Einfach LEBEN – Hartmut Rosa über das lebendige Leben

Lebendig zu sein bedeutet, verbunden zu sein”

Inter­view mit Hart­mut Rosa

 

 

Anlässlich der neuen agora42 EINFACH LEBEN haben wir ausgewählten Personen zum Thema ein paar Fragen gestellt. Hier die Antworten von Hartmut Rosa. Er spricht über das Lebendigsein, den Himmel voller Geigen, neue Maßstäbe und die Versöhnung mit der Welt …

 

Herr Rosa, kann man über­haupt ein­fach über Ein­fach­heit spre­chen, oder spricht man da nicht gleich über etwas ziem­lich Kom­pli­zier­tes?

Ein­fach leben’ ist ja ein wun­der­bar dop­pel­deu­ti­ger Titel, und ich plä­die­re für die Beto­nung auf dem zwei­ten Wort: Ein­fach LEBEN. Was könn­te das hei­ßen? Was ich in mei­nem Buch Reso­nanz. Eine Sozio­lo­gie der Welt­be­zie­hung zu sagen ver­sucht habe ist, dass leben­dig zu sein bedeu­tet, ver­bun­den zu sein, wobei die­se Ver­bin­dung – mit der Welt, mit dem Leben, mit uns selbst – vier ent­schei­den­de Merk­ma­le auf­weist:
Ers­tens, ich muss in der Lage sein, mich von den Men­schen und/oder Din­gen errei­chen, berüh­ren, bewe­gen zu las­sen.
Zwei­tens, ich muss wil­lens und in der Lage sein, auf die­se Berüh­rung ant­wor­tend zu reagie­ren, und zwar so, dass ich die ande­re Sei­te – ‘das Leben’ – auch mei­ner­seits errei­chen und spü­ren kann, d.h. so, dass ich mich als selbst­wirk­sam erle­be. Leben­dig sein heißt in die­sem Sin­ne ‘einem Ruf ant­wor­ten’, oder auch: Immer wie­der auf Anru­fe zu ant­wor­ten.
Drit­tens: In die­sem hören­den Ant­wor­ten ver­än­de­re ich mich auch, und die Welt, die ich dabei erfah­re, ver­än­dert sich eben­falls. Ste­ti­ge Trans­for­ma­ti­on gehört also zum Leben.
Und vier­tens: Leben­dig kann nur sein, wer akzep­tiert, dass vie­les in der Welt und im Leben unver­füg­bar ist und bleibt: Man kann Reso­nanz nicht erzwin­gen, und wenn sie ein­tritt, weiß man nie im Vor­hin­ein, was dabei her­aus­kommt. ‘Kom­pli­ziert­heit’ ent­steht im Leben vor allen Din­gen dadurch, dass wir ver­su­chen, alles ver­füg­bar zu machen und unter bere­chen­ba­re Kon­trol­le zu brin­gen.
Ihre Aus­gangs­ver­mu­tung trifft also mei­nes Erach­tens voll ins Schwar­ze: Wenn wir ein­fach LEBEN, erfül­len wir die­se vier Bedin­gun­gen, aber sie sind nicht so leicht zu erfül­len, es han­delt sich um eine kom­ple­xe Form des In-Bezie­hung-Seins, und dazu kommt noch, dass es unmög­lich ist, immer oder nur im Reso­nanz­mo­dus zu leben. Es gehört zu den unver­zicht­ba­ren und groß­ar­ti­gen Kul­tur­leis­tun­gen des Men­schen, dass wir eben auch in der Lage sind, die Welt und das Leben zu ver­ding­li­chen, in küh­le Distanz zur Welt zu gehen, dem Ruf eben NICHT zu ant­wor­ten. Ein­fach leben ver­langt daher oben­drein, immer die Balan­ce zu hal­ten.

 

Kann man ein­fach leben, ohne dem Leben irgend­ei­ne Struk­tur und Ord­nung zu geben? Kann man ein­fach nur In-Situa­ti­on-Sein, das heißt, in wech­seln­den Situa­tio­nen leben und Sinn fin­den, ohne einen „Gesamt­sinn“ zu unter­stel­len?

Hart­mut Rosa ist seit 2005 Pro­fes­sor für All­ge­mei­ne und Theo­re­ti­sche Sozio­lo­gie an der Uni­ver­si­tät Jena sowie Direk­tor des Max-Weber-Kol­legs der Uni­ver­si­tät Erfurt. 2016 erschien sein Buch Reso­nanz: Eine Sozio­lo­gie der Welt­be­zie­hung im Suhr­kamp Ver­lag.

Das kommt sehr dar­auf an, was Sie mit ‘Sinn’ mei­nen. Gelin­gen­des Leben hängt mei­nes Erach­tens wirk­lich nicht davon ab, dass wir ein geschlos­se­nes Welt­bild im Sin­ne einer Theo­rie über das Uni­ver­sum und das Leben haben. Das kann man sich leicht an Bei­spie­len klar­ma­chen. Neh­men wir an, jemand sitzt in sei­nem Zim­mer und fin­det sein Leben und die Welt öde, trau­rig, sinn­los und leer. Dann geht er auf die Stra­ße und ver­liebt sich – und plötz­lich hängt ihm oder ihr ‘der Him­mel vol­ler Gei­gen’, wobei es sogar egal ist, ob er sich in einen Men­schen oder ein Lied oder ein Buch oder eine Stadt oder eine Auf­ga­be ver­liebt hat. Was sich geän­dert hat, ist nicht sei­ne Theo­rie, sein Welt­bild, er hat kein neu­es Sinn­ge­bäu­de geschaf­fen – son­dern er oder sie hat sich anru­fen las­sen und fühlt sich leben­dig genug, die­sem Ruf zu fol­gen oder zu ant­wor­ten. Aller­dings ver­hält es sich so dass wir, wenn wir auf die­se Wei­se einem Ruf ant­wor­ten (viel­leicht auch, indem wir uns um ein Kind oder einen alten Men­schen oder Flücht­lin­ge oder einen Wald küm­mern), uns auf eigen­ar­ti­ge Wei­se wie­der mit dem ‘Umgrei­fen­den’ des Lebens ins­ge­samt ver­bun­den füh­len. Zwi­schen uns und der Welt zieht es dann, sozu­sa­gen, ‘wie­der durch’, der Lebens­hauch geht durch uns hin­durch. Tat­säch­lich hal­te ich des­halb die spät­mo­der­ne Obses­si­on des ‘Ganz-im-Hier-und Jetzt-Sein-Wol­lens’ für einen Irr­tum: Wenn wir in Reso­nanz mit dem Leben sind, wei­tet sich unser Hori­zont zeit­lich und räum­lich, weil unser Welt­ver­hält­nis nicht mehr starr ist, son­dern sich gleich­sam ver­flüs­sigt. Wenn sich Struk­tur und Ord­nung aus sol­cher Ver­bun­den­heit erge­ben, ist das wun­der­bar, ich den­ke in der Tat: Ohne Struk­tur und einen Sinn für Ord­nung geht es nicht, ohne sie las­sen sich kei­ne Reso­nanz­räu­me eta­blie­ren und kei­ne Reso­nanz­ach­sen sta­bi­li­sie­ren. Aber natür­lich kön­nen umge­kehrt star­re Ord­nun­gen und unfle­xi­ble, vor­ge­ge­be­ne Struk­tu­ren Reso­nanz­mög­lich­kei­ten zer­stö­ren. Struk­tu­ren und Ord­nun­gen haben den Nach­teil, dass sie mit den Punk­ten drei und vier des gelin­gen­den Lebens (Trans­for­ma­ti­on und Unver­füg­bar­keit) schlecht ver­ein­bar sind.

