Wird uns Bildung retten? Teil 1

Haben wir ein Bildungsdefizit?

 

Regel­mä­ßig wird auf die fal­sche oder zu wenig Bil­dung ver­wie­sen, wenn dar­über sin­niert wird, war­um wir all die Pro­ble­me, die es zu lösen gilt, nicht gelöst bekom­men. Die­se Fra­ge wel­che oder wie viel Bil­dung nötig wäre, um die Wider­sprü­che zu lösen, die immer mehr unse­re Gesell­schaft durch­zie­hen, haben wir uns wäh­rend der Erstel­lung der aktu­el­len Aus­ga­be WIRTSCHAFT IM WIDERSPRUCH auch gestellt. Wür­de man uns heu­te danach fra­gen, ob uns Bil­dung ret­ten kann, dann lau­tet die Ant­wort klar und deut­lich: Jein.

 

Prof. Dr. Edel­traud Gün­ther ist Pro­fes­so­rin am Lehr­stuhl für Betriebs­wirt­schafts­leh­re, ins­be­son­de­re Betrieb­li­che Umwelt­öko­no­mie an der TU Dres­den.

Die­se Ant­wort ist gewis­ser­ma­ßen der Essenz eines Erwe­ckungs­mo­ments – um es irgend­wie pathe­tisch und mys­tisch zu sagen –, der uns in Tübin­gen wider­fuhr. Ja, Sie haben rich­tig gele­sen, im beschau­li­chen Tübin­gen. Am 4. Dezem­ber 2017 fand im Welt­ethos Insti­tut (WEIT) die Ver­an­stal­tung “Klü­ger Wirt­schaf­ten – Wel­ches Wachs­tum brau­chen wir?” statt. Gela­den waren Prof. Dr. Edel­traud Gün­ther sowie Prof. Dr. Niko Paech. Wie der Titel bereits nahe­leg­te, dreh­te sich an die­sem Abend alles um die Fra­gen: “Wel­ches Wachs­tum brau­chen wir eigent­lich? Ist viel­leicht an einem bestimm­ten Punkt der öko­no­mi­schen Ent­wick­lung weni­ger unter Umstän­den tat­säch­lich mehr?”

Für die­je­ni­gen, wel­che noch nie die­sem Ver­an­stal­tungs­for­mat bei­woh­nen konn­ten, sei hier kurz der Ablauf erklärt. Aus­gangs­punkt für die Dis­kus­sio­nen bei „Klü­ger wirt­schaf­ten“ sind stets Bücher (an die­sem Abend war es das Buch Befrei­ung vom Über­fluss – Auf dem Weg in die Post­wachs­tums­öko­no­mie von Niko Paech) die von einer kom­pe­ten­ten Per­son kri­tisch gewür­digt wer­den (an die­sem Abend: Prof. Dr. Edel­traud Gün­ter). Im Anschluss hat der Autor des Buches die Mög­lich­keit, die­se Kri­tik ein­zu­ord­nen oder ihr zu wider­spre­chen. Im Anschluss an die­se Aus­spra­che ver­sam­meln sich die Vor­tra­gen­den mit Herrn Dr. Bernd Vill­hau­er, dem Geschäfts­füh­rer des WEIT (der regel­mä­ßig in der Kolum­ne Finanz & Ele­ganz bei uns bloggt), auf dem Podi­um und dis­ku­tier­ten zuerst mit­ein­an­der und dann mit den anwe­sen­den Gäs­ten. Und derer gab es genug. Der Saal war bre­chend voll, sogar vor dem Fens­tern – die gekippt sein muss­ten, damit nicht wie bei einem Rock­kon­zert nach und nach die Gäs­te umkipp­ten –, stan­den Men­schen und ver­such­ten der Ver­an­stal­tung fol­gen.

Das Buch Befrei­ung vom Über­fluss – Auf dem Weg in eine Post­wachs­tums­öko­no­mie von Niko Peach (oekom ver­lag, 2012)

Die­ses enor­me Inter­es­se an der Fra­ge nach Ziel und Zweck des Wachs­tums zeigt deut­lich, dass es in der Gesell­schaft ein gro­ßes Inter­es­se an Ant­wor­ten auf die­se gesell­schaft­lich wich­ti­ge Fra­ge gibt. Oder öko­no­misch aus­ge­drückt: Es gibt offen­sicht­lich eine gro­ße Nach­fra­ge nach Bil­dungs­an­ge­bo­ten, die das ver­mit­teln, was Bil­dung leis­ten soll – zum eige­nen Nach­den­ken zu befä­hi­gen, gewohn­tes in Fra­ge zu stel­len und neue Per­spek­ti­ven auf schein­bar aus­weg­lo­se Situa­tio­nen zu eröff­nen. Muss man doch zunächst ein­mal die Situa­ti­on ver­ste­hen in der man steckt, um einen Umgang damit fin­den zu kön­nen.

Inso­fern kann man die Fra­ge, ob wir ein Defi­zit an rich­ti­ger Bil­dung haben, klar mit Ja beant­wor­ten. Auch der enor­me Zuspruch den Niko Paech auf sei­ne Post­wachs­tums­öko­no­mie erfährt, zeigt, dass wir schlicht ein­fach mehr über das Funk­tio­nie­ren sowie die Impli­ka­tio­nen unse­res Wirt­schafts­mo­dells müs­sen, um unse­re Situa­ti­on zu ver­ste­hen, und even­tu­ell auch unser Han­deln dem­entspre­chend  ändern zu kön­nen.

