Jede Generation muss sich ihrer Verantwortung stellen – Interview mit Margot Käßmann

Anlässlich der Jubiläumsausgabe der agora42 sprachen wir mit Margot Käßmann über den Stand der heutigen Gesellschaft. Im Jahr 2015 führten wir ein Interview mit ihr für die Ausgabe 1/2015 Ups&Downs, das wir in bleibender Erinnerung behalten haben.

 

Frau Käßmann, die auf uns zurollende Katastrophe, klimatisch als auch gesellschaftlich, wird mittlerweile nicht mehr ernsthaft in Abrede gestellt – trotzdem reißen wir das Ruder nicht herum und fahren sehenden Auges gegen den Eisberg. Ist die Welt nicht mehr zu retten?

Margot Käßmann war lange Zeit als evangelisch-lutherische Theologin und Pfarrerin in verschiedenen kirchlichen Leitungsfunktionen tätig. Ab 27. April 2012 war sie „Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017“ im Auftrag des Rates der EKD.

Ich hoffe schlicht auf die Vernunft der Menschen! Seit Mitte der 70er Jahre wissen wir um die „Grenzen des Wachstums“ und viele haben ja auch ihr individuelles Verhalten verändert. Aber die Politik muss handeln und ich finde, Fragen von Klimaschutz, Abgasemissionen, Plastikverbrauch sollten in den Mittelpunkt auch von Wahlkämpfen rücken.

Stattdessen erleben wir gerade wieder die Macht der Autolobby und mit Donald Trump einen Präsidenten, der schon Errungenes zurückdreht. Aber wir können wegen solcher Rückschläge nicht einfach die Hoffnung und das Engagement aufgeben. Das wäre verantwortungslos.

 

In Ihrem neuen Buch Schöne Aussichten schreiben Sie, dass man mit dem Alter auch von einigen liebgewonnenen Gewohnheiten Abschied nehmen muss. Ist das nicht auch die Aufgabe unserer Gesellschaft insgesamt – dass wir von liebgewonnenen Gewohnheiten (Wachstum, Wohlstandsmehrung etc.) Abschied nehmen müssen? Wie aber kann das gelingen? Wie kann man Abschied nicht nur als Verlust empfinden?

Es gibt auch eine Ethik des Genug. Und die muss nicht mit moralisch erhobenem Zeigefinger daherkommen. Wer für sich selbst sagen kann, es ist genug, lebt ja auch zufriedener und muss nicht ständig einem vermeintlichen Mehr nachjagen. Wer einmal nachdenkt weiß genau, dass die entscheidenden Dinge im Leben nicht käuflich sind: Liebe, Vertrauen, Familie, Glück, Freundschaft.

 

Peggy Hetmank-Breitenstein, eine junge Philosophin aus Jena schrieb uns: "Wer möchte heute eigentlich in einer der nächsten Generationen leben? Ich nicht." Wie kann den jungen Menschen wieder Mut für die Zukunft gemacht werden?

Meine Mutter hat als junge Krankenschwester die Bomben auf Berlin erlebt, musste ihre Heimat verlassen, lebte zwei Jahre in einem Internierungslager. Ihr wurde gesagt: In diese Welt kann man keine Kinder setzen – sie hat vier bekommen. Meiner Generation wurde gesagt: Angesichts von Bedrohung durch Atomwaffen und Bevölkerungswachstum sollte man keine Kinder in die Welt setzen – ich habe vier bekommen. Inzwischen habe ich sechs Enkelkinder. Ich bin überzeugt: Jede Generation muss sich ihrer Verantwortung stellen. Wir übergeben die Staffel des Engagements für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung.

 

Derzeit durchforsten technikbegeisterte Wissenschaftler äußerst kapital- und technikintensiv das Weltall, um einen Planeten zu finden, auf den die Menschheit im Katastrophenfall auswandern kann. Würden Sie – im Falle des Falles – gerne auf einem anderen Planeten neu anfangen?

Ich bin in einem Alter, in dem ich mich auf die letzten Dinge im Leben vorbereite. Auf einem anderen Planeten neu anfangen würde ich nicht. Aber am Ende ist das doch ein absurder Gedanke, oder? Wir zerstören diesen wunderbaren Planeten, auf dem wir leben. Aber statt uns für seine Gesundung, den Erhalt einzusetzen, suchen wir einen neuen? Das entspricht letzten Endes der Logik der Wegwerfgesellschaft, finde ich.