 

Dem mensch­li­chen Stre­ben nach Glück sind nach Sig­mund Freud enge Gren­zen gesetzt: „(…) man möch­te sagen, die Absicht, daß der Mensch »glück­lich« sei, ist im Plan der »Schöp­fung« nicht ent­hal­ten.“ Die Kul­tur ist für Freud eine Quel­le des mensch­li­chen Unbe­ha­gens und zeit­gleich die Not­wen­dig­keit für das (Über-)Leben in der Gemein­schaft. Beschränkt das Aus­maß und die Durch­drin­gung der Kul­tur die Mög­lich­keit des Glücks? Müs­sen wir allein sein, um glück­lich zu sein?

Selbst wenn Freud recht hät­te blie­be als Fak­tum bestehen, dass Men­schen nach Glück stre­ben und wir des­halb poli­tisch und phi­lo­so­phisch und auch in unse­rem öko­no­mi­schen Tun nach den Mög­lich­kei­ten und Gren­zen gelin­gen­den Lebens fra­gen müs­sen. Von mir aus könn­te die Fra­ge dann lau­ten: Wie sind wir am wenigs­ten unglück­lich? Ich fin­de die Stra­te­gie zu behaup­ten, es käme auf Glück gar nicht an, ist nicht nur phi­lo­so­phisch unbe­frie­di­gend son­dern poli­tisch gefähr­lich – sie ist eine Recht­fer­ti­gungs­stra­te­gie dafür, ent­frem­den­de Ver­hält­nis­se auf­recht zu erhal­ten. Aller­dings stim­me ich mit Freuds Aus­sa­ge inso­fern über­ein, als die Idee, mit allem und jedem jeder­zeit in Reso­nanz sein zu wol­len nicht nur kata­stro­phal illu­so­risch ist, son­dern poli­tisch brand­ge­fähr­lich, vor allem dann, wenn man Reso­nanz auch noch mit Ein­klang oder Har­mo­nie ver­wech­selt. Ich glau­be in der Tat, dass Reso­nanz nur eine Art moment­haf­ter Ver­söh­nung mit der Welt oder dem Leben ist, oder bes­ser: Das Auf­blit­zen der Idee mög­li­cher Ver­söh­nung. Sie macht uns aller­dings zwei Din­ge deut­lich: Ers­tens, wir kön­nen nicht und nie­mals ‘ganz allein’ glück­lich sein, etwa indem wir nur in uns ruhen und uns ‘ganz frei gemacht’ haben von allem, was da drau­ßen ist. Glück, oder bes­ser: gelin­gen­des Leben bedeu­tet, bereit und fähig zu sein sich berüh­ren zu las­sen, dar­auf zu ant­wor­ten und sich dabei immer wie­der zu ver­än­dern. Dafür bedarf es die­ser ‘ande­ren Sei­te’. Sie besteht aller­dings nicht nur und nicht not­wen­dig aus ande­ren Men­schen – dazu gehö­ren auch Tie­re, Pflan­zen, Din­ge, Ster­ne, Musik etc. Und zwei­tens, Gemein­schaft gelingt da, wo sie auf reso­nan­ter Ver­bun­den­heit basiert, nicht auf star­ren Regeln, die auch ein Volk von Teu­feln zu bän­di­gen ver­möch­ten, wie Kant meint.

 

Ein­deu­ti­ge Ant­wor­ten sind immer unter­kom­plex, kla­re Hand­lun­gen den­noch not­wen­dig – wie soll man in Zukunft mit die­sem Para­dox umge­hen? Wie kön­nen wir ein­fach Han­deln?

Wie­so soll­ten wir ein­fach han­deln wol­len? Wir soll­ten weder das EINFACHE Han­deln zum Maß­stab machen noch ein­fach HANDELN wol­len. Unse­re Hand­lun­gen wer­den das rich­ti­ge Maß an Kom­ple­xi­tät fin­den, wenn sie sich aus einer Hal­tung des In-Reso­nanz-Seins mit den Men­schen, mit den Din­gen und mit dem Leben oder Welt als umgrei­fen­der Ord­nung voll­zie­hen. Das heißt, wenn ihr Maß­stab nicht mehr das immer bes­se­re Kon­trol­lie­ren, Berech­nen und Beherr­schen ist, son­dern das immer bes­se­re Hören und Ant­wor­ten.
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agora42 ist das phi­lo­so­phi­sche Wirt­schafts­ma­ga­zin und erscheint seit 2009 im Eigen­ver­lag in Stutt­gart. Alle drei Mona­te ver­öf­fent­li­chen wir ein neu­es The­men­heft. Dabei wid­men wir uns den gro­ßen Fra­gen der Öko­no­mie, wie etwa Frei­heit, Wachs­tum, Fort­schritt, Gerech­tig­keit, Nach­hal­tig­keit u.v.m. Anspruchs­voll, aber trotz­dem ver­ständ­lich las­sen wir Den­ker und Prak­ti­ker zu Wort kom­men, die meist nur in spe­zi­el­len Fach­krei­sen gele­sen wer­den – aber deren Erkennt­nis­se für alle Men­schen von Bedeu­tung sind.

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Drei Schritte zur Einfachheit von Dieter Brandes

Drei Schritte zur Einfachheit

Inter­view mit Die­ter Bran­des

 

 

Anlässlich der neuen agora42 EINFACH LEBEN haben wir ausgewählten Personen zum Thema ein paar Fragen gestellt. Hier die Antworten von Dieter Brandes, Inhaber des Instituts für Einfachheit. Er spricht über das Marketingkonzept “Simplify-your-life”, den Verzicht auf Überflüssiges und die drei Schritte zur Einfachheit …

 

Herr Bran­des, gibt es das ein­fa­che Leben wirk­lich? Oder ver­birgt sich hin­ter dem „Sim­pli­fy-your-life“ nur ein ren­ta­bles Mar­ke­ting­kon­zept?

Das „ein­fa­che Leben“ im Sin­ne von dem, was wirk­lich unter dem Begriff „Ein­fach­heit“ zu ver­ste­hen wäre, gibt es natür­lich nicht. Aber es kann ein Leben för­dern, das ein­fa­cher gestal­tet wird. Ein­fach­heit mag zwar gut zu ver­ste­hen oder zu begrei­fen sein, es zu prak­ti­zie­ren ist aber meist nicht leicht. Ein­fach­heit, wie ich sie ver­ste­he, ist ja nicht eine neue Wis­sen­schaft, Phi­lo­so­phie oder Reli­gi­on. Ein­fach­heit soll nur leich­ter mög­lich machen, dass Absich­ten, Hand­lun­gen und Sys­te­me über­haupt funk­tio­nie­ren und zudem noch mög­lichst effi­zi­ent sind. Dar­über hin­aus schafft Ein­fach­heit fast immer eine Ori­en­tie­rung in der kom­ple­xen Umwelt. Das „Sim­pli­fy-your-life“ ist ein pas­sen­der Bei­trag zum ein­fa­chen Leben und zudem sicher inzwi­schen auch ein net­tes Mar­ke­ting­kon­zept.

 

Big Data und intel­li­gen­te Algo­rith­men sind gera­de in aller Mun­de. Die Hoff­nung ist, dass die Tech­nik in Zukunft „mit­denkt“ und das Leben ver­ein­fa­chen wird. Tei­len Sie die­se Hoff­nung?

