Unruhe – Ralf Konersmann über ein Leitbild der Moderne

Unruhe

von Ralf Kon­ers­mann

 

Ralf Konersmann

Ralf Kon­ers­mann ist Pro­fes­sor für Phi­lo­so­phie an der Uni­ver­si­tät Kiel und Direk­tor des dor­ti­gen Phi­lo­so­phi­schen Semi­nars. Er ist Her­aus­ge­ber des Wör­ter­buchs der phi­lo­so­phi­schen Meta­phern, Mit­her­aus­ge­ber der Zeit­schrift für Kul­tur­phi­lo­so­phie sowie des His­to­ri­schen Wör­ter­buchs der Phi­lo­so­phie. Foto: Bodo Krem­min

Lan­ge Zeit war der Begriff des Leit­bil­des ver­pönt. Der 1967 von Theo­dor W. Ador­no für eine Samm­lung phi­lo­so­phi­scher Essays gewähl­te Titel Ohne Leit­bild war Pro­gramm. Kei­nes­falls durf­te der Lauf der Din­ge durch die Befan­gen­hei­ten des Augen­blicks behin­dert wer­den, die Zukunft soll­te offen sein.

Geschichts­phi­lo­so­phisch war der Ver­zicht kon­se­quent, aber er war auch unpo­li­tisch. Die Absa­ge igno­rier­te die Tat­sa­che, dass die Gegen­wart ihre Leit­bil­der längst schon besitzt und dass die­se von den Leit­me­di­en und der Poli­tik, von Wis­sen­schaft und Wer­bung stän­dig in Anspruch genom­men wer­den – Leit­bil­der im Übri­gen, die kaum jemals als sol­che aus­ge­wie­sen sind und, weil sie sich gleich­sam von selbst ver­ste­hen, umso über­zeu­gen­der wir­ken.

Zu die­ser Art Leit­bil­der, die in aus­ge­such­ten Momen­ten macht­voll auf­schei­nen, ansons­ten aber im Bereich des kul­tu­rell Unbe­wuss­ten zu Hau­se sind, gehört die Unru­he. Die Unru­he ist da, sie ist über­all, tritt aber kaum jemals rein als sol­che her­vor. Und doch wis­sen wir alle nur zu gut, was es heißt, dass wir vor­wärts­kom­men müs­sen, dass wer nicht kämpft, schon ver­lo­ren hat, dass wir die Hän­de nicht in den Schoß legen dür­fen und öfter mal was Neu­es anfan­gen müs­sen. Die all­tags­sprach­li­chen Echos der Unru­he sind uns allen ver­traut, und es wäre falsch zu mei­nen, hier geschä­he etwas heim­lich oder im Ver­bor­ge­nen. Der Kon­sens der Unru­he ist mit Hän­den zu grei­fen und braucht, eben weil das Ein­ver­neh­men total ist, weder über­prüft noch gerecht­fer­tigt zu wer­den. In die­sem Kli­ma frag­lo­ser Akzep­tanz dient uns das Abc der Unru­he als eine Art Kom­pass, der uns durch den Tag führt und der uns die Stich­wor­te lie­fert, wenn es gilt, das Leben so zu leben, wie es heu­te gelebt sein will.

 

Unru­he als Lei­den­schaft

Seit rund sech­zig Jah­ren kla­gen die Men­schen über Stress, seit der Jahr­tau­send­wen­de über Burn-out. Umso drin­gen­der stellt sich die Fra­ge: Wie hat die­ses Leit­bild der Unru­he ent­ste­hen, wie hat es sich in den Köp­fen und Her­zen fest­set­zen kön­nen? Wie ist es zuge­gan­gen, dass wir, obgleich wir offen­sicht­lich an ihr lei­den, zu Enthu­si­as­ten der Unru­he gewor­den sind?

Mei­ne The­se ist, dass Leit­bil­der Ori­en­tie­run­gen sind – Ori­en­tie­run­gen, die nicht des­halb ange­nom­men wer­den, weil sie im anspruchs­vol­len Sinn des Wor­tes wahr sind, son­dern weil sie all­ge­mei­nen Über­zeu­gun­gen ent­spre­chen und jeder­mann unmit­tel­bar ein­leuch­ten. Die enor­me Kul­tur­be­deu­tung der Unru­he ent­springt aus ihrer Aktua­li­tät: aus dem, was der Unru­he zuge­traut wird.

Die Unru­he hat eine lan­ge und höchst wider­spruchs­vol­le Bedeu­tungs­ge­schich­te durch­lau­fen – vom Ver­häng­nis und dem Zei­chen der Sün­de, von dem die Theo­lo­gen jahr­hun­der­te­lang gespro­chen haben, bis hin zum Ver­spre­chen, das der frü­he Auf­klä­rungs­phi­lo­soph Fran­cis Bacon aus der Unru­he her­aus­le­sen woll­te. Die Geschich­te der Neu­zeit ist ganz wesent­lich die Aner­ken­nungs­ge­schich­te der Unru­he. Selbst die Freu­de sei Unru­he, ver­si­chert Lud­wig Feu­er­bach in sei­nen Leib­niz-Stu­di­en: „Ja, die Unru­he ist selbst wesent­lich zur Glück­se­lig­keit der Geschöp­fe, denn sie besteht nicht in einem voll­komm­nen Besit­ze, der sie nur fühl­los und stumpf machen wür­de, son­dern in einem fort­wäh­ren­den und unun­ter­broch­nen Fort­schritt zu immer grö­ßern Gütern, ein Fort­schritt, wel­cher nicht ohne ein Ver­lan­gen oder eine bestän­di­ge Unru­he denk­bar ist.“

Leit­bil­der, auch dar­an ent­zün­de­te sich die Kri­tik Ador­nos, müs­sen sich nicht erklä­ren – sie müs­sen ein­leuch­tend sein. Die Zei­len Feu­er­bachs heben die­se Qua­li­tät leit­bild­haf­ter Ori­en­tie­run­gen her­vor, indem sie ein­mal unum­wun­den aus­spre­chen, was auf dem Boden der west­li­chen Kul­tur jedes Kind ver­stan­den und sich, wenn es klug ist, zuei­gen gemacht hat: die Lei­den­schaft für Bewe­gung, Wan­del und Ver­än­de­rung; das Fie­ber des Auf­bruchs und des Vor­wärts­kom­men­wol­lens; die Begeis­te­rung für Ande­res, Frem­des und Neu­es.

