Information und Aufklärung. Oder: Das Lob der “Lügenpresse”

agora42 LEITBILDERDie­ser Arti­kel ist erst­mals in der agora42 3/2016 LEITBILDER erschie­nen: Wel­che Leit­bil­der kön­nen (noch) lei­ten, wor­an hal­ten wir uns fest – und was lei­tet uns in die fal­sche Rich­tung? Acht Inter­views und 17 State­ments ver­wan­deln die­se Aus­ga­be der agora42 in das, was sie ihrem Namen nach ist: einen Markt­platz, auf dem die Zukunft ver­han­delt wird.

 

Information und Aufklärung

Oder: Das Lob der “Lügen­pres­se”

von Oli­ver Tan­zer

 

Oliver Tanzer

Oli­ver Tan­zer ist Lei­ter des Wirt­schafts­res­sorts der Wochen­zei­tung Die Fur­che und Buch­au­tor. Zuletzt von ihm erschie­nen: Lilith und die Dämo­nen des Kapi­tals (Carl Han­ser Ver­lag, 2015).

Der Mensch hat sich in der Rol­le des Gläu­bi­gen immer wohl befun­den – im Ver­trau­en auf das, was ihm von einer über­ge­ord­ne­ten Struk­tur gesagt wird. Erin­nern wir uns nur an das Ver­trau­en, das er jahr­hun­der­te­lang jeman­dem ent­ge­gen­brach­te, der vor undenk­li­chen Zei­ten behaup­tet hat­te: „Ich bin das Wort“ – und dann die Welt mit dem geschaf­fen hat, was er sag­te (etwa: „Es wer­de Licht“).

Wir, die Medi­en, haben seit dem Ende des Zwei­ten Welt­kriegs irgend­wie auch so eine Rol­le gespielt. Nicht die Rol­le des­je­ni­gen, der sagt: „Ich bin das Wort“, aber dann doch die des­je­ni­gen, der behaup­tet: „Ich bin die Nach­richt“. Das gelang auch ganz gut. Die Medi­en erhiel­ten unum­schränk­tes Ver­trau­en als beob­ach­ten­de Gewalt im Staat, die Miss­stän­de erkennt und so die Bür­ger schützt. Wir waren Leit­me­di­en.

Heu­te ist das nicht mehr so, zumin­dest wenn es nach jenem Teil eines sich radi­ka­li­sie­ren­den Mit­tel­stands geht, der in der Pegi­da-Bewe­gung, der AfD und ande­ren Insti­tu­tio­nen des Miss­trau­ens zusam­men­fin­det und sei­ne Sinn­stif­tung immer und über­all in der Anti­the­se fin­det. Dort heißt es dann: „Das ist alles Lügen­pres­se.“ Wenn wir, die Medi­en, der­art beschimpft wer­den, dann könn­ten wir erwi­dern:

 

Lie­be Pegi­da- und AfD-Bür­ger,

ihr habt voll­kom­men Recht! Wir sind tat­säch­lich in gewis­ser Hin­sicht eine Lügen­pres­se. Aber was ihr Lügen nennt, hält unser Gesell­schafts­sys­tem zusam­men. Wir sind die, wel­che die Geschich­ten aus­su­chen und erzäh­len, die eure Exis­tenz erträg­lich machen. Die unter­halt­sa­men Geschich­ten, aber auch die Geschich­ten, die unse­re Poli­tik, die Geset­ze und die Ent­wick­lung unse­rer Nach­kom­men prä­gen. Unse­re „Objek­ti­vi­tät“ war immer ein Popanz für euren Wohl­fühl­fak­tor, denn ihr wisst und wir wis­sen spä­tes­tens seit Sig­mund Freud, dass es Objek­ti­vi­tät nicht gibt. Aber wir sind nicht die ein­zi­ge Lügen­pres­se. Denn Öko­no­men, die behaup­ten, jeder Markt­teil­neh­mer ver­fü­ge über alle not­wen­di­gen Infor­ma­tio­nen, wenn er vor einem Regal im Super­markt steht und sich für das eine oder ande­re Pro­dukt ent­schei­det, sind auch „Lügen­öko­no­men“. Und eure Füh­rer, die euch sagen, dass eure Welt klein und bedroht ist, sind auch „Lügen­füh­rer“.

Aber eure Füh­rer haben von unse­rer zuneh­men­den Schwä­che enorm pro­fi­tiert. Und das geht so: Seit der deut­schen und auch öster­rei­chi­schen Apo­ka­lyp­se der Unmensch­lich­keit und des Krie­ges 1945 haben wir euch zwei Welt­deu­tun­gen gege­ben: eine gemä­ßigt lin­ke, eine gemä­ßigt rech­te; sprich: hier die Süd­deut­sche, da die FAZ, hier die taz, dort die Welt – und in der Mit­te tum­mel­ten sich die Objek­ti­ven von den Öffent­lich-Recht­li­chen. Wir waren uns unse­rer Deu­tungs­macht bewusst und haben uns lan­ge die gesell­schaft­li­che Über­ich­funk­ti­on mit Kir­che und Poli­tik geteilt. Wir reprä­sen­tier­ten homo­gen gedach­te Lager, zwei gro­ße gesell­schaft­li­che Strö­me, die sich den Staat auf­tei­len, ein höchst erfolg­rei­ches Zwei­strom­land. Wir hat­ten dar­in die Stel­lung des ver­trau­ens­wür­di­gen Kor­rek­tivs. Wir zwan­gen die Mäch­ti­gen zum Trieb­ver­zicht, weil wir brand­ge­fähr­lich für sie waren.

Wir sind auf­grund öko­no­mi­scher Zwän­ge ver­dummt.

Aber dann kam ein Ver­spre­chen und die­ses Ver­spre­chen stell­te alles auf den Kopf. In den 90er-Jah­ren wur­de unse­re moder­ne Wie­ge der Zivi­li­sa­ti­on, das ver­trau­te Zwei­strom­land, in ein glo­ba­les Dorf vol­ler Infor­ma­ti­ons­ka­nä­le und Kanäl­chen ver­wan­delt. Das Inter­net kam über uns und die Macht­po­si­ti­on der Medi­en zer­fiel. Wir ver­lo­ren im glo­ba­len Dorf mit sei­nen Mil­li­ar­den Posts und Tweets den Deu­tungs­strom. Und in der Panik, die Stel­lung zu ver­lie­ren, began­nen wir zu ren­nen, zu expan­die­ren, uns inhalt­lich krank zu spa­ren. Heu­te ser­vie­ren wir uns als App auf einem Tablet und ver­schen­ken unse­re Diens­te und unser Wis­sen an das Nichts im Netz.

