Perfide Systeme und kluge Menschen – Interview mit Ludger Heidbrink

Anläss­lich der aktu­el­len Aus­ga­be haben wir aus­ge­wähl­ten Per­so­nen zum The­ma “SYSTEME” ein paar Fra­gen gestellt. Hier die Ant­wor­ten von Prof. Dr. Lud­ger Heid­brink.

 

Perfide Systeme und kluge Menschen

Interview mit Ludger Heidbrink

 

Abs­trak­te kom­ple­xe Gebil­de wer­den heu­te schnell als Sys­te­me bezeich­net, ohne zu wis­sen, was dar­un­ter genau zu ver­ste­hen ist. Gan­ze Wis­sen­schaf­ten erfor­schen Ent­ste­hung, Ent­wick­lung, Ein­fluss und Beein­flus­sung von Sys­te­men. Was bringt uns das Nach­den­ken über Sys­te­me?

Heidbrink 300dpi Kopie

Lud­ger Heid­brink ist seit 2007 Direk­tor des Cen­ter for Respon­si­bi­li­ty Rese­arch am Kul­tur­wis­sen­schaft­li­chen Insti­tut Essen. Seit 2009 außer­plan­mä­ßi­ger Pro­fes­sor für Cor­po­ra­te Respon­si­bi­li­ty und Cor­po­ra­te Citi­zenship an der Uni­ver­si­tät Wit­ten-Her­de­cke. Ab Okto­ber 2012 Lehr­stuhl für Prak­ti­sche Phi­lo­so­phie an der Chris­ti­an-Albrechts-Uni­ver­si­tät zu Kiel. Seni­or Fel­low am Kul­tur­wis­sen­schaft­li­chen Insti­tut Essen. Mit­glied der AG Wirt­schafts­ethik der Deut­schen Gesell­schaft für Phi­lo­so­phie, der Wer­te­kom­mis­si­on für wer­te­ori­en­tier­te Füh­rung e.V., des Kie­ler Forum für Poli­ti­sche Phi­lo­so­phie und Wirt­schafts­ethik sowie des Gus­tav Rad­bruch Netz­werks für Ethik und Phi­lo­so­phie der Umwelt. Seit April 2013 Gast­pro­fes­sor am Rein­hard-Mohn-Insti­tut für Unter­neh­mens­füh­rung und Cor­po­ra­te Gover­nan­ce an der Uni­ver­si­tät Wit­ten-Her­de­cke.

Aus Sicht der sozio­lo­gi­schen Sys­tem­theo­rie sind Sys­te­me durch funk­tio­na­le Dif­fe­ren­zie­rung, ope­ra­ti­ve Geschlos­sen­heit und auto­po­ie­ti­sche Repro­duk­ti­on gekenn­zeich­net. Ein­fach gesagt: Sys­te­me tun, was sie wol­len. Sie las­sen sich nicht durch poli­ti­sche oder mora­li­sche Ein­grif­fe steu­ern, son­dern fol­gen ihrer eige­nen Zie­len und Zwe­cken. Den­ken wir an trans­na­tio­na­le Unter­neh­men oder Finanz­märk­te. Natio­na­len Staa­ten sind viel­fach die Hän­de gebun­den, wenn es um wirk­sa­me Sank­tio­nen gegen Goog­le oder Apple wegen Ver­let­zung des Daten­schut­zes oder Steu­er­flucht geht. Die mora­li­sche Ent­rüs­tung von NGOs hilft auch nur begrenzt, zumal im Eifer des Gefechts häu­fig all­zu simp­le Mei­nun­gen gegen die Über­macht der „Kon­zer­ne“ oder der „Märk­te“ geäu­ßert wer­den, wie man es etwa in der TTIP-Dis­kus­si­on sieht. Das Nach­den­ken über Sys­te­me ist sinn­voll, um die Kom­ple­xi­tät glo­ba­ler Gesell­schaf­ten bes­ser ver­ste­hen zu ver­ste­hen.

 

Wor­an bemerkt man Sys­te­me im All­tag? Sind Sie in Ihrem Leben ein­mal einem Sys­tem begeg­net, haben sich dar­an gesto­ßen oder wur­den dadurch gar unter­stützt? Wie sind Sie damit umge­gan­gen?

Als Bahn­viel­fah­rer sto­ße ich mich jede Woche am Sys­tem der DB. Wer ein­mal ver­sucht hat, sich über Zug­aus­fäl­le, Ver­spä­tun­gen oder absur­de Anzei­gen zu beschwe­ren, weiß was damit gemeint ist. Wir pral­len als Kun­den auf ein per­fi­des Sys­tem der orga­ni­sier­ten Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit, in dem nie­mand für irgend­et­was zustän­dig ist. Die­ses Bei­spiel mag tri­vi­al sein. Aber der gesun­de Men­schen­ver­stand sagt uns, dass hier etwas nicht in Ord­nung ist und man eigent­lich etwas tun müss­te. Das ist der Punkt, wo man dar­über nach­zu­den­ken beginnt, wie sich Sys­te­me ändern las­sen – z.B. durch schrift­li­che Beschwer­den, geziel­te Boy­kot­te und kon­zer­tie­re Aktio­nen von Kon­su­men­ten, die Peti­tio­nen ein­rei­chen oder sich in Blogs wie die­sem arti­ku­lie­ren.

 

Per­spek­ti­ven und Mei­nun­gen jun­ger Men­schen wer­den in sys­tem­re­le­van­ten Ent­schei­dun­gen – sei es in der Poli­tik, der Wirt­schaft, der Wis­sen­schaft etc. – kaum berück­sich­tigt. Von sys­tem­ver­ur­sach­ten Kri­sen hin­ge­gen sind sie beson­ders betrof­fen (Arbeits­lo­sig­keit, Staats­ver­schul­dung, Ren­ten­aus­fall, Umwelt­zer­stö­rung). Wel­chen Rat geben Sie die­ser Gene­ra­ti­on?

Sich zuerst gründ­lich über die Ursa­chen von sys­te­mi­schen Kri­sen infor­mie­ren und dann mit ande­ren über sinn­vol­le Ände­run­gen reden. Ein­sich­ten und Erfah­run­gen, die unter­ein­an­der aus­ge­tauscht wer­den, sind wich­tig, um aus unter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven die Kom­ple­xi­tät von Pro­ble­men bes­ser ana­ly­sie­ren zu kön­nen. Wenn das gesche­hen ist, soll­te man zwei Din­ge tun: sein eige­nes Ver­hal­ten ändern (z.B. sich nicht über Umwelt­zer­stö­rung beschwe­ren und wei­ter Fleisch essen) und poli­tisch aktiv wer­den. Auch wenn per­sön­li­che und poli­ti­sche Initia­ti­ven nur einen begrenz­ten Ein­fluss auf Sys­tem­pro­zes­se haben, gibt es im Grun­de kei­nen ande­ren Weg, um die Ver­hält­nis­se wirk­sam zu ver­än­dern.

 

Seit Luh­manns Sys­tem­theo­rie glaubt nie­mand mehr dar­an, dass sich sozia­le Sys­te­me von Ein­zel­per­so­nen ver­än­dern las­sen. Trotz­dem wächst das Unbe­ha­gen gegen­über Sys­te­men, wie dem Wirt­schafts­sys­tem oder dem Staats­sys­tem. Mal uto­pisch gefragt: Kann es eine sys­tem­freie Zukunft geben?

Nein, wir ste­hen erst am Beginn der sys­tem­ge­lei­te­ten Zukunft, wenn man etwa an auto­ma­ti­sche Sys­te­me oder digi­ta­le Netz­wer­ke denkt. Aller­dings benö­ti­gen wir genau dafür nicht nur intel­li­gen­te Maschi­nen, son­dern auch klu­ge Men­schen. Luh­manns Feh­ler in sei­nen spä­te­ren Arbei­ten war, die Rol­le von Per­so­nen für die Orga­ni­sa­ti­on von Sys­te­men zu unter­schät­zen. Es han­delt sich um eine Art sym­bio­ti­sches Wech­sel­ver­hält­nis: Per­so­nen han­deln ver­ant­wort­lich, wenn sie kom­ple­xe Pro­zes­se an Sys­te­me dele­gie­ren, wäh­rend Sys­te­me ver­ant­wort­lich agie­ren, indem sie Ent­schei­dungs­pro­zes­se an Per­so­nen zurück­bin­den. Gera­de demo­kra­ti­sche Staa­ten und glo­ba­le Markt­wirt­schaf­ten sind auf refle­xi­ons­fä­hi­ge, mora­lisch auf­merk­sa­me und poli­tisch akti­ve Bür­ger ange­wie­sen.

Die Welt neu denken und gestalten – Interview mit Fredmund Malik

Anläss­lich der aktu­el­len Aus­ga­be haben wir aus­ge­wähl­ten Per­so­nen zum The­ma “SYSTEME” ein paar Fra­gen gestellt. Hier die Ant­wor­ten von Prof. Dr. Fred­mund Malik, Grün­der und Inha­ber des Malik Insti­tu­te, Unter­neh­mer, Wis­sen­schaft­ler und Autor für Kom­ple­xi­täts­ma­nage­ment, Gover­nan­ce und Lea­dership. Von ihm stammt auch der Arti­kel „Euro­pas Gro­ße Transformation21“ in der agora42 EUROPA 2/2014. Sein neus­tes Buch “Navi­gie­ren in Zei­ten des Umbruchs” ist 2015 im Cam­pus Ver­lag erschie­nen.

