Einfach LEBEN – Hartmut Rosa über das lebendige Leben

Lebendig zu sein bedeutet, verbunden zu sein”

Inter­view mit Hart­mut Rosa

 

 

Anlässlich der neuen agora42 EINFACH LEBEN haben wir ausgewählten Personen zum Thema ein paar Fragen gestellt. Hier die Antworten von Hartmut Rosa. Er spricht über das Lebendigsein, den Himmel voller Geigen, neue Maßstäbe und die Versöhnung mit der Welt …

 

Herr Rosa, kann man über­haupt ein­fach über Ein­fach­heit spre­chen, oder spricht man da nicht gleich über etwas ziem­lich Kom­pli­zier­tes?

Ein­fach leben’ ist ja ein wun­der­bar dop­pel­deu­ti­ger Titel, und ich plä­die­re für die Beto­nung auf dem zwei­ten Wort: Ein­fach LEBEN. Was könn­te das hei­ßen? Was ich in mei­nem Buch Reso­nanz. Eine Sozio­lo­gie der Welt­be­zie­hung zu sagen ver­sucht habe ist, dass leben­dig zu sein bedeu­tet, ver­bun­den zu sein, wobei die­se Ver­bin­dung – mit der Welt, mit dem Leben, mit uns selbst – vier ent­schei­den­de Merk­ma­le auf­weist:
Ers­tens, ich muss in der Lage sein, mich von den Men­schen und/oder Din­gen errei­chen, berüh­ren, bewe­gen zu las­sen.
Zwei­tens, ich muss wil­lens und in der Lage sein, auf die­se Berüh­rung ant­wor­tend zu reagie­ren, und zwar so, dass ich die ande­re Sei­te – ‘das Leben’ – auch mei­ner­seits errei­chen und spü­ren kann, d.h. so, dass ich mich als selbst­wirk­sam erle­be. Leben­dig sein heißt in die­sem Sin­ne ‘einem Ruf ant­wor­ten’, oder auch: Immer wie­der auf Anru­fe zu ant­wor­ten.
Drit­tens: In die­sem hören­den Ant­wor­ten ver­än­de­re ich mich auch, und die Welt, die ich dabei erfah­re, ver­än­dert sich eben­falls. Ste­ti­ge Trans­for­ma­ti­on gehört also zum Leben.
Und vier­tens: Leben­dig kann nur sein, wer akzep­tiert, dass vie­les in der Welt und im Leben unver­füg­bar ist und bleibt: Man kann Reso­nanz nicht erzwin­gen, und wenn sie ein­tritt, weiß man nie im Vor­hin­ein, was dabei her­aus­kommt. ‘Kom­pli­ziert­heit’ ent­steht im Leben vor allen Din­gen dadurch, dass wir ver­su­chen, alles ver­füg­bar zu machen und unter bere­chen­ba­re Kon­trol­le zu brin­gen.
Ihre Aus­gangs­ver­mu­tung trifft also mei­nes Erach­tens voll ins Schwar­ze: Wenn wir ein­fach LEBEN, erfül­len wir die­se vier Bedin­gun­gen, aber sie sind nicht so leicht zu erfül­len, es han­delt sich um eine kom­ple­xe Form des In-Bezie­hung-Seins, und dazu kommt noch, dass es unmög­lich ist, immer oder nur im Reso­nanz­mo­dus zu leben. Es gehört zu den unver­zicht­ba­ren und groß­ar­ti­gen Kul­tur­leis­tun­gen des Men­schen, dass wir eben auch in der Lage sind, die Welt und das Leben zu ver­ding­li­chen, in küh­le Distanz zur Welt zu gehen, dem Ruf eben NICHT zu ant­wor­ten. Ein­fach leben ver­langt daher oben­drein, immer die Balan­ce zu hal­ten.

 

Kann man ein­fach leben, ohne dem Leben irgend­ei­ne Struk­tur und Ord­nung zu geben? Kann man ein­fach nur In-Situa­ti­on-Sein, das heißt, in wech­seln­den Situa­tio­nen leben und Sinn fin­den, ohne einen „Gesamt­sinn“ zu unter­stel­len?