Es ist ein Dra­ma: Die glo­ba­len Macht­struk­tu­ren ken­nen kei­ne poli­ti­sche For­mel, in die die Medi­en pas­sen wür­den. Sie ken­nen nur noch das Kapi­tal als Ent­schei­dungs­ma­trix. Die Medi­en­land­schaft funk­tio­niert heu­te nach einer ein­fa­chen Glei­chung: Suc­cess = Demand/Time. Erfolg ist gleich Nach­fra­ge geteilt durch Zeit. Und die­se For­mel führt in letz­ter Kon­se­quenz zu einer Zeit­beu­gung. Der Erfolg ver­grö­ßert sich, wenn die Zeit im Nen­ner klei­ner wird. Er ernährt sich von der Ver­kür­zung der Lohn­ar­beits­zeit, von der Kün­di­gung der Mit­ar­bei­ter. Und den ver­blie­be­nen Jour­na­lis­ten wird die Zeit zum knap­pen Gut gemacht. Die Zeit, die nun für das schnel­le Hin­schrei­ben ver­wen­det wer­den muss, wird von dem weichs­ten Gut des Jour­na­lis­ten abge­zo­gen, von der Sub­stanz, aus der er sein Ver­trau­en bezieht: von der Recher­che.

Wir sind hand­zahm gewor­den, weil wir gefüt­tert wer­den mit Wer­be­geld, nicht mit Leser-, Hörer- oder Zuschau­er­geld. Der Jour­na­lis­mus hat sei­ne wah­ren Kun­den ver­lo­ren und mit ihnen auch das Ver­trau­en. Des­halb funk­tio­niert auch die Grund­sub­stanz unse­res Han­dels nicht mehr. Der Tausch Infor­ma­ti­on gegen Inter­es­se und Auf­klä­rung gegen Bezah­lung. Des­halb kön­nen wir auch die wich­ti­gen Din­ge nicht mehr the­ma­ti­sie­ren, wie es in unse­rer Ver­ant­wor­tung steht. Dass etwa das Kapi­tal, das uns bezahlt, Krie­ge schafft und Flücht­lings­wel­len aus­löst. Öko­no­mi­sche Inter­es­sen for­men die Flücht­lings­trecks nach Euro­pa – aber uns wer­den sie als die Legen­de vom Hun­nen­sturm und Tür­ken­be­la­ge­rung dar­ge­stellt. Und dar­auf kön­nen eure Füh­rer nun auf­bau­en. Sie brau­chen nur noch zuzu­grei­fen, weil das kri­mi­nel­le Ereig­nis (Sil­ves­ter­nacht in Köln) viel mehr zählt als die Ana­ly­se der Ursa­chen und Struk­tu­ren: Kapi­tal schafft Waf­fen, Waf­fen hei­zen den Krieg im Nahen Osten an, Krie­ge schaf­fen Flücht­lin­ge, Staa­ten bezah­len die Hil­fe oder die Zäu­ne, um sie abzu­weh­ren, pri­va­te Share­hol­der kas­sie­ren die Gewin­ne der Waf­fen­kon­zer­ne.

Wir sind auf­grund öko­no­mi­scher Zwän­ge ver­dummt. Aber das ist nicht nur unser Dra­ma, ihr Bür­ger, die ihr euch nun gegen uns erregt. Denn ihr ver­dummt mit uns.

Respekt und Wertschätzung – Götz W. Werner

Respekt und Wertschätzung

Einer ist bes­ser als der ande­re

 

von Götz W. Wer­ner 

 

Götz Werner

Prof. Götz W. Wer­ner, Jahr­gang 1944, ist Grün­der und inzwi­schen Auf­sichts­rat von dm-dro­ge­rie markt. 1973 eröff­ne­te er den ers­ten dm-Markt in Karls­ru­he. Inzwi­schen gibt es euro­pa­weit mehr als 3.200 dm-Märk­te. Mit sei­nem 2006 erschie­ne­nen Buch Ein­kom­men für alle hat Götz Wer­ner eine brei­te Dis­kus­si­on über ein Bedin­gungs­lo­ses Grund­ein­kom­men für jeden Bür­ger ent­fes­selt. Foto: Alex Stie­britz

Wir sind, was wir den­ken. Und was wir den­ken bestimmt, wie wir die Welt sehen. Kaum etwas ist wirk­mäch­ti­ger als das Bild, das wir uns von uns selbst und von unse­ren Mit­men­schen machen. Die­ses Bild hat ent­schei­den­de Aus­wir­kun­gen dar­auf, wie wir unser Zusam­men­le­ben, unse­re gan­ze Sozie­tät gestal­ten. Dabei beginnt alles beim Den­ken. Bei dem, was wir über uns selbst den­ken, ist das ein­fach: Man selbst trifft ver­nünf­ti­ge Ent­schei­dun­gen, han­delt fair und respekt­voll, ist moti­viert und ver­ant­wor­tungs­be­wusst. Man selbst ist Huma­nist – aber die ande­ren …! Als Unter­neh­mer habe ich die Erfah­rung gemacht: „Einer ist bes­ser als der ande­re.“ Das sag­te ich zu mei­ner Groß­mut­ter, als sie mich frag­te, ob in mei­nem damals noch recht neu gegrün­de­ten Unter­neh­men die Men­schen nicht stän­dig steh­len wür­den. Und bis heu­te – dm hat mehr als 30.000 Mit­ar­bei­ter in Deutsch­land – bin ich immer noch fest von die­ser Hal­tung über­zeugt. Wie soll­te man sonst ein Unter­neh­men mit mehr als 1.700 Stand­or­ten in ganz Deutsch­land füh­ren?

 

Der freie Mensch

So wie ich als Unter­neh­mer mit mei­nen Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen umge­he, so gehen sie auch mit den Kun­din­nen und Kun­den um. Für unse­re Gemein­schaft ins­ge­samt bedeu­tet das: Mein Men­schen­bild über­trägt sich auf das mei­ner Mit­men­schen. Das ist eine ganz wich­ti­ge Erkennt­nis für Füh­rungs­kräf­te in Unter­neh­men und für poli­tisch Ver­ant­wort­li­che in unse­rem Land. Und es ist eine enor­me Her­aus­for­de­rung, dies bewusst zu durch­drin­gen und danach zu han­deln. Denn in der wirt­schafts­wis­sen­schaft­li­chen Lite­ra­tur wird – bis heu­te – häu­fig ein ande­res Men­schen­bild ver­mit­telt. Dar­in ist der unab­hän­gig und frei ent­schei­den­de Bür­ger eine Fik­ti­on. Immer noch glau­ben Mana­ger tau­send­fach, man kön­ne und müs­se Mit­ar­bei­ter moti­vie­ren; etwa mit Bonus­zah­lun­gen. Wohin das führt, erle­ben wir tag­täg­lich zum Bei­spiel bei den Ver­wer­fun­gen in der Finanz­wirt­schaft. Men­schen, von denen man meint, sie mit Psy­cho­tricks mani­pu­lie­ren zu müs­sen, ler­nen ledig­lich, genau­so zu trick­sen. Statt im Sin­ne der Kun­den zu den­ken, den­ken sie fort­an so, wie man es ihnen selbst unter­stellt: ego­is­tisch. Sie set­zen alles dar­an, den Bonus zu erlan­gen. Leis­tungs­prä­mi­en, Stock Opti­ons – mit sol­chen Moti­va­tions-Las­sos fängt man Knech­te, die nur nach oben schau­en und fra­gen: „War’s recht, Chef?“ Mit der Fol­ge, dass die Kun­den frü­her oder spä­ter auf der Stre­cke blei­ben.