 

Die Welt neu denken und gestalten

Interview mit Prof. Dr. Fredmund Malik

 

Abs­trak­te kom­ple­xe Gebil­de wer­den heu­te schnell als Sys­te­me bezeich­net, ohne zu wis­sen, was dar­un­ter genau zu ver­ste­hen ist. Gan­ze Wis­sen­schaf­ten erfor­schen Ent­ste­hung, Ent­wick­lung, Ein­fluss und Beein­flus­sung von Sys­te­men. Was bringt uns das Nach­den­ken über Sys­te­me?

 

Fredmund Malik

Foto: Thal­mann

Um den Schluss der Fra­ge vor­weg­zu­neh­men: Sys­tem­den­ken bringt eine oft voll­kom­men ande­re Welt­sicht, ein neu­es Ver­ste­hen, oder über­haupt erst­mals ein Ver­ste­hen. Es ermög­licht oft ganz neue Per­spek­ti­ven, und es bringt auch die Fähig­keit, Per­spek­ti­ven zu ver­än­dern und sie spie­le­risch zu vari­ie­ren, um mehr und mehr über sie zu erfah­ren — und wie­der­um, durch all das, immer bes­ser zu ver­ste­hen.

Sys­tem­den­ken ist ganz­heit­li­ches Den­ken. Es gibt ein schö­nes Zitat von Prof. Dr. Hans Ulrich, dem Pio­nier der sys­tem­ori­en­tier­ten Manage­ment­leh­re an der schwei­ze­ri­schen Uni­ver­si­tät St. Gal­len, der einer mei­ner wich­ti­gen Leh­rer war. Er sag­te: Ganz­heit­li­ches Den­ken ist radi­kal, weil es so vie­les, das wir für selbst­ver­ständ­li­che Wahr­heit hiel­ten, als blos­ses Pro­dukt unse­rer beschränk­ten Erkennt­nis ent­larvt. Ganz­heit­li­ches Den­ken ist krea­tiv, weil es bis­her unver­bun­den Gedach­tes ver­bin­det und so erst Mus­ter schafft, in die wir das Ein­zel­ne ein­ord­nen und damit ver­ste­hen kön­nen.

Nicht nur abs­trak­te, son­dern auch sehr kon­kre­te Gebil­de wer­den als Sys­tem bezeich­net. Wich­tig ist, dass man es „ernst“ meint und Sys­te­me nicht nur so bezeich­net, son­dern sie als sol­che auch wahr­nimmt. Nur so lässt sich her­aus­zu­fin­den, wo die Ver­stär­kungs­ele­men­te und „Toten Punk­te“ lie­gen, wie man ver­schach­tel­te Rück­kop­pe­lungs­krei­se auf­spü­ren kann, wel­che Ver­hal­tens­dy­na­mik Sys­te­me haben und wo die sta­bi­len und die insta­bi­len Zonen sind. Man erfährt, wo und wie man in Sys­te­me ein­grei­fen und je nach Situa­ti­on auch ver­än­dern kann. Dies ist umso inter­es­san­ter, und für das Ver­ste­hen auch not­wen­dig, je kom­ple­xer ein sol­ches Gebil­de ist, je mehr es mit Unsi­cher­heit, Unge­wiss­heit, Unpro­gnos­ti­zier­bar­keit, daher auch mit Über­ra­schun­gen, Risi­ken, mit Dyna­mik, Ver­net­zung und Ver­än­de­rung zu tun hat. Man lernt dabei recht schnell, was Kom­ple­xi­tät bedeu­tet, wenn man mit der Kom­ple­xi­tät von Sys­te­men kon­fron­tiert ist – mit der enor­men Anzahl von Ver­hal­tens­mög­lich­kei­ten und mit Viel­falt.

Wich­tig ist, dass man Sys­te­me nicht ohne ihre eige­ne Kyber­ne­tik ver­ste­hen kann, d.h ohne das, was das Sys­tem im Inners­ten zusam­men­hält, was sei­ne Funk­ti­ons­wei­se regu­liert, sei­ne Sta­bi­li­tät aber gleich­zei­tig auch Anpas­sungs­fä­hig­keit her­bei­führt. Die Kyber­ne­tik eines Sys­tems sind jene Regeln und Geset­ze, die ein Sys­tem zu einem kohä­ren­ten Gan­zen macht, und es befä­higt, sich selbst zu regu­lie­ren, sich selbst zu orga­ni­sie­ren, und sich selbst zum Bei­spiel auch zu hei­len, etwa nach einer Ver­let­zung.

Eine der bes­ten Vor­stel­lun­gen ist ein leben­der Orga­nis­mus in sei­nem natür­li­chen Umfeld. Wenn ich den Orga­nis­mus aus dem Umfeld her­aus­lö­se, dann ver­liert er sei­ne Sys­tem­haf­tig­keit, denn erst Orga­nis­mus und Umwelt zusam­men bil­den das rele­van­te Sys­tem. So ist ein Tiger im Dschun­gel etwas ande­res als ein Tiger in einem Käfig. Vie­len ver­ur­sacht es Schwie­rig­kei­ten, dass man nie genau weiß und nie genau wis­sen kann, wo die Umwelt beginnt und wo sie endet, und man kann auch nicht genau sagen, wo ein Orga­nis­mus beginnt und wo er endet. Letzt­lich ist es aber kein so gro­ßes Pro­blem, wie man­che behaup­ten, son­dern es gehört im Gegen­teil zur Sys­tem­haf­tig­keit dazu, es schafft sie und es bedingt sie. Auch ist es inso­fern kein Pro­blem, als Men­schen ganz natür­lich so den­ken, so lan­ge sie noch nicht durch fächer­ori­en­tier­ten Schul­un­ter­richt ver­bil­det sind.

Saul Gorn, einer der bedeu­ten­den Pio­nie­re der Infor­ma­ti­ons­theo­rie sag­te sinn­ge­mäß ein­mal: Sein ers­tes Lebens­jahr ver­bringt der Mensch damit, zu ler­nen, dass er an sei­ner Haut endet. Den Rest sei­nes Lebens ver­bringt er damit, zu ler­nen, dass das nicht stimmt.

Und was weiss man, wenn man weiss, dass ein Gegen­stand aus etwa 15 kg Koh­le, 4 kg Stick­stoff, 1 kg Kalk, 1/2 kg Phos­phor und Schwe­fel, etwa 200 g Salz, 150 g Kali und Chlor und etwa 15 ande­ren Mate­ria­li­en sowie aus 4 – 5 Eimern Was­ser besteht? Ich lade nicht nur dazu ein, die Ant­wort selbst zu fin­den, son­dern vor allem dar­über hin­aus auch noch nach­zu­den­ken, was die Ant­wort zu einer Ant­wort macht. Wer die­ses klei­ne Rät­sel lösen kann, hat Sys­te­me ziem­lich gut ver­stan­den.

Wor­um es geht, wird viel­leicht kla­rer, wenn ich zuerst den Begriff „Sys­tem“ mit dem Begriff „Objekt“  kon­tras­tie­re. Typi­scher­wei­se ler­nen wir – unter ande­rem durch die Spra­che – die Welt in Objek­te ein­zu­tei­len. Also Mut­ter, Tisch, Stuhl usw. In mei­nen ers­ten  Schul­jah­ren war die Schu­le für mich ein Gebäu­de mit einem Spiel­platz, einem Klas­sen­zim­mer und einem Leh­rer – also eine Ansamm­lung von Objek­ten.  An den Geruch des geöl­ten Bodens erin­ne­re ich mich aller­dings noch heu­te. Viel­leicht war das schon eine klei­ne Vor­ah­nung in die Sys­tem­welt. Es dau­er­te eini­ge Zeit, bis ich dann ver­stan­den hat­te, in wel­che gro­ße Zahl von ande­ren Zusam­men­hän­gen, in wel­ches dich­te Bezie­hungs­netz mei­ne klei­ne Dorf­volks­schu­le ein­ge­bun­den war, z. B. dass sie Teil des Bil­dungs­sys­tems und der Berufs­welt war, dass sie eng mit der Kir­che zusam­men­hing und dass die gan­ze Gemein­de­be­völ­ke­rung durch die­se Schu­le gegan­gen war, dass sie eine Geschich­te hat­te,  und dass sie das Leben von zahl­rei­chen Men­schen geprägt hat. Das alles gemein­sam und in einer chro­no­lo­gi­schen Ordung war es, was die­ses – für sich genom­men – ganz unwich­ti­ge Gebäu­de zu einer Schu­le mach­te.

Bei mei­ner Arbeit mit Füh­rungs­kräf­ten spielt unter ande­rem das The­ma Orga­ni­sa­ti­on eine ent­schei­den­de Rol­le. Die­ses behand­le ich meis­tens schon in einem frü­hen Sta­di­um und dabei kom­men Sys­te­me und Sys­tem­den­ken natür­lich vor – und zwar ganz rele­vant für die unmit­tel­ba­re Pra­xis die­ser Men­schen. Wenn ich die­se Frau­en und Män­ner bit­te: „Zeich­nen Sie für sich Ihr Sys­tem gra­fisch auf“, kom­men die Leu­te fast aus­nahms­los mit Abbil­dun­gen ihrer Orga­ni­gram­me. Ich las­se die­se dann prä­sen­tie­ren, fra­ge aber zum Bei­spiel: „Ja, haben Sie denn kei­ne Fami­lie?“  Ant­wort: „Ja, doch, doch!“ Und ich muss nicht mal mehr erklä­ren, dass die Berufs­aus­übung jeder ein­zel­nen Füh­rungs­kraft von sei­ner fami­liä­ren Situa­ti­on beein­flusst wird und umge­kehrt. Das liegt ja dann auf der Hand.

