14 Thesen zur Digitalisierung – von Felix Sühlmann-Faul

14 Thesen zur Digitalisierung

von Felix Sühlmann-Faul

 

Unter Digitalisierung wird – je nach Kontext – immer etwas anderes gemeint und verstanden. Unzählige Aspekte, Folgen, Veränderungen und Möglichkeiten des digitalen Wandels werden bedacht. Trotzdem bleiben blinde Flecken, die bislang in Diskussionen gemieden werden.

Diese blinden Flecken der Digitalisierung sichtbar zu machen und etwas Ordnung in das allgemeine Wirrwarr höchster Erwartungen und schlimmster Befürchtungen zu schaffen, war das Anliegen des Techniksoziologen Felix Sühlmann-Faul mit seinem Buch Der blinde Fleck der Digitalisierung, das im September erschienen ist. Da zudem das Thema Nachhaltigkeit viel zu häufig übersehen wird, widmet er sich, gemeinsam mit dem Koautor Stephan Rammler, der Frage: Wie lassen sich Nachhaltigkeit und digitale Transformation in Einklang bringen?

Felix Sühlmann-Faul hat die zentralen Thesen des Buches in 14 Punkten zusammengefasst:

 

1.) Die Komplexität steigert sich: Die Digitalisierung ist ein umfassender, gesellschaftsweiter Akt der Transformation. Durch diese Vielschichtigkeit ihres Einflusses auf sämtliche gesellschaftliche Elemente entsteht ein hohes Maß an Komplexität. Es entsteht dabei eine erhöhte Informationsdichte und –frequenz. Das führt dazu, dass die Auswirkungen des eigenen Handelns schwerer abzuschätzen sind. Auch das Verstehen von Zusammenhängen wird zunehmend schwieriger. Das erhöht die Anforderungen und den Druck nicht nur bei den Entscheider*innen in Politik und Wirtschaft, sondern gesamtgesellschaftlich.

 

2.) Digitalisierung spielt in Öffentlichkeit, Politik und Wirtschaft jeweils eine unterschiedliche Rolle: Während in der öffentlichen Diskussion auch Ängste, bspw. in Bezug auf Bedrohung von Arbeitsplätzen durch Automatisierung thematisiert werden, spielt die Digitalisierung in Politik und Wirtschaft eher die Rolle einer Heilsbringerin: Sie wird riesiges Wirtschaftswachstum, industrielle Höchstleistungen und natürlich ein besseres und moderneres Leben für uns alle bringen. Eine Bedingung stellt sie jedoch auch: Der Heilsbringerin muss im Gegenzug auch mit Scheuklappen im Gleichschritt gefolgt werden. Ein Innehalten und das Hinterfragen von Sinn und Zweck kann nicht – DARF nicht stattfinden. Die Konsequenzen eines Zögerns – so der implizite Glaube und die häufige Verlautbarung – wären ein Desaster für den Wirtschaftsstandort Deutschland, für die Bevölkerung und wir wollen ja auch Europa nicht vergessen.

 

Felix Sühlmann-Faul und Stephan Rammler beschreiben in diesem Buch die Nachhaltigkeitsdefizite, die auf den Ebenen Ökologie, Ökonomie, Politik und Gesellschaft infolge der Digitalisierung entstehen. Die Autoren geben Handlungsempfehlungen, zeigen Wege einer erhöhten Nachhaltigkeit durch Digitalisierung und schildern die wichtigsten nächsten Forschungsschritte für eine nachhaltige Digitalisierung.

3.) Wachstumsorientierung ist fatal: Hinter der Auffassung, der technologischen Entwicklung blind zu folgen und ja nicht zu durch lästige Nachfragen zu bremsen verbirgt sich in erster Linie Hoffnung auf weiteres Wirtschaftswachstum. Man muss sich schon ein bisschen wundern, denn weitere Wachstumsbestrebungen auf einem biophysikalisch begrenzten Planeten ziehen bereits heute deutlich sichtbare Folgen nach sich. Das zeigt sich an Symptomen wie unumkehrbarer Umweltverschmutzung, Artensterben und dem Klimawandel. Sich für weiteres Wachstum zu entscheiden, bedeutet eine erneute Abkehr vom dringend notwendigen Ziel einer Entkopplung zwischen Wachstum und Umweltverbrauch. Aber vermutlich wird alles doch gut gehen, da Digitalisierung – auch das wird häufig impliziert  – ja auch automatisch Nachhaltigkeit mit sich bringen.

 

4.) Digitalisierung ist keineswegs automatisch nachhaltig: Paradoxerweise besitzt Digitalisierung zwar das Potenzial nachhaltig zu wirken, bspw. auf Ebene der Dematerialisierung. Aktuell findet aber das genaue Gegenteil statt: Der Bedarf und der Transport von Rohstoffen wächst und wächst. Die verbrauchte Netto-Materialmenge steigt u.a. durch die Herstellung einer stetig steigenden Menge von Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) deutlich an, so dass von tatsächlichen Nachhaltigkeitsgewinnen jede Spur fehlt.

 

5.) Nachhaltigkeit fehlt im Diskurs: Weder in der Öffentlichkeit, noch auf Ebene der Politik oder der Wirtschaft ist Nachhaltigkeit Teil des Diskurses. Durch die zunehmende Verbreitung von IKT und dem zunehmenden industriellen Einsatz digitaler Lösungen entsteht eine enorme Steigerung des Bedarfs an Energie, Rohstoffen, Logistik und Transport, Produktion und Entsorgung. In Kombination mit einem gänzlichen Mangel an intelligenten Stoffkreisläufen entstehen große Probleme: jährliche Elektroschrottmengen jenseits der 60 Millionen Tonnen, Finanzierung von Bürgerkriegen durch den Rohstoffabbau in Drittweltländern, großräumige Umweltverschmutzung rings um Abbaugebiete seltener Erden etc. etc. etc.

 

6.) Steigende Effizienz führt keineswegs zu Einsparungen: Die technologische Entwicklung im Rahmen der Digitalisierung läuft nicht linear sondern exponentiell und macht dadurch Innovationssprünge und deren Nebenfolgen zunehmend unabsehbar. Diese Geschwindigkeitssteigerung ist ein zentraler Charakterzug der Mikroelektronik. Rechenkapazität und -geschwindigkeit steigen ständig und damit entstehen allenthalben neue technische Möglichkeitshorizonte. Durch die wachsenden Fähigkeiten sind durchaus große Effizienzgewinne verbunden: bspw. werden komplexe Berechnungen beschleunigt, der Versand von großen Datenmengen nimmt weniger Zeit in Anspruch. Doch führen Effizienzgewinne empirisch allzu selten zu Einsparungen und tatsächlichen Gewinnen auf der Nachhaltigkeitsebene. Vielmehr werden entstehende Möglichkeiten stets maximal ausgeschöpft. Es entsteht also keine wirkliche Einsparung. Neuere Gebiete der Digitalisierung wie künstliche Intelligenz, Connected Mobility, Virtual Reality, Internet der Dinge und 5G-Netze sind erst durch die Nutzung neu gewonnener technologischer Möglichkeiten existent. Und wieder zeigt sich das Prinzip: wachsende Möglichkeiten werden maximal ausgeschöpft, so dass Einsparungen aufgefressen werden. Schnellere Computer könnten ja theoretisch auch Nachhaltigkeitsgewinne erzeugen, indem sie für dieselben Anforderungen wie zuvor seltener genutzt werden würden. Weil das aber nicht stattfindet, sondern sich die Nutzung der Mikroelektronik stets an die Möglichkeiten anpasst, steigt der Datendurchsatz täglich, erhöht dabei den Energieverbrauch von Rechenzentren und kompensiert bei weitem etwaige Effizienzgewinne. Beispiel gefällig? Der globale Datendurchsatz des Internets lag 2002 bei ca. 100 GB pro Sekunde. Eine Prognose des IKT- Riesen Cisco sieht 106.000 GB pro Sekunde für das Jahr 2021 vorher.

 

7.) Digitalisierung ist die dritte große Herausforderung unserer Zeit: Der Prozess der Digitalisierung spielt sich zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt ab. In Verbindung mit den zwei anderen großen Herausforderungen – Globalisierung und Klimawandel -, lenkt uns die Digitalisierung unter den aktuellen Rahmenbedingungen weg von einem Weg, der zu einer Balance zwischen Ressourcen-, Energie- und insgesamt Umweltverbrauch führt - und letztendlich dem Fortbestand unserer Zivilisation. An längst vergangenen Zivilisationen vor der unsrigen – bspw. bei den Maya, den Anasazi oder den Bewohnern der Osterinseln – zeigt sich, dass diese Völker die Fehler begangen haben, die auch wir begehen. Sie bauten ihre Existenz auf der Ausbeutung von Ressourcen auf. Während diese Völker aber nur in bestimmten Regionen lebten erstreckt sich unsere Zivilisation über den ganzen Planeten. Das bedeutet, dass die unnachhaltige und zusätzliche Intensivierung des Ressourcen-, Energie- und Umweltverbrauchs, der durch die Digitalisierung stattfindet, eine existentielle Bedrohung für jeden einzelnen Menschen bedeuten.

