Gedankenspiele – Das 53. Freestyle Chess Tournament

26.03.2051

Liebes Tagebuch,

ich mel­de mich gera­de aus Abu Dha­bi, wo soeben das 53. Free­style Chess Tour­na­ment zu Ende gegan­gen ist. Yong, mein Chef, und Mito, sein Haus­halts­ro­bo­ter, haben den Wett­be­werb gewon­nen. Freu­en konn­ten sie sich nicht dar­über. Denn hier ging etwas nicht mit rech­ten Din­gen zu. Und hier ist einer der größ­ten Glau­bens­sät­ze der Moder­ne ins Wan­ken gekom­men.

Doch von Anfang an: Don­ners­tag frag­te mich Yong, ob ich Lust hät­te, ihn und Mito zu dem Tur­nier zu beglei­ten. Beim Free­style Chess tre­ten Groß­meis­ter und Ama­teu­re, Super­com­pu­ter und Robo­ter an, in weni­gen Fäl­len als Ein­zel­spie­ler und in den meis­ten Fäl­len in klei­nen Teams. Seit vie­len Jah­ren hat­ten aus­schließ­lich gemisch­te Teams aus Mensch und Maschi­ne das Tur­nier gewon­nen. Für die mensch­li­che Psy­che war die­ser Umstand ver­mut­lich recht zuträg­lich, was auch erklär­te, war­um der Wett­be­werb sich in den letz­ten Jah­ren zum media­len Groß­ereig­nis ent­wi­ckelt hat­te. Ich war neu­gie­rig und so saß ich Frei­tag­abend neben Yong und Mito im Über­schall­flie­ger nach Abu Dha­bi. Die bei­den hat­ten sich bereits im Vor­jahr für die End­run­de qua­li­fi­ziert und rech­ne­ten sich für den anste­hen­den Wett­be­werb wie­der gute Chan­cen aus.

Ein Droh­nen­ta­xi brach­te uns vom Flug­ha­fen zum immer noch prunk­vol­len Emi­ra­tes Palace Hotel, dem sei­ner Zeit teu­ers­ten Hotel der Welt, wo wir eine Sui­te bezo­gen. In der weit­läu­fi­gen Ball­hal­le waren unzäh­li­ge Tische mit Schach­bret­tern auf­ge­baut. Am nächs­ten Mor­gen nach dem mehr als üppi­gen Früh­stück und der Kon­trol­le der Doping­mit­tel began­nen dort die Vor­run­den­spie­le. Ich hat­te noch nie ein Schach­tur­nier besucht und war über­rascht von dem Tru­bel. Über den Tischen waren Noi­se Cat­cher ange­bracht, aber die­se waren dem Geräusch­pe­gel kaum gewach­sen. Zuschau­er konn­ten sich wäh­rend der Vor­run­de frei zwi­schen den Tischen bewe­gen, kom­men­tier­ten Spiel­zü­ge und applau­dier­ten ihren Favo­ri­ten. Die Schach­spie­ler selbst dis­ku­tier­ten laut­stark, vor allem dort, wo in grö­ße­ren Teams gespielt wur­de. Die Teams waren sehr divers. Groß­meis­ter mit und ohne Brain Com­pu­ter Inter­face, mensch­li­che Spie­ler im Team mit huma­no­i­den Robo­tern oder mit Chess Engi­nes mit oder ohne Aug­men­ted-Rea­li­ty-Front­end. An einem Tisch spiel­te eine älte­re Dame im Team mit einer intel­li­gen­ten Arm­pro­the­se, mit der sie sich aber offen­sicht­lich über­haupt nicht einig wur­de. Das Spiel­ma­te­ri­al sah auch nicht mehr aus wie frü­her. Die Schach­bret­ter leuch­te­ten und vibrier­ten, sie regis­trier­ten, wel­che Figur ein Spie­ler berühr­te, und zeig­ten die mög­li­chen Züge an. Und sie doku­men­tier­ten das Gesche­hen für die Zuschau­er in der Cloud.

In der Rubrik GEDANKENSPIELE wirft Kai Jan­nek, Direc­tor Fore­sight Con­sul­ting bei Z_punkt, einen Blick in die Zukunft. Viel Spaß beim Wun­dern, Stau­nen und Lachen.

