Besser, anders, und vor allem weniger – Interview mit Barbara Unmüßig

Besser, anders, und vor allem weniger – Interview mit Barbara Unmüßig

Anläss­lich der aktu­el­len Aus­ga­be zum The­ma “DER KAPITALISMUS AUF DER COUCH” haben wir aus­ge­wähl­te Per­so­nen um Ant­wor­ten auf die zen­tra­len Fra­gen des Hef­tes gebe­ten. Hier die Ant­wor­ten von Bar­ba­ra Unmü­ßig.

Wel­chen Aspekt des Kapi­ta­lis­mus fin­den Sie am inter­es­san­tes­ten und am ehes­ten zu beden­ken?

Barbara Unmüßig

Bar­ba­ra Unmüßig ist seit 2002 Vor­stand der Heinrich-Böll-Stiftung. Sie ver­ant­wor­tet die inter­na­tio­na­le Arbeit der Stif­tung in Latein­ame­ri­ka, Afri­ka, Asi­en, dem Nahen und Mitt­le­ren Osten und die des Gun­da-Wer­ner-Insti­tuts für Femi­nis­mus und Geschlech­ter­de­mo­kra­tie. Sie ist außer­dem Vor­sit­zen­de der Jury des Anne-Klein-Frau­en­prei­ses.

Der fas­zi­nie­rends­te Aspekt ist sicher­lich die schöp­fe­ri­sche Kraft, die ste­ti­ge Neu­erfin­dung und Anpas­sung. Sie geht aber ein­her mit Zer­stö­rung und Aus­beu­tung von Men­schen und Natur. Er bringt lei­der –unge­zähmt —  mas­si­ve Ungleich­heit her­vor und macht unse­re natür­li­chen Lebens­grund­la­gen kaputt und heizt das Treib­haus.  Schum­pe­ter hat am bes­ten die­se schöp­fe­ri­sche Zer­stö­rung beschrie­ben, die der Kapi­ta­lis­mus braucht, um Neu­es aus Zer­stör­tem her­vor­zu­brin­gen. Das hat lei­der sehr viel Unrecht und Leid für Men­schen gebracht. Zu Recht wird die­se Vari­an­te als Raub­tier­ka­pi­ta­lis­mus bezeich­net und Men­schen und ihre sozia­len Kämp­fe ver­su­chen immer wie­der die sozia­len Fol­gen der Aus­beu­tung und der zer­stö­re­ri­schen Kraft ein­zu­däm­men oder zu zäh­men.

Was der Kapi­ta­lis­mus, sein Zwang zur Expan­si­on mit der Natur, mit den Öko­sys­tem und dem Pla­ne­ten als Gan­zes macht, nimmt heu­te irrever­si­ble Züge an. Das machen wir uns immer noch viel zu wenig bewusst. Und wie­der stellt sich hier die Hoff­nung ein, dass selbst die­se bru­ta­le Zer­stö­rung mit tech­no­lo­gi­scher Inno­va­ti­on und mit noch mehr Öko­no­mi­sie­rung der Natur wie­der zu repa­rie­ren sei. Eine sehr ris­kan­te Wet­te auf die Zukunft. Ein wesent­li­ches Ele­ment kapi­ta­lis­ti­scher Pro­duk­ti­on und Akku­mu­la­ti­on ist es, mehr Eigen­tum – oder mehr Kapi­tal – zu erwirt­schaf­ten. Ob wir es wol­len oder nicht, nicht alles kann pri­va­tes Eigen­tum sein – Die Luft zum Atmen, Was­ser, Arten­viel­falt, z. B, wer­den von allen gebraucht und genutzt. Kapi­ta­lis­mus denkt die­se Gemein­gü­ter nicht mit.

War­um konn­ten sich die Men­schen so schnell und unbe­merkt für das kapi­ta­lis­ti­sche Den­ken begeis­tern? Ent­spricht der Kapi­ta­lis­mus unse­rer Natur?

