Jede Generation muss sich ihrer Verantwortung stellen – Interview mit Margot Käßmann

Anlässlich der Jubiläumsausgabe der agora42 sprachen wir mit Margot Käßmann über den Stand der heutigen Gesellschaft. Im Jahr 2015 führten wir ein Interview mit ihr für die Ausgabe 1/2015 Ups&Downs, das wir in bleibender Erinnerung behalten haben.

 

Frau Käßmann, die auf uns zurollende Katastrophe, klimatisch als auch gesellschaftlich, wird mittlerweile nicht mehr ernsthaft in Abrede gestellt – trotzdem reißen wir das Ruder nicht herum und fahren sehenden Auges gegen den Eisberg. Ist die Welt nicht mehr zu retten?

Margot Käßmann war lange Zeit als evangelisch-lutherische Theologin und Pfarrerin in verschiedenen kirchlichen Leitungsfunktionen tätig. Ab 27. April 2012 war sie „Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017“ im Auftrag des Rates der EKD.

Ich hoffe schlicht auf die Vernunft der Menschen! Seit Mitte der 70er Jahre wissen wir um die „Grenzen des Wachstums“ und viele haben ja auch ihr individuelles Verhalten verändert. Aber die Politik muss handeln und ich finde, Fragen von Klimaschutz, Abgasemissionen, Plastikverbrauch sollten in den Mittelpunkt auch von Wahlkämpfen rücken.

Stattdessen erleben wir gerade wieder die Macht der Autolobby und mit Donald Trump einen Präsidenten, der schon Errungenes zurückdreht. Aber wir können wegen solcher Rückschläge nicht einfach die Hoffnung und das Engagement aufgeben. Das wäre verantwortungslos.

 

In Ihrem neuen Buch Schöne Aussichten schreiben Sie, dass man mit dem Alter auch von einigen liebgewonnenen Gewohnheiten Abschied nehmen muss. Ist das nicht auch die Aufgabe unserer Gesellschaft insgesamt – dass wir von liebgewonnenen Gewohnheiten (Wachstum, Wohlstandsmehrung etc.) Abschied nehmen müssen? Wie aber kann das gelingen? Wie kann man Abschied nicht nur als Verlust empfinden?

Es gibt auch eine Ethik des Genug. Und die muss nicht mit moralisch erhobenem Zeigefinger daherkommen. Wer für sich selbst sagen kann, es ist genug, lebt ja auch zufriedener und muss nicht ständig einem vermeintlichen Mehr nachjagen. Wer einmal nachdenkt weiß genau, dass die entscheidenden Dinge im Leben nicht käuflich sind: Liebe, Vertrauen, Familie, Glück, Freundschaft.

 

Peggy Hetmank-Breitenstein, eine junge Philosophin aus Jena schrieb uns: "Wer möchte heute eigentlich in einer der nächsten Generationen leben? Ich nicht." Wie kann den jungen Menschen wieder Mut für die Zukunft gemacht werden?

Meine Mutter hat als junge Krankenschwester die Bomben auf Berlin erlebt, musste ihre Heimat verlassen, lebte zwei Jahre in einem Internierungslager. Ihr wurde gesagt: In diese Welt kann man keine Kinder setzen – sie hat vier bekommen. Meiner Generation wurde gesagt: Angesichts von Bedrohung durch Atomwaffen und Bevölkerungswachstum sollte man keine Kinder in die Welt setzen – ich habe vier bekommen. Inzwischen habe ich sechs Enkelkinder. Ich bin überzeugt: Jede Generation muss sich ihrer Verantwortung stellen. Wir übergeben die Staffel des Engagements für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung.

 

Derzeit durchforsten technikbegeisterte Wissenschaftler äußerst kapital- und technikintensiv das Weltall, um einen Planeten zu finden, auf den die Menschheit im Katastrophenfall auswandern kann. Würden Sie – im Falle des Falles – gerne auf einem anderen Planeten neu anfangen?

Ich bin in einem Alter, in dem ich mich auf die letzten Dinge im Leben vorbereite. Auf einem anderen Planeten neu anfangen würde ich nicht. Aber am Ende ist das doch ein absurder Gedanke, oder? Wir zerstören diesen wunderbaren Planeten, auf dem wir leben. Aber statt uns für seine Gesundung, den Erhalt einzusetzen, suchen wir einen neuen? Das entspricht letzten Endes der Logik der Wegwerfgesellschaft, finde ich.