Hart­mut Rosa ist seit 2005 Pro­fes­sor für All­ge­mei­ne und Theo­re­ti­sche Sozio­lo­gie an der Uni­ver­si­tät Jena sowie Direk­tor des Max-Weber-Kol­legs der Uni­ver­si­tät Erfurt. 2016 erschien sein Buch Reso­nanz: Eine Sozio­lo­gie der Welt­be­zie­hung im Suhr­kamp Ver­lag.

Das kommt sehr dar­auf an, was Sie mit ‘Sinn’ mei­nen. Gelin­gen­des Leben hängt mei­nes Erach­tens wirk­lich nicht davon ab, dass wir ein geschlos­se­nes Welt­bild im Sin­ne einer Theo­rie über das Uni­ver­sum und das Leben haben. Das kann man sich leicht an Bei­spie­len klar­ma­chen. Neh­men wir an, jemand sitzt in sei­nem Zim­mer und fin­det sein Leben und die Welt öde, trau­rig, sinn­los und leer. Dann geht er auf die Stra­ße und ver­liebt sich – und plötz­lich hängt ihm oder ihr ‘der Him­mel vol­ler Gei­gen’, wobei es sogar egal ist, ob er sich in einen Men­schen oder ein Lied oder ein Buch oder eine Stadt oder eine Auf­ga­be ver­liebt hat. Was sich geän­dert hat, ist nicht sei­ne Theo­rie, sein Welt­bild, er hat kein neu­es Sinn­ge­bäu­de geschaf­fen – son­dern er oder sie hat sich anru­fen las­sen und fühlt sich leben­dig genug, die­sem Ruf zu fol­gen oder zu ant­wor­ten. Aller­dings ver­hält es sich so dass wir, wenn wir auf die­se Wei­se einem Ruf ant­wor­ten (viel­leicht auch, indem wir uns um ein Kind oder einen alten Men­schen oder Flücht­lin­ge oder einen Wald küm­mern), uns auf eigen­ar­ti­ge Wei­se wie­der mit dem ‘Umgrei­fen­den’ des Lebens ins­ge­samt ver­bun­den füh­len. Zwi­schen uns und der Welt zieht es dann, sozu­sa­gen, ‘wie­der durch’, der Lebens­hauch geht durch uns hin­durch. Tat­säch­lich hal­te ich des­halb die spät­mo­der­ne Obses­si­on des ‘Ganz-im-Hier-und Jetzt-Sein-Wol­lens’ für einen Irr­tum: Wenn wir in Reso­nanz mit dem Leben sind, wei­tet sich unser Hori­zont zeit­lich und räum­lich, weil unser Welt­ver­hält­nis nicht mehr starr ist, son­dern sich gleich­sam ver­flüs­sigt. Wenn sich Struk­tur und Ord­nung aus sol­cher Ver­bun­den­heit erge­ben, ist das wun­der­bar, ich den­ke in der Tat: Ohne Struk­tur und einen Sinn für Ord­nung geht es nicht, ohne sie las­sen sich kei­ne Reso­nanz­räu­me eta­blie­ren und kei­ne Reso­nanz­ach­sen sta­bi­li­sie­ren. Aber natür­lich kön­nen umge­kehrt star­re Ord­nun­gen und unfle­xi­ble, vor­ge­ge­be­ne Struk­tu­ren Reso­nanz­mög­lich­kei­ten zer­stö­ren. Struk­tu­ren und Ord­nun­gen haben den Nach­teil, dass sie mit den Punk­ten drei und vier des gelin­gen­den Lebens (Trans­for­ma­ti­on und Unver­füg­bar­keit) schlecht ver­ein­bar sind.