Es gab und gibt doch Alter­na­ti­ven zum Kapi­ta­lis­mus, die von eini­gen Völ­kern auch heu­te noch gelebt wer­den. Der Kapi­ta­lis­mus hat alte, feu­da­le Macht­struk­tu­ren abge­löst.  Und es hat nicht unbe­merkt die Welt erobert. Es gab immer Wider­stand gegen ihn aus ganz unter­schied­li­chen Rich­tun­gen. Einer sei­ner Erfol­ge: Auch, wenn es ein lan­ger und hart erkämpf­ter Weg und mit Rück­schlä­gen ver­bun­den war, hat er in den Kern­län­dern des Kapi­ta­lis­mus Gesell­schaf­ten demo­kra­ti­siert. Und er hat mit der „schar­fen Waf­fe” der güns­ti­gen Prei­se (Karl Marx) ein Wohl­stands­ver­spre­chen für brei­te­re Bevöl­ke­rungs­schich­ten ein­ge­löst. Das macht ihn heu­te ja gera­de so attrak­tiv für die Gesell­schaf­ten im glo­ba­len Süden, die teil­ha­ben wol­len an der Welt der bun­ten Waren. Der auto­kra­ti­sche Typus von Kapi­ta­lis­mus bezieht in Län­dern wie Chi­na ja gera­de hier­aus wesent­lich sei­ne Legi­ti­ma­ti­on Ver­ges­sen wir jedoch nicht:  Kapi­ta­lis­mus ist ein Gesell­schafts­ver­hält­nis von meh­re­ren mög­li­chen und ein rela­tiv neu­es in der Geschich­te der Mensch­heit.  Ob und wie wir ihn trans­for­mie­ren kön­nen ange­sichts der öko­lo­gi­schen Groß­kri­sen und der sozia­len Ungleich­heit und dabei demo­kra­ti­sche Errun­gen­schaf­ten und Men­schen­rech­te erhal­ten kön­nen, ist die gro­ße Fra­ge des 21. Jahr­hun­dert. Zum Glück haben das schon vie­le Men­schen begrif­fen und arbei­ten an Alter­na­ti­ven. Der Kapi­ta­lis­mus ist also mei­nes Erach­tens nicht unbe­dingt die logi­sche natür­li­che Kon­se­quenz für unse­re Gesell­schaf­ten und er liegt nicht in der Natur des Men­schen.

In unse­rer aktu­el­len Aus­ga­be liegt der Kapi­ta­lis­mus auf der Couch. Er ist aus­ge­brannt, kaum jemand glaubt noch ernst­haft an ihn, immer häu­fi­ger fragt man sich “wozu”, Kri­sen­stim­mung macht sich breit. Ist die Blü­te­zeit des Kapi­ta­lis­mus vor­über? Und wie geht es wei­ter?

Es herrscht nicht nur Kri­sen­stim­mung, son­dern wir ste­hen rea­len mul­ti­plen glo­ba­len Kri­sen gegen­über: die wach­sen­de Ungleich­heit, der Ver­lust der Bio­di­ver­si­tät, der Kli­ma­wan­del, glo­ba­le Migra­ti­ons- und Flücht­lings­strö­me, der immer stär­ke­re Gegen­wind gegen Demo­kra­tie und ihre Wer­te all das nagt vor allem am Wohl­stands- und Glücks­ver­spre­chen des Kapi­ta­lis­mus. Unser Wirt­schafts­mo­dell, unse­re Pro­duk­ti­ons- und Kon­sum­mus­ter, und die immer wei­ter vor­an­schrei­ten­de Glo­ba­li­sie­rung mit all ihren Vor­tei­len, pro­du­ziert auch vie­le Ver­lie­rer und Abge­häng­te – Mensch wie Natur. Es gibt eine glo­ba­le Mit­tel­klas­se, die die Kos­ten ihres Kon­sum- und Pro­duk­ti­ons­mo­dells exter­na­li­siert. Sozia­le Unge­rech­tig­keit und öko­lo­gi­sche Zer­stö­rung sind die Fol­gen. Unser wachs­tums­ge­trie­be­nes „wei­ter so“, die­se Jagd nach dem immer mehr, immer bes­ser, immer grö­ßer, immer schnel­ler ist nicht nach­hal­tig und nicht ver­ein­bar mit den natür­li­chen Gren­zen unse­res Pla­ne­ten. Die­se haben wir jetzt schon über­schrit­ten und ste­hen gleich­zei­tig einem gra­vie­ren­den Ver­tei­lungs- und Gerech­tig­keits­pro­blem auf der Welt gegen­über. Wir müs­sen uns end­lich von unse­rer Abhän­gig­keit vom Wachs­tum um jeden Preis befrei­en, uns vom fos­si­len Zeit­al­ter ver­ab­schie­den, und Alter­na­ti­ven erkun­den, die ein bes­se­res Leben für alle ermög­li­chen könn­ten. Dazu müs­sen wir Fra­gen rund um unser Wirt­schafts­mo­dell und wie es wei­ter gehen kann mehr denn je repo­li­ti­sie­ren und Ant­wor­ten demo­kra­tisch aus­han­deln.