 


Die Jubiläumsausgabe der agora42 widmen wir der 42.

42, das ist die Antwort auf die Frage aller Fragen, die keine Antwort ist. Das ist die eindeutige Zahl, die alles im Unklaren belässt. Das ist gar nicht so unsinnig, wie es zunächst scheinen mag. Diese Zahl steht für den typisch menschlichen Versuch, einen Sinn zu finden – und ist doch gleichzeitig Ausdruck der Tatsache, dass dieser nicht gefunden werden kann. Zum Glück! Sonst wäre alles sinnlos…

In der Jubiläumsausgabe fragt die Jenaer Philosophin PEGGY HETMANK-BREITENSTEIN im Interview: “Wer möchte heute eigentlich in einer der nächsten Generationen leben? Ich nicht. Ist das nicht finster?”

RICHARD DAVID PRECHT, Philosoph und Beirat der agora42, zur Frage, wie er sich eine gelingende Zukunft vorstellt: “Wir werden die Humanität und das Soziale in den Mittelpunkt unseres Lebens stellen und nicht den Profit, den Konsum und die Technik.”
Konkrete Hinweise für den Übergang in eine zukunftsfähige Wirtschaft liefert der Publizist und Commons-Aktivist HANS E. WIDMER: “Bevor wir smart schrumpfen können, müssten wir es zuerst schaffen smart zu wachsen.”

Einfach LEBEN – Hartmut Rosa über das lebendige Leben

"Lebendig zu sein bedeutet, verbunden zu sein"

Interview mit Hartmut Rosa

 

 

Anlässlich der neuen agora42 EINFACH LEBEN haben wir ausgewählten Personen zum Thema ein paar Fragen gestellt. Hier die Antworten von Hartmut Rosa. Er spricht über das Lebendigsein, den Himmel voller Geigen, neue Maßstäbe und die Versöhnung mit der Welt …

 

Herr Rosa, kann man überhaupt einfach über Einfachheit sprechen, oder spricht man da nicht gleich über etwas ziemlich Kompliziertes?

'Einfach leben' ist ja ein wunderbar doppeldeutiger Titel, und ich plädiere für die Betonung auf dem zweiten Wort: Einfach LEBEN. Was könnte das heißen? Was ich in meinem Buch Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung zu sagen versucht habe ist, dass lebendig zu sein bedeutet, verbunden zu sein, wobei diese Verbindung – mit der Welt, mit dem Leben, mit uns selbst – vier entscheidende Merkmale aufweist:
Erstens, ich muss in der Lage sein, mich von den Menschen und/oder Dingen erreichen, berühren, bewegen zu lassen.
Zweitens, ich muss willens und in der Lage sein, auf diese Berührung antwortend zu reagieren, und zwar so, dass ich die andere Seite – 'das Leben' – auch meinerseits erreichen und spüren kann, d.h. so, dass ich mich als selbstwirksam erlebe. Lebendig sein heißt in diesem Sinne 'einem Ruf antworten', oder auch: Immer wieder auf Anrufe zu antworten.
Drittens: In diesem hörenden Antworten verändere ich mich auch, und die Welt, die ich dabei erfahre, verändert sich ebenfalls. Stetige Transformation gehört also zum Leben.
Und viertens: Lebendig kann nur sein, wer akzeptiert, dass vieles in der Welt und im Leben unverfügbar ist und bleibt: Man kann Resonanz nicht erzwingen, und wenn sie eintritt, weiß man nie im Vorhinein, was dabei herauskommt. 'Kompliziertheit' entsteht im Leben vor allen Dingen dadurch, dass wir versuchen, alles verfügbar zu machen und unter berechenbare Kontrolle zu bringen.
Ihre Ausgangsvermutung trifft also meines Erachtens voll ins Schwarze: Wenn wir einfach LEBEN, erfüllen wir diese vier Bedingungen, aber sie sind nicht so leicht zu erfüllen, es handelt sich um eine komplexe Form des In-Beziehung-Seins, und dazu kommt noch, dass es unmöglich ist, immer oder nur im Resonanzmodus zu leben. Es gehört zu den unverzichtbaren und großartigen Kulturleistungen des Menschen, dass wir eben auch in der Lage sind, die Welt und das Leben zu verdinglichen, in kühle Distanz zur Welt zu gehen, dem Ruf eben NICHT zu antworten. Einfach leben verlangt daher obendrein, immer die Balance zu halten.

