Der falsche Gott

Der falsche Gott

von Jens Böttcher

Von der Not­wen­dig­keit, den Kapi­ta­lis­mus als schei­tern­de Ersatz­re­li­gi­on zu erken­nen – und von der unerhörten Möglichkeit einer Revo­lu­ti­on. Aus der Aus­ga­be DER KAPITALISMUS AUF DER COUCH

Jens Böttcher

Jens Böttcher lebt als Schrift­stel­ler, Musi­ker und Medi­en­schaf­fen­der im Süden Ham­burgs. Sein jüngster Roman Herr Sturm und die Far­be des Win­des (SCM-Ver­lag, 2016) han­delt vom Glau­ben der Mensch­heit, auf sei­nem aktu­el­len Album V: Unsterb­lich besingt er die Schönheit und Unvergänglichkeit der Lie­be.

Es mag befremd­lich sein, es so zu betrach­ten, aber all die dif­fu­sen Begrif­fe, die wir für die sys­te­mi­schen Wir­ren unse­rer Zeit immer wie­der zu fin­den suchen – Kapi­ta­lis­mus, Neo­li­be­ra­lis­mus, Kon­su­mis­mus – ver­ber­gen doch nur mäßig geschickt, dass wir in ihren ver­bor­ge­nen Erlösungsversprechen eine tief in uns selbst ver­an­ker­te, aus­ge­spro­chen religiös gefärbte Sehn­sucht zu befrie­di­gen suchen. Oder such­ten.

Wol­len wir es wagen, auf­rich­tig zu sein? Aufhören, angeb­lich Säkulares von angeb­lich Spi­ri­tu­el­lem zu tren­nen? Den Mut auf­brin­gen, unser eige­nes wahn­haf­tes Schei­tern zuzu­ge­ben? End­lich für möglich hal­ten, dass wir viel mehr sind als die Sum­me unse­rer sicht­ba­ren Tei­le? In die Tie­fe unse­rer Her­zen hinabspüren und bar jeder intel­lek­tu­el­len Rüstung fra­gen: Wor­um geht es denn bei tatsächlich allem, was wir tun und suchen und erseh­nen, sei es in Ost oder West, Nord oder Süd? Wor­um ging es in all unse­ren Sys­te­men und Sys­tem-Revo­lu­tio­nen, sei­en sie laut oder lei­se gewe­sen, gewalttätig oder fried­lich?

Es ging stets um den tie­fen mensch­li­chen Wunsch nach inne­rem Ankom­men. Es ging immer um die Möglichkeit – viel­leicht die Illu­si­on – fina­ler Gebor­gen­heit. Um die kind­li­che Hoff­nung, unse­re tiefs­ten Ängste vor Ver­las­sen­heit mögen von Zau­ber­hand fort­ge­weht wer­den und nicht der­einst als neu­es Trau­ma zurückkehren. Es geht immer um Bedin­gungs­lo­sig­keit, um das Gefühl hin­ge­ge­ben sein zu dürfen. Es geht immer um Lie­be. Nur geben wir das natürlich nicht gern zu. Das klingt so schreck­lich kit­schig. So tri­vi­al. So leer. Jeden­falls solan­ge wir die Lie­be in ihrer gan­zen Größe abwei­sen, solan­ge wir sie behan­deln wie den störenden Bett­ler, der es am Hei­li­gen Abend wagt, an unse­re Türen zu klop­fen.

Da uns der Mut zu einem kol­lek­ti­ven Bekennt­nis zur Lie­be inklu­si­ver all ihrer Her­aus­for­de­run­gen fehlt, suchen wir seit Anbe­ginn unse­res eige­nen Urknalls nach Heils­ver­spre­chen, die stets von außen nach innen wir­ken sol­len. Die von Erich Fromm einst gestell­te Fra­ge nach „Haben oder Sein“ war wohl nie aktu­el­ler als heu­te. Wir als Kon­sum­ge­sell­schaft haben sie nur falsch beant­wor­tet – und leben in dem Glau­ben, dass ein zufrie­de­nes Sein aus dem Haben ent­steht. Tatsächlich geht es nur anders­her­um: Nur ein befrie­de­tes Sein gibt uns die Möglichkeit, in ihm etwas zu haben, nämlich Selbst­wert, Selbst­lie­be. Unse­re Zufrie­den­heit müsste von einem geheim­nis­vol­len inne­ren Kon­ti­nent kom­men, den wir als Kol­lek­tiv bis­lang nicht ent­deckt haben. Die­ses „Haben“ käme aus dem Sein und wäre mit Gold nicht auf­zu­wie­gen.

Die Lüge stirbt

Der Kapi­ta­lis­mus ver­packt sein Heils­ver­spre­chen in ein Glau­bens­sys­tem, das im Gegen­satz zu sei­nen mono­the­is­ti­schen Stief­ge­schwis­tern nicht mal mehr „himm­lisch“ zu sein hat, son­dern uns aufgeklärte Geis­ter, ganz und gar modisch-säkularisiert, in das Kor­sett eines rein welt­li­chen Prag­ma­tis­mus zwängt. So wer­den wir in einem zwangsläufig kalt­her­zi­gen Hier und Jetzt ver­or­tet, zu Füßen des Götzenpriesters Kon­sum, des­sen zuck­rig-fau­li­gen Zau­ber­trank wir schon hek­to­li­ter­wei­se getrun­ken haben. Alles im Neon­schein einer Ersatz­re­li­gi­on, die uns in sich zu ber­gen ver­spricht wie eine gute Mut­ter, ohne dass wir Gläubigen dabei länger die Unbe­re­chen­bar­keit oder gar die Stra­fen jen­sei­ti­ger Mächte zu fürchten hätten.

Nen­nen wir das gars­ti­ge Kind also beim Namen: Der Kapi­ta­lis­mus hat sich zu einer Pla­ce­bo-Reli­gi­on auf­ge­schwun­gen, die es nun in fina­lem Zucken noch wagt, sich selbst als „alter­na­tiv­los“ zu erklären, ohne dabei wenigs­tens mit Schamesröte im Ant­litz einzuräumen, dass kei­ne mensch­li­che Idee das je his­to­risch unge­straft von sich behaup­ten durf­te. Und doch ver­heißt er uns wei­ter­hin die allerschönste Erlösung, wenn auch mit dem Röcheln des ster­ben­den Psy­cho­pa­then, der mit dem Mes­ser in der Hand unter einem Maha­go­ni-Schreib­tisch an der Wall Street her­vor­lugt: „Strengt euch nur an, geht vor­an! Ja, ihr könnt noch ankom­men in eurem gelob­ten Land. Ihr könnt es noch errei­chen: das vol­le Kon­to, die Motor­jacht, die Sorg­lo­sig­keit. Arbei­tet! Kauft! Mehr!“

Die Lüge lebt. Jeder Wer­be­spot erzählt sie. Nur fal­len jetzt nicht mehr alle auf sie rein. Es regt sich Wider­stand im Her­zen der Sek­ten­op­fer, die wir alle sind. Aber wie bei jedem Sek­ten­op­fer: Es gehört viel Mut dazu, sich den Irr­glau­ben ein­zu­ge­ste­hen. Sich von den noch überzeugten oder lethar­gi­schen Glaubensbrüdern abzu­wen­den und zu rufen: „Wir wur­den getäuscht! Es klang alles so gut, damals zu Wirt­schafts­wun­der­zei­ten. Wir konn­ten wirk­lich nicht sehen, dass wir auf den nächsten Abgrund zufah­ren.“ Es wäre übrigens auch zu bil­lig zu sagen, dass wir uns bloß von irgend­wel­chen bösen Mächten haben täuschen las­sen – auch wenn die Groß­kon­zer­ne die­ser Welt die Rol­le der Bösen mit bemer­kens­wer­tem Taten­drang spie­len. Es geht aber viel tie­fer. Wir selbst sind nicht nur wil­li­ge Opfer, wir sind auch Meis­ter der Selbsttäuschung – und des­halb stets auch Täter. „Es gibt kein rich­ti­ges Leben im Fal­schen“, sag­te einst Ador­no. Aber wir sind ent­schul­digt. Weil die Sehn­sucht so stark in uns brennt, weil sie uns schwächt, solan­ge wir nicht zu ihrem Kern vor­drin­gen und die ver­meint­li­che Schwäche des Auf­ge­bens als Stärke erken­nen. Bis es so weit ist, kor­rum­pie­ren wir jedes Wun­der der Lie­be und der Mit­mensch­lich­keit, weil wir deren simp­le Ein­deu­tig­keit nicht ertra­gen wol­len.