 

Dem mensch­li­chen Stre­ben nach Glück sind nach Sig­mund Freud enge Gren­zen gesetzt: „(…) man möch­te sagen, die Absicht, daß der Mensch »glück­lich« sei, ist im Plan der »Schöp­fung« nicht ent­hal­ten.“ Die Kul­tur ist für Freud eine Quel­le des mensch­li­chen Unbe­ha­gens und zeit­gleich die Not­wen­dig­keit für das (Über-)Leben in der Gemein­schaft. Beschränkt das Aus­maß und die Durch­drin­gung der Kul­tur die Mög­lich­keit des Glücks? Müs­sen wir allein sein, um glück­lich zu sein?

Selbst wenn Freud recht hät­te blie­be als Fak­tum bestehen, dass Men­schen nach Glück stre­ben und wir des­halb poli­tisch und phi­lo­so­phisch und auch in unse­rem öko­no­mi­schen Tun nach den Mög­lich­kei­ten und Gren­zen gelin­gen­den Lebens fra­gen müs­sen. Von mir aus könn­te die Fra­ge dann lau­ten: Wie sind wir am wenigs­ten unglück­lich? Ich fin­de die Stra­te­gie zu behaup­ten, es käme auf Glück gar nicht an, ist nicht nur phi­lo­so­phisch unbe­frie­di­gend son­dern poli­tisch gefähr­lich – sie ist eine Recht­fer­ti­gungs­stra­te­gie dafür, ent­frem­den­de Ver­hält­nis­se auf­recht zu erhal­ten. Aller­dings stim­me ich mit Freuds Aus­sa­ge inso­fern über­ein, als die Idee, mit allem und jedem jeder­zeit in Reso­nanz sein zu wol­len nicht nur kata­stro­phal illu­so­risch ist, son­dern poli­tisch brand­ge­fähr­lich, vor allem dann, wenn man Reso­nanz auch noch mit Ein­klang oder Har­mo­nie ver­wech­selt. Ich glau­be in der Tat, dass Reso­nanz nur eine Art moment­haf­ter Ver­söh­nung mit der Welt oder dem Leben ist, oder bes­ser: Das Auf­blit­zen der Idee mög­li­cher Ver­söh­nung. Sie macht uns aller­dings zwei Din­ge deut­lich: Ers­tens, wir kön­nen nicht und nie­mals ‘ganz allein’ glück­lich sein, etwa indem wir nur in uns ruhen und uns ‘ganz frei gemacht’ haben von allem, was da drau­ßen ist. Glück, oder bes­ser: gelin­gen­des Leben bedeu­tet, bereit und fähig zu sein sich berüh­ren zu las­sen, dar­auf zu ant­wor­ten und sich dabei immer wie­der zu ver­än­dern. Dafür bedarf es die­ser ‘ande­ren Sei­te’. Sie besteht aller­dings nicht nur und nicht not­wen­dig aus ande­ren Men­schen – dazu gehö­ren auch Tie­re, Pflan­zen, Din­ge, Ster­ne, Musik etc. Und zwei­tens, Gemein­schaft gelingt da, wo sie auf reso­nan­ter Ver­bun­den­heit basiert, nicht auf star­ren Regeln, die auch ein Volk von Teu­feln zu bän­di­gen ver­möch­ten, wie Kant meint.

 

Ein­deu­ti­ge Ant­wor­ten sind immer unter­kom­plex, kla­re Hand­lun­gen den­noch not­wen­dig – wie soll man in Zukunft mit die­sem Para­dox umge­hen? Wie kön­nen wir ein­fach Han­deln?