 

Kann man einfach leben, ohne dem Leben irgendeine Struktur und Ordnung zu geben? Kann man einfach nur In-Situation-Sein, das heißt, in wechselnden Situationen leben und Sinn finden, ohne einen „Gesamtsinn“ zu unterstellen?

Hartmut Rosa ist seit 2005 Professor für Allgemeine und Theoretische Soziologie an der Universität Jena sowie Direktor des Max-Weber-Kollegs der Universität Erfurt. 2016 erschien sein Buch Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung im Suhrkamp Verlag.

Das kommt sehr darauf an, was Sie mit 'Sinn' meinen. Gelingendes Leben hängt meines Erachtens wirklich nicht davon ab, dass wir ein geschlossenes Weltbild im Sinne einer Theorie über das Universum und das Leben haben. Das kann man sich leicht an Beispielen klarmachen. Nehmen wir an, jemand sitzt in seinem Zimmer und findet sein Leben und die Welt öde, traurig, sinnlos und leer. Dann geht er auf die Straße und verliebt sich – und plötzlich hängt ihm oder ihr 'der Himmel voller Geigen', wobei es sogar egal ist, ob er sich in einen Menschen oder ein Lied oder ein Buch oder eine Stadt oder eine Aufgabe verliebt hat. Was sich geändert hat, ist nicht seine Theorie, sein Weltbild, er hat kein neues Sinngebäude geschaffen – sondern er oder sie hat sich anrufen lassen und fühlt sich lebendig genug, diesem Ruf zu folgen oder zu antworten. Allerdings verhält es sich so dass wir, wenn wir auf diese Weise einem Ruf antworten (vielleicht auch, indem wir uns um ein Kind oder einen alten Menschen oder Flüchtlinge oder einen Wald kümmern), uns auf eigenartige Weise wieder mit dem 'Umgreifenden' des Lebens insgesamt verbunden fühlen. Zwischen uns und der Welt zieht es dann, sozusagen, 'wieder durch', der Lebenshauch geht durch uns hindurch. Tatsächlich halte ich deshalb die spätmoderne Obsession des 'Ganz-im-Hier-und Jetzt-Sein-Wollens' für einen Irrtum: Wenn wir in Resonanz mit dem Leben sind, weitet sich unser Horizont zeitlich und räumlich, weil unser Weltverhältnis nicht mehr starr ist, sondern sich gleichsam verflüssigt. Wenn sich Struktur und Ordnung aus solcher Verbundenheit ergeben, ist das wunderbar, ich denke in der Tat: Ohne Struktur und einen Sinn für Ordnung geht es nicht, ohne sie lassen sich keine Resonanzräume etablieren und keine Resonanzachsen stabilisieren. Aber natürlich können umgekehrt starre Ordnungen und unflexible, vorgegebene Strukturen Resonanzmöglichkeiten zerstören. Strukturen und Ordnungen haben den Nachteil, dass sie mit den Punkten drei und vier des gelingenden Lebens (Transformation und Unverfügbarkeit) schlecht vereinbar sind.

 

Dem menschlichen Streben nach Glück sind nach Sigmund Freud enge Grenzen gesetzt: „(…) man möchte sagen, die Absicht, daß der Mensch »glücklich« sei, ist im Plan der »Schöpfung« nicht enthalten.“ Die Kultur ist für Freud eine Quelle des menschlichen Unbehagens und zeitgleich die Notwendigkeit für das (Über-)Leben in der Gemeinschaft. Beschränkt das Ausmaß und die Durchdringung der Kultur die Möglichkeit des Glücks? Müssen wir allein sein, um glücklich zu sein?