Wir suchen, wir brau­chen Erlösung. Die­se Sehn­sucht ist die Wie­ge der Reli­gio­nen, der Phi­lo­so­phie, der Poe­sie, der Künste, der poli­ti­schen Sys­te­me, die ja oft mit Klug­heit begin­nen und in star­rer Dog­men­wut enden. Wir suchen jene Begna­di­gung, die im christ­li­chen Duk­tus, der Kreu­zi­gung und Auf­er­ste­hung Jesu ent­sprin­gend, die „Erret­tung durch die Ver­ge­bung der mensch­li­chen Sünde“ genannt wird (und dabei etwas grundsätzlich Mensch­li­ches beschreibt – nicht etwa mora­li­sche Ver­feh­lun­gen des Indi­vi­du­ums). Wir suchen das, was Mus­li­me ihrem Glau­ben als jen­sei­ti­ges Beloh­nungs­sys­tem zugrun­de legen, das, was die Bud­dhis­ten als Nir­va­na bezeich­nen und damit, wie ihre christ­li­chen, jüdischen und mus­li­mi­schen Sinnsucher-Brüder, den won­nevol­len Zustand der Frei­heit von allen all­zu mensch­li­chen Pla­gen mei­nen – inklu­si­ve der Frei­heit von eige­nen wer­ten­den Gedan­ken­wel­ten, von irreführenden Vor­stel­lun­gen des Mensch­seins. Ja, ver­dammt, wir brau­chen Erlösung. Wir suchen sie überall, vor­nehm­lich in unse­ren Reli­gio­nen. Da wir aber längst zu klug und zu reif gewor­den sind für die im Sin­ne unse­res Prag­ma­tis­mus ver­welk­ten Welt­re­li­gio­nen, haben wir uns unter­wegs eine neue erfun­den, die angeb­lich gar kei­ne ist. Ohne zu mer­ken, dass sie, wie die ande­ren zuvor, ohne eine radi­ka­le Umkehr zur Lie­be nicht zu jenem Heil führen kann, das wir alle erseh­nen.

Die Idee vom Kapi­ta­lis­mus, von den frei­en Märkten, die uns ins Para­dies kol­lek­ti­ven, glo­ba­len Reich­tums führen würden, von der befrei­en­den und weltei­nenden Kraft des gemein­sam genutz­ten „Kapi­tals“ hat in die­sem Sin­ne unge­heu­res Heil nicht nur für unse­re Geldbörsen, son­dern auch für unse­re See­len ver­hei­ßen: Am Ende des Weges war­tet äußerer und somit inne­rer Wohl­stand für alle. Die Lebens­leis­tung des Ein­zel­nen wird be- lohnt durch das Gefühl gren­zen­lo­ser Sicher­heit, gebo­ren aus dem Schoß eines prallgefüllten Bank­kon­tos. All das meint und zielt eben auf: Ankom­men. Frie­den. Erlösung. Hin­fort mit Gebet und Beicht­stuhl, hier gel­ten Kauf­kraft, Zinserträge und Anse­hen als won­ni­ge Wun­der­mit­tel. Aber was für ein Wahn!

Der Kapi­ta­lis­mus hat sich als Welt­re­li­gi­on übrigens einen Son­der­platz erschli­chen, als er tönte, dass er sogar mit unse­rer gro­ßen Errun­gen­schaft Demo­kra­tie im Bun­de sei, dass zudem aus­nahms­los alle Völker und Natio­nen in sei­nen hei­li­gen Markt­hal­len will­kom­men sei­en. All das, was uns an den totalitären Aus­sa­gen der mono­the­is­ti­schen Welt­re­li­gio­nen stets so miss­fal­len hat – die Exklusivität, die aus­gren­zen­de Alter­na­tiv­lo­sig­keit der jewei­li­gen Erret­tungs­kri­te­ri­en – wird vom Kapi­ta­lis­mus mit einer fei­er­li­chen Ein­la­dung an alle aus­ge­he­belt. Dass er dabei gelo­gen hat, wird uns erst jetzt bewusst: Das ver­meint­li­che Heil muss­te ja zwangsläufig auf sei­ne weni­gen Hohe­pries­ter in den gol­de­nen Kapel­len begrenzt blei­ben. Und es wur­den immer schon blu­ti­ge Krie­ge in sei­nem Namen geführt, auch wenn er das noch geschickt zu tar­nen weiß – Ver­tei­di­gung der Frei­heit, heißt es dann. Aber wir soll­ten uns nicht vor­wer­fen, es nicht eher erkannt zu haben. Wie jedes ande­re bedin­gungs­lo­se Heils­ver­spre­chen muss­te der Kapi­ta­lis­mus sich an der scho­nungs­lo­sen Realität des Mensch­seins erwei­sen, rei­ben, schließ­lich zer­rei­ben. Nun wird es zu sei­nem Unglück, dass er sich nicht auf himm­li­sche Her­kunft beru­fen kann.

Zitat Böttcher

Revolution – aber anders

Er, der gro­ße säkulare Ange­ber­gott, wird mit Kara­cho gegen die Wand fah­ren. Und wir, die wir schon all die Jah­re jubelnd auf sei­nem Rücken rei­ten, wer­den mit Kopf­schmer­zen erwa­chen. Die Ana­ly­se des religiösen Sub­tex­tes des Kapi­ta­lis­mus wird uns viel­leicht jetzt schon hel­fen und den Schmerz des Auf­pralls zumin­dest intel­lek­tu­ell ein klein wenig lin­dern können. Von der Not­wen­dig­keit einer Revo­lu­ti­on, die unser verändertes Herz vor­aus­setzt, wird sie uns aller­dings nicht ent­bin­den.

Wer­fen wir noch kurz und ent­schlos­sen einen Blick auf die hei­li­gen Gebo­te des Kapi­ta­lis­mus und ver­glei­chen sie mit dem wohl tiefs­ten spi­ri­tu­el­len Gesetz, das je nie­der­ge­schrie­ben wur­de – dem „höchsten Gebot“, wie es der Zim­mer­manns­sohn Jesus von Naza­reth im Zwiegespräch mit den starrköpfig-religiösen Fun­da­men­ta­lis­ten sei­ner Zeit nann­te.

