Bestof 2/2016

Bestof 1/2017 agora42 SYSTEME

In weni­gen Tagen erscheint die neue Aus­ga­be 3/2016. Zeit für ein klei­nes Bestof aus der aktu­el­len Aus­ga­be zum The­ma SYSTEME.

 

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Für das Cover die­ser Aus­ga­ben haben sich unse­re Gra­fi­ke­rin­nen von DMBO rich­tig ins Zeug gelegt: Eini­ges an Tüf­te­lei, sech­zehn Stun­den rei­ne Umset­zungs­zeit, cir­ca fünf­tau­send bun­te Stei­ne und ein Dut­zend Bau­plat­ten (ins­ge­samt 1,6 Qua­drat­me­ter) wur­den in das Ergeb­nis inves­tiert. Auch wenn die Jury des renom­mier­ten Wett­be­werbs Cover des Monats das alles nihct wuss­ten, reich­te bereits die Idee für den zwei­ten Platz im März.

 

Helmut Wilke: “Zur Relevanz de Systemtheorie von Niklas Luhmann”

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Eine Aus­ga­be über SYSTEME – klar, dass dar­in ein Arti­kel “Zur Rele­vanz de Sys­tem­theo­rie von Niklas Luh­mann” nicht feh­len darf. Wir freu­en uns, dass wir mit Prof. Hel­mut Wil­ke für die­sen Arti­kel (s. 9–14) einen der renom­mier­tes­ten Sys­tem­theo­re­ti­ker gewin­nen konn­ten. Hier der Abs­tract:

Niklas Luh­manns sozio­lo­gi­sche Sys­tem­theo­rie hat sich inzwi­schen von einer eso­te­ri­schen Theo­rie für Fach­leu­te zu einem Denk­an­satz ent­wi­ckelt, der ganz selbst­ver­ständ­lich für unter­schied­lichs­te Fel­der von Pra­xis genutzt wird – von der sys­te­mi­schen Fami­li­en­the­ra­pie über sys­te­mi­sche Bera­tung bis zu Kon­zep­tio­nen des sys­te­mi­schen Manage­ments. Die Fra­ge, die in die­sem kur­zen Essay beant­wor­tet wer­den soll, lau­tet: Was sind die Kern­punk­te der Sys­tem­theo­rie Luh­manns und wel­chen Bei­trag kann die Sys­tem­theo­rie für einen adäqua­ten und reflek­tier­ten Umgang mit kom­ple­xen dyna­mi­schen Sys­te­men leis­ten?

 

Hans Werner Ingensiep: “Leben mit System? – Das Systembegriff in der Biologie”

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Woher kommt eigent­lich der Begriff des Sys­tems? Der Pro­fes­sor für Phi­lo­so­phie und Wis­sen­schafts­ge­schich­te in den Bio­wis­sen­schaf­ten am Insti­tut für Phi­lo­so­phie der Universität Duis­burg-Essen geht in sei­nem Bei­trag “Leben mit Sys­tem? – Der Sys­tem­be­griff in der Bio­lo­gie” (S. 15–18) der Fra­ge nach, was man unter einem Sys­tem in der Bio­lo­gie ver­steht. Hier der Abs­tract:

In den Medi­en wim­melt es nur so von Sys­te­men: Man spricht vom „Ökosystem“, das aus dem Gleich­ge­wicht gera­ten sei, in medi­zi­ni­schen Kon­tex­ten von der Zel­le oder dem Genom als
„Sys­tem“, man rekla­miert die Sys­tem­theo­rie in der Evo­lu­ti­on oder redet von Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on und chao­ti­schen Sys­te­men. Aber nicht nur in den Medi­en, auch und vor allem in der Bio­lo­gie ist der Sys­tem­be­gri  beliebt: in Form des Bio­sys­tems. So häufig die­ser Begriff  genutzt wird, so sel­ten ist man sich über sei­ne Bedeu­tung im Kla­ren. Was hat es also auf sich mit den Bio­sys­te­men?

 

Louis Klein: “Systeme? Welche Systeme? – der blinde Fleck der Aufklärung”

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Seit dem ers­ten Mal, dass der Schlacht­ruf “Fuck the sys­tem” erschal­len ist, hat die­se For­de­rung nichts von ihrer Attrak­ti­vi­tät für die Rvo­lu­tio­nä­re von links, rechts, oben und unten ein­ge­büßt. Aber was ver­steht man eigent­lich unter dem Sys­tem, das man hier so ger­ne ficken will? Der Her­aus­ge­ber der agora42 Lou­is Klein geht die­ser Fra­ge in sei­nem Bei­trag “Sys­te­me? Wel­che Sys­te­me? – Der blin­de Fleck der Auf­klä­rung” (S. 20–24). Hier der Bei­trag:

Das Unbe­ha­gen ist aller­or­ten. Das Unbe­ha­gen ist groß, sehr groß sogar. Es ist ein Unbe­ha­gen im Jetzt, ein Unbe­ha­gen im Sys­tem, ein Unbe­ha­gen in der eige­nen Haut. Das Unbe­ha­gen arti­ku­liert sich. „Empört euch!“, ruft Stéphane Hes­sel, und die Occu­py-Bewe­gung ver­steht sich als Sprach­rohr nicht nur einer jun­gen Gene­ra­ti­on. Das Unbe­ha­gen for­dert auf zum Aus­stieg aus dem Sys­tem. Damit rückt etwas in den Blick, was die Aufklärung übersah. Nun ist es an der Zeit, über Sys­te­me aufzuklären.

