgangspunkt für die Elementarwerdung des Mülls. Nichts verschwindet durch die Lagerung, nichts bleibt für immer ausgeschieden. Die im Müll gebundenen Stoffe lassen sich weder in Lagern vernichten noch dauerhaft speichern. Sie entweichen aus der Erde als Gase in die Luft, sie sickern in Richtung Grundwasser ab. Am Ende steht ein Traum: der vom Endlager. Der Rest der Reste landet in der unterirdischen Hochsicherheitsdeponie, wo er definitiv aus der Welt des Menschen verbannt und von allem Einfluss auf das irdische Leben abgeschottet werden soll. De facto handelt es sich, da die Erde keine abgeschotteten Räume kennt, immer nur um ein durch Sprachmüll aufgerüstetes Zwischenlager.

 

 

Der Zwischenlager gibt es viele. Noch im Giftmüllzeitalter baut man auf die Zauberkraft des Meeres, um Dinge verschwinden zu lassen – obwohl wir wissen, dass alles auch wieder auftaucht: in Form von Algenblüten, Robbensterben und über die Nahrungsmittelkette als Erkrankungen und schleichende Erbgutveränderungen an Land. Hundert- und Aberhunderttausende Tonnen von Giftmüllfässern, rostende Schiffswracks mit gefährlichen Materialien, darunter atomar betriebene oder atomar bewaffnete U-Boote etc. pp. warten auf dem Meeresgrund geduldig auf die Freisetzung ihrer Stoffe. Verschwinden lässt das Meer all das nur aus unserem Bewusstsein – bis zu seinem katastrophischen Wiederauftauchen.

Aufgetaucht ist unterdessen im Pazifik ein neuer Kontinent. Durch Hochdruck und Strömungen bedingt, gibt es auf den Meeren riesige Strudel, von denen einer im Pazifik eine Plastikinsel aus Müll in der Größe von Mitteleuropa hat entstehen lassen. Im Jahr 2008 soll diese Insel aus ca. 100 Millionen Tonnen Kunststoffmüll bestanden haben. Mittlerweile schwimmt im Meer sechsmal mehr Plastik als Plankton, was nicht nur Walen, Schildkröten und Seevögeln zum Verhängnis wird. Hinzu kommt, dass in Wasser nicht lösliches DDT und PCB sich gerne an Plastik setzt, was dort zu einer millionenfach höheren Konzentration der Dauergifte im Vergleich zum restlichen Wasser führt. Nun, irgendwo müssen die 125 Millionen Tonnen Kunststoff hin, die jedes Jahr weltweit produziert werden. Nicht alle landen beim Recycling oder in der MVA. Der Rest verschwindet irgendwo, im Nirgendwo, das überall ist.

 

Wollen wir den totalen Müll?

Dieser Artikel ist erstmals in der Ausgabe DAS UNSICHTBARE erschienen. Weitere Themen finden Sie in unserem Shop.

Auch das wäre eine Beseitigung des Mülls: dass sich sein Begriff in einer vollständig vermüllten Welt auflöste. Der Ausblick darauf wird eher woanders als daheim deutlich, zum Beispiel in China, wo der Hausmüll von fast einer Milliarde Menschen kaum getrennt oder behandelt wird; wo ca. 500 Millionen Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben; wo auf einem Drittel des Territoriums die Wüsten wachsen; wo 90 Prozent der Flüsse, die Städte durchqueren, verdreckt sind; und wo in fast jeder zehnten Familie Missbildungen bei Neugeborenen vorkommen. Wenn man das, was sich mit Geld wieder gut machen lässt, berechnet, kommt man auf Zahlen, die das ganze Wirtschaftswachstum rückwirkend wieder schlucken.

Der Müll enthüllt den Reichtum der Industriegesellschaften rückwirkend als von der Zukunft „geliehen“. Eigentlich ist es, da die Zukunft nicht gefragt wurde, ein Raub – der paradoxerweise in einer „Gabe“ besteht: dem der Zukunft überlassenen Müll. Der die Welt-Substanz durchdringende Müll ist mehr als nur Materie. Er offenbart sich als Welt-Verhältnis, in dem sich ein erschreckendes Selbstverhältnis verbirgt; genauer: ein Generationenverhältnis. Die Entsorgungsgesellschaft eignet sich ihren Reichtum von ihrer Nachwelt an. Alle Umwelt-Probleme sind Probleme, die auch der Mitwelt bereitet werden, vor allem aber: der Nachwelt.

 

Die Nachwelt

Müssten wir die Nachwelt warnen? Könnten wir es? Wer wäre der Ansprechpartner in Tausenden von Jahren, wenn Atommüllbehälter oder gut versiegelte, hochgiftige Verbrennungsrückstände von Hausmüll immer noch nicht geöffnet werden dürfen? Es gab noch keine menschliche Kultur, kein Zeichensystem, das Informationen über Zigtausende von Jahren – Zeiträume, die industriell gefertigter Müll dauert – hätte überliefern können. Nicht nur dem Blick zurück in die Vergangenheit, sondern auch dem voraus in die Zukunft zeigt sich: Der Müll überdauert uns. Es hätte uns schon die erste archäologische Erkenntnis lehren können, dass der Müll einst an die Stelle des Menschen treten könnte.

Denkbar ist allerdings auch umgekehrt, dass der Mensch nur der evolutionäre Platzhalter des Mülls war, der uns vorübergehend für sein Eindringen in die Elemente brauchte. Wer hat am Ende wen gemacht? Das Nachsinnen über die Nachwelt macht den Müll als unseren Avatar in einer vom Geist oder auch nur unserer menschlichen Hülle verlassenen Welt denkbar. Genauso gut aber könnten wir der seine in „unserer“ geschäftigen Welt gewesen sein.