 

8.) Eine moralische Debatte führt nicht weiter: Eine moralische Debatte über soziale und ökologische Probleme, die durch den immensen Rohstoffbedarf der Digitalisierung und der wachsenden Menge an IKT in den Haushalten entstehen, ist wichtig – führt jedoch zu nichts. Natürlich wäre es wünschenswert, wenn sich Konsument*innen mit diesen Themen auseinandersetzen würden. Jedoch sind Nachhaltigkeitsüberlegungen in aller Regel ein elitäres Thema. Daher sind politische Maßnahmen viel wichtiger. Ordnungspolitische Maßnahmen bis hin zu einer Internalisierung der Rohstoffkosten schaffen verbindliche Regelungen und zwingen zu Verhaltensanpassungen auf Mikro- und Makro-Ebene. Regulierungen erzeugen positive Effekte, die kein ökologisches oder soziales Gewissen bei den Konsument*innen, Herstellern und ökonomischen Akteuren voraussetzt. Hier trägt die Politik die Verantwortung, ihrem Auftrag gerecht zu werden und kollektiv verbindliche Entscheidungen zu treffen – auch wenn manche dieser Maßnahmen unpopulär sein werden.

 

9.) Der Kopf gehört nicht in den Sand: Es gibt heute keine einfachen Lösungen mehr für unsere globalen Herausforderungen. Und Digitalisierung gehört zu den Herausforderungen, die viele Dinge, auf die lange Zeit Verlass war, ordentlich durcheinander wirbelt. Da ist eine Reaktion wie Spaltung – eben die Welt in schwarz und weiß zu teilen, in Gut und Böse – verständlich aber fatal. Erfolglos ist diese Strategie darin, Prozesse aufzuhalten oder konstruktiv zu ändern. Die Frustration wird dadurch nur noch befördert, weil es sich um eine Erstarrung handelt, um eine Nicht-Reaktion. Eine Veränderung oder eine Lenkung des Prozesses in eine Richtung, die den eigenen Vorstellungen entspricht, wird damit nicht erreicht. Und weil die Digitalisierung sich weiterhin ausbreiten wird ist das Mauern sinnlos. Die grauen Bereiche zwischen schwarz und weiß sind die Masse, aus der heute echte Lösungen und Wege in die richtige Richtung empor geholt werden. Das ist anstrengend und langwierig, aber ermöglicht die Steuerung der digitalen Transformation in eine wünschenswerte Richtung. Für eine nachhaltige und sozial gerechte Digitalisierung müssen wir uns anstrengen. Dafür muss der Kopf aber aus dem Sand, denn das kann nur mit offenen Augen und Ohren gelingen.

 

10.) Technik und Gesellschaft begegnen sich auf Augenhöhe. Und apropos Augen: Eine Abwendung von der Digitalisierung ist auch deswegen fatal, da sich Technologie und Gesellschaft stets auf Augenhöhe begegnet sind. Die Technikgeschichte zeigt, dass es stets eine Aushandlung, ein Tanz gewesen ist. Manchmal führte den Tanz die Technologie (neolithische Revolution, Mobilfunk...) und in manchen Fällen führte den Tanz die Gesellschaft (z.B. war das Radio nie als Unterhaltungs-/Nachrichtenmedium konzipiert, sondern als kabelloser Fernschreiber). Das bedeutet: Wie stark uns die Digitalisierung prägt, liegt zu großen Teilen in unseren Händen. Zwar ist die Verknüpfung zwischen Technologie und Gesellschaft heute augenscheinlich enger als in den vergangenen Epochen – trotzdem sind Einflussnahme, Steuerung, Akzeptanz und Ablehnung möglich und liegen in unserer Verantwortung.

 

11.) Suffizienz besitzt die oberste Priorität: Die drei Elemente der Nachhaltigkeit – Effizienz, Konsistenz und Suffizienz – besitzen unterschiedliche Wichtigkeit. Nachhaltigkeit lässt sich mittels Effizienz oder Konsistenz alleine nicht erreichen. Die Einsparung von Netto-Energie muss das Ziel sein. Und dafür ist Suffizienz, nämlich die Reduzierung des Lebensstandards und Konsums, unabdingbar. Die Mikroelektronik kann nicht anders als täglich neue Horizonte technischer Möglichkeiten zu erzeugen. Das ist ihre innere Logik. Dies darf aber nicht das automatisch mit dem maximalen Ausreizen dieser Möglichkeiten einhergehen. Vielmehr muss ein Streben nach einem zufriedenstellenden, aber niedrigeren Niveau an Energie- und Rohstoffbrauch, Datendurchsatz und Konsum erfolgen. Konkret: Der wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung hat im Jahr 2008 einmal errechnet, wie hoch der CO2-Ausstoß sein dürfte, um das Ziel einer Begrenzung der Klimaerwärmung auf unter 2°C im Vergleich zur vorindustriellen Phase zu erreichen. Das Ergebnis waren 2,7t CO2 für jeden einzelnen Menschen pro Jahr. Als Gegenwert: Ein Direktflug von Berlin nach Los Angeles für eine Person in der Economy-Klasse verbraucht bereits 2,8t CO2.

 

12.) Technik ist keineswegs neutral: Technik wird immer zu einem bestimmten Zweck konzipiert und eingesetzt und kann daher nicht von diesen Zwecken getrennt bewertet werden. Ein Großteil der uns heute umgebenden Technologie sammelt Informationen über uns. Im günstigsten Fall werden uns durch Analyse dieser vielen täglichen datenförmigen Hinterlassenschaften maßgeschneiderte Konsumchancen offeriert. Aber es besteht auch das Potenzial zur totalitären Beherrschung: Je mehr Datenspuren wir hinterlassen, desto einfacher sind wir zu analysieren. Und vielfach teilen wir unsere persönlichen Daten großzügig und ohne Nachzudenken mit unzähligen Technologiefirmen, Shops und sonstigen Institutionen. Die Vereinfachung und Perfektionierung sozialer Kontrolle gehören mit in den Möglichkeitshorizont der uns heute umgebenden, allgegenwärtigen Technologie. Gerade in der Überschneidung zwischen staatlicher Kontrolle und dem Einsatz technologischer Mittel stehen in der Volksrepublik China sehr bald extreme Formen vor dem Einsatz. Das Sozialkredit-System weist jedem/jeder Bürger*in einen Reputationswert zu, in dem sich bspw. Kreditwürdigkeit, Einträge in das Strafregister und soziales wie politisches Verhalten widerspiegeln. Ziel dieser umfassenden Überwachungsmaßnahme ist, ein angepasstes Sozialverhalten zu erzwingen. Sicherlich sind solche Maßnahmen in dieser Kultur eher akzeptiert als in westlichen Ländern. Doch die technologischen Möglichkeiten für eine solche Form der Gleichschaltung existieren überall.

 

13.) Entzauberung ist die neue Verzauberung: Mit dem Zeitalter der Aufklärung durchdrang die Länder Europas und Nordamerika eine zunehmende Orientierung an Vernunft, Rationalisierung, Säkularisation und Naturwissenschaft – eine ‚Entzauberung der Welt‘. Der Glaube an geheimnisvolle, unberechenbare Mächte und eine Unterwerfung gegenüber einer göttlichen Willkür wurde dadurch vermeintlich in den Hintergrund gedrängt. ‚Vermeintlich‘ deswegen, da sich ein ‚Ersatzglauben‘ etablierte. Dieser beinhaltet die Annahme, die Geschicke der Welt durch die neugewonnenen Kulturmittel berechnen, lenken und beherrschen zu können. Es handelte und handelt sich jedoch erneut lediglich um Glauben und keineswegs um ein kühles, rationales Durchschauen und Verstehen. Der Aberglaube wurde keineswegs mit dem 18. Jahrhundert begraben. Das zeigt sich gerade heute sehr deutlich an der großen Menge an missverstandenen Projektionen, die sich um neuere technologische Entwicklungen wie der künstlichen Intelligenz reihen. De facto haben die Dinge, die aktuell als künstliche Intelligenz bezeichnet werden in 90% der Fälle nichts mit einem selbstlernenden System zu tun. Und sogar die wenigen selbstlernenden Systeme haben mit dem, was menschliche Intelligenz ausmacht, herzlich wenig zu tun. Trotzdem herrschen in vielen Diskursen Argwohn, Befürchtungen, übertriebene Hoffnungen und teilweise fast alberne Zukunftsvisionen zwischen Utopie und Dystopie.

Technologie ist der neue Zauber, der entweder blasses Erstaunen oder Angst und Schrecken – in beiden Fällen eben gerade aus dem Mangel an Vernunft und Rationalität heraus – hervorruft.

 

14.) Digitalisierung steigert unsere Abhängigkeit: Unsere technischen Errungenschaften reduzieren an vielen Punkten die Resilienz, sprich: die Flexibilität unserer Gesellschaft. Die Digitalisierung macht uns spröde und das zeigt u.a. auf die folgenden zwei Arten: Einerseits sind wir enorm abhängig von der Funktion technischer Unterstützung. Die Zuverlässigkeit von digitalen Infrastrukturen ist für uns inzwischen existenziell. Daher geht von einem Ausfall dieser Einrichtungen eine große Bedrohung im Fall einer Störung aus. Hackerangriffe und Schadsoftware bedrohen heute nicht nur die Stabilität von Finanzmärkten, sondern auch Wasser-, Strom- und Nahrungsmittelversorgung.