 


Die Jubiläumsausgabe der agora42 widmen wir der 42.

42, das ist die Antwort auf die Frage aller Fragen, die keine Antwort ist. Das ist die eindeutige Zahl, die alles im Unklaren belässt. Das ist gar nicht so unsinnig, wie es zunächst scheinen mag. Diese Zahl steht für den typisch menschlichen Versuch, einen Sinn zu finden – und ist doch gleichzeitig Ausdruck der Tatsache, dass dieser nicht gefunden werden kann. Zum Glück! Sonst wäre alles sinnlos…

In der Jubiläumsausgabe fragt die Jenaer Philosophin PEGGY HETMANK-BREITENSTEIN im Interview: “Wer möchte heute eigentlich in einer der nächsten Generationen leben? Ich nicht. Ist das nicht finster?”

RICHARD DAVID PRECHT, Philosoph und Beirat der agora42, zur Frage, wie er sich eine gelingende Zukunft vorstellt: “Wir werden die Humanität und das Soziale in den Mittelpunkt unseres Lebens stellen und nicht den Profit, den Konsum und die Technik.”
Konkrete Hinweise für den Übergang in eine zukunftsfähige Wirtschaft liefert der Publizist und Commons-Aktivist HANS E. WIDMER: “Bevor wir smart schrumpfen können, müssten wir es zuerst schaffen smart zu wachsen.”

Vertrauen ist ein Entschluss – Interview mit Nina Schmid

Vertrauen ist ein Entschluss

Interview mit Nina Schmid

© Kathrin Borer "Don't sell me fear", 2016

Anlässlich der neuen agora42 WA(H)RE ANGST haben wir ausgewählten Personen zum Thema ein paar Fragen gestellt. Hier die Antworten von Nina Schmid. Sie spricht über Ängst, die lange ignoriert wurden, über den Willen zur Veränderung und darüber, dass Vertrauen in das Leben nicht von alleine kommt  …

 

Frau Schmid, auf den ersten Blick scheint in Deutschland alles in Ordnung zu sein: die Wirtschaft boomt, die Arbeitslosigkeit ist auf einem historischen Tiefststand und die deutsche Nationalmannschaft stellt einen neuen Rekord auf. Dennoch macht sich ein Gefühl der Orientierungs- und Sinnlosigkeit breit, das in Wahlerfolgen der Afd oder steigenden Burn-out Zahlen zum Ausdruck kommt. Wie passt das eine mit dem anderen zusammen?

Nina Schmid, 1974 in München geboren, studierte in Paris und Graz Architektur und arbeitete anschließend für unterschiedliche Architekturbüros sowie als selbstständige Architektin. Seit 2015 widmet sie sich der von ihr mitgegründeten Online Plattform Street Philosophy. In 2017 ist ihr Buch „the anagram of god is dog - Die sieben Geheimnisse für ein wahrhaftig gutes Leben“ auf Deutsch erschienen. Sie ist alleinerziehend mit zwei Töchtern und einem Hund.

Ich glaube, dass es ein Zeichen unserer Zeit ist, dass Fragen nicht mehr so einfach zu beantworten sind. Zumindest fällt mir das zunehmend schwer. Die Themen scheinen - egal in welchem Bereich - komplexer und für den Einzelnen unübersichtlicher zu werden. Auch bei der von Ihnen gestellten Frage ist das der Fall. Es wäre fast vermessen, darauf eine Antwort zu wissen.
Das, was ich mich trauen würde zu sagen, ist, dass Dinge nicht mehr einfach so gedeckelt werden können - etwas das jahrelang sehr gut funktioniert hat. Die heutigen Zeiten lassen das nicht mehr zu. Alles tritt zutage. Auch die Schmerzen und Ängste so vieler Menschen (von Gruppen wie von Individuen) die lange weggedrückt wurden, kommen nun zum Vorschein, entweder durch lautstarken Protest, Frust und Ärger oder eben durch gesundheitliche Auswirkungen.
Dadrin liegt großes Potenzial, gerade weil wir in einem so privilegierten Teil der Welt leben. Doch gerade da bedarf es jetzt einen starken Willen zur Veränderung und viel Offenheit, um wirklich alles anzuschauen was noch im Argen ist.