 

Frank Augustin: “Chaos und Kapitalismus”

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Es gibt Sys­te­me und es gibt Meta­sys­te­me – so argu­men­tiert der Chef­re­dak­tu­er der agora42 Frank Augus­tin. Ein Meta­sys­tem ist die Bedin­gung für alle ande­ren Sys­te­me, für alle Klas­si­fi­ka­tio­nen, für alle Phä­no­me­ne – schreibt er fer­ner in sei­nem Arti­kel “Cha­os und Kapi­ta­lis­mus” (S. 25–30). Hier der Abs­tract:

Kapi­ta­lis­mus gibt es nur ganz oder gar nicht. Er ist viel mehr als ein Wirt­schafts­sys­tem – er ist ein Meta­sys­tem. Und als sol­ches bil­det er nicht nur die Grund­la­ge des Wirt­schaf­tens, son­dern unse­res gesam­ten Daseins. Das soll­te einem klar sein, denn das Meta­sys­tem Kapi­ta­lis­mus ist dabei zusam­men­zu­bre­chen.

 

Martin Kornberger: “Keine Aufregung. Der Widerspruch hat System”

Bestof 2:2016 8Die Para­do­xie ist die Ortho­do­xie unse­rer Zeit“, schreibt Niklas Luh­mann, und nir­gends trifft das bes­ser zu als im Fall des Kapi­ta­lis­mus. Der Kapi­ta­lis­mus stellt den Betrach­ter vor ekla­tan­te Widersprüche – und zwar mit sol­cher Regelmäßigkeit, dass der sys­te­misch geschul­te Ana­ly­ti­ker den Wider­spruch erwar­tet wie einen alten Freund. Doch um wel­che Widersprüche geht es genau? Und sind sie wirk­lich alte Freun­de? – fragt Mar­tin Korn­ber­ger in sei­nem Bei­trag “Kei­ne Auf­re­gung. Der Wider­spruch hat Sys­tem” (S. 64–70).

Hier ein klei­nes Bei­spiel, wel­che Wider­sprü­che Mar­tin Korn­ber­ger meint: Auf der einen Sei­te ist der Kapi­ta­lis­mus ein Gesell­schafts­ent­wurf, der auf der Ord­nung des frei­en Mark­tes beruht. Auf der ande­ren Sei­te beruht der Kapi­ta­lis­mus auf Produktivität und Effi­zi­enz, die sich nur im Rah­men einer hier­ar­chi­schen Struk­tur erzie­len lässt. Smiths Visi­on einer frei­en Markt­ord­nung führt schnur­stracks in eine hier­ar­chi­sche Orga­ni­sa­ti­ons­ge­sell­schaft. Dar­aus resul­tiert das Para­dox: Der Markt braucht die Hier­ar­chie, die Hier­ar­chie aber ist sein Gegen­teil, der Anti-Markt schlecht­hin. Liegt denn nicht eine beson­de­re Iro­nie in dem Umstand, dass Unter­neh­mer, die doch gemein­hin als die Fürsprecher der unsicht­ba­ren Hand des Mark­tes auf­tre­ten, in ihren eige­nen Orga­ni­sa­tio­nen auf die sicht­ba­re Hand des Mana­gers ver­trau­en? Aller libe­ra­len Rhe­to­rik zum Trotz setzt sich die freie Markt­wirt­schaft in Wirk­lich­keit aus unzähligen klei­nen Plan­wirt­schaf­ten zusam­men. Hier­ar­chie ist sys­tem­im­ma­nen­tes Markt­ver­sa­gen, der Mana­ger der obers­te Ver­wal­ter die­ses Markt­ver­sa­gens.

Herr Korn­ber­ger arbei­tet der­zeit an der Copen­ha­gen Busi­ness School als Pro­fes­sor für Stra­te­gie und Orga­ni­sa­ti­on. Er lebt mit sei­ner Fami­lie in Wien. Detail­lier­ter führt er die­sen Wider­spruch in sei­nem kürz­lich erschie­ne­nen Buch “Plan B” aus.

