Einfach LEBEN – Hartmut Rosa über das lebendige Leben

Lebendig zu sein bedeutet, verbunden zu sein”

Inter­view mit Hart­mut Rosa

 

 

Anlässlich der neuen agora42 EINFACH LEBEN haben wir ausgewählten Personen zum Thema ein paar Fragen gestellt. Hier die Antworten von Hartmut Rosa. Er spricht über das Lebendigsein, den Himmel voller Geigen, neue Maßstäbe und die Versöhnung mit der Welt …

 

Herr Rosa, kann man über­haupt ein­fach über Ein­fach­heit spre­chen, oder spricht man da nicht gleich über etwas ziem­lich Kom­pli­zier­tes?

Ein­fach leben’ ist ja ein wun­der­bar dop­pel­deu­ti­ger Titel, und ich plä­die­re für die Beto­nung auf dem zwei­ten Wort: Ein­fach LEBEN. Was könn­te das hei­ßen? Was ich in mei­nem Buch Reso­nanz. Eine Sozio­lo­gie der Welt­be­zie­hung zu sagen ver­sucht habe ist, dass leben­dig zu sein bedeu­tet, ver­bun­den zu sein, wobei die­se Ver­bin­dung – mit der Welt, mit dem Leben, mit uns selbst – vier ent­schei­den­de Merk­ma­le auf­weist:
Ers­tens, ich muss in der Lage sein, mich von den Men­schen und/oder Din­gen errei­chen, berüh­ren, bewe­gen zu las­sen.
Zwei­tens, ich muss wil­lens und in der Lage sein, auf die­se Berüh­rung ant­wor­tend zu reagie­ren, und zwar so, dass ich die ande­re Sei­te – ‘das Leben’ – auch mei­ner­seits errei­chen und spü­ren kann, d.h. so, dass ich mich als selbst­wirk­sam erle­be. Leben­dig sein heißt in die­sem Sin­ne ‘einem Ruf ant­wor­ten’, oder auch: Immer wie­der auf Anru­fe zu ant­wor­ten.
Drit­tens: In die­sem hören­den Ant­wor­ten ver­än­de­re ich mich auch, und die Welt, die ich dabei erfah­re, ver­än­dert sich eben­falls. Ste­ti­ge Trans­for­ma­ti­on gehört also zum Leben.
Und vier­tens: Leben­dig kann nur sein, wer akzep­tiert, dass vie­les in der Welt und im Leben unver­füg­bar ist und bleibt: Man kann Reso­nanz nicht erzwin­gen, und wenn sie ein­tritt, weiß man nie im Vor­hin­ein, was dabei her­aus­kommt. ‘Kom­pli­ziert­heit’ ent­steht im Leben vor allen Din­gen dadurch, dass wir ver­su­chen, alles ver­füg­bar zu machen und unter bere­chen­ba­re Kon­trol­le zu brin­gen.
Ihre Aus­gangs­ver­mu­tung trifft also mei­nes Erach­tens voll ins Schwar­ze: Wenn wir ein­fach LEBEN, erfül­len wir die­se vier Bedin­gun­gen, aber sie sind nicht so leicht zu erfül­len, es han­delt sich um eine kom­ple­xe Form des In-Bezie­hung-Seins, und dazu kommt noch, dass es unmög­lich ist, immer oder nur im Reso­nanz­mo­dus zu leben. Es gehört zu den unver­zicht­ba­ren und groß­ar­ti­gen Kul­tur­leis­tun­gen des Men­schen, dass wir eben auch in der Lage sind, die Welt und das Leben zu ver­ding­li­chen, in küh­le Distanz zur Welt zu gehen, dem Ruf eben NICHT zu ant­wor­ten. Ein­fach leben ver­langt daher oben­drein, immer die Balan­ce zu hal­ten.

 

Kann man ein­fach leben, ohne dem Leben irgend­ei­ne Struk­tur und Ord­nung zu geben? Kann man ein­fach nur In-Situa­ti­on-Sein, das heißt, in wech­seln­den Situa­tio­nen leben und Sinn fin­den, ohne einen „Gesamt­sinn“ zu unter­stel­len?