 

Die Probleme, mit denen wir uns konfrontiert sehen – bspw. Erderwärmung, außer Kontrolle geratene Finanzmärkte und Geheimdienste, Lobbyismus und zunehmende Ungleichheit –, scheinen übermächtig. Dennoch vermitteln Sie den Eindruck, dass Sie die Hoffnung noch nicht aufgegeben haben. Woher nehmen Sie die Kraft zu hoffen?

Ich bin glücklicherweise gesegnet mit einem starken Vertrauen. Vertrauen in das Leben selbst. Dieses Vertrauen wurde vor ein paar Jahren bis aufs Mark erschüttert und ich wusste nicht mehr, ob und wie ich weitermachen sollte. Letztendlich ist es dann ein Entschluss. Ein Entschluss vertrauen zu wollen, die Hoffnung nie, wirklich niemals aufzugeben, immer mit dem Bewusstsein zu leben, wie unendlich gut es uns geht und, dass wir letztendlich eine Verpflichtung haben - wir, die wir in einem Teil der Welt leben, der so unendlich viele Möglichkeiten bietet - jeden Tag unser Bestes zu geben.

 

In der Ausgabe WA(H)RE ANGST schreibt Thomas Gutknecht „Sich recht ängstigen zu lernen, ist eine reife Leistung.“ Würden Sie dem zustimmen?

Wir werden in Deutschland schon in so vielen Bereichen von der Angst beherrscht. Das ist das, was uns als Nation vielleicht am hinderlichsten ist. Ich gebe der Angst daher nicht so gerne zu viel „Bühnenzeit“. Wenn Thomas Gutknecht mit seiner Aussage meint, dass es eine reife Leistung ist, zu wissen, wann es richtig ist, sich zu ängstigen und wann nicht, dann stimme ich ihm zu.

 

Wovor sollte man Angst haben?

In unserem Teil der Welt gibt es für die meisten Menschen überhaupt gar keinen Grund mehr Angst zu haben. Wenn man sich stärker mit seinen Gefühlen auseinandersetzt, merkt man, wie irreal die allermeisten unserer Ängste sind. Sie bringen uns heutzutage nichts mehr. Sie dürfen uns an der einen oder anderen Stelle wachhalten und dafür sorgen, dass wir achtsam sind. Dafür sind sie ein hervorragendes Hilfsmittel. Aber eben nicht für mehr als das. Sodass wir getrost bestimmen können, unsere Ängste abzulegen - und anzufangen mehr zu vertrauen, bzw. sich selbst aktiv dafür zu engagieren die Dinge täglich positiv zu beeinflussen und zu gestalten.

Lieber Geld verlieren als Vertrauen – Robert Bosch und sein Begriff von Qualität

„Lieber Geld verlieren als Vertrauen“

Robert Bosch und sein Begriff von Qualität

von Dietrich Kuhlgatz

Unternehmensgründer hinterlassen Zitate. Bei Robert Bosch waren es nicht viele, aber in den wenigen überlieferten Äußerungen bringt der Unternehmer immer wieder einen zentralen Begriff ins Spiel, der heute inflationär gebraucht wird: Qualität. Dass er in besonderem Maße nach Qualität strebte, sowohl was seine Waren als auch was sein Geschäftsgebaren anbelangte, war einer seiner unternehmerischen Grundsätze. Gleichzeitig war Qualität eine permanente Herausforderung, eine Konstante in der Unternehmensgeschichte, die Robert Bosch seit der Eröffnung seiner ersten kleinen Werkstatt im Herbst 1886 begleitete.

 

Portrait Robert BoschAls im April 1919 die zweite Ausgabe der Mitarbeiterzeitung Bosch-Zünder erschien, schrieb Unternehmensgründer Robert Bosch in seinem Leitartikel unter dem Titel „Lieber Geld verlieren als Vertrauen“ einen programmatischen Satz: „Es war mir immer ein unerträglicher Gedanke, es könne jemand bei Prüfung eines meiner Erzeugnisse nachweisen, daß ich irgendwie Minderwertiges leiste. Deshalb habe ich stets versucht, nur Arbeit hinauszugeben, die jeder sachlichen Prüfung standhielt, also sozusagen vom Besten das Beste war.“

Im Rückblick auf seine Anfangsjahre war es ihm offenbar ein Anliegen, Qualität zum zentralen Begriff seines unternehmerischen Verständnisses zu machen – beginnend mit seinen ersten unternehmerischen Schritten in den 1880er Jahren. Während des Aufstiegs der anfangs kleinen Firma wie auch in deren Krisen hat dieser Begriff nie an Bedeutung verloren und stand mindestens auf Augenhöhe mit anderen unternehmerischen Leitbegriffen wie zum Beispiel Innovationsfähigkeit.