Ist eine nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung im Kapi­ta­lis­mus denk­bar? Wie kön­nen Bedürf­nis­se zukünf­ti­ger Gene­ra­tio­nen, in einer Welt end­li­cher Res­sour­cen, gesi­chert wer­den?

Wir haben ja in den letz­ten Jah­ren erlebt, wie der Main­stream von Welt­bank bis Bun­des­re­gie­rung uns zu ver­spre­chen ver­sucht, dass unser Kapi­ta­lis­mus „ergrü­nen“ kann, und so zukunfts­fä­hig und nach­hal­tig wer­den kann. So sehr ich mir eine Ver­söh­nung von Öko­no­mie und Öko­lo­gie wünsch­te: ich glau­be sie ist eine Illu­si­on, solan­ge wir nicht radi­kal Emis­sio­nen aller Art unter­las­sen und Res­sour­cen­ver­brauch mas­siv redu­zie­ren. Ein sol­ches Ver­spre­chen kann nur machen, wer bewusst Kom­ple­xi­tät redu­ziert, stark an Wun­der des Mark­tes und der tech­no­lo­gi­schen Inno­va­ti­on glaubt und gleich­zei­tig rea­le Macht­struk­tu­ren im öko­no­mi­schen wie poli­ti­schen Kon­text igno­riert und nicht anpa­cken will. Wir dür­fen uns nicht täu­schen las­sen von der Annah­me, dass ein ergrün­ter Kapi­ta­lis­mus, der unse­re aktu­el­len Pro­duk­ti­ons- und Kon­sum­mus­ter nicht in Fra­ge stellt, die not­wen­di­ge Nach­hal­tig­keit gewähr­leis­ten kann, die wir unse­rem Pla­ne­ten und nach­kom­men­den Gene­ra­tio­nen schul­dig sind. Der Aus­stieg aus dem fos­si­len und finanz­markt­ge­trie­be­nen Kapi­ta­lis­mus selbst muss die Prio­ri­tät sein. Bes­ser, anders, und vor allem weni­ger – das Über­win­den von unsin­ni­gen Pro­duk­ti­ons- und Kon­sum­mus­tern. Die­ser Drei­klang ist mein Mot­to für die prak­ti­sche und theo­re­ti­sche Suche nach Neu­em.

Effizient. Produktiv. Brutal – Die Serie “Tierfabriken” von Ines Meier

Ines Meier "Tierfabriken"

Effizient. Produktiv. Brutal.

“Tier­fa­bri­ken” von Ines Mei­er

 

Wer die Aus­ga­be SEIN UND FLEISCH der agora42 auf­schlägt, dem fal­len auf den ers­ten Sei­ten Luft­auf­nah­men land­wirt­schaft­li­cher Mast- und Schlacht­an­la­gen ins Auge. Eine unge­wöhn­li­che Per­spek­ti­ve auf Stäl­le, deren Innen­an­sicht man sonst nur von Schock­auf­nah­men des Tier­schut­zes kennt. Wir spra­chen mit der Künst­le­rin Ines Mei­er über ihre Bild­se­rie “Tier­fa­bri­ken” und die indus­tri­el­le Mas­sen­tier­hal­tung.

wietze-2015

Wiet­ze in Nie­der­sach­sen 2015: Die Anla­ge, die seit 2011 in Betrieb ist, wur­de als größter Geflügelschlachthof Euro­pas geplant. Im Voll­be­trieb können pro Stun­de 27.000, pro Tag 432.000 und pro Jahr 135 Mil­lio­nen Hühner geschlach­tet wer­den. Kar­ten­da­ten: Goog­le Earth 2015

 

Frau Mei­er, Ihre Luft­auf­nah­men zei­gen deut­sche Mast­stäl­le und Schlacht­hö­fe im Groß­for­mat. War­um inter­es­sie­ren Sie sich für die indus­tri­el­le Mas­sen­tier­hal­tung?

