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Das gute Leben und die Freiheit – Interview mit Fritz Reheis

Das gute Leben und die Freiheit

Interview mit Fritz Reheis

 

Herr Reheis, viele Menschen fühlen sich heute zu etwas gezwungen, was sie nicht mögen: ob lange Überstunden, sinnlose Arbeit, ständiger Konsumzwang oder ein Leben in überfüllten Städten – Unzufriedenheit macht sich breit über die „Gesellschaft“ ohne genau zu verstehen, was damit gemeint ist und wie sie wirkt. Wie kann man als Teil von etwas leben, was man nicht versteht?

Fritz Reheis
Prof. Dr. Fritz Reheis war Professor für politische Theorie an der Universität Bamberg und ist seit seiner Pensionierung als Lehrbeauftragter tätig. Er ist Gründungsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik. Foto: Weissbach

Diese Beobachtung trifft voll zu. Auf Unzufriedenheit und Unverständnis über die Gründe dafür reagieren Menschen unterschiedlich, je nach ihrer individuellen Situation. Die meisten versuchen, sich eine Nische einzurichten und ihre Ansprüche ggf. herunterzuschrauben, auch in Bezug auf die Werte, die ihnen eigentlich wichtig sind. Viele werden durch Angst zur Suche nach Sündenböcken getrieben, denen die Schuld an der Situation zugeschoben werden kann. Etliche reagieren auch mit Hass, der sich meist in psychischer oder physischer Gewalt ausdrückt, wobei die Opfer selten jene sind, die die Situation tatsächlich verursacht haben. Es sind die Schwachen und Schwächsten, die unter diesem hilflosen Versuch der Selbstaufwertung und Sinnstiftung am meisten leiden müssen.

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Der Druck muss viel stärker werden – Interview mit Jakob von Uexküll

Der Druck muss viel stärker werden

Interview mit Jakob von Uexküll

 

Herr von Uexküll, Sie sind der Überzeugung, dass Lösungen für die großen Herausforderungen bereits existieren. Warum verschärfen sich dennoch die großen Probleme wie etwa der Klimawandel oder die Ungleichheit?

Jakob von Uexküll ist Gründer des World Future Council (2007) und des Right Livelihood Award (1980), der auch als “Alternativer Nobelpreis” bezeichnet wird. Foto: Karl Gabor

Weil der politische Druck nicht stark genug ist. Wir freuen uns über existierende Lösungen, sogenannte „best practises“. Aber ohne „best policies“, das heißt verbindliche beispielhafte Gesetze, gehen die Veränderungen viel zu langsam. Daher habe ich den World Future Council (Weltzukunftsrat) gegründet, um solche Gesetze bekannter zu machen und weltweit zu verbreiten helfen.

Der alternative Nobelpreis wurde häufig an Personen und Projekte aus Entwicklungsländern vergeben. Sind die Menschen dort innovativer als in den gesättigten Volkswirtschaften?

Gezwungenermaßen ist das oft so. Aber dieser Preis schafft auch ein Gleichgewicht, denn es gibt schon viele Preise für Projekte der Industriestaaten. Der Druck muss viel stärker werden – Interview mit Jakob von Uexküll weiterlesen

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Der Verlust der Lust – Warum der Neoliberalismus den Sex zerstört

Der Verlust der Lust

Warum der Neoliberalismus den Sex zerstört

 

„Wichst du?“, fragt der äußerst erfolgreiche Börsenmakler Mark Hanna seinen neuen Protegé, den aus einfachen Verhältnissen stammende Jordan Belfort, der im Verlauf des Films als Wolf of Wall Street bekannt wird. Jordan Belfort druckst etwas herum und entgegnet dann: „So drei, vier Mal, vielleicht auch fünf Mal die Woche.“ – „Das reicht nicht“, entgegnet Mark Hanna. „Das machen bei uns nur Anfänger. Ich hole mir mindestens zweimal am Tag einen runter. Tust du es nicht, verlierst du die Balance, dein Motor blockiert und du kippst einfach um“.