Hart­mut Rosa ist seit 2005 Pro­fes­sor für All­ge­mei­ne und Theo­re­ti­sche Sozio­lo­gie an der Uni­ver­si­tät Jena sowie Direk­tor des Max-Weber-Kol­legs der Uni­ver­si­tät Erfurt. 2016 erschien sein Buch Reso­nanz: Eine Sozio­lo­gie der Welt­be­zie­hung im Suhr­kamp Ver­lag.

Das kommt sehr dar­auf an, was Sie mit ‘Sinn’ mei­nen. Gelin­gen­des Leben hängt mei­nes Erach­tens wirk­lich nicht davon ab, dass wir ein geschlos­se­nes Welt­bild im Sin­ne einer Theo­rie über das Uni­ver­sum und das Leben haben. Das kann man sich leicht an Bei­spie­len klar­ma­chen. Neh­men wir an, jemand sitzt in sei­nem Zim­mer und fin­det sein Leben und die Welt öde, trau­rig, sinn­los und leer. Dann geht er auf die Stra­ße und ver­liebt sich – und plötz­lich hängt ihm oder ihr ‘der Him­mel vol­ler Gei­gen’, wobei es sogar egal ist, ob er sich in einen Men­schen oder ein Lied oder ein Buch oder eine Stadt oder eine Auf­ga­be ver­liebt hat. Was sich geän­dert hat, ist nicht sei­ne Theo­rie, sein Welt­bild, er hat kein neu­es Sinn­ge­bäu­de geschaf­fen – son­dern er oder sie hat sich anru­fen las­sen und fühlt sich leben­dig genug, die­sem Ruf zu fol­gen oder zu ant­wor­ten. Aller­dings ver­hält es sich so dass wir, wenn wir auf die­se Wei­se einem Ruf ant­wor­ten (viel­leicht auch, indem wir uns um ein Kind oder einen alten Men­schen oder Flücht­lin­ge oder einen Wald küm­mern), uns auf eigen­ar­ti­ge Wei­se wie­der mit dem ‘Umgrei­fen­den’ des Lebens ins­ge­samt ver­bun­den füh­len. Zwi­schen uns und der Welt zieht es dann, sozu­sa­gen, ‘wie­der durch’, der Lebens­hauch geht durch uns hin­durch. Tat­säch­lich hal­te ich des­halb die spät­mo­der­ne Obses­si­on des ‘Ganz-im-Hier-und Jetzt-Sein-Wol­lens’ für einen Irr­tum: Wenn wir in Reso­nanz mit dem Leben sind, wei­tet sich unser Hori­zont zeit­lich und räum­lich, weil unser Welt­ver­hält­nis nicht mehr starr ist, son­dern sich gleich­sam ver­flüs­sigt. Wenn sich Struk­tur und Ord­nung aus sol­cher Ver­bun­den­heit erge­ben, ist das wun­der­bar, ich den­ke in der Tat: Ohne Struk­tur und einen Sinn für Ord­nung geht es nicht, ohne sie las­sen sich kei­ne Reso­nanz­räu­me eta­blie­ren und kei­ne Reso­nanz­ach­sen sta­bi­li­sie­ren. Aber natür­lich kön­nen umge­kehrt star­re Ord­nun­gen und unfle­xi­ble, vor­ge­ge­be­ne Struk­tu­ren Reso­nanz­mög­lich­kei­ten zer­stö­ren. Struk­tu­ren und Ord­nun­gen haben den Nach­teil, dass sie mit den Punk­ten drei und vier des gelin­gen­den Lebens (Trans­for­ma­ti­on und Unver­füg­bar­keit) schlecht ver­ein­bar sind.

 

Dem mensch­li­chen Stre­ben nach Glück sind nach Sig­mund Freud enge Gren­zen gesetzt: „(…) man möch­te sagen, die Absicht, daß der Mensch »glück­lich« sei, ist im Plan der »Schöp­fung« nicht ent­hal­ten.“ Die Kul­tur ist für Freud eine Quel­le des mensch­li­chen Unbe­ha­gens und zeit­gleich die Not­wen­dig­keit für das (Über-)Leben in der Gemein­schaft. Beschränkt das Aus­maß und die Durch­drin­gung der Kul­tur die Mög­lich­keit des Glücks? Müs­sen wir allein sein, um glück­lich zu sein?