Bei dm haben wir uns vor mehr als 30 Jah­ren inten­siv mit unse­rem Men­schen­bild aus­ein­an­der­ge­setzt. Dafür muss­ten wir uns von ver­brei­te­ten Denk­ge­wohn­hei­ten lösen. Und das ist bis heu­te eine schö­ne Her­aus­for­de­rung. In allen Abtei­lun­gen und beson­ders in den Filia­len ver­trau­en wir dar­auf, dass sich Men­schen selbst moti­vie­ren. Dazu brau­chen die Men­schen Frei­raum und einen mög­lichst umfas­sen­den Ein­blick in die Wert­schöp­fungs­pro­zes­se. Bei uns sind die Filia­len nicht das letz­te Glied in der Ket­te, son­dern das ers­te. Denn ein Unter­neh­men ist kei­ne Pyra­mi­de, son­dern eine Pro­zess­or­ga­ni­sa­ti­on, bei der ent­lang der Wert­schöp­fungs­ket­te gear­bei­tet wird. Jedes Glied der Ket­te ist wich­tig, um letzt­end­lich die bes­te Leis­tung für die Kun­den her­vor­zu­brin­gen. Sie sind das Ziel.

 

Initia­ti­ve för­dern

Bei aller Kom­ple­xi­tät, die heu­te in Unter­neh­men und in der Wirt­schafts­welt im All­ge­mei­nen herrscht, bleibt eines: Es geht immer um die Men­schen. Und wenn wir in unse­rem Leben nach Sinn suchen, dann kön­nen wir ihn nur bei unse­ren Mit­men­schen, unse­ren Kun­den fin­den, indem wir für sie tätig wer­den. Über­tra­gen auf unser Zusam­men­le­ben, bedeu­tet das: Wir brau­chen Rah­men­be­din­gun­gen, die die Initia­ti­ve der Men­schen för­dern, sodass sie selbst erken­nen kön­nen: „Hier kommt es auf mich an.“ Kon­troll­struk­tu­ren, ob in Unter­neh­men oder unse­rem Zusam­men­le­ben, hem­men dabei die Initia­ti­ve und die Ent­wick­lung des Ein­zel­nen. Respekt und Wert­schät­zung soll­ten die Eck­pfei­ler unse­res Zusam­men­le­bens sein. Wir brau­chen eine Gesell­schaft, in der wir jedem Men­schen Zutrau­en aus­spre­chen und jede Tätig­keit – auch die, die nicht an einen Erwerbs­ar­beits­platz gebun­den ist – wert­schät­zen und ermög­li­chen. Dafür müs­sen wir uns von dem gewohn­ten Den­ken lösen. Wenn wir die Her­aus­for­de­run­gen der Zukunft gestal­ten wol­len, soll­ten wir – trotz aller Wid­rig­kei­ten und inne­ren Blo­cka­den – unser Welt­bild hin­ter­fra­gen. In Goe­thes Faust gibt es eine sehr tref­fen­de Stel­le:

Nun gut, es sei dir über­las­sen! Zieh die­sen Geist von sei­nem Urquell ab, und führ ihn, kannst du ihn erfas­sen, auf dei­nem Wege mit her­ab. Und steh beschämt, wenn du beken­nen musst: Ein guter Mensch, in sei­nem dunk­len Dran­ge, ist sich des rech­ten Weges wohl bewusst.“

 

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Die­ses State­ment von Götz W. Wer­ner ist erst­mals in der agora42 3/2016 LEITBILDER erschie­nen.

Lasst euch von Clowns inspirieren! – Interview mit Marina Weisband

Anläss­lich der aktu­el­len Aus­ga­be haben wir aus­ge­wähl­ten Per­so­nen zum The­ma LEITBILDER ein paar Fra­gen gestellt. Hier die Ant­wor­ten von Mari­na Weis­band.

Lasst euch von Clowns inspirieren!

Inter­view mit Mari­na Weis­band

Marina Weisband

Mari­na Weis­band ist Diplom-Psy­cho­lo­gin und in der poli­ti­schen Bil­dung aktiv. Sie war von Mai 2011 bis April 2012 poli­ti­sche Geschäfts­füh­re­rin und damit auch Mit­glied des Bun­des­vor­stands der Pira­ten­par­tei Deutsch­land. Seit 2014 lei­tet sie bei poli­tik-digi­tal e.V. ein Pro­jekt zur poli­ti­schen Bil­dung und liquid-demo­kra­ti­schen Betei­li­gung von Schü­lern und Schü­le­rin­nen an den Regeln und Ange­le­gen­hei­ten ihrer Schu­len („aula“). Foto: Bas­ti­an Brin­gen­berg

 

Aller­or­ten macht sich Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit breit (EU – wohin? Wachs­tum – ja, nein, wo? Nach­hal­tig­keit – wie?). Haben wir den Glau­ben an Leit­bil­der ver­lo­ren, die frü­her Ori­en­tie­rung boten? (Wenn ja, wel­che sind das Ihrer Mei­nung nach?)
Wir haben den Glau­ben an Leit­bil­der nicht ver­lo­ren – wir suchen sogar sehr ange­regt nach ihnen. Es herrscht in der Öffent­lich­keit kein Man­gel, son­dern ein Über­an­ge­bot an Leit­bil­dern. Donald Trump, Bio-Kult, Beyon­cé, IKEA… Unse­re Gesell­schaft ist bloß weit gespal­te­ner, was ihre Leit­bil­der angeht, als sie es vor 30 Jah­ren war. Man könn­te auch sagen: indi­vi­du­el­ler. So wie es frü­her regio­nal sehr unter­schied­li­che Nor­men und Leit­bil­der gab, gibt es heu­te wel­che, die zwar nur einen klei­nen Teil der Men­schen anspre­chen, dafür aber glo­bal.