Selbst wenn Freud recht hätte bliebe als Faktum bestehen, dass Menschen nach Glück streben und wir deshalb politisch und philosophisch und auch in unserem ökonomischen Tun nach den Möglichkeiten und Grenzen gelingenden Lebens fragen müssen. Von mir aus könnte die Frage dann lauten: Wie sind wir am wenigsten unglücklich? Ich finde die Strategie zu behaupten, es käme auf Glück gar nicht an, ist nicht nur philosophisch unbefriedigend sondern politisch gefährlich – sie ist eine Rechtfertigungsstrategie dafür, entfremdende Verhältnisse aufrecht zu erhalten. Allerdings stimme ich mit Freuds Aussage insofern überein, als die Idee, mit allem und jedem jederzeit in Resonanz sein zu wollen nicht nur katastrophal illusorisch ist, sondern politisch brandgefährlich, vor allem dann, wenn man Resonanz auch noch mit Einklang oder Harmonie verwechselt. Ich glaube in der Tat, dass Resonanz nur eine Art momenthafter Versöhnung mit der Welt oder dem Leben ist, oder besser: Das Aufblitzen der Idee möglicher Versöhnung. Sie macht uns allerdings zwei Dinge deutlich: Erstens, wir können nicht und niemals 'ganz allein' glücklich sein, etwa indem wir nur in uns ruhen und uns 'ganz frei gemacht' haben von allem, was da draußen ist. Glück, oder besser: gelingendes Leben bedeutet, bereit und fähig zu sein sich berühren zu lassen, darauf zu antworten und sich dabei immer wieder zu verändern. Dafür bedarf es dieser 'anderen Seite'. Sie besteht allerdings nicht nur und nicht notwendig aus anderen Menschen – dazu gehören auch Tiere, Pflanzen, Dinge, Sterne, Musik etc. Und zweitens, Gemeinschaft gelingt da, wo sie auf resonanter Verbundenheit basiert, nicht auf starren Regeln, die auch ein Volk von Teufeln zu bändigen vermöchten, wie Kant meint.

 

Eindeutige Antworten sind immer unterkomplex, klare Handlungen dennoch notwendig – wie soll man in Zukunft mit diesem Paradox umgehen? Wie können wir einfach Handeln?

Wieso sollten wir einfach handeln wollen? Wir sollten weder das EINFACHE Handeln zum Maßstab machen noch einfach HANDELN wollen. Unsere Handlungen werden das richtige Maß an Komplexität finden, wenn sie sich aus einer Haltung des In-Resonanz-Seins mit den Menschen, mit den Dingen und mit dem Leben oder Welt als umgreifender Ordnung vollziehen. Das heißt, wenn ihr Maßstab nicht mehr das immer bessere Kontrollieren, Berechnen und Beherrschen ist, sondern das immer bessere Hören und Antworten.
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agora42 ist das philosophische Wirtschaftsmagazin und erscheint seit 2009 im Eigenverlag in Stuttgart. Alle drei Monate veröffentlichen wir ein neues Themenheft. Dabei widmen wir uns den großen Fragen der Ökonomie, wie etwa Freiheit, Wachstum, Fortschritt, Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit u.v.m. Anspruchsvoll, aber trotzdem verständlich lassen wir Denker und Praktiker zu Wort kommen, die meist nur in speziellen Fachkreisen gelesen werden – aber deren Erkenntnisse für alle Menschen von Bedeutung sind.

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"Wer nicht einfach über Einfachheit sprechen kann, sollte lieber schweigen" – Rebekka Reinhard

"Wer nicht einfach über Einfachheit sprechen kann, sollte lieber schweigen"

Interview mit Rebekka Reinhard

 

Anlässlich der neuen agora42 EINFACH LEBEN haben wir ausgewählten Personen zum Thema ein paar Fragen gestellt. Hier die Antworten der Philosophin Rebekka Reinhard. Sie spricht über das einfache Leben, die Sinnsuche, den Weg zum Glück und eine vernachlässigte Tugend: den Mut …

 

Frau Reinhard, kann man überhaupt einfach über Einfachheit sprechen, oder spricht man da nicht gleich über etwas ziemlich Kompliziertes?

