Gespräch mit Thomas Jörder | Bernd Villhauer

Euroskulptur vor dem EurotowerFoto: Hans Braxmeier | Pixabay

 

„Ich beschloss, das zu verändern“

Ein Gespräch mit Thomas Jörder

Fragen: Bernd Villhauer

Bei verschiedenen Kongressen und Tagungen ist mir ein freundlicher Herr aufgefallen, der ohne Zweifel Teil der Finanzbranche ist, aber doch eben eher wie ein Freibeuter auch Teil der Seefahrt ist – eben ein unabhängiger Denker: Thomas Jörder. Schon seit Jahren denkt er über ein „besseres Geldsystem“ nach und teilt hier einige Gedanken mit mir:

 

Wie würden Sie sich selbst beschreiben? Was ist Ihr Hintergrund?

Nun, eigentlich habe ich eine mehr oder weniger „normale“ Finanzberaterlaufbahn hinter mir: Banklehre nach dem Abi bei der örtlichen Sparkasse, 10 Jahre Dresdner Bank als Anlageberater, mittlerweile seit fast 20 Jahren selbstständiger Finanzberater an meinem Wohnort, Schwerpunkt Geldanlage.

Mit geprägt hat mich allerdings auch ein Spruch meines Vaters (selbstständiger Getränkehändler): wenn du deine Arbeit ordentlich machst, kommt das Geld von ganz alleine. Im Laufe der Jahre habe ich irgendwie festgestellt, dass das in unserer Branche gar nicht so einfach ist.

 

Wodurch kamen Sie auf die Idee, unser Geld- und Finanzsystem grundsätzlich zu hinterfragen? Gab es ein besonderes Aha-Erlebnis?

Nach einer ganzen Reihe unerfreulicher Erfahrungen mit Sachwertanlagen habe ich 2012 die Entscheidung getroffen, diesen Bereich komplett aufzugeben und mich komplett auf Vermögensverwaltende Investmentfonds (im Weiteren VV-Fonds, Anm. d. Red.) zu konzentrieren. Getreu dem Motto „das Schlechte lassen und das Gute noch besser machen“ bin ich zur AECON Fondmarketing GmbH gewechselt, dem Investment-Pool von Jürgen Dumschat, den ich in den letzten Jahren als ausgewiesenen Experten und zuverlässigen Analysten in diesem Bereich kennengelernt hatte.

Ein Investment-Pool ist ein Dienstleister für unabhängige Finanzberater. Er kümmert sich für den Berater z. B. um die juristisch aktuelle Protokollierung der Beratungen, bietet Analyse-Tools und Austauschmöglichkeiten unter Kollegen – und in manchen Fällen eben auch spezielles Investment-Know-How.

Nur wenige Monate nach meinem Wechsel bin ich bei einer Veranstaltung meines damals neuen Edelmetall-Händlers gelandet, über die ich erstmals mit dem Thema Geldsystem / Geldschöpfung in Berührung gekommen bin. Je weiter ich geforscht habe, desto klarer wurde mir, dass mir mit meinen VV-Fonds unter Umständen ähnliche Erfahrungen drohen könnten, wie mit meinen Beteiligungen – aber dass in der Branche kaum jemand offen über diese „systembedingten Anlagerisiken“ sprach.

Ich beschloss, das zu verändern.

 

Welche Rolle spielt für Sie die Nachhaltigkeit? Engagieren Sie sich auch für „Sustainable Finance“?

Ehrlich gesagt (noch?) eine eher untergeordnete Rolle, da ich die Erfahrung gemacht habe, dass Anleger am allergischsten bei Verlusten reagieren. Diese versuche ich bei meinen Anlageempfehlungen so gut wie möglich unter Kontrolle zu halten, daher auch die ausschließliche Konzentration auf VV-Fonds.

Bei vielen nachhaltigen Fonds spielt die Verlustvermeidung eher eine untergeordnete Rolle, daher ist die Auswahl hier eher begrenzt. In den letzten Jahren ist hier allerdings eine deutliche Belebung des Marktes wahrzunehmen.

 

Brauchen wir eine neue Finanzethik? Welche Rolle spielt überhaupt die Ethik?

Ich lebe in der (vielleicht etwas naiven) Vorstellung, dass ein guter Teil der „Un-Ethik“ am Finanzmarkt aus den Mechanismen des Geldsystems resultiert und sich mehr Ethik dann automatisch einstellt, wenn sich immer mehr Marktteilnehmer dieser Mechanismen bewusst werden und sich für einen stärkeren Dialog um dieses Geldsystem einsetzen.

 

Sie halten auch Vorträge. Wie kam das?

