Keine Held*innentat, sondern Selbsterhaltung | Ramona Schmidt

WäscheklammernFoto: Félix Prado | Unsplash

 

Die Umwelt retten: Keine Held*innentat, sondern Selbsterhaltung

Text: Ramona Schmidt | Netzwerk Plurale Ökonomik

„How we tell stories of our past, and how we respond to the challenges of the present, are intimately connected.“ Jason W. Moore

Müssen wir wirklich die Natur retten?

Natürlich! Heute mehr als gestern – und morgen erst recht. Und dennoch transportiert die Frage ein Problem, welches ich in diesem kurzen Beitrag diskutieren möchte. Denn sie setzt voraus, dass wir (Menschen) die Natur retten müssen. Die Frage trennt Menschen also kategorial von der Natur. Hierdurch erscheint die Rettung als etwas, das man unter Umständen auch bleiben lassen könnte (da war halt nichts mehr zu machen…), oder sogar als Held*innentat – keineswegs aber als Notwendigkeit. Mit dieser Perspektive nehmen wir nicht wahr, dass wir dabei sind, unsere Existenzgrundlagen zu zerstören. Keine Held*innentat, sondern Selbsterhaltung | Ramona Schmidt weiterlesen

Gespräch mit Thomas Jörder | Bernd Villhauer

Euroskulptur vor dem EurotowerFoto: Hans Braxmeier | Pixabay

 

„Ich beschloss, das zu verändern“

Ein Gespräch mit Thomas Jörder

Fragen: Bernd Villhauer

Bei verschiedenen Kongressen und Tagungen ist mir ein freundlicher Herr aufgefallen, der ohne Zweifel Teil der Finanzbranche ist, aber doch eben eher wie ein Freibeuter auch Teil der Seefahrt ist – eben ein unabhängiger Denker: Thomas Jörder. Schon seit Jahren denkt er über ein „besseres Geldsystem“ nach und teilt hier einige Gedanken mit mir: Gespräch mit Thomas Jörder | Bernd Villhauer weiterlesen

Erzählte Ungleichheit | Henri Schneider, Henrika Meyer, Julia Schmid

Rahmen und ihre WirkungFoto: Jessica Ruscello | Unsplash

 

Ungleiche Erzählungen

Warum es wichtig ist, wie in den Wirtschaftswissenschaften über Ungleichheit gesprochen wird.

Text: Henri Schneider, Henrika Meyer und Julia Schmid | Netzwerk Plurale Ökonomik

Ungleichheit ist derzeit eine der größten ökonomischen Herausforderungen. Sie ist nicht natürlich gegeben, sondern Produkt eines gesellschaftlichen Aushandlungsprozesses. Um es in den Worten des Ungleichheitsforschers Thomas Piketty zu sagen: „Jede menschliche Gesellschaft muss ihre Ungleichheit rechtfertigen, […] Ungleichheitsregime […] zeichnen sich durch ein Zusammenspiel von Diskursen und institutionellen Einrichtungen aus, die der Rechtfertigung und Organisation wirtschaftlicher, sozialer und politischer Ungleichheit in den jeweiligen Gesellschaften dienen.” Erzählte Ungleichheit | Henri Schneider, Henrika Meyer, Julia Schmid weiterlesen

Atemlos im Geldmeer | Bernd Villhauer

Woher kommt das Geld?Foto: Geronimo Giqueaux | Unsplash

 

Atemlos im Geldmeer

Oder: Wer flutet hier wen mit was? Und warum?

Text: Bernd Villhauer

Stellt mir doch jemand neulich am Telefon die schlichte Frage: Woher kommt eigentlich das ganze Geld? Tatsächlich hören wir ja jetzt in der Corona-Krise von enormen Summen, die zur Stabilisierung der Wirtschaftskreisläufe und zum Abfedern von ökonomischen und sozialen Verwerfungen mobilisiert werden. In manchem Politikerinterview schwingt ein bisschen Stolz mit, dass man so riesige Gelder verteilen kann. Und gelegentlich verfällt man auch in martialische Rhetorik, bei der immer wieder gerne eine „dicke Bertha“ oder eine „Bazooka“ rausgeholt wird – wie seinerzeit von EU-Zentralbankpräsident Draghi und jetzt vom deutschen Finanzminister Scholz. Mit der Geldmengenerzeugung, die die Voraussetzung dafür ist, dass Politiker zeigen können, dass sie die größte Waffe haben, wollen wir uns im Folgenden einmal intensiver beschäftigen. Atemlos im Geldmeer | Bernd Villhauer weiterlesen

Cash from Chaos | Bernd Villhauer

AtemschutzmaskenFoto: De an Sun | Unsplash

 

Cash from Chaos

Geschichten von Viren und Volatilitäten

Text: Bernd Villhauer

Die Wirtschaftsgeschichte ist auch eine Geschichte der Krankheiten. Aber wie genau sieht die Beziehung zwischen Krankheit und Kurs aus? Und was ist mit den prognostischen Potenzialen des Finanzmarkts? Kann uns die Börse nicht nur etwas über die ungesunde Gegenwart, sondern vielleicht auch über die Zukunft sagen? Was von den Krankheiten ist jeweils schon eingepreist und wie bewährt sich die Börse als Prognoseinstrument? Cash from Chaos | Bernd Villhauer weiterlesen