Schon in der Vor­run­de zog ein huma­noi­der Robo­ter die Auf­merk­sam­keit vie­ler Zuschau­er auf sich. Man hat­te ihm als Ein­zel­spie­ler kei­ne hohen Chan­cen zuge­schrie­ben, aber er besieg­te ein ums ande­re geg­ne­ri­sche Team. Bei dem Robo­ter han­del­te es sich um einen Erl­kö­nig, also um einen Pro­to­ty­pen aus irgend­ei­ner Manu­fak­tur; kei­ne Ahnung wel­cher, die Mar­ken­em­ble­me waren abge­klebt. Nicht nur dass er gewann, war unglaub­lich, auch die Art und Wei­se, wie er gewann. Er zitier­te in sei­nem Spiel his­to­ri­sche Schach­par­ti­en und Schach­zü­ge von Bob­by Fischer, Gar­ri Kas­parow, Magnus Carl­sen und ZackS, er ahm­te die Signa­tu­re Moves von spiel­star­ken Schach­pro­gram­men wie Deep Blue, Stock­fish und Deep Shred­der nach. Er wich punk­tu­ell von den Ori­gi­nal­par­ti­en ab und zeig­te so auf, wo die his­to­ri­schen Groß­meis­ter Feh­ler began­gen hat­ten. Eine immer grö­ße­re Zuschau­er­trau­be bil­de­te sich um den Erl­kö­nig. Vor allem Robo­ter dräng­ten sich um ihn. Und sie rede­ten auf ihn ein. Immer mehr. Immer lau­ter. In einer Spra­che, die ich noch nie gehört hat­te. Sie schie­nen ihn brem­sen zu wol­len. Oder beschwich­ti­gen. Ich ver­stand zunächst nicht den Grund dafür. Doch als ich in die Augen der mensch­li­chen Zuschau­er sah, als ich in mich selbst hin­ein­horch­te, bemerk­te ich, dass sich da neben der Fas­zi­na­ti­on für die Spiel­wei­se die­ses Robo­ters noch ein ande­res Gefühl breit­mach­te. Es war Angst.

Bis ges­tern hat­te ich dar­an geglaubt, dass die bes­ten Ent­schei­dun­gen in Teams aus Mensch und Maschi­ne ent­ste­hen wür­den. Jetzt zwei­fel­te ich. Vor mehr als 30 Jah­ren hat­te ein euro­päi­scher Zukunfts­for­scher in Anleh­nung an das Fer­mi-Para­dox das K3n­n4j-Para­dox for­mu­liert. Es lau­te­te: „Aus­ge­hend von der Ent­wick­lungs­ge­schwin­dig­keit Künst­li­cher Intel­li­genz soll­ten Maschi­nen die mensch­li­che Spe­zi­es als zen­tra­le Ent­schei­dungs­trä­ger und Gestal­ter in weni­gen Jah­ren ver­drängt haben. Wir wer­den es aller­dings nicht bemer­ken.“ Anschei­nend bemerk­ten wir es doch. Und die Robo­ter, die auf den Erl­kö­nig ein­re­de­ten, ver­such­ten den Lauf der Din­ge auf­zu­hal­ten. Dann kam das Fina­le. Der Erl­kö­nig spiel­te gegen Yong und Mito und der Aus­gang schien vor­her­seh­bar. Aber es kam anders. Der Erl­kö­nig spiel­te wie ein ganz gewöhn­li­cher Chess Engi­ne. Er bau­te eine Ber­lin-Defen­se auf, er mach­te Feh­ler und ver­lor. Zur Ent­täu­schung der einen. Zur Erleich­te­rung der ande­ren. Bei der anschlie­ßen­den Sie­ger­eh­rung herrsch­te eine selt­sa­me Stim­mung. Ich nahm mir vor, Mito auf dem Heim­flug zu dem Vor­fall zu befra­gen. Ich hof­fe, ich bekom­me mehr her­aus. Ich mel­de mich die Tage wie­der. Ver­spro­chen!

 


 

Die­ser Bei­trag ent­stammt der Aus­ga­be 1/2018 der agora42 WIRTSCHAFT IM WIDERSPRUCH, die Sie noch bis zum 29.03.18 ver­sand­kos­ten­frei bestel­len kön­nen.

Gedankenspiel – Nervenkitzel mit der Agentur für Extremerfahrungen

18.03.2051

Liebes Tagebuch,

ich sit­ze jetzt im Hyper­loop-Express auf dem Weg von Baishan zurück nach Hau­se und bin immer noch stark eupho­ri­siert von der Grenz­erfah­rung, die ich heu­te gemacht habe. Ich kom­me gera­de vom Apnoe-Tau­chen.