Andererseits erzeugen die vielen technischen Einrichtungen, die uns allgegenwärtig umgeben ein massives Maß an selbstverständlicher Bequemlichkeit. Komfort wird – das unterscheidet uns deutlich von vergangenen Epochen – stark über Dinge definiert, nicht über äußere Gegebenheiten wie Raum bspw. Eine Umkehr, eine Beachtung von Nachhaltigkeitsgesichtspunkten, Vernunft für Suffizienz und in letzter Konsequenz ein Beitrag zur Rettung unserer Zivilisation ist durch die gewohnte Allgegenwärtigkeit blinkender Spielzeuge zu wenig interessant. Vielleicht ist eine Erstarrung in seidiger Umhüllung unserer technologischen Komfortzone mittelfristig wichtiger.

Digitalisierung / Blockchain – Fluch oder Segen

Ein Vortrag über Chancen und Risiken des technologischen Fortschritts.

 

Digitalisierung / Blockchain – Fluch oder Segen

Gehalten von Wolfram Bernhardt auf der diesjährigen Warnemünder Fachtagung Steuer, Wirtschaft, Recht, die von den Berufsständen der Steuerberater, Rechtsanwälte und Notare einmal jährlich durchgeführt wird. Die diesjährige Fachtagung fand am 18.10.2018 in Rostock-Warnemünde statt. Es gilt das gesprochene Wort.

 

John Gray, ein britischer Philosoph, schreibt in seinem Buch Von Menschen und anderen Tieren. Abschied vom Humanismus:

"Kaum ein Klischee ist abgegriffener als die Klage, der ethische Fortschritt hinke dem wissenschaftlichen hoffnungslos hinterher. Wären wir nur klüger oder moralisch gefestigter, dann würden wir die Technologie ausschließlich konstruktiv nutzen"

 

Das schickt er als Hoffnungsschimmer seinem Buch voraus, indem er jedoch leider darlegt, dass Technik nie neutral ist. Technologische Entwicklungen waren immer auch ein Machtinstrument und dienten so von vorneherein irgendwelchen Interessen. Und wo es keine Machtinteressen waren, wurden Technologien entwickelt, weil sie hohe Profite versprachen.

Und man muss nicht auf das Buch Homo Deus des eingangs zitierten Yuval Noah Harari verweisen um zu illustrieren, dass der digital gepimpte und durch sämtliche Prothesen robotorisierte Mensch nicht unsere Erlösung sein wird.

Bereits 1930 wies der Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud in seinem Buch Das Unbehagen in der Kultur, auf diese Erkenntnis hin, die Harari heute einen Millionenbestseller bescherte. So prophezeite er:

 

"Ferne Zeiten werden neue, wahrscheinlich unvorstellbar große Fortschritte auf diesem Gebiete der Kultur mit sich bringen – gemeint ist der technische Fortschritt –, welche die Gottähnlichkeit noch weiter steigern. Im Interesse unserer Untersuchung wollen wir aber auch nicht vergessen, dass der heutige Mensch sich in seiner Gottähnlichkeit nicht glücklich fühlt."

 

 

Heute wird Technik und gerade die Digitalisierung jedoch kaum noch hinterfragt, sondern vielmehr als Schicksal angenommen, das über uns gekommen ist. Digitalisierung – als die derzeitige Metapher für technologischen Fortschritts – scheint etwas zu sein, das grundsätzlich gar nicht mehr hinterfragt werden darf. Und wenn man es doch tut, kommt sofort die Gegenfrage, ob man denn wieder zurück ins dunkle und kalte Mittelalter will.

 

In den kommenden Minuten will ich mit Ihnen über Sinn und Unsinn der technologischen Entwicklung nachdenken und unter welchen Bedingungen die Digitalisierung und insbesondere die Blockchain dazu beitragen kann eine freiere, solidarischere, gerechtere und ökologisch nachhaltigere Welt zu schaffen.

Um gleich zu verdeutlichen, wie wir dieses Ziel niemals erreichen werden, will ich Ihnen ein Wahlplakat der FDP aus dem Jahr 2017 in Erinnerung rufen. Auf besagtem Plakat war Christian Linder zu sehen, der auf sein Smartphone starrte und ein Kabel im Ohr hatte. Neben ihm prangte in großen Lettern "Digital first. Bedenken second."

Ich dachte, das ist ein schlechter Scherz als ich das Plakat zum ersten Mal sah.

Zumal sich im selben Jahr Elon Musk und der Mitgründer von Google DeepMind Mustafa Suleyman sowie 114 weitere Experten auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz mit einem offenen Brief an die UNO gewandt haben.

Sie forderten darin ein Verbot von Killer-Robotern, sogenannten autonomen Waffen. Konkret geht es dabei um Kampf-Drohnen, autonome Panzer und automatisierte Maschinengewehre, die allesamt von Künstlicher Intelligenz gesteuert werden. Es handelt sich also um bewaffnete Roboter, die selbstständig Ziele auswählen und angreifen können.

In dem Brief heißt es: "Uns bleibt nicht viel zu Zeit um zu Handeln. Ist diese Box der Pandora erst mal offen wird es schwer werden, diese wieder zu schließen."

 

Laut Roger Carr, dem Aufsichtsratsvorsitzenden des britischen Rüstungskonzerns BAE, arbeiten bereits 40 Nationen an derartigen "Killer-Robotern". Das gab Carr im Rahmen einer Diskussion auf dem Weltwirtschaftsforum 2016 in Davos bekannt.

Sie sehen also, Technologie wird niemals neutral entwickelt.

 

Auch das Drama um manipulierte Wahlen in den USA weist uns auf die Gefahren unbedachter Digitalisierung hin. Konkret geht es erstens um die Facebook-Kampagnen, die in Zusammenhang mit Cambrige Analytica standen und dann um die vielfach vermuteten Manipulationen russischer Geheimdienste, die sogar die Wahlauszählung beeinflusst haben sollen.

Doch damit nicht genug. Zwar hört man selten davon, dass westliche Geheimdienste sich in sensible Kommunikationssysteme von anderen Staaten hacken – auch wenn das sicherlich vorkommt – aber man hört immer wieder davon, dass russische Geheimdienste Smartphones von Politikern oder die Software der Nato hacken.

Auch von China war neulich zu hören, dass auf Bestreben der Geheimdienste Chips in Geräte von Apple und Amazon eingebaut wurden, die ihnen einen Backdoor Acces – eine Hintertür – der Geräte erlaubte.

 

Nun mag der eine oder andere einwenden, dass es sich bei diesen Beispielen nicht um Probleme handelt, die spezifisch auf die Digitalisierung zurück zu führen sind. Manipulation, Spionagetätigkeiten und die Entwicklung moderner Waffensysteme gab es zu jeder Zeit. Die Tatsache, dass sie jedoch auch immer mit der Entwicklung neuer Technologien verbunden waren, sollte uns jedoch nur noch mehr als Mahnung dienen, es unbedacht dem technologischen Fortschritt zu erlauben, unser Leben zu bestimmen.

Gibt es doch noch weitere Beispiele, bei denen technologische Lösungen niemals nur ihr Arbeitsziel erfüllen, sondern darüber hinaus IMMER Nebenwirkungen für die natürliche und soziale Umwelt haben.

Genau das ist übrigens die Definition dessen, was ein Teilgebiet der Technikphilosophie und -soziologie zur Aufgabe hat: die Technikfolgenabschätzung, die um 1960 entstanden ist. Zu einer Zeit in der zwei Technologien einen Boom feierten, so dass diese Technologien die zweite Hälfte den letzten Jahrhunderts maßgeblich prägten: die Entwicklung der Atomenergie und der Plastikindustrie.

Wenn man sich die hoffnungsfrohen Zukunftsfantasien aus der Zeit ansieht, als die Atomenergie aufkam, kann man nur verwundert den Kopf schütteln. So träumten Zukunftsforscher in den 60er Jahren, davon, dass bald in allen Haushalten kleine Saugroboter mit Miniatomkraftwerken saubermachen würden.

Auch prophezeiten andere Zukunftsforscher, dass bald alle Wohnungen und Möbel aus Plastik sein würden und man die Wohnungen künftig bequem mit dem Wasserschlauch reinigen könnte.

Sie wissen, dass uns beide Entwicklungen heute vor noch ungeklärte Probleme gestellt haben: Wohin mit dem Abfall?

 

Ein weiteres Phänomen sollte im Zusammenhang mit dem technologischen Fortschritt erwähnt werden, damit man versteht, in welchem Licht heute technologischer Fortschritt gesehen werden muss. Sagt Ihnen der Begriff Rebound-effekt etwas?

Bereits vor 150 Jahren hat der britische Ökonom William Stanley Jevons gezeigt, dass Effizienzsteigerungen nicht etwa zu einer Reduzierung des Energieverbrauchs, sondern im Gegenteil zu einem Mehrverbrauch führen.