Nach die­ser ein­fa­chen Übung öff­nen sich die Hori­zon­te, denn dann fällt vie­len sogar ein, dass sie auch noch im Ver­eins­vor­stand ihres loka­len Sport­ver­eins sind oder sich ehren­amt­lich ander­wei­tig enga­gie­ren. Nach kur­zer Zeit haben wir dann für die prak­ti­sche Wei­ter­ar­beit genü­gend gut „das Sys­tem“ und nicht nur „das Orga­ni­gramm“ im Kopf – ohne „ihr“  Sys­tem zu sehen, kön­nen Füh­rungs­kräf­te unse­rer Kom­ple­xi­täts­ge­sell­schaft ihre Auf­ga­ben heu­te nicht mehr wirk­sam wahr­neh­men

 

Wor­an bemerkt man Sys­te­me im All­tag? Sind Sie in Ihrem Leben ein­mal einem Sys­tem begeg­net, haben sich dar­an ges­toßen oder wur­den dadurch gar unter­stützt? Wie sind Sie damit umge­gan­gen?

Ich bin da befan­gen, denn ich habe mich mein gan­zes Leben lang mit Sys­te­men beschäf­tigt – die Sys­tem­wis­sen­schaf­ten und die Kyber­ne­tik – ange­wandt auf Orga­ni­sa­tio­nen jeg­li­cher Art, vor allem auch Wirt­schafts­un­ter­neh­men, sind ja sowohl mei­ne aka­de­mi­schen Spe­zi­al­ge­bie­te, als auch die The­men­fel­der mei­ner unter­neh­me­ri­schen Tätig­kei­ten. Ich bewe­ge mich nicht nur in mei­nem All­tag immer in Sys­te­men, ich beschäf­ti­ge mich auch immer damit.

Wäh­rend mei­nes Uni­ver­si­täts­stu­di­ums in St. Gal­len habe ich bereits die sys­tem­ori­en­tier­te Manage­ment­leh­re von den Pio­nie­ren gelernt. Ich habe dann auf die­sem Gebiet dok­to­riert und habi­li­tiert, sys­tem­ky­ber­ne­ti­sches Manage­ment war mein aka­de­mi­sches Lehr­fach an der Uni­ver­si­tät St. Gal­len,  heu­te leh­re ich das z. B. auch an chi­ne­si­schen Uni­ver­si­tä­ten. Mei­ne eige­ne 40 Jah­re For­schung und Arbeit mit und an Manage­ment­sys­te­men beschäf­tigt sich mit der Fra­ge, was unter kom­ple­xen Bedin­gun­gen rich­ti­ges und was fal­sches Manage­ment ist, und was kom­ple­xe Insti­tu­tio­nen in kom­ple­xen Umwel­ten brau­chen, um zu zweck­ent­spre­chend zu funk­tio­nie­ren? Beson­ders wich­tig – ja viel­leicht sogar wich­ti­ger – ist für mich dabei mei­ne sys­tem­ky­ber­ne­ti­sche Arbeit in und für die Pra­xis.

Längst leben wir ja nicht mehr in einer ein­fa­chen Gesell­schaft von Per­so­nen, son­dern in einer hoch­kom­ple­xen Gesell­schaft von Orga­ni­sa­tio­nen. Was immer Men­schen tun, tun sie nicht als Indi­vi­du­en, son­dern als Mit­glie­der oder als Nut­zer von Orga­ni­sa­tio­nen. Ohne funk­tio­nie­ren­de Orga­ni­sa­tio­nen droht ein Kol­laps des Funk­tio­nie­rens. Das Risi­ko ist real. Denn Mor­pho­lo­gie und Funk­ti­ons­prin­zi­pi­en der meis­ten heu­ti­gen Orga­ni­sa­tio­nen haben ihren Ursprung noch weit im vori­gen Jahr­hun­dert. Den Her­aus­for­de­run­gen der heu­ti­gen Kom­ple­xi­tät, Geschwin­dig­keit und Dyna­mik sind sie daher immer weni­ger gewach­sen. Für die Trans­for­ma­ti­on sind sie zu lang­sam und zu schwer­fäl­lig, zu wenig effi­zi­ent und nicht anpas­sungs­fä­hig genug. Ent­schei­dungs­pro­zes­se wir­ken gelähmt und blo­ckie­ren sich selbst. Es man­gelt an kol­lek­ti­ver Intel­li­genz, Krea­ti­vi­tät, Inno­va­ti­on und Chan­ge­fä­hig­keit, Selbst-Koor­di­na­ti­on, Selbst-Regu­lie­rung und Selbst-Orga­ni­sa­ti­on. Wür­de man bei den her­kömm­li­chen unsys­te­mi­schen Denk­wei­sen und Metho­den ver­har­ren, so wäre ein sozia­les Desas­ter pro­gram­miert.

Inzwi­schen habe ich ja schon vie­le Gene­ra­tio­nen von Füh­rungs­kräf­ten bei­na­he aller Arten von Orga­ni­sa­tio­nen – Unter­neh­men, Kran­ken­häu­ser, Minis­te­ri­en, Städ­te und Staa­ten – aus­bil­den und mit ihnen zusam­men­ar­bei­ten dür­fen. Ich mei­ne, es wäre grob fahr­läs­sig von mir gewe­sen, die­se Tau­sen­den Füh­rungs­kräf­te ohne die Befä­hi­gung zum Sys­tem­den­ken wie­der in ihre prak­ti­sche Tätig­keit zurück­zu­schi­cken. Das Schlüs­sel­wis­sen in der Kom­ple­xi­täts­ge­sell­schaft besteht dar­in, die Gesetz­mäs­sig­kei­ten kom­ple­xer Sys­te­me zu ver­ste­hen. Die Schlüs­sel­fä­hig­keit wird immer mehr jene sein, die­se Erkennt­nis­se prak­tisch zu nut­zen. Wir müs­sen dafür kei­ne neu­en Eigen­schaf­ten von den Men­schen for­dern, aber neue Fähig­kei­ten, ein ande­res Welt­bild, ande­re Erkennt­nis­se, Metho­den und Tools sowie – dar­auf gestützt – ein ande­res Han­deln. Schein­bar unüber­brück­ba­re Gegen­sät­ze las­sen sich auf die­sem Weg des Den­kens pro­blem­los inte­grie­ren. Kyber­ne­tisch regu­lier­te und gema­nag­te Sys­te­me über­win­den die Para­do­xi­en von Ein­fach­heit und Kom­ple­xi­tät, von Frei­heit und Ord­nung, Viel­falt und Ein­heit, Dezen­tra­li­tät und Zen­tra­li­tät, Gemein­schaft und Indi­vi­du­um, frei­er Wirt­schaft und Kon­trol­le der Exzes­se, von Ver­stand und Intui­ti­on. Das reduk­tio­nis­ti­sche Ent­we­der-oder-Den­ken wird ersetzt oder ergänzt durch das sys­te­mi­sche Sowohl-als-auch-Den­ken.

 

Per­spek­ti­ven und Mei­nun­gen jun­ger Men­schen wer­den in sys­tem­re­le­van­ten Ent­schei­dun­gen – sei es in der Poli­tik, der Wirt­schaft, der Wis­sen­schaft etc. – kaum berück­sich­tigt. Von sys­tem­ver­ur­sach­ten Kri­sen hin­ge­gen sind sie beson­ders betrof­fen (Arbeits­lo­sig­keit, Staats­ver­schul­dung, Ren­ten­aus­fall, Umwelt­zer­stö­rung). Wel­chen Rat geben Sie die­ser Gene­ra­ti­on?

Ich möch­te nicht pau­scha­lie­rend über eine gan­ze Gene­ra­ti­on spre­chen, denn zum Glück ist die­se alles ande­re als homo­gen. Ich habe eine ande­re Mei­nung, weil ich die in der Fra­ge lie­gen­de Mei­nung zwar nicht für falsch hal­te, aber für bedeu­tungs­los, für irrele­vant.

Sind es denn nicht gera­de jun­ge Men­schen, die sich in der prak­ti­schen Anwen­dung von Sys­tem­den­ken beson­ders pro­fi­lie­ren? Die Fir­men gegrün­det haben wie Apple, Goog­le, Face­book usw. und gera­de dabei sind, jene Sys­te­me, die sie nicht hören wol­len, über­flüs­sig zu machen? Das sind alles jun­ge Men­schen, oder sie sind es gewe­sen, als sie begon­nen haben. Und vie­le ande­re fol­gen täg­lich nach. Ich sehe hier ein Aus­mass und ein Niveau von Anwen­dung des Sys­tem­den­kens und vor allen Din­gen der Kyber­ne­tik, die ein­fach gran­di­os ist. Die­se jun­gen Leu­te sind gar nicht drauf ange­wie­sen, von jeman­dem „berück­sich­tigt“ zu wer­den. Son­dern sie fah­ren mit ihren Inno­va­tio­nen all jenen ein­fach davon, die sie nicht hören wol­len.

Die alten Sys­te­me, die sol­che Kri­sen ver­ur­sa­chen – ich nen­ne sie, die Alte Welt – ver­schwin­den ohne­hin, weil sie durch die Neue Welt ver­drängt und ersetzt wer­den. Von den meis­ten unbe­merkt ist ihre Ablö­se schon seit lan­gem im Gan­ge. Seit 1997, als ich in mei­nem Buch über „Gover­nan­ce“ dar­über schrieb, nen­ne ich die­sen Vor­gang „Die Gro­ße Transformation21“. Mein Rat ist daher, sich nicht auf­hal­ten zu las­sen.

 

Seit Luh­manns Sys­tem­theo­rie glaubt nie­mand mehr dar­an, dass sich sozia­le Sys­te­me von Ein­zel­per­so­nen ver­än­dern las­sen. Trotz­dem wächst das Unbe­ha­gen gegen­über Sys­te­men, wie dem Wirt­schafts­sys­tem oder dem Staats­sys­tem. Mal uto­pisch gefragt: Kann es eine sys­tem­freie Zukunft geben?