 

Abenteuer Unternehmertum – ein Gespräch mit Wolfgang Heck

Bestof 2:2016 10In der Rubrik VERANTWORTUNG UNTERNEHMEN spre­chen Frank Oberg­fell und Phil­ip­pe Merz von der Tha­les Aka­de­mie. Die­se Rubrik ent­stand vor dem Hin­ter­grund fol­gen­der Über­le­gung: Mittelständische Unter­neh­mer wer­den zwar als „Rückgrat der deut­schen Wirt­schaft“ besun­gen, tre­ten aber sel­ten öffentlich in Erschei­nung und dass es für alle Betei­lig­ten doch gewinn­brin­gend wäre, wenn man mehr von deren Erfol­gen und Nie­der­la­gen, Erfah­run­gen und Ein­sich­ten erfah­ren wür­den.

In dem Gespräch “Aben­teu­er Unter­neh­mer­tum” erzählt Wolf­gang Heck wie er den heu­te euro­pa­weit erfolg­reichs­ten Her­stel­ler von Bio-Tofu zu gründete und bei­na­he 30 Jah­re lang erolg­reich führ­te: Ab 1986 expe­ri­men­tier­ten er und sein ers­ter Geschäftspartner in einem Frei­bur­ger Kel­ler mit Tofu­pro­duk­ten aus bio­lo­gi­schem Soja, von denen sie zunächst vier Kilo pro Woche auf dem Frei­bur­ger Münstermarkt ver­kauf­ten. Heu­te pro­du­zie­ren 230 Mit­ar­bei­ter 100 Ton­nen Bio-Tofu pro Woche, der Umsatz wächst jährlich um zehn Pro­zent und liegt mitt­ler­wei­le bei 30 Mil­lio­nen Euro. Den­noch steht die sozi­al und ökologisch ver­ant­wor­tungs­vol­le Unternehmensführung für Heck noch immer im Zen­trum sei­nes Han­delns. Regelmäßig erhält er Übernahmeangebote von ame­ri­ka­ni­schen und japa­ni­schen Hol­dings, die vom Bio-Boom pro­fi­tie­ren wol­len. Doch Heck hat­te sei­nen Mit­ar­bei­tern schon vor Jah­ren ver­spro­chen, das Unter­neh­men nie zu ver­kau­fen. Die­ses Ver­spre­chen löste er 2014 ein, indem er alle Geschäftsanteile in die Heck-Unter­neh­mens­stif­tung ein­brach­te.

Perfide Systeme und kluge Menschen – Interview mit Ludger Heidbrink

Anläss­lich der aktu­el­len Aus­ga­be haben wir aus­ge­wähl­ten Per­so­nen zum The­ma “SYSTEME” ein paar Fra­gen gestellt. Hier die Ant­wor­ten von Prof. Dr. Lud­ger Heid­brink.

 

Perfide Systeme und kluge Menschen

Interview mit Ludger Heidbrink

 

Abs­trak­te kom­ple­xe Gebil­de wer­den heu­te schnell als Sys­te­me bezeich­net, ohne zu wis­sen, was dar­un­ter genau zu ver­ste­hen ist. Gan­ze Wis­sen­schaf­ten erfor­schen Ent­ste­hung, Ent­wick­lung, Ein­fluss und Beein­flus­sung von Sys­te­men. Was bringt uns das Nach­den­ken über Sys­te­me?

Heidbrink 300dpi Kopie

Lud­ger Heid­brink ist seit 2007 Direk­tor des Cen­ter for Respon­si­bi­li­ty Rese­arch am Kul­tur­wis­sen­schaft­li­chen Insti­tut Essen. Seit 2009 außer­plan­mä­ßi­ger Pro­fes­sor für Cor­po­ra­te Respon­si­bi­li­ty und Cor­po­ra­te Citi­zenship an der Uni­ver­si­tät Wit­ten-Her­de­cke. Ab Okto­ber 2012 Lehr­stuhl für Prak­ti­sche Phi­lo­so­phie an der Chris­ti­an-Albrechts-Uni­ver­si­tät zu Kiel. Seni­or Fel­low am Kul­tur­wis­sen­schaft­li­chen Insti­tut Essen. Mit­glied der AG Wirt­schafts­ethik der Deut­schen Gesell­schaft für Phi­lo­so­phie, der Wer­te­kom­mis­si­on für wer­te­ori­en­tier­te Füh­rung e.V., des Kie­ler Forum für Poli­ti­sche Phi­lo­so­phie und Wirt­schafts­ethik sowie des Gus­tav Rad­bruch Netz­werks für Ethik und Phi­lo­so­phie der Umwelt. Seit April 2013 Gast­pro­fes­sor am Rein­hard-Mohn-Insti­tut für Unter­neh­mens­füh­rung und Cor­po­ra­te Gover­nan­ce an der Uni­ver­si­tät Wit­ten-Her­de­cke.