Die höchsten Gebo­te des Kapi­ta­lis­mus sind: pro­du­zie­ren, kau­fen, wach­sen. Die höchsten Gebo­te laut Jesus sind: Lie­be Gott und lie­be dei­nen Nächsten wie dich selbst. Dar­in sei­en alle Geset­ze erfüllt. Das klingt erst­mal wie­der nach einer unzulässigen Gegenüberstellung Ökonomie ver­sus Spiritualität, aber, sie- he oben, das ist im Sin­ne der mensch- lichen Ganz­heit­lich­keit ein kom­plett fal­sches Urteil – was überdies dadurch bewie­sen wird, dass der Kapi­ta­lis­mus ja auch den gan­zen Men­schen zerstört, sofern er nicht sei­nen Gebo­ten folgt. Man den­ke an die grau­sa­me Armut und Aus­beu­tung gan­zer Völker oder an die uner­mess­lich wach­sen­de Depres­si­on und wei­te­re see­li­sche Erkran­kun­gen des Indi­vi­du­ums in den ver­meint­lich „rei­chen“ Ländern. Wer im Kapi­ta­lis­mus schei­tert, ist nicht nur bank­rott, son­dern wird auch an Leib und See­le gebro­chen. Wir müssen nicht in die drit­te Welt rei­sen, um die Opfer sei­ner bru­ta­len Gier zu ent­de­cken. Ein Besuch in der Knei­pe neben dem Hartz-IV-Amt reicht.

Ein wei­te­res Jesus-Zitat könnte uns in den Sinn kom­men und uns ver­ste­hen hel­fen, dass die Reli­gi­on des Kapi­ta­lis­mus nicht mit jener der Lie­be zusam­men­geht: „Nie­mand kann zwei Her­ren die­nen: Ent­we­der er wird den einen has­sen und den andern lie­ben, oder er wird an dem einen hängen und den andern ver­ach­ten. Ihr könnt nicht Gott die­nen und dem Mam­mon.“

Die­se dras­ti­schen Wor­te sind nach­zu­le­sen im Matthäus-Evangelium. Die­ser Mam­mon – damals muss­te er von den Ohren­zeu­gen wohl als dämonische Gestalt ver­stan­den wor­den sein – ging später, nach­dem Luther dar­auf ver­zich­tet hat­te, sich eine deutsch­spra­chi­ge Ent­spre­chung des Begriffs aus­zu­den­ken, auch in den hie­si­gen Sprach­ge­brauch über: als Bild für „unred­lich erwor­be­nen Gewinn oder unmo­ra­lisch ein­ge­setz­ten Reich­tum“. Eine ziem­lich pas­sen­de Meta­pher für das ent­seel­te Gesche­hen auf unse­rer Welt. Eine unbe­que­me dazu. Es ist im Kapi­ta­lis­mus nicht möglich, ein Lie­ben­der zu sein. So sehr wir es uns auch wünschten.

Wir haben dem fal­schen Gott gedient. Eif­rig. Überzeugt. So lan­ge wir glaub­ten. So lan­ge wir halt überzeugt waren. Nun kommt die Zeit für eine Revo­lu­ti­on. Überall sin­gen die Unzu­frie­de­nen und die Geschei­ter­ten schon ihr Lied. Aber sie wird doch nur gelin­gen, wenn sie sich ans Herz der Mensch­lich­keit zurückbindet. Sonst wird sie wie­der nur in neue Unfrei­heit führen, die es eines Tages zu überwinden gilt.

Wir wer­den um die­se Wahr­heit nicht länger her­um­kom­men. Sie wird uns ein- holen und ver­su­chen, uns zu wecken, so wie sie es schon immer tat. Unse­re Mammongläubigkeit wird enden, wenn das ent­fes­sel­te Vehi­kel Kapi­ta­lis­mus sich mit gro­ßem Knall selbst pul­ve­ri­siert. Durch den schmerz­haf­ten Auf­prall wird uns das Aus­maß sei­ner unverschämten Lüge bewusst wer­den. Und wir wer­den durch die Ana­ly­se sei­ner Gebo­te begrei­fen, dass es ihm gelun­gen war, uns rein­zu­le­gen, uns von etwas wirk­lich Bösem zu überzeugen, nämlich dem glat­ten Gegen­teil des­sen, was er ver­hei­ßen hat­te: Wir wer­den erken­nen, dass wir die Welt in wert­vol­le­re und wert­lo­se­re Men­schen ein­ge­teilt haben, dass wir erneut bereit waren – den gutbürgerlichen Lem­min­gen des soge­nann­ten Drit­ten Rei­ches gleich – welt­weit die „Schwa­chen“ zu opfern, die wir uns aller­dings selbst erschaf­fen und dann gewis­sen­los zu Kollateralschäden erklärt hat­ten. Wir wer­den erschre­cken, jene Mensch­lich­keit ver­ra­ten zu haben, die wir uns eigent­lich wünschen – und an der Stel­le von Güte und Nächstenliebe eine wei­te­re Ideo­lo­gie plat­ziert zu haben, die uns die Sin­ne mit Gier ver­ne­bel­te: alter­na­tiv­lo­ses Wachs­tum. Die­ser Wachs­tums­be­griff wird uns mit etwas Abstand plötzlich vor­kom­men wie ein Syn­onym für die kom­plet­te Aus­beu­tung von Res­sour­cen, Lebensräumen und vor allem: See­len. Und so wie Her- mann Hes­se einst wuss­te, als er die be- rühmten Wor­te nie­der­schrieb, die vom Papier flüsterten „Ich bin du und du bist ich“, wer­den wir erken­nen, dass die­se See­len doch stets wir alle waren.

Wir wer­den auf­wa­chen. Und einen wei­te­ren Ver­such star­ten, alles bes­ser zu machen. Viel­leicht wer­den schließ­lich unse­re Kin­der begin­nen, die Lie­be höher zu ach­ten, als wir es je taten. Viel­leicht wer­den sie begin­nen, sie allein als namen­lo­se Reli­gi­on zu akzep­tie­ren, als eine, die im Sin­ne der Wor­te von Jesus (und auch Sid­dhar­tha und Gan­dhi und all den ande­ren wirk­li­chen Hel­den der Mensch­heits­ge­schich­te) nie­man­den aus­schließt, son­dern auch die Schwa­chen in sich auf­nimmt; als eine, die sich mit den Glücklichen freut und mit den Trau­ri­gen trau­ert; als eine, die uns tei­len lehrt und uns dar­in unter­weist, unse­re Fein­de zu lie­ben, um augen­blick­lich fest­zu­stel­len, dass wir in der glei­chen Sekun­de, in der uns das gelingt, gar kei­ne mehr haben. Viel­leicht wer­den wir zu einem Bewusst­sein gelan­gen, das zunächst ein poe­ti­sches, ein spi­ri­tu­el­les sein muss – um dann ein ökonomisches, gesell­schaft­li­ches, sys­te­ma­ti­sches, wirt­schaft­li­ches, mit­mensch­li­ches Gan­zes wer­den zu können. Oder auch: Ertränken wir die bit­te­re Erkennt­nis des Schei­terns im Fluss des Lebens. Wagen wir den Weg. Las­sen wir unter­wegs kaputt­ge­hen, was uns kaputt macht.

 

 

Lasst euch von Clowns inspirieren! – Interview mit Marina Weisband

Anläss­lich der aktu­el­len Aus­ga­be haben wir aus­ge­wähl­ten Per­so­nen zum The­ma LEITBILDER ein paar Fra­gen gestellt. Hier die Ant­wor­ten von Mari­na Weis­band.

Lasst euch von Clowns inspirieren!

