Kritik der digitalen Vernunft | Interview mit Ulrich Hemel

Eine digitale Avatarin wird erstellt.Foto: Charles Deluvio | Unsplash

 

Wir brauchen stets eine Art von »Kritik der digitalen Vernunft«

Interview mit Ulrich Hemel

Herr Hemel, vor wenigen Jahren war auf Wahlplakaten einer Partei zu lesen »Digital first, bedenken second«. Warum sollten wir uns nicht erst im Nachhinein über Digitalisierung Gedanken machen?

Mit der digitalen Transformation stehen wir heute vor einem echten Epochenbruch, vergleichbar dem Übergang vom Nomadentum zur bäuerlichen Gesellschaft. Das bedeutet, dass sich alle Bereiche des Lebens, vom Alltag bis zum Beruf, radikal ändern. Wir erleben schon heute eine analog-digitale Mischform des Lebens. Manche Personen gehen sogar mit ihrem Smartphone ins Bett. Und weil eine hybride Form der menschlichen Existenz zum Normalfall wird, müssen wir uns mit dieser neuen Technik auch in ihren sozialen und ethischen Auswirkungen auseinandersetzen. Und das sollten wir tun, bevor wir es mit nicht bedachten Nebenfolgen einer neuen Technik zu tun bekommen. Also: Nachdenken first, Handeln second. Kritik der digitalen Vernunft | Interview mit Ulrich Hemel weiterlesen

Verschwörungsmythen sind nicht erst seit der Corona-Pandemie weit verbreitet | Interview mit Katharina Nocun

Schriftzug auf HolzwandFoto: The Blowup | Unsplash

 

Verschwörungsmythen sind nicht erst seit der Corona-Pandemie weit verbreitet

Interview mit Katharina Nocun

Frau Nocun, Sie sind Ökonomin und Netzaktivistin, Ihre Mitautorin Pia Lamberty ist Psychologin. In Ihrem Buch Fake Facts. Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen (Quadriga Verlag, 2020) weisen Sie darauf hin, dass nicht einige wenige Sonderlinge für Verschwörungserzählungen anfällig sind, sondern wir alle. Was macht uns anfällig?

Also grundsätzlich muss man verstehen, dass Verschwörungsgläubige sich nicht sonderlich vom Durchschnitt der Bevölkerung unterscheiden. Es gibt zwar Besonderheiten, aber grundsätzlich tragen wir alle Veranlagungen in uns, die dazu führen können, dass wir solche Erzählungen in bestimmten Situationen unseres Lebens attraktiv finden. Verschwörungsmythen sind nicht erst seit der Corona-Pandemie weit verbreitet | Interview mit Katharina Nocun weiterlesen

Zusammenhänge | Wolf Lotter

Austern für alle?Austern für alle? Foto: Ben Stern | Unsplash

 

Alle sollen Austern essen können

Fragen an Wolf Lotter

Herr Lotter, in Ihrem neuen Buch Zusammenhänge. Wie wir lernen, die Welt wieder zu verstehen geht es um den Begriff der »Kontextkompetenz«. Er verbinde das Ich mit dem Wir. Was ist Kontextkompetenz? Wie hilft diese Kompetenz uns, Zusammenhänge zu durchschauen?

Kontextkompetenz kann man vielleicht am besten mit David Foster Wallace Gleichnis aus »This is water« erklären:  Zwei junge Fische im Meer können auf die freundliche Frage eines alten Fisches, wie denn heute das Wasser sei, nichts entgegnen können und – ziemlich unhöflich – einfach weiterschwimmen, bis einer den anderen fragt: »Was zum Teufel ist eigentlich Wasser?« So geht es uns ja vielfach auch. Wir leben in einer Welt, in der die grundlegendsten Dinge unklar bleiben. Kontextkompetenz bedeutet, dass man fragt, wie es ist – ganz grundsätzlich, eher im Sinne einer Allgemeinbildung für eine Wissensgesellschaft, die immer abgehobener wird – weil sie Fachwissen nicht mehr mit anderen teilen kann. Wir bräuchten Fische, die nicht einfach das, was ist, hinnehmen, sondern fragen, warum es ist und was es nützt – oder wie man es ändert. Das ist Kontextkompetenz. Zusammenhänge | Wolf Lotter weiterlesen

