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„Das darf man den Menschen nicht sagen.“ – Editorial zur Ausgabe 1/2018

Editorial von Frank Augustin zur Ausgabe „Wirtschaft im Widerspruch“

„Das darf man den Menschen nicht sagen.“

Frank Augustin ist Mitgründer und Magazinmacher des philosophischen Wirtschaftsmagazins agora42.

Das höre ich in letzter Zeit ziemlich oft, gleich ob von Politikern, Wissenschaftlern, Intellektuellen oder auch von Unternehmensvertretern. Was man ihnen nicht sagen darf? Erstens, dass die Demokratie seit den frühen 80er Jahren dem (Finanz-)Kapital folgt und insofern eigentlich keine mehr ist. Zweitens, dass der unvermeidliche Übergang vom Wachstum zu einer Postwachstumsgesellschaft nicht fließend verlaufen, sondern per Crash erfolgen wird.

Stimme ich dieser Einschätzung zu? Unbedingt! Allerdings geht mir die Kritik an Kapital und Wachstum allzu leicht über die Lippen ihrer Verächter. Man tut so, als ob es sich dabei um etwas Abstraktes, Kaltes, Mathematisch-Technisches handele. Was dabei übersehen wird, ist die emotionale, ja spirituelle Dimension des Wirtschaftlichen. Denn der Kapitalismus hat auch Sinn produziert. Er vereinigte metaphysische Vorstellungen (unendliches Wachstum, unendlicher Fortschritt) mit der konkreten Lebenswirklichkeit, „bewies“ diese Vorstellungen durch immer mehr, immer neue und immer bessere Produkte. Produkte, mit denen man, je nach Gusto, Perfektion, Qualität, Freiheit, Prestige, Erfolg, Glück u. v. m. verbinden konnte, die sich in vielfältiger Weise aufeinander bezogen, sich dadurch auch gegenseitig Sinn gaben und so ein regelrechtes Sinnuniversum schufen. Was nach 1945 ganz unschuldig und fernab jeglicher Ideologie daherkam, was nur das wirtschaftliche Mittel zum demokratischen Zweck schien, wurde zur dogmatischen Wirtschaftsreligion. Die wundersame Vermehrung der Finanzwerte und kathedralenartige Banktürme waren ihr adäquater Ausdruck, nicht etwa krankhafter Auswuchs. Die Wortverbindung „marktkonforme Demokratie“ bezeichnet den gesellschaftlichen Konsens insofern treffend: Demokratie vorschieben, um Wirtschaftsreligion zu praktizieren.
Und das heißt? – Die sich seuchenartig ausbreitenden Widersprüche im Großen und im Kleinen, die den gesellschaftlichen Konsens wie auch das persönliche Selbstverständnis implodieren lassen, die ein Weiter-so verhindern, müssen gar nicht gelöst werden. Denn sie geben zu verstehen, dass dieser Konsens kein echter, kein demokratischer Konsens war. Sie sind Beleg dafür, dass es – zumindest zuletzt – politischer Auftrag war, Demokratie möglichst klein zu halten, damit sie der Wirtschaftsreligion nicht in die Quere kommt. Mögen diese Widersprüche für viele Unheil und Chaos bedeuten, bemerken immer mehr Menschen, dass sie den Raum für einen demokratischen Neuanfang öffnen. Und das muss man sagen!

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Mit u.a.:
Ernst Ulrich von Weizsäcker im Interview „Wachstum im Widerspruch“
Niko Paech: „Wohlstand im Widerspruch“
Dieter Schnaas: „Spekulation im Widerspruch“
Sven Böttcher: „Anders!“ ist das neue „Basta!“