Zwei Wel­len tref­fen sich im offe­nen Oze­an ­– eine ganz gros­se, alte Wel­le und eine klei­ne, jun­ge Wel­le. Fragt die klei­ne: „Sag mal, bist Du schon mal dem Oze­an begeg­net?“ Sagt die gros­se: „Ach, weisst Du, man redet so viel vom Oze­an, aber begeg­net? Nein, begeg­net bin ich ihm noch nie …“ Dies zur sys­tem­frei­en Zukunft.

Ob sozia­le Sys­te­me von Ein­zel­per­so­nen ver­än­dert wer­den kön­nen, hängt unter ande­rem davon ab, in wel­chem Ent­wick­lungs­sta­di­um ein sozia­les Sys­tem ist, und auch davon, wel­che Mit­tel zur Ver­fü­gung ste­hen – ins­be­son­de­re Mit­tel der Kom­mu­ni­ka­ti­on und der Intel­li­genz­ver­stär­kung. Ist ein Sys­tem in einem labi­len Zustand oder auch in einer bestimm­ten, sich selbst orga­ni­sie­ren­den Eigen­dy­na­mik,  dann kann eine Ein­zel­per­son, deren „Sys­tem­zeit“ gewis­ser­ma­ßen gekom­men ist, eine gigan­ti­sche Ver­än­de­rung aus­lö­sen. Ist ein Sys­tem hin­ge­gen in einem hoch­sta­bi­len Zustand, dann kann es über­haupt nicht ver­än­dert wer­den.

Im Übri­gen wis­sen wir gera­de aus der Sys­tem­theo­rie, dass es auf Per­so­nen gar nicht ankommt, weder auf ein­zel­ne noch auf vie­le. Wor­auf es weit mehr ankommt, sind die Bezie­hun­gen, in denen Per­so­nen – wie­der­um ein­zel­ne oder vie­le – zuein­an­der und zum Sys­tem ste­hen. Auf Per­so­nen als sol­che zu rekur­rie­ren, ist metho­disch meis­tens unsys­te­misch.

Dann kommt es auch noch dar­auf an, wel­che sys­tem­ky­ber­ne­ti­schen Metho­den und Instru­men­te einer oder meh­re­ren Per­so­nen zur Ver­fü­gung ste­hen. Denn es ist weit eher so, dass es die her­kömm­li­chen Metho­den und Instru­men­te der Alten Welt sind, mit denen sich Sys­te­me heu­te nicht mehr ver­än­dern las­sen, weil sie zu schwach sind im Ver­gleich zur heu­te gege­be­nen Kom­ple­xi­tät, der Eigen­dy­na­mik und dem inter­nen Ver­net­zungs­grad von Sys­te­men. Die alten Metho­den sind ein­fach nicht kom­ple­xi­täts­taug­lich genug. Ande­rer­seits gibt es heu­te neue Metho­den, die durch die Nut­zung von bestimm­ten Sys­tem­ge­set­zen, Ver­net­zungs­lo­gi­ken und  Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ei­gen­schaf­ten enor­me sich selbst ver­stär­ken­de Ver­än­de­rungs­wir­kun­gen haben. Erst aus funk­tio­nie­ren­der Ver­net­zung von Sys­te­men resul­tie­ren Intel­li­genz­ver­stär­kung, Adap­ti­vi­tät, Tem­po und Pro­duk­ti­vi­tät. Funk­tio­nie­ren­de Ver­net­zung hat Ganz­heit­lich­keit ein­ge­baut, so wie das dazu­ge­hö­ri­ge Manage­ment auch. Das ist es, was die Mil­lio­nen von Orga­ni­sa­tio­nen unse­rer moder­nen Kom­ple­xi­täts­ge­sell­schaft her­aus­for­dert. Ich mei­ne, ein men­schen­ge­rech­tes als auch ein funk­tio­nie­ren­des Zusam­men­le­ben in unse­ren Gesell­schaf­ten ist mög­lich – jen­seits mecha­nis­ti­schen Den­kens, aber auch jen­seits der mehr als 200 Jah­re alten und fest­ge­fah­re­nen poli­ti­schen Ideo­lo­gi­en.

Nichts ist alternativlos – Interview mit Doris Mathilde Lucke

Anläss­lich der aktu­el­len Aus­ga­be haben wir aus­ge­wähl­ten Per­so­nen zum The­ma “SYSTEME” ein paar Fra­gen gestellt. Hier die Ant­wor­ten von Prof. Dr. Doris Mat­hil­de Lucke von dem Insti­tut für Poli­ti­sche Wis­sen­schaft und Sozio­lo­gie der Uni­ver­si­tät Bonn. Sie ist u.a. Mit­her­aus­ge­be­rin der Zeit­schrift für Rechts­so­zio­lo­gie und Patin im 1000-Fra­gen-Pro­jekt zur Gen­tech­no­lo­gie der Akti­on Mensch.

 

Nichts ist alternativlos

Interview mit Prof. Dr. rer. pol. Doris Mathilde Lucke, Diplom Soziologin

Abs­trak­te kom­ple­xe Gebil­de wer­den heu­te schnell als Sys­te­me bezeich­net, ohne zu wis­sen, was dar­un­ter genau zu ver­ste­hen ist. Gan­ze Wis­sen­schaf­ten erfor­schen Ent­ste­hung, Ent­wick­lung, Ein­fluss und Beein­flus­sung von Sys­te­men. Was bringt uns das Nach­den­ken über Sys­te­me?

Foto: Sam F. Johanns

Das stimmt. Zunächst ein­mal ver­hält es sich mit der All­ge­gen­wär­tig­keit von „Sys­te­men“ ganz ähn­lich wie mit dem eben­falls infla­tio­när gebrauch­ten Begriff der „Theo­rie“, einer Theo­rie der Sub­kul­tur oder des Inter­net bei­spiels­wei­se. Wenn ich erst ein­mal die Sys­tem-Bril­le auf der Nase habe, sehe ich – mit Über­trag­bar­keit auf ande­re Bril­len – nur noch Sys­te­me.
Gleich­wohl erlaubt das Nach­den­ken über bzw. das Den­ken in Sys­te­men m.E. das Erken­nen von Zusam­men­hän­gen, Ord­nungs­prin­zi­pi­en und des Zusam­men­wir­kens von Funk­ti­ons­wei­sen. Das Sys­tem als Ana­ly­se­ein­heit ist z.B. dann über­le­gen, wenn es dar­um geht, Struk­tu­ren, Mus­ter, Regel­haf­tig­kei­ten und wie­der­keh­ren­de Situa­tio­nen zu iden­ti­fi­zie­ren und deren Kom­ple­xi­tät zu redu­zie­ren, sie also soweit zu ver­ein­fa­chen und über- und durch­schau­bar zu machen, dass sie bes­ser „hand­le­bar“ sind.

 

Wor­an bemerkt man Sys­te­me im All­tag? Sind Sie in Ihrem Leben ein­mal einem Sys­tem begeg­net, haben sich dar­an gesto­ßen oder wur­den dadurch gar unter­stützt? Wie sind Sie damit umge­gan­gen?

Bemerkt wer­den Sys­te­me erfah­rungs­ge­mäß meist erst dann, wenn man – wie z.B. bei plötz­lich nicht mehr funk­tio­nie­ren­der Tech­nik – an deren Gren­zen stößt. Dann lau­tet der Rat: Umgang durch Umge­hen – soweit mög­lich! Nega­ti­ve Erfah­rung: Ohn­macht gegen Mega-Sys­te­me wie Wiki­pe­dia und Goog­le. Posi­ti­ve Begeg­nung: mein per­sön­li­ches Durch­lau­fen des deut­schen Bil­dungs­sys­tems.

 

Per­spek­ti­ven und Mei­nun­gen jun­ger Men­schen wer­den in sys­tem­re­le­van­ten Ent­schei­dun­gen – sei es in der Poli­tik, der Wirt­schaft, der Wis­sen­schaft etc. – kaum berück­sich­tigt. Von sys­tem­ver­ur­sach­ten Kri­sen hin­ge­gen sind sie beson­ders betrof­fen (Arbeits­lo­sig­keit, Staats­ver­schul­dung, Ren­ten­aus­fall, Umwelt­zer­stö­rung). Wel­chen Rat geben Sie die­ser Gene­ra­ti­on?

Sys­tem­zwän­gen nicht als (vor­geb­li­chen) Sach­zwän­gen auf­sit­zen – eine alte Juso-For­de­rung –, son­dern sie als das erken­nen und ihnen be- und ent­geg­nen, was sie sind, näm­lich in aller Regel von Men­schen geschaf­fe­ne und von (Definitions-)Mächtigen erfolg­reich durch­ge­setz­te Sozi­al­zwän­ge. Im Zwei­fel las­sen Sys­tem­zwän­ge sich durch nicht sys­tem­kon­for­me Lösun­gen über­ra­schen und z.B. Büro­kra­ti­en durch unbü­ro­kra­ti­sche Vor­ge­hens­wei­sen über­rum­peln. D.h. „chal­len­ge“- statt „exit“-Strategie.
Sich nicht ein­re­den las­sen, etwas sei alter­na­tiv­los. Zumin­dest aus Sicht der Sozio­lo­gie ist alles immer kon­tin­gent, d.h. alles was (so) ist, kann prin­zi­pi­ell auch (ganz) anders sein. Auch Sys­tem­re­le­vanz selbst ist eine Fra­ge der Defi­ni­ti­on und kei­ne Natur­kon­stan­te.
Wie trü­ge­risch Sys­tem­ver­trau­en, z.B. in die Sicher­heit der Ren­te, sein kann, zeigt sich jetzt beim (wort-)brüchig gewor­de­nen, frei­lich so auch nie geschlos­se­nen Gene­ra­tio­nen­ver­trag, aber auch in der Ban­ken-, Schul­den- oder Finanz­kri­se, wo sich der von Ulrich Beck in „Gegen­gif­te“ beschrie­be­ne Weg in die orga­ni­sier­te Unver­ant­wort­lich­keit im „Too big to fail“ (Sys­tem) und „Too small to mat­ter“ (ein­zel­ner Mensch) zeigt.