Die Vorträge sind mein Ansatz, dieses ganze Thema aus dem eigentlichen Beratungsgespräch herauszubekommen. Ansonsten würde der Kunde in einem solchen Gespräch mit Informationen überlastet und könnte wohl keine Entscheidung für seine eigenen Finanzen treffen. Dennoch sind die Informationen für seine Entscheidung wichtig. Daher hatte ich die Idee, diesen Themenkomplex in einen separaten Vortrag sozusagen „auszulagern“.

In meinen Berater-Workshops stelle ich diese Vorgehensweise interessierten Kollegen vor. Ich fände es gut, wenn mehrere Kollegen so vorgehen würden.

Bei meinen Vorträgen erkläre ich detailliert die Funktionsweise des Geldsystems. Zum Thema Geld gibt es ja jede Menge Vorträge: wie senke ich meine Ausgaben, wie investiere ich, wie organisiere ich meine Finanzplanung etc. Die Wenigsten stellen aber die Frage, wie das Geld überhaupt in den Kreislauf kommt. Und genau an dieser Stelle fangen meine Vorträge an.

Ich beginne also bei der Geldschöpfung und ende bei der Zwangshypothek. Zwischenstationen: Umverteilung durch Zinsanteile in Preisen, ständig sinkendes Zinsniveau durch systembedingtes Schuldenwachstum, daraus resultierend Probleme für Rentenfonds und Lebens- und Rentenversicherungen, steigende Preise in allen Märkten (Aktien, Immobilien, Kunst etc.) bei gleichzeitiger Manipulation des Goldpreises. Solche Sachen hören Sie von mir.

 

Was ist denn der Kern Ihrer Kritik am Geldsystem?

Eigentlich sind es zwei Themenkomplexe: Geldschöpfung und Zins.

Das Grundproblem bei der Geldschöpfung ist, dass die Kreditgeldschöpfung der Banken nicht fest mit der wirtschaftlichen Entwicklung verkoppelt ist. Es können also problemlos und quasi per Knopfdruck Geldmengen entstehen, die nicht mehr durch reale Wertschöpfung unterlegt sind. Das hat mehrere einschneidende Folgen. Hier wäre z.B. die Inflation zu nennen – und nein, ich meine nicht die „Warenkorbinflation“ des statistischen Bundesamtes, sondern die „wahre“ Inflation: das Wachstum der Geldmenge minus Wirtschaftswachstum. Denn eigentlich sollte die Geldmenge durch die Wirtschaftsleistung eines Staates gedeckt sein. Ist sie das nicht, steht der Geldvermehrung keine gestiegene Wirtschaftsleistung gegenüber. Das Ergebnis heißt Inflation. Ein weiteres Problem ist es, dass die Buchgeldmenge sich von der Menge des Bar- und somit „echten“ Geldes – denn gesetzliches Zahlungsmittel ist nur das Bargeld – abkoppelt. Im Euro-Raum liegt die Menge des Buchgeldes in etwa beim Achtfachen der Bargeldmenge. Unter „normalen“ Umständen funktioniert das ja noch einigermaßen, aber wenn nun die Einlagenzinsen tatsächlich nachhaltig ins Negative laufen und die Menschen lieber ihr Geld abheben, anstatt der Bank Minuszinsen abzudrücken – was dann?

Mit dem Zins haben ich zwei Hauptprobleme: Zum einen fließt er in alle Güterpreise ein. Wir Menschen bezahlen Zinsen also nicht nur für unsere eigenen privaten Kredite, sondern wir bezahlen auch die Zinsen der Industrie – denn diese sind in den Güterpreisen enthalten, sozusagen als „durchlaufender Posten“ im Rahmen der Preiskalkulation – und die Zinsen des Staates – über unsere Steuern. Sind nun bei einem Menschen die Zinseinnahmen geringer als seine Zinsausgaben (die direkten und die indirekten) – und das ist bei ca. 80 % der Menschen in Deutschland der Fall –, so erfolgt eine unbemerkte Umverteilung hin zu denen, deren Zinseinnahmen größer sind als die Zinsausgaben – und das sind die ohnehin schon in reichlicher Fülle vorhandenen Vermögensberge.

Inzwischen hat diese Entwicklung eine neue Dimension erreicht: Die Vermögen sind so groß, dass die dabei spiegelbildlich entstandenen Schulden nur noch bei einem Nullzinsniveau bedient werden können. Über dieses Nullzinsniveau sprechen viele, über dessen Ursache kaum jemand.

Man könnte diesen Effekt ja über Steuern korrigieren, aber leider wird über diesen Kern der wachsenden Schere zwischen Arm und Reich nur wenig gesprochen, und so reiben sich die einzelnen Parteien an der Diskussion um die Symptome auf, ohne dass sich nachhaltig etwas verbessert.