 

Kri­tik der Unru­he

Schon zur Zeit ihrer Ent­fes­se­lung, also im Ver­lauf des 17. Jahr­hun­derts, ist die pro­ble­ma­ti­sche Sei­te der Unru­he gese­hen wor­den, am deut­lichs­ten viel­leicht von Blai­se Pas­cal. Der fran­zö­si­sche Phi­lo­soph und Mathe­ma­ti­ker spricht von Zer­streu­ung, vom diver­tis­se­ment, und meint damit die Kor­rum­pie­rung der über­lie­fer­ten Vor­stel­lungs- und Emp­fin­dungs­welt durch die Unru­he. Unmit­tel­bar an der his­to­ri­schen Schwel­le zählt Pas­cal auf, was sich eben gera­de jetzt zu ver­än­dern beginnt: dass wir nun offen­bar zu allem bereit sind, wenn uns nur das Elend der Lan­ge­wei­le erspart bleibt; dass wir uns von den Gegen­stän­den ablen­ken und weg­zie­hen las­sen, denen unse­re Sor­ge gel­ten müss­te; dass wir uns mit unse­rem vol­len Ein­ver­ständ­nis aus unse­rer Mit­te rei­ßen und in eine Wirk­lich­keit trei­ben las­sen, in der wir uns nur ver­lie­ren kön­nen.

Pas­cal bestimmt die mensch­li­che Situa­ti­on, wie sie mit Beginn der Neu­zeit ent­stan­den ist, als Situa­ti­on der Unru­he. Unter dem maß­geb­li­chen Ein­fluss der Psy­cho­lo­gie ist die­se Situa­ti­on seit­her auf das For­mat der „inne­ren Unru­he“ geschrumpft. Erkennt­nis­för­dernd ist die­se Dia­gno­se nicht. Sie trübt den Blick für die Zwei­deu­tig­keit des The­mas: dafür, dass die Unru­he Ver­häng­nis und Ver­spre­chen zugleich ist – eine Pas­si­on. Noch weni­ger ist sich die­se dia­gnos­ti­sche Rou­ti­ne ihrer eige­nen Ver­stri­ckung bewusst: der Tat­sa­che, dass der sche­ma­ti­sche Kreis­lauf von Pro­blem und Lösung selbst ein Echo der Unru­he ist. Tat­säch­lich ist die Unru­he Lebens­form und Denk­form zugleich: die west­li­che Art, das Leben anzu­neh­men.

Da dies aber so ist und die Unru­he mit der Kul­tur­wirk­lich­keit des Wes­tens ver­schmol­zen ist, gibt es kein Rezept. Wir kön­nen die Unru­he nicht abschaf­fen und über­win­den. Wohl aber kön­nen wir beson­nen mit ihr umge­hen und die Viel­falt ihrer Erschei­nungs­for­men zur Kennt­nis neh­men. Das führt zu der alten Ein­sicht, dass auch die Leit­bil­der (exem­p­la nobi­lia) Ver­füh­rer zur Unru­he sind. Der Ideo­lo­gie­kri­ti­ker Ador­no hät­te dem wohl zustim­men kön­nen: Indem sie uns dazu auf­for­dern, dem ver­meint­lich Bes­se­ren und Voll­kom­me­ne­ren nach­zu­ei­fern, über­win­den die Leit­bil­der nicht die Schwä­che unse­res Bewusst­seins, son­dern nut­zen sie aus. Die Kri­tik der Unru­he ist auch eine Kri­tik der Leit­bil­der, genau­er: eine Kri­tik ihrer Kom­pli­zen­schaft.

 

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Die­ser Arti­kel ist erst­mals in der agora42-Aus­ga­be 03/2016 LEITBILDER erschie­nen.agora42 LEITBILDER

Ein neues Leitbild für die Wissenschaft?

Transformative Wissenschaft – ein neues Leitbild für die Wissenschaft?

von Julia Fuch­te
 
 

Und was macht man damit?“ Wem die­se Reak­ti­on auf die eige­ne Stu­di­en­wahl bekannt vor­kommt: Es lohnt sich, sie ein­mal als ver­kann­tes Signal zu betrach­ten. Ein Signal ers­tens dafür, dass sich die Rol­le der Wis­sen­schaft in unse­rer Gesell­schaft ändern soll­te und zwei­tens dafür, dass die Gesell­schaft sich mit­än­dern muss. Denn frag­lich ist, ob deren ide­el­le und orga­ni­sa­to­ri­sche Struk­tu­ren bereits der opti­ma­le Nähr­bo­den für eine Wis­sen­schaft sind, die sinn­voll und nach­hal­tig in Gesell­schaft wir­ken will.