Wie­so soll­ten wir ein­fach han­deln wol­len? Wir soll­ten weder das EINFACHE Han­deln zum Maß­stab machen noch ein­fach HANDELN wol­len. Unse­re Hand­lun­gen wer­den das rich­ti­ge Maß an Kom­ple­xi­tät fin­den, wenn sie sich aus einer Hal­tung des In-Reso­nanz-Seins mit den Men­schen, mit den Din­gen und mit dem Leben oder Welt als umgrei­fen­der Ord­nung voll­zie­hen. Das heißt, wenn ihr Maß­stab nicht mehr das immer bes­se­re Kon­trol­lie­ren, Berech­nen und Beherr­schen ist, son­dern das immer bes­se­re Hören und Ant­wor­ten.
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agora42 ist das phi­lo­so­phi­sche Wirt­schafts­ma­ga­zin und erscheint seit 2009 im Eigen­ver­lag in Stutt­gart. Alle drei Mona­te ver­öf­fent­li­chen wir ein neu­es The­men­heft. Dabei wid­men wir uns den gro­ßen Fra­gen der Öko­no­mie, wie etwa Frei­heit, Wachs­tum, Fort­schritt, Gerech­tig­keit, Nach­hal­tig­keit u.v.m. Anspruchs­voll, aber trotz­dem ver­ständ­lich las­sen wir Den­ker und Prak­ti­ker zu Wort kom­men, die meist nur in spe­zi­el­len Fach­krei­sen gele­sen wer­den – aber deren Erkennt­nis­se für alle Men­schen von Bedeu­tung sind.

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Freiheit: Einfach leben im Kapitalismus – Interview mit Anna Torus

Freiheit: Einfach leben im Kapitalismus

Inter­view mit Anna Torus

 

 

Anlässlich der neuen agora42 EINFACH LEBEN haben wir ausgewählten Personen zum Thema ein paar Fragen gestellt. Hier die Antworten der Philosophiestudentin und Bloggerin Anna Torus. Sie spricht über die Suche nach dem Lebenssinn, den nimmersatten Kapitalismus und den Trend zum Minimalismus, sowie: Freiheit …

 

Frau Torus, kann man ein­fach leben, ohne dem Leben irgend­ei­ne Struk­tur und Ord­nung zu geben? Kann man ein­fach nur In-Situa­ti­on-Sein, das heißt, in wech­seln­den Situa­tio­nen leben und Sinn fin­den, ohne einen „Gesamt­sinn“ zu unter­stel­len?

Im Moment zu leben und „ein­fach nur“ zu sein scheint mir des­halb eine so gro­ße Sehn­sucht vie­ler Men­schen in der Gegen­wart, weil sie zwar de fac­to in gewis­sen Ord­nungs­struk­tu­ren leben, die­se aber als been­gend erfah­ren. Sie füh­len sich nicht nur durch einen ermü­den­den und gleich­för­mi­gen Arbeits­all­tag bedrängt und ent­mün­digt, son­dern auch durch die stän­di­gen Impe­ra­ti­ve und For­de­run­gen der Kon­sum­ge­sell­schaft. Es ist nicht so, als wür­de es an ord­nen­den Struk­tu­ren feh­len. Sie sind da und for­men unse­re Gesell­schaft, auch wenn sie sich dabei nicht gera­de in den Vor­der­grund drän­gen und so oft­mals nur ein vages Gefühl zurück­las­sen, dass „etwas falsch läuft“. Die­ses stil­le Wir­ken sowie die all­ge­mei­ne Beschleu­ni­gung und grel­le Über­zeich­nung des „Lebens“, wel­che sie erzeu­gen, schei­nen mir mög­li­che Grün­de dafür zu sein, dass sich der Wunsch nach Struk­tur und Ord­nung ver­stärkt hat. Wir wol­len aber eigent­lich nicht irgend­ei­ne Struk­tur oder Ord­nung, son­dern eine sol­che, in der wir „ein­fach leben“ kön­nen. Das schließt sich gar nicht unbe­dingt aus. Der Mensch hat die berech­ti­ge Sehn­sucht danach, in Rah­men­be­din­gun­gen zu leben, die ihm freie Ent­fal­tung ermög­li­chen. Nur inner­halb einer offe­nen Struk­tur kön­nen wir es uns erlau­ben, „nur zu sein“. In der jet­zi­gen, die uns bloß eine Schein-Frei­heit vor­spie­gelt, wür­de dies eine Gedan­ken­lo­sig­keit mit sich füh­ren, die wir uns nicht leis­ten kön­nen. Eine wirk­lich offe­ne Struk­tur wür­de es mit sich brin­gen, dass wir auch ruhi­gen Gewis­sens uns selbst und die Sinn­fra­ge ein­mal ver­ges­sen könn­ten, weil wir nicht mehr nach dem Sinn suchen, son­dern ihn im Moment erfah­ren. Das akti­ve Suchen nach Sinn (oder Frei­heit) ent­steht immer auch aus einem Man­gel her­aus. Seh­nen wir uns nach Sinn, so ist das kein Luxus­be­dürf­nis, son­dern ein berech­tig­ter Anspruch unse­rer Men­schen­na­tur, die damit anzeigt, wie sehr sie unter der all­täg­lich erfah­re­nen Sinn­lo­sig­keit lei­det.