Denn die Einsparung wird in unseren kapitalistischen Verhältnissen ausschließlich als Produktivitätssteigerung gesehen und führt so zu einer Ausweitung der Produktion. So versteht man auch, dass – obwohl seit 1970 der Energieverbrauch pro produzierter Wareneinheit halbiert wurde – dennoch der Energieverbrauch nicht gesunken ist. Wenn technologische Entwicklungen also dazu führen dass die Produktivität steigt beziehungsweise etwas effizienter wird, dann führt das in der Regel dazu, dass wir den Konsum dieser Dinge steigern.

 

Dass dies jedoch nicht endlos möglich ist, sollte unmittelbar deutlich werden, wenn man sich klar macht, dass wir (noch) auf einem begrenzten Planeten leben und wir auch nur begrenzt konsumieren können.

 

Nach diesen grundsätzlichen Ausführungen, über die Gefahren, die immer mit technologischen Entwicklungen verbunden sind, möchte ich gerne auf die Gefahren zu sprechen kommen, die im Zusammenhang mit der Digitalisierung stehen und komme dann auf die Blockchain zu sprechen.

Das erste Beispiel war auch wieder so eine Geschichte, die ich nicht glauben konnte, als ich davon gehört habe.

Wenn Ihnen jemand erzählen würde, dass es künftig ein Zentralregister oder eine riesige Datenbank gibt, in der die Daten aller Bürger zusammengeführt und gespeichert werden – und Daten sind dabei alle Dinge die sie tun und die man irgendwie erfassen kann – was wäre Ihre Reaktion? Zumal wenn diese Daten dann von einer KI ausgewertet werden und Ihnen je nach Ihrem Social Score gewisse Dinge erlaubt und andere verboten werden.

Klar gab es bereits Regime, die mittels Geheimdienste genau das versuchten, aber in dieser Totalität, hätte das kein Geheimdienst der Welt hinbekommen.

Genau dieses System wird jedoch in China gerade getestet.

 

Doch man muss nicht nach China schauen, auch anderswo hat man den Eindruck, dass man ernsthaft glaubt, nur die Technik könne uns aus dem Schlamassel retten, in das wir sehenden Auges gestolpert sind.

Wer glaubt heute noch daran, dass wir den Klimawandel durch eine Änderung unseres Verhaltens aufhalten können? Dass wir also als mündige Bürger Verantwortung übernehmen?

Stattdessen hört man in den letzten Jahren immer häufiger von dem Begriff des Geo-Engineerings. Mit diesem Begriff werden vorsätzliche und großräumige Eingriffe mit technischen Mitteln in geochemische oder biogeochemische Kreisläufe der Erde bezeichnet. Als Ziele derartiger Eingriffe werden hauptsächlich das Stoppen der globalen anthropogenen Klimaerwärmung, der Abbau der CO2-Konzentration in der Atmosphäre oder die Verhinderung einer Versauerung der Meere genannt.

Auch die Begriffe Smartcity, Smartgrid, Smarthome, Smartfarming oder sogar Smartdemocracy weisen daraufhin, dass wir lieber Algorithmen die Kontrolle über unser Leben übertragen, als selber die Verantwortung zu übernehmen.

Vor diesem Hintergrund erscheint es als pure Untertreibung, wenn man von Monika Grütters aus dem CDU-Präsidium liest:

"Wo Algorithmen die Macht übernehmen, beginnt die geistige und kulturelle Verarmung unserer Gesellschaft."

Das wirklich interessante an diesem Statement ist der Kontext in dem dieser Satz stand. So war der Gastbeitrag von ihr betitelt mit "Das Internet bietet mehr Freiraum, als Demokratie verträgt – Die Digitalisierung stellt den Rechtsstaat auf eine Bewährungsprobe. Zur Wahrung zivilisatorischer Errungenschaften braucht es ein politisches Update."

 

Der Sprung mag etwas unvermittelt sein, aber genau hier würde ich mit der Blockchain ansetzen. Und zwar mit einer politischen Utopie, die auf der Blockchain aufbaut. Haben Sie schon einmal etwas von Liberland gehört?

Auch wenn die Freie Republik Liberland noch von keinem Staat anerkannt wird, haben sich doch bereits mehrere hunderttausend Menschen um die Staatsbürgerschaft beworben – darunter einige hundert Blockchain-Experten. Und Damit ist die Republik "durch Zufall zum größten Blockchain­Projekt der Welt geworden", wie der Präsident von Liberland, Vít Jedlička, bemerkt. Doch wozu braucht man die Blockchain Technologie bei der Gründung eines Staates?

In dem Schweizer Magazin GDI Impuls aus dem Frühjahr 2016 heißt es dazu:

„Liberland will einen Staat ohne Steuern. Um diese Vision möglich zu machen, setzt man (…) auf die Möglichkeiten einer Technologie: der Blockchain. Denn, so die Überzeugung, wenn man es schaffe, über diese den Traum einer Null­Transaktionskosten­Gesellschaft (fast) Wirklichkeit werden zu lassen, könne man getrost auf einen Staat verzichten, der überall seine Finger im Spiel hat. (…) Zu den aktuellen Projekten im Rahmen der Staatsgründung gehört etwa ein Katasteramt, das automatisiert die Verwaltung des Staatsgebiets von Liberland übernimmt. Sobald jeder einzelne Quadratmeter über die Blockchain einem Eigentümer zugewiesen ist, sind die Verhältnisse geklärt und nicht mehr manipulierbar.“

Allerdings sind alle diese Überlegung bislang rein spekulativer Natur, denn noch haben die Bürger der Freien Republik Liberland ihr Staatsgebiet nicht besiedeln können. Im Raum steht lediglich eine "illegale" Aktion, die an die Landung der kubanischen Revolutionäre bei Playa Las Coloradas unter Fidel Castro erinnert, wenn auch etwas weniger spektakulär: So plant der Präsident Jedlička die Besiedlung des auserwählten Landstrichs von der Flussseite her – mit Hausbooten.

Ohne zu wissen, ob die Hausboote in der Zwischenzeit angelegt haben: Sie sehen, die Blockchain bietet einiges an Potenzial: Ein Staat ohne Steuern, ohne Staatsbedienstete, ohne Bürokratie – nicht nur ein libertärer Traum, sondern wohl auch jener aller wahren Kommunisten könnte so wahr werden.

 

Ja trauen Sie sich, unsentimental weiter zu träumen: Ein Staat, in dem Steuerhinterziehung unmöglich wird, weil jede Transaktion festgehalten wird, ein Staat, in dem jeder Bürger automatisch zu seinem Glück gezwungen wird.

 

Aber selbst wenn man das kühne Gedankenexperiment wagt, dass die Instanz, die letztlich festlegt, welches Verhalten wünschenswert ist, der Philosophenkönig ist, den sich Plato immer wünscht; wenn wir also alle zu unserem Glück gezwungen werden – und das meine ich nicht ironisch – was sind wir dann noch?

 

Wenn ein digital vernetztes Ökosystem geschaffen wird, das alle Bereiche unseres individuellen sowie gesellschaftlichen Lebens sammelt, speichert und auswertet, Sind wir dann noch freie Menschen? Sind wir dann noch mündige Bürger? Sind wir noch lebendig? Oder haben wir dann nicht längst schon den Glauben der Aufklärung zu Grabe getragen, dass wir Menschen unser Schicksal selbst in die Hand nehmen und es gestalten können.

 

Können wir jetzt aber daraus folgern, dass die Blockchain nur Fluch für uns bereithält und keinen Segen?

Ich würde sagen, es liegt in unserer Hand.

Aber bedenken wir bitte zuerst die möglichen Auswirkungen neuer Technologien bevor wir alles digitalisieren.

Und behalten wir auch den Stromverbrauch im Blick – die Bitcoin-Blockchain verbraucht inzwischen mehr Strom als ganz Österreich.

Überlegen wir uns wo die Grenzen der erfassten Daten liegen sollen, damit die letztlich handelnden Personen nicht zu willenlosen Zombies degradiert werden.

Und ganz wichtig: Bedenken wir, dass keine Technologie jemals vollkommen sicher sein wird.

Von daher sollten wir es nie soweit kommen lassen, dass es keine alternativen Mittel und Wege mehr gibt, um die Gesellschaft organisiert zu bekommen.

Und zuletzt, bewahren wir uns den Glauben an den Mitmenschen, daran, dass nicht jeder Mensch dem Menschen ein Wolf ist, sondern dass wir viel lieber in Kooperation denn in ständiger Konkurrenz leben.

 

Bin ich jetzt also ein Technikfeind? Nein, ganz im Gegenteil. Ich glaube immer noch daran, dass Technologie als Mittel zum Zweck eine große Hilfe sein kann.

Aber wenn wir technologische Entwicklungen und insbesondere die Digitalisierung als Schicksal begreifen, dann lassen wir zu, dass diese Entwicklung uns vor uns hertreiben wird.

Auch wenn wir von der Angst getrieben werden, dass wir abgehängt werden können, sollten wir nie vergessen, dass Angst schon immer ein schlechter Ratgeber war.

Nein, nicht die Angst sollte unser Ratgeber sein, sondern das Versprechen der Aufklärung, dass wir selbst über unser Schicksal bestimmen können und unsere Gesellschaft so gestalten, wie wir es als erstrebenswert erachten.

