Cash from Chaos | Bernd Villhauer

AtemschutzmaskenFoto: De an Sun | Unsplash

 

Cash from Chaos

Geschichten von Viren und Volatilitäten

Text: Bernd Villhauer

Die Wirtschaftsgeschichte ist auch eine Geschichte der Krankheiten. Aber wie genau sieht die Beziehung zwischen Krankheit und Kurs aus? Und was ist mit den prognostischen Potenzialen des Finanzmarkts? Kann uns die Börse nicht nur etwas über die ungesunde Gegenwart, sondern vielleicht auch über die Zukunft sagen? Was von den Krankheiten ist jeweils schon eingepreist und wie bewährt sich die Börse als Prognoseinstrument? Cash from Chaos | Bernd Villhauer weiterlesen

Ein Gedankenspiel von Kai Jannek | 23.04.2051

Drohnen

Illustrationen: DMBO – Studio für Gestaltung

Text: Kai Jannek

23.04.2051

Liebes Tagebuch,

vor nicht einmal einer halben Stunde poppten die Wahl- und Spendenaufrufe auf all meinen Displays auf. Die komplette in der Diaspora lebende Gemeinde war adressiert worden. Es ging um die sofortige Abwahl und Absetzung des Präsidenten in unserem Heimatland. Ich selbst beteiligte mich nicht, aber anscheinend haben sich genug Spender gefunden. Vor vielleicht zwei Minuten zeigten die Nachrichten die Live-Bilder seiner Demission. Er hatte gerade die Kapsel seiner gepanzerten Limousine geöffnet, um ein Restaurant zu betreten, als ein dunkler Schwarm, ich vermute Mikrodrohnen, mit hoher Geschwindigkeit in seine Augen flog. Die Bilder waren schrecklich und ich muss die Erinnerungen dringend überschreiben. Landik ist nicht der erste Regierungschef, der von autonomen Killerdrohnen niedergestreckt wurde. Finanziert via Crowdfunding in einer anonymen Kryptowährung. Ausgeführt von dezentralen autonomen Organisationen, die ihre Dienste auf 12Chan im Darknet anbieten. Dort gibt es einen sehr differenzierten Automated Assassination Market. Anhänger können natürlich auch für den Schutz der jeweiligen Zielperson spenden. Man könnte also fast von Demokratie sprechen. Im Fall von Landik, ich habe mir die Zahlen gerade angeschaut, war die Unterstützung allerdings gering.

Ein Gedankenspiel von Kai Jannek | 23.04.2051 weiterlesen

Immer der Muschel nach – Ein Gespräch mit der Pilgerin Andrea Löffler

Immer der Muschel nach

Text und Fotos: Andrea S. Klahre

Was will der Mensch auf dem Jakobsweg, der nicht nur aus der historischen Route besteht – dem Camino de Santiago zur Grabstätte des Heiligen Jakobus in Santiago de Compostela –, sondern der ein in Europa kaum überschaubares Wegenetz ist. Viele, auch konfessionslose Pilger, die spätestens nach Hape Kerkeling zunächst durch Spanien gegangen sind, waren überrascht, als sie die blau-gelben Jakobsmuschel-Wegweiser in Deutschland entdeckten. Oder in Frankreich, Portugal, Norwegen, der Schweiz. Unterwegs sein auf kultur- und geschichtsträchtigen Strecken ist eine Herausforderung, intensive Natur- und Selbsterfahrung eine andere. Jeder Pilger hat eine eigene Geschichte zu erzählen, am Ende eint wohl alle, dass es innere Wege sind: Gedanken, Gefühle, (Selbst-)Gespräche ermöglichen einen (neuen) Zugang zu Lebensthemen. Andrea Löffler ist 2018 den Münchner Jakobsweg gegangen: 300 Kilometer in 15 Tagen und 13 Etappen á 18 bis 26 Kilometer, vom Angerkloster am Jakobsplatz in München nach Lindau am Bodensee. Übernachtet hat sie in Pilgerherbergen, einem Kloster, der Sakristei einer Kirche, bei einer 90-jährigen Dame, die seit 60 Jahren ihr Haus für Pilger öffnet, und zweimal in einem Luxushotel. Bis auf zwei Etappen war sie allein unterwegs. Immer der Muschel nach – Ein Gespräch mit der Pilgerin Andrea Löffler weiterlesen