 

Ist unse­re heu­ti­ge Situa­ti­on nicht erschre­ckend ein­fach? Denn auf­grund der dra­ma­ti­schen Fehl­ent­wick­lun­gen des Kapi­ta­lis­mus – man den­ke nur an die gigan­ti­sche Spe­ku­la­ti­ons­bla­se, die in den letz­ten 40 Jah­ren auf­ge­pumpt wor­den ist – haben wir eigent­lich nur die Wahl zwi­schen einer öko­no­mi­schen Kata­stro­phe oder aber, soll­te irgend­wie das nöti­ge Wachs­tum gene­riert wer­den, einer öko­lo­gi­schen Kata­stro­phe.

Anna Torus ist das Pseud­onym einer blog­gen­den Phi­lo­so­phie­stu­den­tin im fort­ge­schrit­te­nen Semes­ter, Jahr­gang 1991, die der­zeit in Ber­lin lebt. Wei­te­re Tex­te von ihr fin­den Sie hier: https://annatorus.wordpress.com

Ich den­ke eher, dass wir in jedem Fall mit einem Sowohl-als-auch-Sze­na­rio rech­nen müs­sen, solan­ge wir uns inso­fern für das „ein­fa­che“ Leben ent­schei­den, als wir die gegen­wär­ti­ge Gesell­schafts­struk­tur stumm beja­hen. Das vom Men­schen selbst geschaf­fe­ne Mons­ter des Kapi­ta­lis­mus ist nim­mer­satt, es frisst öko­lo­gi­sche Res­sour­cen wie mensch­li­che Arbeits- und Geis­tes­kraft und kann sich am Ende doch bloß über­fres­sen und alles wie­der hin­aus­wür­gen. Es ist gewiss „ein­fach“, dem zuzu­se­hen, doch heißt die­se Ein­fach­heit nicht Leben. Die­se Art Ein­fach­heit wäre die glei­che, für die sich der Skla­ve ent­schei­det, damit er vom Herrn nicht geschla­gen wird. Haben wir das Bedürf­nis nach „Ein­fach­heit“, so mei­nen wir damit eigent­lich Frei­heit von Leid und struk­tur­be­ding­ten Pro­ble­men. Und bei jeder Wahl hof­fen wir wie Kin­der, dass die neu­es­ten Ver­tre­ter der Ein­heits­par­tei der Alter­na­tiv­lo­sig­keit sie uns die­ses Mal viel­leicht doch besche­ren wer­den.

 

Ist das mini­ma­lis­ti­sche Leben eine »zu ein­fa­che« Ant­wort auf die Kom­ple­xi­tät des Lebens und die Suche nach einem tie­fe­ren Sinn?