 

 

Zwischen Himmel und Hölle – Rafael Capurro im Interview

Zwischen Himmel und Hölle

Interview mit Rafael Capurro

Rafael Capurro ist Informationsethiker und Philosoph. Mit agora42 sprach er über das In-der-Cyberwelt-sein, die engelsartige Vorstellung virtueller Intelligenzen, den digitalen Daten-Kapitalismus des 21. Jahrhunderts, das Recht Dinge verbergen zu dürfen und die Chance der Zivilgesellschaft sich digital-politisch zu organisieren.

 

Herr Capurro, vor 20 Jahren haben Sie die These aufgestellt, dass sich im Zuge der Digitalisierung eine virtuelle Welt herausbilden wird, die für uns bedeutender als die reale Welt werden könnte. Woher rührte diese Begeisterung fürs Virtuelle?

Damals herrschte eine Aufbruchstimmung: Besonders die Erfindung des Internets und später des World Wide Web hat alle begeistert. John Perry Barlow rief 1996 die Declaration of the Independence of Cyberspace aus. Der Cyberspace erschien vielen als ein virtueller Raum, der nichts mit der materiellen Welt zu tun hat. Dabei war die virtuelle Welt natürlich gar nicht so unabhängig von der materiellen Welt, wie es den Anschein machte: Der Computer, die bits wie auch die mathematischen Symbole 0/1, die in das elektromagnetische Medium eingeprägt werden, dieses Medium also „in-formieren“ – das ist alles Energie und Materie. Aber das wurde ausgeblendet. Man war fasziniert vom Immateriellen.

Das Ganze hatte etwas Metaphysisches: Es ging um die Errettung des Menschen aus der schnöden Welt hier unten und das Emporsteigen in die Höhen des Cyberspace. Eine ganze Generation hat das zu Beginn so erlebt. Damals dachten wir wirklich, es gäbe zwei getrennte Welten, eine virtuelle und eine materielle.

 

Können Sie die Faszination des Immateriellen genauer beschreiben?

Das Internet erweckte den Eindruck, als könne man sich von Raum, Zeit und Materie lösen, als könne man an verschiedenen Orten gleichzeitig sein. Wir bewegen uns hier wieder im Bereich der Metaphysik, in einer Welt des Jenseits, in der die Kategorien des Diesseits – Raum, Zeit und Materialität – nicht gelten. So dachte ich damals, die Unterscheidung von Materie und Geist würde in der Trennung von Hardware und Software wieder auftauchen. Ich habe Software sogar mit der materielosen Seinsweise von Engeln (vom Griechischen angelos = Bote) verglichen – also mit der mittelalterlichen Vorstellung engelsgleicher, von der Materie getrennter Intelligenzen. Intelligentiae separatae war der Begriff, den die mittelalterlichen Philosophen dafür gebrauchten. Ist Software in diesem Sinne nicht körperlos? Ist das In-der-Cyberwelt-sein nicht beinahe engelsartig? Ich dachte, dass die Lücke, die der Verfall der Religionen und der Metaphysik hinterlassen hatte und die nicht mehr durch engelsgleiche Boten zwischen Gott und dem Menschen ausgefüllt wird, durch das In-der-Cyberwelt-sein geschlossen werden könnte.

 

"Ist Software in diesem Sinne nicht körperlos? Ist das In-der-Cyberwelt-sein nicht beinahe engelsartig?"

 

War das Internet so etwas wie ein moderner Gott?

Nein, denn wir haben es selbst erschaffen. Das macht den technologischen Mythos doch gerade aus: Wir schaffen selbst eine Intelligenz, die in mancher Hinsicht mächtiger ist als die menschliche, aber nicht göttlich. Das führte auch zu der Frage: Wie bestimmen wir uns selbst in der digitalen Moderne? Im Mittelalter wurde der Mensch als ein Grenzwesen definiert, das zwischen dem Geistigen und dem Animalischen steht und sich sowohl durch seine tierische Herkunft als auch durch seinen göttlichen Geist definiert. Im 19. Jahrhundert war aber im Abendland von Gott und Engeln nicht mehr viel übrig geblieben. Nach unten konnten wir uns über die Evolution, das heißt unsere tierischen Wurzeln definieren. Nach oben aber war nichts mehr da, woran wir uns orientieren konnten. Da kam die Vorstellung eines Cyberspace wie gerufen – eine virtuelle Intelligenz, die über uns steht, die wir technologisch erschaffen und die nicht theologischer Herkunft ist. Ähnlich war im Mittelalter die philosophische Funktion der Engel: Der Vergleich zwischen Gott und Mensch war per definitionem nicht möglich, weil Gott das Unvergleichbare ist; also musste man nach etwas suchen, was zwischen Gott und dem Menschen steht, was uns nicht gleicht, aber trotzdem nicht so weit weg von uns ist wie Gott.

 

Der Engel ist vom Körper befreit. Ist das nicht auch die Vorstellung, die dem berühmten Gedankenexperiment „Gehirn im Tank“ zugrunde liegt?

"Ein Grinsen ohne Katze ist wie ein Denken ohne Körper."

Genau. Der französische Philosoph Jean-François Lyotard hat die Frage gestellt, ob man ohne Körper denken kann. Wow, was für eine Frage! Das riecht stark nach Engel! Aber als leibliche Wesen können wir uns ein Denken ohne Körper nicht vorstellen. Lewis Carroll erzählt in Alice in Wunderland die schöne Geschichte von der Grinse-Katze, die langsam verschwindet: „‚So etwas!’ dachte Alice; ‚ich habe schon oft eine Katze ohne Grinsen gesehen, aber ein Grinsen ohne Katze! Das ist doch das Allerseltsamste, was ich je erlebt habe!’“ Ein Grinsen ohne Katze ist wie ein Denken ohne Körper.

 

Von der anfänglichen Begeisterung für die unbegrenzten Möglichkeiten des Internets ist allerdings nicht viel übrig geblieben, oder?

Mit dem Aufkommen des World Wide Web hatte man geglaubt – und einige glauben das auch heute noch –, eine Superintelligenz schaffen zu können, die uns ein neues Miteinander ermöglicht. Die ganze Welt sollte vom Netz überzogen sein und von der digitalen Gesellschaft profitieren, alles sollte geteilt werden können, nichts sollte etwas kosten. Tatsächlich ist in kurzer Zeit unglaublich viel passiert: Nachrichten wurden plötzlich nicht mehr one-to-many verteilt, das heißt ausgehend von zentralen Institutionen wie den Massenmedien oder dem Staat an alle anderen, sondern jeder konnte many-to-many oder few-to-many oder few-to-few messages verteilen.

Dann ist es aber schnell ans Eingemachte gegangen: Große Konzerne witterten Macht und Geld und besetzten alle digitalen Kanäle. Heute bestimmen Zuckerberg, Google, Amazon & Co. was im Internet gesagt werden darf und was nicht. Es ist eine halb-öffentliche Moral entstanden, die sich um demokratische Regeln und Verfahren nicht schert. Wenn ich die Erwartungen und Hoffnungen, die ich vor zwanzig Jahren hatte, mit den heutigen Gegebenheiten vergleiche, ist das, als ob sich der Himmel in die Hölle verwandelt hätte. Denn die Hölle haben wir nun offenbar: Überwachungsgesellschaft, Geheimdienste, Big Data etc. Das alles kam in den letzten Jahren wie eine Lawine über uns und zerstörte die Träume der 90er-Jahre. Was machen wir jetzt? Darauf haben wir noch keine halbwegs verlässliche Antwort. Der Staat ist gegenüber den digitalen Riesen ziemlich machtlos und die Firmen kümmern sich um ihren Profit. Wir können nicht erwarten, dass die IT-Giganten sich um das Wohl der Menschheit kümmern: Welches Unternehmen würde schon ein gutes Geschäft ausschlagen? Die rules of fair play müssen stets im Dienste des Profits stehen.

 

"Wir können nicht erwarten, dass die IT-Giganten sich um das Wohl der Menschheit kümmern: Welches Unternehmen würde schon ein gutes Geschäft ausschlagen?"

 

Rafael Capurro wurde 1945 in Uruguay geboren. Er studierte Geisteswissenschaften und Philosophie in Chile und Argentinien als Mitglied des Jesuitenordens (1963–1970) und erlangte 1971 den Grad eines Lizentiats der Philosophie an der Universidad del Salvador (Buenos Aires). Nach seinem Austritt aus dem Jesuitenorden studierte er Dokumentation am Lehrinstitut für Dokumentation in Frankfurt am Main (1972–1973). Es folgte die Promotion in Philosophie an der Universität Düsseldorf (1978). 1986 wurde er zum Professor für Informationswissenschaft an der Stuttgarter Hochschule der Medien berufen, wo er bis 2009 auch Informationsethik lehrte. Von 2000 bis 2010 war er Mitglied der European Group on Ethics in Science and New Technologies (EGE) der Europäischen Kommission. Seit 2007 engagiert sich Capurro insbesondere in Afrika, wo er das Africa Network for Information Ethics (ANIE) an der Universität Pretoria mitbegründete. 2010 gründete er mit seiner Ehefrau Annette die Capurro Fiek Stiftung für Informationsethik. Diese fördert Projekte, welche sich mit den sozialen und kulturellen Auswirkungen digitaler Technologien in der Dritten Welt, vor allem in Afrika und Lateinamerika, befassen. Mehr unter capurro.de

Das klingt, als wären alle Hoffnungen begraben. Andererseits gibt es noch Träumer wie Vitalik Buterin, die mithilfe neuer Technologien – Stichwort Blockchain – das Internet dezentralisieren wollen. Wird das Internet vielleicht doch noch der erträumte shared space, der uns zusammenführt?