Inter­view mit Mari­na Weis­band

Marina Weisband

Mari­na Weis­band ist Diplom-Psy­cho­lo­gin und in der poli­ti­schen Bil­dung aktiv. Sie war von Mai 2011 bis April 2012 poli­ti­sche Geschäfts­füh­re­rin und damit auch Mit­glied des Bun­des­vor­stands der Pira­ten­par­tei Deutsch­land. Seit 2014 lei­tet sie bei poli­tik-digi­tal e.V. ein Pro­jekt zur poli­ti­schen Bil­dung und liquid-demo­kra­ti­schen Betei­li­gung von Schü­lern und Schü­le­rin­nen an den Regeln und Ange­le­gen­hei­ten ihrer Schu­len („aula“). Foto: Bas­ti­an Brin­gen­berg

 

Aller­or­ten macht sich Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit breit (EU – wohin? Wachs­tum – ja, nein, wo? Nach­hal­tig­keit – wie?). Haben wir den Glau­ben an Leit­bil­der ver­lo­ren, die frü­her Ori­en­tie­rung boten? (Wenn ja, wel­che sind das Ihrer Mei­nung nach?)
Wir haben den Glau­ben an Leit­bil­der nicht ver­lo­ren – wir suchen sogar sehr ange­regt nach ihnen. Es herrscht in der Öffent­lich­keit kein Man­gel, son­dern ein Über­an­ge­bot an Leit­bil­dern. Donald Trump, Bio-Kult, Beyon­cé, IKEA… Unse­re Gesell­schaft ist bloß weit gespal­te­ner, was ihre Leit­bil­der angeht, als sie es vor 30 Jah­ren war. Man könn­te auch sagen: indi­vi­du­el­ler. So wie es frü­her regio­nal sehr unter­schied­li­che Nor­men und Leit­bil­der gab, gibt es heu­te wel­che, die zwar nur einen klei­nen Teil der Men­schen anspre­chen, dafür aber glo­bal.

Kla­re Leit­bil­der ver­spre­chen kla­re Ori­en­tie­rung. So hel­fen Leit­bil­der in einer immer kom­ple­xer wer­den­den Gesell­schaft hand­lungs­fä­hig zu blei­ben. Bricht also eine Zeit der Aus­ein­an­der­set­zung um neue Leit­bil­der an? Gleich­zei­tig besteht die Gefahr, dass all­zu ein­fa­che (popu­lis­ti­sche) Lösun­gen pro­pa­giert wer­den. Ist also die Zeit der Leit­bil­der in einer moder­nen Gesell­schaft, von der erwar­tet wird, stets kon­sens­fä­hig und offen zu sein, vor­bei?
Über die gesam­te Geschich­te hin­weg wech­seln sich Zei­ten der Ide­en­fin­dung, Zei­ten des ste­ti­gen Pro­gres­ses und Zei­ten der blo­ßen Ver­wal­tung ab. Das geschieht in Zyklen, weil tech­ni­sche und sozia­le Neue­run­gen immer neue gesell­schaft­li­che Model­le und Ide­en not­wen­dig machen. Wir leben in einer Zeit, in der die Ver­wal­tung des Alten nicht mehr ein­fach funk­tio­niert. Durch Digi­ta­li­sie­rung und Glo­ba­li­sie­rung haben wir neue Mög­lich­kei­ten und Her­aus­for­de­run­gen, für die wir erst neue Lebens­ide­en brau­chen. Daher haben wir im Moment auch kei­ne kla­ren Leit­bil­der, son­dern eine Viel­zahl an mög­li­chen Wegen. Im Lau­fe der nächs­ten Jah­re wird sich in einem natür­li­chen Pro­zess her­aus­kris­tal­li­sie­ren, wohin die Rei­se gehen soll. Das ist aber eine Fra­ge, an der die Zivil­ge­sell­schaft aktiv mit­ge­stal­ten und mit­kämp­fen muss, um die Gestal­tungs­ho­heit nicht Popu­lis­ten oder gro­ßen Play­ern wie Kon­zer­nen zu über­las­sen.

Wel­ches Pro­jekt oder wel­che Per­son wür­den Sie ger­ne stär­ker in der Öffent­lich­keit ver­tre­ten sehen, weil es/sie für ein Leit­bild steht, das Ihrer Ansicht nach wich­tig für die Gesell­schaft ist?
Ich hät­te gern mehr Poli­ti­ker wie Jón Gnarr – weil er ein Clown ist. Er ver­kör­pert einer­seits die Viel­falt der Gesell­schaft und hat eine Art, die ganz natür­lich die Men­schen so akzep­tiert, wie sie sind. Er nimmt Din­ge nicht zu schwer und hat damit immer den nöti­gen Abstand und die Leich­tig­keit, die ihn erst zum Han­deln befä­higt. Ande­rer­seits ist er bewun­derns­wert prag­ma­tisch in sei­nem Han­deln. Er hat es geschafft, Reyk­ja­vik in für Island extrem tur­bu­len­ten Zei­ten zu regie­ren und in vie­len Berei­chen dras­tisch zu ver­bes­sern. Gera­de dadurch, dass er nicht wie­der­ge­wählt wer­den woll­te. Er konn­te Ver­ant­wort­li­che zur Rechen­schaft zie­hen, ohne auf zukünf­ti­ge Bünd­nis­se und Win­kel­zü­ge mit ihnen zu ach­ten. Ich sage nicht, dass alle Poli­ti­ker so sein sol­len. Sie sol­len ja gera­de ver­schie­den sein. Aber mehr Ein­fluss und Inspi­ra­ti­on von ihm wür­den der Welt nicht scha­den.

Mensch trifft System – Interview mit Georg Tafner

Anläss­lich der aktu­el­len Aus­ga­be haben wir aus­ge­wähl­ten Per­so­nen zum The­ma “SYSTEME” ein paar Fra­gen gestellt. Hier die Ant­wor­ten von Prof. Dr. Georg Taf­ner.

 

Mensch trifft System – Interview mit Prof. Dr. Georg Tafner

Abs­trak­te kom­ple­xe Gebil­de wer­den heu­te schnell als Sys­te­me bezeich­net, ohne zu wis­sen, was dar­un­ter genau zu ver­ste­hen ist. Gan­ze Wis­sen­schaf­ten erfor­schen Ent­ste­hung, Ent­wick­lung, Ein­fluss und Beein­flus­sung von Sys­te­men. Was bringt uns das Nach­den­ken über Sys­te­me?

Tafner

Prof. Dr. Georg Taf­ner ist Hoch­schul­pro­fes­sor für Bil­dungs­for­schung und sozio­öko­no­mi­sche Bil­dung an der PH Stei­er­mark und Lei­ter des Bun­des­zen­trums für Pro­fes­sio­na­li­sie­rung in der Bil­dungs­for­schung. Er lehrt an der Karl-Fran­zens-Uni­ver­si­tät Graz und der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät zu Ber­lin, wo er auch die Lehr­be­fug­nis für Erzie­hungs­wis­sen­schaft mit dem Schwer­punkt Wirt­schafts­päd­ago­gik hält. Neben den Stu­di­en der Wirt­schafts­päd­ago­gik und dem Dok­to­rat in Sozi­al- und Wirt­schafts­wis­sen­schaft hat er auch die Mas­ter­stu­di­en Euro­päi­sche Stu­di­en und Reli­gi­ons­wis­sen­schaf­ten abge­schlos­sen. Georg Taf­ner war neben sei­ner uni­ver­si­tä­ren Arbeit auch als Leh­rer und im Bereich der Öffent­li­chen Ver­wal­tung und Poli­tik tätig.