 

Neu und nach­hal­tig For­schen ler­nen
Eine sol­che para­dig­ma­ti­sche Wis­sen­schafts-Wen­de for­dert aktu­ell eine Bewe­gung in den Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten, die jedoch als Leit­bild eben­so für ande­re Dis­zi­pli­nen inter­es­sant ist. Das Kon­zept der „trans­for­ma­ti­ven Wis­sen­schaft im Kon­text nach­hal­ti­ger Entwicklung“¹ will eine zukünf­ti­ge For­schung, die durch ihre Ergeb­nis­se kon­kre­te Ände­rungs­im­pul­se ins­be­son­de­re für einen sozi­al-öko­lo­gi­schen Wan­del anstößt. Das umfas­sen­de Reform­pro­gramm zur gesell­schaft­li­chen Rol­le von Wis­sen­schaft haben zahl­rei­che Wis­sen­schaft­le­rIn­nen im deutsch­spra­chi­gen Raum unter­zeich­net.

Wis­sen­schaft soll akti­ver und kri­ti­scher in gesell­schaft­li­chen Ent­schei­dungs- und Hand­lungs­pro­zes­sen wer­den und vor allem die Bedin­gun­gen von nach­hal­ti­gem Wan­del ana­ly­sie­ren und ver­bes­sern. Als ers­te Vor­rei­ter wer­den Ansät­ze wie das Future Earth Pro­gramm oder die citi­zen sci­ence genannt, die soge­nann­ten Bür­ger­wis­sen­schaf­ten und wis­sen­schaft­li­che Kon­zep­te wie die Com­mons-Öko­no­mik, Post­wachs­tums­öko­no­mie, das Nach­hal­tig­keits­ma­nage­ment u.a. Gleich, ob es um Fra­gen nach dem Ener­gie- und Res­sour­cen­ver­brauch, der Abschaf­fung destruk­ti­ver Arbeit, einer Viel­falt von Eigen­tums- und Nut­zungs­for­men oder einen Wan­del in den Bil­dungs­in­sti­tu­tio­nen geht – im Fokus soll dabei immer auch die Art und Wei­se ste­hen, wie man Wis­sen­schaft betreibt. Sie soll künf­tig ihre eige­ne Wir­kung reflek­tie­ren und gesell­schaft­lich ver­ant­wor­ten – denn wir­ken tut jede Wis­sen­schaft: Indem sie neue Hand­lungs­op­tio­nen erzeugt (zum Bei­spiel durch Tech­no­lo­gi­en und Behand­lungs­me­tho­den), Sinn­ho­ri­zon­te öff­net bzw. dekon­stru­iert, Denk­räu­me für gesell­schaft­li­che Dis­kur­se bie­tet bzw. sol­che legi­ti­miert. Eine trans­for­ma­ti­ve Wirt­schafts­wis­sen­schaft dage­gen muss sich zusätz­lich zu ihrem per­for­ma­ti­ven Cha­rak­ter beken­nen, um ihre Wirk­kraft (verantwortungs)bewusst zu nut­zen.

 

Bedin­gun­gen neu­en Wis­sen­schaf­fens
Trans­pa­renz, Wer­te­be­zug, Par­ti­zi­pa­ti­on und Viel­falt gel­ten als wei­te­re Bedin­gun­gen des neu­en Wis­sen­schaft­pro­gramms. Als Stu­den­tin einer Hoch­schu­le, an der es bereits die Mög­lich­keit gibt, „trans­for­ma­tiv zu for­schen“, scheint mir, dass die­ses Leit­bild wis­sen­schaft­li­chen Arbei­tens unver­zicht­bar wird, wenn das gesell­schaft­li­che Sys­tem sich wan­deln soll:
Vie­le wert­vol­le Bedar­fe, Miss­stän­de oder Lösungs­po­ten­zia­le zei­gen sich nur, wenn Wis­sen­schaft sich gegen­über ande­ren Akteu­ren öff­net und „erdet“, indem sie mit Lai­en und Pra­xis­ex­per­ten aus ihrem Bereich zusam­men­ar­bei­tet. Dabei geht es um den Dia­log auf Augen­hö­he. Jeder Schritt hin­aus aus dem Elfen­bein­turm mag For­schen anstren­gen­der, her­aus­for­dern­der machen – aber auch im glei­chen Maß wirk­mäch­ti­ger. Dies gilt auch für den Dia­log inner­halb der Dis­zi­pli­nen: Men­schen ler­nen beson­ders gut, wenn Sach­ver­hal­te ganz­heit­lich auf­be­rei­tet sind und man sich ihnen aus ver­schie­de­nen Per­spek­ti­ven und in der all­täg­li­chen Anwen­dung nähern kann – so las­sen sie sich auch effek­tiv befor­schen. War­um soll­te es immer not­wen­dig sein, sich als Ver­tre­te­rIn einer Dis­zi­plin zu defi­nie­ren, wenn die Ant­wor­ten auf die eige­nen Fra­gen jen­seits dis­zi­plin­ge­bun­de­nen Wis­sens und Recher­chie­rens lie­gen? Um Wis­sen wir­ken zu las­sen, ohne mani­pu­la­tiv oder akti­ons­blind zu wer­den, soll­ten die Dis­zi­plin­gren­zen noch öfter fal­len kön­nen.

 

Neue Wis­sen­schaft: finan­zi­ell unab­hän­gig und selbst­kri­tisch?
Doch mei­nes Erach­tens erschwe­ren eini­ge mehr oder weni­ger sicht­ba­re Hür­den den gewünsch­ten Wan­del. Man orga­ni­siert wis­sen­schaft­li­che Arbeit oft in Form von Pro­jek­ten, zeit­lich begrenz­ten Arbeits­ein­hei­ten, für die zunächst Mit­tel bei einem Geld­ge­ber ein­ge­wor­ben und deren Resul­ta­te am Ende prä­sen­tiert wer­den müs­sen. Das For­mat, das ursprüng­lich aus mili­tä­ri­schen Kon­tex­ten stammt, gestal­tet den For­schungs­pro­zess mit, indem es den Geld­erwerb als ein wich­ti­ges zusätz­li­ches, wenn nicht pri­mä­res Ziel her­ein­holt. Das mar­gi­na­li­siert – struk­tu­rell bedingt – die Lie­be zum Wis­sen und den Wunsch, Gesell­schaft zum Bes­se­ren mit­zu­ge­stal­ten.