Der junge Belfort gerät ins Zentrum des Kapitalismus: in eine Welt puren Adrenalins, schrillender Telefone und prasselnden Geldregens. Er hat Erfolg. Und Erfolg macht bekanntlich sexy. Auf seine euphorischen Börsentage lässt er ebenso exzessive Nächte folgen. Drogen, Sex, und Karriere treten einen gemeinsamen rasanten Höhenflug an. Die Sucht nach weiteren, stärkeren Kicks wächst: Noch mehr Profite, noch krassere Orgasmen, noch heftigere Drogenschüsse. Belfort lebt den kapitalistischen Traum des unbegrenzten Wachstums. Nur blöd, dass ein Normalsterblicher derartige Zustände kaum länger als fünf Jahre aushält. Spätestens mit 40 ist der Ofen aus. Sexeskapaden enden im gelangweilten Anstarren gesichtsloser Bunnys, Drogenexzesse in der Klinik und berufliche Verausgabungen im Burn-Out. Es hat sich ausgerauscht. Sex adé. Der Verlust der Lust – Warum der Neoliberalismus den Sex zerstört weiterlesen

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Warum ändern wir uns nicht, wo doch die Katastrophe auf der Hand liegt? – Interview mit Richard David Precht

Warum ändern wir uns nicht, wo doch die Katastrophe auf der Hand liegt?

Interview mit Richard David Precht

Wir sprachen mit Richard David Precht über den gesellschaftlichen Wandel, was ihn bremst und was auf ihn folgt. Weitere Gespräche mit Richard David Precht sind in den Ausgaben Vernunft und der Jubiläumsausgabe 42 erschienen.

 

Herr Precht, was charakterisiert die heutige Gesellschaft? Was hat die Menschen in der Moderne getragen? Der Glaube an die Vernunft?

Was unsere Gesellschaft im Innersten zusammenhält, ist der Wohlstand. Die bürgerliche Gesellschaft, entstanden durch die Erste Industrielle Revolution, stabilisierte sich in dem Maße, in dem mehr und mehr Menschen von ihren Segnungen profitierten. Der Prozess war allerdings ein Schlingerkurs, wie die bewegte Geschichte der Industriestaaten zeigt. Die „Vernunft“, der „Überbau“, mit dem sich die bürgerliche Gesellschaft legitimierte, verhinderte weder zwei Weltkriege noch den Holocaust. Wenn wir heute fürchten, dass der Affekt die Vernunft ersetzt, so muss man ehrlicherweise sagen: Das war nie anders. Die sozialen Medien machen die Macht des Affektes nur sichtbarer. Gleichwohl ist es nicht umsonst, die „Vernunft“ als Korrektiv zu beschwören – und sei es auch oft nur als „normative Kraft des Fiktiven“.

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Die Veränderung liegt in unserer Hand – Interview mit Sabine Nuss

Die Veränderung liegt in unserer Hand

Interview mit Sabine Nuss

„Wirtschaft anders denken“ ist der Claim der Monatszeitung OXI in der Sie regelmäßig eine Kolumne schreiben. Was kritisieren Sie an der Art und Weise wie Wirtschaft derzeit gedacht wird?

Sabine Nuss hat zu Eigentum im digitalen Kapitalismus promoviert, sie ist Kolumnistin beim Wirtschaftsmagazin OXI und Geschäftsführerin des Karl Dietz Verlags in Berlin. Ihre Webpage: nuss.in-berlin.de

Alles. Es irritiert mich beispielsweise immer wieder von Neuem, wenn ich Abends vor der Tagesschau sitze und Börsennachrichten gucke, wie da über die „Die Wirtschaft“ berichtet wird. Genauso wie über „Das Wetter“, was dann nach den Nachrichten kommt: Die Aktien steigen, die Kurse fallen, die Märkte reagieren, die Wirtschaft wächst, die Preise sinken oder steigen, etc. pp – was auch immer – achten Sie mal auf die Sprechweise – es wird geredet, als sei „die Wirtschaft“ selbst ein lebender anonymer und außerhalb von uns existierender Organismus, einer, aus dem heraus Krisen über uns hereinbrechen wie ein Gewitter. Die Veränderung liegt in unserer Hand – Interview mit Sabine Nuss weiterlesen