Ein Gedankenspiel von Kai Jannek | 23.04.2051

Drohnen

Illustrationen: DMBO – Studio für Gestaltung

Text: Kai Jannek

23.04.2051

Liebes Tagebuch,

vor nicht einmal einer halben Stunde poppten die Wahl- und Spendenaufrufe auf all meinen Displays auf. Die komplette in der Diaspora lebende Gemeinde war adressiert worden. Es ging um die sofortige Abwahl und Absetzung des Präsidenten in unserem Heimatland. Ich selbst beteiligte mich nicht, aber anscheinend haben sich genug Spender gefunden. Vor vielleicht zwei Minuten zeigten die Nachrichten die Live-Bilder seiner Demission. Er hatte gerade die Kapsel seiner gepanzerten Limousine geöffnet, um ein Restaurant zu betreten, als ein dunkler Schwarm, ich vermute Mikrodrohnen, mit hoher Geschwindigkeit in seine Augen flog. Die Bilder waren schrecklich und ich muss die Erinnerungen dringend überschreiben. Landik ist nicht der erste Regierungschef, der von autonomen Killerdrohnen niedergestreckt wurde. Finanziert via Crowdfunding in einer anonymen Kryptowährung. Ausgeführt von dezentralen autonomen Organisationen, die ihre Dienste auf 12Chan im Darknet anbieten. Dort gibt es einen sehr differenzierten Automated Assassination Market. Anhänger können natürlich auch für den Schutz der jeweiligen Zielperson spenden. Man könnte also fast von Demokratie sprechen. Im Fall von Landik, ich habe mir die Zahlen gerade angeschaut, war die Unterstützung allerdings gering.

Ein Gedankenspiel von Kai Jannek | 23.04.2051 weiterlesen

Immer der Muschel nach – Ein Gespräch mit der Pilgerin Andrea Löffler

Immer der Muschel nach

Text und Fotos: Andrea S. Klahre

Was will der Mensch auf dem Jakobsweg, der nicht nur aus der historischen Route besteht – dem Camino de Santiago zur Grabstätte des Heiligen Jakobus in Santiago de Compostela –, sondern der ein in Europa kaum überschaubares Wegenetz ist. Viele, auch konfessionslose Pilger, die spätestens nach Hape Kerkeling zunächst durch Spanien gegangen sind, waren überrascht, als sie die blau-gelben Jakobsmuschel-Wegweiser in Deutschland entdeckten. Oder in Frankreich, Portugal, Norwegen, der Schweiz. Unterwegs sein auf kultur- und geschichtsträchtigen Strecken ist eine Herausforderung, intensive Natur- und Selbsterfahrung eine andere. Jeder Pilger hat eine eigene Geschichte zu erzählen, am Ende eint wohl alle, dass es innere Wege sind: Gedanken, Gefühle, (Selbst-)Gespräche ermöglichen einen (neuen) Zugang zu Lebensthemen. Andrea Löffler ist 2018 den Münchner Jakobsweg gegangen: 300 Kilometer in 15 Tagen und 13 Etappen á 18 bis 26 Kilometer, vom Angerkloster am Jakobsplatz in München nach Lindau am Bodensee. Übernachtet hat sie in Pilgerherbergen, einem Kloster, der Sakristei einer Kirche, bei einer 90-jährigen Dame, die seit 60 Jahren ihr Haus für Pilger öffnet, und zweimal in einem Luxushotel. Bis auf zwei Etappen war sie allein unterwegs. Immer der Muschel nach – Ein Gespräch mit der Pilgerin Andrea Löffler weiterlesen

Über Zeitwohlstand und kluge Lust

Über Zeitwohlstand und kluge Lust

von Andrea S. Klahre

Entschleunigen. Fritz Reheis hat das Thema zu einer Zeit aufgegriffen, als dieses Wort noch kaum bekannt war. Heute steht es im Duden. Sein Buch Die Kreativität der Langsamkeit. Neuer Wohlstand durch Entschleunigung, das rund 50.000 Mal verkauft wurde, hat ganz sicher dazu beigetragen. Der Soziologe und Erziehungswissenschaftler über Mut zu Utopien, einen Lebensstil mit richtig verstandener Langsamkeit und “kluge Lust”, eine neue Form des Genießens.

Nachgefragt bei Fritz Reheis

Lieber Professor Reheis, bereits 1996 haben Sie eines der ersten wissenschaftlichen Bücher über die Notwendigkeit zum Entschleunigen geschrieben. Es ist in mehreren Auflagen erschienen und gilt als Klassiker. Seinerzeit haben Sie Mut zur Utopie bewiesen. Was ist aus den Utopien geworden?

