Macht die Börse böse? oder Ein gutes Buch zum Finanzmarkt in Fragen und Antworten (2. Teil)

Macht die Börse böse? oder
Ein gutes Buch zum Finanzmarkt in Fragen und Antworten (2. Teil)

Schon der erste Teil meines Gesprächs mit dem philosophischen Autor und Börsenexperten Sven Grzebeta hat mir viele Reaktionen eingetragen: Ist das nicht ein zu naiver Blick auf die Börse? Geht das Gespräch nicht von Voraussetzungen aus, die gar nicht mehr existieren – zum Beispiel der, dass hier vor allem Privatanleger ihren Sparpfennig an Firmen ausleihen? Müssten nicht die automatisierten Handelssysteme und institutionellen Anleger stärker berücksichtigt werden?
Gemach, gemach… Das ist alles richtig, aber dennoch sollten wir bestimmte Grundregeln der Börse zunächst einmal verstehen und phänomenologisch gut beschreiben, bevor wir zur Kritik ansetzen. Gerade die scheinbar schlichte Sicht auf die Börse zeigt die Fragwürdigkeiten auf, die wir heute schon als Normalfall akzeptieren. Wie können wir diese beschreiben? Darum soll es nun auch gehen: Wie nähern wir uns der Börse, was ist an ihr verständlich und kommunizierbar?

Villhauer: Mit welchen Theorien können wir das Börsengeschehen gut analysieren?
Grzebeta: Vor allem soziologische Theorien sind wichtig, um die Börse als soziales Geschehen beschreiben zu können. Ökonomische Modelle, insbesondere die Theorie effizienter Märkte, sind hilfreich, um die Funktionsweise, aber auch die Leistungs- und Widerstandsfähigkeit von öffentlichen Kapitalmärkten zu verstehen. Allerdings muss man diesen Theorien als Philosoph immer auch mit gewisser Skepsis begegnen, denn in der Praxis verhalten sich „die Märkte“ eben nicht immer so rational, wie es die Lehrbücher vorgeben. Und auch das Versprechen volkswirtschaftlicher Wohlfahrt muss in der Realität eingelöst werden. Dazu reicht es natürlich nicht, dass einige wenige extrem reich werden. Deshalb benötigen wir, zusätzlich zu den sozialwissenschaftlichen Ansätzen, philosophische Theorien, mit denen Fragen der Gerechtigkeit geklärt werden können. Ich plädiere außerdem dafür, die Börse (und Kapitalmärkte überhaupt) als kulturelles Phänomen zu analysieren. Dann bietet sich eine breitere Palette von Modellen und Theorien zur Beschreibung an. Man darf diese Themen nicht allein der Ökonomie überlassen.

Was sind die praktischen Rückwirkungen der Börsenaktivitäten in unserem Alltagsleben?
Zum einen profitieren wir als Konsumenten von den Produktionsfähigkeiten großer Unternehmen. Zwar werden an der Börse überwiegend etablierte und bereits hinreichend finanzierte Gesellschaften gehandelt. Aber auch für Start-up-Firmen ist eine funktionierende Börse wichtig, denn sie garantiert den Kapitalgebern eine Ausstiegsmöglichkeit. Auch der Staat hat ja von dieser Möglichkeit bei Privatisierungen Gebrauch gemacht. Große kapitalstarke Unternehmen bieten attraktive Arbeitsplätze und finanzieren als Steuerzahler (hoffentlich) auch das Gemeinwesen. Zum anderen hat jeder Bürger die Möglichkeit, sich über die Börse am Erfolg von Unternehmen finanziell zu beteiligen. Versicherungen legen die Prämien ihrer Kunden über die Börse in Unternehmen an. Die Probleme, die die aktuelle Niedrigstzinsphase für Lebensversicherer verursacht, verdeutlicht, wie wichtig Anlagemöglichkeiten in Eigenkapital sind. Das hat direkte finanzielle Auswirkungen für die meisten Menschen – nicht nur für Kleinanleger, die direkt in Aktien oder Fonds investieren. Dass Aktiengesellschaften aufgrund der permanenten Beobachtung ihres ökonomischen Erfolgs durch die Börsenteilnehmer ständig unter Druck stehen, ihre Kosten zu senken, im Zweifel auch zu Lasten anderer Stakeholder, hatte ich bereits erwähnt. Die immer mehr in Mode kommenden transnationalen Steuersparkonstruktionen globaler Konzerne sind ein Beispiel dafür.