Ein sozia­les Sys­tem – und nur davon schrei­be ich hier – besteht aus Ele­men­ten, die mit­ein­an­der in Bezie­hung ste­hen und ein gemein­sa­mes Gan­zes erge­ben, das sich von der Umwelt, also dem Nicht-Sys­tem, durch eine bestimm­te Logik unter­schei­det, aber den­noch mit der Umwelt in Bezie­hung steht. Sys­tem ist dem­nach das Betrach­te­te und alles ande­re ist Umwelt. Umwelt und Sys­tem sind dadurch von der Betrach­tung abhän­gig und ändern sich mit der Per­spek­ti­ve. Das Nach­den­ken über Sys­te­me ist häu­fig ein Nach­den­ken über die­se bestimm­te Logik eines Sys­tems mit sei­nen Regeln, die zur Erklä­rung oder gar zur Legi­ti­ma­ti­on von Hand­lun­gen füh­ren kann.
In Ihrer Fra­ge liegt schon der Hin­weis auf die Ant­wort: Das Den­ken in Sys­te­men geht oft­mals mit Funk­tio­na­lis­mus ein­her, der von Zweck­ra­tio­na­li­tät und Nut­zen gespeist wird. Das Argu­ment Sys­tem ist dann die Ant­wort auf die Fra­ge, wie wir uns ver­hal­ten soll­ten, damit unser Han­deln etwas bringt. Der Begriff Sys­tem taucht heu­te vor allem im sozio­öko­no­mi­schen Kon­text auf und wird oft­mals zu einer nor­ma­ti­ven Set­zung, indem der ver­meint­li­chen Logik des Sys­tems zu fol­gen sei. Obwohl die Bezie­hun­gen als Kom­mu­ni­ka­ti­on beschrie­ben wer­den, wird kaum davon gespro­chen, dass die Ele­men­te immer Men­schen sind. Der Mensch als Gan­zes ist immer Indi­vi­du­um und Gemein­schafts­we­sen, er ist in sei­nem Ver­hal­ten bedingt frei und kann im Rah­men der ihm zur Ver­fü­gung ste­hen­den Mög­lich­kei­ten, inner­halb der vor­ge­ge­be­nen Bedin­gun­gen, selbst ent­schei­den, wie er sich ver­hält. Auch wenn die Logik des Sys­tems ent­we­der unser Den­ken über Alter­na­ti­ven oder tat­säch­li­che Hand­lungs­spiel­räu­me ein­grenzt, die beding­te Frei­heit, wie sie Peter Bie­ri beschreibt, gibt es den­noch. Sys­te­me sind Kon­struk­te und daher ver­än­der­bar: sowohl in unse­rer Wahr­neh­mung als auch in ihrem ver­meint­li­chem oder ech­tem Sein.

 

Wor­an bemerkt man Sys­te­me im All­tag? Sind Sie in Ihrem Leben ein­mal einem Sys­tem begeg­net, haben sich dar­an gesto­ßen oder wur­den dadurch gar unter­stützt? Wie sind Sie damit umge­gan­gen?
Sozia­le Sys­te­me sind, wie oben beschrei­ben, Kon­struk­te, nichts Natür­li­ches. Sie sind Erklä­rungs­ver­su­che. Ich tref­fe des­halb Sys­te­me in mei­nem Kopf. Dort kön­nen sie mei­ne Hand­lun­gen erleich­tern oder erschwe­ren, indem sie mir in mei­nem Kopf eine Logik vor­ge­ben. Was wir tat­säch­lich mit posi­ti­ven und nega­ti­ven Gefüh­len wahr­neh­men, sind Regeln, die unser Zusam­men­le­ben struk­tu­rie­ren. Sol­che Insti­tu­tio­nen kön­nen regu­la­tiv in Form von Geset­zen, nor­ma­tiv in Form von Wer­ten, Kon­ven­tio­nen oder Moral sein oder auch Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten. Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten struk­tu­rie­ren unser Leben am stärks­ten, weil sie durch Nach­ah­mung wei­ter­ge­ge­ben wer­den und sie uns gera­de wegen ihrer Selbst­ver­ständ­lich­keit nicht bewusst sind, son­dern impli­zit wir­ken. Insti­tu­tio­nen spü­ren wir, wenn wir oder ande­re sie über­schrei­ten. Dann spü­ren wir sie kör­per­lich, dann hat das mit posi­ti­ven oder nega­ti­ven Gefüh­len zu tun. Ähn­lich ver­hält es sich mit Macht. Macht und Insti­tu­tio­nen füh­ren zu Struk­tu­ren, die dann auf höhe­rer Ebe­ne m.E. als Sys­te­me bezeich­net wer­den. Macht und Regeln kön­nen wir posi­tiv oder nega­tiv wahr­neh­men. Der Umgang mit Macht und Ohn­macht sowie dem Ermög­li­chen oder Ver­un­mög­li­chen durch Insti­tu­tio­nen zeigt Gren­zen und Bedin­gun­gen auf. Die Kunst ist es, den­noch dar­in frei zu blei­ben und zu unter­schei­den, was ich als Ein­zel­ner ver­än­dern kann und was mei­ne Mög­lich­kei­ten ein­fach über­steigt. Das ist immer eine Ein­zel­fall­ent­schei­dung in einer ganz bestimm­ten Situa­ti­on.

 

Per­spek­ti­ven und Mei­nun­gen jun­ger Men­schen wer­den in sys­tem­re­le­van­ten Ent­schei­dun­gen – sei es in der Poli­tik, der Wirt­schaft, der Wis­sen­schaft etc. – kaum berück­sich­tigt. Von sys­tem­ver­ur­sach­ten Kri­sen hin­ge­gen sind sie beson­ders betrof­fen (Arbeits­lo­sig­keit, Staats­ver­schul­dung, Ren­ten­aus­fall, Umwelt­zer­stö­rung). Wel­chen Rat geben Sie die­ser Gene­ra­ti­on?

Ihre Fra­ge ist eine lebens­welt­li­che, wes­halb ich auch so ant­wor­te: Wir haben drei Kin­der, wobei die bei­den Älte­ren am Sprung in die Selbst­stän­dig­keit sind. Unse­re Erzie­hung lief dabei immer in eine Rich­tung: Sie müs­sen ihren Weg fin­den; sie sol­len das machen, was ihnen Freu­de und Erfül­lung berei­tet. Nicht in ego­is­ti­scher Form, son­dern im Bewusst­sein des Ein­ge­bun­den-Seins des Men­schen in die Gesell­schaft: Selbst­be­stim­mungs- und soli­da­ri­täts­fä­hig, wie Wolf­gang Klaf­ki das nennt. Nicht immer wird die­ses Ide­al zu erfül­len sein, aber das Ide­al ist not­wen­dig, um Moti­va­ti­on und Voli­ti­on auf­zu­brin­gen. Ein­brin­gen kön­nen sie sich als mün­di­ge Bür­ge­rin­nen und Bür­ger, indem sie die akti­ven und pas­si­ven Mög­lich­kei­ten der Demo­kra­tie auf unter­schied­li­chen Ebe­nen von der Schu­le bis zur Euro­päi­schen Uni­on nut­zen und sich, wenn sie das wol­len, in Ver­ei­nen enga­gie­ren. Und noch etwas: Angst ist sel­ten ein guter Beglei­ter und Zukunfts­angst bringt nie­man­den wei­ter. Gelas­sen­heit und Unter­schei­dung sind für die Kon­tin­genz­be­wäl­ti­gung not­wen­dig – um hier para­do­xer­wei­se auf einen Begriff Luh­manns im Kon­text von Reli­gi­on zurück­zu­grei­fen, den eben­so Her­mann Lüb­be ver­wen­det. Zum Aus­druck kommt die­se Kon­tin­genz­be­wäl­ti­gung in einem sehr bekann­ten Gebet: „Gott, gib mir die Gelas­sen­heit, Din­ge hin­zu­neh­men, die ich nicht ändern kann,  den Mut, Din­ge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weis­heit, das eine vom ande­ren zu unter­schei­den.“

 