Rebekka Reinhard ist promovierte Philosophin, Beraterin und Redakteurin des Philosophie-Magazins Hohe Luft. Von ihr zum Thema erschienen: Die Sinn-Diät – Warum wir schon alles haben, was wir brauchen (Heyne Verlag, 2011). Foto: Peter Lindbergh

Wer nicht einfach über Einfachheit sprechen kann, sollte lieber gleich schweigen. Schweigen ist keine schlechte Strategie für den, der nichts Schwierigeres als das Einfache kennt. Wer schweigt, muss nichts verstehen (nicht mal seine eigenen Worte). Er ist frei, zu staunen, zu handeln, Verantwortung zu übernehmen. Laut Emanuel Lévinas heißt ethische Verantwortung „handeln, bevor man versteht“. Und das ist ziemlich einfach. Oder?

 

Kann man einfach leben, ohne dem Leben irgendeine Struktur und Ordnung zu geben? Kann man einfach nur In-Situation-Sein, das heißt, in wechselnden Situationen leben und Sinn finden, ohne einen „Gesamtsinn“ zu unterstellen?

Nein. Dass in jeder Situation der gleiche Sinn steckt, davon sollte man schon ausgehen. Dann jedenfalls, wenn man ein gutes Leben will. Ich kann aus jedem „Chaos“ einen „Kosmos“ machen – sobald ich anfange, das Leben als Rohmaterial zu betrachten, das ich, je nach Sachlage, durch meine Aktivitäten (Denken, Tanzen, Streiten, Lachen, Arbeiten etc.) gestalten kann.

 

Dem menschlichen Streben nach Glück sind nach Sigmund Freud enge Grenzen gesetzt: „(…) man möchte sagen, die Absicht, daß der Mensch »glücklich« sei, ist im Plan der »Schöpfung« nicht enthalten.“ Die Kultur ist für Freud eine Quelle des menschlichen Unbehagens und zeitgleich die Notwendigkeit für das (Über-)Leben in der Gemeinschaft. Beschränkt das Ausmaß und die Durchdringung der Kultur die Möglichkeit des Glücks? Müssen wir allein sein, um glücklich zu sein?

Glück kann Vieles sein. Ein Moment. Die Erinnerung an eine Sommernacht. Viereinhalb Jahre Zufriedenheit ohne nennenswerte Zwischenfälle. Der Weg zum Glück hat mit einem Zuviel oder Zuwenig an Kultur nichts zu tun und steht auch Neurotikern offen. Es gibt kaum etwas Einfacheres als Glück: Glück ist eine innere Aktivität. Was? Wie? Wo ist das Glück, und wann kommt es endlich? Je länger ich warte, desto unglücklicher werde ich.

 

Was macht das Leben wirklich einfacher?

Seinen Alltag an Platons Viererschema, den Kardinaltugenden auszurichten: Weisheit, Mäßigung, Gerechtigkeit, Tapferkeit. Statt Tapferkeit kann man auch Mut sagen. Mut zählt heute zu den am meisten unterentwickelten Tugenden überhaupt. Ohne Mut keine Komplexitätsreduktion, keine Einfachheit.

 

 

 

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Die aktuelle agora42 zum Thema EINFACH LEBEN verschicken wir versandkostenfrei. Lesen Sie spannende Beiträge u.a. von Robert Pfaller ("Das nackte und das gute Leben"), Ulrike Guérot ("Europa einfach machen – einfach Europa machen"), Frank Ruda ("Einfach nicht einfach") und Mads Pankow ("Endlich weitermachen – Wer keine Utopien hat, dem bleibt nur die Zukunft.")

 

 

Für den schmalen Geldbeutel bieten wir außerdem das agora42-Probeabo an: Sparen Sie 39% gegenüber dem Einzelkauf und erhalten Sie die Ausgabe LEITBILDER gratis dazu.

 

 

Leitbild: Der Christ

Aus der aktuellen Ausgabe LEITBILDER

 

Der Christ

von Johann Hinrich Claussen

 

Johann Hinrich Claussen

Johann Hinrich Claussen ist Theologe und Publizist sowie Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Wenn mir große Fragen gestellt werden, reagiere ich zumeist so, wie man es von einem Theologen vielleicht nicht erwarten würde. Ich ziehe mich zurück, stelle mich dumm und weise die Frage zurück. Es braucht ein wenig, dann versuche ich, mich ihr über einen Umweg zu nähern oder sie in kleinere Fragen aufzuteilen, auf die ich irgendwann antworte. Das mag ein Fehler sein und mich zu einem weniger guten Theologen machen, aber man kann es sich eben nicht aussuchen, wie man ist.