Über Zeitwohlstand und kluge Lust

Über Zeitwohlstand und kluge Lust

von Andrea S. Klahre

Entschleunigen. Fritz Reheis hat das Thema zu einer Zeit aufgegriffen, als dieses Wort noch kaum bekannt war. Heute steht es im Duden. Sein Buch Die Kreativität der Langsamkeit. Neuer Wohlstand durch Entschleunigung, das rund 50.000 Mal verkauft wurde, hat ganz sicher dazu beigetragen. Der Soziologe und Erziehungswissenschaftler über Mut zu Utopien, einen Lebensstil mit richtig verstandener Langsamkeit und “kluge Lust”, eine neue Form des Genießens.

Nachgefragt bei Fritz Reheis

Lieber Professor Reheis, bereits 1996 haben Sie eines der ersten wissenschaftlichen Bücher über die Notwendigkeit zum Entschleunigen geschrieben. Es ist in mehreren Auflagen erschienen und gilt als Klassiker. Seinerzeit haben Sie Mut zur Utopie bewiesen. Was ist aus den Utopien geworden?

Mit Entschleunigungsangeboten lässt sich offenbar viel Geld verdienen. Entschleunigung wird heute mit allem Möglichen verbunden: mit Ratgebern für Zeitmanagement und Work Life Balance, als Lockmittel beim Verkauf von Polstermöbeln, Wellnesswochen und Urlaubsregionen. Leider dient sie dabei meist dazu, die Menschen möglichst schnell wieder fit zu machen für die nächste Runde – für noch effizienteres Beschleunigen. Über Zeitwohlstand und kluge Lust weiterlesen

GOLD! oder Bemerkungen über fahrbare Sümpfe – von Bernd Villhauer

GOLD!

oder

Bemerkungen über fahrbare Sümpfe

Text: Bernd Villhauer

Gerade heute lese ich, dass Gold als Anlage ein Comeback feiert, die Aussichten rosig sind. Warum das nun? Es gibt einen Korridor, in dem sich der Goldpreis seit 2013 hin- und herbewegt, zwischen rund 1.050 Dollar und 1.350 Dollar pro Feinunze (das sind ungefähr 31 Gramm). Und nun rüttelt das Gold an den Gitterstäben ‑ es sieht danach aus, als würde es nach oben ausbrechen ‑ ab dem magischen Wert von 1.355 Dollar gilt: „the sky is the limit“.

Zeit, sich auch einmal in „Finanz & Eleganz“ mit dem Edelmetall zu beschäftigen. Denn eine gewisse ästhetische Wertigkeit kann man ihm wohl kaum absprechen. Als Schmuckmaterial ist es allgegenwärtig, es hängt in Kettenform nicht nur um zahlreiche indische oder chinesische, sondern auch deutsche Hälse und die große Mehrheit der Eheringe ist aus ihm gefertigt. Zwar holen Platin, Palladium und Titan auf, sogar Edelstahl wird beliebter, aber dennoch hält sich Gold unangefochten an der Spitze des Paarschmucks. Schönheit für die Ewigkeit ‑ bitte nur mit Gold. Warum ist das so? Was steckt hinter dem Soliditätsversprechen des chemischen Elements Aurum mit der Ordnungszahl 79? Warum zeigt sich z.B. bei Eheringen nicht die ganze Materialvielfalt unserer modernen Welt ‑ von fluoreszierendem Hartplastik über parfümierte Presspappe bis zum polierten Feinbeton? GOLD! oder Bemerkungen über fahrbare Sümpfe – von Bernd Villhauer weiterlesen