Kla­re Leit­bil­der ver­spre­chen kla­re Ori­en­tie­rung. So hel­fen Leit­bil­der in einer immer kom­ple­xer wer­den­den Gesell­schaft hand­lungs­fä­hig zu blei­ben. Bricht also eine Zeit der Aus­ein­an­der­set­zung um neue Leit­bil­der an? Gleich­zei­tig besteht die Gefahr, dass all­zu ein­fa­che (popu­lis­ti­sche) Lösun­gen pro­pa­giert wer­den. Ist also die Zeit der Leit­bil­der in einer moder­nen Gesell­schaft, von der erwar­tet wird, stets kon­sens­fä­hig und offen zu sein, vor­bei?
Über die gesam­te Geschich­te hin­weg wech­seln sich Zei­ten der Ide­en­fin­dung, Zei­ten des ste­ti­gen Pro­gres­ses und Zei­ten der blo­ßen Ver­wal­tung ab. Das geschieht in Zyklen, weil tech­ni­sche und sozia­le Neue­run­gen immer neue gesell­schaft­li­che Model­le und Ide­en not­wen­dig machen. Wir leben in einer Zeit, in der die Ver­wal­tung des Alten nicht mehr ein­fach funk­tio­niert. Durch Digi­ta­li­sie­rung und Glo­ba­li­sie­rung haben wir neue Mög­lich­kei­ten und Her­aus­for­de­run­gen, für die wir erst neue Lebens­ide­en brau­chen. Daher haben wir im Moment auch kei­ne kla­ren Leit­bil­der, son­dern eine Viel­zahl an mög­li­chen Wegen. Im Lau­fe der nächs­ten Jah­re wird sich in einem natür­li­chen Pro­zess her­aus­kris­tal­li­sie­ren, wohin die Rei­se gehen soll. Das ist aber eine Fra­ge, an der die Zivil­ge­sell­schaft aktiv mit­ge­stal­ten und mit­kämp­fen muss, um die Gestal­tungs­ho­heit nicht Popu­lis­ten oder gro­ßen Play­ern wie Kon­zer­nen zu über­las­sen.

Wel­ches Pro­jekt oder wel­che Per­son wür­den Sie ger­ne stär­ker in der Öffent­lich­keit ver­tre­ten sehen, weil es/sie für ein Leit­bild steht, das Ihrer Ansicht nach wich­tig für die Gesell­schaft ist?
Ich hät­te gern mehr Poli­ti­ker wie Jón Gnarr – weil er ein Clown ist. Er ver­kör­pert einer­seits die Viel­falt der Gesell­schaft und hat eine Art, die ganz natür­lich die Men­schen so akzep­tiert, wie sie sind. Er nimmt Din­ge nicht zu schwer und hat damit immer den nöti­gen Abstand und die Leich­tig­keit, die ihn erst zum Han­deln befä­higt. Ande­rer­seits ist er bewun­derns­wert prag­ma­tisch in sei­nem Han­deln. Er hat es geschafft, Reyk­ja­vik in für Island extrem tur­bu­len­ten Zei­ten zu regie­ren und in vie­len Berei­chen dras­tisch zu ver­bes­sern. Gera­de dadurch, dass er nicht wie­der­ge­wählt wer­den woll­te. Er konn­te Ver­ant­wort­li­che zur Rechen­schaft zie­hen, ohne auf zukünf­ti­ge Bünd­nis­se und Win­kel­zü­ge mit ihnen zu ach­ten. Ich sage nicht, dass alle Poli­ti­ker so sein sol­len. Sie sol­len ja gera­de ver­schie­den sein. Aber mehr Ein­fluss und Inspi­ra­ti­on von ihm wür­den der Welt nicht scha­den.

Für einen aufgeklärten Egoismus – Interview mit Werner Peters

Anläss­lich der aktu­el­len Aus­ga­be haben wir aus­ge­wähl­ten Per­so­nen zum The­ma LEITBILDER ein paar Fra­gen gestellt. Hier die Ant­wor­ten von Dr. Wer­ner Peters.

Für einen aufgeklärten Egoismus

Interview mit Werner Peters

Aller­or­ten macht sich Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit breit (EU – wohin? Wachs­tum – ja, nein, wo? Nach­hal­tig­keit – wie?). Haben wir den Glau­ben an Leit­bil­der ver­lo­ren, die frü­her Ori­en­tie­rung boten?

Portrait

Wer­ner Peters stu­dier­te Alt­phi­lo­lo­gie und Phi­lo­so­phie in Tübin­gen und Bonn und pro­mo­vier­te zum Dr. phil. im Jah­re 1967. Anschlie­ßend folg­te ein lang­jäh­ri­ger Stu­di­en­auf­ent­halt in den USA, u.a. an der Har­vard Uni­ver­si­tät und als Assis­tent im US-Kon­gress, Washing­ton. Nach sei­ner Rück­kehr aus den USA war Peters poli­ti­scher Refe­rent in der Bun­des­ge­schäfts­stel­le der CDU sowie selbst­stän­di­ger Poli­tik­be­ra­ter. Seit 1983 ist Peters Inha­ber des Künst­ler­ho­tels Chel­sea und des Café Cen­tral in Köln. Dort ver­an­stal­tet er regel­mä­ßig phi­lo­so­phi­sche Ver­an­stal­tun­gen („Phi­lo­so­phie im Cen­tral“). Zuletzt von ihm erschien sein Buch GENEROSITÄT — Für einen auf­ge­klär­ten Ego­is­mus (2016, Edi­ti­on Stef­fan).

Für die längs­te Zeit der letz­ten 2000 Jah­re der euro­päi­schen Geschich­te hat Reli­gi­on, genau­er gesagt die christ­li­che Reli­gi­on, das unbe­strit­te­ne Leit­bild der Gesell­schaft gelie­fert. Mit dem Durch­bruch der Auf­klä­rung, die ja nicht plötz­lich und aus dem Nichts her­aus kam, son­dern spä­tes­tens seit der Renais­sance die Gewiss­hei­ten der Reli­gi­on in Fra­ge stell­te, ent­stand eine Lee­re, die von der sich ent­wi­ckeln­den bür­ger­li­chen Gesell­schaft mit ihrem Mate­ria­lis­mus ohne spi­ri­tu­el­len Tief­gang nicht gefüllt wer­den konn­te.

Offen­sicht­lich brau­chen die Men­schen etwas, was über das eige­ne Wohl­erge­hen hin­aus­geht, und so ent­stan­den neue Leit­bil­der, um die­se Lee­re zu fül­len und ein­zu­tau­chen in einen über­in­di­vi­du­el­len Sinn des Lebens. Die neu­en Leit­bil­der, die das aus­ge­hen­de 19. und das begin­nen­de 20. Jahr­hun­dert beherrsch­ten: Natio­na­lis­mus und Kom­mu­nis­mus.

Nach­dem bei­de zumin­dest in unse­ren Gesell­schaf­ten auf­grund ihrer kata­stro­pha­len Fol­gen von Grund auf dis­kre­di­tiert sind, ist erneut eine Lee­re ein­ge­tre­ten, die von einer Art „Abklä­rung“ domi­niert wird. Man spürt die Lee­re, aber ist sehr nüch­tern gewor­den, was die Rol­le gesell­schaft­li­cher Leit­bil­der angeht. Das vor­herr­schen­de Gefühl der Gesell­schaft ist Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit.

 

Kla­re Leit­bil­der ver­spre­chen kla­re Ori­en­tie­rung. So hel­fen Leit­bil­der in einer immer kom­ple­xer wer­den­den Gesell­schaft hand­lungs­fä­hig zu blei­ben. Bricht also eine Zeit der Aus­ein­an­der­set­zung um neue Leit­bil­der an? Gleich­zei­tig besteht die Gefahr, dass all­zu ein­fa­che (popu­lis­ti­sche) Lösun­gen pro­pa­giert wer­den. Ist also die Zeit der Leit­bil­der in einer moder­nen Gesell­schaft, von der erwar­tet wird, stets kon­sens­fä­hig und offen zu sein, vor­bei?