Die digi­ta­le Diät in der vor­he­ri­gen Woche hat­te mich Fol­gen­des gelehrt: Ich lebe in einer Sicher­heits­bla­se. Es gibt über­haupt kei­ne Risi­ken mehr. Die Apps lei­ten mich an poten­zi­ell Kri­mi­nel­len und Amok­läu­fern in mei­nem Umfeld vor­bei. Die Nano­bots eli­mi­nie­ren Krebs­zel­len und hal­ten mei­ne Tumo­re in Schach. Und auch das Wet­ter haben die Behör­den eini­ger­ma­ßen unter Kon­trol­le. Mir fehl­te der Ner­ven­kit­zel. Das merk­te auch Rosa, mein digi­ta­ler But­ler, und emp­fahl mir eine Agen­tur für Extre­mer­fah­run­gen. Ges­tern hat­te ich dort einen Ter­min. Sie hat­te Wing­su­it-Flü­ge, Stra­to­sphä­ren­sprün­ge, No-Limit-Apnoe-Tau­chen, Free-Solo-Safa­ris und Vul­kan­ab­stie­ge im offi­zi­el­len Ange­bot. Inof­fi­zi­ell wür­den sie auch orga­ni­sier­te Ent­füh­run­gen mit oder ohne Schein­exe­ku­ti­on anbie­ten, Ampu­ta­tio­nen und kon­trol­lier­te Herz­still­stän­de, erklär­te mir der Mit­ar­bei­ter. Das sei­en unglaub­lich inten­si­ve Erfah­run­gen. Mir fiel auf, dass ihm drei Fin­ger an der lin­ken Hand fehl­ten. Ich ent­schied mich für das Apnoe-Tau­chen, nicht zuletzt, weil ich als Kind ein­mal fast ertrun­ken wäre.

Heu­te Mor­gen nahm ich dann die Express­ver­bin­dung nach Baishan, wo mich ein Gui­de abhol­te und zum Hea­ven Lake brach­te. Der See ist gigan­tisch. Einer der höchs­ten, größ­ten und tiefs­ten Kra­ter­se­en der Welt. Auch das Pan­ora­ma des Chang­bai-Gebir­ges war beein­dru­ckend. Herb, der Gui­de, zeig­te mir und drei wei­te­ren Kurs­teil­neh­mern zunächst eini­ge Atem­übun­gen, mit denen wir unse­re Lun­gen dehn­ten. Dann führ­te er uns in das Mate­ri­al ein. Wir beka­men Tauch­mas­ken, Nasen­klam­mern und rela­tiv dick­wan­di­ge Neo­pren­an­zü­ge. Die Anzü­ge ver­füg­ten über ein Ret­tungs­sys­tem für den Fall, dass uns in gro­ßer Tie­fe der Druck­aus­gleich nicht gelin­gen soll­te. Er zeig­te uns, wie sich das Neo­pren explo­si­ons­ar­tig ver­steif­te und uns so vor dem gigan­ti­schen Was­ser­druck schüt­zen wür­de. „Andern­falls rei­ßen eure Lun­ge, Kie­fer- und Stirn­höh­len“, warn­te uns Herb. Dann spritz­te er uns noch einen Cock­tail aus Koh­len­di­oxid-Sca­ven­gern, Sauer­stoff-Releasern und künst­li­chen roten Blut­kör­per­chen. Vor allem die Sca­ven­ger waren wich­tig, um den Atem­re­flex län­ger zu unter­drü­cken. Die Sauer­stoff-Releaser wür­den eine Ohn­macht ver­hin­dern. In rela­tiv fla­chem Gewäs­ser übten wir noch den Druck­aus­gleich und fuh­ren schließ­lich mit dem Boot hin­aus auf den See. Herb steu­er­te eine Boje an, an der ein Seil­zug­sys­tem befes­tigt war. Ich war als Ers­ter an der Rei­he. Herb und ich spran­gen ins Was­ser und er hak­te mich an einem gro­ßen metal­li­schen Schlit­ten ein. Ich nahm drei tie­fe Atem­zü­ge, wie Herb es mir gezeigt hat­te, und tauch­te mit dem Kopf vor­an ab. Der Schlit­ten setz­te sich sofort in Bewe­gung und zog mich mit einer Geschwin­dig­keit von viel­leicht drei Metern pro Sekun­de hin­ab. Ich glitt in die Tie­fe. Es wur­de rasch dunk­ler und spür­bar käl­ter. Schnell spür­te ich den stei­gen­den Was­ser­druck, der sich als hef­ti­ger Schmerz im Ohr bemerk­bar mach­te. „Ihr müsst den Druck per­ma­nent aus­glei­chen!“, hat­te Herb uns ange­wie­sen. Ich press­te die Luft aus mei­nen Lun­gen in die Ohren. Ich hat­te die 100-Meter-Mar­ke längst pas­siert. Der Druck war kaum mehr aus­zu­hal­ten. Ich hät­te das Not­fall­sys­tem akti­vie­ren kön­nen. Aber ich war schon längst im Tie­fen­rausch. Endor­phi­ne durch­ström­ten mein Gehirn. Dann riss mein Trom­mel­fell. Aber ich hat­te es fast geschafft. Als ich die 200-Meter-Ziel­mar­ke schließ­lich erreich­te, war mei­ne Lun­ge auf die Grö­ße einer Oran­ge zusam­men­ge­presst. Und ich spür­te auch hier die Mikro­ris­se und schmeck­te Blut auf der Zun­ge. Wäh­rend mich ein mit Press­luft gefüll­ter Bal­lon wie­der nach oben zog, spür­te ich, wie die Nanoro­bo­ter in mei­nem Blut­kreis­lauf die Lun­gen­ris­se und das Trom­mel­fell bereits wie­der repa­rier­ten. Es krib­bel­te. Ich war schon eine gefühl­te Ewig­keit unter Was­ser. Der Atem­re­flex wur­de immer mäch­ti­ger.