Das Zitat gewährt gleichzeitig einen Einblick in die Persönlichkeit des Unternehmers Robert Bosch, der die Güte seiner Produkte als seine Kernkompetenz proklamierte, sie fast zum Erfolgsmythos stilisierte. Seine Waren, so lässt sich aus Boschs leidenschaftlichem Plädoyer folgern, hoben sich in jeder Phase des Unternehmens von Waren anderer Hersteller ab. Man zahlte für Bosch-Waren vielleicht etwas mehr, konnte sich aber auf deren Haltbarkeit verlassen – so das Kalkül des Unternehmers und seiner Verkaufsstrategen. Damit wurde dem Preisargument von Konkurrenzprodukten seine Wirkung genommen.

Heute würde man das in den Kontext nachhaltigen unternehmerischen Handelns einordnen, aber bei den Bosch-Kunden, gleich ob im Jahr 1886 oder 1919, ging es bei der Produktqualität um Elementares: Nicht wegen Stromausfall im Dunkeln zu sitzen, nicht wegen falscher Blitzableitermontage vom Blitz erschlagen zu werden oder nicht auf weiter Flur mit dem Automobil liegen zu bleiben, weil die Zündung versagt hat. Qualitatives Versagen dieser Art wäre für Boschs kleine Werkstatt der 1880er und 1890er Jahre, und auch noch für die mittelständische „Elektrotechnische Fabrik Robert Bosch“ in den ersten Jahren nach 1900 vermutlich ruinös gewesen. Boschs Insistieren, nur das „Beste vom Besten herauszugeben“, war also mit Sicherheit ein wesentlicher Faktor, das kleine Unternehmen aus Krisen, in die es anfangs mehrfach geriet, wieder herauszulotsen. Auch Boschs tendenziell pedantisches Naturell war bei der Krisenbewältigung sicherlich von Nutzen. In den frühen Werkstattjahren soll er sich bei schlechten Arbeitsresultaten lautstark Gehör verschafft haben. Ein Mitarbeiter der ersten Stunde hat diese Temperamentsausbrüche Boschs rückblickend als „reinigendes Gewitter“ bezeichnet.

 

Die erste Werkstatt

Der 25-jährige Bosch hatte seine Werkstatt im November 1886 in einem Stuttgarter Hinterhof eröffnet, mit einem Werkmeister und einem Auszubildenden. In der beengten Topographie Stuttgarts, der Hauptstadt des damaligen Königreichs Württemberg, waren in der Gründerzeit Stadtquartiere mit Vorderhäusern und eng bebauten Innenhöfen entstanden, in denen in den 1870er und 1880er Jahren eine Vielzahl von Handwerkern ihre Betriebe eröffneten. Boschs „Werkstätte für Feinmechanik und Elektrotechnik“ musste einer unerbittlichen Konkurrenz vieler kleiner Hinterhofbetriebe trotzen. So hatte der Jungunternehmer alle Hände voll zu tun, seine Firma über Wasser zu halten – er nannte diese Zeit später ein „böses Gewürge“.

Was konnte der Entwicklung seines Unternehmens da förderlicher sein als gute Resultate, die ihm Weiterempfehlungen bescherten? Wenn er also schon weitgehend dasselbe anbot wie zahlreiche andere Kleinunternehmer, so mussten seine Arbeitsergebnisse spürbar besser sein als jene der Konkurrenz.

Alternativen hatte Bosch kaum. Genau wie seine Konkurrenten war Bosch beschäftigt mit Reparaturen, dem Installationsgeschäft, der Wartung und dem Nachbau feinmechanischer oder elektrisch betriebener Produkte. Hinzu kam ein Sammelsurium an handgefertigten Produkten: elektrisches Licht, Personenrufanlagen, Blitzableiter und auch „Exoten“ wie Schreibmaschinen für Blinde oder Zigarrenspitzenabschneider. Bunter konnte die Produktpalette kaum sein, zumal sie hauptsächlich aus Einzelanfertigungen nach speziellen Kundenwünschen bestand.