Was wir aus der Debatte um das Lieferkettengesetz lernen können | Lia Polotzek

Kakao: menschenrechtskonforme Lieferkette?Foto: Rodrigo Flores | Unsplash

 

Feuer löschen ohne Wasser?

Was wir aus der Debatte um das Lieferkettengesetz lernen können

Text: Lia Polotzek

Unsere Weltwirtschaft ist weder sozial noch ökologisch gerecht. Das ist kein Geheimnis und auch keine neue Erkenntnis. Die Kakaoernte in Ghana und Côte d’Ivoire findet häufig durch Kinderarbeit statt. Das haben schon viele Studien belegt. Palmöl aus Indonesien und Malaysia zerstört die Regenwälder und der Anbau von Ananas vergiftet in Costa Rica die Böden. Auch hierüber gibt es unzählige Dokumentationen, Berichte und Analysen. An einigen habe ich selbst mitgewirkt. Aufgerüttelt hat viele Menschen vor sieben Jahren der Rana-Plaza-Fabrikeinsturz in Bangladesch, bei dem mehr als 1000 Menschen starben. In der Fabrik wurde auch für den deutschen Markt Kleidung produziert. Im Moment ist es vor allem der brennende Amazonas, der Menschen weltweit bewegt. Auch an diesem Beispiel zeigen sich die Auswirkungen einer ausbeuterischen und rücksichtslosen Wirtschaftsweise: Denn in Brasilien werden Regenwälder unter anderem mit dem Zweck brandgerodet, Soja als Tierfutter für die deutsche Massentierhaltung anzubauen. Es ist eine Lieferkette des Schreckens, die vom rechten brasilianischen Präsidenten Bolsonaro und seiner Agrarlobby direkt bis zum deutschen Fleischfabrikanten Tönnies reicht. Was wir aus der Debatte um das Lieferkettengesetz lernen können | Lia Polotzek weiterlesen

Arbeit als Schlüssel der Transformation | Sarah Mewes

GartenarbeitFoto: Annie Spratt | Unsplash

 

Arbeit als Schlüssel der Transformation der Wirtschaft

Rezension des Buches Tätigsein in der Postwachstumsgesellschaft

Text: Sarah Mewes | Gastbeitrag

Gesellschaften überall auf der Welt suchen nach einem Weg einen nachhaltigen Wandel einzuleiten. VertreterInnen der Postwachstumsökonomie, wie die HerausgeberInnen des Buches Tätigsein in der Postwachstumsgesellschaft (Metropolis Verlag, 2019) Angelika Zahrnt und Irmi Seidl, nehmen die Problematik des Wirtschaftswachstums zum Ausgangspunkt ihrer Nachhaltigkeitsüberlegungen. Endloses Wachstum auf einem endlichen Planeten ist nicht möglich. Klingt einleuchtend. Aber gilt das auch im Sozialen? Welche Auswirkungen hat eine nachhaltige Abkehr vom Wachstumsdruck auf die Welt der Arbeit? Arbeit als Schlüssel der Transformation | Sarah Mewes weiterlesen

Um welches Ziel es in der Ökonomie geht, ist also bestimmbar | Interview mit Katrin Hirte

Krankenhäuser: für die Menschen oder für den Profit?Foto: Camilo Jimenez | Unsplash

 

„Um welches Ziel es in der Ökonomie geht, ist also bestimmbar“

Fragen an Katrin Hirte

Sie attestieren den Wirtschaftswissenschaften „Reflexionsprobleme“ – wo sind die blinden Flecken? Was wird ausgeblendet?