Der Mini­ma­lis­mus-Trend scheint mir dann „zu ein­fach“ gera­ten, wenn er als blo­ße indi­vi­dua­lis­ti­sche Abs­trak­ti­on inter­pre­tiert wird. Das Indi­vi­du­um wird in den Mit­tel­punkt gestellt und dar­über oft die tie­fe­ren gesamt­ge­sell­schaft­li­chen Ursa­chen ver­ges­sen. Die extre­me Zurück­nah­me indi­vi­du­el­ler Kon­sum­tä­tig­keit allei­ne kann kein Heils­weg sein. Sie führt im Gegen­teil aktu­el­le Ten­den­zen der Selb­st­op­ti­mie­rung und des neo­li­be­ra­len Dog­mas „Du allein bist selbst ver­ant­wort­lich“ fort. Der Mini­ma­lis­mus als Trend lenkt das Augen­merk pro­ble­ma­ti­scher­wei­se auf den­je­ni­gen Teil der Gesell­schaft, der durch sein Kon­sum­ver­hal­ten bloß mit­tel­bar ver­ant­wort­lich ist. Mög­li­che Fra­gen nach den Ursa­chen des Kon­sum­ver­lan­gens oder der Bedürf­nis­er­zeu­gung gera­ten in den Hin­ter­grund.

Begrei­fen wir Mini­ma­lis­mus dage­gen als Geis­tes­hal­tung, als eine Art Übung oder Aske­se des Bewusst­seins, so bin ich sehr dafür. Die Kom­ple­xi­tät des Lebens wird begreif­li­cher, wenn wir unse­ren Blick so schu­len, dass er immer nach dem Wesent­li­chen sieht. Wir ler­nen, unse­rem Drang nach Klar­heit zu ver­trau­en und der Ver­su­chung nicht nach­zu­ge­ben, uns im Unwe­sent­li­chen zu ver­lie­ren. Son­dern stets die Din­ge noch kla­rer, noch ein­fa­cher ver­ste­hen zu wol­len. Damit ist kei­nes­falls eine Ver­ein­fa­chung gemeint. Ein­fach­heit ist hier nicht mit Bequem­lich­keit zu ver­wech­seln, eine sol­che bedürf­te jeden­falls kei­ner Übung. Viel­mehr wird es schwie­ri­ger, weil man sich mit dem „Nächst-Bes­ten“, dem „Ein­fa­chen“ im Sin­ne des Beque­men nicht zufrie­den­ge­ben mag, wie man an der Phi­lo­so­phie sieht, die vom Kom­pli­zier­ten zum Ein­fa­chen fort­schrei­tet. Eine sol­che mini­ma­lis­ti­sche Bewusst­seins-Übung kann wie­der­um nur vom Indi­vi­du­um aus­ge­hen, mit dem Unter­schied aller­dings, dass sie ihr Augen­merk auf das Gan­ze rich­tet.


Was macht das Leben wirk­lich ein­fa­cher?

Ein Wort: Frei­heit. Aller­dings nicht als „chao­ti­sche“ Frei­heit ver­stan­den, son­dern als sol­che, die inner­halb von Struk­tu­ren ent­steht, wel­che bei aller Bestän­dig­keit den leben­di­gen Wan­del immer wie­der her­aus­for­dern.

 

 

 

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Die aktu­el­le agora42 zum The­ma EINFACH LEBEN ver­schi­cken wir ver­sand­kos­ten­frei. Lesen Sie span­nen­de Bei­trä­ge u.a. von Robert Pfal­ler (“Das nack­te und das gute Leben”), Ulri­ke Gué­rot (“Euro­pa ein­fach machen – ein­fach Euro­pa machen”), Frank Ruda (“Ein­fach nicht ein­fach”) und Mads Pan­kow (“End­lich wei­ter­ma­chen – Wer kei­ne Uto­pi­en hat, dem bleibt nur die Zukunft.”)

 

 

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Wer nicht einfach über Einfachheit sprechen kann, sollte lieber schweigen” – Rebekka Reinhard

Wer nicht einfach über Einfachheit sprechen kann, sollte lieber schweigen”

Inter­view mit Rebek­ka Rein­hard

 

Anlässlich der neuen agora42 EINFACH LEBEN haben wir ausgewählten Personen zum Thema ein paar Fragen gestellt. Hier die Antworten der Philosophin Rebekka Reinhard. Sie spricht über das einfache Leben, die Sinnsuche, den Weg zum Glück und eine vernachlässigte Tugend: den Mut …

 

Frau Rein­hard, kann man über­haupt ein­fach über Ein­fach­heit spre­chen, oder spricht man da nicht gleich über etwas ziem­lich Kom­pli­zier­tes?