Die­ter Bran­des war Geschäfts­füh­rer des Ver­wal­tungs­rats von Aldi Essen sowie der Unter­neh­mens­grup­pen Asko/Metro, Coop und Wen­deln. Heu­te ist er Bera­ter für Stra­te­gie und Orga­ni­sa­ti­on und Grün­der des Insti­tuts für Ein­fach­heit.

Nein. Daten sind oft Hilfs­mit­tel zum Ver­ständ­nis bestimm­ter Erschei­nun­gen. Ent­schei­dend allein bleibt zunächst die intel­li­gen­te Fra­ge zu bestimm­ten The­men oder Erschei­nun­gen. Danach mag man Daten zur Beant­wor­tung und zur Unter­stüt­zung eines bes­se­ren Ver­ständ­nis­ses her­an­zie­hen. Was meint man mit Kapi­ta­lis­mus? Was meint man mit einer Fehl­ent­wick­lung, mit Spe­ku­la­ti­ons­bla­sen etc.?

 

Was macht das Leben wirk­lich ein­fa­cher?

Bes­ser zu fra­gen wäre viel­leicht: Wie macht man das Leben ein­fa­cher? Dazu emp­feh­le ich drei Schrit­te.

Ers­tens: Wirk­lich ver­ste­hen, was Kom­ple­xi­tät ist. Hier in Kurz­form und etwas abs­trakt: vie­le Ele­men­te, die viel­fach mit­ein­an­der ver­bun­den sind, schaf­fen Kom­ple­xi­tät. Es geht dar­um, größt­mög­li­che Klar­heit zu gewin­nen dar­über, was man will, was das Ziel oder die Absich­ten sind. Das erfor­dert eine oft fast aske­ti­sche Bereit­schaft zum Ver­zicht auf Über­flüs­si­ges und Neben­säch­li­ches.

Hat man das geklärt, soll­te man im zwei­ten Schritt prü­fen, wor­auf man bei die­sen Zie­len viel­leicht doch noch ver­zich­ten kann. Dabei geht es nicht dar­um, so viel wie irgend mög­lich zu strei­chen, son­dern das Wesent­li­che in den Blick zu neh­men. Hier hilft ein guter Satz des ame­ri­ka­ni­schen Desi­gners Mil­ton Gla­ser: „Not less is more but just enough is more“.

Im drit­ten Schritt schließ­lich kann man die immer noch vor­han­de­ne Rest­kom­ple­xi­tät zu beherr­schen ver­su­chen durch eine klu­ge Gestal­tung der Akti­vi­tä­ten und Ver­fah­ren oder Vor­ge­hens­wei­sen. Das nen­ne ich Orga­ni­sa­ti­on mit Hil­fe von Dezen­tra­li­sa­ti­on, Über­tra­gung von Ver­ant­wor­tung und Ver­trau­en auf ande­re. Aber auch mit Kon­trol­le, wie das alles klappt. Schließ­lich pas­sen hier auch die wich­tigs­ten Schrit­te der Evo­lu­ti­on: „Ver­such und Irr­tum“. An klei­nen Akti­vi­tä­ten mit gerin­gen Risi­ken ein­fach mal etwas aus­pro­bie­ren.
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Die aktu­el­le agora42 zum The­ma EINFACH LEBEN ver­schi­cken wir ver­sand­kos­ten­frei. Lesen Sie span­nen­de Bei­trä­ge u.a. von Robert Pfal­ler (“Das nack­te und das gute Leben”), Ulri­ke Gué­rot (“Euro­pa ein­fach machen – ein­fach Euro­pa machen”), Frank Ruda (“Ein­fach nicht ein­fach”) und Mads Pan­kow (“End­lich wei­ter­ma­chen – Wer kei­ne Uto­pi­en hat, dem bleibt nur die Zukunft.”)

 

 

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Interview mit Anna-Verena Nosthoff und Felix Maschewski

Es gibt kein einfaches Leben im smarten System

Inter­view mit Anna-Vere­na Nost­hoff und Felix Maschew­ski

 

 

Anlässlich der neuen agora42 EINFACH LEBEN haben wir ausgewählten Personen zum Thema ein paar Fragen gestellt. Hier die Antworten von Anna-Verena Nosthoff und Felix Maschewski. Sie sprechen über die Gefahren, die mit dem Wunsch nach Einfachheit verbunden sind, über die systembedingten Krisen und die Naivität in Bezug auf digitale Erlösungshoffnungen.

 

Kann man über­haupt ein­fach über Ein­fach­heit spre­chen, oder spricht man da nicht gleich über etwas ziem­lich Kom­pli­zier­tes?

Anna-Vere­na Nost­hoff ist freie Auto­rin, Phi­lo­so­phin und Poli­ti­sche Theo­re­ti­ke­rin. Der­zeit arbei­tet sie an einer Dis­ser­ta­ti­on über die Kyber­ne­ti­sie­rung des Poli­ti­schen.

Ja, Ein­fach­heit ist kom­pli­ziert. Schon bei ihrer Defi­ni­ti­on muss man fast zwin­gend auf die Kom­pli­ziert­heit, das Viel­ge­stal­ti­ge, Man­nig­fal­ti­ge, Mult­idi­men­sio­na­le etc. als Kon­tra­punkt zurück­grei­fen, und so hat schon das ein­fa­che Spre­chen schnell an schlich­ter Selbst­ver­ständ­lich­keit ein­ge­büßt. Wenn man dann noch auf die absur­de Idee kommt, sich die Ein­fach­heit, mehr noch, die heu­te all­zu häu­fig arti­ku­lier­te For­de­rung nach ihr, genau­er anzu­schau­en, wird aus dem simp­len Wort schnell ein dif­fi­zi­les Sprach­spiel. Mit­un­ter kann man in ihm gar ein Sym­bol einer Zeit der Umbrü­che, der Kri­se – ein Alarm­si­gnal erken­nen: Das 140-Zei­chen-Regie­rungs­sprech des aktu­el­len US-Prä­si­den­ten führt uns ja eigent­lich täg­lich vor, dass Ein­fach­heit nicht nur (poli­tisch) gefähr­lich ist, son­dern mehr Fra­gen als Ant­wor­ten pro­vo­ziert. Hier lässt sich anschlie­ßen: War­um asso­zi­ie­ren wir Ein­fach­heit trotz­dem so häu­fig mit etwas Posi­ti­vem, Beru­hi­gen­dem, Har­mo­ni­schem, fast Not­wen­di­gem? War­um hat die Idee vom ein­fa­chen Glück gera­de jetzt eine der­ar­ti­ge Kon­junk­tur – exem­pla­risch sei auf die Renais­sance eines selt­sam sim­pli­fi­zier­ten Stoi­zis­mus ver­wie­sen? War­um lässt man sich von der ein­fa­chen Rede – dem Guten, Wah­ren und Schö­nen von ges­tern – so trau­lich ver­füh­ren? War­um ist es so schwer, von den Illu­sio­nen der Ein­fach­heit zu las­sen, anzu­fan­gen, ihr zu miss­trau­en, d.h. akzep­tie­ren, dass das Leben weder ein­fach war noch ist, es vor allem nicht leich­ter wird? Viel­leicht wäre das zu ein­fach, wahr­schein­lich aber recht hilf­reich.