Zum Zweiten wirkt der Zins auf das umlaufende Geld wie ein Magnet. Es zieht das Geld aus dem Kreislauf hin zu den ohnehin schon großen Vermögen. Will man den Geldkreislauf am Laufen halten, müssen immer neue Geldmengen erzeugt werden. Und das ist ja genau das, was man im Moment bei der Politik der Zentralbanken sehen kann. Die Zentralbanken drucken neues Geld, welches mehr oder weniger direkt als Rendite auf den Vermögen der ohnehin schon Reichen landet – und irgendwie redet keiner so richtig über diesen Mechanismus.

Man könnte wohl auch sagen, dass die Bundesbank in der Beschreibung der drei Funktionen des Geldes – Tauschmittel, Wertaufbewahrungsmittel, Wertmaßstab – einen Denkfehler eingebaut hat: Bei einem Instrument, das gleichzeitig zur Wertaufbewahrung UND zum Tausch dient, MUSS es irgendwann zu Problemen kommen, da diese beiden Geldfunktionen miteinander konkurrieren. Aber auch darüber habe ich bisher noch wenig gelesen – die Menschen werden lediglich mit den Symptomen und Auswirkungen beschäftigt gehalten.

Mit der Wertaufbewahrungsfunktion wären wir beim Stichwort „Hortung“, das sollte man bei der Nennung von Geldschöpfung und Zins eigentlich auch noch als Problemfeld nennen – siehe oben.

 

Das hört sich so an, als hätten wir mit Systemzwängen zu tun, die nicht so leicht abzustellen sind. Wie blicken Sie in die Zukunft? Was erwarten Sie für sich persönlich / für Deutschland / für Europa?

In den letzten Jahren habe ich viele Gespräche mit den unterschiedlichsten Marktteilnehmern geführt und überrascht festgestellt, dass sich sehr viele mit denselben Fragen beschäftigen wie ich, dies aufgrund verschiedener Sachzwänge allerdings nicht so laut nach außen kommunizieren können.

Vielleicht kann ich durch meine Aktivitäten als „vogelfreier Einzelkämpfer“ ja tatsächlich so etwas wie ein Sprachtabu durchbrechen, so dass die vielen positiven Dinge, die bereits da sind, auch noch sichtbarer werden.

Ein Ausspruch von Christoph Pfluger hat mir hier viel Mut gemacht – sinngemäß: „Die Wachstumsmechanismen des Geldsystems sind exponentiell und richten sich gegen den Menschen. Aber wieso sollte ein Erkenntnisgewinn der Menschheit nicht auch exponentiell verlaufen und diese negativen Auswirkungen überholen können?“

Schön, oder?

Zurück zu Ihrer Frage: positiv!

 

Sie sind ja „eigentlich“ Anlageberater. Würden Sie im Augenblick konkrete Anlagetipps geben? Gibt es denn überhaupt eine Anlageklasse, die noch „sicher“ oder rentabel ist?

Wenn ich von solchen Interviews leben könnte, würde ich auf das Erteilen von Anlageempfehlungen am liebsten ganz verzichten. Einer der Hauptunsicherheitsfaktoren ist ja meiner Meinung nach die Politik, und die ist unberechenbar.

Die Gesetzesgrundlagen für Enteignungen sind ja bereits gemacht (z.B. Sanierungs- und Abwicklungsgesetz, CAC-Klausel, § 314 VAG), das Wissen darum ist nach meiner Erfahrung eher dünn – teilweise auch bei Kollegen.

Eine „absolut sichere“ Anlageklasse ist eine Illusion … das war sie meiner Meinung nach aber auch schon immer. Daher versuche ich meinen Kunden das Spannungsfeld zwischen den verschiedenen Anlageklassen transparent zu machen, innerhalb dessen sie ihre Anlageentscheidungen treffen müssen.

Ich sehe meinen Job so, die Kunden mit möglichst einfachen Worten in die Lage zu versetzen, ihre Anlageentscheidungen selbst zu treffen.

 

Soweit mein Austausch mit Thomas Jörder, auf dessen Website www.besseres-geldsystem.de noch viele interessante Dinge stehen. Muss ich mit allem übereinstimmen? Keineswegs! Aber mir imponiert, wie hier jemand mit ganz pragmatischen Voraussetzungen zu radikalen Einsichten gelangt – und den Mut hat, für sie einzustehen. Wir brauchen mehr solche Freibeuter auf den Meeren der Finanzwelt!

Geschrieben bei einer Tasse Tee am 06.08.2020

Bern Villhauer
Dr. Bernd Villhauer ist Geschäftsführer des Weltethos Instituts Tübingen.
In der Kolumne “Finanz & Eleganz” geht Bernd Villhauer den Zusammenhängen von eleganten Lösungen, Inszenierungen, Symbolen und Behauptungen einerseits sowie dem Finanzmarkt andererseits nach. Grundsätzliche Überlegungen zu der Kolumne finden Sie in der Einführung.

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