In einer Gesell­schaft ohne kla­re Leit­bil­der wächst die Gefahr, dass fal­sche Pro­phe­ten auf­tre­ten und ein­fa­che Lösun­gen für eine immer kom­ple­xer wer­den­de Welt anbie­ten. Noch hilft uns unse­re Abge­klärt­heit auf­grund der fürch­ter­li­chen Erfah­run­gen mit den Leit­bil­dern der Ver­gan­gen­heit, den Lock­ru­fen einer fal­schen Sicher­heit zu fol­gen. Das Bedürf­nis nach einer über­in­di­vi­du­el­len Dimen­si­on, die den Sinn des eige­nen Lebens erwei­tert, wird zuge­deckt durch die schein­bar uner­schöpf­li­chen Ange­bo­te der Kon­sum- und Unter­hal­tungs­in­dus­trie. Aber die­se Ersatz-Leit­bil­der ver­lie­ren mehr und mehr an Attrak­ti­vi­tät. Vie­le Men­schen suchen den Sinn ihres Lebens in der bewuss­ten Abkehr von der durch Kon­sum und Unter­hal­tung gepräg­ten Gesell­schaft, in der Kon­zen­tra­ti­on auf sich selbst und eige­ne Wer­te. Noch sind die­se Ver­su­che, sich neu zu ori­en­tie­ren, sehr viel­fäl­tig, sehr unter­schied­lich und weit gestreut. Ob und wann sie sich zu einem posi­ti­ven, gemein­sa­men Leit­bild zusam­men­fin­den, ist die ent­schei­den­de Fra­ge nach der Zukunft unse­rer Gesell­schaft.

 

Wel­ches Pro­jekt oder wel­che Per­son wür­den Sie ger­ne stär­ker in der Öffent­lich­keit ver­tre­ten sehen, weil es/sie für ein Leit­bild steht, das Ihrer Ansicht nach wich­tig für die Gesell­schaft ist?

Mein Leit­bild ist eine im wah­ren Wort­sinn bür­ger­li­che Gesell­schaft, in der ihre Mit­glie­der sich bewusst sind, dass ein gelin­gen­des, glück­li­ches Leben als Indi­vi­du­um nur in einer „guten“ Gesell­schaft mög­lich ist, und dass eine sol­che Gesell­schaft kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit ist, son­dern des stän­di­gen Enga­ge­ments ihrer Mit­glie­der bedarf. Uns fehlt in Deutsch­land die­ses aus einer lan­gen Tra­di­ti­on gebo­re­ne Bewusst­sein, dass eine demo­kra­ti­sche Gesell­schaft eine Sache der Bür­ger und nicht der Regie­rung ist und dass die­se sich ihre Errun­gen­schaf­ten immer wie­der durch ihr Enga­ge­ment sichern müs­sen. Dazu bedarf es auf­ge­klär­ter Bür­ger, die ihr natür­li­ches Bedürf­nis nach indi­vi­du­el­lem Wohl­erge­hen ver­bin­den mit einem enga­gier­ten Gemein­schafts­geist, weil nur so eine Gesell­schaft ent­steht, in der es sich lohnt zu leben. Ich nen­ne das: auf­ge­klär­ten Ego­is­mus.

 

Mehr dazu lesen Sie in dem neu­en Buch von Wer­ner Peters GENEROSITÄT — Für einen auf­ge­klär­ten Ego­is­mus.

Der Verlust der Gesellschaft – Interview mit Ulrike Guérot

Anläss­lich der aktu­el­len Aus­ga­be haben wir aus­ge­wähl­ten Per­so­nen zum The­ma LEITBILDER ein paar Fra­gen gestellt. Hier die Ant­wor­ten von Ulri­ke Gué­rot.

 

Der Verlust der Gesellschaft

Interview mit Ulrike Guérot

Aller­or­ten macht sich Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit breit (EU – wohin? Wachs­tum – ja, nein, wo? Nach­hal­tig­keit – wie?). Haben wir den Glau­ben an Leit­bil­der ver­lo­ren, die frü­her Ori­en­tie­rung boten?

Ulrike Guérot

Ulri­ke Gué­rot lei­tet unter dem Dach der Euro­pean School of Gover­nan­ce das „Euro­pean Demo­cra­cy Lab“. Des­sen Leit­idee for­mu­lier­te sie 2013 im „Mani­fest für die Begrün­dung einer Euro­päi­schen Repu­blik“, das sie mit dem öster­rei­chi­schen Schrift­stel­ler Robert Men­as­se ver­fass­te. Gera­de ist ihr neu­es Buch War­um Euro­pa eine Repu­blik wer­den muss! Eine poli­ti­sche Uto­pie im J. H. W. Dietz Ver­lag erschie­nen.

Wel­che Leit­bil­der haben denn vor­her Ori­en­tie­rung gebo­ten? Der Muff der Tala­re der Ade­nau­er-Jah­re? Die „for­mier­te Gesell­schaft“ von Lud­wig Erhard? Oder die „geis­tig-mora­li­sche Wen­de“ von Hel­mut Kohl? Im Gegen­teil, der­ar­ti­ge kul­tur­po­li­ti­sche Vor­ga­ben wur­den immer bis aufs Mes­ser bekämpft. Zurecht. Denn Demo­kra­tie ist im Pro­zess befind­li­ches, gesell­schaft­li­ches Den­ken, das in dem Augen­blick zum Still­stand käme, wo fixe Leit­bil­der akzep­tiert wür­den. Anders for­mu­liert, schwingt dem Begriff des ‚Leit­bil­des’ immer ein Hauch von Tota­li­ta­ris­mus mit: das ‚Leit­bild’ ist nicht frei, nicht plu­ra­lis­tisch, nicht offen, nicht fle­xi­bel.

Denn, zwei­tens, wer ist ‚wir‘? Die Deut­schen oder die Euro­pä­er? Der Wes­ten gar? Der elek­tro­ni­sche Stamm­tisch? Die ver­ein­ten Qua­li­täts­me­di­en? Die ver­öf­fent­lich­ten Mei­nun­gen der poli­ti­schen oder wis­sen­schaft­li­chen Kas­te? PEGIDA oder die Zivil­ge­sell­schaft? Das ‚Wir’ scheint heu­te das Pro­blem; an poli­ti­schen, kul­tu­rel­len oder auch ideo­lo­gi­schen Leit­bil­dern näm­lich scheint es der­zeit nicht zu man­geln, vor allem nicht an rück­wärts­ge­wand­ten, unter­kom­ple­xen, roman­ti­schen oder gar wie­der radi­ka­len. Im Gegen­teil, Leit­bil­der ohne Name und Zahl fül­len wie­der den blind spot der gras­sie­ren­den gesell­schaft­li­chen Angst, eine Kon­se­quenz der Zer­stö­rung des ‚public man’, die der ame­ri­ka­ni­sche Sozio­lo­ge Richard Sen­nett schon 1977 beschrieb. Auch die Apo­ka­lyp­se oder der eso­te­ri­sche Rück­zug als spi­ri­tu­el­le Ant­wort auf die Ich-AG und einen rast­los Effi­zi­enz- und opti­mie­rungs­ge­trie­be­nen Kapi­ta­lis­mus bie­ten sich der­zeit als Leit­bil­der für die angst­ge­plag­te, ori­en­tie­rungs- und halt­lo­se Zeit­ge­nos­sen­schaft an, wie der Ham­bur­ger Sozio­lo­ge Chris­ti­an Schü­le schreibt. Zumin­dest für die­je­ni­gen, die sich nicht im Gegen­teil an ihren Smart­pho­nes und ihren schein­bar uner­schöpf­li­chen Spie­le-Apps fest­hal­ten. Wir haben nicht den Glau­ben ver­lo­ren, wir glau­ben wie­der alles mög­li­che, und dar­un­ter an viel Unfug, an „die Nati­on“ zum Bei­spiel, oder an ein Mus­lim-frei­es Abend­land.