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Nachhaltige Wirtschaft braucht die Finanzwende

Nachhaltige Wirtschaft braucht die Finanzwende

Interview mit Gerhard Schick

Sie haben sich aus der Politik verabschiedet, weil Sie der Meinung sind, dass eine grundlegende Reform im Finanzwesen derzeit nur erzielt werden kann, wenn die Zivilgesellschaft den Druck auf die parlamentarische Politik erhöht. Ist das eine Kapitulation des Politikers Gerhard Schick?

Gerhard Schick war von 2005 bis 2018 Mitglied des Deutschen Bundestages. Seit Juli 2018 ist er Vorstand der „Bürgerbewegung Finanzwende“, die sich für eine nachhaltige Finanzwirtschaft einsetzt.

Nein, ich war und bin begeisterter Parlamentarier und der Schritt ist mir nicht leicht gefallen. Doch die kommende Aufgabe ist wichtiger: ein zivilgesellschaftliches Gegengewicht zur Finanzbranche aufzubauen. Die Sorge, dass sich der Finanzsektor zu sehr von seiner eigentlich dienenden Funktion für die Gesellschaft verabschiedet hat, durchzieht alle Schichten und politische Richtungen. Das gehen wir jetzt an und sammeln interessierte Bürgerinnen und Bürger, Wissenschaftler und Finanzmarktexperten unter dem Dach der Finanzwende. Das erfordert meine ganze Kraft und geht nicht vom Parlament aus. Nachhaltige Wirtschaft braucht die Finanzwende weiterlesen

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Wir leben in einer Umbruchszeit – Interview mit Walter Otto Ötsch

Es wächst das Bewusstsein einer multiplen Krise

Interview mit Walter Otto Ötsch

Herr Ötsch, wie erleben Sie die Zeit? Gibt es noch klare Orientierung?

Walter Otto Ötsch
Walter Otto Ötsch ist Ökonom und Kulturhistoriker und seit Oktober 2015 Professor für Ökonomie und Kulturgeschichte am Institut für Ökonomie der Cusanus Hochschule in Bernkastel-Kues. walteroetsch.at

Vieles, was früher als selbstverständlich gegolten hat, steht heute zur Disposition. Wir leben in einer Umbruchszeit, langsam wächst das Bewusstsein einer multiplen Krise. Alle großen Systeme weisen strukturelle Bruchstellen auf und werden zunehmend kritisch betrachtet oder gar in Frage gestellt: das Wirtschaftssystem spätestens seit der „Großen Krise“ ab 2008, die Parteiendemokratie spätestens seit dem Wahlsieg von Donald Trump 2016 oder der Sozialstaat spätestens seit der in Europa akzeptierten Austeritätspolitik ab 2010.Im Hintergrund steht die Angst vor einer  ökologischen Katastrophe, energische Schritte, um z.B. die Klimaerwärmung auf 2 Grad zu begrenzen, sind nicht in Sicht.

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Die Zukunft ist offen – Leserbrief

Photo by Jaromír Kavan on Unsplash

 

Leserbrief: Die Zukunft ist offen

Mich beschäftigt das Thema „Krise“ , „Gesellschaftlicher Wandel“ und „Umbruch“ seit einigen Jahrzehnten und ich habe in dieser Zeit viel gelesen, selbst geschrieben und mit verschiedenen Menschen gesprochen. Das wir uns in einer sehr weitgehenden Krise befinden, ist vielen Vordenkern bereits seit Ende des 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts bekannt. Auch wenn nicht immer die angemessene Deutung stattgefunden hat, waren es doch hellsichtige Menschen, die gesehen und/oder gespürt haben, dass etwas Neues am Entstehen ist.