Seit Luh­manns Sys­tem­theo­rie glaubt nie­mand mehr dar­an, dass sich sozia­le Sys­te­me von Ein­zel­per­so­nen ver­än­dern las­sen. Trotz­dem wächst das Unbe­ha­gen gegen­über Sys­te­men, wie dem Wirt­schafts­sys­tem oder dem Staats­sys­tem. Mal uto­pisch gefragt: Kann es eine sys­tem­freie Zukunft geben?
All­aus­sa­gen, wie sie z.B. in die­ser Fra­ge defi­niert ist, sind immer falsch. Und den­noch blitzt in der Fra­ge Wah­res durch: Seit Luh­mann „glaubt“ nie­mand mehr an Ver­än­de­run­gen durch Per­so­nen. Rich­tig ist das Wort „glau­ben“ in die­sem Kon­text, denn es scheint für man­che, eini­ge, vie­le, aber sicher nicht für alle unmög­lich zu sein – im Posi­ti­ven wie im Nega­ti­ven. Sys­te­me schei­nen sys­te­ma­tisch das Poten­ti­al von ein­zel­nen Per­so­nen und Kon­tin­gen­zen zu unter­schät­zen.
Kaum jemand wird m.E. so ein­sei­tig inter­pre­tiert wie Luh­mann. Er spricht über sei­ne Sys­tem­theo­rie als eine Beschrei­bung zwei­ten Gra­des. Was aber pas­siert mit sei­nen Beschrei­bun­gen? Sie wer­den heu­te ger­ne nor­ma­tiv inter­pre­tiert, vor allem von bestimm­ten Ver­tre­tern der Öko­no­mie und Öko­no­mik. Der Idee der Sub­sys­te­me fol­gend, wird auf die auto­no­me Wirt­schaft geschlos­sen. Damit wird ein Modell auf­ge­stellt, das rein öko­no­misch funk­tio­niert. Die­ses Modell wird wohl als wert­frei ver­kauft, doch wird es als Hand­lungs­an­lei­tung emp­foh­len und als Ethik ver­stan­den. Aus der Beschrei­bung Luh­manns ist damit Nor­ma­ti­ves gewor­den: Aus dem durch die Luhmann’sche Bril­le Beob­ach­te­ten wur­de Nor­ma­ti­ves – ein natu­ra­lis­ti­scher Fehl­schluss. Das Modell wur­de zur Ethik, rei­fi­ziert sich und wird zur Wirk­lich­keit. Das an der Sys­tem­lo­gik des rei­nen Selbst­in­ter­es­ses und Nut­zen­ma­xi­mums aus­ge­rich­te­te Han­deln wird zur Richt­schnur nicht nur in der Öko­no­mie und schon gar nicht nur in der Öko­no­mik! Aber: Der Mensch ist gar nicht so zweck­ra­tio­nal, so ego­is­tisch und nut­zen­ori­en­tiert, so kon­se­quen­tia­lis­tisch, wie die Stan­dard­theo­rie besagt. Ein sol­ches Han­deln ist – wie auch Phi­lo­so­phen und Sozio­lo­gen aus­füh­ren – mehr Legi­ti­ma­ti­on nach außen als tat­säch­li­che Hand­lungs­struk­tur. Nach außen geben Men­schen als Indi­vi­du­en oder Ver­tre­ter von Orga­ni­sa­tio­nen vor, so zu sein, um der Richt­schnur – oder dem Sys­tem? – schein­bar zu ent­spre­chen. In Wahr­heit han­deln Men­schen auch wert­ra­tio­nal, affek­tiv und tra­di­tio­nell oder ver­hal­ten sich unbe­wusst oder bewusst irra­tio­nal, geben aber nach außen vor, rein zweck­ra­tio­nal gehan­delt zu haben. Beob­ach­tet (!) wird damit ein Tun, das als rein zweck­ra­tio­nal und nut­zen­ori­en­tiert erscheint. Luh­mann scheint bestä­tigt zu sein. Die­ser Schein blen­det vie­le, scheint zu einem Kern unse­rer Kul­tur selbst gewor­den zu sein. Anders gesagt: Unser Han­deln ist weni­ger sys­tem­kon­form als wir glau­ben. Ist das uto­pisch?

Gott, Welt, Seele – und Kapitalismus” von Birger P. Priddat

Nach unse­rer Ver­lo­sung des Her­aus­ge­ber­ban­des “Wachs­tum im Wan­del” der Ber­tels­mann Stif­tung stel­len wir heu­te den meist genann­ten Lieb­lings­ar­ti­kel der Ein­sen­der online. Er ent­stammt der aktu­el­len Aus­ga­be der agora42 1/2016 ÖKONOMIE UND SPIRITUALITÄT:

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Gott, Welt, Seele – und Kapitalismus

von Bir­ger P. Prid­dat

 

Mit der Auf­klä­rung ist die Öko­no­mie von einer „beseel­ten“ zur see­len­lo­sen gewor­den. Die in der alten, christ­li­chen Welt vor­herr­schen­de Spi­ri­tua­li­tät, also die Vor­stel­lung einer geis­ti­gen Ver­bin­dung zu einer höhe­ren, gött­li­chen Ord­nung, lös­te sich auf. Die Hoff­nung, im Him­mel ent­schä­digt zu wer­den für ein mehr oder weni­ger arm­se­li­ges Leben, wur­de ein­ge­tauscht für die Opti­on, im Leben selbst Erlö­sung zu errei­chen: Unbe­grenz­tes Wachs­tum und eine ste­ti­ge Stei­ge­rung des Lebens­stan­dards soll­ten das Para­dies aus dem Him­mel auf die Erde holen. Nun aber ist auch die­ser Glau­be ver­lo­ren gegan­gen …

 

Wenn Adam Smith von der „unsicht­ba­ren Hand“ spricht, wel­che die Märk­te steue­re, so mein­te er damit die Hand Got­tes. Die Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler sind sich zwar uneins, inwie­weit das stim­men mag, vor­nehm­lich aber des­halb, weil die Geburt des moder­nen Kapi­ta­lis­mus, des­sen Urva­ter Adam Smith ist, aus der Reli­gi­on vie­len selt­sam erscheint – denn der Kapi­ta­lis­mus sei doch eine ratio­na­le, effi­zi­enz­ori­en­tier­te Ver­an­stal­tung. Letzt­lich aber ver­gisst man bei einer sol­chen Betrach­tungs­wei­se, dass die natür­li­che Ord­nung, die Smith für die sich aus­glei­chen­den Märk­te unter­stellt, ein meta­phy­si­scher Rest einer theo­lo­gi­schen Welt ist, in der Gott alles geschaf­fen und wohl geord­net hat. Jede Ord­nung ist noch die Ord­nung Got­tes. Oder, teil­auf­ge­klärt, die der Natur. Aber die Ord­nung der Natur wie­der­um ist die Got­tes (selbst noch bei Isaac New­ton, mit dem Smith befreun­det war).

Die Auf­klä­rung arbei­tet ein säku­la­ri­sier­tes Welt­bild her­aus, in dem die Geschich­te (wie die Natur­ge­schich­te) selbst­stän­dig – ohne Ord­nung und Lei­tung Got­tes – ope­rie­ren kann. Der His­to­ri­ker Rein­hart Kosel­leck redet von der Sat­tel­zeit (um 1800), in der sich epo­cha­le Ände­run­gen voll­zie­hen. Die Welt wird seit­dem als Pro­zess erklärt, der sich ins Unbe­stimm­te, Offe­ne hin­ein voll­zieht. Sie ist nicht mehr durch einen Schöp­fungs­plan (oeco­no­mia divina) vor­her­be­stimmt (pro­vi­den­tia), also unfer­tig bezie­hungs­wei­se stei­ger­bar. Es geht nicht mehr dar­um, dar­über zu sin­nen, was Gott vor-gese­hen hat, son­dern dar­über, was Men­schen aus der Welt machen. Wir reden dann vom Fort­schritt.