Strukturen müssen von unten wachsen – bottom up. Solange diese Möglichkeit besteht, ist auch Hoffnung da. Und noch ist Raum für Kreativität vorhanden. Nur: Die ökonomischen Mächte sind erdrückend in ihrem Geschäftsgebaren und ihrer weltweiten Dominanz. Die kaufen ganze Länder. Wie kann man diesen entfesselten digitalen Kapitalismus begreifen? Worum geht es dabei? Nach welchen Gesetzen läuft er ab? Eine kritische Interpretation von Marx’ Kapital im digitalen Zeitalter wäre nötig.

 

Inwiefern hat sich der Kapitalismus seit Marx verändert?

Momentan gibt es philosophisch gesehen keine Antwort auf die Herausforderung der Digitalisierung beziehungsweise des digitalen Kapitalismus. Da stellen sich ganz neue Fragen: Was bedeutet Freiheit in der digitalen Welt? Wie hängt die Digitalisierung mit dem Kapitalismus zusammen? Dieses ökonomische System, verbunden mit der Vorstellung von Fortschritt und Wachstum, hat etwas sehr Religiöses – nicht nur, sofern das Kapital die Stelle Gottes besetzt, sondern auch, sofern der digitale Kapitalismus in seiner globalen Gleichzeitigkeit eine Eigenschaft besitzt, die traditionell einer göttlichen Allgegenwart vorbehalten war.

 

Und das funktioniert ja ausgezeichnet, wie der Geldberg von Zuckerberg zeigt. Ist es nicht verrückt, dass eine Firma, die nichts Materielles produziert, so viel Geld anhäuft?

Dass innerhalb von zehn Jahren riesige Firmen wie Facebook aus dem Nichts entstanden sind, ist tatsächlich kaum zu fassen. Womit haben sie das Geld gemacht? Nicht mit Öl. Mit Daten. Die digitalisierten Daten sind die Basis des Kapitalismus des 21. Jahrhunderts. Und diese Daten sind ein Fetisch, das heißt, man behandelt sie so, als ob sie ein Eigenleben führen. Sie erwecken den Eindruck, als würden sie zirkulieren, wie schon Marx vom Kapital sagte, und als gäbe es keinen Menschen, der über sie herrscht oder von ihnen profitiert.

Wir erleben gerade eine neue Form des Kapitalismus, auf dessen Schattenseite nicht mehr nur das nationale Proletariat, sondern auch das globale Cybertariat steht. Im Gegensatz zum unterdrückten Proletariat des 19. Jahrhunderts arbeitet das Cybertariat weitgehend fröhlich für das Kapital. Das Lumpenproletariat trägt heute Jeans und Kapuzenpulli, kommt lachend daher und schenkt fröhlich seine Daten an die IT-Giganten. Es ist eine ganz verdrehte Situation, weil man freiwillig zum Sklaven wird. Eigentlich ist das ideal: Alle sind glücklich! Eine Win-win-Situation. Die Kapitalisten sind glücklich, weil sie so viel Geld bekommen, und die Sklaven sind glücklich, weil sie arbeiten, konsumieren und online sein dürfen. Das ist doch der Himmel auf Erden.

 

"Wir erleben gerade eine neue Form des Kapitalismus, auf dessen Schattenseite nicht mehr nur das nationale Proletariat, sondern auch das globale Cybertariat steht."

 

Das hört sich an wie die Beschreibung Drogenabhängiger …

Das Internet kann tatsächlich eine Droge werden. Marx hat gesagt, die Religion sei „das Opium des Volkes“. Heute würde er vermutlich sagen, die digitalen Medien sind das Opium.

Unser Grundgesetz und unser Selbstverständnis sind tief verwurzelt im Denken Kants, der die Achtung vor dem anderen, dessen Recht zu existieren und seine prinzipielle Gleichwertigkeit unter dem Begriff Menschenwürde zusammenfasste. Gleichermaßen prägt uns die Erfahrung des Zweiten Weltkriegs und insbesondere des Holocausts. Deshalb ist es so wichtig, die Erinnerung sowohl an die Ideengeschichte wie auch an die historischen Ereignisse wach zu halten.

Doch dieses Bewusstsein von den Grundlagen unseres Zusammenlebens löst sich gerade weltweit auf. Heute leben wir bequem in unserer Facebook-Bubble. Hier werden wir dauernd bestätigt und denken: „Das hab ich doch gleich gesagt!“ Es gibt nur das, was ich sage, was ich mag, wie ich bin. Das erschwert das Abstandnehmen, die Kritik, das selbstständige Denken, also all das, was für die europäische Aufklärung wichtig war. Aber wie gehen wir gegen diese Täuschung vor oder mit ihr um? Das ist die Kernfrage einer künftigen digitalen Ethik.

 

Wie könnte eine Antwort darauf aussehen?

Ganz grundsätzlich: Sie müsste unseren gesamten Realitätsbegriff und unser Selbstverständnis, nicht also was, sondern wer wir sind, verändern.

Der Philosoph der Aufklärung George Berkeley hat die Formel „esse est percipi“ aufgestellt, also „Sein ist Wahrgenommenwerden“. Berkeley zufolge gibt es nur das Wahrgenommene. Was nicht wahrnehmbar ist, existiert nicht. Und ich sage, dass es heute das Wahrgenommene nur insofern gibt, als es digitalisierbar ist: Esse est computari. Sprich: Was sich nicht digitalisieren lässt, ist nicht. Und zwar nicht im Sinne von „It from Bit“, also nicht so verstanden, dass die Realität aus bits besteht, die Dinge also digital sind und nur aussehen wie Materie. Meine These lautet vielmehr, dass wir glauben, etwas nur dann verstehen zu können, wenn es digitalisierbar ist. Dementsprechend definieren wir uns selbst und alles, womit wir zu tun haben, als digitale Information. Wer sind wir? Antwort: Wir sind unsere digitalen Daten.

 

"Wir glauben, etwas nur dann verstehen zu können, wenn es digitalisierbar ist. Dementsprechend definieren wir uns selbst und alles, womit wir zu tun haben, als digitale Information. Wer sind wir? Antwort: Wir sind unsere digitalen Daten."

 

Inwiefern ist das ein Problem?

Es besteht die Gefahr, dass diese Sicht auf die Welt totalitär wird. Dann begreifen wir unser In-der-Welt-sein nicht mehr als frei gestaltbar, sondern dürfen nur das als bedeutungsvoll für unser Dasein ansehen, was das Digitale uns erlaubt. Die Erkenntnis müsste durchsickern, dass unser In-der-Welt-sein nicht durch das Digitale allein bestimmt ist. Es ist nur eine Form des In-der-Welt-seins, nicht die einzige.

Auf die Philosophie übertragen hieße das: Aus einer Ontologie, also einer möglichen Deutung des Seins, wird eine Metaphysik, das heißt eine starre Auffassung dessen, was das Sein der Dinge und vor allem was uns selbst ausmacht. Wenn das Digitale die ontologische und ethische Deutungshoheit übernimmt, dann wird die Sache auch politisch gefährlich. Das haben wir schon im 19. Jahrhundert erlebt, als das Materielle plötzlich für die alleinige Basis der Realität gehalten wurde. Dadurch entstand der Materialismus – und zwar nicht nur in theoretischer Hinsicht, sondern praktisch-politisch! So nach dem Motto: Was sich nicht der materialistischen Dialektik einschreiben lässt, ist ein rückständiges Denken. Ähnliches steht uns bevor, wenn wir aus dem Digitalen eine dogmatische politische Sicht der Realität machen.

 

Machen sich die Anfänge einer digitalen Ideologie schon im Alltag bemerkbar?

Man bemerkt die Folgen der Ideologisierung in vielerlei Hinsicht: Die Arbeit ist nicht mehr räumlich und zeitlich fest geregelt. Man muss Tag und Nach parat sein. Die Leute starren unterwegs ständig auf ihre Smartphones und unterwerfen sich dem Diktat, online präsent sein zu müssen.

Grundsätzlich leben wir gleichzeitig in Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart. Ich kann mich jetzt mit Ihnen unterhalten, jederzeit zurückgehen in die Vergangenheit und mich auch jederzeit in die Zukunft projizieren. In den Bekenntnissen des Augustinus gibt es ein berühmtes Kapitel über die Zeit, in dem das sehr treffend beschrieben wird: Wir gehen durch das Gedächtnis zurück in die Hallen der Vergangenheit und projizieren uns in die Zukunft. Das gibt uns eine unglaubliche Freiheit über die Gegenwart. Wenn wir diese Möglichkeiten nicht hätten, wären wir gefangen in dem, was im Moment passiert. So jedoch können wir über Dinge sprechen, die es (noch) gar nicht gibt, die aber möglich sind; beispielsweise darüber, was Sie in einer Stunde machen werden. Das Problem ist aber, dass die Gegenwart, das Jetzt, in unserer vom Digitalen bestimmten Gesellschaft zum Maß aller Dinge wird. Es schrumpft alles auf das digitale Jetzt zusammen.