 

Kla­re Leit­bil­der ver­spre­chen kla­re Ori­en­tie­rung. So hel­fen Leit­bil­der in einer immer kom­ple­xer wer­den­den Gesell­schaft hand­lungs­fä­hig zu blei­ben. Bricht also eine Zeit der Aus­ein­an­der­set­zung um neue Leit­bil­der an? Oder muss eine moder­ne Gesell­schaft, von der erwar­tet wird, stets kon­sens­fä­hig und offen zu sein, es schaf­fen, ganz auf Leit­bil­der zu ver­zich­ten (auch ange­sichts der Gefahr, dass all­zu ein­fa­che bzw. popu­lis­ti­sche Lösun­gen pro­pa­giert wer­den)?

Leit­bil­der hel­fen? Im Gegen­teil sind sie Steig­bü­gel­hal­ter für ein deter­mi­nis­ti­sches Welt­bild, in dem die Ver­wirk­li­chung oder Erfül­lung des Leit­bil­des einer Heils­er­war­tung gleich­kommt. Dabei geht es doch zivi­li­sa­to­risch um ste­te dis­kur­si­ve Bewe­gung und die Dia­lek­tik von Kul­tur und Bar­ba­rei.

Alle Leit­bil­der waren immer nur schein­bar klar; sie haben auf unse­riö­se Art Kom­ple­xi­tät redu­ziert – und nichts ande­res ver­su­chen wir heu­te, wenn wir in Zei­ten mul­ti­pler Kri­sen und gras­sie­ren­der Ver­un­si­che­rung wie­der nach Leit­bil­dern hei­schen.

Im Sin­ne des gro­ßen Sozio­lo­gen Fer­di­nand Tön­nies haben wir heu­te wie­der vie­le kla­re Gemein­schaf­ten mit Leit­bil­dern, aber wir haben schein­bar Gesell­schaft ver­lo­ren – und die Instru­men­te, eine sol­che demo­kra­tisch und reprä­sen­ta­tiv zu regie­ren. Dass die Ato­mi­sie­rung von Gesell­schaft zu Faschis­mus führt, hat schon Han­nah Arendt beschrie­ben. Aus der Geschich­te wis­sen wir, dass die Her­aus­bil­dung von Gemein­schaf­ten, zumal wenn eth­nisch kon­tu­riert, immer pro­to­fa­schis­ti­sche Züge trägt. Die Fra­ge ist dann irgend­wann, wel­che „Gemein­schaft“ mit­tels Miliz oder Mili­tär die Mög­lich­keit erhält, ihr Leit­bild durch­zu­set­zen. Erdo­gan macht das gera­de vor. Mari­ne Le Pen viel­leicht als nächs­te. Genau des­halb war Theo­dor W. Ador­no immer dar­auf bedacht, eine Gesell­schaft ohne Leit­bild zu ver­tei­di­gen. Und Haber­mas den herr­schafts­frei­en Dis­kurs, frei auch von der Herr­schaft von Leit­bil­dern. Zu Recht ver­wies Ador­nos mit sei­nem fei­nen Gespür für die Ober­tö­ne bestimm­ter Begrif­fe auf den „lei­sen mili­tä­ri­schen Klang“ des Wor­tes „Leit­bild“, des­sen Scheuß­lich­keit einem ganz deut­lich wird, wenn man es sich kon­kret vor­stellt. Fast möch­te anfü­gen: Leitkul­tur, der in der aktu­el­len Flücht­lings­dis­kus­si­on oft bemüh­te Begriff, klingt noch viel scheuß­li­cher, vor allem, wenn man sich dar­un­ter die ‚schwä­bi­sche Haus­frau’ oder den pro­to­ty­pi­schen bay­ri­schen Nor­mal­haus­halt vor­zu­stel­len hat. Die kul­tu­rel­le Nor­mie­rung ist stets Chi­mä­re, gefähr­lich gar; die Demo­kra­tie lebt von der Gleich­heit des Rechts bei kul­tu­rel­ler Viel­falt, die allein der Garant von Frei­heit ist.

Ohne Leit­bild“ war dar­um das Cre­do des Den­ken von Ador­nos, ein Den­ken ohne Ori­en­tie­rung an schein­bar objek­ti­ven und von wem auch immer dekre­tier­ten Wer­ten. Ador­nos dia­lek­ti­sches Phi­lo­so­phie­ren for­der­te, dass sich der Gedan­ke der Sache ohne vor­he­ri­ge Aus­rich­tung an sach­frem­den Erwä­gun­gen über­lässt. Kurz, es geht nicht um neue Leit­bil­der, son­dern, um Wil­li Brandt zu zitie­ren, dar­um, wie­der ‚mehr Demo­kra­tie zu wagen’ – wobei wir wis­sen, dass Demo­kra­tie nicht die Mehr­heit der Stra­ße ist.

 

Wel­ches Pro­jekt oder wel­che Per­son wür­den Sie ger­ne stär­ker in der Öffent­lich­keit ver­tre­ten sehen, weil es/sie für ein Leit­bild steht, das Ihrer Ansicht nach wich­tig für die Gesell­schaft ist?

Viel­leicht geht es weni­ger um ein­zel­ne Per­so­nen, als um ein gesell­schaft­li­ches Desi­de­rat nach Anstand und Moral – nach Jah­ren der insze­nier­ten Anstands­lo­sig­keit getreu dem Mot­to legal, aber nicht legi­tim, für das wir jetzt ein­mal exem­pla­risch ver­kür­zend den gesell­schaft­li­chen Schind­lu­der der Ban­ken­kri­se set­zen. Gesell­schaf­ten suchen Per­so­nen mit per­sön­li­cher Inte­gri­tät. Frü­her hät­ten Mehr­hei­ten auf die­se Fra­ge spon­tan mit dem Namen ‚Albert Schwei­zer‘ reagiert. Heu­te könn­te man sich vor­stel­len, dass sich vie­le in ‚Fran­zis­kus‘ ver­liebt haben. Dazwi­schen lag eine Frau: ‚Mut­ter The­re­sa‘. An der Figur Oba­ma kann man able­sen, wie wenig eine seri­ös insze­nier­te wie immer macht­vol­le Gestalt im glo­ba­len All­tags­be­trieb ver­mag – zumal er als mäch­tigs­ter Staats­chef kurz nach Amts­an­tritt in der Guan­ta­na­mo-Fra­ge gleich­sam coram publi­co ent­mach­tet wur­de. Dies kam qua­si einer öffent­li­chen Ent­haup­tung des Poli­ti­schen gleich.