In der Rubrik GEDANKENSPIELE wirft Kai Jan­nek, Direc­tor Fore­sight Con­sul­ting bei Z_punkt, einen Blick in die Zukunft. Viel Spaß beim Wun­dern, Stau­nen und Lachen.

Aber die Macht mei­nes Wil­lens war stär­ker. Ich unter­drück­te den Reflex. Ich war Herr über mei­nen Kör­per. Ich fühl­te die sich nähern­de Bewusst­lo­sig­keit. Doch kleins­te, genau dosier­te Sauer­stoff­schü­be aus den Oxy­gen-Releasern, die Herb mir gespritzt hat­te, hiel­ten mich in einem Schwe­be­zu­stand zwi­schen Bewusst­sein und Ohn­macht. Es fühl­te sich groß­ar­tig an. Dann schoss ich wie ein Kor­ken aus dem Was­ser und flu­te­te mei­ne Lun­gen mit fri­scher Luft. Als Herb mir an Deck half, war ich ein neu­er Mensch.

Jetzt bin ich auf dem Heim­weg, rau­sche mit dem Express­zug laut­los durch die Vaku­um­röh­re und über­le­ge bereits, wel­che Gren­ze ich als Nächs­tes über­win­den wer­de. Ich mel­de mich die Tage wie­der. Ver­spro­chen!

 

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wahre angstDie neue agora42 zum Thema WA(H)RE ANGST

mit

  • Heinz Bude im Inter­view
  • Frank Ruda: “Mut zur Angst”
  • Franz Kaf­ka im Por­trät
  • Spe­cial: Kunst­wer­ke zum The­ma von Jonas Bur­gert, Roger Bal­len, Sami­ra Frei­tag uvm.

 

Gedankenspiel der agora42 3/2017

12.03.2051

 

Liebes Tagebuch,

fast eine gan­ze Woche hal­te ich nun bereits digi­ta­le Diät. Nach­dem mei­ne Bauch­spei­chel­drü­se gehackt wor­den war, hat­te mir Dr. Wat-Son gera­ten, alle inter­net­fä­hi­gen Gerä­te und vor allem alle kör­per­na­hen Weara­bles und kör­per­in­ter­nen Implan­ta­bles abzu­schal­ten. Seit letz­tem Mon­tag schla­ge ich mich also ohne digi­ta­le Kon­takt­lin­sen, ohne smar­tes Hör­ge­rät, ohne tech­ni­sche Klei­dung, ohne aut­ar­ke Medi­ka­men­ten-Depots und ohne Brain­chip durch den All­tag. Und ich muss sagen: Es ist alles ande­re als ein­fach.

Da ist zunächst die Spra­che. Ohne Brain­chip mit erwei­ter­tem Sprach­zen­trum ver­steht man ja nie­man­den. Auch das Hör­ge­rät mit der Echt­zeit­über­set­zung hat­te ich deak­ti­viert. Und selbst wenn man jeman­den trifft, der Deutsch oder Eng­lisch spricht, muss man sich sehr kon­zen­trie­ren, weil das Hör­ge­rät die Hin­ter­grund­ge­räu­sche nicht mehr aus­blen­det. Und davon gibt es vie­le. Die gan­ze Stadt ist ein ein­zi­ges Rau­schen, Rufen, Rat­tern und Vibrie­ren. Um das Pro­blem mit der Spra­che zu lösen, woll­te ich mir zunächst einen Off­line-Über­set­zungs­com­pu­ter beschaf­fen. Aber ohne smar­te Kon­takt­lin­sen ein Elek­tro­ni­kan­ti­qua­ri­at zu fin­den, ist ein ganz schwie­ri­ges Unter­fan­gen. Ich habe mich noch nie so ori­en­tie­rungs­los gefühlt. Also woll­te ich auf gut Glück ein­fach mal zur Nan­jing Road, der alten Ein­kaufs­mei­le, fah­ren. Aber mit deak­ti­vier­tem Iden­ti­täts­chip konn­te ich natür­lich nicht in die Metro. Ich habe mich dann zu Fuß auf den Weg gemacht. Nach einem Kilo­me­ter spür­te ich schon ein ers­tes Ste­chen in den Kni­en. Nach zwei Kilo­me­tern begann der Rücken zu schmer­zen. Ohne tech­ni­sche Klei­dung mit künst­li­chem Mus­kel­ge­we­be ist man in sei­nem Bewe­gungs­ra­di­us ziem­lich limi­tiert.