Selbst wenn Freud recht hät­te blie­be als Fak­tum bestehen, dass Men­schen nach Glück stre­ben und wir des­halb poli­tisch und phi­lo­so­phisch und auch in unse­rem öko­no­mi­schen Tun nach den Mög­lich­kei­ten und Gren­zen gelin­gen­den Lebens fra­gen müs­sen. Von mir aus könn­te die Fra­ge dann lau­ten: Wie sind wir am wenigs­ten unglück­lich? Ich fin­de die Stra­te­gie zu behaup­ten, es käme auf Glück gar nicht an, ist nicht nur phi­lo­so­phisch unbe­frie­di­gend son­dern poli­tisch gefähr­lich – sie ist eine Recht­fer­ti­gungs­stra­te­gie dafür, ent­frem­den­de Ver­hält­nis­se auf­recht zu erhal­ten. Aller­dings stim­me ich mit Freuds Aus­sa­ge inso­fern über­ein, als die Idee, mit allem und jedem jeder­zeit in Reso­nanz sein zu wol­len nicht nur kata­stro­phal illu­so­risch ist, son­dern poli­tisch brand­ge­fähr­lich, vor allem dann, wenn man Reso­nanz auch noch mit Ein­klang oder Har­mo­nie ver­wech­selt. Ich glau­be in der Tat, dass Reso­nanz nur eine Art moment­haf­ter Ver­söh­nung mit der Welt oder dem Leben ist, oder bes­ser: Das Auf­blit­zen der Idee mög­li­cher Ver­söh­nung. Sie macht uns aller­dings zwei Din­ge deut­lich: Ers­tens, wir kön­nen nicht und nie­mals ‘ganz allein’ glück­lich sein, etwa indem wir nur in uns ruhen und uns ‘ganz frei gemacht’ haben von allem, was da drau­ßen ist. Glück, oder bes­ser: gelin­gen­des Leben bedeu­tet, bereit und fähig zu sein sich berüh­ren zu las­sen, dar­auf zu ant­wor­ten und sich dabei immer wie­der zu ver­än­dern. Dafür bedarf es die­ser ‘ande­ren Sei­te’. Sie besteht aller­dings nicht nur und nicht not­wen­dig aus ande­ren Men­schen – dazu gehö­ren auch Tie­re, Pflan­zen, Din­ge, Ster­ne, Musik etc. Und zwei­tens, Gemein­schaft gelingt da, wo sie auf reso­nan­ter Ver­bun­den­heit basiert, nicht auf star­ren Regeln, die auch ein Volk von Teu­feln zu bän­di­gen ver­möch­ten, wie Kant meint.

 

Ein­deu­ti­ge Ant­wor­ten sind immer unter­kom­plex, kla­re Hand­lun­gen den­noch not­wen­dig – wie soll man in Zukunft mit die­sem Para­dox umge­hen? Wie kön­nen wir ein­fach Han­deln?

Wie­so soll­ten wir ein­fach han­deln wol­len? Wir soll­ten weder das EINFACHE Han­deln zum Maß­stab machen noch ein­fach HANDELN wol­len. Unse­re Hand­lun­gen wer­den das rich­ti­ge Maß an Kom­ple­xi­tät fin­den, wenn sie sich aus einer Hal­tung des In-Reso­nanz-Seins mit den Men­schen, mit den Din­gen und mit dem Leben oder Welt als umgrei­fen­der Ord­nung voll­zie­hen. Das heißt, wenn ihr Maß­stab nicht mehr das immer bes­se­re Kon­trol­lie­ren, Berech­nen und Beherr­schen ist, son­dern das immer bes­se­re Hören und Ant­wor­ten.
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agora42 ist das phi­lo­so­phi­sche Wirt­schafts­ma­ga­zin und erscheint seit 2009 im Eigen­ver­lag in Stutt­gart. Alle drei Mona­te ver­öf­fent­li­chen wir ein neu­es The­men­heft. Dabei wid­men wir uns den gro­ßen Fra­gen der Öko­no­mie, wie etwa Frei­heit, Wachs­tum, Fort­schritt, Gerech­tig­keit, Nach­hal­tig­keit u.v.m. Anspruchs­voll, aber trotz­dem ver­ständ­lich las­sen wir Den­ker und Prak­ti­ker zu Wort kom­men, die meist nur in spe­zi­el­len Fach­krei­sen gele­sen wer­den – aber deren Erkennt­nis­se für alle Men­schen von Bedeu­tung sind.