Wo das Poli­ti­sche als macht­los ent­wer­tet wur­de, hat sich der Wunsch nach inte­gren und inte­grie­ren­den Per­so­nen schein­bar auf den Bou­le­vard ver­la­gert. Dem vor­gän­gig war die Aus­lie­fe­rung der Poli­tik an den Bou­le­vard, die Ent­mün­di­gung der Bür­ger durch insti­tu­tio­na­li­sier­te und sys­te­mi­sche media­le Ver­dum­mung: wahr­schein­lich hat Con­chi­ta Wurst mehr zur euro­päi­sche Iden­ti­täts­stif­tung bei­ge­tra­gen als Donald Tusk.Aber lei­der kann man die Lösung der Euro­kri­se und das Pro­blem der deut­schen Domi­nanz in Euro­pa nicht Bas­ti­an Schwein­stei­ger und die Brex­it-Ver­hand­lun­gen nicht Brit­ney Spears über­las­sen.

In Zei­ten, wo sich die Poli­tik nicht mehr nach ‚rechts’ und ‚links’ sor­tiert, son­dern in ‚poli­ti­sche Klas­se’ und anti-Esta­blish­ment – eine durch­aus pre-revo­lu­tio­nä­re Kon­stel­la­ti­on im Übri­gen – geht es der Poli­tik an Kopf und Kra­gen und ein Hauch von Revo­lu­ti­on liegt in der Luft. Nicht umsonst haben dar­um radi­ka­le Phi­lo­so­phen wie etwa der Slo­we­ne Sla­voij Zîzêk vor allem unter ganz und gar nicht ent­po­li­ti­sier­ten Jugend­li­chen mehr Anhän­ger als etwas ein Jean-Clau­de Juncker. Gesucht wer­den latent ein neu­er Ben­no Ohnes­org, ein stei­ner­wer­fen­der Josch­ka Fischer oder ein ‚roter Dan­ny’, ein Vaclav Havel oder eine Soli­dar­nosc-Füh­rer à la Lech Wale­sa. Aber die schei­nen ent­we­der aus­ge­stor­ben oder ent­mu­tigt, weil die Lin­ke – gleich­sam post­struk­tu­ra­lis­tisch  durch­seucht – jeden poli­ti­schen Macht­be­griff (und -anspruch) ver­ges­sen zu haben scheint.

Die neu­en Per­so­nen, die davon zur Zeit sicht­lich pro­fi­tie­ren und in das Macht­va­ku­um der Poli­tik ste­chen, sind dar­um nicht von unge­fähr nar­ziss­ti­sche Auto­kra­ten à la Putin oder Erdo­gan – und poten­ti­ell ande­re popu­lis­ti­sche Füh­rer wie etwa Mari­ne Le Pen. Die Stra­ße kippt bekannt­lich immer nach rechts. Wel­che dys­to­pi­sche Schlau­fe Euro­pa hier durch­lau­fen muss, bevor sich wie­der die Olaf Pal­mes, Bru­no Krei­skys oder Wil­li Brandts – alle drei nicht Ver­tre­ter von Leit­bil­dern, son­dern von Demo­kra­tie, Anstand und Moral – zusam­men­fin­den, steht in den Ster­nen.

Leben ohne Leitbilder

Leben ohne Leitbilder

von Armin Nassehi

 

Armin Nassehi, Foto: Hans-Günther Kaufmann

Armin Nas­sehi, Foto: Hans-Gün­ther Kauf­mann. Armin Nas­sehi ist Pro­fes­sor für Sozio­lo­gie an der Lud­wig-Maxi­mi­li­ans-Uni­ver­si­tät in Mün­chen. Er arbei­tet auf den Gebie­ten der Poli­ti­schen Sozio­lo­gie, der Kul­tur-, der Orga­ni­sa­ti­ons-, der Wis­sens- und der Reli­gi­ons­so­zio­lo­gie.

Ein Bild von etwas ist nicht die Sache selbst. Bil­der bil­den ab, aber sind nicht das, was sie abbil­den. Das Bild einer Land­schaft oder einer Per­son ist nicht die Land­schaft oder die Per­son selbst. Bil­der sind selek­ti­ve Reprä­sen­ta­tio­nen, will hei­ßen: Sie geben etwas Kom­ple­xes, Viel­fäl­ti­ges, womög­lich Wider­sprüch­li­ches, auch Unüber­sicht­li­ches in einer ande­ren Form wie­der – weni­ger kom­plex, ein­heit­li­cher, womög­lich wider­spruchs­frei oder über­sicht­lich. Selek­tiv bedeu­tet nicht nur in Aus­schnit­ten, denn sie geben ja nicht einen quan­ti­ta­ti­ven Anteil des Abge­bil­de­ten wie­der, etwa 10%, 7% oder 26% des­sen, was da abge­bil­det wer­den soll. Bil­der zei­gen das Abge­bil­de­te anders, als es ist. Nur: Wie es wirk­lich ist, lässt sich schwer bestim­men, weil die Wirk­lich­keit letzt­lich auch wie­der nur in Bil­dern zu haben ist – wenigs­tens in Form von Reprä­sen­ta­tio­nen. Bil­der geben also etwas wie­der, das man auch anders wie­der­ge­ben könn­te und von dem man letzt­lich jen­seits von Bil­dern gar nicht sagen könn­te, was es denn sei.

Man muss lei­der so kom­pli­ziert begin­nen, um genau­er sagen zu kön­nen, wel­che Funk­ti­on Leit­bil­der haben.

Denn Leit­bil­der sind Bil­der, die Ori­en­tie­rung bie­ten sol­len, die viel­leicht auch Wunsch­bil­der sind, Zie­le for­mu­lie­ren, eine Mis­si­on oder gar Visi­on; wenigs­tens so etwas wie ein gewünsch­tes Bild.

Leit­bil­der sind also geschön­te Bil­der. Und was wohl das Ent­schei­den­de ist: Sie gehö­ren zum Beschrie­be­nen dazu. Ob es sich um Unter­neh­mens­leit­bil­der han­delt, um mis­si­on state­ments oder um Leit­bil­der für Fami­li­en, Uni­ver­si­tä­ten oder gan­ze Gesell­schaf­ten – stets beschreibt sich da etwas selbst im Hin­blick dar­auf, wie es ent­we­der ger­ne gese­hen wer­den möch­te oder wohin es sich ent­wi­ckeln soll­te. Sol­che Selbst­be­schrei­bun­gen gehö­ren zum Beschrie­be­nen – und wer­den inner­halb des Beschrie­be­nen erzeugt, um es zu ver­än­dern bezie­hungs­wei­se in einer selek­ti­ven Wei­se dar­zu­stel­len. Mit dem Leit­bild ändert sich das Beschrie­be­ne also schon, weil ihm etwas hin­zu­ge­fügt wird, das nun zum Beschrie­be­nen gehört.