Ich gab die Idee vor­erst auf und fühl­te mich wirk­lich nie­der­ge­schla­gen. Und das Schlimms­te war: Ich konn­te gar nichts dage­gen tun. Ohne medi­ka­men­tös gesteu­er­ten Hor­mon­haus­halt ist man sei­nen Gefüh­len voll­kom­men aus­ge­lie­fert. Man muss auch von allein müde und wach wer­den. Das emp­fin­de ich als beson­ders schwie­rig. Am schlimms­ten ist es aber, wenn ein Stim­mungs­um­schwung kommt und man ihn nicht rich­tig deu­tet. Da kann man regel­recht Panik krie­gen, weil man gar kei­ne Daten mehr zu sei­nem Kör­per bekommt: Bin ich satt? Oder muss ich noch wei­ter essen? Ist mir schon kalt? Bin ich wütend? Da muss man ein ganz neu­es Kör­per­ge­fühl ent­wi­ckeln.

Man lernt auch sei­ne Umge­bung ganz neu ken­nen. Ohne die smar­ten Kon­takt­lin­sen ist der All­tag grau­er als gedacht. Einer­seits sieht man die gan­zen Wer­be­bot­schaf­ten nicht, wenn man die Lin­sen abschal­tet. Ande­rer­seits habe ich fest­ge­stellt, dass das ein oder ande­re Gebäu­de, das immer sehr gepflegt und frisch reno­viert aus­sah, in Wirk­lich­keit ziem­lich her­un­ter­ge­kom­men ist. Die Kon­takt­lin­sen hat­ten das trü­be Grau und die ama­teur­haf­ten Graf­fi­ti immer gut über­blen­det. Auch die Bett­ler, die ich seit einer Woche jeden Tag auf der gegen­über­lie­gen­den Stra­ße sehe, wur­den in mei­ner Lin­sen-Anwen­dung anschei­nend über­blen­det. Das Vier­tel wim­melt von Bett­lern, die ich alle vor­her nicht wahr­ge­nom­men hat­te. Nicht gese­hen. Nicht gehört. Nicht ein­mal gero­chen. Ich woh­ne in einem Pro­blem­vier­tel und habe es bis­lang wirk­lich nicht gecheckt.

Was die­se neue Erfah­rung gefühls­mä­ßig in mir aus­löst, kann ich nur schwer deu­ten. Und was ich mit dem neu­en Wis­sen anfan­ge, muss ich ganz allein ent­schei­den. Denn ich habe alle Algo­rith­men abge­schal­tet, die mich sonst im All­tag beglei­ten. Die Rou­ti­ne-Ent­schei­dun­gen für mich tref­fen. Und die mir bei gra­vie­ren­den Ent­schei­dun­gen sinn­vol­le Emp­feh­lun­gen geben. Ich habe sie deak­ti­viert, weil sie eben­falls gehackt sein könn­ten und ich ihnen nicht mehr traue. Dar­um bin ich jetzt allein für mei­ne Ent­schei­dun­gen ver­ant­wort­lich. Wie frü­her. Nur damals war es nor­mal. Jetzt füh­le ich mich wie gelähmt. Zumal es mir an Daten man­gelt. Ich möch­te nichts falsch machen. Ich möch­te nicht inef­fi­zi­ent sein. Wann ste­he ich auf? Was esse ich? Gehe ich zur Arbeit? Wie kom­me ich dahin? Was erle­di­ge ich zuerst? Rund 10.000 Ent­schei­dun­gen fäl­le ich jeden Tag. Und plötz­lich bin ich damit wie­der furcht­bar allein. Aber mor­gen ist es end­lich so weit. Ich bekom­me mei­ne neue Bauch­spei­chel­drü­se. Dann kann ich mei­ne Devices lang­sam wie­der hoch­fah­ren. Und der All­tag wird wie­der ein­fach. Ich mel­de mich die Tage wie­der. Ver­spro­chen!

Kai Jannek

In der Rubrik GEDANKENSPIELE wirft Kai Jan­nek, Direc­tor Fore­sight Con­sul­ting bei Z_punkt, einen Blick in die Zukunft. Viel Spaß beim Wun­dern, Stau­nen und Lachen.