Ines Meier

Ines Mei­er wur­de 1982 in Zit­tau gebo­ren. Sie stu­dier­te Bil­den­de Kunst mit Schwer­punkt Foto­gra­fie und Text in Braun­schweig und Paris. Heu­te lebt sie als Jour­na­lis­tin und Künst­le­rin in Ber­lin. Ihre Aus­stel­lung “Tier­fa­bri­ken” wur­de vom 08. bis zum 18. Janu­ar 2016 in den Räu­men der Hein­rich-Böll-Stif­tung aus­ge­stellt.

Ich inter­es­sie­re mich dafür, wo das Essen her­kommt, das auf mei­nem Tel­ler lan­det. Essen gehört für uns zu den all­täg­lichs­ten Din­gen über­haupt. Wir essen wäh­rend der Arbeit, im Ste­hen, auf dem Weg zur U-Bahn – und ich bin da kei­ne Aus­nah­me. Gleich­zei­tig häuft und ver­zweigt sich auf unse­ren Tel­lern der gan­ze Glo­bus. Genau das ist span­nend: Vor mir liegt eben nicht nur ein Schnit­zel. Vor mir lie­gen ein Tier, das unter sei­nen Hal­tungs­be­din­gun­gen gelit­ten hat, für Soja abge­holz­te Regen­wäl­der, Kli­ma­wan­del, Pes­ti­zi­de, Anti­bio­ti­ka und Anti­bio­tika­re­sis­ten­zen, Land­grab­bing, gro­ße Geschäf­te, mise­ra­ble Arbeits­be­din­gun­gen und die Tat­sa­che, dass die wach­sen­de Welt­be­völ­ke­rung nicht ernährt wer­den kann, wenn wir wei­ter­hin so viel Fleisch essen. Für mich hat Essen nichts mit Life­style oder Ersatz­re­li­gi­on zu tun, son­dern mit Ethik, Poli­tik, Öko­lo­gie und Öko­no­mie.

 

Tier­schutz­ver­ei­ne zei­gen oft erschre­cken­de Bil­der aus dem Inne­ren der engen Mast- und Schlacht­an­la­gen. Wes­halb haben Sie die­se unge­wöhn­li­che Vogel-Per­spek­ti­ve gewählt?

Die Fotos der Tier­schutz­ver­ei­ne sind als Doku­men­ta­tio­nen der Hal­tungs­be­din­gun­gen im jour­na­lis­ti­schen und poli­ti­schen Sinn irr­sin­nig wich­tig. Aus einer Bild-Per­spek­ti­ve her­aus betrach­tet, fin­de ich sie aller­dings schwie­rig. Zum einen ver­set­zen sie die Betrach­te­rIn­nen in einen Schock­zu­stand. Für mich bedeu­tet das: Ich sehe ein schreck­li­ches Bild, gleich­zei­tig weh­re ich mich genau des­halb dage­gen, die­ses Bild wirk­lich wahr­zu­neh­men. Und ich weh­re mich gegen die­ses Bild, weil ich die Mani­pu­la­ti­on spü­re – es sind Bil­der, die von vorn­her­ein auf ein Ziel zulau­fen: Ich soll mich ekeln und mich empö­ren. Dar­an klebt ein Bei­ge­schmack von Bou­le­vard. Ich woll­te mich die­sem The­ma anders nähern, viel­leicht sogar nüch­ter­ner. Das Inter­es­san­te an die­sen Auf­nah­men ist ja, dass sie bestän­dig hin und her kip­pen zwi­schen dem abs­trak­ten Bild, das wir sehen und dem, was wir dar­auf pro­ji­zie­ren.

