Meine Grafik lügt mich an oder: Die Gefahren der Visualisierung

Meine Grafik lügt mich an oder:
Die Gefahren der Visualisierung

Grafiken sind etwas Schönes. Ja mehr noch. Wer kennt nicht das Gefühl der Erleichterung, wenn man zwischen Zahlenkolonnen und Bleiwüsten plötzlich ein Bild entdeckt, das einen verstehen hilft, worum es bei den ganzen Zahlen geht. Als Menschen sind wir eben auch visuelle Wesen und wenn ein komplexer Sachverhalt sich in ein Bild verwandelt, dann spricht uns das an. Und nicht zuletzt fordern die Grafiken unsere Imagination, unsere Fantasie und Kreativität heraus. Ein Bild treibt das nächste hervor – unsere Lust, die Probleme von allen Seiten anzusehen, wächst…
Gerade im Finanzbereich benötigen wir grafische Darstellungen. Die mathematischen Modelle und Formeln werden besonders von Normalsterblichen dringend gebraucht, die sich nicht vor dem Frühstück mit Quantengleichungen und während des Fernsehens mit mehrdimensionalen Funktionen beschäftigen.
Die Vorteile liegen auf der Hand. Schauen wir also ein bisschen die Nachteile an.

Bilder legen uns eben manchmal auch fest. Hat etwas eine bestimmte Form gefunden, dann können wir uns dieses Ding, diesen Sachverhalt, dieses Wasauchimmer nicht mehr anders vorstellen bis genau diese Vorstellung zu Problemen führt, die uns zwingen die Form zu überdenken. Das klingt jetzt viel abstrakter als es eigentlich ist. Es ist wie mit der Verfilmung eine Buches, das einem viel bedeutet – so hatte man sich den Hauptdarsteller nicht gedacht, und doch: jetzt wird man beim Wiederlesen immer das Gesicht des Schauspielers vor Augen haben. Und wenn man das Buch noch gar nicht kannte, dann wird man es wohl immer durch die Brille des Films sehen. Auch der Zeitfluss des Films, mit den entsprechenden Schnitten oder Beschleunigungen, kann unser Zeitgefühl aus der unmittelbaren Lektüre überdecken.
Ähnlich ist es mit den Grafiken. Wir beschäftigen uns nach dem Blick auf eine überzeugende Visualisierung nicht mehr mit der Realität in all ihrer Widersprüchlichkeit und Vielgestaltigkeit, sondern mit dem klaren und schönen Bild.
An verschiedenen Beispielen können wir das nun durchspielen und die jeweils spezifischen Gefahren benennen.

Nehmen wir uns im heutigen Blog den Aktienkurs vor. Wir alle kennen die klassische Darstellung: In einem x/y-Koordinatenraum werden die Punkte der Kursentwicklung festgehalten und mit einer Linie verbunden. Üblicherweise tragen wir auf der horizontalen x-Achse die Zeitpunkte ab, auf der vertikalen y-Achse die Höhe des Wertes. Und das ist natürlich sehr hilfreich, ermöglicht es doch eine Entwicklung in der Zeit darzustellen. Wo könnten dabei mögliche Probleme liegen – und zwar solche, die unser Denken „verhexen“ und uns auf bestimmte Interpretationen festlegen?

Ich will nur zwei Aspekte nennen: die Gleichartigkeit der Zeiträume und die Unendlichkeit des Raums.
Erstes Beispiel: Nehmen wir an, der Wert einer Aktie ist von Zeitpunkt a zu Zeitpunkt b um fünf Einheiten und von Zeitpunkt b zu Zeitpunkt c wieder um fünf Einheiten gewachsen. Es ergibt sich eine glatte klare Linie. Aber: die Steigerung a-b ist vielleicht unter völlig anderen Rahmenbedingungen als die Steigerung b-c erfolgt… Die Zeiträume sind vielleicht überhaupt nicht vergleichbar – weil von a bis b zehn wichtige Ereignisse (neue Erfindungen, Konferenzen, Sitzungen, Aufkäufe etc.) stattfanden und von b bis c überhaupt nichts… So hat die erste Steigerung eine vollkommen andere Bedeutung, eine andere Wichtigkeit als die zweite Steigerung. Unsere intuitive Interpretation der Grafik sagt uns aber „Alles hat sich gut und gleichmäßig entwickelt“. Denkste! Vielleicht wäre nur eine Einteilung der x-Achse nach Events oder Innovationschüben diejenige gewesen, die uns ein richtiges „Bauchgefühl“ für die Aktienkursentwicklung verschafft hätte. Und vielleicht wäre es, bei Gleichwertigkeit der Zeiteinheiten notwendig gewesen, dass die Kurve sich abflacht um einen sich stetig entwickelnden Kurs zu veranschaulichen.
Zweites Beispiel: Warum sind die Achsen meist Pfeile, also potentiell unendlich? Jedenfalls ist dies im Normalfall der Aktiengrafik so; wir bewegen uns in einem rechten Winkel, nicht in einem geschlossenen Viereck. Es geht nach rechts in die unbestimmte Zukunft und nach oben in den Himmel der unbegrenzten Werte. Wo kommen wir denn da hin? Eben. Die Grafik gibt uns das Gefühl, dass unbegrenztes Wachstum möglich sei. Dabei können wir alle Fälle nennen, in denen die Rahmenbedingungen des möglichen Wachstums klar zu benennen sind. Und es würde unseren Eindruck, unsere intuitive Wahrnehmung der Aktienumwelt wesentlich verändern wenn wir solche Begrenzungen grafisch darstellen würden.
Wohlgemerkt: es geht nicht um psychologische Manipulation bei der Darstellung von Einzelfaktoren, sondern darum, was die Grafik uns grundsätzlich an Denkalternativen ermöglicht und was nicht. Es ist die eine Sache, bei der Darstellung von Staatsschulden die y-Achse einfach so lang machen, dass „noch Platz ist“ oder sie kurz zu gestalten und so indirekt zu sagen: „Die nächsten Schulden sind die letzten“. Es ist eine andere Sache, uns grundsätzlich zu suggerieren, dass Zeiträume und Summen vergleichbar sind und wir einen absoluten „Newton-Raum“ der Zahlen betreten – also einen Raum der Gleichförmigkeit und Neutralität.

Das Problem wird uns noch eine Weile beschäftigen – denn hier geht es um die Schönheit als Haus der Wahrheit, eben um die Frage, ob manchmal nicht die äußere Eleganz eine echte Gefahr darstellt.
Bald also mehr zu gefährlichen Grafiken und eleganten Finanzen…
Geschrieben bei einer Tasse Tee am 4. Januar 2016
Bernd Villhauer

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In der Kolumne “Finanz & Eleganz” geht Bernd Villhauer, Geschäftsführer des Weltethos Instituts, den Zusammenhängen von eleganten Lösungen, Inszenierungen, Symbolen und Behauptungen einerseits sowie dem Finanzmarkt andererseits nach. Grundsätzliche Überlegungen zu der Kolumne finden Sie in der Einführung.