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Wer nicht einfach über Einfachheit sprechen kann, sollte lieber schweigen” – Rebekka Reinhard

Wer nicht einfach über Einfachheit sprechen kann, sollte lieber schweigen”

Inter­view mit Rebek­ka Rein­hard

 

Anlässlich der neuen agora42 EINFACH LEBEN haben wir ausgewählten Personen zum Thema ein paar Fragen gestellt. Hier die Antworten der Philosophin Rebekka Reinhard. Sie spricht über das einfache Leben, die Sinnsuche, den Weg zum Glück und eine vernachlässigte Tugend: den Mut …

 

Frau Rein­hard, kann man über­haupt ein­fach über Ein­fach­heit spre­chen, oder spricht man da nicht gleich über etwas ziem­lich Kom­pli­zier­tes?

Rebek­ka Rein­hard ist pro­mo­vier­te Phi­lo­so­phin, Bera­te­rin und Redak­teu­rin des Phi­lo­so­phie-Maga­zins Hohe Luft. Von ihr zum The­ma erschie­nen: Die Sinn-Diät – War­um wir schon alles haben, was wir brau­chen (Heyne Ver­lag, 2011). Foto: Peter Lind­bergh

Wer nicht ein­fach über Ein­fach­heit spre­chen kann, soll­te lie­ber gleich schwei­gen. Schwei­gen ist kei­ne schlech­te Stra­te­gie für den, der nichts Schwie­ri­ge­res als das Ein­fa­che kennt. Wer schweigt, muss nichts ver­ste­hen (nicht mal sei­ne eige­nen Wor­te). Er ist frei, zu stau­nen, zu han­deln, Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men. Laut Ema­nu­el Lévinas heißt ethi­sche Ver­ant­wor­tung „han­deln, bevor man ver­steht“. Und das ist ziem­lich ein­fach. Oder?

 

Kann man ein­fach leben, ohne dem Leben irgend­ei­ne Struk­tur und Ord­nung zu geben? Kann man ein­fach nur In-Situa­ti­on-Sein, das heißt, in wech­seln­den Situa­tio­nen leben und Sinn fin­den, ohne einen „Gesamt­sinn“ zu unter­stel­len?

Nein. Dass in jeder Situa­ti­on der glei­che Sinn steckt, davon soll­te man schon aus­ge­hen. Dann jeden­falls, wenn man ein gutes Leben will. Ich kann aus jedem „Cha­os“ einen „Kos­mos“ machen – sobald ich anfan­ge, das Leben als Roh­ma­te­ri­al zu betrach­ten, das ich, je nach Sach­la­ge, durch mei­ne Akti­vi­tä­ten (Den­ken, Tan­zen, Strei­ten, Lachen, Arbei­ten etc.) gestal­ten kann.

 

Dem mensch­li­chen Stre­ben nach Glück sind nach Sig­mund Freud enge Gren­zen gesetzt: „(…) man möch­te sagen, die Absicht, daß der Mensch »glück­lich« sei, ist im Plan der »Schöp­fung« nicht ent­hal­ten.“ Die Kul­tur ist für Freud eine Quel­le des mensch­li­chen Unbe­ha­gens und zeit­gleich die Not­wen­dig­keit für das (Über-)Leben in der Gemein­schaft. Beschränkt das Aus­maß und die Durch­drin­gung der Kul­tur die Mög­lich­keit des Glücks? Müs­sen wir allein sein, um glück­lich zu sein?

Glück kann Vie­les sein. Ein Moment. Die Erin­ne­rung an eine Som­mer­nacht. Vier­ein­halb Jah­re Zufrie­den­heit ohne nen­nens­wer­te Zwi­schen­fäl­le. Der Weg zum Glück hat mit einem Zuviel oder Zuwe­nig an Kul­tur nichts zu tun und steht auch Neu­ro­ti­kern offen. Es gibt kaum etwas Ein­fa­che­res als Glück: Glück ist eine inne­re Akti­vi­tät. Was? Wie? Wo ist das Glück, und wann kommt es end­lich? Je län­ger ich war­te, des­to unglück­li­cher wer­de ich.

 

Was macht das Leben wirk­lich ein­fa­cher?

Sei­nen All­tag an Pla­tons Vierer­sche­ma, den Kar­di­nal­tu­gen­den aus­zu­rich­ten: Weis­heit, Mäßi­gung, Gerech­tig­keit, Tap­fer­keit. Statt Tap­fer­keit kann man auch Mut sagen. Mut zählt heu­te zu den am meis­ten unter­ent­wi­ckel­ten Tugen­den über­haupt. Ohne Mut kei­ne Kom­ple­xi­täts­re­duk­ti­on, kei­ne Ein­fach­heit.