Die Form sug­ge­riert zudem, dass der Sinn des wis­sen­schaft­li­chen Han­delns einen ter­mi­nier­ten Anfang und ein Ende hat, unab­hän­gig davon, wie sich das gesell­schaft­li­che Pro­blem oder der Sach­ver­halt wei­ter ent­wi­ckelt und lenkt den Fokus des/der For­schen­den dar­auf, das Pro­jekt erfolg­reich abzu­schlie­ßen, anstatt dar­auf, ob und wie sei­ne Ergeb­nis­se real­ge­sell­schaft­li­che Ent­wick­lun­gen beein­flus­sen. Im fik­ti­ven Fall eines Grund­ein­kom­mens für Wis­sen­schaft­le­rIn­nen wür­de sich das Kon­kur­renz­be­dürf­nis „Lebens­hal­tung“ dage­gen aus ihrem For­schungs­in­ter­es­se zurück­zie­hen. Mit den frei­ge­setz­ten Ener­gi­en könn­ten die­se ihr Vor­ha­ben mehr auf Sinn, Wir­kung und Qua­li­tät hin gestal­ten.

Ernst­haft für und über trans­for­ma­ti­ve Pro­zes­se einer nach­hal­ti­gen Ent­wick­lung zu for­schen, bedeu­tet außer­dem, sich mit auf­kom­men­den inhalt­li­chen Hin­der­nis­sen und Hemm­fak­to­ren aus­ein­an­der­zu­set­zen. Beim Kon­zept gewalt­frei­er Kom­mu­ni­ka­ti­on geht es dar­um, sein zwi­schen­mensch­li­ches oder insti­tu­tio­nel­les Gegen­über zu ver­ste­hen. So soll­te man sich auch bezüg­lich wis­sen­schaft­li­cher Erkennt­nis­se und Lösungs­mo­del­le mög­li­chen Wider­stän­den anneh­men und sie in einem wei­te­ren Schritt schöp­fe­risch trans­for­mie­ren. Wenn Kri­tik oft Anzei­chen unge­se­he­ner oder unbe­ach­te­ter Aspek­te und Per­spek­ti­ven ist, war­um nicht die eige­ne wis­sen­schaft­li­che Sicht sys­te­ma­tisch und pro­fes­sio­nell mit ihrer Hil­fe anrei­chern, um Syn­the­sen zu schaf­fen?

Eine sol­che Wis­sen­schaft könn­te gesell­schaft­lich mehr Ener­gi­en frei­set­zen – für das Wesent­li­che: Effek­tiv gutes Leben für alle för­dern, ohne Grund­la­gen­for­schung zu ver­nach­läs­si­gen. Viel­leicht könn­te sie Erstaun­li­ches her­vor­brin­gen in einem Zeit­al­ter, in dem man so vie­le Infor­ma­tio­nen in Echt­zeit tei­len kann wie nie zuvor. Sie hat jedoch nur eine Chan­ce, wenn sich die insti­tu­tio­nel­len und wirt­schaft­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen für Wis­sen­schaft und For­schung ändern.

 
 

¹ https://epub.wupperinst.org/frontdoor/index/index/docId/6325

 
 

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Julia Fuch­te stu­diert Öko­no­mie und Gesell­schafts­ge­stal­tung an der Cusa­nus Hoch­schu­le in Bern­kas­tel-Kues. An die­sem 2014 gegrün­de­ten Bil­dungs­ort wer­den Öko­no­mie und Phi­lo­so­phie in enger Ver­bun­den­heit gelehrt. Die Stu­die­ren­den ver­tie­fen ihr Wis­sen in prak­ti­schen Lebens­zu­sam­men­hän­gen sowie in eige­nen For­schungs­pro­jek­ten. Die meis­ten Stu­die­ren­den enga­gie­ren sich in sozi­al-öko­lo­gi­schen Initia­ti­ven oder der Stu­die­ren­den­ge­mein­schaft. Im Stu­di­um spie­len die eige­nen, bio­gra­fisch beding­ten Fra­gen eine wich­ti­ge Rol­le, aus denen her­aus die Stu­den­ten sich selbst in der Gesell­schaft ver­or­ten und ver­ant­wor­ten.

Populistische Versprechungen sind nicht von Dauer – Interview mit Thorsten Hasche

Anläss­lich der aktu­el­len Aus­ga­be haben wir aus­ge­wähl­ten Per­so­nen zum The­ma LEITBILDER ein paar Fra­gen gestellt. Hier die Ant­wor­ten von Thors­ten Hasche.

 

Populistische Versprechungen sind nicht von Dauer

Interview mit Thorsten Hasche

 

Aller­or­ten macht sich Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit breit (EU – wohin? Wachs­tum – ja, nein, wo? Nach­hal­tig­keit – wie?). Haben wir den Glau­ben an Leit­bil­der ver­lo­ren, die frü­her Ori­en­tie­rung boten?