Adam Smith hat den Fort­schritt öko­no­misch defi­niert: als Wachs­tum mit dem Ziel, den Lebens­stan­dard zu erhö­hen. Das arm­se­li­ge Leben aller soll mate­ri­ell ver­bes­sert wer­den. Die neue Wirt­schaft, die erst im 19. Jahr­hun­dert Kapi­ta­lis­mus genannt wird, zeich­net sich durch stei­gen­de Pro­duk­ti­vi­tät aus. Der „Reich­tum der Natio­nen“ ist ver­mehr­ter Güter­reich­tum, erreicht durch freie Märk­te und Arbeits­tei­lung. Smith war sich gewiss, dass das abend­län­di­sche Tugend­pro­gramm die­se Ent­wick­lung nicht hät­te vor­an­trei­ben kön­nen:

Wohl­stand vs. Tugend“ lau­te­te sei­ne For­mel in den Lec­tures on Juris­pru­dence. Um Reich­tum zu erlan­gen, müss­ten wir (ver­mehrt) auf Tugen­den ver­zich­ten.

Doch ändert sich noch mehr: Die neue poli­ti­sche Öko­no­mie kapri­ziert sich auf das mate­ri­el­le Wohl­erge­hen, die alte theo­lo­gi­sche Welt hin­ge­gen auf die See­le. Das Leben war eher dar­auf aus­ge­rich­tet, es gott­ge­fäl­lig aus­zu­füh­ren, damit die See­le in den Him­mel kom­me – als höchs­tes Gut. Alle irdi­schen Reich­tü­mer nütz­ten dafür nichts: Es war eine „oiko­no­mia psy­chon“ – eine See­len­öko­no­mie.

Blei­ben wir für einen Moment bei die­sem Gedan­ken: Gott, der Herr, erscheint als Haus­va­ter einer oeco­no­mia divina, die Nova­lis noch die „uni­ver­sa­le Haus­hal­tung Got­tes“ nen­nen konn­te. Hier sind alte abend­län­di­sche Res­sour­cen im Ein­satz: die Haus­halts­füh­rung (oiko­no­mia), die dem Haus­va­ter (pater fami­li­as, oikos­de­po­tes) obliegt. Die Theo­lo­gie hat – geprägt durch die Leh­re des Apos­tels Pau­lus – die­ses Motiv für die Schöp­fung über­nom­men: eine (uns heu­te fast unbe­kann­te) Öko­no­mie der Schöp­fung, die bis vor die Auf­klä­rung galt. Sich in die­se Öko­no­mie der Schöp­fung ein­zu­fü­gen, war die Demuts­pflicht eines jeden Chris­ten­men­schen. Sie war gekop­pelt an das Ver­spre­chen der Erlö­sung im Him­mel (alter­na­tiv: der Ver­damm­nis in der Höl­le). Dass in der Tie­fe des Chris­ten­tums noch eine ande­re, nicht herr­schafts­be­ton­te soma/psyche (Körper/Seele)-Transformation ein­ge­wo­ben ist (der sich in Gestalt Jesu selbst für die Men­schen opfern­de Gott – kein Herr­scher, son­dern ein Erbar­mer), sei nur erin­nert.

 

Kapi­ta­lis­mus als Erlö­sung

Der Kapi­ta­lis­mus hat die Erlö­sungs­funk­ti­on über­nom­men, nun aber nicht für die Öko­no­mie der See­len, son­dern für die Öko­no­mie des mate­ri­el­len Lebens. Der See­len­part wur­de aus der Öko­no­mie eli­mi­niert, nicht aber die Erlö­sungs­hoffung. Aller­dings muss­te sich dafür die Zeit­vor­stel­lung grund­sätz­lich ändern. Der Tod wur­de nicht mehr als ein Pha­sen­über­gang in den Him­mel ver­stan­den, der die See­len ewig leben lässt, son­dern als ein ein­deu­ti­ges Ende. Alles, was frü­her auf die Posi­ti­on post mor­tem aus­ge­rich­tet war, muss jetzt im (kur­zen) Leben voll­zo­gen wer­den. Die Ewig­keit wur­de been­det, dafür die Geschich­te mit einer poten­zi­ell ewi­gen Zukunft der Welt­zeit geöff­net. Erst in eine sol­che offe­ne Zukunft hin­ein kann Wachs­tum, Pro­gres­si­on und Stei­ge­rung for­mu­liert wer­den. Dafür muss man im Leben pro­duk­tiv sein. Wenn das Leben ein Leben auf den Tod hin ist, ist alles aus ihm her­aus­zu­ho­len, was es bie­ten kann; fast logisch erfolgt dar­aus ein Maxi­mie­rungs­ge­bot.

Ende des 19. Jahr­hun­derts wird der „ratio­nal man“ erfun­den, der sei­nen Grenz­nut­zen opti­miert. Grenz­nut­zen heißt: bis zur (phy­si­schen) Sät­ti­gungs­gren­ze. Die See­le wird durch die­ses (öko­no­mi­sche) Sys­tem nicht bedient, sie wur­de dem (nun pri­va­ten) Glau­ben über­las­sen.

Das der­art ent­stan­de­ne Vaku­um wur­de dadurch aus­ge­füllt, dass dem phy­sisch-welt­li­chen Part die Psy­che hin­zu­ge­fügt wur­de. Im Gegen­satz zur See­le stirbt die Psy­che mit dem Kör­per. Auch das Wesen der Psy­che unter­schei­det sich prin­zi­pi­ell nicht mehr vom Kör­per: Letzt­lich geht es dar­um, ihre Bedürf­nis­se zu befrie­di­gen. Dabei wird selbst die Psy­che noch auf ihre kogni­ti­ven Ope­ra­tio­nen begrenzt, das Unbe­wuss­te wird aus­ge­schlos­sen. Doch sind, bei aller Ratio­na­li­sie­rung, der Glau­be und die Hoff­nung nicht ver­schwun­den. Sie über­tra­gen sich in die Geschichts­zie­le: Wachs­tum, Stei­ge­rung des Lebens­stan­dards der ein­zel­nen Men­schen wie der Natio­nen und Fort­schritt sei­en unbe­grenzt mög­lich. Geht man davon aus, dass die Wirt­schaft (poten­zi­ell unbe­grenzt) wach­sen kön­ne, folgt dar­aus, dass ers­tens prin­zi­pi­ell alle aktu­el­len „Erlö­sungs­hin­der­nis­se“ aus dem Weg geräumt wer­den kön­nen und zwei­tens die­se Hin­der­nis­se sogar will­kom­me­ne Her­aus­for­de­run­gen dar­stel­len, aus deren Bewäl­ti­gung neu­es Wachs­tum resul­tiert.

Der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler Joseph Vogl spricht von einem Sys­tem der Oiko­di­zee – Leib­niz’ Begriff der Theo­di­zee scheint dar­in auf. Leib­niz woll­te nach­wei­sen, dass die Schöp­fung gut ist, auch wenn das Leid der Men­schen sich ver­mehrt. Irdi­sches Leid sei Prü­fung – eine Chan­ce, sei­nen Glau­ben zu bewei­sen und ent­spre­chend Erlö­sung im Him­mel zu fin­den. Vogl über­trägt die­se Idee auf das kapi­ta­lis­ti­sche Sys­tem: Armut, Kri­sen und Ver­lus­te sei­en nur Bestä­ti­gung des prin­zi­pi­el­len Wachs­tums­po­ten­zi­als. Man muss nur wirk­lich wach­sen wol­len! Wir bewe­gen uns wie­der in einem Sys­tem des Glau­bens, in einer Meta­phy­sik des Kapi­ta­lis­mus, wie Nor­bert Bolz es nennt.