 

Ist unse­re heu­ti­ge Situa­ti­on nicht erschre­ckend ein­fach? Denn auf­grund der dra­ma­ti­schen Fehl­ent­wick­lun­gen des Kapi­ta­lis­mus – man den­ke nur an die gigan­ti­sche Spe­ku­la­ti­ons­bla­se, die in den letz­ten 40 Jah­ren auf­ge­pumpt wor­den ist – haben wir eigent­lich nur die Wahl zwi­schen einer öko­no­mi­schen Kata­stro­phe oder aber, soll­te irgend­wie das nöti­ge Wachs­tum gene­riert wer­den, einer öko­lo­gi­schen Kata­stro­phe.

Schon Wal­ter Ben­ja­min wuss­te bekann­ter­ma­ßen, dass „[d]er Begriff des Fort­schritts (…) in der Idee der Kata­stro­phe zu fun­die­ren“ ist, und so muss man auch heu­te – lei­der – wis­sen, dass Kapi­ta­lis­mus- immer Kri­sen-, viel­leicht sogar Kata­stro­phen­theo­rie (hier lohnt es sich, die Defi­ni­tio­nen der Begrif­fe zu stu­die­ren) ist: Das Sys­tem scheint sei­ne Per­sis­tenz, viel­leicht sogar die Legi­ti­mi­tät, aus sei­nem bestän­di­gen Schei­tern zu zie­hen. Denn je mehr das Gan­ze aus dem Ruder läuft, je mehr Bla­sen es wirft, rat­tert, ruckelt und schockt, des­to bes­ser funk­tio­niert es. In die­sem Sin­ne wäre zunächst ein­mal weni­ger eine nahen­de Apo­ka­lyp­se zu befürch­ten, als viel­mehr, unmit­tel­bar, das Fort­be­stehen eines sys­te­ma­tisch kri­sen­haf­ten, für den Ein­zel­nen öko­no­misch oder öko­lo­gisch kata­stro­pha­len Sta­tus quo, der als alter­na­tiv­lo­ser Aus­nah­me­zu­stand sklero­ti­siert, das Pre­kä­re nor­ma­li­siert. Wie­der mit Ben­ja­min gespro­chen: „Dass es >so wei­ter< geht, ist die Kata­stro­phe.“

Unter sol­chen recht unfreund­li­chen Vor­aus­set­zun­gen gäl­te es aber, nicht in eine ohn­mäch­ti­ge Grund­satz­lar­mo­yanz oder eine zyni­sche Ver­nunft zu ver­fal­len; eher soll­te man damit begin­nen, den Kol­lek­tiv­sin­gu­lar Fort­schritt – ohne dabei reak­tio­när zu wer­den – gründ­lich zu hin­ter­fra­gen. Die­se Mög­lich­keit zu ver­pas­sen, wäre wohl die eigent­li­che Kata­stro­phe.

 

Ein­deu­ti­ge Ant­wor­ten sind immer unter­kom­plex, kla­re Hand­lun­gen den­noch not­wen­dig – wie soll man in Zukunft mit die­sem Para­dox umge­hen? Wie kön­nen wir ein­fach Han­deln?

Eine kla­re Hand­lung könn­te ja schon allein dar­in bestehen, zu ver­su­chen, die Kom­ple­xi­tät der Pro­zes­se auf­zu­zei­gen; d.h auch, dar­auf hin­zu­wei­sen, dass ein Sach­ver­halt ggfs. dia­lek­ti­scher, viel­di­men­sio­na­ler, hete­ro­ge­ner ist und nur mul­ti­per­spek­ti­visch zu durch­drin­gen wäre. Auf der ande­ren Sei­te gibt es For­men künst­lich pro­du­zier­ter Kom­ple­xi­tät, die zu einer Art Zer­streu­ungs­tak­tik avan­cie­ren und die Ver­hält­nis­se ein­fach undurch­sich­tig erschei­nen las­sen – man den­ke etwa an „kom­ple­xe“ Finanz­pro­duk­te, algo­rith­mi­sche „black boxes“ oder Schat­ten­ban­ken. Die Geheim­nis­krä­me­rei, die hier betrie­ben wird, lenkt letzt­lich von rea­len Macht­kon­stel­la­tio­nen, Ver­ant­wor­tungs­ver­hält­nis­sen und frag­wür­di­gen Prak­ti­ken ab, lässt Pro­zes­se dif­fus und ent­kop­pelt von Ein­zel­hand­lun­gen, mit­un­ter als unver­än­der­bar, aller­höchs­tens als mana­ge­bar, erschei­nen. Teil­wei­se ist Kom­ple­xi­tät auch ein Ver­wirr­spiel. Man scheint sich also per se auf einem schma­len Grat zu befin­den, wenn man fragt, wie man auf Kom­ple­xi­tät han­delnd zu ant­wor­ten hät­te: Viel­leicht gin­ge es eher dar­um, zu fra­gen, mit wel­cher Form von Kom­ple­xi­tät man es über­haupt zu tun hat.

Außer­dem gäl­te es zu begrei­fen, dass wir in einer Gesell­schaft leben, die Akti­vi­tät, das ‚Han­deln’ auf eine pro­ble­ma­ti­sche Art und Wei­se for­ciert: Im digi­ta­len oder kyber­ne­ti­schen Kapi­ta­lis­mus ist Akti­vi­tät – der Klick, der Like, der Sha­re, der Tweet – immer auch Infor­ma­ti­on, und Infor­ma­tio­nen – data­fi­zier­te Hand­lun­gen – sind öko­no­misch ver­wert­bar. „Man kann nicht nicht kom­mu­ni­zie­ren“ ist heu­te kein kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft­li­ches Axi­om mehr, son­dern ein Impe­ra­tiv, eine bestän­di­ge Auf­for­de­rung zum Mit­ma­chen, Sich-Anschlie­ßen und Trans­pa­rent-Wer­den.

 

Felix Maschew­ski ist Lite­ra­tur- und Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler, wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter im Insti­tut für Wirt­schafts­ge­stal­tung (Ber­lin) und Mit­glied des Gra­du­ier­ten­kol­legs (PhD-Nets) „Das Wis­sen der Lite­ra­tur“ der HU Ber­lin.

Ein­zig das Unsicht­ba­re – und dazu gehört vor allem auch das Den­ken – ist (noch) nicht rest­los nach­voll­zieh­bar, obgleich die schil­lern­den Figu­ren des Sili­con Val­leys ja auch dar­an mit Nach­druck und aller­lei Plug­ins arbei­ten, sie­he Kurz­weil, Zucker­berg, Musk & Co. In die­ser Hin­sicht ist es an der Zeit, das Den­ken viel­leicht als eine Art letz­te Bas­ti­on gegen den tech­no­lo­gi­schen Trans­pa­renz­ter­ror, die ver­träum­te „Data Love“ (Sima­now­ski) oder das all­ge­mei­ne „Dik­tat zur Inter­kon­nek­ti­vi­tät“ (Die­ter Mersch) in Stel­lung zu brin­gen. Dekon­stru­iert man mit Han­nah Arendt den Dua­lis­mus zwi­schen Den­ken und Han­deln, lässt sich Den­ken als Tätig­keit begrei­fen; als eine Form des Han­delns, die vor allem Phä­no­me­ne in ihrer Kom­ple­xi­tät – oder Ein­fach­heit, je nach­dem – zu durch­drin­gen sucht. Bes­ten­falls ergibt sich dar­aus eine Form des Wider­spruchs, die sich gegen das kata­stro­pha­le „so wei­ter“ sperrt; Gün­ther Anders etwa erklär­te in einer Zeit, in der Kri­tik noch nicht als blo­ßes Feed­back, son­dern eman­zi­pa­ti­ve Pra­xis ver­stan­den wur­de: „Es genügt […] nicht, die Welt zu ver­än­dern, wir haben die­se Ver­än­de­rung auch zu inter­pre­tie­ren, damit sich die Welt nicht ohne uns ver­än­dert“ – „in eine Welt ohne uns.“

 

Big Data und intel­li­gen­te Algo­rith­men sind gera­de in aller Mun­de. Die Hoff­nung ist, dass die Tech­nik in Zukunft „mit­denkt“ und das Leben ver­ein­fa­chen wird. Tei­len Sie die­se Hoff­nung?