Thorsten Hasche

Dr. Thors­ten Hasche arbei­tet als Lehr­kraft für beson­de­re Auf­ga­ben am Insti­tut für Poli­tik­wis­sen­schaf­ten an der Georg-August-Uni­ver­si­tät Göt­tin­gen. Er unter­rich­tet dabei u.a. in den Anfän­ger- und Auf­bau­mo­du­len der Berei­che Inter­na­tio­na­le Bezie­hun­gen, Poli­ti­sche Theo­rie und Ide­en­ge­schich­te sowie im Rah­men des BA-Stu­di­en­gangs Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Als poli­ti­scher Theo­re­ti­ker, der stark durch das Lebens­werk des deut­schen Sozio­lo­gen und Sys­tem­theo­re­ti­kers Niklas Luh­manns geprägt ist, möch­te ich an die­ser Stel­le eine zwei­stu­fi­ge Ant­wort geben. Ers­tens soll­te die Bin­dungs­kraft von gesell­schaft­li­chen Leit­bil­dern nicht über­schätzt wer­den, in dem Sin­ne, dass die­se zu bestimm­ten Zei­ten eine voll umfäng­li­che Ori­en­tie­rung für indi­vi­du­el­le Men­schen, poli­ti­sche Bewe­gun­gen oder gesell­schaft­li­che Kräf­te gebo­ten hät­ten. Leit­bil­der wir­ken durch­aus und sie kön­nen gesell­schaft­li­che Kräf­te bün­deln, aber der Anschein ihrer umfäng­li­chen Bil­dungs­kraft ist in der Regel eine retro­spek­ti­ve Kon­struk­ti­on, die immer dann ein­tritt, wenn Leit­bil­der sich wan­deln, sie brü­chig wer­den. Zwei­tens bedeu­tet dies, dass die in der BRD aktu­ell so wirk­mäch­ti­ge Ima­gi­na­ti­on eines sta­bi­len Deutsch­lands, etwa zur Hoch­pha­se des Kal­ten Krie­ges, vor allem dem Wunsch nach Sta­bi­li­tät Aus­druck ver­leiht. Doch wür­de man nun einen Blick in die Archi­ve öffent­li­cher Debat­ten der 70er und 80er Jah­re wagen (RAF-Ter­ro­ris­mus, Angst vor dem Atom­krieg, Super-GAU in Tscher­no­byl etc.), zeig­te sich wie­der nur die retro­spek­tiv wirk­sa­me Sta­bi­li­tät eines Leit­bil­des, wel­ches es so, wie der­zei­tig ima­gi­niert, wohl nie gege­ben hat.

 

Kla­re Leit­bil­der ver­spre­chen kla­re Ori­en­tie­rung. So hel­fen Leit­bil­der in einer immer kom­ple­xer wer­den­den Gesell­schaft hand­lungs­fä­hig zu blei­ben. Bricht also eine Zeit der Aus­ein­an­der­set­zung um neue Leit­bil­der an? Gleich­zei­tig besteht die Gefahr, dass all­zu ein­fa­che (popu­lis­ti­sche) Lösun­gen pro­pa­giert wer­den. Ist also die Zeit der Leit­bil­der in einer moder­nen Gesell­schaft, von der erwar­tet wird, stets kon­sens­fä­hig und offen zu sein, vor­bei?

Wich­tig ist an die­ser Stel­le das Verb „ver­spre­chen“. Leit­bil­der sind kei­ne fes­ten gesell­schaft­li­chen Grö­ßen, son­dern sehr stark abhän­gig von dem Ver­trau­en, dass Per­so­nen oder Per­so­nen­grup­pen ihnen ent­ge­gen­brin­gen. Gelingt die­ses „Ver­spre­chen“, geben Leit­bil­der auf unter­schied­li­chen gesell­schaft­li­chen Ebe­nen Ori­en­tie­rung. Sie wir­ken somit sta­bi­li­sie­rend und beru­hi­gend. Umso chao­ti­scher wir­ken dann Pha­sen groß­flä­chi­ger gesell­schaft­li­cher Trans­for­ma­ti­ons­pro­zes­se. Dies ist der­zeit vor allem der sich fort­set­zen­de Glo­ba­li­sie­rungs­pro­zess, der sowohl die Fun­da­men­te der EU seit dem Brex­it erschüt­tert und gleich­sam mit den gewalt­sa­men Kon­flik­ten in Nord­afri­ka und West­asi­en (umgangs­sprach­lich „Naher Osten“) Migra­ti­ons­be­we­gun­gen unbe­kann­ten Aus­ma­ßes in Gang gesetzt hat. Wenn sol­chen Pro­zes­sen weder das Erfolgs­nar­ra­tiv einer fort­schrei­ten­den euro­päi­schen Inte­gra­ti­on noch das­je­ni­ge einer fass­ba­ren natio­na­len Iden­ti­tät ent­ge­gen­ge­setzt wer­den kann, kön­nen popu­lis­ti­sche, also per se reduk­tio­nis­tisch ange­leg­te Leit­bil­der, ein neu­es Ord­nungs­ver­spre­chen abge­ben. Doch streng genom­men ist zu erwar­ten, dass die gegen­wär­ti­ge Hoch­kon­junk­tur popu­lis­ti­scher Ver­spre­chen abneh­men wird, da sie an sich unter­kom­plex ange­legt sind und ihre Ver­spre­chun­gen in dem Moment in sich zusam­men­fal­len müss­ten, da auch sie der sozia­len Rea­li­tät und ihrer Wider­sprüch­lich­kei­ten nicht mehr gerecht wer­den. So ist zu kon­sta­tie­ren: Leit­bil­der kom­men und gehen. Ihre Zeit ist nie vor­bei, doch sind sie sel­ten län­ger befrie­di­gend und besteht gesell­schaft­lich stets ein Suchen nach neu­en oder alten Leit­bil­dern.

