Banker, zieht Euch besser an! oder Formen sind kein leerer Wahn

Banker, zieht Euch besser an!
oder Formen sind kein leerer Wahn

Das Ansehen der bei Finanzinstitutionen beschäftigen Menschen ist im Ranking der Professionen irgendwo zwischen Preisboxern, Sonnenstudio-Besitzern, und kommunalen Strafzettelverteilern anzusetzen. Etwas Dubioses umweht sie und gelegentlich wird ihnen sogar mit Verachtung begegnet wenn man sie nicht gerade wieder ganz dringend braucht.
Das war einmal anders. Bankier – das bedeutete einmal etwas; und auch in den niedrigen Rängen hat man mit einer Beschäftigung bei der Bank Verlässlichkeit, Seriosität, Sachverstand und korrekte Kleidung assoziiert. „Bankbeamter“ – so nannten unsere Eltern zum Teil noch die Beschäftigten in der Bank, auch wenn sie gar keine Beamten waren. Aber sie standen für ein solides und verlässliches System, dem man – wie dem Staatsapparat – keinen Kollaps zutraute.

Bernd Villhauer
In der Kolumne „Finanz & Eleganz“ geht Bernd Villhauer, Geschäftsführer des Weltethos-Instituts, den Zusammenhängen von eleganten Lösungen, Inszenierungen, Symbolen und Behauptungen einerseits sowie dem Finanzmarkt andererseits nach. Grundsätzliche Überlegungen zu der Kolumne finden Sie in der Einführung.

Spätestens seit dem Beginn der Finanzkrise weiß aber auch unsere Generation, dass Banken sterbliche Wesen sind. Und parallel zur Entzauberung der Banken begann der Verfall ihrer Symbolkultur. Wann haben Sie zum ersten Mal einen Bankangestellten ohne Krawatte gesehen? 1988? 2003? Wann sind Sie zum ersten Mal über einen Pappaufsteller gestolpert, auf dem unter dem schon ausreichend häßlichen Maskottchen der Bank der Auszubildende in noch häßlicherer Schrift gekrakelt hatte: „Saftige Zinsen – unser Sommerangebot!“ Ab wann war unübersehbar, dass die freundlichen Bankberater nicht nur bei ihrer Kleidung auf die persönliche Bequemlichkeit achteten, sondern auch bei den Finanzprodukte nur die anboten, die für die Bank am bequemsten waren?
Manche gesellschaftlichen Gruppen zeichnen sich durch einen bestimmten Kleidungsstil, einen Dresscode aus, durch bestimmte Manieren, ein gewisses Auftreten. Sie zeigen damit, dass sie eine eigene Logik, oft auch einem eigenen Moral folgen. Man diszipliniert sich weil man für Ansprüche und für Werte steht, die nicht mit jeder gesellschaftlichen Modewelle wechseln. Exklusivität kann man das auch nennen – und es muss nichts Schlechtes sein wenn die entsprechende Gruppe an sich selbst besonders hohe Anforderungen stellt. Berufsethos und Stolz auf eine Profession gingen und gehen oft einher mit symbolischer Abgrenzung.
Ganz grob könnte man sagen, dass bis in die 1970er Jahre in den Banken „altmodische“ Seriösität vorherrschte – dunkle Anzüge, ruhiges und gemessenes Verhalten… Dann, langsam, aber unaufhaltsam wurde die Bank modern – und Leute im Finanzsektor liefen Gefahr, hip und sexy zu wirken. Der große Durchbruch kam mit Gordon Gekko, dem Spekulanten aus „Wall Street“ von Oliver Stone, der die gewandelte Kultur und den schnelleren und lauteren Börsenhandel in das allgemeine Bewusstsein rückte.
Aber nicht nur die amerikanischen Börsenhändler wurden protzig und ließen die zu teure Uhr am Handgelenk baumeln. Auch der brave Schalterknecht ließ sich Maßschuhe machen und pimpte seinen Wagen. Die Wolkenkratzer der Wall Street rückten näher an die Kreissparkasse Heinsberg oder die Volksbank Dithmarschen heran. Nürtingen schaute nach New York.
Zunächst zog die teure Gewöhnlichkeit des erfolgreichen Gebrauchtwagenverkäufers ein, dann der schlichtere kleine Bruder, die reine Gewöhnlichkeit. Aus dem Diener am Kunden wurde der Verkäufer, schließlich nicht mehr als die Wetware im „Servicecenter“, das sich schnell nur noch als Profitcenter verstand.
Hold on – war die Finanzindustrie nicht schon immer profitorientiert? Waren die „guten alten Zeiten“ nicht auch hier nur in einer Weise übel, die wir einfach nicht so gut kennen? Nein, in vielen Bereichen lässt sich zeigen, dass die Finanzindustrie sich tatsächlich in gefährlicher Weise von ihrer Hauptaufgabe, der Verwaltung des Privatvermögens und der Versorgung der Wirtschaft mit Kapital entfernt hat. Der Blick für das große Ganze ist verloren gegangen und mit ihm die besondere Würde, die sich mit den eigentlich wichtigen Aufgaben verbunden ist.
Banker, zieht Euch besser an! Ich fordere: mehr Marmor, weniger Plastik; schwarze Westenanzüge statt Polohemden, Broschüren über Finanzprodukte, die weniger bunt und dafür informativer und auf Büttenpapier gedruckt sind. Gebt dem Finanzsektor seine Würde zurück! Wenn sich die Banken und Schattenbanken selbst wieder ernster nehmen – dann nehmen sie vielleicht auch ihre Aufgabe für die Gesamtökonomie wieder ernst.
Form follows function. Und die Funktionen des Finanzsektors verdienen ganz gewiss gute Umgangsformen.
Geschrieben bei einer Tasse Tee am 18. September 2015.
Bernd Villhauer