 

 

 

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Die aktu­el­le agora42 zum The­ma EINFACH LEBEN ver­schi­cken wir ver­sand­kos­ten­frei. Lesen Sie span­nen­de Bei­trä­ge u.a. von Robert Pfal­ler (“Das nack­te und das gute Leben”), Ulri­ke Gué­rot (“Euro­pa ein­fach machen – ein­fach Euro­pa machen”), Frank Ruda (“Ein­fach nicht ein­fach”) und Mads Pan­kow (“End­lich wei­ter­ma­chen – Wer kei­ne Uto­pi­en hat, dem bleibt nur die Zukunft.”)

 

 

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Leitbild: Der Christ

Aus der aktu­el­len Aus­ga­be LEITBILDER

 

Der Christ

von Johann Hinrich Claussen

 

Johann Hinrich Claussen

Johann Hin­rich Claus­sen ist Theo­lo­ge und Publi­zist sowie Kul­tur­be­auf­trag­ter der Evan­ge­li­schen Kir­che in Deutsch­land.

Wenn mir gro­ße Fra­gen gestellt wer­den, reagie­re ich zumeist so, wie man es von einem Theo­lo­gen viel­leicht nicht erwar­ten wür­de. Ich zie­he mich zurück, stel­le mich dumm und wei­se die Fra­ge zurück. Es braucht ein wenig, dann ver­su­che ich, mich ihr über einen Umweg zu nähern oder sie in klei­ne­re Fra­gen auf­zu­tei­len, auf die ich irgend­wann ant­wor­te. Das mag ein Feh­ler sein und mich zu einem weni­ger guten Theo­lo­gen machen, aber man kann es sich eben nicht aus­su­chen, wie man ist.

Stellt man mir also die Fra­ge, was heu­te eine christ­li­che Leit­kul­tur sein soll, dann wei­se ich die­se Fra­ge zurück. „Leit­kul­tur“ ist kein Begriff, der zum Nach­den­ken ein­lädt, son­dern ein poli­ti­sches Instru­ment, mit dem Macht­po­si­tio­nen besetzt und ande­re Men­schen aus­ge­grenzt wer­den. Die­ses Wort lässt sich sinn­voll mit kei­nem inhalt­li­chen Gedan­ken ver­bin­den. Nun könn­te man wei­cher for­mu­lie­ren und fra­gen, was denn heu­te ein christ­li­ches Leit­bild wäre. Bes­ser wür­de es dadurch nicht. Denn wer je einen der han­dels­üb­li­chen Leit­bild-Pro­zes­se durch­lebt hat, reagiert all­er­gisch auf die­se Voka­bel, die zwar ein manch­mal hilf­rei­ches orga­ni­sa­ti­ons­ent­wick­le­ri­sches Instru­ment benennt, aber kei­nen Begriff dar­stellt, der das Sel­ber­den­ken anstößt. Nun könn­te man sich pas­to­ra­ler aus­drü­cken und fra­gen, wel­che Bedeu­tung heu­te das christ­li­che Men­schen­bild haben soll. Aber auch dies weckt mei­nen Wider­spruch. Denn „das christ­li­che Men­schen­bild“ (oder des­sen moral­po­li­tisch avan­cier­te­re Fort­schrei­bung als „jüdisch-christ­li­ches Men­schen­bild“) ken­ne ich nur von CDU-Par­tei­ta­gen her als Beschwö­rungs­flos­kel eines omi­nö­sen Pro­gramm­kerns, den inhalt­lich zu bestim­men man dann doch lie­ber unter­lässt.

Aber das schlich­te, schö­ne Wort „Bild“ löst etwas in mir aus, regt mich zum Nach­den­ken an und weckt Asso­zia­tio­nen. Das also wäre mei­ne Fra­ge: Was für ein Bild des Mensch­seins wäre heu­te not­wen­dig, täte uns gut, wür­de uns ori­en­tie­ren, auf gute Wei­se irri­tie­ren, erbau­en, erfreu­en – und was wäre an solch einem Bild christ­lich zu nen­nen?