Oder aber sollte – als hätte sich mit der Gefahr auch ein Rettendes bereit gemacht – eine Nachwelt von genialen Müllverwertern den Müll nicht länger als unliebsamen Gefährten behandeln, sondern ihn als Schatz willkommen heißen? Eine Nachwelt, für die der heute noch stinkende Untergrund unserer Welt zum wertvollen Rohstoff geworden wäre.

 

Die triumphale Rückkehr des Mülls

Lebt diese geniale Nachwelt gar schon mitten unter uns? Der Fackelträger der Hoffnung, dass das Schreckgespenst Müll zum Verschwinden gebracht werden kann, ist – die Wirtschaft, der große Um- und Aufwerter. Müll ist ein Wirtschaftsgut, wie andere Dinge auch. Er erschien nur als unpassendes Material, weil er zur falschen Zeit am falschen Ort war. Die Wirtschaft, der alles, was sie anfasst, zu Gold wird, verwandelt ihn in ein passendes, mehr noch: in ein einträgliches Gut. Endlich „rechnet“ sich die Müllentsorgung wieder. Sie ist nicht der lange Schatten des Wachstums, sondern selbst ein Wachstumsfaktor. Nun ist es keine schmerzhafte Selbsterkenntnis mehr, sondern frohe Botschaft, dass die Industriegesellschaft ohne Müll gar nicht denkbar ist. Die Welt der Wirtschaft darf wieder an sich selbst als ein abgrundloses Kontinuum glauben, in dem es immer weitergeht.

Der Lauf der Dinge findet als triumphale Rückkehr des Mülls statt. Der Müll kehrt zurück und wird empfangen wie der verlorene Sohn. Als „Zeichen zunehmender europäischer Integration“ (Umweltbundesamt) wurden 2008 insgesamt mehr als 20 Millionen Tonnen Müll nach Deutschland importiert, sei es zur Deponierung, Verbrennung oder Verwertung. Auch wenn Müll heute längst nicht mehr nur das Vernutzte ist, sondern wesentlich auch das aus Prestige- oder Steuergründen zu Verschrottende (fast neue Autos, Computer, Geräte aller Art), so wird Deutschland alleine die Müllnachfrage seiner MVAs auch in Zukunft nicht bedienen können. Heute schon brauchen die deutschen MVAs zwei Millionen Tonnen mehr Müll, als in Deutschland anfallen. Für das Jahr 2020 rechnet man mit einer Überkapazität von acht Millionen Tonnen. Augenzwinkernd lässt sich daher schon wieder von einer neuen Sorge sprechen: „In Deutschland wird der Müll knapp!“ Nach dem Öko-Pessimismus der 80er-Jahre klingt das wie ein großes Aufatmen. Bald schon wird Deutschland als Müllmagnet nicht mehr nur auf Italien und die Niederlande wirken, sondern auch auf China und Indien; wegen der weltweit höchsten Entsorgungsstandards. Mit den Überkapazitäten der MVAs aber wird ein neues Modell Deutschland („Der Müllmeister“) exportfähig und es wird in naher Zukunft Konkurrenz geben. Während die einen noch als billige Methode, Sondermüll zu entsorgen, alte Computer als „Entwicklungshilfe“ in die Dritte Welt schicken, setzt parallel eine gegenläufige Bewegung ein, in der die Industrieländer um den Müll der Bevölkerungs- und daher Marktgiganten buhlen.

 

Die fatale Liaison

Der Mensch ist nicht ohne Müll und der Müll nicht ohne Mensch denkbar. Dass der Mensch mal versucht, den Müll mit allen Mitteln loszuwerden, und ihn dann wieder bei seiner Heimkehr innig umarmt, lässt an eine fatale Liaison denken. In solch schicksalhaften Beziehungen finden immer auch Selbstbegegnungen statt, aber ohne Selbsterkenntnis.

Zwei Aspekte weisen in die Richtung der nötigen Korrektur dieses Verhältnisses:

  1. Müll überdauert – auch den Menschen in seiner physischen Existenz. Als das, was seine physische Existenz überdauern sollte, hatte der Mensch schon früh seine Seele gedacht. Diese verlangt von ihm, mit sich ins Reine zu kommen. Das wiederum, so lehrt der Müll, lässt sich nicht durch den Versuch der Ausmerzung des Unreinen bewerkstelligen; nicht dadurch, dass der Mensch sich reinigt, indem er die Erde verunreinigt und sein Geschäft auf Kosten der Zukunft macht – die seine Nachwelt ist. Der Mensch muss lernen, mit seinem Müll zu leben.
  2. Müll wandelt sich – nicht nur in seiner materiellen Zusammensetzung. Zugleich wandelt sich beständig das Verhältnis des Menschen zum Müll. Während der Mensch dieses Verhältnis zu korrigieren versucht, macht ihn die materielle Verwandlung des Mülls, zum Beispiel durch MVAs, zum Gefangenen der Vergangenheit. Um die Macht der Müll-Materie zu brechen, mobilisiert der Mensch die Technik; sie aber unterliegt dem Verlagerungsgesetz und lässt die Macht des Mülls sich in stets neuem Gewand entfalten. Lernen, dem Müll keine Macht zu geben, hieße, an den Dingen vor ihrer Müllwerdung anzusetzen, das heißt, bevor sie dem Verlagerungsgesetz unterstehen.

 

Was nötig wäre, ist eine mentale Wende. Befreite sich der Mensch von seiner Besessenheit von den Dingen, so ließe auch der Müll von ihm ab und wüchse nicht mehr über ihn hinaus. Im 21. Jahrhundert steht der Mensch vor einer über-menschlichen Herausforderung: die Dinge sein zu lassen.

 

 

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