 

Dieses Interview sowie weitere spannende Artikel zum Thema lesen Sie in der Ausgabe DIGITALISIERUNG von agora42.

Was tun? Wie sich befreien vom Druck der digitalen Gegenwart? Den stressigen Job kündigen? Das Smartphone wegwerfen?

Wir stecken in der Klemme. Denn das Digitale ist immer bezogen auf das Jetzt. Sprich: Nur sofern ich in der Gegenwart angesprochen werde, gelte ich etwas – und sofern ich im Gegenwartsmodus handle. Durch dieses Gefangensein in der digital bestimmten Gegenwart entstehen aber schwere soziale und psychische Probleme. Das lässt sich im Familienalltag, aber auch am Arbeitsplatz täglich erleben. Nicht online zu sein, wird als ein Risiko empfunden: Ich könnte etwas verpassen, wenn ich eine Weile mein Handy ausschalte oder gar nicht mitnehme; außerdem erwarten alle, dass ich ständig ansprechbar bin. Wenn man ständig und überall digital vernetzt sein muss und sich auch gar nichts anderes mehr vorstellen kann, ist das ein klares Anzeichen von Freiheitsverlust.

 

Muss dann der gesamte gesellschaftliche Rahmen verändert werden? Und wie gehen wir das an? Demonstrationen? Petitionen?

Dafür bräuchten wir erst einmal wieder einen öffentlichen Raum und eine Gesellschaft, die sich mit anderen Gesellschaften verbunden fühlt. Wir teilen mit anderen Menschen auf vielfältige Weise eine gemeinsame Welt. Diese gemeinsame Welt ist aber in Gefahr zu zerfallen: Aus Möglichkeiten des Zusammenseins drohen Realitäten des Gegeneinanderseins zu werden. Aus der Welt wird sozusagen eine Unwelt und aus freien, sich füreinander einsetzenden Menschen werden in sich verschlossene, von anderen und der gemeinsamen Welt getrennte Egoisten, die nur an sich selbst denken. Das Beunruhigende im Moment ist doch, dass wir den öffentlichen Raum nicht nur mächtigen digitalen Firmen und Staaten, sondern auch digital agierenden Terrorgruppen sowie digitaler Desinformation überlassen haben. Wir haben die Chance verpasst, uns digital-politisch zu organisieren. Wir wissen nicht, wer wir als digitale Gesellschaft sein wollen. Wir können nicht all unsere Straßen privatisieren, unsere Autobahnen und unsere Plätze – aber genau das haben wir in der digitalen Welt gemacht! Die Kraft und die Möglichkeit, selbstständig zu urteilen, gehen immer mehr verloren. Auch das Verschenken von Daten ist keine Lappalie. Es wird zunehmend an anderer Stelle entschieden, wer wir sind. Das Gefühl der Ohnmacht wächst. Alles wird klebrig und stickig.

 

"Das Beunruhigende im Moment ist doch, dass wir den öffentlichen Raum nicht nur mächtigen digitalen Firmen und Staaten, sondern auch digital agierenden Terrorgruppen sowie digitaler Desinformation überlassen haben. Wir haben die Chance verpasst, uns digital-politisch zu organisieren."

 

Rafael Capurro im Gespräch mit Frank Augustin und Tanja Will von agora42.

Wie kann man sich wieder losmachen und sich Luft verschaffen?

Wenn jemand fragt: „Hast du etwas zu verbergen?“, kann man ganz einfach antworten: „Das geht dich nichts an! Ich bestimme, was ich von mir zeige. Punkt.“ Wo kämen wir hin, wenn wir nichts zu verbergen hätten und ständig alles sagen würden? Auch in politischer und ökonomischer Hinsicht wäre das undenkbar. Eine Welt, in der es keine Geheimnisse geben darf, wäre die Hölle. Transparenz und Geheimhaltung gehören zusammen. Übrigens liegt das auch daran, dass ich selbst nicht alles über mich weiß. Ich bin undurchsichtig für mich selbst. Warum soll ich mich preisgeben gegenüber anderen, die genauso undurchsichtig sind wie ich? Die heutige Forderung: „Teile allen alles ständig und überall mit!“ ist daher unethisch und überhaupt nicht lebbar!

 

Es scheint, als würde die Gesellschaft ihren Kitt verlieren. Was geht uns verloren? Oder anders gefragt: Was verbindet uns als Menschen?

Nicht mehr und nicht weniger als ein freies, vertrauensvolles Verhältnis. Freiheit als Vertrauen ist das Bindeglied! Wie können wir also freie Vertrauensstrukturen in der heutigen digitalen Gesellschaft schaffen? Dieser Aufgabe müssen sich die Philosophie und die Politik heute stellen. Im Moment tendieren wir in die entgegengesetzte Richtung: weniger Vertrauen, mehr Kontrolle, weniger Denken, mehr Aktionismus. Die Lage ist brenzlig. Denken braucht Zeit.

 

Herr Capurro, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

 

 

 

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agora42 ist das philosophische Wirtschaftsmagazin und erscheint seit 2009 im Eigenverlag in Stuttgart. Alle drei Monate veröffentlichen wir ein neues Themenheft. Dabei widmen wir uns den großen Fragen der Ökonomie, wie etwa Freiheit, Wachstum, Fortschritt, Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit u.v.m. Anspruchsvoll, aber trotzdem verständlich lassen wir Denker und Praktiker zu Wort kommen, die meist nur in ihren speziellen Fachkreisen gelesen werden – aber deren Erkenntnisse für alle Menschen von Bedeutung sind.

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"Wir dürfen die Technik nicht einfach laufen lassen" – Peter Schaar im Interview

"Wir dürfen die Technik nicht einfach laufen lassen"

Peter Schaar im Interview über schubsende Algorithmen und den Verlust der Privatsphäre

 

Herr Schaar, welche Hoffnungen verbinden Sie mit der Digitalisierung? Was ist ihre größte Errungenschaft? 

Digitale Techniken erleichtern viele Dinge, die unseren Alltag ausfüllen. Sie stehen damit in der Tradition technischer Innovationen, prinzipiell seit der Steinzeit stattfindet. Dies ist grundsätzlich positiv, jedenfalls dann, wenn wir von den neuen Möglichkeiten sinnvoll Gebrauch machen und die Nebenwirkungen im Blick behalten. Mit Sorge erfüllen mich insbesondere das Tempo, mit dem die Digitalisierung sich durchsetzt und die Sorglosigkeit beim Umgang mit ihr. Die damit einhergehenden Risiken werden vielfach ausgeblendet, sowohl im Hinblick auf den Verlust der Privatsphäre als auch im Hinblick auf die mangelnde Zuverlässigkeit und die Verletzlichkeit der Systeme.

 

Persönliche Daten gehen durch globale Netzwerke und gelangen potentiell auch in die Hände Dritter. Welche Auswirkung hat dies auf die Gesellschaft und die Rechte des Einzelnen?

Peter Schaar war von 2003 bis 2013 Bundesbeauftragter für den Datenschutz und die Informationsfreiheit. Seit 2013 ist er der Vorsitzende der Europäischen Akademie für Informationsfreiheit und Datenschutz (EAID). Für sein Buch "Das Ende der Privatsphäre" wurde Schaar 2008 von der Friedrich-Ebert-Stiftung ausgezeichnet. Bild: Wikipedia, Alexander Klink, CC-BY 3.0

Wenn mit den traditionellen Instrumenten des Datenschutzes konkrete Missbrauchsfälle verhindert werden können, ist das zwar erstmal gut, reicht aber angesichts der alle Bereiche durchdringenden Digitalisierung bei weitem nicht aus. Schon jetzt sehen wir, dass immer mehr Daten bei sehr wenigen Unternehmen und mächtigen Geheimdienstzentralen zusammenlaufen. Dieses strukturelle Problem ist bisher nicht gelöst, denn die Entwicklung läuft weiterhin auf immer größere Machtkonzentration in wenigen Händen hinaus. Die Menschen – aber auch kleinere Unternehmen – werden dadurch für die großen Plattformanbieter und ggf. auch für staatliche Stellen sehr transparent, während niemand wirklich weiß, was mit diesem Wissen geschieht. Informationelle Selbstbestimmung – ein Begriff, den wir in Deutschland synonym zum Terminus "Datenschutz" verwenden –setzt aber voraus, dass der Einzelne darüber informiert ist, wer was über ihn weiß. Wenn wir immer stärker von datengefütterten Algorithmen gesteuert oder geschubst werden (Nudging), entsteht ein erheblicher Konformitätsdruck. Dieser zweifelhafte Effekt wird noch dadurch verstärkt, dass wir vielfach nicht einmal wahrnehmen, dass wir gerade Gegenstand einer automatisierten Entscheidung werden, oder von einer Entscheidung, die zwar formell noch von einem Menschen getroffen wird, die aber auf einem intransparenten Scorewert beruht. Schließlich stellt sich die Frage, inwieweit wir unter derartigen Bedingungen zukünftig überhaupt noch frei entscheiden können.