 

War­um man sich an die­ser Stel­le jedoch noch nicht ent­spannt zurück­leh­nen kann und wie der Abend wei­ter­ging, ver­ra­ten wir im nächs­ten Blog­post. Der­weil emp­feh­len wir Ihnen den Mit­schnitt des Abends: “Klü­ger wirt­schaf­ten” mit Prof. Niko Paech: Ist weni­ger mehr?

Das darf man den Menschen nicht sagen.“ – Editorial zur Ausgabe 1/2018

Editorial von Frank Augustin zur Ausgabe „Wirtschaft im Widerspruch“

 

 

Das darf man den Menschen nicht sagen.“

Das höre ich in letz­ter Zeit ziem­lich oft, gleich ob von Poli­ti­kern, Wis­sen­schaft­lern, Intel­lek­tu­el­len oder auch von Unter­neh­mens­ver­tre­tern. Was man ihnen nicht sagen darf? Ers­tens, dass die Demo­kra­tie seit den frü­hen 80er Jah­ren dem (Finanz-)Kapital folgt und inso­fern eigent­lich kei­ne mehr ist. Zwei­tens, dass der unver­meid­li­che Über­gang vom Wachs­tum zu einer Post­wachs­tums­ge­sell­schaft nicht flie­ßend ver­lau­fen, son­dern per Crash erfol­gen wird.

Frank Augus­tin ist Mit­grün­der und Chef­re­dak­teur des phi­lo­so­phi­schen Wirt­schafts­ma­ga­zins agora42.

Stim­me ich die­ser Ein­schät­zung zu? Unbe­dingt! Aller­dings geht mir die Kri­tik an Kapi­tal und Wachs­tum all­zu leicht über die Lip­pen ihrer Ver­äch­ter. Man tut so, als ob es sich dabei um etwas Abs­trak­tes, Kal­tes, Mathe­ma­tisch-Tech­ni­sches han­de­le. Was dabei über­se­hen wird, ist die emo­tio­na­le, ja spi­ri­tu­el­le Dimen­si­on des Wirt­schaft­li­chen. Denn der Kapi­ta­lis­mus hat auch Sinn pro­du­ziert. Er ver­ei­nig­te meta­phy­si­sche Vor­stel­lun­gen (unend­li­ches Wachs­tum, unend­li­cher Fort­schritt) mit der kon­kre­ten Lebens­wirk­lich­keit, „bewies“ die­se Vor­stel­lun­gen durch immer mehr, immer neue und immer bes­se­re Pro­duk­te. Pro­duk­te, mit denen man, je nach Gus­to, Per­fek­ti­on, Qua­li­tät, Frei­heit, Pres­ti­ge, Erfolg, Glück u. v. m. ver­bin­den konn­te, die sich in viel­fäl­ti­ger Wei­se auf­ein­an­der bezo­gen, sich dadurch auch gegen­sei­tig Sinn gaben und so ein regel­rech­tes Sinn­uni­ver­sum schu­fen. Was nach 1945 ganz unschul­dig und fern­ab jeg­li­cher Ideo­lo­gie daher­kam, was nur das wirt­schaft­li­che Mit­tel zum demo­kra­ti­schen Zweck schien, wur­de zur dog­ma­ti­schen Wirt­schafts­re­li­gi­on. Die wun­der­sa­me Ver­meh­rung der Finanz­wer­te und kathe­dra­len­ar­ti­ge Bank­tür­me waren ihr adäqua­ter Aus­druck, nicht etwa krank­haf­ter Aus­wuchs. Die Wort­ver­bin­dung „markt­kon­for­me Demo­kra­tie“ bezeich­net den gesell­schaft­li­chen Kon­sens inso­fern tref­fend: Demo­kra­tie vor­schie­ben, um Wirt­schafts­re­li­gi­on zu prak­ti­zie­ren.

Und das heißt? – Die sich seu­chen­ar­tig aus­brei­ten­den Wider­sprü­che im Gro­ßen und im Klei­nen, die den gesell­schaft­li­chen Kon­sens wie auch das per­sön­li­che Selbst­ver­ständ­nis implo­die­ren las­sen, die ein Wei­ter-so ver­hin­dern, müs­sen gar nicht gelöst wer­den. Denn sie geben zu ver­ste­hen, dass die­ser Kon­sens kein ech­ter, kein demo­kra­ti­scher Kon­sens war. Sie sind Beleg dafür, dass es – zumin­dest zuletzt – poli­ti­scher Auf­trag war, Demo­kra­tie mög­lichst klein zu hal­ten, damit sie der Wirt­schafts­re­li­gi­on nicht in die Que­re kommt. Mögen die­se Wider­sprü­che für vie­le Unheil und Cha­os bedeu­ten, bemer­ken immer mehr Men­schen, dass sie den Raum für einen demo­kra­ti­schen Neu­an­fang öff­nen. Und das muss man sagen!

 

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Mit u.a.:

Ernst Ulrich von Weiz­sä­cker im Inter­view “Wachs­tum im Wider­spruch”

Niko Paech: “Wohl­stand im Wider­spruch”

Die­ter Schnaas: “Spe­ku­la­ti­on im Wider­spruch”

Sven Bött­cher: “Anders!” ist das neue “Bas­ta!”