Heu­te wird in die­sem Zusam­men­hang immer wie­der Höl­der­lin zitiert; in dem Glau­ben, dass neben der gan­zen Gefahr auch aller­lei Ret­ten­des wächst. Das ist nicht nur ein Ein­ge­ständ­nis der eige­nen Unauf­ge­klärt­heit, son­dern mehr noch ein Auf­ruf zur Pas­si­vi­tät. Im Kon­text der digi­ta­len Revo­lu­ti­on gäl­te es viel­mehr, tech­ni­sche Ent­wick­lun­gen zu Ende zu den­ken, eine mora­li­sche Fan­ta­sie zu ent­wi­ckeln, die Zukunfts­aus­sich­ten nicht mit einer fal­schen Posi­ti­vi­tät zuklatscht, son­dern ihre Aus­wir­kun­gen – ohne „Angst vor der Nega­ti­vi­tät“ (Ador­no) – zu anti­zi­pie­ren ver­sucht. Vor die­sem Hin­ter­grund hie­ße es wohl: Algo­rith­men, so intel­li­gent und selbst­ler­nend sie auch sein mögen, den­ken nicht, es sind kon­troll­lo­gi­sche Hand­lungs­an­wei­sun­gen, Pro­blem­lö­ser – damit eher nütz­li­che Idio­ten, Hand­lan­ger. Gleich­wohl wäre es fatal, sie zu unter­schät­zen – schließ­lich affi­zie­ren die­se gar nicht neu­tra­len Wenn-Dann-For­meln unser Den­ken so nach­hal­tig, dass uns für sozia­le, öko­no­mi­sche oder poli­ti­sche Pro­ble­me nur noch tech­no­lo­gi­sche Lösun­gen ein­fal­len oder, um es mit einem Wahl­pla­kat der FDP zu sagen: „Digi­tal first, Beden­ken second.“ Die­ses Ver­trau­en in Tech­nik kann ver­füh­re­risch sein, ist aber auch gefähr­lich unter­kom­plex.

Die Ver­ken­nung liegt allein schon dar­in begrün­det, anzu­neh­men, dass sich das Leben durch smar­te Tech­no­lo­gi­en, dem Inter­net für alles und jeden über­haupt ver­ein­fa­chen lie­ße. Obgleich wohl nie­mand den Zugang zu der Fül­le an Wis­sen mis­sen möch­te, schei­nen unse­re Smart Pho­nes, Apple-Wat­ches und Self-Tra­cker den All­tag nicht wirk­lich ent­spann­ter zu gestal­ten – Acht­sam­keits-Apps hin oder her. Viel­mehr gilt: Es gibt kein ein­fa­ches Leben im smar­ten Sys­tem. Das Bestre­ben, Den­ken, Ent­schei­den und Han­deln an Maschi­nen out­zu­sour­cen, lässt sich schließ­lich als Hin­weis auf einen all­ge­mei­nen Über­for­de­rungs­zu­stand, als eine Art digi­ta­les Stock­holm-Syn­drom lesen. Die ver­meint­lich ein­deu­ti­ge Zahl scheint in Zei­ten gras­sie­ren­der Ideo­lo­gis­men und den gan­zen – gar nicht so – „neue[n] Unüber­sicht­lich­kei­ten“ als letzt­ver­blie­be­ner, „objek­ti­ver“ Bewer­tungs­mass­stab; sie gilt als „apo­li­ti­sche“ und „par­tei­lo­se“ Hand­lungs- und Ent­schei­dungs­in­stanz. Doch gleicht die Data­fi­zie­rung, Infor­ma­ti­sie­rung und Kyber­ne­ti­sie­rung der Gesell­schaft nicht einer mathe­ma­ti­sier­ten Fort­set­zung von Ideo­lo­gie mit ande­ren Mit­teln? Lang­fris­tig eta­bliert die als bequem und ein­fach bewor­be­ne, digi­ta­le Lebens­form neue Abhän­gig­keits- und Kon­troll­ver­hält­nis­se – ob in sozio­po­li­ti­scher oder öko­no­mi­scher, psy­chi­scher oder phy­si­scher, Hin­sicht. Sie führt zu einer ganz neu­en Form selbst­ver­schul­de­ter Unmün­dig­keit, deren Aus­gang mehr als unge­wiss ist.

 

 

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agora42 ist das phi­lo­so­phi­sche Wirt­schafts­ma­ga­zin und erscheint seit 2009 im Eigen­ver­lag in Stutt­gart. Alle drei Mona­te ver­öf­fent­li­chen wir ein neu­es The­men­heft. Dabei wid­men wir uns den gro­ßen Fra­gen der Öko­no­mie, wie etwa Frei­heit, Wachs­tum, Fort­schritt, Gerech­tig­keit, Nach­hal­tig­keit u.v.m. Anspruchs­voll, aber trotz­dem ver­ständ­lich las­sen wir Den­ker und Prak­ti­ker zu Wort kom­men, die meist nur in ihren spe­zi­el­len Fach­krei­sen gele­sen wer­den – aber deren Erkennt­nis­se für alle Men­schen von Bedeu­tung sind.

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So fürchterlich kompliziert ist es im Grunde nicht …” – Interview mit Karen van den Berg

So fürchterlich kompliziert ist es im Grunde nicht …”

Inter­view mit Karen van den Berg

 

 

Anlässlich der neuen agora42 EINFACH LEBEN haben wir ausgewählten Personen zum Thema ein paar Fragen gestellt. Hier die Antworten von Karen van den Berg, Inhaberin des Lehrstuhls für Kunsttheorie & inszenatorische Praxis an der Zeppelin Universität. Sie spricht über die unterschiedlichen Bedeutungen des Wortes “einfach”, die Entstehung von Sinn, die Krise des Kapitalismus, des Liberalismus und der Demokratie sowie einen guten Vorsatz für das einfache Leben …

 

Frau van den Berg, kann man über­haupt ein­fach über Ein­fach­heit spre­chen, oder spricht man da nicht gleich über etwas ziem­lich Kom­pli­zier­tes?

So fürch­ter­lich kom­pli­ziert ist es im Grun­de nicht. Das deut­sche Wort „ein­fach“ hat aber in der Tat ganz unter­schied­li­che Bedeu­tun­gen. Es kann glei­cher­ma­ßen posi­tiv wie nega­tiv besetzt sein. Spricht man bei­spiels­wei­se von einer ein­fa­chen Tätig­keit, so kann das bedeu­ten, sie ist mühe­los und leicht zu bewäl­ti­gen. Aber es kann auch genau­so gut hei­ßen, dass die Tätig­keit anspruchs­los und beschränkt ist. Ist von einem ein­fa­chen Cha­rak­ter die Rede, kann damit im nega­ti­ven Sin­ne Derb­heit und unge­ho­bel­tes Auf­tre­ten gemeint sein. Im posi­ti­ven Sin­ne kann es bedeu­ten, dass jemand ehr­lich, echt, auf­rich­tig oder lau­ter ist. Im Bereich der Ästhe­tik besteht die „Kunst der Ein­fach­heit“ dar­in, etwas bestechend Kla­res her­zu­stel­len, etwas das schlicht wirkt, dem man aber ansieht, dass es ver­dich­te­te Kom­ple­xi­tät ist. Wenn das Redu­zie­ren nicht zugleich eine Ver­dich­tung von For­men und Bedeu­tun­gen ist, dann ist das Ein­fa­che eben lei­der nur banal.

