Die Schönheit der Allokation oder ein gutes Buch zur Börse in Fragen und Antworten (1. Teil)

Die Schönheit der Allokation oder
Ein gutes Buch zur Börse in Fragen und Antworten (1. Teil)

Dieser Blog soll kein Literaturbericht werden, aber wenn mir ein lesenswertes Buch oder ein kluger Aufsatz unterkommt, dann teile ich das natürlich mit. Insbesondere wenn das Werk über elegante Finanzen berichtet. Dies tut, in vielfältiger und kompetenter Form „Ethik und Ästhetik der Börse“ von Dr. Sven Grzebeta (erschienen 2014 bei Wilhelm Fink in München). Der Autor verfügt über theoretisches und praktisches Wissen zu Börsenfragen und er bietet mit seinem Buch mindestens dreierlei:

  • – eine Übersicht zu den philosophischen und ethischen Annäherungen an das Phänomen Börse,
  • – eine nachvollziehbare Beschreibung der Börse als Ergebnis von „Gemeinschaftshandeln“,
  • – eine Verbindung von ästhetischen und ethischen Argumenten zur Börsenproblematik.

Wie immer beim ersten Lesen eines komplexen Buches bleibt das Gefühl zurück, nur ca. 30 % des Geschriebenen auch wirklich ganz verstanden zu haben. Um diesen Prozentsatz auf wenigstens 50% zu erhöhen, habe ich Dr. Grzebeta einige Fragen gestellt:

Villhauer: Was ist schön an der Börse?
Grzebeta: Die meisten Ökonomen würden sagen: Es ist schön, dass es Börsen gibt. Aber das ist natürlich eine umgangssprachliche Redeweise. Ich verstehe unter Schönheit im philosophischen Sinne eine Eigenschaft der sinnlichen Wahrnehmung, also etwas, das man sehen, hören oder anfassen kann, oder sich zumindest in der Anschauung so vorstellen kann. Dann kann man im Zusammenhang der Börse in zweierlei Hinsicht von Schönheit reden: Zum einen haben sich Börsen, vor allem im 18. und 19. Jahrhundert, in dekorativer Weise inszeniert. Das gilt sowohl für die meist klassizistischen Börsengebäude als auch für das Börsengeschehen selbst – man denke an das wilde Gestikulieren der Händler in ihren bunten Jacken auf den (inzwischen weitgehend ausgestorbenen) amerikanischen Parkettbörsen. Zum anderen ist die Börse ein sehr fruchtbares Thema für anregende künstlerische Gestaltungen in der Fotografie, in der Literatur und im Film. Ich denke hier beispielsweise an die großformatigen Börsenfotografien von Andreas Gursky oder den Roman „Das Geld“ von Emile Zola.

Was ist der hässlichste Teil der Börse?
Ich finde die Skandale und Exzesse, die die Börse immer wieder produziert, problematisch. Die Öffentlichkeit ist sehr sensibel für diese Nebenwirkungen, auch wenn die Börse in den Massenmedien gelegentlich als Sündenbock für Entwicklungen herhalten muss, für die sie gar nicht verantwortlich ist, beispielsweise im Zusammenhang mit der Finanzkrise 2008, die gerade nicht von börslichen Marktplätzen, sondern von unregulierten außerbörslichen Marktpraktiken ausgelöst wurde. Richtig hässlich wird es, wenn Teilnehmer sich nicht an die vorgeschriebenen Regeln halten oder gar den Markt zu ihren Gunsten manipulieren. Sie gefährden die Integrität der Institution Börse und machen aus dem zumindest für die Teilnehmer fairen Geschehen ein faules Spiel. Aber das ist schon wieder eine umgangssprachliche Beschreibung, und zwar für das, was eigentlich keine ästhetische, sondern eine zentrale moralische Herausforderung der Börse darstellt, nämlich das Handeln in Übereinstimmung mit den vereinbarten Regeln.

Was ist ethisch gut an der Börse?
Aus volkswirtschaftlicher Sicht stiftet die Börse Nutzen, da sie dazu beiträgt, dass Ressourcen dort eingesetzt werden, wo sie den höchsten ökonomischen Wert schaffen. Als Markt für Risikokapital löst die Börse das Problem der Kapitalallokation in effizienter Weise. Wenn dies den Wohlstand der Volkswirtschaften mehrt, und die Teilnehmer ihre ökonomischen Pläne mit Hilfe der Börse umsetzen können, kann man zunächst in utilitaristischer Tradition feststellen, dass dies ethisch gut ist. Die Börse punktet außerdem mit der Fairness, die sich daraus ergibt, dass, zumindest theoretisch, jeder Teilnehmer die gleichen Chancen hat. Selbst als Privatanleger habe ich an den meisten Börsenplätzen Zugang zu denselben Investitionsmöglichkeiten wie professionelle Börsenhändler. Und als Aktionär kann ich, gemäß meinem Anteil am Grundkapital, am Gewinn des Unternehmens und durch mein Stimmrecht auf der Hauptversammlung sogar – in engen Grenzen – an den Entscheidungen teilhaben. Ich denke, hier besteht noch großes Potenzial für eine breitere Beteiligung der Bevölkerung am Produktivkapital.

Was ist moralisch zu verurteilen?
Problematisch wird es, wenn man die Frage nach der Verteilungsgerechtigkeit nicht nur in Bezug auf die Marktteilnehmer, sondern auf die Gesellschaft insgesamt stellt. Profitieren wirklich alle von der ökonomischen Effizienz der Börse? Rechtfertigt ihr Beitrag zum Gemeinwohl die riesigen Profite, die Einzelne erzielen, und die gesellschaftliche Ungleichheit, die sich daraus ergibt? Moralisch fragwürdig ist in jedem Fall der ökonomische Druck, den die Börse durch ihre permanente Preistransparenz auf die Unternehmensführung ausübt und der Vorstände fast schon dazu zwingt, die Interessen der Aktionäre vor die anderer Beteiligter zu stellen. Über Regelverstöße und Marktmissbrauch habe ich oben bereits gesprochen. Was die Skandale betrifft, so sind diese aufgrund ihrer negativen gesellschaftlichen Auswirkungen natürlich zu kritisieren. Zugleich bin ich überzeugt, dass sie eine vom eigentlichen Geschehen nicht ablösbare Nebenwirkung sind, die man letztlich hinnehmen muss, wenn man die produktiven Kräfte der Börse freisetzen möchte. Hier ist durch geschickte Regulierung darauf hinzuarbeiten, dass katastrophale Ereignisse vermieden und vor allem die Auswirkungen auf unbeteiligte Dritte minimiert werden.

Diese war der erste Streich, doch der zweite folgt sogleich: in einigen Tagen hier bei „Finanz und Eleganz“!

Bernd Villhauer
Dr. Bernd Villhauer ist Geschäftsführer des Weltethos Instituts Tübingen und Autor der Kolumne “Finanz und Eleganz.

Geschrieben bei einer Tasse Tee am 8. November 2015
Bernd Villhauer