 

Wel­ches Pro­jekt oder wel­che Per­son wür­den Sie ger­ne stär­ker in der Öffent­lich­keit ver­tre­ten sehen, weil es/sie für ein Leit­bild steht, das Ihrer Ansicht nach wich­tig für die Gesell­schaft ist?

Poli­ti­sche Leit­bil­der in der BRD und in Euro­pa ste­hen vor enor­men Her­aus­for­de­run­gen. Die libe­ra­le Hoff­nung einer immer wei­ter wach­sen­den, offe­nen und supra­na­tio­na­len EU zer­fällt auf­grund von Zen­tri­fu­gal­kräf­ten bereits an ihrer öst­li­chen und süd­li­chen Peri­phe­rie und mit dem Brex­it wackelt auch erst­mals ihr his­to­risch beding­tes, west­eu­ro­päi­sches Zen­trum. Doch popu­lis­ti­sche und natio­na­lis­ti­sche Ver­hei­ßun­gen kön­nen der mul­ti­eth­ni­schen und mul­ti­re­li­giö­sen Rea­li­tät der euro­päi­schen Län­der nicht gerecht wer­den, ver­mö­gen nur kurz­fris­tig befrie­di­gen. Somit bräuch­te Euro­pa im Sin­ne des US-ame­ri­ka­ni­schen E pluri­bus unum – Aus Vie­len Eines – ein neu­es Leit­bild. Die­ses soll­te jedoch nicht nur die euro­päi­schen Gesell­schaf­ten, son­dern auch die Län­der süd­lich und öst­lich des Mit­tel­mee­res ver­bin­den kön­nen. Welt­his­to­risch betrach­tet sind die Län­der nörd­lich, süd­lich und öst­lich des Mit­tel­mee­res seit mehr als 2.000 Jah­ren mit­ein­an­der ver­bun­den. Doch anstatt der wech­sel­sei­ti­gen Ver­bin­dun­gen, wer­den der­zeit vor allem die kul­tu­rel­len, poli­ti­schen und reli­giö­sen Dif­fe­ren­zen betont, geschürt und ver­stärkt. Die­sem Trend der Ab- und Aus­gren­zung müss­te mit einem neu­en Leit­bild eines umfas­sen­den Mit­tel­meer­rau­mes ent­ge­gen­ge­wirkt wer­den. Sol­che Stim­men gab es, gera­de in den 1990er Jah­ren, doch sind sie der­zeit zu Unrecht ver­stummt.

Weltwirtschaft braucht auch Weltpolitik” – Gregor Gysi

Anläss­lich der Aus­ga­be zum The­ma LEITBILDER haben wir Gre­gor Gysi ein paar Fra­gen gestellt.

 

 

Weltwirtschaft braucht auch Weltpolitik

Interview mit Gregor Gysi

 

Aller­or­ten macht sich Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit breit (EU – wohin? Wachs­tum – ja, nein, wo? Nach­hal­tig­keit – wie?). Haben wir den Glau­ben an Leit­bil­der ver­lo­ren, die frü­her Ori­en­tie­rung boten?

Gysi, Gregor. MdB, DIE LINKE, Abgeordneter, Abgeordnete

Dr. Gre­gor Flo­ri­an Gysi ist Jurist, Rechts­an­walt und Poli­ti­ker (PDS, Die Lin­ke). Er war zuletzt Frak­ti­ons­vor­sit­zen­der der Par­tei Die Lin­ke und Oppo­si­ti­ons­füh­rer im deut­schen Bun­des­tag.

Die Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit vie­ler Men­schen resul­tiert auch dar­aus, dass die Regie­run­gen über­for­dert sind, bzw. über­for­dert wir­ken. Es gibt kein Ver­trau­en mehr zu den Regie­run­gen, zu Poli­ti­ke­rin­nen und Poli­ti­kern. Es wird immer wie­der offen­sicht­lich, dass die Macht von Ban­ken immer grö­ßer ist, als die Macht von Poli­tik. Unter ande­rem hängt es damit zusam­men, dass sich die Kon­zer­ne und Ban­ken glo­ba­li­siert haben, die Poli­tik im Wesent­li­chen aber natio­nal vor sich her­düm­pelt. Die UNO ist nicht beson­ders wirk­sam, die EU sogar gefähr­det. Ein­zel­nen Men­schen, die einem ethisch und auch inhalt­lich eine Ori­en­tie­rung geben, sind äußerst sel­ten gewor­den, zumin­dest welt­weit nicht bekannt. Es gibt der­zeit kei­nen Gan­dhi, kei­nen Schwei­zer. Ich glau­be wir brau­chen wie­der einen Pri­mat der Poli­tik über die Wirt­schaft. Dazu muss es aber ein inter­na­tio­nal funk­tio­nie­ren­des Völ­ker­recht und eine Orga­ni­sa­ti­on der UNO geben, die dazu in der Lage ist. Welt­wirt­schaft braucht auch Welt­po­li­tik. Zur Welt­po­li­tik sind nicht ein­zel­ne Regie­run­gen, son­dern nur die inter­na­tio­na­le Gemein­schaft in der Lage. Die füh­ren­den west­li­chen Mäch­te haben mit Beginn Ihres Kriegs gegen Jugo­sla­wi­en auf das Völ­ker­recht ver­zich­tet. Das zah­len wir noch heu­te. Sie glaub­ten, es nicht zu benö­ti­gen und haben dies spä­tes­tens bereut, als Russ­land völ­ker­rechts­wid­rig die Krim annek­tiert hat.