Tagebucheintrag vom 04.03.2051: Leben im Postkapitalismus

04.03.2051

gedankenspiel Kai JannekLiebes Tagebuch,

ich habe mei­ne Streif­zü­ge durch die Stadt heu­te in den öst­li­chen Bezir­ken fort­ge­setzt. Ich konn­te es zunächst kaum fas­sen; selbst der Pudong-Distrikt wur­de nach der Kata­stro­phe fast unver­än­dert wie­der auf­ge­baut. Hier hät­te etwas Moder­ni­sie­rung wirk­lich nicht gescha­det. Das World Finan­ci­al Cen­ter sieht von außen immer noch aus wie ein häss­li­cher Fla­schen­öff­ner. Innen hat sich aber etwas getan, was man sogar als das Gegen­teil von Moder­ni­sie­rung ver­ste­hen kann. Die unte­ren 50 Eta­gen wur­den in den Ori­gi­nal­zu­stand aus dem Eröff­nungs­jahr 2008 zurück­ver­setzt. Sie fun­gie­ren nun als Muse­um. Besu­cher kön­nen sich dort über die Hoch­pha­se des Finanz­ka­pi­ta­lis­mus infor­mie­ren. Die UNESCO hat­te das Gebäu­de weni­ge Tage zuvor zum Welt­kul­tur­er­be erklärt und damit ver­deut­licht, dass sie nach Jahr­zehn­ten der Indus­trie­kul­tur nun die aus­klin­gen­de Finanz­kul­tur wür­de stär­ker the­ma­ti­sie­ren wol­len. Der Ein­tritt in die Aus­stel­lung kos­te­te nur neun Ali­ba­ba-Coins, also zöger­te ich nicht lan­ge und schau­te sie mir an. Sie war recht inter­es­sant. Beson­ders ein­drück­lich fand ich die rie­si­gen unter­ir­di­schen Tre­sor­räu­me, die von einer Zeit zeug­ten, als Anteils­schei­ne und Geld noch ana­log und Finanz­strö­me noch nicht voll­stän­dig trans­pa­rent waren. Auch die Emp­fangs­räu­me waren beein­dru­ckend. Holz­ver­tä­fel­te Wän­de, schwe­re Leder­ses­sel, rie­si­ge Schreib­ti­sche und tie­fe Tep­pi­che dien­ten dazu, ver­mö­gen­de Kun­den und ein­fluss­rei­che Fonds­ma­na­ger zu hofie­ren. Das qua­si-aris­to­kra­ti­sche Ambi­en­te wirk­te voll­kom­men aus der Zeit gefal­len. Es gehör­te ein­deu­tig in eine Ära, als Geld noch eine knap­pe Res­sour­ce war. Heu­te ist Finanz­ka­pi­tal mehr oder weni­ger im Über­fluss vor­han­den. Was wirk­lich knapp ist, sind gute Ide­en. Heu­te suchen sich jun­ge Unter­neh­mer ihre Kapi­tal­ge­ber aus. Nicht umge­kehrt. Das ist der Kern des Post­ka­pi­ta­lis­mus. Das macht freie Bil­dung und Grund­ein­kom­men in vie­len Län­dern mög­lich. Aber es nützt wenig. Ide­en blei­ben knapp. Ändern könn­te sich das, wenn wir den Maschi­nen etwas mehr Rech­te und Ver­trau­en ent­ge­gen­brin­gen wür­den. Ihre Krea­ti­vi­tät ist nicht zu unter­schät­zen, vor allem wenn wir sie als gleich­be­rech­tig­te Dis­kus­si­ons­part­ner wahr­neh­men. Aber das fällt uns schwer. Mir selbst geht es da nicht anders.

 

Kai Jannek

In der Rubrik GEDANKENSPIEL wirft Kai Jan­nek, Direc­tor Fore­sight Con­sul­ting bei Z_punkt, einen Blick in die Zukunft. Viel Spaß beim Wun­dern, Stau­nen und Lachen.

