Die Nase von John Pierpont Morgan oder: Wie erfühlen wir Finanzmärkte?

Die Nase von John Pierpont Morgan
oder: Wie erfühlen wir Finanzmärkte?

J.P. Morgan (1837-1913) war einer der bedeutendsten Bankiers des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Nicht nur als Gründer des gleichnamigen Bankhauses, das bis heute zu den wichtigsten Finanzinstitutionen der Welt gehört, sondern auch als Mitgestalter und Ideengeber für die industrielle Gründerzeit der USA.

Seine Reorganisation der Eisenbahnbranche, die Schaffung des Trusts US Steel (zu der Zeit die größte Aktiengesellschaft weltweit) sowie die Anschubfinanzierungen für die entstehende Autoindustrie zeigen, dass er die Grundlagen für das schuf, was später die industrielle Basis Amerikas wurde.

Morgan war ein hässlicher Mann. Er war zwar von eindrucksvoller Statur, hatte dunkle Augen, deren Blitzen berühmt war und strahlte eine aggressive Intelligenz aus, der sich viele Zeitgenossen nicht gewachsen sahen. Aber er hatte auch ein Problem: seine Nase.

Diese Nase war riesig, rot und unförmig. Der Bankier Morgan litt nämlich an Rosazea, bzw. Acne Rosacea, einer Hautkrankheit, die zu Hautrötungen, Knollen und Blasen im Gesicht führt. Die Krankheit ließ seine Nase immer mehr anschwellen und sorgte dafür, dass er die Öffentlichkeit nach Möglichkeit mied. Er setzte 100.000 Dollar aus für ein Heilmittel, aber auch diese beeindruckende Summe führte nicht zur Entwicklung einer Therapie. Offizielle Porträts waren stets stark geschönt. Wenn ihn trotz seiner Öffentlichkeitsvermeidungsstrategie dennoch ein Pressefotograf beim Aussteigen aus dem Auto oder Betreten eines Gebäudes erwischte, dann bekam Morgan einen seiner berühmten Wutanfälle, die durchaus in Attacken mit dem Spazierstock enden konnten.

Ich finde, dass dieses Nasenproblem einen guten Zugang zu einer wichtigen Dimension der Finanzmärkte bietet.

Es geht ja oft darum, eine „Nase für etwas“ (Investitionen, die Marktlage, Zukunftsentwicklungen etc.) zu haben. Diese Finanznase ist aber eben mehr als das sichtbare Riechorgan, übertragen gesagt: mehr als die Summe der Sinneseindrücke, Informationen und rationalen Überlegungen. Auch auf den Finanzmärkten agieren nicht rationale Kalkulierer, sondern emotionale Wesen mit all ihren Widersprüchen.

Wie beispielsweise Robert J. Shiller immer wieder eindrucksvoll nachgewiesen hat, wird der Finanzmarkt von Ängsten und Euphorien, von „irrationalem Überschwang“ ebenso geprägt wie von den kurz- und langfristigen Gewinnaussichten bzw. den strategischen Entscheidungen des „smart money“. Märkte reagieren auf Emotionen und sind auch intuitiv oft besser „erfühlbar“ als rational analysierbar. 

Und das gilt überraschenderweise gerade für die durch langfristig wirksame Entscheidungen oder strategische Orientierungen konstituierten Marktsegmente. Die Entscheidung für ein bestimmtes Wertpapier kann ich mit den Mitteln technischer Analyse, mit Informationen zu bestimmten Märkten und Erfolgsaussichten, mit Wissen über den inneren und äußeren Wert einer Unternehmung diskursiv begründen. Aber den weiteren Horizont der wirtschaftlichen und speziell der finanzwirtschaftlichen Entwicklung kann ich oft besser aus meiner intuitiven Orientierung und meinem Gefühl für Veränderungen im Gesamtbild abtasten, ja „erfühlen“. Und in dieses Gefühl geht mehr ein als mitteilbare Information; es geht auch um Nebulöses, um nebenbei Erfasstes, Unstimmigkeiten, Atmosphären und verrückte Vorlieben.

Der schon erwähnte Finanzökonom Shiller hat mit zahlreichen Befragungen von Entscheidern im Finanzbereich plausibel gezeigt, dass meist nachträglich rationalisiert und begründet wird, während die eigentliche Entscheidung „aus dem Bauch“ bzw. „mit der Nase“ getroffen wurde.

John Pierpont Morgan war gerade einer dieser großen Strategen. Als es noch keine Zentralbank der USA gab, agierte er mehrfach als „lender of last resort“. In den Krisen 1897 und 1907 versammelte er Investorengruppen, die mit ihren Geldern die Stabilität des Finanzsystems garantierten. Er sorgte mit seinem Engagement für die Schaffung zentraler Infrastrukturen, die den langfristigen wirtschaftlichen Aufschwung der Vereinigten Staaten ermöglichten. Um den „schnellen Dollar“ ging es ihm dabei wohl weniger, wohl aber durchaus um Macht. Er war kein Altruist und Menschenfreund (obwohl er zahlreiche Stiftungen für kulturelle Zwecke tätigte), machte Geschäfte (z.B. während des amerikanischen Bürgerkriegs), die moralisch fragwürdig waren und wird mit Recht zu den großen „robber barons“ gezählt – aber dennoch war Morgan offensichtlich von mehr als nur Geldgier getrieben.

Seine Nase, sein Gefühl für die langen Wellen der Entwicklung, die großen strukturellen Zusammenhänge war wohl einzigartig. Aber gerade diese Nase hatte er nicht „unter Kontrolle“, sie war das Abstoßendste an ihm, sogar der Grund seiner Scham und seiner Flucht aus der Öffentlichkeit. Im Herzen des Finanzmarkts gibt es einige solcher Geheimnisse, die nicht mit Verschwörungen oder bösen Taten zu tun haben, sondern mit Dingen, die außerhalb der Kontrolle liegen, von „weichen“ Faktoren beeinflusst und nicht vorhersagbar.

Gerade deswegen sollte die Nase Morgans als Symbol der Finanzwelt in Erinnerung bleiben – als Erinnerung daran, dass mehr als nur unser Gehirn Erkenntnisse über den Finanzmarkt schafft, aber auch als Zeichen für die peinlichen Geheimnisse und schwer zu fassenden Kräfte.

 

Geschrieben bei einer Tasse Tee am 1. Dezember 2015.

Bernd Villhauer

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In der Kolumne “Finanz & Eleganz” geht Bernd Villhauer, Geschäftsführer des Weltethos Instituts, den Zusammenhängen von eleganten Lösungen, Inszenierungen, Symbolen und Behauptungen einerseits sowie dem Finanzmarkt andererseits nach. Grundsätzliche Überlegungen zu der Kolumne finden Sie in der Einführung.