 

Seit Luh­manns Sys­tem­theo­rie glaubt nie­mand mehr dar­an, dass sich sozia­le Sys­te­me von Ein­zel­per­so­nen ver­än­dern las­sen. Trotz­dem wächst das Unbe­ha­gen gegen­über Sys­te­men, wie dem Wirt­schafts­sys­tem oder dem Staats­sys­tem. Mal uto­pisch gefragt: Kann es eine sys­tem­freie Zukunft geben?

Nein, das wäre wie die Fra­ge nach der Mög­lich­keit einer norm­lo­sen oder herr­schafts­frei­en Gesell­schaft.

Mensch trifft System – Interview mit Georg Tafner

Anläss­lich der aktu­el­len Aus­ga­be haben wir aus­ge­wähl­ten Per­so­nen zum The­ma “SYSTEME” ein paar Fra­gen gestellt. Hier die Ant­wor­ten von Prof. Dr. Georg Taf­ner.

 

Mensch trifft System – Interview mit Prof. Dr. Georg Tafner

Abs­trak­te kom­ple­xe Gebil­de wer­den heu­te schnell als Sys­te­me bezeich­net, ohne zu wis­sen, was dar­un­ter genau zu ver­ste­hen ist. Gan­ze Wis­sen­schaf­ten erfor­schen Ent­ste­hung, Ent­wick­lung, Ein­fluss und Beein­flus­sung von Sys­te­men. Was bringt uns das Nach­den­ken über Sys­te­me?

Tafner

Prof. Dr. Georg Taf­ner ist Hoch­schul­pro­fes­sor für Bil­dungs­for­schung und sozio­öko­no­mi­sche Bil­dung an der PH Stei­er­mark und Lei­ter des Bun­des­zen­trums für Pro­fes­sio­na­li­sie­rung in der Bil­dungs­for­schung. Er lehrt an der Karl-Fran­zens-Uni­ver­si­tät Graz und der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät zu Ber­lin, wo er auch die Lehr­be­fug­nis für Erzie­hungs­wis­sen­schaft mit dem Schwer­punkt Wirt­schafts­päd­ago­gik hält. Neben den Stu­di­en der Wirt­schafts­päd­ago­gik und dem Dok­to­rat in Sozi­al- und Wirt­schafts­wis­sen­schaft hat er auch die Mas­ter­stu­di­en Euro­päi­sche Stu­di­en und Reli­gi­ons­wis­sen­schaf­ten abge­schlos­sen. Georg Taf­ner war neben sei­ner uni­ver­si­tä­ren Arbeit auch als Leh­rer und im Bereich der Öffent­li­chen Ver­wal­tung und Poli­tik tätig.

Ein sozia­les Sys­tem – und nur davon schrei­be ich hier – besteht aus Ele­men­ten, die mit­ein­an­der in Bezie­hung ste­hen und ein gemein­sa­mes Gan­zes erge­ben, das sich von der Umwelt, also dem Nicht-Sys­tem, durch eine bestimm­te Logik unter­schei­det, aber den­noch mit der Umwelt in Bezie­hung steht. Sys­tem ist dem­nach das Betrach­te­te und alles ande­re ist Umwelt. Umwelt und Sys­tem sind dadurch von der Betrach­tung abhän­gig und ändern sich mit der Per­spek­ti­ve. Das Nach­den­ken über Sys­te­me ist häu­fig ein Nach­den­ken über die­se bestimm­te Logik eines Sys­tems mit sei­nen Regeln, die zur Erklä­rung oder gar zur Legi­ti­ma­ti­on von Hand­lun­gen füh­ren kann.
In Ihrer Fra­ge liegt schon der Hin­weis auf die Ant­wort: Das Den­ken in Sys­te­men geht oft­mals mit Funk­tio­na­lis­mus ein­her, der von Zweck­ra­tio­na­li­tät und Nut­zen gespeist wird. Das Argu­ment Sys­tem ist dann die Ant­wort auf die Fra­ge, wie wir uns ver­hal­ten soll­ten, damit unser Han­deln etwas bringt. Der Begriff Sys­tem taucht heu­te vor allem im sozio­öko­no­mi­schen Kon­text auf und wird oft­mals zu einer nor­ma­ti­ven Set­zung, indem der ver­meint­li­chen Logik des Sys­tems zu fol­gen sei. Obwohl die Bezie­hun­gen als Kom­mu­ni­ka­ti­on beschrie­ben wer­den, wird kaum davon gespro­chen, dass die Ele­men­te immer Men­schen sind. Der Mensch als Gan­zes ist immer Indi­vi­du­um und Gemein­schafts­we­sen, er ist in sei­nem Ver­hal­ten bedingt frei und kann im Rah­men der ihm zur Ver­fü­gung ste­hen­den Mög­lich­kei­ten, inner­halb der vor­ge­ge­be­nen Bedin­gun­gen, selbst ent­schei­den, wie er sich ver­hält. Auch wenn die Logik des Sys­tems ent­we­der unser Den­ken über Alter­na­ti­ven oder tat­säch­li­che Hand­lungs­spiel­räu­me ein­grenzt, die beding­te Frei­heit, wie sie Peter Bie­ri beschreibt, gibt es den­noch. Sys­te­me sind Kon­struk­te und daher ver­än­der­bar: sowohl in unse­rer Wahr­neh­mung als auch in ihrem ver­meint­li­chem oder ech­tem Sein.

 

Wor­an bemerkt man Sys­te­me im All­tag? Sind Sie in Ihrem Leben ein­mal einem Sys­tem begeg­net, haben sich dar­an gesto­ßen oder wur­den dadurch gar unter­stützt? Wie sind Sie damit umge­gan­gen?
Sozia­le Sys­te­me sind, wie oben beschrei­ben, Kon­struk­te, nichts Natür­li­ches. Sie sind Erklä­rungs­ver­su­che. Ich tref­fe des­halb Sys­te­me in mei­nem Kopf. Dort kön­nen sie mei­ne Hand­lun­gen erleich­tern oder erschwe­ren, indem sie mir in mei­nem Kopf eine Logik vor­ge­ben. Was wir tat­säch­lich mit posi­ti­ven und nega­ti­ven Gefüh­len wahr­neh­men, sind Regeln, die unser Zusam­men­le­ben struk­tu­rie­ren. Sol­che Insti­tu­tio­nen kön­nen regu­la­tiv in Form von Geset­zen, nor­ma­tiv in Form von Wer­ten, Kon­ven­tio­nen oder Moral sein oder auch Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten. Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten struk­tu­rie­ren unser Leben am stärks­ten, weil sie durch Nach­ah­mung wei­ter­ge­ge­ben wer­den und sie uns gera­de wegen ihrer Selbst­ver­ständ­lich­keit nicht bewusst sind, son­dern impli­zit wir­ken. Insti­tu­tio­nen spü­ren wir, wenn wir oder ande­re sie über­schrei­ten. Dann spü­ren wir sie kör­per­lich, dann hat das mit posi­ti­ven oder nega­ti­ven Gefüh­len zu tun. Ähn­lich ver­hält es sich mit Macht. Macht und Insti­tu­tio­nen füh­ren zu Struk­tu­ren, die dann auf höhe­rer Ebe­ne m.E. als Sys­te­me bezeich­net wer­den. Macht und Regeln kön­nen wir posi­tiv oder nega­tiv wahr­neh­men. Der Umgang mit Macht und Ohn­macht sowie dem Ermög­li­chen oder Ver­un­mög­li­chen durch Insti­tu­tio­nen zeigt Gren­zen und Bedin­gun­gen auf. Die Kunst ist es, den­noch dar­in frei zu blei­ben und zu unter­schei­den, was ich als Ein­zel­ner ver­än­dern kann und was mei­ne Mög­lich­kei­ten ein­fach über­steigt. Das ist immer eine Ein­zel­fall­ent­schei­dung in einer ganz bestimm­ten Situa­ti­on.

 

Per­spek­ti­ven und Mei­nun­gen jun­ger Men­schen wer­den in sys­tem­re­le­van­ten Ent­schei­dun­gen – sei es in der Poli­tik, der Wirt­schaft, der Wis­sen­schaft etc. – kaum berück­sich­tigt. Von sys­tem­ver­ur­sach­ten Kri­sen hin­ge­gen sind sie beson­ders betrof­fen (Arbeits­lo­sig­keit, Staats­ver­schul­dung, Ren­ten­aus­fall, Umwelt­zer­stö­rung). Wel­chen Rat geben Sie die­ser Gene­ra­ti­on?