 

1919: Krise und Neuanfang

Die Kapitulation des deutschen Kaiserreichs am Ende des Ersten Weltkriegs hatte dramatische wirtschaftliche Folgen. Bosch, der früh auf internationale Geschäfte gesetzt hatte und dessen Unternehmen in den letzten Jahren vor dem Ersten Weltkrieg den Großteil des Umsatzes außerhalb Deutschlands erwirtschaftete (1913 war der Höhepunkt mit 88,7 Prozent erreicht), sah sein weltweites Netz an Auslandsgesellschaften, Produktionsstätten, Vertragshändlern und Geschäftspartnern in Trümmern liegen. Ein Großteil der Bosch-Besitzungen in Ländern der alliierten Kriegsgegner war enteignet. Zu dieser Zeit auf internationaler Ebene wieder neu anzufangen, konnte nur dann gelingen, wenn man mit bester Qualität zu überzeugen vermochte – denn beliebt waren deutsche Produkte in Frankreich, England und den USA natürlich nicht.

Insofern war es kein Zufall, dass sich Robert Bosch ausgerechnet im Jahr 1919 auf die Anfänge seines Unternehmens besann: auf die unsichere Zeit als junger Feinmechaniker, ohne Stammkunden. Er berief sich in einer der schlimmsten wirtschaftlichen Situationen seines Unternehmens auf sein Erfolgskonzept, dass nur das „Beste vom Besten“ seine Werkstatt verlassen dürfe. Und natürlich äußerte er sein Credo nicht ohne Hintergedanken. Der Bosch-Zünder, selbstbewusst benannt nach dem Magnetzündsystem für Automobile, das Bosch vom Dasein des Werkstattmieters in die Welt der Fabrikanten katapultiert hatte, war als Mitarbeiterzeitung durchaus auch Stimme der Unternehmensspitze. Mit ihr wandte sich die Unternehmensführung an alle Beschäftigten und sprach das an, was ihr wichtig war, und was der Unternehmensgründer in seiner Belegschaft „verankert“ sehen wollte. Seinen Beschäftigten die Zielrichtung vorzugeben, war für das Unternehmen gerade in dieser Zeit überlebenswichtig.

Allerdings bedeutete die Einhaltung der selbst gesetzten Qualitätsanforderungen eine gewaltige Anstrengung. Im weltweit größten Auslandsmarkt bis 1914, den USA, fielen die Besitzungen nach 1918 an einen Sequester, der die konfiszierten Fabriken und Handelsniederlassungen weiterverkaufte. Unter dem Namen „American Bosch“ vertrieb nun ein US-Unternehmen die unverändert gebauten früheren Bosch-Produkte. Die Qualitätsstandards, die unter Bosch-Regie galten, wurden unter dem neuen Management jedoch nicht genau genommen: Zuverlässigkeit und Haltbarkeit der Zündsysteme, Anlasser und Generatoren für Autos ließen deutlich nach. Als Bosch die US-Besitzungen ab 1927 zurückkaufte, wurde das zum Problem. Der Markenname Bosch hatte durch fehlende Qualität der „Bosch“ genannten US-Produkte schwer gelitten, weil durch die Abtrennung vom Mutterunternehmen Bosch und die mangelnde unternehmerische und technische Kompetenz des US-Sequesters Qualitätskontrollen entweder zu lax waren oder zu selten stattfanden.

 

Über die Qualität hinaus

Dieses Beispiel zeigt, dass das Streben nach hoher Fertigungs- und Produktqualität mannigfaltige Herausforderungen mit sich brachte, auf die sich der Unternehmensgründer und sein Management, und nach 1925 seine Nachfolger, immer wieder neu einstellen mussten.