Aus Sicht der sozio­lo­gi­schen Sys­tem­theo­rie sind Sys­te­me durch funk­tio­na­le Dif­fe­ren­zie­rung, ope­ra­ti­ve Geschlos­sen­heit und auto­po­ie­ti­sche Repro­duk­ti­on gekenn­zeich­net. Ein­fach gesagt: Sys­te­me tun, was sie wol­len. Sie las­sen sich nicht durch poli­ti­sche oder mora­li­sche Ein­grif­fe steu­ern, son­dern fol­gen ihrer eige­nen Zie­len und Zwe­cken. Den­ken wir an trans­na­tio­na­le Unter­neh­men oder Finanz­märk­te. Natio­na­len Staa­ten sind viel­fach die Hän­de gebun­den, wenn es um wirk­sa­me Sank­tio­nen gegen Goog­le oder Apple wegen Ver­let­zung des Daten­schut­zes oder Steu­er­flucht geht. Die mora­li­sche Ent­rüs­tung von NGOs hilft auch nur begrenzt, zumal im Eifer des Gefechts häu­fig all­zu simp­le Mei­nun­gen gegen die Über­macht der „Kon­zer­ne“ oder der „Märk­te“ geäu­ßert wer­den, wie man es etwa in der TTIP-Dis­kus­si­on sieht. Das Nach­den­ken über Sys­te­me ist sinn­voll, um die Kom­ple­xi­tät glo­ba­ler Gesell­schaf­ten bes­ser ver­ste­hen zu ver­ste­hen.

 

Wor­an bemerkt man Sys­te­me im All­tag? Sind Sie in Ihrem Leben ein­mal einem Sys­tem begeg­net, haben sich dar­an gesto­ßen oder wur­den dadurch gar unter­stützt? Wie sind Sie damit umge­gan­gen?

Als Bahn­viel­fah­rer sto­ße ich mich jede Woche am Sys­tem der DB. Wer ein­mal ver­sucht hat, sich über Zug­aus­fäl­le, Ver­spä­tun­gen oder absur­de Anzei­gen zu beschwe­ren, weiß was damit gemeint ist. Wir pral­len als Kun­den auf ein per­fi­des Sys­tem der orga­ni­sier­ten Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit, in dem nie­mand für irgend­et­was zustän­dig ist. Die­ses Bei­spiel mag tri­vi­al sein. Aber der gesun­de Men­schen­ver­stand sagt uns, dass hier etwas nicht in Ord­nung ist und man eigent­lich etwas tun müss­te. Das ist der Punkt, wo man dar­über nach­zu­den­ken beginnt, wie sich Sys­te­me ändern las­sen – z.B. durch schrift­li­che Beschwer­den, geziel­te Boy­kot­te und kon­zer­tie­re Aktio­nen von Kon­su­men­ten, die Peti­tio­nen ein­rei­chen oder sich in Blogs wie die­sem arti­ku­lie­ren.

 

Per­spek­ti­ven und Mei­nun­gen jun­ger Men­schen wer­den in sys­tem­re­le­van­ten Ent­schei­dun­gen – sei es in der Poli­tik, der Wirt­schaft, der Wis­sen­schaft etc. – kaum berück­sich­tigt. Von sys­tem­ver­ur­sach­ten Kri­sen hin­ge­gen sind sie beson­ders betrof­fen (Arbeits­lo­sig­keit, Staats­ver­schul­dung, Ren­ten­aus­fall, Umwelt­zer­stö­rung). Wel­chen Rat geben Sie die­ser Gene­ra­ti­on?

Sich zuerst gründ­lich über die Ursa­chen von sys­te­mi­schen Kri­sen infor­mie­ren und dann mit ande­ren über sinn­vol­le Ände­run­gen reden. Ein­sich­ten und Erfah­run­gen, die unter­ein­an­der aus­ge­tauscht wer­den, sind wich­tig, um aus unter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven die Kom­ple­xi­tät von Pro­ble­men bes­ser ana­ly­sie­ren zu kön­nen. Wenn das gesche­hen ist, soll­te man zwei Din­ge tun: sein eige­nes Ver­hal­ten ändern (z.B. sich nicht über Umwelt­zer­stö­rung beschwe­ren und wei­ter Fleisch essen) und poli­tisch aktiv wer­den. Auch wenn per­sön­li­che und poli­ti­sche Initia­ti­ven nur einen begrenz­ten Ein­fluss auf Sys­tem­pro­zes­se haben, gibt es im Grun­de kei­nen ande­ren Weg, um die Ver­hält­nis­se wirk­sam zu ver­än­dern.

 

Seit Luh­manns Sys­tem­theo­rie glaubt nie­mand mehr dar­an, dass sich sozia­le Sys­te­me von Ein­zel­per­so­nen ver­än­dern las­sen. Trotz­dem wächst das Unbe­ha­gen gegen­über Sys­te­men, wie dem Wirt­schafts­sys­tem oder dem Staats­sys­tem. Mal uto­pisch gefragt: Kann es eine sys­tem­freie Zukunft geben?

