Editorial der Ausgabe SEIN UND FLEISCH

Editorial der Ausgabe SEIN UND FLEISCH

Geld kann man nicht essen.
 
Editorial Frank AugustinUnd doch behan­deln wir es, als ob es unse­re Haupt­nah­rungs­quel­le wäre. Wir hüten und meh­ren es wie vor­mals unser Vieh und das Getrei­de auf unse­ren Fel­dern. Statt food first gilt – davon zeu­gen para­dig­ma­tisch glo­bal agie­ren­de Agrar­un­ter­neh­men und Lebens­mit­tel­her­stel­ler – heu­te money first. Dabei ist offen­kun­dig, dass die Art und Wei­se, wie Nah­rung zumeist pro­du­ziert wird, näm­lich pro­fit­ori­en­tiert, der Mensch­heit glei­cher­ma­ßen gewal­ti­gen wie unnö­ti­gen Scha­den zufügt. Das zeigt sich, wie in die­ser Aus­ga­be nach­zu­le­sen ist, nir­gends deut­li­cher als bei der Fleisch­pro­duk­ti­on.
 
All das hat mit ver­nünf­ti­gem Wirt­schaf­ten und gesun­dem Ego­is­mus nichts zu tun, son­dern ist schlicht­weg ver­rückt. Und doch ent­behrt die­se Art der Pro­duk­ti­on nicht einer eige­nen Logik. Denn Geld ist viel mehr als ein Tausch­me­di­um, das bloß der Waren­ver­mitt­lung dient. Längst ist es selbst zur Ware mutiert. Nicht nur das: Es ist zur hei­li­gen Ware gewor­den, zur ein­zig wah­ren Ware, deren Meh­rung alle ande­ren Waren zu die­nen haben. Um die Zukunft zu gewin­nen, wird man die­sem mone­tä­ren Fun­da­men­ta­lis­mus abschwö­ren müs­sen. Aber das heißt auch, einer Form des Wirt­schaf­tens den Rücken zu keh­ren, die der Meh­rung des Gel­des dient. So muss Wachs­tum in der Fleisch­in­dus­trie, wie in vie­len ande­ren Berei­chen der Wirt­schaft auch, abso­lut ver­mie­den wer­den. Im Gegen­teil, ein kräf­ti­ges Schrump­fen ist ange­sagt. Statt Export bil­li­gen Fleischs und Wachs­tum um jeden Preis brau­chen wir ein Mehr an Qua­li­tät. Für unse­re Ernäh­rung bedeu­tet dies, regio­na­le und bäu­er­li­che Lebens­mit­tel zu kon­su­mie­ren – und Fleisch, das von Tie­ren stammt, die auf der Wie­se stan­den und nicht in einer Fabrik. Dass eine solch grund­le­gen­de Neu­aus­rich­tung des Wirt­schaf­tens mit der Ent­wick­lung neu­er For­men der pri­va­ten Lebens­ge­stal­tung und des gesell­schaft­li­chen Zusam­men­le­bens ver­bun­den wer­den muss, ver­steht sich von selbst. Bei­spie­le für eine sol­che Neu­aus­rich­tung gibt es inzwi­schen zu Hauf und der Erfolg gibt ihnen Recht.
 
Mit dem The­ma Fleisch hat sich kaum jemand so ein­ge­hend befasst wie die Hein­rich- Böll-Stif­tung, wovon nicht zuletzt der jähr­lich von ihr her­aus­ge­ge­be­ne Flei­sch­at­las ein­drück­lich zeugt. So freue ich mich, mit der vor­lie­gen­den Aus­ga­be das Resul­tat einer inten­si­ven Zusam­men­ar­beit zwi­schen der Hein­rich-Böll-Stif­tung und der agora42 prä­sen­tie­ren zu kön­nen. Schon beim ers­ten Brain­stor­ming zeig­te sich, dass phi­lo­so­phi­sche Fra­gen nach dem Sinn des Wirt­schaf­tens eng mit der Fleisch­pro­duk­ti­on ver­wo­ben sind. Beson­de­rer Dank gilt Chris­ti­ne Chem­nitz von der Hein­rich-Böll-Stif­tung, die mit ihrem Wis­sen und ihrer Begeis­te­rung die vor­lie­gen­de Aus­ga­be maß­geb­lich geprägt hat.
Wir wün­schen Ihnen, lie­be Lese­rin­nen und Leser, viel Freu­de auf der Rei­se durch eine Aus­ga­be, die die Wider­sprüch­lich­keit des heu­ti­gen Wirt­schaf­tens beson­ders deut­lich vor Augen führt. Wir wer­den nun die Druck­le­gung mit einem gemein­sa­men Abend­essen fei­ern: Schei­nesteak mit Münz­kar­tof­feln, zum Nach­tisch Vir­tu­el­les von Bul­le und Bär. Mh, lecker!
 
Ihr Frank Augus­tin