Hier ist es ratsam, von der grundsätzlichen Beziehung zwischen Wissenschaften und ihren Reflexionsleistungen auszugehen: Wissenschaften reflektieren auf das Bestehende und gleichzeitig entwickelt sich das Bestehende ständig weiter. Die Wissenschaften selbst haben beispielsweise mit ihren Expertisen daran auch einen beträchtlichen Anteil und das ist ja auch so gewollt. Der Einfluss der Wissenschaften auf gesellschaftliche Entwicklungen wird mittlerweile als so groß eingeschätzt, dass man von „Wissensgesellschaften“ spricht. Um welches Ziel es in der Ökonomie geht, ist also bestimmbar | Interview mit Katrin Hirte weiterlesen

Wir sind nur so sicher wie die Schwächsten unter uns | Fragen an Mira Bierbaum, Thomas Gebauer und Nicola Wiebe

SchirmeFoto: Gizem Uğurlu | Unsplash

 

Wir sind nur so sicher wie die Schwächsten unter uns

Fragen an Dr. Mira Bierbaum, Thomas Gebauer und Nicola Wiebe

Die Krisen und Katastrophen türmen sich vor uns auf: Die Corona-Pandemie, wachsende soziale Ungleichheiten (global wie national) und die Klimakatastrophe, die sich nicht mehr nur am fernen Horizont abzeichnet. Diese Krisen sind miteinander verbunden, meinen Sie – wie das?

Thomas Gebauer (TG): Der Klimawandel, die Vernichtung von Lebensgrundlagen durch Krieg und Vertreibung und jetzt eine Pandemie, die sich in Windeseile über den Globus ausbreiten konnte und deren Folgen noch gar nicht absehbar sind – all das steht im Zusammenhang einer Politik, die dem ökonomischen Kalkül Vorrang vor den Rechten der Menschen eingeräumt hat. Wir sind nur so sicher wie die Schwächsten unter uns | Fragen an Mira Bierbaum, Thomas Gebauer und Nicola Wiebe weiterlesen

Church of Money | Anna Steward

Anna Steward als GeldpilgerinFoto: Natasha Vicars

 

Church of Money – eine Geldpilgerreise

Text: Anna Steward

Die Künstlerin Anna Steward hatte sich 2014 auf eine Geld-Pilgerreise begeben, über die ein Film entstanden ist: Church of Money. Als Geld-Pilgerin hat sie die heiligen Orte des Geldes besucht und versucht, den Glauben an das Geld zu definieren. Church of Money | Anna Steward weiterlesen

Geld prägt unsere Form zu leben | Eske Bockelmann

Pay as you wishFoto: Aneta Pawlik | Unsplash

 

„Geld prägt unsere Form zu leben“

Fragen an Eske Bockelmann

Herr Bockelmann, „Das Geld ist nichts“, behaupten Sie in Ihrem neuen Buch Das Geld. Wie ist das zu verstehen? Dass so viele Menschen nach nichts streben, erscheint kaum nachvollziehbar.

Das Geld ist nichts, insofern es in nichts besteht. Geld wird in Zahlen und Summen auf Konten verzeichnet, wo ja offensichtlich rein gar nichts liegt, und trotzdem „besteht“ Geld in diesen reinen Zahlen aus nichts. Gleichzeitig ist dieses nichts aber mit einer ganz besonderen Macht ausgestattet, nämlich mit der Macht, sich in jede Art von etwas tauschen zu lassen. Als quantifiziertes nichts ist Geld die umfassende Zugriffsmacht auf jederlei etwas. Und von dieser Zugriffsmacht hängen wir heute ab, hängt unser Leben ab: Denn nur mit Geld und mit dem entsprechenden Quantum an Geld kommen wir bekanntlich zu dem, was wir alles zum Leben benötigen oder haben wollen. Geld prägt unsere Form zu leben | Eske Bockelmann weiterlesen