Nein, wir ste­hen erst am Beginn der sys­tem­ge­lei­te­ten Zukunft, wenn man etwa an auto­ma­ti­sche Sys­te­me oder digi­ta­le Netz­wer­ke denkt. Aller­dings benö­ti­gen wir genau dafür nicht nur intel­li­gen­te Maschi­nen, son­dern auch klu­ge Men­schen. Luh­manns Feh­ler in sei­nen spä­te­ren Arbei­ten war, die Rol­le von Per­so­nen für die Orga­ni­sa­ti­on von Sys­te­men zu unter­schät­zen. Es han­delt sich um eine Art sym­bio­ti­sches Wech­sel­ver­hält­nis: Per­so­nen han­deln ver­ant­wort­lich, wenn sie kom­ple­xe Pro­zes­se an Sys­te­me dele­gie­ren, wäh­rend Sys­te­me ver­ant­wort­lich agie­ren, indem sie Ent­schei­dungs­pro­zes­se an Per­so­nen zurück­bin­den. Gera­de demo­kra­ti­sche Staa­ten und glo­ba­le Markt­wirt­schaf­ten sind auf refle­xi­ons­fä­hi­ge, mora­lisch auf­merk­sa­me und poli­tisch akti­ve Bür­ger ange­wie­sen.

Das Zeitalter der Heroen ist keineswegs vorbei – Interview mit Rudolf Wimmer

Das Zeitalter der Heroen ist keineswegs vorbei
– Interview mit Rudolf Wimmer

 

Anläss­lich der aktu­el­len Aus­ga­be haben wir aus­ge­wähl­ten Per­so­nen zum The­ma “SYSTEME” ein paar Fra­gen gestellt. Hier die Ant­wor­ten von Prof. Dr. Rudolf Wim­mer.

 

Abs­trak­te kom­ple­xe Gebil­de wer­den heu­te schnell als Sys­te­me bezeich­net, ohne zu wis­sen, was dar­un­ter genau zu ver­ste­hen ist. Gan­ze Wis­sen­schaf­ten erfor­schen Ent­ste­hung, Ent­wick­lung, Ein­fluss und Beein­flus­sung von Sys­te­men. Was bringt uns das Nach­den­ken über Sys­te­me?

Foto Wimmer.sw

Prof. Dr. Rudolf Wim­mer ist Part­ner der osb inter­na­tio­nal, Vize­prä­si­dent der Pri­va­ten Uni­ver­si­tät Wit­ten / Her­de­cke und Pro­fes­sor für Füh­rung und Orga­ni­sa­ti­on am Insti­tut für Fami­li­en­un­ter­neh­men an der Uni­ver­si­tät Witten/Herdecke.

Es ist zutref­fend, dass der Sys­tem­be­griff inzwi­schen in wei­ten Berei­chen infla­tio­när ver­wen­det wird, dass er im all­täg­li­chen Sprach­ge­brauch sei­ne Trenn­schär­fe ver­lo­ren hat und dann in der Kom­mu­ni­ka­ti­on häu­fig mehr zur Kon­fu­si­on beträgt denn zu einer prä­zi­sen Beschrei­bung der in Fra­ge ste­hen­den Phä­no­me­ne. Des­halb sind all jene Anstren­gun­gen nur zu begrü­ßen, die dar­auf gerich­tet sind, die­ser Begriff­lich­keit einer­seits ihre Vag­heit und Viel­deu­tig­keit zu neh­men und ande­rer­seits die in die­ses Word­ing immer auch mit­ein­ge­bau­te Magie zu ent­zau­bern, d. h. „Auf­klä­rung“ im wohl ver­stan­de­nen, Kant’schen Sin­ne zu ermög­li­chen.

Die Kyber­ne­tik wie auch die aus ihr ent­wach­se­ne neue­re Sys­tem­theo­rie ver­dan­ken sich im Grun­de genom­men ganz bestimm­ten his­to­risch zuord­nen­ba­ren Kom­ple­xi­täts­er­fah­run­gen. Es sind dies Erfah­run­gen mit einer Viel­zahl hete­ro­ge­ner Ein­fluss­va­ria­blen, die unter­ein­an­der in Wech­sel­wir­kung ste­hen, die dabei eine beson­de­re Art von Eigen­dy­na­mik ent­wi­ckeln, die im Ein­zel­nen nicht vor­her­sag­ba­re Zustän­de her­vor­bringt, Zustän­de, die ihrer­seits die Basis für wei­te­re Ent­wick­lungs­schrit­te abge­ben, etc., etc. In der Zwi­schen­zeit hat sich in der Sys­tem­theo­rie-Com­mu­ni­ty (soweit man von so etwas über­haupt spre­chen kann) für sol­che sich selbst­er­zeu­gen­de und sich selbst repro­du­zie­ren­de Ein­hei­ten der Sys­tem­be­griff durch­ge­setzt.