Der letzte Schub solcher Visionäre gab es in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts im Rahmen des „New Age“. Auch wenn unter diesem Segel viel Esoterik und Kaffeesatzleserei stattgefunden hat und eine Menge Unsinn verbreitet worden ist, gab es durchaus ernstzunehmende Stimmen, die den Mut hatten, über den Tellerrand hinauszudenken und neue Zugänge zur Wirklichkeit zu ertasten. Mich haben diese Visionäre sehr angesprochen, nicht weil sie immer richtig gelegen hätten, sondern weil sie mit ihrem Mut zur Alternative inspirierend waren. Die Zukunft ist offen – Leserbrief weiterlesen

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„Politisch sind viele, sich dessen bewusst nur wenige“

Interview mit den HipHop-Künstlern von Zweierpasch

„Politisch sind viele, sich dessen bewusst nur wenige“

Oft wird der Jugend vorgeworfen, dass sie desinteressiert an gesellschaftlichen Belangen sind. Bei euren Musikprojekten arbeitet ihr eng mit Jugendlichen aus Deutschland und Frankreich zusammen. Was ist euer Eindruck? Wie politisch ist die Generation Smartphone?

Foto: Urbanactpictures Till und Felix Neumann, HipHop-Künstler bei Zweierpasch, 35 Jahre. Till wohnt in Freiburg und ist zudem Journalist. Felix arbeitet neben Zweierpasch als Projektreferent in Kehl. Mehr zu Zweierpasch unter: zweierpasch.com

FELIX NEUMANN: Wir kriegen einen ganz guten Gesamteindruck in unserer Arbeit, treffen verschiedene Bildungsschichten und Alter, haben zwei Länder im Vergleich und machen zum Teil auch konkret politisch-partizipative Projekte, zum Beispiel rund um Wahlen. Die Sogwirkung digitaler Medien, die Geschwindigkeit unserer Zeit und das Orientieren an ambivalenten Idolen prägen die junge Generation. Politisch sind viele, sich dessen bewusst nur wenige. Dabei posten sie in Sozialen Medien, schreiben Raptexte und finden Sachen cool oder fake. Allein zu Geflüchteten, der AfD, ihren Bildungschancen, Macron oder Gelbwesten haben die meisten eine Meinung. Von Politik und Partizipation fühlen sie sich aber oft weit weg. Dazu braucht es Zugänge, Übersetzung und Komplexitätsreduktion. „Politisch sind viele, sich dessen bewusst nur wenige“ weiterlesen

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Das Irrationale ermöglicht einen Perspektivenwechsel

„Das Irrationale ermöglicht einen Perspektivenwechsel“

Interview mit Aga Trnka-Kwiecinski

 

Frau Trnka-Kwiecinski, die Bildungslandschaft wird heutzutage immer mehr zu einem Ausbildungsbetrieb. Warum ist es nach wie vor wichtig, Bildung gegenüber der Ausbildung zu stärken?

AGA TRNKA-KWIECINSKI ist Lehrgangsleiterin für das Masterstudium Provokationspädagogik und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Donau-Universität Krems.
 

Das Paradox ist, dass Bildungseinrichtungen einem ökonomischen Denken unterworfen sind, das unsere gesamte Gesellschaft durchzogen hat. Nicht das Lernen als (überaus sinnliches – im Verständnis von „mit allen Sinnen“ zu erfahrendes) Erlebnis steht im Vordergrund, sondern das messbare Ergebnis, das zum Gradmesser des Erfolges wird. Absurderweise sowohl für die Lernenden als auch für die Lehrenden. Aber: Intelligenz ist auch so viel mehr, als das Ergebnis eines standardisierten Tests, auf den man sich letztlich immer besser vorbereiten kann, und wo lediglich ein Segment abgefragt wird, wonach Rückschlüsse auf die Intelligenz eines Menschen gezogen werden. Dabei ist es viel interessanter, sich anzusehen, was durch solche Tests NICHT abgedeckt wird. Das Irrationale ermöglicht einen Perspektivenwechsel weiterlesen