Kurioserweise ist in der Frühzeit des Unternehmens der Qualitätsbegriff noch wesentlich breiter angelegt gewesen, als dies nach 1900 der Fall war, als Bosch zum Massenfabrikanten für die Autoindustrie aufgestiegen war. Anfangs musste nicht nur das gefertigte Produkt qualitativ hochwertig sein, sondern auch die Kundenbetreuung beziehungsweise der Service stimmen. Das änderte sich mit der Massenproduktion, in deren Zuge er sich ab 1900 nach und nach aus dem Dienstleistungssektor – damals dem Installationsgeschäft – zurückzog. Wer ausschließlich die eigene Produktion verkauft, so die Logik dieser unternehmerischen Ausrichtung, braucht keine Qualitäten in anderen geschäftlichen Sektoren.

Aber diese Haltung sollte sich bei Bosch aus guten Gründen ändern. Es ist interessant zu sehen, dass die Qualität einer Dienstleistung später wieder ins Spiel kam. Denn der Eindruck von Qualität hatte nicht allein mit dem Produkt zu tun, sondern mit dem, was um das Produkt herum angeboten wurde. Dem zollte Bosch Tribut durch die Gründung von Verkaufshäusern in großen Städten und der internationalen Etablierung der „Bosch-Dienste“, die sich seit 1921 von Hamburg aus verbreiteten. Das Konzept war relativ einfach: Auto- und Motorradwerkstätten, die bestimmte Kriterien an Ausstattung, Größe und Kundenkreis nachweisen konnten, durften sich „Bosch-Dienst“ nennen, bekamen Prüf- und Reparaturausstattung gestellt und erhielten zu Sonderkonditionen Bosch-Ersatzteile für den Verkauf. Kunden hatten Anlaufpunkte, wo sie beraten wurden oder wo sie Bosch-Produkte warten beziehungsweise im Falle eines Defekts austauschen lassen konnten.

Erst dieser Ansatz fügte aus Teilstücken eines Qualitätseindrucks ein Gesamtbild. Er wurde zum Nachfolger des aufgegebenen Installationsgeschäfts, und übersetzte das alte Knowhow in eine moderne Strategie. Sie flankierte ab sofort den Erwerb von Produkten und übertrug das Qualitätsbemühen von Bosch auf den zunehmend wichtigen Servicebereich. Gleichzeitig steigerte sie praktischerweise auch die Markenbekanntschaft.

Trotz allem: Gute Qualität allein reichte in den 1920er Jahren als Verkaufskriterium nicht mehr aus, wenn sie nicht ausreichend sichtbar war und kommuniziert wurde. Das galt auch für Bosch. Darum ging das Unternehmen mit Werbung in die Offensive, die in dieser Zeit zum Beispiel mit künstlerisch anspruchsvollen Grafiken von Lucian Bernhard oder Slogans wie „Mit Bosch gerüstet – gut die Fahrt!“ operierte.

Es ist nicht überliefert, welchen Anteil der Unternehmensgründer an der Entwicklung dieser Kundendienst- beziehungsweise Werbestrategie hatte. Eine Aussage Boschs deutet jedoch darauf hin, dass er eigentlich kein Freund der Werbung war und zeigt ein gewisses Maß an Kulturpessimismus: „Aber wie die Menschen nun einmal sind: Was sie lesen, glauben sie mehr, als was ihnen ihr eigenes Urteil sagen würde, wenn sie ein solches hätten (…) und so muß auch der Erzeuger guter Waren noch mehr tun in Kundenwerbung, als eigentlich nötig wäre“. Kurzum: Auch wer gute Qualität bietet, muss sie bewerben. Im Innersten allerdings vertrat Robert Bosch eine ganz andere Sichtweise. „Ich selbst bin mir bewusst, daß ich durch die Qualität meiner Ware mehr gewirkt habe als durch Werbung“, resümiert er rückblickend. Damit schließt er den Kreis zu der Grundüberzeugung seiner ersten Unternehmerjahre: „Ich verdanke nicht einen geringen Teil meines Erfolges meiner ausdauernden Gründlichkeit, die verhütete, daß etwas Schlechtes aus meiner Werkstatt hinausging.“

 

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Dieses Portrait von RobertBosch erschien in der agora42 2/2015 zum Thema QUALITÄT. Der Autor Dietrich Kuhlgatz hat Geschichte und Philosophie an den Universitäten Konstanz und Hamburg studiert und ist Unternehmenshistoriker bei der Robert Bosch GmbH. Er bloggt auf dem Bosch History Blog der offiziellen Seite der Robert Bosch GmbH.