Da wäre zunächst der ein­fa­che und doch so vor­aus­set­zungs­rei­che, bedeu­tungs­vol­le Vor­gang, ein Bild von sich selbst zu ent­wer­fen. Das ist Bil­dung: Ich zeich­ne ein Bild von mir selbst. Dabei neh­me ich äuße­re Anre­gun­gen auf, gebe die Urhe­ber­schaft aber nicht ab. Ich prü­fe mei­ne inne­ren und äuße­ren Mög­lich­kei­ten, durch­schrei­te mei­ne Hoff­nun­gen und Träu­me, über­bli­cke die Welt, in der die­ses Bild sei­nen Ort fin­den soll, und zeich­ne, tusche, male, for­me dann los – wie ein Künst­ler in einem offe­nen Pro­zess. Denn ich kann am Anfang nicht wis­sen, wie das Bild am Ende aus­se­hen wird. Bes­ser gesagt, mein gan­zes Leben ist das Wei­ter­ma­len an die­sem Bild, bis zum letz­ten Strich.

Christ­lich ist für mich ein sol­ches Selbst­por­trät­ma­len dann, wenn es sich selbst tran­szen­diert. Wenn es beim Weg nach innen auf eine Dimen­si­on des Mensch­seins stößt, die einen unend­li­chen Wert dar­stellt, wenn es zur Ahnung der eige­nen See­le fin­det, die sich jeder bild­li­chen Dar­stel­lung ent­zieht. Wenn es beim Weg nach außen auf eine Dimen­si­on der Welt stößt, die über sich hin­aus­weist, wenn es einer Unend­lich­keit ansich­tig wird, die Ehr­furcht aus­löst und ein Bewusst­sein für die Kost­bar­keit des Seins weckt, was wie­der­um selbst nicht bild­lich dar­stell­bar ist.

Christ­lich ist für mich ein sol­ches Selbst­por­trät­ma­len zudem dann, wenn es in Frei­heit geschieht. Mar­tin Luther hat gesagt, dass jeder Christ sich sei­ne eige­nen Zehn Gebo­te schrei­ben soll. Das Bild mei­ner selbst kann kein „Malen nach Zah­len“, nach gesetz­lich vor­ge­ge­be­nen Lini­en sein, son­dern die zehn (oder acht oder zwölf) Grund­li­ni­en mei­nes Selbst­bil­des muss ich selbst zie­hen. Wer sich auf die­se christ­li­che Wei­se selbst bil­det, kann ein frei­er Mensch wer­den.

Vor vie­len Jah­ren hat der ame­ri­ka­ni­sche Sozio­lo­ge David Ries­man zwei Typen unter­schie­den: den Kom­pass-Men­schen, der über ein inne­res Ori­en­tie­rungs­in­stru­ment ver­fügt, und den Radar-Men­schen, der sich von den Rück­si­gna­len aus sei­ner Umwelt lei­ten lässt. Der Radar ist inzwi­schen durch digi­ta­le Instru­men­te ersetzt wor­den, die weit mäch­ti­ger und all­ge­gen­wär­tig sind, wes­halb das spät­mo­der­ne Nach­fol­ge­mo­dell des Radar-Men­schen zum bestim­men­den Typus gewor­den ist. Ein ein­fa­ches Zurück zum Kom­pass-Typus wird es nicht geben. Das ist auch nicht zu wün­schen, denn die Meta­pher des Kom­pas­ses ist viel zu starr, aske­tisch und see­len­los, als dass sie in ein gelin­gen­des Leben füh­ren könn­te. Schö­ner, rei­cher und leben­di­ger wäre es, sich als Bild-Mensch zu ver­ste­hen, der sein Leben dadurch gestal­tet, dass er inne­re Bil­der von sich selbst schafft.

Was aber wäre das Grund­mo­tiv die­ses Selbst­bil­des? Man könn­te es als das Gegen­teil der Scha­blo­nen beschrei­ben, in die heu­te Men­schen gepresst wer­den: die Scha­blo­nen eines erfolg­rei­chen Lebens in der kon­sum­ka­pi­ta­lis­ti­schen Spät­mo­der­ne. Schnell wären die Stich­wor­te zur Hand: Effi­zi­enz- und Leis­tungs­den­ken, Jugend- und Kör­per­kult, Selbst­ver­wer­tung und Aus­beu­tungs­be­reit­schaft, Schein­in­di­vi­dua­lis­mus und Kon­for­mis­mus. Oder um mit Max Weber zu spre­chen: bei der Arbeit ein „Fach­mensch ohne Herz“ und in der Frei­zeit ein „Genuss­mensch ohne Ver­stand“ sein. Doch auch wenn dies alles stim­men soll­te – und Anzei­chen dafür gäbe es –, wäre damit für das eige­ne Selbst­bild noch nichts gewon­nen. Denn in der blo­ßen Nega­ti­on der Mäch­te der Gegen­wart blie­be man von ihnen abhän­gig.