 

Kann man ein­fach leben, ohne dem Leben irgend­ei­ne Struk­tur und Ord­nung zu geben? Kann man ein­fach nur In-Situa­ti­on-Sein, das heißt, in wech­seln­den Situa­tio­nen leben und Sinn fin­den, ohne einen „Gesamt­sinn“ zu unter­stel­len?

Sinn ist nichts, was uns Men­schen irgend­wie plötz­lich zustößt. Sinn ent­steht aus Tätig­kei­ten. Ich wür­de ihn als eine sozia­le Ange­le­gen­heit beschrei­ben, denn Sinn geht ein­her mit einer irgend­wie gear­te­ten Über­ein­stim­mungs­er­fah­rung mit der Welt. Sinn ent­steht, wenn wir Din­ge tun oder erle­ben und in ihnen dabei eine Ord­nung auf­scheint, die über das blo­ße Tun hin­aus­weist und zu einer Iden­ti­fi­ka­ti­on mit dem Den­ken oder Han­deln führt. Auch das Nichts­tun kann als sinn­voll erlebt wer­den. Aber eben nur, wenn es Erfah­run­gen bie­tet, die über das Hier und Jetzt hin­aus­wei­sen.

 

Ist unse­re heu­ti­ge Situa­ti­on nicht erschre­ckend ein­fach? Denn auf­grund der dra­ma­ti­schen Fehl­ent­wick­lun­gen des Kapi­ta­lis­mus – man den­ke nur an die gigan­ti­sche Spe­ku­la­ti­ons­bla­se, die in den letz­ten 40 Jah­ren auf­ge­pumpt wor­den ist – haben wir eigent­lich nur die Wahl zwi­schen einer öko­no­mi­schen Kata­stro­phe oder aber, soll­te irgend­wie das nöti­ge Wachs­tum gene­riert wer­den, einer öko­lo­gi­schen Kata­stro­phe.

Nein, die­se Wahl haben wir natür­lich nicht. Und wir müs­sen uns hüten vor sol­chen fata­lis­ti­schen Welt­erklä­rungs­kurz­schlüs­sen, wenn wir nicht selbst zu Dem­ago­gen und Popu­lis­ten wer­den wol­len. Zwei­fel­los sehen wir uns mit extrem bedroh­li­chen glo­ba­len Ent­wick­lun­gen kon­fron­tiert. Dabei sind Kli­ma­wan­del und die wach­sen­de sozia­le Ungleich­heit kei­ne getrenn­ten Phä­no­me­ne. Auch wis­sen wir in Euro­pa, wie sehr wir selbst in die huma­ni­tä­ren Kri­sen im glo­ba­len Süden ver­strickt sind. Gera­de des­halb ste­cken nicht nur Kapi­ta­lis­mus, son­dern auch Libe­ra­lis­mus und Demo­kra­tie ja in einer so schwe­ren Kri­se. Sie gel­ten in ihrer der­zei­ti­gen Form immer weni­ger als durch­weg über­zeu­gen­de Sinn­an­ge­bo­te. Die Popu­la­ri­tät von Theo­re­ti­kern wie Tho­mas Piket­ty, Nou­riel Rou­bi­ni, David Graeber und Eva Ill­ouz, die sich alle mit dem Kapi­ta­lis­mus aus­ein­an­der­set­zen, etwa zeigt, dass hier neue Erklä­rungs­mo­del­le gesucht wer­den.

 

Was macht das Leben wirk­lich ein­fa­cher?

Pla­kat: Dell­brüg­ge & de Moll

Das Künst­ler­duo Dellbrügge/de Moll hat vor eini­gen Jah­ren eine Serie von Pla­ka­ten mit guten Vor­sät­zen ent­wor­fen. Einer lau­te­te: „Wir hören auf, neu­ro­ti­sche Arsch­lö­cher zu sein!“  Ich fin­de, dass ist ein wirk­lich extrem guter Vor­satz für das ein­fa­che Leben! Er wäre aber nur eine not­wen­di­ge und noch kei­ne hin­rei­chen­de Bedin­gung

Freiheit: Einfach leben im Kapitalismus – Interview mit Anna Torus

Freiheit: Einfach leben im Kapitalismus

Inter­view mit Anna Torus

 

 

Anlässlich der neuen agora42 EINFACH LEBEN haben wir ausgewählten Personen zum Thema ein paar Fragen gestellt. Hier die Antworten der Philosophiestudentin und Bloggerin Anna Torus. Sie spricht über die Suche nach dem Lebenssinn, den nimmersatten Kapitalismus und den Trend zum Minimalismus, sowie: Freiheit …

 

Frau Torus, kann man ein­fach leben, ohne dem Leben irgend­ei­ne Struk­tur und Ord­nung zu geben? Kann man ein­fach nur In-Situa­ti­on-Sein, das heißt, in wech­seln­den Situa­tio­nen leben und Sinn fin­den, ohne einen „Gesamt­sinn“ zu unter­stel­len?

Im Moment zu leben und „ein­fach nur“ zu sein scheint mir des­halb eine so gro­ße Sehn­sucht vie­ler Men­schen in der Gegen­wart, weil sie zwar de fac­to in gewis­sen Ord­nungs­struk­tu­ren leben, die­se aber als been­gend erfah­ren. Sie füh­len sich nicht nur durch einen ermü­den­den und gleich­för­mi­gen Arbeits­all­tag bedrängt und ent­mün­digt, son­dern auch durch die stän­di­gen Impe­ra­ti­ve und For­de­run­gen der Kon­sum­ge­sell­schaft. Es ist nicht so, als wür­de es an ord­nen­den Struk­tu­ren feh­len. Sie sind da und for­men unse­re Gesell­schaft, auch wenn sie sich dabei nicht gera­de in den Vor­der­grund drän­gen und so oft­mals nur ein vages Gefühl zurück­las­sen, dass „etwas falsch läuft“. Die­ses stil­le Wir­ken sowie die all­ge­mei­ne Beschleu­ni­gung und grel­le Über­zeich­nung des „Lebens“, wel­che sie erzeu­gen, schei­nen mir mög­li­che Grün­de dafür zu sein, dass sich der Wunsch nach Struk­tur und Ord­nung ver­stärkt hat. Wir wol­len aber eigent­lich nicht irgend­ei­ne Struk­tur oder Ord­nung, son­dern eine sol­che, in der wir „ein­fach leben“ kön­nen. Das schließt sich gar nicht unbe­dingt aus. Der Mensch hat die berech­ti­ge Sehn­sucht danach, in Rah­men­be­din­gun­gen zu leben, die ihm freie Ent­fal­tung ermög­li­chen. Nur inner­halb einer offe­nen Struk­tur kön­nen wir es uns erlau­ben, „nur zu sein“. In der jet­zi­gen, die uns bloß eine Schein-Frei­heit vor­spie­gelt, wür­de dies eine Gedan­ken­lo­sig­keit mit sich füh­ren, die wir uns nicht leis­ten kön­nen. Eine wirk­lich offe­ne Struk­tur wür­de es mit sich brin­gen, dass wir auch ruhi­gen Gewis­sens uns selbst und die Sinn­fra­ge ein­mal ver­ges­sen könn­ten, weil wir nicht mehr nach dem Sinn suchen, son­dern ihn im Moment erfah­ren. Das akti­ve Suchen nach Sinn (oder Frei­heit) ent­steht immer auch aus einem Man­gel her­aus. Seh­nen wir uns nach Sinn, so ist das kein Luxus­be­dürf­nis, son­dern ein berech­tig­ter Anspruch unse­rer Men­schen­na­tur, die damit anzeigt, wie sehr sie unter der all­täg­lich erfah­re­nen Sinn­lo­sig­keit lei­det.