Stellt man mir also die Frage, was heute eine christliche Leitkultur sein soll, dann weise ich diese Frage zurück. „Leitkultur“ ist kein Begriff, der zum Nachdenken einlädt, sondern ein politisches Instrument, mit dem Machtpositionen besetzt und andere Menschen ausgegrenzt werden. Dieses Wort lässt sich sinnvoll mit keinem inhaltlichen Gedanken verbinden. Nun könnte man weicher formulieren und fragen, was denn heute ein christliches Leitbild wäre. Besser würde es dadurch nicht. Denn wer je einen der handelsüblichen Leitbild-Prozesse durchlebt hat, reagiert allergisch auf diese Vokabel, die zwar ein manchmal hilfreiches organisationsentwicklerisches Instrument benennt, aber keinen Begriff darstellt, der das Selberdenken anstößt. Nun könnte man sich pastoraler ausdrücken und fragen, welche Bedeutung heute das christliche Menschenbild haben soll. Aber auch dies weckt meinen Widerspruch. Denn „das christliche Menschenbild“ (oder dessen moralpolitisch avanciertere Fortschreibung als „jüdisch-christliches Menschenbild“) kenne ich nur von CDU-Parteitagen her als Beschwörungsfloskel eines ominösen Programmkerns, den inhaltlich zu bestimmen man dann doch lieber unterlässt.

Aber das schlichte, schöne Wort „Bild“ löst etwas in mir aus, regt mich zum Nachdenken an und weckt Assoziationen. Das also wäre meine Frage: Was für ein Bild des Menschseins wäre heute notwendig, täte uns gut, würde uns orientieren, auf gute Weise irritieren, erbauen, erfreuen – und was wäre an solch einem Bild christlich zu nennen?

Da wäre zunächst der einfache und doch so voraussetzungsreiche, bedeutungsvolle Vorgang, ein Bild von sich selbst zu entwerfen. Das ist Bildung: Ich zeichne ein Bild von mir selbst. Dabei nehme ich äußere Anregungen auf, gebe die Urheberschaft aber nicht ab. Ich prüfe meine inneren und äußeren Möglichkeiten, durchschreite meine Hoffnungen und Träume, überblicke die Welt, in der dieses Bild seinen Ort finden soll, und zeichne, tusche, male, forme dann los – wie ein Künstler in einem offenen Prozess. Denn ich kann am Anfang nicht wissen, wie das Bild am Ende aussehen wird. Besser gesagt, mein ganzes Leben ist das Weitermalen an diesem Bild, bis zum letzten Strich.

Christlich ist für mich ein solches Selbstporträtmalen dann, wenn es sich selbst transzendiert. Wenn es beim Weg nach innen auf eine Dimension des Menschseins stößt, die einen unendlichen Wert darstellt, wenn es zur Ahnung der eigenen Seele findet, die sich jeder bildlichen Darstellung entzieht. Wenn es beim Weg nach außen auf eine Dimension der Welt stößt, die über sich hinausweist, wenn es einer Unendlichkeit ansichtig wird, die Ehrfurcht auslöst und ein Bewusstsein für die Kostbarkeit des Seins weckt, was wiederum selbst nicht bildlich darstellbar ist.

Christlich ist für mich ein solches Selbstporträtmalen zudem dann, wenn es in Freiheit geschieht. Martin Luther hat gesagt, dass jeder Christ sich seine eigenen Zehn Gebote schreiben soll. Das Bild meiner selbst kann kein „Malen nach Zahlen“, nach gesetzlich vorgegebenen Linien sein, sondern die zehn (oder acht oder zwölf) Grundlinien meines Selbstbildes muss ich selbst ziehen. Wer sich auf diese christliche Weise selbst bildet, kann ein freier Mensch werden.

Vor vielen Jahren hat der amerikanische Soziologe David Riesman zwei Typen unterschieden: den Kompass-Menschen, der über ein inneres Orientierungsinstrument verfügt, und den Radar-Menschen, der sich von den Rücksignalen aus seiner Umwelt leiten lässt. Der Radar ist inzwischen durch digitale Instrumente ersetzt worden, die weit mächtiger und allgegenwärtig sind, weshalb das spätmoderne Nachfolgemodell des Radar-Menschen zum bestimmenden Typus geworden ist. Ein einfaches Zurück zum Kompass-Typus wird es nicht geben. Das ist auch nicht zu wünschen, denn die Metapher des Kompasses ist viel zu starr, asketisch und seelenlos, als dass sie in ein gelingendes Leben führen könnte. Schöner, reicher und lebendiger wäre es, sich als Bild-Mensch zu verstehen, der sein Leben dadurch gestaltet, dass er innere Bilder von sich selbst schafft.