 

Ferdinandshof 2009

Fer­di­nands­hof in Meck­len­burg-Vor­pom­mern 2009: Die 1966 in Betrieb genom­me­ne Rin­der­mast­an­la­ge zählte mit 31.000 Tie­ren zu den Größten der DDR. Zur­zeit wer­den dort 18.470 Rin­der gehal­ten. Kar­ten­da­ten: Goog­le Earth; Geo­Ba­sis, 2015 – DE/BKG.

Was sagt uns die Archi­tek­tur der Mega­stäl­le über die heu­ti­ge Nutz­tier­hal­tung?

Ich kann nicht für „uns“ spre­chen. Aber mir sagt sie: Das sind Fabri­ken, eine auf abso­lu­te Effi­zi­enz aus­ge­leg­te Archi­tek­tur. Und Effi­zi­enz heißt eben nicht: Dort wird Tie­ren ein mög­lichst art­ge­rech­tes Leben ermög­licht. Effi­zi­enz heißt: Dort wer­den Tie­re gehal­ten wie andern­orts Spiel­zeug pro­du­ziert wird. Und sie wer­den so gehal­ten und geschlach­tet, weil wir das Fleisch kau­fen oder für Men­schen expor­tie­ren, die es in ande­ren Län­dern kau­fen.

 

Ihre Bil­der wur­den im Janu­ar 2016 in der Hein­rich-Böll-Stif­tung auf rie­si­gen Lein­wän­den aus­ge­stellt. Wel­che Besu­cher-Reak­tio­nen haben Sie dar­auf­hin erhal­ten?

Es waren etwa lebens­gro­ße Foto­ab­zü­ge, deren Hän­gung lose an Land­kar­ten erin­ner­te. Die meis­ten Besu­che­rIn­nen haben sofort einen Zugang zu dem abs­trak­ten Ansatz gefun­den, sie haben die unge­wöhn­li­che Per­spek­ti­ve auf die Struk­tur die­ser Mega­stäl­le geschätzt und der Kipp­mo­ment zwi­schen Bild und Pro­jek­ti­on hat sie gefes­selt. Es war oft eine Mischung aus Über­ra­schung, Bedrü­ckung und Fas­zi­na­ti­on, glau­be ich. Für mich war die­se sehr gro­ße posi­ti­ve Reso­nanz fast über­ra­schend. Mei­ne Selbst­kri­tik zu die­sem Zeit­punkt lief dar­auf hin­aus: Das ist eine eher jour­na­lis­ti­sche als künst­le­ri­sche Aus­stel­lung. Ich habe wahn­sin­nig vie­le Stun­den und Tage mit Goog­le Earth ver­bracht, um die­se Bil­der zu fin­den und den Aus­schnitt zu wäh­len. Und natür­lich resul­tiert aus die­ser Recher­che eine eige­ne Per­spek­ti­ve. Gleich­zei­tig war mir die­se Per­spek­ti­ve damals nicht per­sön­lich, nicht künst­le­risch genug. Aber wahr­schein­lich war es genau das: Die Bil­der wir­ken wie hand­schrift­lich ver­fass­te Druck­buch­sta­ben. Die­se Klar­heit ist extrem zugäng­lich. Und inzwi­schen mag ich die­se Serie genau des­halb auch selbst sehr gern.

bestensee-2002

Bes­ten­see, Bran­den­burg 2002. Kar­ten­da­ten: Goog­le Earth; Geo­Con­tent 2015; Digi­tal­Glo­be 2015

bestensee-2015

Bes­ten­see Bran­den­burg 2015: Die Jung- und Lege­hen­nen­auf­zucht für 1.803800 Tie­re gehört zu den größten Eier-Pro­du­zen­ten Bran­den­burgs. Kar­ten­da­ten: Goog­le Earth

 

Sie wähl­ten für die­se Aus­stel­lung den Titel “Tier­fa­bri­ken”. Was hal­ten Sie per­sön­lich von die­sen Fabri­ken?