 

Ist unse­re heu­ti­ge Situa­ti­on nicht erschre­ckend ein­fach? Denn auf­grund der dra­ma­ti­schen Fehl­ent­wick­lun­gen des Kapi­ta­lis­mus – man den­ke nur an die gigan­ti­sche Spe­ku­la­ti­ons­bla­se, die in den letz­ten 40 Jah­ren auf­ge­pumpt wor­den ist – haben wir eigent­lich nur die Wahl zwi­schen einer öko­no­mi­schen Kata­stro­phe oder aber, soll­te irgend­wie das nöti­ge Wachs­tum gene­riert wer­den, einer öko­lo­gi­schen Kata­stro­phe.

Anna Torus ist das Pseud­onym einer blog­gen­den Phi­lo­so­phie­stu­den­tin im fort­ge­schrit­te­nen Semes­ter, Jahr­gang 1991, die der­zeit in Ber­lin lebt. Wei­te­re Tex­te von ihr fin­den Sie hier: https://annatorus.wordpress.com

Ich den­ke eher, dass wir in jedem Fall mit einem Sowohl-als-auch-Sze­na­rio rech­nen müs­sen, solan­ge wir uns inso­fern für das „ein­fa­che“ Leben ent­schei­den, als wir die gegen­wär­ti­ge Gesell­schafts­struk­tur stumm beja­hen. Das vom Men­schen selbst geschaf­fe­ne Mons­ter des Kapi­ta­lis­mus ist nim­mer­satt, es frisst öko­lo­gi­sche Res­sour­cen wie mensch­li­che Arbeits- und Geis­tes­kraft und kann sich am Ende doch bloß über­fres­sen und alles wie­der hin­aus­wür­gen. Es ist gewiss „ein­fach“, dem zuzu­se­hen, doch heißt die­se Ein­fach­heit nicht Leben. Die­se Art Ein­fach­heit wäre die glei­che, für die sich der Skla­ve ent­schei­det, damit er vom Herrn nicht geschla­gen wird. Haben wir das Bedürf­nis nach „Ein­fach­heit“, so mei­nen wir damit eigent­lich Frei­heit von Leid und struk­tur­be­ding­ten Pro­ble­men. Und bei jeder Wahl hof­fen wir wie Kin­der, dass die neu­es­ten Ver­tre­ter der Ein­heits­par­tei der Alter­na­tiv­lo­sig­keit sie uns die­ses Mal viel­leicht doch besche­ren wer­den.

 

Ist das mini­ma­lis­ti­sche Leben eine »zu ein­fa­che« Ant­wort auf die Kom­ple­xi­tät des Lebens und die Suche nach einem tie­fe­ren Sinn?

Der Mini­ma­lis­mus-Trend scheint mir dann „zu ein­fach“ gera­ten, wenn er als blo­ße indi­vi­dua­lis­ti­sche Abs­trak­ti­on inter­pre­tiert wird. Das Indi­vi­du­um wird in den Mit­tel­punkt gestellt und dar­über oft die tie­fe­ren gesamt­ge­sell­schaft­li­chen Ursa­chen ver­ges­sen. Die extre­me Zurück­nah­me indi­vi­du­el­ler Kon­sum­tä­tig­keit allei­ne kann kein Heils­weg sein. Sie führt im Gegen­teil aktu­el­le Ten­den­zen der Selb­st­op­ti­mie­rung und des neo­li­be­ra­len Dog­mas „Du allein bist selbst ver­ant­wort­lich“ fort. Der Mini­ma­lis­mus als Trend lenkt das Augen­merk pro­ble­ma­ti­scher­wei­se auf den­je­ni­gen Teil der Gesell­schaft, der durch sein Kon­sum­ver­hal­ten bloß mit­tel­bar ver­ant­wort­lich ist. Mög­li­che Fra­gen nach den Ursa­chen des Kon­sum­ver­lan­gens oder der Bedürf­nis­er­zeu­gung gera­ten in den Hin­ter­grund.

Begrei­fen wir Mini­ma­lis­mus dage­gen als Geis­tes­hal­tung, als eine Art Übung oder Aske­se des Bewusst­seins, so bin ich sehr dafür. Die Kom­ple­xi­tät des Lebens wird begreif­li­cher, wenn wir unse­ren Blick so schu­len, dass er immer nach dem Wesent­li­chen sieht. Wir ler­nen, unse­rem Drang nach Klar­heit zu ver­trau­en und der Ver­su­chung nicht nach­zu­ge­ben, uns im Unwe­sent­li­chen zu ver­lie­ren. Son­dern stets die Din­ge noch kla­rer, noch ein­fa­cher ver­ste­hen zu wol­len. Damit ist kei­nes­falls eine Ver­ein­fa­chung gemeint. Ein­fach­heit ist hier nicht mit Bequem­lich­keit zu ver­wech­seln, eine sol­che bedürf­te jeden­falls kei­ner Übung. Viel­mehr wird es schwie­ri­ger, weil man sich mit dem „Nächst-Bes­ten“, dem „Ein­fa­chen“ im Sin­ne des Beque­men nicht zufrie­den­ge­ben mag, wie man an der Phi­lo­so­phie sieht, die vom Kom­pli­zier­ten zum Ein­fa­chen fort­schrei­tet. Eine sol­che mini­ma­lis­ti­sche Bewusst­seins-Übung kann wie­der­um nur vom Indi­vi­du­um aus­ge­hen, mit dem Unter­schied aller­dings, dass sie ihr Augen­merk auf das Gan­ze rich­tet.


Was macht das Leben wirk­lich ein­fa­cher?

Ein Wort: Frei­heit. Aller­dings nicht als „chao­ti­sche“ Frei­heit ver­stan­den, son­dern als sol­che, die inner­halb von Struk­tu­ren ent­steht, wel­che bei aller Bestän­dig­keit den leben­di­gen Wan­del immer wie­der her­aus­for­dern.

 

 

 

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Die aktu­el­le agora42 zum The­ma EINFACH LEBEN ver­schi­cken wir ver­sand­kos­ten­frei. Lesen Sie span­nen­de Bei­trä­ge u.a. von Robert Pfal­ler (“Das nack­te und das gute Leben”), Ulri­ke Gué­rot (“Euro­pa ein­fach machen – ein­fach Euro­pa machen”), Frank Ruda (“Ein­fach nicht ein­fach”) und Mads Pan­kow (“End­lich wei­ter­ma­chen – Wer kei­ne Uto­pi­en hat, dem bleibt nur die Zukunft.”)