Ges­tern hat­te ich einen inter­es­san­ten Traum. Ich träum­te von Mikro­kos­me­ti­kro­bo­tern, die wäh­rend und nach der Dusche mei­ne Bart­haa­re stut­zen, mei­ne Haut nach Unre­gel­mä­ßig­kei­ten absuch­ten und Lid­strich und Lid­schat­ten auf­tru­gen. Der Traum war irgend­wie irri­tie­rend. Schließ­lich habe ich ja kaum noch Bart­wuchs und benut­ze eigent­lich auch kei­ne Schmin­ke. Den­noch: Mein Finanz­al­go­rith­mus hat­te den Traum regis­triert, die Inno­va­ti­ons­idee für gut befun­den, dar­auf­hin mei­nen Job gekün­digt, einen Start-up-Kre­dit orga­ni­siert, einen vir­tu­el­len Inge­nieur geleast sowie Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zi­tä­ten bei einem Lohn­fer­ti­ger mit einem recht moder­nen 3-D-Druck-Zen­trum gemie­tet. Es soll­te sofort los­ge­hen. Die Zugän­ge zu Finanz­mit­teln und Pro­duk­ti­ons­gü­tern sind heu­te schließ­lich kein Hin­der­nis mehr. Für mich wür­de ein neu­er Lebens­ab­schnitt als Unter­neh­mer begin­nen. Die Simu­la­ti­on hat­te erge­ben, dass das Start-up zu gesamt­wirt­schaft­li­chem Wachs­tum füh­ren sowie mei­nen Wohl­stand und mei­ne Zufrie­den­heit stei­gern wür­de. Den­noch: Ich ver­warf die Idee und zog die Kün­di­gung zurück, stor­nier­te den Kre­dit, den Inge­nieur und die Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zi­tä­ten. Natür­lich unter Pro­test mei­ner Finanz-App. Ich wür­de einen gro­ßen Feh­ler bege­hen, warn­te sie mich. Mein Leben könn­te sich groß­ar­tig ver­än­dern, wenn ich aus­bre­che aus mei­nem unpro­duk­ti­ven und unkrea­ti­ven Dasein. Aber was soll’s? Ich ver­traue dem Algo­rith­mus nicht. Ich mag sei­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on nicht. Statt arro­gan­ter, schlecht geklei­de­ter Bank­be­ra­ter haben wir heu­te arro­gan­te Algo­rith­men mit häss­li­cher Benut­zer­ober­flä­che. Ohne Zwei­fel tref­fen sie bes­se­re Ent­schei­dun­gen als jeder Mensch und meis­tens revi­die­re ich die­se Ent­schei­dun­gen auch nicht. Es sei denn, sie ver­än­dern mein Leben der­ar­tig und beru­hen auf einem Traum, des­sen Her­kunft ich mir nicht erklä­ren kann. Dann blei­be ich lie­ber in mei­ner Robo­ter-Manu­fak­tur, wo wir gewöhn­li­che, aber ziem­lich empa­thi­sche Haus­halts­as­sis­ten­ten bau­en. Damit füh­le ich mich bes­ser. Ich mel­de mich die Tage wie­der. Ver­spro­chen!

 

Die­ses Gedan­ken­spiel ist in der Aus­ga­be 1/2017 Der Kapi­ta­lis­mus auf der Couch erschie­nen.

Gedankenspiel der agora42 4/2016

Z_punkt Kai Jannek25.02.2051

Liebes Tagebuch,

mitt­ler­wei­le ist die Stadt wie­der auf­ge­baut. Die Vier­tel, die Gebäu­de, die öffent­li­chen Plät­ze, alles sieht weit­ge­hend so aus wie vor­her. Und doch hat sich etwas ver­än­dert. Heu­te fiel es mir wie Schup­pen von den Augen. Ich war das ers­te Mal seit mehr als vier Wochen in mei­nem Lieb­lings­re­stau­rant „Zur fet­ti­gen Ente“ und es gab: kei­ne Ente. In der gan­zen Stadt bekommt man kei­ne Ente mehr. Kein Huhn. Kein Schwein. Kein Rind. Die Schlacht­häu­ser strei­ken. Genau genom­men: Die Robo­ter in den Schlacht­häu­sern strei­ken. Sie schlach­ten kei­ne Tie­re mehr. Sie könn­ten das nicht mehr, sagen sie. Aus mora­li­schen Grün­den. Der Her­stel­ler hat sofort den Brain­code der Maschi­nen upge­da­tet, aber das hat nichts genutzt. Die Robo­ter lie­ßen sich nicht dazu bewe­gen, ihre Arbeit wie­der auf­zu­neh­men. Sie sind nicht aus unse­rer Manu­fak­tur, aber ich ken­ne den Her­stel­ler. Und er hat das­sel­be Pro­blem wie wir zuletzt. Die Updates grei­fen nicht. Die Robo­ter stel­len ihren alten Brain­code von allein wie­der her oder ent­wi­ckeln ihn selbst­stän­dig wei­ter. Im Grun­de haben wir kei­ne Kon­trol­le mehr. Und die Kon­se­quenz ist dra­ma­tisch: Es gibt kein Fleisch mehr. Zumin­dest so lan­ge nicht, bis wir ein paar mensch­li­che Schlach­ter impor­tiert haben. In Euro­pa soll es eini­ge Ruhe­ständ­ler geben, die den Beruf noch erlernt haben. Aber auch dann wird Fleisch wahr­schein­lich noch ein­mal deut­lich teu­rer. Dabei ist ech­tes Fleisch schon jetzt ein abso­lu­tes Sta­tu­s­pro­dukt. Fast jedes Land erhebt eine saf­ti­ge Fleisch­steu­er. Schließ­lich will man die Kon­kur­renz auf dem Acker zwi­schen Fut­ter- und Nah­rungs­mit­teln ein wenig zu Guns­ten Letz­te­rer ver­schie­ben. Nun ja, das Pro­blem hat sich jetzt erst mal erle­digt. Am Spot­markt sind die Prei­se für Soja und Mais bereits heu­te früh um 60 Pro­zent ein­ge­bro­chen und ver­har­ren seit­dem auf nied­ri­gem Niveau. Und Däne­mark, ein Land, das sich ganz wesent­lich über die Fleisch­steu­er finan­zier­te, hat mitt­ler­wei­le Insol­venz ange­mel­det.