Ehr­lich gesagt, und ich weiß, das ist kein beson­ders demo­kra­ti­scher oder rea­lis­ti­scher Ansatz, aber wenn es in mei­ner Macht stün­de: Ich wür­de sie ver­bie­ten. Viel­leicht muss ich dazu sagen: Ich mag Fleisch. Und wäre die Lage nicht nach allen Sei­ten hin so desas­trös, wür­de ich sicher mehr davon essen. Aber ich beschrän­ke mich auf sehr wenig Fleisch, das aus mög­lichst art­ge­rech­ter Hal­tung stammt. Die Krux und gleich­zei­tig die gro­ße Hoff­nung ist ja: Infor­ma­tio­nen beein­flus­sen tat­säch­lich den Kon­sum. Ich weiß ein­fach zu viel, um einen Stan­dard-Bur­ger essen zu kön­nen. Ich brin­ge es tat­säch­lich nicht mehr über mich, selbst wenn ich mor­gens betrun­ken auf dem Heim­weg noch etwas essen will.

Ande­rer­seits: Wenn sich auf unse­rem Hof in Bran­den­burg die Scha­fe, die ich schon als Läm­mer kann­te und die unun­ter­bro­chen auf der Wei­de stan­den, in Mer­guez ver­wan­deln… es ist und bleibt auch ein ethi­sches, emo­tio­na­les, empa­thi­sches Dilem­ma.

bassin-2011

Bas­sin, Meck­len­burg-Vor­pom­mern: 105 Ein­woh­ner. Hähnchenmastanlage für 966.000 Tie­re. Kar­ten­da­ten: Goog­le Earth; Digi­tal­Glo­be; Geo­Ba­sis 2015 – DE/BKG.

 

Was foto­gra­fie­ren Sie, wenn Sie kei­ne Tier­fa­bri­ken vor die Lin­se bekom­men?

In mei­nem Freun­des­kreis fir­mie­re ich als „die Foto­gra­fin, die nicht foto­gra­fiert“. Und der Freun­des­kreis hat natür­lich Recht. So wie bei den „Tier­fa­bri­ken“ arbei­te ich über­wie­gend mit Found Foo­ta­ge, also Bil­dern, die ich beim Floh­markt oder im Netz fin­de. Meist kom­bi­nie­re ich sie mit eige­nen Tex­ten und stel­le sie damit in neue und sehr per­sön­li­che Zusam­men­hän­ge. Mich inter­es­sie­ren vor allem die Fra­gen: Wann wird ein Foto gemacht, wovon, für wen, was soll ich damit? Und wie hat sich die­ses sozia­le Ver­hal­ten in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten ver­än­dert? Ich unter­hal­te eine sehr star­ke Lie­bes-Hass-Bezie­hung zur Foto­gra­fie. Ich lie­be das Medi­um dafür, dass es tat­säch­lich die Spu­ren von Licht doku­men­tiert und kon­ser­viert. Ich has­se es dafür, dass es uns im pri­va­ten Gebrauch sen­ti­men­ta­li­siert. Dafür, dass wir unse­re Erin­ne­run­gen anhand von Foto­gra­fi­en anstatt von eige­nen Ein­drü­cken struk­tu­rie­ren. Und aus irgend­wel­chen Grün­den ist Foto­gra­fie­ren für mich der intims­te vor­stell­ba­re Moment – weil ich bloß­stel­le, was ich für wert befin­de, fest­zu­hal­ten. Mir ist klar, dass das sehr „Old School“ klingt. Aber wenn ich selbst foto­gra­fie­re, war­te ich solan­ge, bis ich sicher bin, dass mich als Beob­ach­te­rin nie­mand beob­ach­tet. Wahn­sin­nig anstren­gend.

 

 

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Alle Auf­nah­men stam­men aus der Serie “Tier­fa­bri­ken” von Ines Mei­er.

 

 

Editorial der Ausgabe SEIN UND FLEISCH

Editorial der Ausgabe SEIN UND FLEISCH

Geld kann man nicht essen.
 
Editorial Frank AugustinUnd doch behan­deln wir es, als ob es unse­re Haupt­nah­rungs­quel­le wäre. Wir hüten und meh­ren es wie vor­mals unser Vieh und das Getrei­de auf unse­ren Fel­dern. Statt food first gilt – davon zeu­gen para­dig­ma­tisch glo­bal agie­ren­de Agrar­un­ter­neh­men und Lebens­mit­tel­her­stel­ler – heu­te money first. Dabei ist offen­kun­dig, dass die Art und Wei­se, wie Nah­rung zumeist pro­du­ziert wird, näm­lich pro­fit­ori­en­tiert, der Mensch­heit glei­cher­ma­ßen gewal­ti­gen wie unnö­ti­gen Scha­den zufügt. Das zeigt sich, wie in die­ser Aus­ga­be nach­zu­le­sen ist, nir­gends deut­li­cher als bei der Fleisch­pro­duk­ti­on.
 