Es sind dies bio­lo­gi­sche, psy­chi­sche und sozia­le „Ganz­hei­ten“, die sich aus ihren spe­zi­fi­schen Umwel­ten aus­dif­fe­ren­zie­ren, eige­ne Gren­zen aus­prä­gen, die zum einen durch­läs­sig sind, zum ande­ren aber auch eine schar­fe Tren­nung ent­ste­hen las­sen und die die­se Gren­ze für das eige­ne Wei­ter­exis­tie­ren immer wie­der von Neu­em auf­recht erhal­ten müs­sen. Für die­se Phä­no­me­ne grei­fen Denk­wei­sen, die pri­mär auf Ursache/Wirkungszusammenhängen, d. h. die auf dem klas­si­schen Kau­sa­li­täts­prin­zip beru­hen, zu kurz; dies sowohl für das Ver­ständ­nis des sys­tem­in­ter­nen Gesche­hens wie auch für die Aus­tausch­pro­zes­se mit den für die jewei­li­gen Sys­te­me cha­rak­te­ris­ti­schen, die eige­ne Exis­tenz ermög­li­chen­den Umwel­ten. Die­ser Sys­tem­be­griff, der auf Ganz­hei­ten abstellt, die sich selbst als Ein­hei­ten her­vor­brin­gen und erhal­ten, und der Kom­ple­xi­täts­be­griff sind zwei Sei­ten ein und der­sel­ben Medail­le.

Was bringt die­se Art von Denk­wei­se? Wor­in besteht der damit ver­bun­de­ne erkennt­nis­ori­en­tier­te Gelän­de­ge­winn? Der Sys­tem­be­griff wirkt als Ein­la­dung zur geziel­ten Refle­xi­on beson­ders kom­ple­xer Ver­hält­nis­se. Das sind Ver­hält­nis­se, die von hoher Unge­wiss­heit, von Nicht­vor­her­seh­bar­keit, ja häu­fig von dis­rup­ti­ven Ver­än­de­run­gen geprägt sind. Die aktu­el­len Ent­wick­lun­gen in Euro­pa, ja im glo­ba­len Kon­text ins­ge­samt, sind unver­kenn­bar Aus­druck sol­cher Ver­hält­nis­se. Wel­che Art von Begrif­fen, wel­che Spra­che, wel­ches Beschrei­bungs­re­per­toire steht uns heu­te zur Ver­fü­gung, um uns sol­chen Ver­hält­nis­sen ange­mes­sen zu nähern, zumal wir uns als Beob­ach­ter selbst auch als „Sys­te­me“ mit den­sel­ben Merk­ma­len begrei­fen müs­sen? Die Sys­tem­theo­rie hilft, sich dar­über ins Kla­re zu kom­men, wie man das Unwahr­schein­li­che, näm­lich Koor­di­na­ti­on zwi­schen an sich auto­no­men Ein­hei­ten, die unaus­weich­lich ihrer eige­nen Melo­die fol­gen, hin­be­kom­men kann. Das Rech­nen mit höchst eigen­wil­li­gen Sys­te­men, ein­ge­bet­tet in intrans­pa­ren­te, heterar­chisch struk­tu­rier­te Netz­wer­ke ermu­tigt, sich einer­seits von den übli­chen Mach­bar­keits- und Plan­bar­keits­il­lu­sio­nen zu ver­ab­schie­den und ande­rer­seits auch dort noch Spiel­räu­me und Frei­heits­gra­de zu ent­de­cken, wo ande­re in Ohn­macht und Resi­gna­ti­on erstar­ren. Der Respekt vor der evo­lu­tio­nä­ren Eigen­dy­na­mik und den Selbst­or­ga­ni­sa­ti­ons­me­cha­nis­men hoch­kom­ple­xer Sys­tem­zu­sam­men­hän­ge mahnt zur Vor­sicht gegen­über all­zu simp­len Lösungs­er­war­tun­gen und den damit ver­bun­de­nen, all­zu engen Kon­troll­an­sprü­chen.

Die­ser Respekt ermu­tigt aber auch zur Über­nah­me von Ver­ant­wor­tung in jenen wich­ti­gen Gestal­tungs­di­men­sio­nen, die man durch­aus beein­flus­sen kann, ohne sich gleich selbst für alles und jedes ver­ant­wort­lich zu füh­len. Die­ser ver­ant­wor­tungs­be­wuss­te und gleich­zei­tig rea­li­täts­an­ge­mes­se­ne Umgang mit einer an allen Ecken und Enden zuneh­men­den Kom­ple­xi­tät unse­rer gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se kann durch ein dif­fe­ren­zie­rungs­fä­hi­ges Sys­tem­den­ken zwei­fels­oh­ne beför­dert wer­den.

 

Wor­an bemerkt man Sys­te­me im All­tag? Sind Sie in Ihrem Leben ein­mal einem Sys­tem begeg­net, haben sich dar­an gesto­ßen oder wur­den dadurch gar unter­stützt? Wie sind Sie damit umge­gan­gen?

