Leserbrief zu Dirk Elsner „Komplexität in der Wirtschaftspraxis – kein Entkommen aus der Zwickmühle?“

Leserbrief

zu Dirk Elsner „Komplexität in der Wirtschaftspraxis – kein Entkommen aus der Zwickmühle?“

Der Artikel geht am Wesentlichen der „Komplexität in der Wirtschaftspraxis“ vorbei.
Es ist nicht Hauptaufgabe des Unternehmers, Risiken abzuschätzen oder zu vermeiden. Es ist nicht die Aufgabe, Komplexitäten zu erklären oder zu beschreiben. Es ist nicht die Aufgabe, „komplexe Systeme und Sachverhalte in ihrer Gesamtheit zu erfassen“. Es geht nicht um Planbarkeit und Berechenbarkeit. In der Forschung an den Universitäten und in manchem Großunternehmen gibt es durchaus diese kritisch angemerkten Fehlentwicklungen.
Das Hauptthema der „Wirtschaftspraxis“ ist nicht, sich gegen „Risiken abzusichern“, sondern Chancen, Möglichkeiten wahrzunehmen. Es geht darum, handlungsfähig zu sein. Es geht darum, mit den vorhandenen bekannten und unbekannten Komplexitäten umzugehen, sie zu bewältigen oder, wenn irgend möglich, sie zu vermeiden oder zu reduzieren.
Fehl am Platz ist die abschließende „wenig überraschende Erkenntnis“, dass die „Inkaufnahme von Risiken infolge von Komplexität ein zentrales Element der vorherrschenden Wirtschaftssysteme“ sei. Nein, das zentrale Element in der (Privat-) Wirtschaft ist, unternehmerische Absichten funktionsfähig und effizient zu gestalten und umzusetzen.
Zur Vertiefung und zu einer besseren Einsicht in die Komplexität der Wirtschaftspraxis“ mögen die folgenden drei Zitate helfen. Zwei von den vom Autor ebenfalls genannten Karl Popper und Fredmund Malik, eines von einem der Herausgeber der agora42, Richard David Precht. Diese Zitate geben einen ganz anderen Zugang zum Thema als der sehr eingeschränkte Blick Ihres Autors. Es ist nicht wahr, dass es „in der Praxis keine Lösung für Komplexität“ gibt. Es geht auch ohne ein „hohes Abstraktionsniveau“, und wir brauchen auch keinen „integrativen Pluralismus“ (Sandra Mitchell).
Richard David Precht: „Unser Leben hat eine Komplexität erreicht wie nie zuvor in der Geschichte. Und unsere Steinzeitgehirne verlieren die Orientierung. Dabei lernen wir diese Gehirne heute gerade erst kennen. Orientierung heißt das Zauberwort, nicht Werte. Wir haben nicht zu wenige Werte, sondern zu viele, die einander widersprechen.“
Fredmund Malik: „Management ist die Gestaltung und Steuerung komplexer sozialer Systeme“. An anderer Stelle: „Wir brauchen den ‚Master of Business Complexity…statt den MbA“
Karl Popper: „Zur Lösung dieser Probleme (…in Natur- und Sozialwissenschaften“) verwenden die Wissenschaften grundsätzlich dieselbe Methode, die der gesunde Menschenverstand verwendet: die Methode von Versuch und Irrtum.“
Dieter Brandes, Hamburg