Warum sind viele Menschen misstrauisch gegenüber der Börse?
Der Soziologe Urs Stäheli hat in seinem Buch „Spektakuläre Spekulation“ sehr überzeugend gezeigt, dass es dasselbe „Spektakel“ der Börse ist, das zugleich reizvoll und abstoßend wirkt. Die Börse verspricht schnellen Reichtum, zeigt aber in Krisen auch ihr destruktives Potenzial. Sie wirkt deshalb im populären Diskurs immer zwielichtig. Zudem steht das spielerische Moment, das ihr auch innewohnt, mit tradierten Moralvorstellungen in Konflikt. „Arbeitsloses Einkommen“, das der Börsengewinn zu sein scheint, ist vielen Sozialethikern suspekt. Noch deutlicher wird die prekäre moralische Beurteilung der Börse am Casinovergleich, der häufig angestellt wird. Die Börse, so wird argumentiert, sei doch bloßes Glücksspiel. Einerseits muss man nichts gegen ein Casino als faires Glücksspiel haben, solange die Teilnahme freiwillig ist und der Spieler abschätzen kann, was ihn erwartet. Man kann reich werden – oder alles verlieren. Andererseits muss man – zu Recht – einwenden, dass die Börse als öffentliche und staatlich sanktionierte ökonomische Institution eben kein Casino ist, in dem am Ende nur der Veranstalter gewinnt. Am Kapitalmarkt soll es rational – und nicht spielerisch – zugehen. Zugleich muss die Börse ihr attraktives Potenzial nutzen, um Anleger immer wieder zum Handeln zu motivieren. Am Ende muss man feststellen, dass es an der Börse viel geregelter – und im Grunde langweiliger – zugeht, als es im populären Diskurs scheint. Dies liegt nicht zuletzt an der umfassenden Regulierung, der das Börsengeschehen unterliegt, und die die Voraussetzungen dafür schafft, dass die Teilnehmer ihm vertrauen können.

Wie kann die Börse eleganter werden?
Im Grunde ist sie als traditionsreiche Institution ja schon ganz schön elegant! Leider sieht man bei modernen Computerbörsen nicht mehr viel davon. Aber als ökonomischer Transmissionsriemen für die effiziente Allokation von Produktivkapital muss sie sich gar nicht ästhetisch verkleiden – ihre Funktionsweise selbst hat ohne Zweifel Eleganz (also doch eine ästhetische Kategorie …). Selbst die gelegentlichen Katastrophen lassen sich noch elegant in spannenden Geschichten erzählen, auch wenn sie aus gesellschaftlicher Sicht oft eher hässlich sind. Ob es einem gefällt oder nicht – sie sind faszinierend. Aber sie illustrieren eben auch das Zwielichtige, das der populäre Börsendiskurs beschreibt. Aus dieser Perspektive täte es der Börse gut, wenn sie weniger als Spektakel und mehr als das wahrgenommen würde, was ihren Wert ausmacht: eine wirkmächtige Institution zur Allokation von Kapital und den damit einhergehenden Gewinnchancen und Verlustrisiken. Eine breitere Beteiligung der Bevölkerung am Produktivkapital wäre jedenfalls ein eleganter volkswirtschaftlicher und sozialpolitischer Weg.

Soweit mein Austausch mit Sven Grzebeta, dessen Buch „Ethik und Ästhetik der Börse“ ich hier nochmals ausdrücklich empfehlen möchte.
Dem vom Autor aufgeworfenen Problem möchte ich in den nächsten Blogs einmal intensiver nachgehen: Ist eine Gesellschaft von Aktienbesitzern und Produktivkapitalbesitzern möglich? Und ist sie überhaupt wünschenswert? Oder machen wir uns auf den Weg in ein ideologisches Labyrinth?

Geschrieben bei einer Tasse Tee am 19. November 2015
Bernd Villhauer

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In der Kolumne “Finanz & Eleganz” geht Bernd Villhauer, Geschäftsführer des Weltethos-Instituts, den Zusammenhängen von eleganten Lösungen, Inszenierungen, Symbolen und Behauptungen einerseits sowie dem Finanzmarkt andererseits nach. Grundsätzliche Überlegungen zu der Kolumne finden Sie in der Einführung.