Was aber wäre das Grundmotiv dieses Selbstbildes? Man könnte es als das Gegenteil der Schablonen beschreiben, in die heute Menschen gepresst werden: die Schablonen eines erfolgreichen Lebens in der konsumkapitalistischen Spätmoderne. Schnell wären die Stichworte zur Hand: Effizienz- und Leistungsdenken, Jugend- und Körperkult, Selbstverwertung und Ausbeutungsbereitschaft, Scheinindividualismus und Konformismus. Oder um mit Max Weber zu sprechen: bei der Arbeit ein „Fachmensch ohne Herz“ und in der Freizeit ein „Genussmensch ohne Verstand“ sein. Doch auch wenn dies alles stimmen sollte – und Anzeichen dafür gäbe es –, wäre damit für das eigene Selbstbild noch nichts gewonnen. Denn in der bloßen Negation der Mächte der Gegenwart bliebe man von ihnen abhängig.

Besser ist es, wenn man sich an einem positiven Ziel orientiert und zwar einem solchen, das sich nur als ein unverwechselbares Eigenes beschreiben lässt. Hier bietet sich das unzerstörbare Wort „Glück“ an. Christlich wäre ein Selbstporträt als glücklicher Mensch für mich dann, wenn es der schönsten mir bekannten Definition dieses undefinierbaren Wortes folgte. Diese stammt von Johann Joachim Spalding, dem bedeutendsten und bescheidensten deutschen Aufklärungstheologen, einem protestantischen „Nathan“. Glücklich zu sein, hieß für Spalding, „mit sich selbst im Reinen sein und Gott zum Freund haben“.

 

 

Johann Hinrich Claussen ist Theologe und Publizist sowie Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Buchveröffentlichungen: Gottes Klänge. Eine Geschichte der Kirchenmusik (C. H. Beck Verlag, 2. Auflage 2015) sowie Die 95 wichtigsten Fragen: Reformation (C. H. Beck Verlag, erscheint im Herbst 2016).

PAЯADOX 16 – Widersprüche ins Zentrum rücken

Die Veranstaltungsreihe PAЯADOX 16 in Stuttgart startete ausverkauft

 

Die Widersprüche unserer Zeit scheinen auswegslos und frustrierend. Wie soll die Wirtschaft wachsen und dabei nachhaltig bleiben? Wie kann man Dinge nicht ausbeuten und trotzdem nutzen? Wie kann man neue Möglichkeiten im Betriebsablauf berücksichtigen und sich trotzdem auf ein Verfahren festlegen? Und, wenn es um die Jüngsten geht: Wie können wir die Bildung zurück in ein System bringen, dass auf Wissensanhäufung ausgerichtet ist?

Auf diese Fragen gibt es keine abschließenden Antworten und dennoch müssen sie gelöst werden. Genau deswegen sind sie spannend – sie regen das Denken an, das Diskutieren, die eigene Meinung, den freien Geist. In diesen Fragen entsteht Gesellschaft. PAЯADOX 16 gibt den großen Widersprüchen unserer Zeit den Raum, den sie brauchen: Persönlich, gastlich, anregend, außergewöhnlich und hochkarätig.

Die Auftaktveranstaltung in dem Mock-Up Showroom der Nimbus Group war rasch ausverkauft. 120 Gäste wurden von sechs Vorträgen in die Welt der Widersprüche geführt, aus der sie herzlich diskutierend wieder hinaus finden mussten. Denn neue Wege können nur gefunden werden, wenn man in die Irre geleitet wird.

Jetzt sind alle Vorträge der ersten PAЯADOX online einsehbar. Für alle die nicht dabei sein konnten: Es gibt auf jeden Fall ein zweites Mal. Dann freuen wir uns auf Sie!






www.paradox-conference.de

PAЯADOX ist ein Format von agora42 und intuity.