 

Kla­re Leit­bil­der ver­spre­chen kla­re Ori­en­tie­rung. So hel­fen Leit­bil­der in einer immer kom­ple­xer wer­den­den Gesell­schaft hand­lungs­fä­hig zu blei­ben. Bricht also eine Zeit der Aus­ein­an­der­set­zung um neue Leit­bil­der an? Gleich­zei­tig besteht die Gefahr, dass all­zu ein­fa­che (popu­lis­ti­sche) Lösun­gen pro­pa­giert wer­den. Ist also die Zeit der Leit­bil­der in einer moder­nen Gesell­schaft, von der erwar­tet wird, stets kon­sens­fä­hig und offen zu sein, vor­bei?

Ein Leit­bild mit einer kla­ren Ori­en­tie­rung ist dann nur schwer zu ent­wi­ckeln, wenn die Inter­es­sen so unter­schied­lich gestal­tet sind, wie wir das bei ver­schie­de­nen Staa­ten erge­ben, die am Syri­en­krieg betei­ligt sind. Wie soll dort ein Leit­bild ent­ste­hen? Ein Leit­bild muss heu­te nicht nur die Frie­dens­po­li­tik stär­ken, son­dern sich auch bei einer attrak­ti­ven Demo­kra­tie, ein hohes Maß an sozia­ler Gerech­tig­keit und öko­lo­gi­scher Nach­hal­tig­keit ein­set­zen. Ande­rer­seits darf man die Kul­tur nicht ver­ges­sen. Es war ein Feh­ler der öko­lo­gi­schen Bewe­gung, sich gegen den posi­ti­ven Begriff des Wachs­tums zu stel­len. Man hät­te erklä­ren müs­sen, dass man für ein Wachs­tum eine Lebens­qua­li­tät braucht, wozu bestimm­te Schrit­te erfor­der­lich sind. In einer Demo­kra­tie ist es wich­tig, dass man lernt zu akzep­tie­ren, dass es unter­schied­li­che Inter­es­sen gibt, die auch unter­schied­lich zu arti­ku­lie­ren sind. Der Wunsch nach einer Ein­heits­mei­nung hat immer etwas Dik­ta­to­ri­sches, nichts Demo­kra­ti­sches.

 

Wel­ches Pro­jekt oder wel­che Per­son wür­den Sie ger­ne stär­ker in der Öffent­lich­keit ver­tre­ten sehen, weil es/sie für ein Leit­bild steht, das Ihrer Ansicht nach wich­tig für die Gesell­schaft ist?

Eine Per­son kann ich Ihnen der­zeit nicht benen­nen. Wahr­schein­lich gibt es sie, aber ich ken­ne sie nicht. Ein Pro­jekt muss zei­gen, wie man anders als heu­te üblich, nicht etwa schlech­ter, son­dern bes­ser leben kann.

Systemwechsel – Marc Elsberg

Systemwechsel

von Marc Els­berg

 

Marc Elsberg

Marc Els­berg, öster­rei­chi­scher Best­sel­ler­au­tor. Foto: Cle­mens Lech­ner

Kli­ma­wan­del, Raub­tier­ka­pi­ta­lis­mus, stei­gen­de Ungleich­heit, Wachs­tums­wahn, Glo­ba­li­sie­rung, Digi­ta­li­sie­rung, Auto­ma­ti­sie­rung – und jetzt noch Völ­ker­wan­de­run­gen!

Wir müs­sen etwas ändern!“, so schallt es allent­hal­ben.

Man könn­te anmer­ken: Die­se Ent­wick­lun­gen ändern doch ohne­hin jede Men­ge.

Aber in die fal­sche Rich­tung!“

Mit­nich­ten!“, erwi­dern Mil­li­ar­den Men­schen in Chi­na, Indi­en und ande­ren „Schwel­len­län­dern“, die in den ver­gan­ge­nen Deka­den aus der Armut in die Mit­tel­schicht auf­stei­gen konn­ten, sowie wei­te­re Mil­li­ar­den, die das noch ger­ne möch­ten.

Das macht unser Pla­net nicht mit!“, hallt es aus dem Wes­ten wider. (Und der wegen Migran­ten, Kli­ma­wan­del etc. „besorg­te Bür­ger“ schon gar nicht.)

Kei­ne Sor­ge, die Märk­te allo­kie­ren die Res­sour­cen schon“, ant­wor­tet dar­auf der neo­klas­si­sche Volks­wirt; wer­den die Kos­ten der Umwelt­ver­schmut­zung zu hoch, fließt das Kapi­tal in umwelt­freund­li­che­re Tech­no­lo­gi­en und so wei­ter.

Na sicher, die Märk­te! Die mit der Sub­pri­me­ban­ken­schul­den­wäh­rungs­dau­er­kri­se?“

Und nicht weni­ge möch­ten, dass alles wie­der so wird, wie es in ihrer ver­zerr­ten Erin­ne­rung frü­her ein­mal war.

Wir sehen schon: Uto­pi­en, Wün­sche, Träu­me gibt es genug. Die Mei­nun­gen über die wün­schens­wer­te Zukunft gehen aller­dings aus­ein­an­der. Was also tun?

 

In mei­nem Roman Black­out wol­len poli­tisch moti­vier­te Ter­ro­ris­ten durch einen wochen­lan­gen Strom­aus­fall in Euro­pa und den USA das gegen­wär­ti­ge Sys­tem so nach­hal­tig zer­stö­ren, dass Platz für eine neue Ord­nung ist. Wie schon vie­le vor ihnen glau­ben sie, dass das ver­meint­lich fal­sche Sys­tem nur durch einen gewalt­tä­ti­gen Umsturz geän­dert oder besei­tigt wer­den kann. Sol­che Fan­ta­si­en und Taten fin­det man in allen Berei­chen des gesell­schaft­li­chen Spek­trums. Mal flie­gen Brand­sät­ze von „rechts“ gegen Flücht­lings­un­ter­künf­te, mal Zie­gel von „links“ gegen Poli­zei­sta­tio­nen, um nur zwei Bei­spie­le aus Deutsch­land zu nen­nen.