All das hat mit ver­nünf­ti­gem Wirt­schaf­ten und gesun­dem Ego­is­mus nichts zu tun, son­dern ist schlicht­weg ver­rückt. Und doch ent­behrt die­se Art der Pro­duk­ti­on nicht einer eige­nen Logik. Denn Geld ist viel mehr als ein Tausch­me­di­um, das bloß der Waren­ver­mitt­lung dient. Längst ist es selbst zur Ware mutiert. Nicht nur das: Es ist zur hei­li­gen Ware gewor­den, zur ein­zig wah­ren Ware, deren Meh­rung alle ande­ren Waren zu die­nen haben. Um die Zukunft zu gewin­nen, wird man die­sem mone­tä­ren Fun­da­men­ta­lis­mus abschwö­ren müs­sen. Aber das heißt auch, einer Form des Wirt­schaf­tens den Rücken zu keh­ren, die der Meh­rung des Gel­des dient. So muss Wachs­tum in der Fleisch­in­dus­trie, wie in vie­len ande­ren Berei­chen der Wirt­schaft auch, abso­lut ver­mie­den wer­den. Im Gegen­teil, ein kräf­ti­ges Schrump­fen ist ange­sagt. Statt Export bil­li­gen Fleischs und Wachs­tum um jeden Preis brau­chen wir ein Mehr an Qua­li­tät. Für unse­re Ernäh­rung bedeu­tet dies, regio­na­le und bäu­er­li­che Lebens­mit­tel zu kon­su­mie­ren – und Fleisch, das von Tie­ren stammt, die auf der Wie­se stan­den und nicht in einer Fabrik. Dass eine solch grund­le­gen­de Neu­aus­rich­tung des Wirt­schaf­tens mit der Ent­wick­lung neu­er For­men der pri­va­ten Lebens­ge­stal­tung und des gesell­schaft­li­chen Zusam­men­le­bens ver­bun­den wer­den muss, ver­steht sich von selbst. Bei­spie­le für eine sol­che Neu­aus­rich­tung gibt es inzwi­schen zu Hauf und der Erfolg gibt ihnen Recht.
 
Mit dem The­ma Fleisch hat sich kaum jemand so ein­ge­hend befasst wie die Hein­rich- Böll-Stif­tung, wovon nicht zuletzt der jähr­lich von ihr her­aus­ge­ge­be­ne Flei­sch­at­las ein­drück­lich zeugt. So freue ich mich, mit der vor­lie­gen­den Aus­ga­be das Resul­tat einer inten­si­ven Zusam­men­ar­beit zwi­schen der Hein­rich-Böll-Stif­tung und der agora42 prä­sen­tie­ren zu kön­nen. Schon beim ers­ten Brain­stor­ming zeig­te sich, dass phi­lo­so­phi­sche Fra­gen nach dem Sinn des Wirt­schaf­tens eng mit der Fleisch­pro­duk­ti­on ver­wo­ben sind. Beson­de­rer Dank gilt Chris­ti­ne Chem­nitz von der Hein­rich-Böll-Stif­tung, die mit ihrem Wis­sen und ihrer Begeis­te­rung die vor­lie­gen­de Aus­ga­be maß­geb­lich geprägt hat.
Wir wün­schen Ihnen, lie­be Lese­rin­nen und Leser, viel Freu­de auf der Rei­se durch eine Aus­ga­be, die die Wider­sprüch­lich­keit des heu­ti­gen Wirt­schaf­tens beson­ders deut­lich vor Augen führt. Wir wer­den nun die Druck­le­gung mit einem gemein­sa­men Abend­essen fei­ern: Schei­nesteak mit Münz­kar­tof­feln, zum Nach­tisch Vir­tu­el­les von Bul­le und Bär. Mh, lecker!
 
Ihr Frank Augus­tin