Bes­ser ist es, wenn man sich an einem posi­ti­ven Ziel ori­en­tiert und zwar einem sol­chen, das sich nur als ein unver­wech­sel­ba­res Eige­nes beschrei­ben lässt. Hier bie­tet sich das unzer­stör­ba­re Wort „Glück“ an. Christ­lich wäre ein Selbst­por­trät als glück­li­cher Mensch für mich dann, wenn es der schöns­ten mir bekann­ten Defi­ni­ti­on die­ses unde­fi­nier­ba­ren Wor­tes folg­te. Die­se stammt von Johann Joa­chim Spal­ding, dem bedeu­tends­ten und beschei­dens­ten deut­schen Auf­klä­rungs­theo­lo­gen, einem pro­tes­tan­ti­schen „Nathan“. Glück­lich zu sein, hieß für Spal­ding, „mit sich selbst im Rei­nen sein und Gott zum Freund haben“.

 

 

Johann Hin­rich Claus­sen ist Theo­lo­ge und Publi­zist sowie Kul­tur­be­auf­trag­ter der Evan­ge­li­schen Kir­che in Deutsch­land. Buch­ver­öf­fent­li­chun­gen: Got­tes Klän­ge. Eine Geschich­te der Kir­chen­mu­sik (C. H. Beck Ver­lag, 2. Auf­la­ge 2015) sowie Die 95 wich­tigs­ten Fra­gen: Refor­ma­ti­on (C. H. Beck Ver­lag, erscheint im Herbst 2016).

PAЯADOX 16 – Widersprüche ins Zentrum rücken

Die Veranstaltungsreihe PAЯADOX 16 in Stuttgart startete ausverkauft

 

Die Wider­sprü­che unse­rer Zeit schei­nen aus­weg­s­los und frus­trie­rend. Wie soll die Wirt­schaft wach­sen und dabei nach­hal­tig blei­ben? Wie kann man Din­ge nicht aus­beu­ten und trotz­dem nut­zen? Wie kann man neue Mög­lich­kei­ten im Betriebs­ab­lauf berück­sich­ti­gen und sich trotz­dem auf ein Ver­fah­ren fest­le­gen? Und, wenn es um die Jüngs­ten geht: Wie kön­nen wir die Bil­dung zurück in ein Sys­tem brin­gen, dass auf Wis­sens­an­häu­fung aus­ge­rich­tet ist?

Auf die­se Fra­gen gibt es kei­ne abschlie­ßen­den Ant­wor­ten und den­noch müs­sen sie gelöst wer­den. Genau des­we­gen sind sie span­nend – sie regen das Den­ken an, das Dis­ku­tie­ren, die eige­ne Mei­nung, den frei­en Geist. In die­sen Fra­gen ent­steht Gesell­schaft. PAЯADOX 16 gibt den gro­ßen Wider­sprü­chen unse­rer Zeit den Raum, den sie brau­chen: Per­sön­lich, gast­lich, anre­gend, außer­ge­wöhn­lich und hoch­ka­rä­tig.

Die Auf­takt­ver­an­stal­tung in dem Mock-Up Show­room der Nim­bus Group war rasch aus­ver­kauft. 120 Gäs­te wur­den von sechs Vor­trä­gen in die Welt der Wider­sprü­che geführt, aus der sie herz­lich dis­ku­tie­rend wie­der hin­aus fin­den muss­ten. Denn neue Wege kön­nen nur gefun­den wer­den, wenn man in die Irre gelei­tet wird.

Jetzt sind alle Vor­trä­ge der ers­ten PAЯADOX online ein­seh­bar. Für alle die nicht dabei sein konn­ten: Es gibt auf jeden Fall ein zwei­tes Mal. Dann freu­en wir uns auf Sie!






www.paradox-conference.de

PAЯADOX ist ein For­mat von agora42 und intui­ty.