Aber erreicht man auf gewalt­tä­ti­ge Wei­se das ange­streb­te Ziel?

Es kommt auf das Ziel an.

Vor­hang auf für: die Pfad­ab­hän­gig­keit! Bekannt aus Sozi­al- und Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten, der Sys­tem­theo­rie etc. Ihr zufol­ge hängt das Ver­hal­ten eines Sys­tems stark von sei­nen Aus­gangs­pa­ra­me­tern ab. Selbst wenn sich die Situa­ti­on spä­ter ändert und ande­re Ver­hal­tens­wei­sen klü­ger wären, hält das Sys­tem gern an sei­nen Stra­te­gi­en fest (der Starr­kopf!). In der Dis­kus­si­on um gesell­schaft­li­che Sys­tem­wech­sel wür­de das bedeu­ten: Gewalt­tä­ti­ge Umstür­ze durch klei­ne Grup­pen füh­ren eher zu gewalt­tä­ti­gen, auto­kra­ti­schen Sys­te­men, fried­li­che, mit brei­ter Unter­stüt­zung der Bevöl­ke­rung erreich­te Ver­än­de­run­gen brin­gen eher fried­fer­ti­ge, demo­kra­ti­sche Sys­te­me her­vor. Daten­ana­ly­sen zu poli­ti­schen Sys­tem­wech­seln stüt­zen die­se The­se (sie­he bei­spiels­wei­se Bruce Acker­man, Adri­an Karat­ny­cky, Eri­ca Chenoweth, Maria Ste­phan). Misch­for­men wie Rück­tritt oder Putsch schei­nen weni­ger Erfolg ver­spre­chend als brei­ter gesell­schaft­li­cher Kon­sens, Vor­ab-Kapa­zi­täts­auf­bau der Zivil­ge­sell­schaft, Ver­hand­lun­gen, Wah­len (sie­he zum Bei­spiel Jona­than Pinck­ney). (Der Erfolg gesell­schaft­li­chen Kon­sen­ses und Vor­ab-Kapa­zi­täts­auf­baus der Zivil­ge­sell­schaft erklärt dann auch die zuneh­men­den Repres­sio­nen gegen und Ver­bo­te von Medi­en und NGOs in auto­kra­ti­schen Regi­men.)

Es stellt sich daher die nächs­te Fra­ge: Wel­ches Ziel soll ich wol­len?

Ein­fa­che Ant­wort: hohe Diver­si­tät. Denn die­se erhöht die Mög­lich­kei­ten eines Sys­tems, auf Stö­run­gen zu reagie­ren. Sonst ergeht es der Gesell­schaft wie land­wirt­schaft­li­chen Mono­kul­tu­ren, die durch eine ein­zi­ge Stö­rung (Schäd­ling, Wet­ter etc.) leicht ver­nich­tet wer­den kön­nen.

Fazit: Den ohne­hin per­ma­nent von­stat­ten­ge­hen­den Wan­del gestal­tet man dem­nach mög­lichst fried­lich und Viel­falt för­dernd (wobei „fried­lich“ der schwie­ri­ge­re Teil ist, gera­de wenn man mit einem auto­kra­ti­schen und/oder gewalt­tä­ti­gen Regime kon­fron­tiert wird; aber selbst dann soll­te man sich im Sinn der Pfad­ab­hän­gig­keit so ver­hal­ten, dass ein sol­ches Regime mit höhe­rer Wahr­schein­lich­keit in ein fried­li­ches und diver­ses Sys­tem über­ge­hen kann).

Alles leich­ter gesagt als getan.

Aber mit dem Sagen könn­te man anfan­gen – am Anfang steht bekann­ter­ma­ßen (fast) immer das Wort.

Der Stil des Dis­kur­ses bestimmt das Ergeb­nis; Pfad­ab­hän­gig­keit, der alte Stur­schä­del, schon wie­der. (Und – eige­nes The­ma – hof­fen wir, dass die zuneh­men­de Pola­ri­sie­rung aller Debat­ten ihren Ursprung nicht in der nun­mehr allen Lebens­be­rei­chen zugrun­de lie­gen­den digi­ta­len Kom­mu­ni­ka­ti­on hat, die als Zustän­de nur die Pole 0 oder 1 kennt.)

Wei­ter­ma­chen könn­te man beim Han­deln. Nach dem bekann­ten Mot­to: Sei selbst der Wan­del, den du dir wünschst! (Wie­der Pfad­ab­hän­gig­keit: Vie­le han­deln, und das neue Sys­tem wird sich ent­spre­chend her­aus­bil­den.)

Aber das hie­ße ja dann statt: „Wir müs­sen etwas ändern“ plötz­lich: „Ich muss etwas ändern“, ja, „Ich muss mich ändern“!

Na, und das ist jetzt viel­leicht etwas viel ver­langt.

 

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Marc Els­berg ist ein öster­rei­chi­scher Best­sel­ler­au­tor. Sei­ne Sci­ence Thril­ler Black­out und Zero wur­den in zahl­rei­che Spra­chen über­setzt und als „Wis­sens­buch des Jah­res“ in der Kate­go­rie Unter­hal­tung aus­ge­zeich­net. Marc Els­berg ist gefrag­ter Dis­kus­si­ons­part­ner bei Poli­tik, Wirt­schaft und Wis­sen­schaft. Mehr dazu unter www.marcelsberg.com

Die­ser Arti­kel wur­de erst­mals in der agora42 3/2016 LEITBILDER ver­öf­fent­licht.