Man muss Arbeit und Muße wieder zusammen denken

Man muss Arbeit und Muße wieder zusammen denken

Text von Andrea S. Klahre

Es gibt Worte, die aus einer fernen Zeit ins Heute sprechen. Muße ist so ein Wort, ein kurzes mit einer längeren Ausdehnung. Was erschließt sich, wenn man über seinen Klang und seine Bedeutungen nachdenkt – oder gar über sein Verschwinden? “Verschwindet Muße, stirbt mit dem Wort eine ganze Welt”, meint der Philosoph Holger Zaborowski und hat mit Gleichgesinnten die Gegenpole Absichtslosigkeit und Arbeit in der neuen Kategorie Arbeit 5.0 zusammengeführt.

Nachgefragt bei Holger Zaborowski

Lieber Professor Zaborowski, 2018 stand der Kultursommer Rheinland-Pfalz unter dem Motto “Industrie-Kultur”. Zu diesem Anlass haben Sie mit Ihrem Kollegen Martin W. Ramb den Sammelband Arbeit 5.0 oder: Warum ohne Muße alles nichts ist herausgegeben. Warum dieser Anlass?

Holger Zaborowski
Holger Zaborowski ist Professor für Geschichte der Philosophie und philosophische Ethik an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar und seit 2017 Rektor der Hochschule. Er schreibt unter anderem über Fragen des Mensch(lich)seins und hat anlässlich der Europawahl in dem Sammelband Heimat Europa? darüber nachgedacht, ob und wie Europa Heimat sein kann und soll. Foto: Matthias Cameran

Das Motto „Industrie-Kultur“ beinhaltet eine Spannung. Industrie kommt vom lateinischen “industria”, dem Wort für Arbeit, Betriebsamkeit oder Fleiß. Zu einer Kultur gehört wiederum nicht nur die Arbeit, das herstellende Handeln, das immer für etwas gut sein muss, sondern auch die Muße als mächtiger Gegenpol, die ihren Zweck ausschließlich in sich selbst findet. Das wird heute oft vergessen. Daher wollten wir daran erinnern, dass man Arbeit und Muße wieder zusammen denken muss.

Arbeit ist nur menschlich, wenn sie in Mußezeiten eingebunden ist. Weil man die digitale Arbeitswelt als Industrie 4.0 oder Arbeit 4.0 bezeichnet, wollten wir mit “Arbeit 5.0” darüber hinausgehen und die Vision einer neuen Integration von Arbeit und Muße entwickeln. Hierbei bedeuten Mußestunden nicht einfach Nichtstun; sie können sehr aktiv sein – und anstrengend. Denken Sie an jemanden, der musiziert, kocht, liest, seinen Garten pflegt oder wandert. Man muss Arbeit und Muße wieder zusammen denken weiterlesen

Gedankenspiel – 08.04.2051

08.04.2051

Liebes Tagebuch,

seit fast einer Woche hatte ich mir keine künstlichen Erinnerungen mehr eingespielt. Und ich musste feststellen: Mein realer Alltag war doch ziemlich eintönig. Um also mal wieder etwas zu erleben, hatte ich eine Elefanten-Tour in einem Naturschutzgebiet im Norden der thailändischen Provinz gebucht.

Heute morgen habe ich dann die frühe Hyperloop-Verbindung nach Chiang Mai genommen. Eigentlich wollte ich während der zweistündigen Fahrt ein wenig Schlaf nachholen, aber ich wurde derart mit Werbung beschallt, dass ich kein Auge zubekam. Hier ein Angebot für eine regenerative Koronarbehandlung, dort ein Angebot für ein bionisches Auge mit Zehnfach-Zoom und Makro, dazu ein Hinweis auf eine Schweinefarm, in der schon eine neue, auf mich abgestimmte Bauchspeicheldrüse wuchs. So ging das in einer Tour.