 

Gren­zen des Glau­bens

Die­ser Stei­ge­rungs­op­ti­mis­mus wird zuneh­mend skep­tisch betrach­tet. Die Zweif­ler wei­sen dar­auf hin, dass wir in jeder erdenk­li­chen Hin­sicht (Umwelt­zer­stö­rung in allen Facet­ten, Erd­er­wär­mung etc.) an Gren­zen sto­ßen. Und sie stel­len die Fra­ge, wie man mit begrenz­ten Res­sour­cen unbe­grenz­tes Wachs­tum gene­rie­ren will. Der Glau­be an die Oiko­di­zee ver­flüch­tigt sich; vie­le erwar­ten vom Kapi­ta­lis­mus kei­ne Stei­ge­rung mehr, son­dern bes­ten­falls die Wah­rung des bis­her Erreich­ten (ste­ady sta­te eco­no­my oder Nach­hal­tig­keit). Wir mer­ken, dass wir das Wachs­tum an die Aus­beu­tung der natür­li­chen Res­sour­cen gebun­den hat­ten. Inzwi­schen wis­sen wir, dass sie sehr wohl begrenzt sind. Und nicht nur das: Ihre maß­lo­se Nut­zung gene­riert Feed-Back-Pro­zes­se, die kos­ten­trei­bend auf uns zurück­schla­gen. Wir set­zen auf die Wis­sen­schaf­ten, um ein „Wachs­tum der Gren­zen“ zu bewir­ken. Aber man­che Pro­zes­se wie die Kli­ma­ent­wick­lung sind nun ein­mal unum­kehr­bar und inso­fern limi­tie­rend. Die Hoff­nung, dass uns die Natur unauf­hör­lich ihre „Früch­te“ schenkt, kehrt sich in die nüch­ter­ne Ana­ly­se um, dass die Natur ihre eige­nen Pro­zes­se voll­zieht, in denen unse­re Wün­sche und unser Begeh­ren kei­ne Rol­le spie­len.

In der Wirt­schaft wird nur von der mate­ri­el­len Sei­te der Öko­no­mie gespro­chen, von Ener­gie, Res­sour­cen und Gütern. Die psy­chi­schen Kos­ten gehen in die Leis­tungs­bi­lan­zen der Stei­ge­rungs-Erlö­sungs-Öko­no­mie nicht ein (die see­li­schen sowie­so nicht): Arbeit, Orga­ni­sa­ti­on, Pro­duk­ti­vi­tät, Inno­va­ti­on und Dyna­mik haben die Gesell­schaf­ten so umge­stal­tet, dass vie­le Men­schen psy­chisch über­for­dert sind, ihre indi­vi­du­el­len Per­spek­ti­ven fal­len weg.

Hin­zu kommt, dass nie­mand ernst­haft auf ein öko­lo­gi­sche­res, nach­hal­ti­ge­res Wirt­schaf­ten hof­fen kann. Denn eine sol­che Trans­for­ma­ti­on müss­te im glo­ba­len Maß­stab pas­sie­ren. Die Schwel­len­län­der behal­ten sich jedoch vor, die glei­chen Wachs­tums­we­ge zu beschrei­ten, die wir his­to­risch gegan­gen sind. Etwai­ge öko­lo­gi­sche Beden­ken tei­len sie; aber erst wenn sie unse­ren Lebens­stan­dard erreicht hät­ten, wür­den glei­che Bedin­gun­gen herr­schen und man kön­ne sich auf eine für alle ver­bind­li­che Öko- und Kli­ma­po­li­tik eini­gen. Wenn sich an die­sen Erwar­tungs­hal­tun­gen nichts ändert, wer­den künf­ti­ge Kli­ma­kon­fe­ren­zen not­wen­di­ger­wei­se schei­tern. Selbst wenn wir gute Grün­de für solch eine glo­ba­le Neu­aus­rich­tung der Wirt­schaft anfüh­ren, hat uns unse­re eige­ne Geschich­te eine ent­spre­chen­de Neu­aus­rich­tung aus der Hand genom­men. Denn die­se Geschich­te ist Modell für ande­re gewor­den, die sie wie­der­ho­len wol­len (gera­de weil sie so erfolg­reich war).

 

Eine neue See­len­öko­no­mie?

Gegen die­se Ein­sich­ten glau­ben wir den­noch an eine Ver­si­on der Fort­set­zung die­ser Geschich­te – wenn auch im Rah­men öko­lo­gi­scher Kali­brie­run­gen. Man sieht das unge­heu­re Glau­bens­po­ten­zi­al, mit dem wir ope­rie­ren: Erlö­sung durch Wis­sen, Wis­sen­schaft und Tech­no­lo­gie. Das ist ein wei­te­res Zei­chen, dass wir der Poli­tik nicht mehr ver­trau­en, son­dern allein der Erlö­sungs­macht unse­res Wis­sens (wobei wir ange­sichts der unüber­sicht­li­chen Lage noch gar nicht wis­sen, wel­ches Wis­sen wir eigent­lich benö­ti­gen). Gleich­sam gibt es eine neue „unsicht­ba­re Hand“. Nie­mand inter­pre­tiert dies als „gött­lich“ (obschon vie­le Men­schen ange­sichts der Kom­ple­xi­tät der Welt und dem dar­aus ent­sprin­gen­den Wunsch nach ein­fa­chen Lösun­gen wie­der reli­gi­ös wer­den). Aber sie ist funk­tio­nal äqui­va­lent zur „schöp­fe­ri­schen Macht“ zu sehen, nur das wir das heu­te „mensch­lich-krea­tiv“ nen­nen wür­den. Aus dem Erlö­sungs-Sche­ma sind wir noch nicht aus­ge­tre­ten; eine zwei­te Auf­klä­rung steht noch aus.

Die Hoff­nung, im Him­mel ent­schä­digt zu wer­den für ein arm­se­li­ges Leben, haben wir ein­ge­tauscht für eine Opti­on, im Leben selbst die Erlö­sun­gen zu errei­chen. Was aber, wenn das nicht gelingt?

Wenn wir kei­ne Him­mel-/See­len-Opti­on mehr haben, müs­sen wir in die The­ra­pie (die selbst eine Markt­leis­tung gewor­den ist). Das heißt, wir müs­sen indi­vi­du­ell damit fer­tig wer­den, ohne die insti­tu­tio­nel­len Erlö­sungs­an­ge­bo­te der Kir­chen oder des Glau­bens­sys­tems. Die Hoff­nung, die Wirt­schaft so zu ändern, dass wir in ihr unbe­schä­digt leben kön­nen – das eigent­li­che Ver­spre­chen der Reli­gi­on des Kapi­ta­lis­mus –, ist mit den sozia­lis­ti­schen Uto­pi­en unter­ge­gan­gen. Müs­sen wir uns also ganz von der Hoff­nung auf Erlö­sung ver­ab­schie­den? Oder gelingt es uns, eine Wirt­schaft zu ent­wer­fen, die mate­ri­el­le wie psy­chi­sche Güter balan­ciert? Wie sähe eine hyper­mo­der­ne „oiko­no­mia psy­chon“ aus?

 


 

Birger Priddat

Bir­ger P. Prid­dat ist Inha­ber des Lehr­stuhls für Volks­wirt­schafts­leh­re und Phi­lo­so­phie an der Uni­ver­si­tät Witten/Herdecke und Mit­her­aus­ge­ber der agora42.

 

 

Vom Autor emp­foh­len:

SACH-/FACHBUCH

Robert H. Nel­son: Reaching for Hea­ven on Earth. The Theo­lo­gi­cal Mea­ning of Eco­no­mics (Row­man & Little­field, 1991)

Bir­ger P. Prid­dat: Benign order und hea­ven on earth. Kapi­ta­lis­mus als Reli­gi­on? Über theo­lo­gi­sche Res­sour­cen in der Ent­wick­lung der moder­nen Öko­no­mie (In: Peter Seele/Georg Pflei­de­rer: Kapi­ta­lis­mus – eine Reli­gi­on in der Kri­se I. Nomos Ver­lag, 2013)

Jochen Hörisch: Man muss dran glau­ben. Die Theo­lo­gie der Märk­te (Wil­helm Fink Ver­lag, 2013)