Eig­net man sich die im vori­gen Abschnitt ent­fal­te­te Sys­tem­per­spek­ti­ve an, dann erwirbt man sich mit die­ser Bril­le ein spe­zi­fi­sches „Seh­ver­mö­gen“. Man kann sich selbst als Beob­ach­ter begrei­fen, der sein Selbst in Aus­ein­an­der­set­zung mit sei­nen ganz unter­schied­li­chen sozia­len Bezü­gen immer neu kon­stru­iert und sich dabei gleich­zei­tig als iden­tisch erlebt. Die­se lau­fend statt­fin­den­de Begeg­nung mit sich selbst als Reso­nanz auf gemach­te Erfah­run­gen pro­fi­tiert von der Mög­lich­keit, sich selbst bei der Eigen­be­ob­ach­tung zu beob­ach­ten und dabei die spe­zi­fi­sche Selek­ti­vi­tät der lie­be­voll gepfleg­ten Selbst­kon­struk­tio­nen in den Blick zu bekom­men. In die­sem Sin­ne kann jeder sich selbst all­täg­lich als „auto­po­ie­ti­sches Sys­tem“ begeg­nen und die mit die­ser Begeg­nung mög­li­chen Beob­ach­tun­gen und deren Aus­wer­tun­gen dafür nut­zen, sich eine via­ble Ori­en­tie­rung in der je spe­zi­fi­schen Welt, in der man sich zu bewäh­ren hat, zu orga­ni­sie­ren. Jeder von uns ope­riert in ganz unter­schied­li­chen Sys­tem­zu­sam­men­hän­gen, in der Fami­lie, in Lie­bes- und Freund­schafts­be­zie­hun­gen, in Unter­neh­men oder ver­gleich­ba­ren Orga­ni­sa­tio­nen, in denen man beruf­lich enga­giert ist, etc. Man ist in Ver­ei­nen, Clubs, in poli­ti­schen Par­tei­en, in zivil­ge­sell­schaft­li­chen Zusam­men­hän­gen tätig. Stets hat man es mit ganz cha­rak­te­ris­ti­schen sozia­len Sys­te­men zu tun, die ihre spe­zi­fi­schen Eigen­hei­ten ent­fal­ten und damit dem Wir­ken in den­sel­ben Mög­lich­kei­ten eröff­nen, aber auch ganz bestimm­te Begren­zun­gen zumu­ten. All die­se Erfah­run­gen las­sen sich mit einem sys­te­mi­schen Blick reflek­tie­ren und auf die eige­nen per­sön­li­chen Ent­wick­lungs­po­ten­zia­le rück­kop­peln. Man kann aber eben­so gut leben, wenn man auf die­sen Blick ver­zich­tet. Aller­dings, hat man sich die­ses Seh- und Refle­xi­ons­ver­mö­gen ein­mal kon­se­quent „ange­wöhnt“, wird man die­ses nicht mehr los.

 

Per­spek­ti­ven und Mei­nun­gen jun­ger Men­schen wer­den in sys­tem­re­le­van­ten Ent­schei­dun­gen – sei es in der Poli­tik, der Wirt­schaft, der Wis­sen­schaft etc. – kaum berück­sich­tigt. Von sys­tem­ver­ur­sach­ten Kri­sen hin­ge­gen sind sie beson­ders betrof­fen (Arbeits­lo­sig­keit, Staats­ver­schul­dung, Ren­ten­aus­fall, Umwelt­zer­stö­rung). Wel­chen Rat geben Sie die­ser Gene­ra­ti­on?

Es ist abso­lut zutref­fend, dass unse­re Gesell­schaft eine Rei­he unge­lös­ter Pro­blem­stel­lun­gen vor sich her­schiebt, die mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit die Lebens­be­din­gun­gen künf­ti­ger Gene­ra­tio­nen erheb­lich belas­ten wer­den. Ganz oben auf die­ser Agen­da steht die Wachs­tums­pro­ble­ma­tik. Die ein­zel­nen Unter­neh­men, die Wirt­schaft als Gan­zes eben­so wie alle wohl­fahrts­staat­li­chen Siche­rungs­sys­te­me sind heu­te auf kon­ti­nu­ier­li­ches quan­ti­ta­ti­ves Wachs­tum gepolt. Wir wis­sen längst, dass die unge­brems­te Fort­set­zung die­ses Kur­ses nicht mehr revi­dier­ba­re Schä­den an den öko­lo­gi­schen Rah­men­be­din­gun­gen des Lebens (Stich­wort Kli­ma­wan­del) sowie an der Res­sour­cen­ba­sis der Mensch­heit nach sich zie­hen wird. In der jün­ge­ren Gene­ra­ti­on ist durch­aus ein Ein­stel­lungs­wan­del zu vie­len Fra­gen des gesell­schaft­li­chen Lebens beob­acht­bar, zur­zeit inten­siv dis­ku­tiert unter dem Stich­wort „Gene­ra­ti­on Y“. Fra­gen der per­sön­li­chen Sinn­stif­tung, einer grö­ße­ren Acht­sam­keit gegen­über den Lang­frist­wir­kun­gen bestimm­ter Bedin­gun­gen der Arbeits­welt, aber auch gegen­über gewis­sen Kon­sum­ge­wohn­hei­ten und den damit ver­bun­de­nen sozia­len Stan­dards gewin­nen zuneh­mend an Bedeu­tung. Die Bereit­schaft, sich zivil­ge­sell­schaft­lich zu enga­gie­ren (Bei­spiel Flücht­lings­kri­se), hat erfreu­li­cher­wei­se zuge­nom­men. Das Chan­cen­po­ten­zi­al, das in die­sem Zusam­men­hang im Pro­zess der Digi­ta­li­sie­rung, spe­zi­ell in den digi­ta­len Medi­en liegt, kann eine neue Art von poli­ti­scher Wirk­sam­keit ansto­ßen. Nie­mand kann aber im Moment bereits abschät­zen, wel­che Ent­wick­lungs­ver­läu­fe wir in die­sem Zusam­men­hang wer­den beob­ach­ten kön­nen.

