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Ordnung im Jahr 2051 – ein Gedankenspiel von Kai Jannek

31.03.2051

Liebes Tagebuch,

ein aufregender Tag geht zu Ende. Ich habe heute viel über die alltägliche Polizeiarbeit erfahren. Es ist jetzt schon eine ganze Weile her, dass Yong suspendiert worden ist und ich hatte seine Termine wahrnehmen müssen. Dazu gehörte das heutige Treffen mit dem Chef der lokalen Polizeiagentur, um zu erfahren, wie sich die Roboter aus unserer Manufaktur bislang im Einsatz bewähren. Ausgerechnet auf dem Weg zur Polizei ging ich über eine rote Ampel. Ich war zu Fuß unterwegs – die Behörde ist ja nur zwei Blocks von meinem Apartment entfernt. Ich war so in Gedanken, dass ich weder die rote Ampel wahrnahm noch die Warnsignale, die meine Kontaktlinsen mir in mein Sichtfeld einspielten. Die Überwachungskameras hielten den Vorgang natürlich sofort fest. Als ich die andere Straßenseite erreichte, sah ich mein Bild auf dem Display am Ampelmast. Darunter verriet ein kurzer Schriftzug mein aktuelles Vergehen; ebenso wie einige weitere kleine Ordnungswidrigkeiten, die ich mir in den letzten fünf Jahren hatte zu Schulden kommen lassen. Oh, wie peinlich! Hinzu kam der automatisierte Strafzettel, der zeitgleich versendet worden war, sowie die Tatsache, dass sich mein Social Score im selben Augenblick vermutlich um zwei Punkte verschlechtert hatte – mit entsprechenden Folgen für mein Kredit-Rating, mein Mieter-Rating und mein Employee-Rating.
Zum Glück sprach mich Mr. Kim, der Chef der Polizeiagentur, nicht auf den Vorfall an. Er begrüßte mich herzlich und erkundigte sich stattdessen nach dem Dota12-E-Sports-Event, das ich mir am Vortag angeschaut hatte. Seine Social-App hatte ihm sicher mehrere persönliche Small-Talk-Gesprächseinstiege vorgeschlagen. Es ist immer interessant zu sehen, für welches Thema sich jemand entscheidet. „Wir haben immer mehr Gewalt im Spiel und immer weniger Gewalt auf der Straße“, leitete Mr. Kim zum eigentlichen Anlass des Treffens über. Wir schauten uns einige Balkendiagramme auf einem holografischen Display an. Sie zeigten die jüngsten Erfolge in der Verbrechensprävention und der Aufklärungsarbeit sowie den Score, der das allgemeine Sicherheitsempfinden und das Vertrauen in die Polizeiarbeit veranschaulicht. „Wir sind sehr zufrieden mit den Einsatzkräften aus ihrer Manufaktur“, erklärte Mr. Kim.

In der Rubrik GEDANKENSPIELE wirft Kai Jannek, Director Foresight Consulting bei Z_punkt, einen Blick in die Zukunft. Viel Spaß beim Wundern, Staunen und Lachen.

In diesem Moment leuchteten einige Signallampen auf. „Wollen Sie einen Einsatz live verfolgen?“, fragte mich Mr. Kim. Ohne meine Antwort abzuwarten, schob er das virtuelle Fenster mit den Balkendiagrammen zur Seite und öffnete zwei neue Fenster mit Videostreams. Das eine Fenster zeigte den Innenraum eines Polizeifahrzeugs, in dem ein menschlicher Polizist und ein Polizeiroboter aus unserer Manufaktur saßen. Der andere Stream zeigte das Sichtfeld der beiden Akteure, in diesem Fall die vorbeirauschende Straße und die sich auf grün schaltenden Ampeln. „Der smarte Bodenbelag in einem der High-Rise Residential Buildings an der 16. Straße hat ein verdächtiges Schrittprofil detektiert“, erklärte Mr. Kim. „Glücklicherweise haben wir Einsatzkräfte in der Nähe. Unser Predictive-Policing-System hatte uns eine erhöhte Einbruchswahrscheinlichkeit im entsprechenden Stadtteil prognostiziert.“ Das Fahrzeug kam vor einem Hochhaus zum Stehen und auf dem Display öffnete sich ein drittes Fenster. Es zeigte den Videostream einer Polizeidrohne, die sich offensichtlich vom Fahrzeugdach gelöst hatte und nun rasch an Höhe gewann, um das Umfeld des Hochhauses zu überwachen. Die beiden Polizeikräfte stürmten ins Gebäude. Auf unserem Display öffneten sich weitere Fenster, die die Streams verschiedener Überwachungskameras im Inneren des Hochhauses zeigten. Man erkannte den Verdächtigen zunächst nur im Profil. Er trug eine Schirmmütze und eine Jacke mit hohem Kragen. Weitere Fenster poppten auf unserem Display auf. Eines zeigte den automatischen Abgleich des einigermaßen erkennbaren Gesichtsausschnitts mit einer Personendatenbank. In anderen Fenstern sahen wir, wie das System anhand von Kameraaufzeichnungen den Weg des Unbekannten zurückverfolgte. In dem Augenblick, als die Einsatzkräfte mit gezückten Tasern vor dem Verdächtigen standen, vermeldete das System, das den Abgleich mit der Personendatenbank durchführte, einen Treffer. Bei dem Verdächtigen handelte es sich um Yong. Kaum zu glauben! Ich melde mich die Tage wieder. Versprochen!


Dieser Beitrag entstammt der Ausgabe 2/2018 der agora42 ORDNUNG