Ihre Fra­ge ist eine lebens­welt­li­che, wes­halb ich auch so ant­wor­te: Wir haben drei Kin­der, wobei die bei­den Älte­ren am Sprung in die Selbst­stän­dig­keit sind. Unse­re Erzie­hung lief dabei immer in eine Rich­tung: Sie müs­sen ihren Weg fin­den; sie sol­len das machen, was ihnen Freu­de und Erfül­lung berei­tet. Nicht in ego­is­ti­scher Form, son­dern im Bewusst­sein des Ein­ge­bun­den-Seins des Men­schen in die Gesell­schaft: Selbst­be­stim­mungs- und soli­da­ri­täts­fä­hig, wie Wolf­gang Klaf­ki das nennt. Nicht immer wird die­ses Ide­al zu erfül­len sein, aber das Ide­al ist not­wen­dig, um Moti­va­ti­on und Voli­ti­on auf­zu­brin­gen. Ein­brin­gen kön­nen sie sich als mün­di­ge Bür­ge­rin­nen und Bür­ger, indem sie die akti­ven und pas­si­ven Mög­lich­kei­ten der Demo­kra­tie auf unter­schied­li­chen Ebe­nen von der Schu­le bis zur Euro­päi­schen Uni­on nut­zen und sich, wenn sie das wol­len, in Ver­ei­nen enga­gie­ren. Und noch etwas: Angst ist sel­ten ein guter Beglei­ter und Zukunfts­angst bringt nie­man­den wei­ter. Gelas­sen­heit und Unter­schei­dung sind für die Kon­tin­genz­be­wäl­ti­gung not­wen­dig – um hier para­do­xer­wei­se auf einen Begriff Luh­manns im Kon­text von Reli­gi­on zurück­zu­grei­fen, den eben­so Her­mann Lüb­be ver­wen­det. Zum Aus­druck kommt die­se Kon­tin­genz­be­wäl­ti­gung in einem sehr bekann­ten Gebet: „Gott, gib mir die Gelas­sen­heit, Din­ge hin­zu­neh­men, die ich nicht ändern kann,  den Mut, Din­ge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weis­heit, das eine vom ande­ren zu unter­schei­den.“

 


Seit Luh­manns Sys­tem­theo­rie glaubt nie­mand mehr dar­an, dass sich sozia­le Sys­te­me von Ein­zel­per­so­nen ver­än­dern las­sen. Trotz­dem wächst das Unbe­ha­gen gegen­über Sys­te­men, wie dem Wirt­schafts­sys­tem oder dem Staats­sys­tem. Mal uto­pisch gefragt: Kann es eine sys­tem­freie Zukunft geben?
All­aus­sa­gen, wie sie z.B. in die­ser Fra­ge defi­niert ist, sind immer falsch. Und den­noch blitzt in der Fra­ge Wah­res durch: Seit Luh­mann „glaubt“ nie­mand mehr an Ver­än­de­run­gen durch Per­so­nen. Rich­tig ist das Wort „glau­ben“ in die­sem Kon­text, denn es scheint für man­che, eini­ge, vie­le, aber sicher nicht für alle unmög­lich zu sein – im Posi­ti­ven wie im Nega­ti­ven. Sys­te­me schei­nen sys­te­ma­tisch das Poten­ti­al von ein­zel­nen Per­so­nen und Kon­tin­gen­zen zu unter­schät­zen.
Kaum jemand wird m.E. so ein­sei­tig inter­pre­tiert wie Luh­mann. Er spricht über sei­ne Sys­tem­theo­rie als eine Beschrei­bung zwei­ten Gra­des. Was aber pas­siert mit sei­nen Beschrei­bun­gen? Sie wer­den heu­te ger­ne nor­ma­tiv inter­pre­tiert, vor allem von bestimm­ten Ver­tre­tern der Öko­no­mie und Öko­no­mik. Der Idee der Sub­sys­te­me fol­gend, wird auf die auto­no­me Wirt­schaft geschlos­sen. Damit wird ein Modell auf­ge­stellt, das rein öko­no­misch funk­tio­niert. Die­ses Modell wird wohl als wert­frei ver­kauft, doch wird es als Hand­lungs­an­lei­tung emp­foh­len und als Ethik ver­stan­den. Aus der Beschrei­bung Luh­manns ist damit Nor­ma­ti­ves gewor­den: Aus dem durch die Luhmann’sche Bril­le Beob­ach­te­ten wur­de Nor­ma­ti­ves – ein natu­ra­lis­ti­scher Fehl­schluss. Das Modell wur­de zur Ethik, rei­fi­ziert sich und wird zur Wirk­lich­keit. Das an der Sys­tem­lo­gik des rei­nen Selbst­in­ter­es­ses und Nut­zen­ma­xi­mums aus­ge­rich­te­te Han­deln wird zur Richt­schnur nicht nur in der Öko­no­mie und schon gar nicht nur in der Öko­no­mik! Aber: Der Mensch ist gar nicht so zweck­ra­tio­nal, so ego­is­tisch und nut­zen­ori­en­tiert, so kon­se­quen­tia­lis­tisch, wie die Stan­dard­theo­rie besagt. Ein sol­ches Han­deln ist – wie auch Phi­lo­so­phen und Sozio­lo­gen aus­füh­ren – mehr Legi­ti­ma­ti­on nach außen als tat­säch­li­che Hand­lungs­struk­tur. Nach außen geben Men­schen als Indi­vi­du­en oder Ver­tre­ter von Orga­ni­sa­tio­nen vor, so zu sein, um der Richt­schnur – oder dem Sys­tem? – schein­bar zu ent­spre­chen. In Wahr­heit han­deln Men­schen auch wert­ra­tio­nal, affek­tiv und tra­di­tio­nell oder ver­hal­ten sich unbe­wusst oder bewusst irra­tio­nal, geben aber nach außen vor, rein zweck­ra­tio­nal gehan­delt zu haben. Beob­ach­tet (!) wird damit ein Tun, das als rein zweck­ra­tio­nal und nut­zen­ori­en­tiert erscheint. Luh­mann scheint bestä­tigt zu sein. Die­ser Schein blen­det vie­le, scheint zu einem Kern unse­rer Kul­tur selbst gewor­den zu sein. Anders gesagt: Unser Han­deln ist weni­ger sys­tem­kon­form als wir glau­ben. Ist das uto­pisch?

Unternehmensberatung im Dschungel der Systeme – Interview mit Robert A. Sedlák

Unternehmensberatung im Dschungel der Systeme – Interview mit Prof. Robert A. Sedlák

Anläss­lich der aktu­el­len Aus­ga­be haben wir aus­ge­wähl­ten Per­so­nen zum The­ma “SYSTEME” ein paar Fra­gen gestellt. Hier die Ant­wor­ten von Robert A. Sed­lák, Gast­pro­fes­sor an der East Chi­na Nor­mal Uni­ver­si­ty in Shang­hai.

 

Robert A. Sedlák ist Gastprofessor an der East China Normal University in Shanghai sowie Mitgründer und Director des ECNU-S&P Research Center for ICT-Enabled Systemic Changes and Innovations in Shanghai. Darüber hinaus Gründer und CEO der SEDLÁK & PARTNER International Consulting Group. Basierend auf der Neueren Systemtheorie beschäftigt er sich intensiv mit der Selbstbezüglichkeit von Organisationen und entwickelte mit führenden Wissenschaftlern der Neueren Systemtheorie ein Konzept zur "Vorausschauenden Selbsterneuerung für Organisationen". Insbesondere für Familienunternehmen gestaltet und begleitet er bedeutende Übergänge.

Robert A. Sed­lák ist Gast­pro­fes­sor an der East Chi­na Nor­mal Uni­ver­si­ty in Shang­hai sowie Mit­grün­der und Direc­tor des ECNU-S&P Rese­arch Cen­ter for ICT-Enab­led Sys­temic Chan­ges and Inno­va­tions in Shang­hai. Dar­über hin­aus ist er Grün­der und CEO der SEDLÁK & PARTNER Inter­na­tio­nal Con­sul­ting Group.
Seit 1987 berät Sed­lák DAX notier­te Unter­neh­men und mit­tel­stän­di­ge Fir­men, hier ins­be­son­de­re Fami­li­en­un­ter­neh­men. Auf­grund sei­ner jah­re­lan­gen Tätig­keit in Asi­en mit dem Fokus Chi­na ver­fügt er über ein tie­fes Ver­ständ­nis der Unter­schie­de west­li­cher und asia­ti­scher Kul­tu­ren zur Über­brü­ckung inter­kul­tu­rel­ler Dif­fe­ren­zen. Basie­rend auf der Neue­ren Sys­tem­theo­rie beschäf­tigt er sich inten­siv mit der Selbst­be­züg­lich­keit von Orga­ni­sa­tio­nen und ent­wi­ckel­te mit füh­ren­den Wis­sen­schaft­lern der Neue­ren Sys­tem­theo­rie ein Kon­zept zur “Vor­aus­schau­en­den Selbst­er­neue­rung für Orga­ni­sa­tio­nen”.

Abs­trak­te kom­ple­xe Gebil­de wer­den heu­te schnell als Sys­te­me bezeich­net, ohne zu wis­sen, was dar­un­ter genau zu ver­ste­hen ist. Gan­ze Wis­sen­schaf­ten erfor­schen Ent­ste­hung, Ent­wick­lung, Ein­fluss und Beein­flus­sung von Sys­te­men. Was bringt uns das Nach­den­ken über Sys­te­me?