 

Seit Luh­manns Sys­tem­theo­rie glaubt nie­mand mehr dar­an, dass sich sozia­le Sys­te­me von Ein­zel­per­so­nen ver­än­dern las­sen. Trotz­dem wächst das Unbe­ha­gen gegen­über Sys­te­men, wie dem Wirt­schafts­sys­tem oder dem Staats­sys­tem. Mal uto­pisch gefragt: Kann es eine sys­tem­freie Zukunft geben?

Die Vor­stel­lung, dass ein­zel­ne Per­sön­lich­kei­ten einen gro­ßen gestal­ten­den Ein­fluss auf die Ent­wick­lung hoch­kom­ple­xer Sozi­al­sys­te­me haben, sei­en es gro­ße, glo­bal täti­ge Unter­neh­men, rie­si­ge Ver­wal­tungs­or­ga­ni­sa­tio­nen oder auf Poli­tik und Wirt­schaft als Gan­zes, ist nach wie vor weit ver­brei­tet. Das Zeit­al­ter der Hero­en an der Spit­ze macht­vol­ler Orga­ni­sa­tio­nen ist kei­nes­wegs vor­bei. Die Über­schät­zung des Ein­flus­ses von Füh­rungs­per­sön­lich­kei­ten in bedeut­sa­men Posi­tio­nen dient gera­de in unsi­che­ren Zei­ten der­ma­ßen tief­sit­zen­den kol­lek­ti­ven Bedürf­nis­sen und Lösungs­hoff­nun­gen, sodass wir in abseh­ba­rer Zeit nicht davon aus­ge­hen kön­nen, dass die­se ver­ein­fa­chen­den Erwar­tun­gen und Zuschrei­bun­gen von „Grö­ße“ an Kraft ver­lie­ren wer­den. Trotz der schon län­ger lau­fen­den Debat­te zu den Mög­lich­kei­ten und Gren­zen eines post­he­ro­i­schen Manage­ments und Lea­derships gilt es zur Kennt­nis zu neh­men, dass sich sol­che Dis­kus­sio­nen in sehr begrenz­ten Nischen unse­rer Gesell­schaft abspie­len.

Die Fra­ge nach einer „sys­tem­frei­en Zukunft“ macht nur Sinn, wenn wir davon aus­ge­hen, dass alles Leben wie­der von die­ser Erde ver­schwin­det. Wir haben den Sys­tem­be­griff spe­zi­ell für das Ent­ste­hen und die Repro­duk­ti­on von bio­lo­gi­schen, psy­chi­schen und sozia­len Enti­tä­ten aus­ge­ar­bei­tet und pro­fi­liert. Mit Blick auf die künf­ti­ge gesell­schaft­li­che Evo­lu­ti­on sind sicher­lich wei­te­re oder auch noch ganz ande­re Dif­fe­ren­zie­rungs­for­men erwart­bar, als wir sie bis­lang ken­nen­ge­lernt haben. Dirk Baecker hat die­se bereits in Gang befind­li­chen Ent­wick­lun­gen unter dem Begriff einer „nächs­ten Gesell­schaft“ zusam­men­ge­fasst. Ins Zen­trum der Über­le­gun­gen tre­ten hier stär­ker netz­werk­för­mi­ge sozia­le For­ma­tio­nen, inner­halb bestehen­der Orga­ni­sa­tio­nen aber auch zwi­schen den­sel­ben und loser auf­ge­stell­ten gesell­schaft­li­chen Akteu­ren. Damit ent­ste­hen wesent­lich hori­zon­ta­le­re Koope­ra­ti­ons­an­for­de­run­gen, die das klas­si­sche Prin­zip der Hier­ar­chie trans­for­mie­ren und damit auch ein ganz neu­es Ver­ständ­nis von Füh­rung und Manage­ment zur Koor­di­na­ti­on von eigen­stän­dig ope­rie­ren­den, in ganz unter­schied­li­chen Kon­tex­ten behei­ma­te­ten Akteu­ren ver­lan­gen. Die neu­en Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mög­lich­kei­ten, die der Pro­zess der Digi­ta­li­sie­rung eröff­net und in rasen­der Geschwin­dig­keit über­all auf der Welt ver­an­kert, sind Kopro­du­zen­ten die­ses in sei­nen Aus­wir­kun­gen über­haupt noch nicht abseh­ba­ren gesell­schaft­li­chen Wan­dels.