Rebek­ka Rein­hard ist pro­mo­vier­te Phi­lo­so­phin, Bera­te­rin und Redak­teu­rin des Phi­lo­so­phie-Maga­zins Hohe Luft. Von ihr zum The­ma erschie­nen: Die Sinn-Diät – War­um wir schon alles haben, was wir brau­chen (Heyne Ver­lag, 2011). Foto: Peter Lind­bergh

Wer nicht ein­fach über Ein­fach­heit spre­chen kann, soll­te lie­ber gleich schwei­gen. Schwei­gen ist kei­ne schlech­te Stra­te­gie für den, der nichts Schwie­ri­ge­res als das Ein­fa­che kennt. Wer schweigt, muss nichts ver­ste­hen (nicht mal sei­ne eige­nen Wor­te). Er ist frei, zu stau­nen, zu han­deln, Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men. Laut Ema­nu­el Lévinas heißt ethi­sche Ver­ant­wor­tung „han­deln, bevor man ver­steht“. Und das ist ziem­lich ein­fach. Oder?

 

Kann man ein­fach leben, ohne dem Leben irgend­ei­ne Struk­tur und Ord­nung zu geben? Kann man ein­fach nur In-Situa­ti­on-Sein, das heißt, in wech­seln­den Situa­tio­nen leben und Sinn fin­den, ohne einen „Gesamt­sinn“ zu unter­stel­len?

Nein. Dass in jeder Situa­ti­on der glei­che Sinn steckt, davon soll­te man schon aus­ge­hen. Dann jeden­falls, wenn man ein gutes Leben will. Ich kann aus jedem „Cha­os“ einen „Kos­mos“ machen – sobald ich anfan­ge, das Leben als Roh­ma­te­ri­al zu betrach­ten, das ich, je nach Sach­la­ge, durch mei­ne Akti­vi­tä­ten (Den­ken, Tan­zen, Strei­ten, Lachen, Arbei­ten etc.) gestal­ten kann.

 

Dem mensch­li­chen Stre­ben nach Glück sind nach Sig­mund Freud enge Gren­zen gesetzt: „(…) man möch­te sagen, die Absicht, daß der Mensch »glück­lich« sei, ist im Plan der »Schöp­fung« nicht ent­hal­ten.“ Die Kul­tur ist für Freud eine Quel­le des mensch­li­chen Unbe­ha­gens und zeit­gleich die Not­wen­dig­keit für das (Über-)Leben in der Gemein­schaft. Beschränkt das Aus­maß und die Durch­drin­gung der Kul­tur die Mög­lich­keit des Glücks? Müs­sen wir allein sein, um glück­lich zu sein?

Glück kann Vie­les sein. Ein Moment. Die Erin­ne­rung an eine Som­mer­nacht. Vier­ein­halb Jah­re Zufrie­den­heit ohne nen­nens­wer­te Zwi­schen­fäl­le. Der Weg zum Glück hat mit einem Zuviel oder Zuwe­nig an Kul­tur nichts zu tun und steht auch Neu­ro­ti­kern offen. Es gibt kaum etwas Ein­fa­che­res als Glück: Glück ist eine inne­re Akti­vi­tät. Was? Wie? Wo ist das Glück, und wann kommt es end­lich? Je län­ger ich war­te, des­to unglück­li­cher wer­de ich.

 

Was macht das Leben wirk­lich ein­fa­cher?

Sei­nen All­tag an Pla­tons Vierer­sche­ma, den Kar­di­nal­tu­gen­den aus­zu­rich­ten: Weis­heit, Mäßi­gung, Gerech­tig­keit, Tap­fer­keit. Statt Tap­fer­keit kann man auch Mut sagen. Mut zählt heu­te zu den am meis­ten unter­ent­wi­ckel­ten Tugen­den über­haupt. Ohne Mut kei­ne Kom­ple­xi­täts­re­duk­ti­on, kei­ne Ein­fach­heit.

 

 

 

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