Das gilt für jede Selbst­be­schrei­bung – jedoch erzeu­gen als Leit­bild aus­ge­flagg­te Beschrei­bun­gen beson­de­re Auf­merk­sam­keit. Leit­bil­der könn­te man als die Sonn­tags­re­den unter den Selbst­be­schrei­bun­gen bezeich­nen. Ihre Funk­ti­on scheint es – wie bei allen Sonn­tags­re­den – zu sein, zustim­mungs­fä­hi­ge Sät­ze sagen zu kön­nen, die zum einen das Nega­ti­ons­ri­si­ko mini­mie­ren, zum ande­ren eine Iden­ti­tät behaup­ten, die ein­deu­ti­ger als die tat­säch­li­che Viel­falt des Beschrie­be­nen ist. Leit­bil­der rich­ten sich an ein Wir bezie­hungs­wei­se reprä­sen­tie­ren ein Wir, das durch sol­cher­lei Leit­bil­der erst erzeugt wird. Des­halb wird die Funk­ti­on von Leit­bil­dern oft­mals in der Her­stel­lung einer cor­po­ra­te iden­ti­ty gese­hen.

Wozu gibt es sol­che Leit­bil­der? Für wel­ches Pro­blem sind Leit­bil­der die Lösung?

Offen­sicht­lich dafür, die Kom­ple­xi­tät des Gesche­hens wenigs­tens seman­tisch ein­zu­schrän­ken und so etwas wie Durch­griff auf das Beschrie­be­ne zu simu­lie­ren. Das ist schon für Orga­ni­sa­tio­nen schwie­rig, für gan­ze Gesell­schaf­ten aber erst recht. Immer wie­der wird gefor­dert, wir bräuch­ten auch so etwas wie gesell­schaft­li­che Leit­bil­der – die unse­li­ge Leit­kul­tur­de­bat­te hat­te dies etwa im Sinn.

Für wel­ches Pro­blem sind sol­che Sät­ze eine Lösung? Offen­sicht­lich dafür, dass sich Gesell­schaf­ten nicht ein­fach steu­ern las­sen, dass sie plu­ra­lis­ti­scher und dif­fe­ren­zier­ter sind, als man glaubt. Dabei offen­ba­ren gesell­schaft­li­che Leit­bil­der eine merk­wür­di­ge Para­do­xie: Der Anlass für sol­che Leit­bil­der oder Leit­kul­tu­ren ist zumeist das Frem­de, also die Erfah­rung, dass etwa Migran­ten oder Außen­sei­ter oder ähn­li­che Grup­pen sich nicht an den unge­schrie­be­nen Codex der Gesell­schaft hal­ten. Spä­tes­tens wenn man dann ver­sucht, ein gesell­schaft­li­ches Leit­bild zu ent­wi­ckeln und zu for­mu­lie­ren, wird plau­si­bel, war­um sol­che Codi­ces in moder­nen, plu­ra­len Gesell­schaf­ten unge­schrie­ben blei­ben müs­sen. Wer ein Leit­bild für die Bun­des­re­pu­blik schrei­ben möch­te, muss ent­we­der Plat­ti­tü­den for­mu­lie­ren – oder aber macht sich lächer­lich, weil es kaum mög­lich ist, Sät­ze zu fin­den, die jen­seits von Plat­ti­tü­den tat­säch­lich in der Lage sein kön­nen, eine infor­ma­ti­ons­hal­ti­ge Selbst­be­schrei­bung zu pro­du­zie­ren. Sol­che Leit­bil­der sind der hilf­lo­se Ver­such, eine gesell­schaft­li­che Pra­xis zu beschrei­ben, die sicher nicht durch sol­che Leit­bil­der geprägt wird.

Man könn­te es auf die For­mel brin­gen: Gesell­schaft­li­che Leit­bil­der zu schrei­ben, ist nur dann nötig, wenn die Gesell­schaft sich nicht von selbst an so etwas wie basa­le Koope­ra­ti­ons­for­men hält. Sobald das aber der Fall ist, kann ein Leit­bild am aller­we­nigs­ten hel­fen. Ich plä­die­re des­halb lie­ber für rea­lis­ti­sche­re Beschrei­bun­gen einer Gesell­schaft, deren größ­te zivi­li­sa­to­ri­sche Errun­gen­schaft dar­in bestehen könn­te, auf klar for­mu­lier­te Leit­bil­der ver­zich­ten zu kön­nen.

Der Ruf nach gesell­schaft­li­chen Leit­bil­dern ist ein Kri­sen­phä­no­men, das Leit­bild aber kei­ne ange­mes­se­ne Kri­sen­the­ra­pie.

Gegen mei­ne Skep­sis könn­te man ein­wen­den, dass wir ein sol­ches Leit­bild in Gestalt unse­rer Ver­fas­sung, also des Grund­ge­set­zes, längst haben – so wird immer wie­der dis­ku­tiert. Aber hier lohnt sich ein genau­er Blick in den Text. Das Grund­ge­setz besteht aus zwei Tei­len. Der eine Teil regelt den Staats­auf­bau und beschreibt die Staats­or­ga­ne sowie die Staats­auf­ga­ben. Der ande­re Teil ver­pflich­tet den Staat, wohl­ge­merkt: den Staat, nicht die Gesell­schaft als gan­ze, dass kei­ne Geset­ze erlas­sen wer­den dür­fen, die den Grund­rech­ten wider­spre­chen. Dabei schützt das Grund­ge­setz auch Lebens­for­men, die sich vom mit­tel­schichts­ori­en­tier­ten kul­tu­rel­len Leit­bild derer stark unter­schei­det, die sol­che Leit­bil­der schrei­ben wür­den. Das Grund­ge­setz ist also kein Leit­bild für die Gesell­schaft, son­dern ein Anfor­de­rungs­ka­ta­log für staat­li­ches und recht­li­ches Han­deln, das eine Gesell­schaft schüt­zen muss, die auf eine all­zu enge Idee gelun­ge­nen Lebens ver­zich­ten kann. Wäh­rend Leit­bil­der die Sonn­tags­re­den unter den Selbst­be­schrei­bun­gen sind, ist das Grund­ge­setz ein Gesetz für den Rest der Woche – und damit auch davon ent­las­tet, ein Leit­bild sein zu müs­sen.

 

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Die­ser Text ent­stammt der aktu­el­len Aus­ga­be der agora42.

Armin Nas­sehi ist seit 2012 der Her­aus­ge­ber des Kurs­buchs. Zuletzt von ihm erschie­nen: Die letz­te Stun­de der Wahr­heit (Mur­mann Ver­lag, 2015).