Am Zielbahnhof angekommen, ließ ich mich von einem autonomen Pod ins Naturschutzgebiet fahren. Es ging vorbei an gigantischen Indoor-Farmen von Pfizer, in denen Pharmapflanzen angebaut wurden. Vermutlich Tabakpflanzen, in denen Impfstoffe, Hormone oder Krebsantikörper heranwuchsen. Dann passierten wir ausgedehnte Grasplantagen von Rio Tinto. Dort wurden natürlich keine gewöhnlichen Gräser angebaut, sondern spezielle Hyperakkumulatoren, die Platin, Palladium oder Germanium aus dem Boden zogen. Gedankenspiel – 08.04.2051 weiterlesen

Boden

Absturz ins Bodenlose?

Die Natur und ihre Veränderung

von Lia Polotzek

Unsere gesamte Erde ist bis auf die Meere, Flüsse und Bergregionen von einer feinporigen, belebten Schicht überzogen – den Böden. Die Qualität der Böden ist jedoch alarmierend. Nur noch 60 Ernten wird die Menschheit einfahren können, bevor es zu einem weltweiten Boden-Burn-out kommt – das war 2015 die schockierende Analyse der Welternährungsorganisation. Da etwa 95 Prozent unserer Nahrungsmittel direkt oder indirekt aus dem Boden kommen, hängt das Überleben der Menschheit von den Böden ab. Und die Entstehung neuer Böden ist denkbar langsam: Es braucht etwa 2.000 Jahre bis zehn Zentimeter Boden entstehen. Boden weiterlesen

Biodiversität und Artensterben – die Natur und ihre Veränderung

Biodiversität und Artensterben

Die Natur und ihre Veränderung

von Lia Polotzek

Während der Arbeit an diesem kurzen Artikel haben uns sechs Arten für immer verlassen. 2018 sind sowohl der Dunkelkopf-Blattspäher als auch der Weißwangen-Kleidervogel ausgestorben. An jedem einzelnen Tag verschwinden so 150 Arten – auf das Jahr gesehen sind das mehr als 58.000 Spezies. Zusätzlich ist mehr als ein Viertel der bekannten Arten vom Aussterben bedroht. Besonders dramatisch ist das Insektensterben: Mehr als 40 Prozent der Arten sind weltweit bedroht und die Biomasse der Insekten sinkt jedes Jahr um 2,5 Prozent. Deshalb prognostizierten Forscherinnen und Forscher Anfang 2019, dass es in 100 Jahren keine Insekten mehr geben wird, sollte dieser Trend anhalten. In Deutschland ist die Biomasse von Fluginsekten in den letzten 30 Jahren laut einer Studie sogar um drei Viertel zurückgegangen. Biodiversität und Artensterben – die Natur und ihre Veränderung weiterlesen

Wasser

Wasserverschmutzung und Trinkwasserknappheit

Die Natur und ihre Veränderung

von Lia Polotzek

Weniger als ein Prozent des Wassers weltweit ist den Menschen als Trinkwasser zugängig. Etwa 97 Prozent befindet sich in den Meeren und die restlichen drei Prozent Süßwasser sind hauptsächlich als Eis gefroren oder in Böden gebunden. Um das Wasser in Flüssen und Seen und das Grundwasser steht es jedoch schlecht. Denn Pestizide und Düngemittel aus der industriellen Landwirtschaft, Mikroplastik und Schadstoffe aus Minen, Tagebauen und der Industrie verschmutzen es weltweit. Seit den 1970er-Jahren gab es außerdem einen Rückgang der weltweit im Süßwasser lebenden Arten um mehr als 80 Prozent. In Deutschland finden sich bereits in 93 Prozent der fließenden Gewässer nicht mehr die Wasserpflanzen und Tiere in ihrer natürlichen Zusammensetzung. Nitrate, die aus stickstoffhaltigen Düngemitteln gebildet werden, belasten mittlerweile rund 18 Prozent des Grundwassers in Deutschland oberhalb der gesetzlichen Grenzwerte und stellen insbesondere in stehenden Gewässern ein Problem dar. Zusätzlich überschreiten fast alle deutschen Oberflächengewässer den Grenzwert für Quecksilber. Wasser weiterlesen