Mentale Infrastrukturen, gesellschaftliche Naturverhältnisse und Postwachstum

Leserbrief

von Christoph Maria Sanders (Konzeptwerk Neue Ökonomie)

Mentale Infrastrukturen sind unbewusste und tief verinnerlichte psychologische, soziale und kulturelle Strukturen, die unser Denken und Handeln prägen. In der westlichen Moderne sind diese maßgeblich von der Vorstellung eines erfüllten Lebens geprägt: Für uns ist ein gutes Leben ein Leben, in dem wir möglichst viele Angebote der Welt umfassend ausgekostet haben. Dies verlangt aber die Steigerung unseres materiellen und immateriellen Konsums sowie der Zunahme und Beschleunigung unserer Aktivitäten, weshalb sich unsere mentale Infrastrukturen und das Paradigma des Wirtschaftswachstums gegenseitig bedingen.
Bei dem Versuch, die Ursachen für diese spezifische Ausrichtung unseres Denkens und Handelns zu identifizieren, fällt auf, dass unser Wunsch nach einem erfüllten Leben, Naturzerstörung verursacht, die nicht ohne den fortwährenden Versuch zu denken ist, Natur vollends zu beherrschen. Für Ulrich Brand ist dann auch „Wirtschaftswachstum […] eng verbunden mit einem männlichen, rationalistischen und westlichen Entwicklungsverständnis, das zuvorderst […] an der Beherrschung der Natur orientiert ist.“
Die Annahme eines Zusammenhangs zwischen unseren mentalen Infrastrukturen, Wirtschaftswachstum und Naturbeherrschung wird untermauert, wenn wir berücksichtigen, dass sich Menschen des Abendlandes bestimmte Qualitäten zusprechen, vor allem ein reflexives Bewusstsein, die uns von der Natur klar absetzen. Die Wahrnehmung dieser Trennung von Natur und Menschen ist aber nichts anderes als eine mentale Infrastruktur, die unser Denken und Handeln zutiefst prägt, uns verborgen bleibt und aus der der Wunsch nach zunehmender Naturbeherrschung maßgeblich hervorgegangen ist.
Die ökologische Krise stellt die Legitimität der wahrgenommen Trennung von Natur und Mensch fundamental in Frage, denn heute lässt sich nicht mehr verantwortungsvoll argumentieren, dass zunehmende Naturbeherrschung menschliche Probleme mit der Natur in den Hintergrund treten lassen. Daraus lässt sich schließlich ableiten, dass eine Transformation unserer mentalen Infrastrukturen für eine sozial-ökologische Transformation unserer Gesellschaft unerlässlich sein wird.
Erste Anhaltspunkte in welche Richtung eine solche Transformation gehen könnte, liefert neben der Kritischen Theorie auch Ulrich Beck, der schon 1986 feststellte: „Natur kann nicht mehr ohne Gesellschaft, Gesellschaft kann nicht mehr ohne Natur begriffen werden.“ Damit ist gemeint, dass die Trennung von Natur und Kultur sich nicht aufrecht erhalten lässt, weil kulturelle Muster und Herrschaftsstrukturen Natur einerseits maßgeblich prägen. Andererseits sind jene Muster und Strukturen aber nicht ohne ihre Beziehung zur Natur zu verstehen. So ist etwa die kapitalistische Produktionsweise und die mit ihr einhergehenden sozialen Herrschaftsstrukturen nur vor dem Hintergrund von Naturausbeutung begreiflich.
Beck’s Zitat erlaubt die Schlussfolgerung, dass Natur und Mensch nicht voneinander getrennt sind, sondern in einem wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnis stehen. Daher müssen Raubbau an Natur und Mensch viel enger zusammengedacht werden als bisher. Zudem erscheint die ökologische Krise nun nicht mehr als eine vom Mensch zu regulierende Krise der Natur, sondern als Krise unserer gesellschaftlichen Naturverhältnisse.
Eine Transformation unserer mentalen Infrastrukturen müsste darauf abzielen, die Wahrnehmung einer Trennung zwischen Natur und Kultur abzumildern. Hierfür halte ich einen Blick von außen auf das Eigene für hilfreich. Spätestens seit dem anthropologischen Meilenstein „Jenseits von Kultur und Natur“ von Philippe Descola wissen wir, dass die westliche Wahrnehmung dieser Trennung nicht universell ist. Vielmehr ist sie das zentrale Merkmal unserer spezifischen Kosmologie, der weitere grundsätzliche Arten und Weisen der Wahrnehmung von Nicht-Menschen gegenüberstehen. Einer dieser Grundtypen ist der so genannte Animismus, der unter den andinen und amazonischen UreinwohnerInnen auffindbar ist. Bei ihnen, so etwa beim Volk der Achuar, haben Tiere und Pflanzen einen Personenstatus, was einen gänzlich anderen Umgang mit Natur erlaubt hat als wir ihn kennen. Was dies suggeriert ist freilich nicht der Versuch, Tiere und Pflanzen als Verwandte anzusehen – so wie es die Achuar tun, sondern zu fragen inwiefern fremde Naturverhältnisse unsere Wahrnehmung und Beziehungen zur Welt kritisch kommentieren und einen Beitrag zu ihrer Transformation leisten könnten.
Nun wurde im hiesigen Postwachstumsdiskurs das junge südamerikanische „Buen Vivir“, das eben an jenen Animismus angelehnt ist, in der Tat stark rezipiert. Sehr aufmerksam wurde ebenfalls verfolgt, dass der Natur in Ecuador und Bolivien vor wenigen Jahren Rechte in der Verfassung zugestanden wurden. Doch explizite konzeptionelle Rückschlüsse auf unsere mentalen Infrastrukturen im Sinne der Trennung zwischen Natur und Kultur gab es nicht. Genau dies müsste aber geschehen, wenn wir es nicht bei systemimmanenten Transformationsprogrammen wie der Green Economy belassen wollen. Dabei sollten wir aber nicht vergessen, dass eine sozial-ökologische Transformation nicht in der alleinigen Verantwortung des Individuums liegt. Vielmehr kommt diese nicht ohne politische Maßnahmen aus, die die überforderten spätmodernen EinzelkämpferInnen entlasten.