Bei unse­rer Arbeit unter­schei­den wir zunächst zwi­schen tri­via­len und nicht-tri­via­len Sys­te­men. Ein tri­via­les Sys­tem, wie z. B. ein Motor, ist zwar kom­pli­ziert, kann jedoch nach dem klas­si­schen Ursa­che-Wir­kungs-Prin­zip bear­bei­tet wer­den. Über eine Feh­ler­ana­ly­se kön­nen die Ursa­chen für einen uner­wünsch­ten Zustand oder ein uner­wünsch­tes Ergeb­nis fest­ge­stellt und dann beho­ben wer­den.
Nicht-tri­via­le Sys­te­me sehen wir als kom­ple­xe und ope­ra­tiv geschlos­se­ne Sys­te­me, die von außen nicht ein­seh­bar oder ver­än­der­bar sind. Die Besei­ti­gung eines uner­wünsch­ten Zustands ist nicht unmit­tel­bar mög­lich, son­dern kann nur mit kom­mu­ni­ka­ti­ven Inter­ven­tio­nen inner­halb des Sys­tems ver­sucht wer­den. Das Ergeb­nis einer Inter­ven­ti­on ist jedoch vor­her nicht bere­chen­bar. Bei einer Wie­der­ho­lung der glei­chen Inter­ven­ti­on kann nicht ein­mal davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass das glei­che Ergeb­nis zustan­de kommt. Zu den nicht-tri­via­len Sys­te­men zäh­len wir bio­lo­gi­sche, psy­chi­sche und sozia­le Sys­te­me, die selbst­or­ga­ni­sie­rend exis­tie­ren. So ist das psy­chi­sche Sys­tem eines Hun­des unbe­re­chen­bar, denn wenn Sie ihm z.B. aus Ver­se­hen auf den Schwanz tre­ten, gibt es ganz unter­schied­li­che Mög­lich­kei­ten der Reak­ti­on: So kann es beim ers­ten Mal sein, dass er weg­läuft und Sie bei einer Wie­der­ho­lung fest ins Bein beißt. Orga­ni­sa­tio­nen ver­ste­hen wir in die­sem Kon­text als kom­ple­xe Sozi­al­sys­te­me, die — wie ein psy­chi­sches Sys­tem — unbe­re­chen­bar sind.
Mich hat die­se Erkennt­nis sehr demü­tig gemacht, wenn es dar­um geht, Ver­än­de­run­gen in Orga­ni­sa­tio­nen zu beglei­ten, da Ver­än­de­rung nur aus dem Sys­tem her­aus ent­ste­hen kann, was gro­ße Aus­wir­kun­gen auf mein Inter­ven­ti­ons-Reper­toire als Bera­ters hat.

Wor­an bemerkt man Sys­te­me im All­tag? Sind Sie in Ihrem Leben ein­mal einem Sys­tem begeg­net, haben sich dar­an gesto­ßen oder wur­den dadurch gar unter­stützt? Wie sind Sie damit umge­gan­gen?

Wie schon gesagt kommt es dar­auf an, wel­che Sys­te­me gemeint sind. In der Unter­neh­mens­be­ra­tung sto­ßen wir ins­be­son­de­re auf Orga­ni­sa­tio­nen, die wir als beson­de­re Form kom­ple­xer Sozi­al­sys­te­me sehen. In Fami­li­en­un­ter­neh­men haben wir es dann z. B. auch mit der Fami­lie, mit der Gesell­schaf­ter­ver­samm­lung sowie dem Bei­rat zu tun, die wir eben­falls als Sozi­al­sys­te­me mit einer ganz unter­schied­li­chen Logik beob­ach­ten kön­nen. Kom­men dann unter­schied­li­che Sys­tem­lo­gi­ken zusam­men, haben wir es mit Para­do­xi­en zu tun, die es gut zu mana­gen gilt.
Nach mei­nem Ver­ständ­nis ist das Basis­ele­ment die­ser Sozi­al­sys­te­me die Kom­mu­ni­ka­ti­on. In Orga­ni­sa­tio­nen ist die Ent­schei­dung das wich­tigs­te kom­mu­ni­ka­ti­ve Ereig­nis. Als Bera­ter sehe ich mei­ne Auf­ga­be dar­in, zu beob­ach­ten, wie Kom­mu­ni­ka­ti­on statt­fin­det und wie eine Ent­schei­dung zustan­de kommt. Aus mei­ner Sicht ist eine der größ­ten Leis­tun­gen, die ein Bera­ter erbrin­gen kann, ein Manage­ment-Team dabei zu unter­stüt­zen, ent­schei­dungs­fä­hig zu wer­den bzw. zu blei­ben und klu­ge Ent­schei­dun­gen zu tref­fen, die dann auch eine Umset­zung erfah­ren. Denn eine Ent­schei­dung ist nur dann eine Ent­schei­dung, wenn im Sin­ne der Ent­schei­dung Fol­ge­ent­schei­dun­gen getrof­fen wer­den.

Per­spek­ti­ven und Mei­nun­gen jun­ger Men­schen wer­den in sys­tem­re­le­van­ten Ent­schei­dun­gen – sei es in der Poli­tik, der Wirt­schaft, der Wis­sen­schaft etc. – kaum berück­sich­tigt. Von sys­tem­ver­ur­sach­ten Kri­sen hin­ge­gen sind sie beson­ders betrof­fen (Arbeits­lo­sig­keit, Staats­ver­schul­dung, Ren­ten­aus­fall, Umwelt­zer­stö­rung). Wel­chen Rat geben Sie die­ser Gene­ra­ti­on?

Die jun­ge Gene­ra­ti­on ist gut bera­ten, sich mit den unter­schied­li­chen Sys­tem­lo­gi­ken zu beschäf­ti­gen und sich eine eige­ne Mei­nung zu bil­den, ob sie das, was sie beob­ach­tet, gut oder schlecht fin­det.
Nur über eine per­sön­li­che Mei­nungs­bil­dung und Posi­tio­nie­rung ist es mög­lich, not­wen­di­ge Inter­ven­tio­nen ein­zu­lei­ten bzw. zu unter­stüt­zen. Aus­ge­hend von dem gesell­schaft­li­chen Nut­zen, den die Funk­ti­ons­sys­te­me Poli­tik, Wirt­schaft und Wis­sen­schaft bie­ten soll­ten, muss die nächs­te Gene­ra­ti­on ent­schei­den, ob sie die eta­blier­ten Struk­tu­ren und die damit erziel­ten Ergeb­nis­se akzep­tiert oder nicht. Schon in mei­ner Gene­ra­ti­on haben wir an unse­rem Bil­dungs­sys­tem vie­les zu bemän­geln gehabt – aber so rich­ti­ge Sys­tem­ver­än­de­run­gen haben wir bis­her nicht hin­be­kom­men. Die anste­hen­den Her­aus­for­de­run­gen wer­den jedoch Ver­än­de­run­gen erzwin­gen und hier soll­te jeder jun­ge Mensch für sich per­sön­lich ent­schei­den, wel­che Erwar­tun­gen er an die­se Sys­te­me hat. Das ist dann die Vor­aus­set­zung, die rich­ti­gen Inter­ven­tio­nen und die pas­sen­den Pro­gram­me zu unter­stüt­zen, um den anste­hen­den Ver­än­de­rungs­be­darf in die Rich­tung zu beein­flus­sen, die man per­sön­lich bevor­zugt.

Seit Luh­manns Sys­tem­theo­rie glaubt nie­mand mehr dar­an, dass sich sozia­le Sys­te­me von Ein­zel­per­so­nen ver­än­dern las­sen. Trotz­dem wächst das Unbe­ha­gen gegen­über Sys­te­men, wie dem Wirt­schafts­sys­tem oder dem Staats­sys­tem. Mal uto­pisch gefragt: Kann es eine sys­tem­freie Zukunft geben?

Nach mei­nem Ver­ständ­nis wird es immer Sys­te­me geben, die unse­rer Gesell­schaft einen Bei­trag leis­ten und zu leis­ten haben. Anders wäre die Ver­sor­gung von 10 Mrd. Men­schen und mehr nicht mög­lich. Da Sozi­al­sys­te­me selbst­or­ga­ni­sie­ren­de Sys­te­me sind, wären wir gut bera­ten, genau hin­zu­se­hen, ob die Sys­te­me den Bei­trag leis­ten, den sie zu leis­ten haben. Ist dies nicht der Fall, soll­ten wir den Ver­än­de­rungs­be­darf in das gesell­schaft­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­ons­sys­tem ein­spei­sen und Ent­schei­dungs­pro­zes­se unter­stüt­zen, die eine Sys­tem­ver­än­de­rung ermög­li­chen. Weg­schau­en kann nicht die Lösung sein – das per­sön­li­che Enga­ge­ment von jedem ein­zel­nen ist gefragt, wenn es dar­um geht, die Zukunft zu gestal­ten!

Mehr zu Prof. Robert A. Sed­lák fin­den Sie hier.

Freiheit mit System – Interview mit Armin Nassehi

Freiheit mit System – Interview mit Prof. Dr. Armin Nassehi

Anläss­lich der aktu­el­len Aus­ga­be haben wir aus­ge­wähl­ten Per­so­nen zum The­ma “SYSTEME” ein paar Fra­gen gestellt. Hier die Ant­wor­ten von Armin Nas­sehi, Pro­fes­sor für Sozio­lo­gie an der Lud­wig-Maxi­mi­li­ans-Uni­ver­si­tät Mün­chen.

 

 

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Prof. Dr. Armin Nas­sehi, Foto: Hans-Gün­ther Kauf­mann

Abs­trak­te kom­ple­xe Gebil­de wer­den heu­te schnell als Sys­te­me bezeich­net, ohne zu wis­sen, was dar­un­ter genau zu ver­ste­hen ist. Gan­ze Wis­sen­schaf­ten erfor­schen Ent­ste­hung, Ent­wick­lung, Ein­fluss und Beein­flus­sung von Sys­te­men. Was bringt uns das Nach­den­ken über Sys­te­me?



Die Sys­tem­theo­rie ist eine inter­dis­zi­pli­nä­re Den­kungs­art, die sich dafür inter­es­siert, wie sich Ord­nung durch die Wech­sel­sei­tig­keit der Ele­men­te eines Sys­tems ergibt und wie die­se Ord­nung sich ope­ra­tiv ver­än­dert oder sta­bi­li­siert. Es ist eine Den­kungs­art, die so etwas wie Kau­sa­li­tät gar nicht leug­net, die aber dar­auf hin­weist, dass ein­zel­ne Kau­sal- und Bewir­kungs­be­zie­hun­gen zumeist nur beob­ach­ter­ab­hän­gi­ge Aus­schnit­te eines kom­ple­xe­ren Gesche­hens sind.