 

 

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Nur sehr selten im Leben müssen wir wirklich schnell handeln” – Interview mit Heiko Ernst

Nur sehr selten im Leben müssen wir wirklich schnell handeln”

Inter­view mit Hei­ko Ernst

 

 

Anlässlich der neuen agora42 EINFACH LEBEN haben wir ausgewählten Personen zum Thema ein paar Fragen gestellt. Hier die Antworten des Wissenschaftsjournalisten Heiko Ernst. Er spricht über die Schwierigkeit Dinge einfach zu erklären, die Entrümpelung des Lebens, darüber, sich Zeit zu nehmen und die Wonnen der Gewöhnlichkeit …

 

Herr Ernst, kann man über­haupt ein­fach über Ein­fach­heit spre­chen, oder spricht man da nicht gleich über etwas ziem­lich Kom­pli­zier­tes?

Hei­ko Ernst ist Psy­cho­lo­ge, Wis­sen­schafts­jour­na­list und Sach­buch­au­tor. Er war von 1979 bis 2014 Chef­re­dak­teur der Monats­zeit­schrift Psy­cho­lo­gie Heu­te. Von ihm ist u.a. erschie­nen: Innen­wel­ten. War­um Tag­träu­me uns krea­ti­ver, muti­ger und gelas­se­ner machen (Klett-Cot­ta, 2011).

Kei­ne ein­fa­che Fra­ge! Viel­leicht soll­te man sich an die­se Maxi­me hal­ten: Du sollst immer ver­su­chen zu ver­ein­fa­chen, so weit es mög­lich ist – aber nicht wei­ter! Denn sonst gehörst Du zu den „schreck­li­chen Ver­ein­fa­chern“, den ter­ri­bles sim­pli­fi­ca­teurs, von denen Jacob Burck­hardt sprach.  Unter­kom­ple­xi­tät ist manch­mal schlicht eine Form der Lüge. Als Wis­sen­schafts­jour­na­list hat man mit die­sem Pro­blem stän­dig zu tun – kom­pli­zier­te und kom­ple­xe Din­ge in mög­lichst kla­rer Spra­che zu erklä­ren. Das braucht Zeit und Übung – ist also kei­nes­wegs ein­fach. Sie sehen, man ist schnell in Para­do­xa gefan­gen …

 

Kann man ein­fach leben, ohne dem Leben irgend­ei­ne Struk­tur und Ord­nung zu geben? Kann man ein­fach nur In-Situa­ti­on-Sein, das heißt, in wech­seln­den Situa­tio­nen leben und Sinn fin­den, ohne einen „Gesamt­sinn“ zu unter­stel­len?

Ein­fach leben  h e i ß t  ja gera­de­zu, Struk­tur und Ord­nung zu haben, eben um sich das Leben zu ver­ein­fa­chen. Erst Ord­nung und Klar­heit in man­chen Berei­chen schafft Raum und Zeit, um die neu­en, kom­ple­xen und manch­mal müh­sa­men Din­ge gut zu beden­ken und anzu­ge­hen. Ein­fach­heit ist ein Mit­tel, um sich den Rücken frei­zu­hal­ten. Aber „ein­fach leben“ hat auch wie­der einen Dop­pel­sinn. Es kann im Sin­ne von „sim­pli­fy your life“ gemeint sein, also den All­tag und auch sonst alles „ent­rüm­peln“. Und es kann mei­nen: Lebe ein­fach drauf los, mach Dir nicht so vie­le Sor­gen, im Sin­ne eines ande­ren berühm­ten „Rat­ge­bers“ (Sor­ge Dich nicht, lebe!). Und was die Sinn­su­che betrifft: Die Sinn­fra­ge, so hat der skep­ti­sche Phi­lo­soph Odo Mar­quard befun­den, wer­de am bes­ten „sub­si­di­är“ gelöst. Das heißt, man soll­te sich also nicht stän­dig um einen Gesamt­sinn küm­mern, son­dern Sinn in dem fin­den, was man gera­de als nächs­tes tut und vor­hat. Aus vie­len sol­cher sinn-vol­len Schrit­ten setzt sich dann schon ein „Gesamt­sinn“ zusam­men.

 

Dem mensch­li­chen Stre­ben nach Glück sind nach Sig­mund Freud enge Gren­zen gesetzt: „(…) man möch­te sagen, die Absicht, daß der Mensch »glück­lich« sei, ist im Plan der »Schöp­fung« nicht ent­hal­ten.“ Die Kul­tur ist für Freud eine Quel­le des mensch­li­chen Unbe­ha­gens und zeit­gleich die Not­wen­dig­keit für das (Über-)Leben in der Gemein­schaft. Beschränkt das Aus­maß und die Durch­drin­gung der Kul­tur die Mög­lich­keit des Glücks? Müs­sen wir allein sein, um glück­lich zu sein?

Glück war für den Pes­si­mis­ten Freud vor allem ein Kon­tras­t­er­leb­nis. Oder, um es mit Lau­rel und Har­dy (aka Dick und Doof) zu para­phra­sie­ren: Glück ist, wenn der Schmerz nach­lässt. Kul­tur kann sicher „Unbe­ha­gen“ erzeu­gen, wie Freud mein­te – weil sie uns auch gän­gelt und ein­schränkt und das Aus­le­ben man­cher Impul­se ver­hin­dert. Aber sie kann uns auch Glück ver­schaf­fen – etwa in Form der Sub­li­ma­ti­on, also der Ver­ede­lung von eigent­lich nicht so guten Erfah­run­gen. Aber – um bei Freud zu blei­ben – es gibt auch den Weg in die Ein­fach­heit, den Weg der Regres­si­on, also einen (viel­leicht sogar bewuss­ten) Rück­fall in kind­li­che Mus­ter des Lust­ge­winns, in die „Won­nen der Gewöhn­lich­keit“.

 

Ein­deu­ti­ge Ant­wor­ten sind immer unter­kom­plex, kla­re Hand­lun­gen den­noch not­wen­dig – wie soll man in Zukunft mit die­sem Para­dox umge­hen? Wie kön­nen wir ein­fach Han­deln?

Die Psy­cho­lo­gie kennt das Pro­blem der end­lo­sen Infor­ma­ti­ons­samm­lung – etwa vor wich­ti­gen Ent­schei­dun­gen. Sie spricht von „boun­ded ratio­na­li­ty”, also von begrenzt mög­li­cher Ratio­na­li­tät – wir kön­nen nie alles erfah­ren oder wis­sen und müs­sen auf einer not­wen­dig begrenz­ten Basis ent­schei­den.  Des­halb hat die Intui­ti­on ja so viel Inter­es­se und Zulauf gefun­den – das Bauch­ge­fühl ver­spricht eine Abkür­zung sol­cher Ent­schei­dungs­pro­zes­se. Das ist manch­mal rich­tig –  und manch­mal schwer dane­ben. Aber auch Intui­ti­on greift auf Unmen­gen an gespei­cher­ter, ver­kör­per­ter Infor­ma­ti­on zurück. Das Bes­te ist, Intui­ti­on  u n d  Ratio zu bemü­hen, und sich in wich­ti­gen, kom­ple­xen Fra­gen viel Zeit zu las­sen. Nur sehr sel­ten im Leben müs­sen wir wirk­lich schnell han­deln – so schnell, dass wir nicht nach­den­ken kön­nen. Aber wenn man – nach bes­tem Wis­sen und Gewis­sen – nach­ge­dacht hat, muss man auch zu Pot­te kom­men kön­nen.
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