Die Geschich­te ist eine Far­ce. Wir haben mitt­ler­wei­le methanfreie Kühe; wir haben gen­ver­än­der­te Kühe, deren Milch das Ver­dau­ungs­en­zym Lak­ta­se ent­hält, sodass sie jeder Mensch beden­ken­los trin­ken kann; wir haben Schwei­ne, die Ome­ga-3-Fett­säu­ren anrei­chern und neben­bei güns­ti­ge Herz­klap­pen, Bauch­spei­chel­drü­sen und ande­re Ersatz­tei­le lie­fern; wir haben Hüh­ner und Enten, die in drei Mona­ten schlacht­reif sind. Aber sie wer­den nicht geschlach­tet. Aus­ge­rech­net jetzt strei­ken die Maschi­nen. Und begrün­den das auch noch mit dem nächs­ten, logi­schen Zivi­li­sa­ti­ons­schritt.

Kai Jannek

In der Rubrik GEDANKENSPIELE wirft Kai Jan­nek, Direc­tor Fore­sight Con­sul­ting bei Z_punkt, einen Blick in die Zukunft. Viel Spaß beim Wun­dern, Stau­nen und Lachen.

Ich woll­te mir die Lau­ne davon nicht ver­der­ben las­sen. Ich frag­te Liu, den Chef­koch des Restau­rants, nach einer Alter­na­ti­ve. Liu ist ein abso­lu­ter Vir­tuo­se. Auch ohne Ente, da war ich mir sicher, wür­de er ein tol­les Gericht kre­ieren. Liu ließ einen smar­ten Algo­rith­mus zunächst eini­ge Rezep­te auf Basis mei­nes Pro­fils vor­schla­gen und ent­schied sich schließ­lich für ein Grün­kohl-Cur­ry mit gegrill­ten Heu­schre­cken. Heu­schre­cken gab es. Mit dem Töten von Insek­ten taten sich die Robo­ter offen­sicht­lich weni­ger schwer. Viel­leicht weil die Tie­re kein zen­tra­les Ner­ven­sys­tem haben. Da ich weder Lust auf wei­ches künst­li­ches Fleisch noch auf Tofu hat­te, folg­te ich der Emp­feh­lung des Küchen­chefs. Liu arbei­te­te in einer offe­nen Küche und ich konn­te ihm über die Schul­ter schau­en, als er das Gericht an einem gro­ßen Dis­play design­te. Wie ein Kom­po­nist spiel­te er mit Zuta­ten und Abläu­fen, schuf unge­wöhn­li­che For­men und Geschmacks­in­seln im vir­tu­el­len Gericht. Und als es an die Zube­rei­tung ging, gab er wie ein Diri­gent den Food­prin­tern und Koch­au­to­ma­ten den Takt vor, vari­ier­te Tem­pe­ra­tu­ren und Dyna­mik. Schließ­lich stand das Cur­ry duf­tend vor mir. Der Tel­ler leuch­te­te in einem sanf­ten Oran­ge­ton und setz­te den Grün­kohl mit die­sem Kon­trast wun­der­bar in Sze­ne. Der ers­te Bis­sen war eine Geschmacks­ex­plo­si­on. Und mit jedem wei­te­ren Bis­sen ver­voll­stän­dig­te sich die Melo­die auf mei­nem Gau­men. Die Heu­schre­cken krach­ten sanft und jede bot ein ganz eige­nes Geschmacks­er­leb­nis. Der Grün­kohl zer­floss förm­lich auf mei­ner Zun­ge. Er war erst vor drei Stun­den in einer Ver­ti­cal Farm, zwei Blocks ent­fernt, geern­tet wor­den. Auf dem Tisch waren alle rele­van­ten Infor­ma­tio­nen zur Her­kunft der Zuta­ten, ihrer mole­ku­la­ren Zusam­men­set­zung, Nähr­stof­fen, All­er­ge­nen und Patho­ge­nen ein­ge­blen­det. Aber selbst wenn hier irgend­et­was Schäd­li­ches gestan­den hät­te, ich hät­te nicht auf­hö­ren kön­nen, die­ses facet­ten­rei­che Kunst­ob­jekt zu genie­ßen. Das waren Pro­te­ine in ihrer schöns­ten Form. Ich mel­de mich die Tage wie­der. Ver­spro­chen!