Die Sys­tem­theo­rie inter­es­siert sich für die Kom­ple­xi­tät von Struk­tu­ren und Pro­zes­sen, denn Sys­te­me kön­nen auf­grund der viel­fäl­ti­gen Wir­kungs­ket­ten stets mehr als einen Zustand anneh­men und ver­än­dern dabei die Bedin­gun­gen ihres Ope­rie­rens wäh­rend des Ope­rie­rens selbst. Je kom­ple­xer die Welt wird bzw. je mehr Kom­ple­xi­tät wir uns im Hin­blick auf ihre Beschrei­bung erlau­ben, des­to eher müs­sen wir sys­tem­theo­re­tisch den­ken.

Wor­an bemerkt man Sys­te­me im All­tag? Sind Sie in Ihrem Leben ein­mal einem Sys­tem begeg­net, haben sich dar­an gesto­ßen oder wur­den dadurch gar unter­stützt? Wie sind Sie damit umge­gan­gen?



Die Fra­ge impli­ziert, als bewe­ge man sich manch­mal in Sys­te­men, manch­mal nicht. Die sozio­lo­gi­sche Sys­tem­theo­rie dage­gen wür­de jeden sozia­len Kon­takt als Sys­tem beschrei­ben. Schon eine ein­fa­che Inter­ak­ti­on unter Anwe­sen­den hat schon dadurch Sys­tem­cha­rak­ter, dass sie aus Ele­men­ten besteht, die sich wech­sel­sei­tig ermög­li­chen und durch kein ein­zel­nes Ele­ment voll­stän­dig bestimmt wer­den. Das erle­ben wir doch in jedem Gespräch, näm­lich dass sei­ne Eigen­dy­na­mik anders aus­geht, als wir uns das vor­ge­stellt haben. Und was schon für so ein­fa­che Pro­zes­se gilt, gilt erst recht für kom­ple­xe­re sozia­le Gebil­de, etwa für Orga­ni­sa­tio­nen, die etwa durch Zustän­dig­kei­ten, Orga­ni­gram­me, Arbeits­tei­lung etc. alles Mög­li­che fest­zu­le­gen ver­su­chen, dann aber doch anders aus­ge­hen. Sys­te­me sind nicht voll­stän­dig deter­mi­niert – was im übri­gen auch Frei­heits­gra­de eröff­net. Wer etwas ver­än­dern will, muss dann mit den Struk­tu­ren und Eigen­dy­na­mi­ken von Sys­te­men rech­nen.

Manch­mal ist der Sys­tem­be­griff gera­de­zu wider­sprüch­lich, denn er impli­ziert, dass eigent­lich alles in einem star­ren „Sys­tem“ fest­ge­legt ist – das ist aber nicht der Fall. Viel­mehr inter­es­siert sich die Sys­tem­theo­rie ganz expli­zit dafür, dass letzt­lich alles im Fluss ist und je gegen­wär­tig ope­ra­tiv fest­ge­legt wer­den muss. Kei­ne Theo­rie inter­es­siert sich so sehr für Dyna­mi­ken und Ver­än­de­run­gen, für das Ver­hält­nis von gewoll­ten und para­do­xen Wir­kun­gen, für die Wech­sel­sei­tig­keit von Frei­heits­gra­den und Unbe­ein­fluss­bar­kei­ten wie die Sys­tem­theo­rie.

Per­spek­ti­ven und Mei­nun­gen jun­ger Men­schen wer­den in sys­tem­re­le­van­ten Ent­schei­dun­gen – sei es in der Poli­tik, der Wirt­schaft, der Wis­sen­schaft etc. – kaum berück­sich­tigt. Von sys­tem­ver­ur­sach­ten Kri­sen hin­ge­gen sind sie beson­ders betrof­fen (Arbeits­lo­sig­keit, Staats­ver­schul­dung, Ren­ten­aus­fall, Umwelt­zer­stö­rung). Wel­chen Rat geben Sie die­ser Gene­ra­ti­on?



Ich wie­der­ho­le noch­mal: All das fin­det inner­halb von Sys­te­men statt. Das Gefühl, das Sie beschrei­ben, gibt es natür­lich – übri­gens nicht nur bei jun­gen Men­schen. Mein Rat wäre stets, nicht auf ein­ein­deu­ti­ge Kau­sa­li­tä­ten zu set­zen, nicht auf ein­fa­che Lösun­gen. Das erle­ben wir der­zeit ja fast über­all – lin­ke Kapi­ta­lis­mus­kri­tik mit angeb­lich sehr simp­len Aus­we­gen, rech­te Kri­tik an Viel­falt mit eben­so simp­len Ide­en bes­se­rer Steu­er­bar­keit. Ich wür­de (nicht nur) jun­gen Leu­ten den Rat geben, die Kom­ple­xi­tät von Wir­kungs­ket­ten sehen zu ler­nen und den Eigen­sinn, die Eigen­kom­ple­xi­tät von Pro­zes­sen aus­zu­nut­zen. Das gilt für alle Lebens­be­rei­che. Schon das Fami­li­en­le­ben erscheint ganz anders, wenn man es nicht nur als eine Sum­me von Ein­zel­per­so­nen ansieht, son­dern als eine sys­te­mi­sche Form der Wech­sel­sei­tig­keit. Und die Lösung von Arbeits­lo­sig­keit oder Staats­ver­schul­dung muss heu­te auch mit den poli­ti­schen und öko­no­mi­schen Ver­stri­ckun­gen rech­nen, in denen all die­se Pro­ble­me behan­delt wer­den. Hütet Euch vor zu ein­fa­chen Kau­sa­li­tä­ten – sowohl bei der Beschrei­bung als auch bei der Lösung von Pro­ble­men. Das wäre der Rat. Und die­ser: Erhal­tet Euch Frei­heits­gra­de und Alter­na­ti­ven inner­halb der Sys­te­me, in denen Ihr etwas tut – pri­vat und beruf­lich. Man muss in funk­tio­na­len Äqui­va­len­ten den­ken ler­nen: Durch wel­che ande­re Lösung wäre das aktu­el­le Pro­blem auch lös­bar? Das hört sich abs­trakt an, ist es aber prak­tisch gar nicht.

Seit Luh­manns Sys­tem­theo­rie glaubt nie­mand mehr dar­an, dass sich sozia­le Sys­te­me von Ein­zel­per­so­nen ver­än­dern las­sen. Trotz­dem wächst das Unbe­ha­gen gegen­über Sys­te­men, wie dem Wirt­schafts­sys­tem oder dem Staats­sys­tem. Mal uto­pisch gefragt: Kann es eine sys­tem­freie Zukunft geben?

Nein, es kann kei­ne sys­tem­freie Zukunft geben. Wie soll die aus­se­hen? Als gro­ßes Netz­werk ohne Sta­bi­li­tä­ten? Stel­len wir uns eine moder­ne Gesell­schaft ohne Wirt­schafts­sys­tem vor – sie könn­te eigent­lich nur Selbst­ver­sor­ger und Pro­duk­ti­on ohne Arbeits­tei­lung her­vor­brin­gen. Und sehen Sie sich Situa­tio­nen nach Staats­zer­fall an – dann fal­len die Leu­te über­ein­an­der her, es gibt kei­ne Struk­tu­ren, auf die man sich ver­las­sen kann, und all die Din­ge die uns selbst­ver­ständ­lich sind wie Rechts­si­cher­heit, Kran­ken­ver­sor­gung, Schutz vor Will­kür etc. wäre unmög­lich. Nein – die Sys­te­me, die Sie nen­nen sind funk­tio­nal not­wen­dig für eine moder­ne, kom­ple­xe Gesell­schaft, eben­so das Wis­sen­schafts­sys­tem, das Rechts­sys­tem, das Medi­en­sys­tem und nicht zuletzt das Sys­tem der Kran­ken­ver­sor­gung.

Es kommt eher dar­auf an, ob man die inter­nen Struk­tu­ren sol­cher Funk­ti­ons­sys­te­me und das Wech­sel­ver­hält­nis die­ser Sys­te­me intel­li­gen­ter orga­ni­sie­ren kann. Das ist mög­lich und geschieht per­ma­nent. In die­sem Sin­ne kön­nen auch Ein­zel­per­so­nen Sys­te­me ver­än­dern, oder bes­ser: Sys­te­me dazu brin­gen, nach den je eige­nen Regeln auf Impul­se zu reagie­ren und neue Struk­tu­ren zu schaf­fen. Genau das ist es, was wir Enga­ge­ment nen­nen. Wer sich davon frus­trie­ren lässt, dass die Din­ge kau­sal nicht so lau­fen, wie er sich das vor­her vor­ge­stellt hat, dem fehlt eine Idee für jene „List der Ver­nunft“, die man braucht, um Sys­te­me in eine Rich­tung zu bewe­gen. Das kyber­ne­ti­sche Stich­wort heißt: indi­rek­te Steue­rung. Das kennt doch jeder, der schon ein­mal sein gegen­über, eine Grup­pe, eine Orga­ni­sa­ti­on oder wen auch immer zu etwas brin­gen möch­te, wor­auf die­ses Gegen­über nicht selbst gekom­men wäre. Die kau­sa­le Bewir­kung durch direk­te For­de­rung oder durch Durch­set­zungs­macht ist sicher die am wenigs­ten intel­li­gen­te Lösung.