Mit Entschleunigungsangeboten lässt sich offenbar viel Geld verdienen. Entschleunigung wird heute mit allem Möglichen verbunden: mit Ratgebern für Zeitmanagement und Work Life Balance, als Lockmittel beim Verkauf von Polstermöbeln, Wellnesswochen und Urlaubsregionen. Leider dient sie dabei meist dazu, die Menschen möglichst schnell wieder fit zu machen für die nächste Runde – für noch effizienteres Beschleunigen. Über Zeitwohlstand und kluge Lust weiterlesen

GOLD! oder Bemerkungen über fahrbare Sümpfe – von Bernd Villhauer

GOLD!

oder

Bemerkungen über fahrbare Sümpfe

Text: Bernd Villhauer

Gerade heute lese ich, dass Gold als Anlage ein Comeback feiert, die Aussichten rosig sind. Warum das nun? Es gibt einen Korridor, in dem sich der Goldpreis seit 2013 hin- und herbewegt, zwischen rund 1.050 Dollar und 1.350 Dollar pro Feinunze (das sind ungefähr 31 Gramm). Und nun rüttelt das Gold an den Gitterstäben ‑ es sieht danach aus, als würde es nach oben ausbrechen ‑ ab dem magischen Wert von 1.355 Dollar gilt: „the sky is the limit“.

Zeit, sich auch einmal in „Finanz & Eleganz“ mit dem Edelmetall zu beschäftigen. Denn eine gewisse ästhetische Wertigkeit kann man ihm wohl kaum absprechen. Als Schmuckmaterial ist es allgegenwärtig, es hängt in Kettenform nicht nur um zahlreiche indische oder chinesische, sondern auch deutsche Hälse und die große Mehrheit der Eheringe ist aus ihm gefertigt. Zwar holen Platin, Palladium und Titan auf, sogar Edelstahl wird beliebter, aber dennoch hält sich Gold unangefochten an der Spitze des Paarschmucks. Schönheit für die Ewigkeit ‑ bitte nur mit Gold. Warum ist das so? Was steckt hinter dem Soliditätsversprechen des chemischen Elements Aurum mit der Ordnungszahl 79? Warum zeigt sich z.B. bei Eheringen nicht die ganze Materialvielfalt unserer modernen Welt ‑ von fluoreszierendem Hartplastik über parfümierte Presspappe bis zum polierten Feinbeton? GOLD! oder Bemerkungen über fahrbare Sümpfe – von Bernd Villhauer weiterlesen

Man muss Arbeit und Muße wieder zusammen denken

Man muss Arbeit und Muße wieder zusammen denken

Text von Andrea S. Klahre

Es gibt Worte, die aus einer fernen Zeit ins Heute sprechen. Muße ist so ein Wort, ein kurzes mit einer längeren Ausdehnung. Was erschließt sich, wenn man über seinen Klang und seine Bedeutungen nachdenkt – oder gar über sein Verschwinden? “Verschwindet Muße, stirbt mit dem Wort eine ganze Welt”, meint der Philosoph Holger Zaborowski und hat mit Gleichgesinnten die Gegenpole Absichtslosigkeit und Arbeit in der neuen Kategorie Arbeit 5.0 zusammengeführt.

Nachgefragt bei Holger Zaborowski

Lieber Professor Zaborowski, 2018 stand der Kultursommer Rheinland-Pfalz unter dem Motto “Industrie-Kultur”. Zu diesem Anlass haben Sie mit Ihrem Kollegen Martin W. Ramb den Sammelband Arbeit 5.0 oder: Warum ohne Muße alles nichts ist herausgegeben. Warum dieser Anlass?

Holger Zaborowski
Holger Zaborowski ist Professor für Geschichte der Philosophie und philosophische Ethik an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar und seit 2017 Rektor der Hochschule. Er schreibt unter anderem über Fragen des Mensch(lich)seins und hat anlässlich der Europawahl in dem Sammelband Heimat Europa? darüber nachgedacht, ob und wie Europa Heimat sein kann und soll. Foto: Matthias Cameran

Das Motto „Industrie-Kultur“ beinhaltet eine Spannung. Industrie kommt vom lateinischen “industria”, dem Wort für Arbeit, Betriebsamkeit oder Fleiß. Zu einer Kultur gehört wiederum nicht nur die Arbeit, das herstellende Handeln, das immer für etwas gut sein muss, sondern auch die Muße als mächtiger Gegenpol, die ihren Zweck ausschließlich in sich selbst findet. Das wird heute oft vergessen. Daher wollten wir daran erinnern, dass man Arbeit und Muße wieder zusammen denken muss.

Arbeit ist nur menschlich, wenn sie in Mußezeiten eingebunden ist. Weil man die digitale Arbeitswelt als Industrie 4.0 oder Arbeit 4.0 bezeichnet, wollten wir mit “Arbeit 5.0” darüber hinausgehen und die Vision einer neuen Integration von Arbeit und Muße entwickeln. Hierbei bedeuten Mußestunden nicht einfach Nichtstun; sie können sehr aktiv sein – und anstrengend. Denken Sie an jemanden, der musiziert, kocht, liest, seinen Garten pflegt oder wandert. Man muss Arbeit und Muße wieder zusammen denken weiterlesen