 

Mit dem Ausbau der Technik wächst auch die Abhängigkeit von ihr. Bestseller wie "Blackout" von Marc Elsberg zeigen, dass das Unbehagen gegenüber lebenswichtigen High-tech-Versorgungssystemen wächst. Brauchen wir mehr low-tech?

Wir dürfen die Technik nicht einfach laufen lassen. Dort, wo negative Effekte eingetreten oder zu befürchten sind, ist mehr gesellschaftliche Einflussnahme auf die Gestaltung der Systeme gefragt. In diesem Zusammenhang stehen auch rechtliche Regeln auf der Tagesordnung. Auf EU-Ebene gibt es zum Glück eine neue Datenschutzverordnung, die in allen Mitgliedsstaaten gilt. Sie sieht bei riskanten Techniken Datenschutzfolgenabschätzungen vor und sie verpflichtet Unternehmen und staatliche Stellen dazu, Datenschutzmechanismen in frühzeitig die Systeme zu integrieren (Privacy Byte Design). Eine sinnvolle Gestaltungsmaßnahme kann auch ein Downsizing sein. Nicht jeder Gegenstand, nicht jedes technische System muss vernetzt sein und nicht sämtliche Daten müssen zwangsläufig in der Cloud landen. Zudem muss sich jeder Mensch und jedes Unternehmen letztlich mit der Frage auseinandersetzen, wie weit sie sich von verletzlichen Techniken abhängig machen. Gerade die Vorfälle der letzten Wochen haben gezeigt, welche Konsequenzen sich aus einem ziemlich besinnungslosen Technikeinsatz ergeben können.

 

Big Data, Blockchain, KI und Co. geben keine Antwort darauf, wie wir in Zukunft leben wollen. Gesellschaftliche Utopien sind im Vergleich zu Technikutopien gerade Mangelware. Wie möchten Sie im technikgeprägten Zeitalter leben?

Zentrale Werte und auch Grundrechte unserer Gesellschaft werden doch nicht deshalb obsolet, weil technische Systeme es ermöglichen oder gar erfordern, davon abzuweichen. Wir brauchen deshalb eine sehr viel breitere Debatte darüber, wie Technik in unserer Gesellschaft eingesetzt werden soll. Dazu gehört auch ein bewusster Abschied von Gewohnheiten, die in den letzten Jahren eingerissen sind. Dazu gehört etwa der Wahn von der jederzeitigen Erreichbarkeit und Verfügbarkeit.

 
 
 
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Digitalisierung bringt kritische Reflexion an Orte, an denen vorher nur konsumiert wurde – Interview mit Pascal Suckow

agora42_DigitalisierungAnlässlich der neuen agora42 DIGITALISIERUNG haben wir ausgewählten Personen zum Thema ein paar Fragen gestellt. Hier die Antworten vom Bodybuilder Pascal Suckow:

 

Digitalisierung bringt kritische Reflexion an Orte, an denen vorher nur konsumiert wurde

Pascal Suckow im Interview

Pascal Suckow

Pascal Suckow über die Chancen der Digitalisierung, die Zunahme kritisch-reflektierter Nutzer sowie das Smartphone als Einnahmequelle.

 

Herr Suckow, welche Hoffnungen verbinden Sie mit der Digitalisierung?

Mit jeder Art der Veränderung ergeben sich nicht nur Einschränkungen, sondern auch Chancen: Mit der Digitalisierung stehen neue Möglichkeiten der Informationsbeschaffung, der Kanalisierung von Aufmerksamkeit und damit auch die Möglichkeit sich als Individuum zu entfalten, den Einschränkungen entgegen. Ich hoffe, angesichts der Fake-News und Steuerungsversuche mächtiger Interessensvertreter, entwickelt der Konsument ein stärkeres Bewusstsein für die Bewertung von Quellen. Wir sind mehr denn je gezwungen, die Themen, die sich in unserem Aufmerksamkeitsfokus befinden, mit Abstand zu betrachten – auch wenn sie augenscheinlich so klar und einfach formuliert sind. Ich sehe nun auch in weniger privilegierten Gesellschaftsgruppen eine kritische Haltung gegenüber Informationen und vermeintlichen Autoritäten. Dies habe ich nicht immer so wahrgenommen...

 

Was erachten Sie als die größte Bedrohung durch die Digitalisierung?

Ich denke die Digitalisierung bedroht uns nicht, sie bereichert uns. Es ist jedoch eine gesellschaftspolitische Antwort auf diese, wenn man so will, „vierte industrielle Revolution“ notwendig. Es gibt eine Vielzahl an Menschen „dazwischen“, die nicht verstehen was sich nun abspielt. Diese Menschen müssen mitgenommen werden und dürfen nicht mit ihrem überholten gesellschaftlichen Verständnis orientierungslos in 2020 verbleiben. Für mich ist es eine Erleichterung meine Steuererklärung online einzureichen, für meine Eltern hingegen eine Qual.

 

Wir verbringen mehr Zeit vor dem Computer, als in der Natur, mehr Zeit im virtuellen Schriftverkehr, als mit echten Gesprächen – Wie verändert uns dieses digitale Lebensumfeld?

Pascal Su Bodybuilding

Pascal Suckow ist Psychologie-Student, begeisterter Bodybuilder und aktiver YouTuber. Sein Video "Abrechnung mit der Fitness Jugend" überraschte und erfreute uns zugleich.

Das Smartphone hat keine Lücke gefüllt, die zuvor leer war, sondern hat andere Tätigkeiten abgelöst und im Umgang mit Situationen mehr Effizienz gebracht. Der Mensch, der sich gern in echte Gespräche stürzt, wird diese auch heute noch dem virtuellen Schriftverkehr vorziehen. So gern ich die Aussage der Frage weiterhin hinterfragen würde, stößt mir im ersten Gedanken ein ökonomisches Effizienzdenken auf, welches rigoros auf soziale Beziehungen ausgeweitet wird. Wenn die Anzahl der Likes in sozialen Medien kein unverbindliches Merkmal von Zuwendung, sondern eine ökonomische Messgröße für das eigene Wohl werden, dann könnte man vorsichtig ein Problem der Effekte der Digitalisierung vermuten. Ernsthafter wird es, wenn nach dem Aufstehen der erste prüfende Blick auf die Benachrichtigungsleiste im Smartphone geht: Dies verführt schnell in eine Rastlosigkeit, deren Ursache den meisten gar nicht zugänglich ist.

 

Big Data, Blockchain, KI und Co. geben keine Antwort darauf, wie wir in Zukunft leben wollen. Gesellschaftliche Utopien sind im Vergleich zu Technikutopien gerade Mangelware. Wie möchten Sie im technikgeprägten Zeitalter leben?

Aufgeklärt und inmitten eines globalisierten Verständnisses von Humanismus. Hierzu hilft die Technik, denn sie bringt kritische Reflexion an Orte, an denen vorher nur konsumiert wurde. Wenn der Konsument mündig wird, sich dem Wert seiner Daten bewusst und sich seiner Position im ökonomischen, sowie auch gesellschaftlichen Gefüge klarer wird, dann wird er ein besseres Leben führen können. Ob sich dies nun subjektiv besser anfühlt, bezweifle ich, jedoch birgt dies Effekte auf unsere Perspektive, auf unseren Aufmerksamkeitsfokus: Dieser schließt dann vielleicht Orte und Gruppen ein, die uns bisher unzugänglich blieben. Heute kann ich mit meinem Smartphone Geld verdienen, egal von wo. Wenn diese Erkenntnis auch Bevölkerungsgruppen erreicht, die das gegenwärtig noch für utopisch halten, dann ist ein wenig für das Gleichgewicht getan.

 
 
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Über blöden Komfort und falsche Helden – Wolfgang Schmidbauer

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Über blöden Komfort und falsche Helden

von Wolfgang Schmidbauer

 

Warum erkennen Menschen das Richtige, billigen es – und tun dann doch das Falsche? Diese Frage wurde viele hundert Jahre lang von Moralisten gestellt (Der römische Dichter Ovid schrieb: „Das Bessere seh ich und lob ich, Schlechterem folget das Herz.“) und bezog sich auf das Handeln von Individuen, die beispielsweise wissen, dass Ehebruch verboten ist, diese moralische Haltung auch gegenüber ihrem Partner vertreten – und dann fremd gehen. Heute beschäftigt uns angesichts des Widerspruchs zwischen gutem Wissen und schlechtem Tun weniger die Moral von Individuen als die Stabilität von Staaten, der Erhalt der Biosphäre, globale Energie- oder Schuldenkrisen.

 

Fast alle Konsumgesellschaften treiben Raubbau an der Gegenwart, verbrauchen mehr Rohstoffe und Energieträger, als nachwachsen, und zahlen die Zinsen für ihre Kredite durch neue Schulden. Wer einen kleinen Kredit haben will und keine Sicherheit bietet, geht leer aus; wer einen Staat führt und nicht die geringste Wahrscheinlichkeit geltend machen kann, dass er dessen Schuldenlast mindern wird, kann sich geraume Zeit hohe Summen leihen.

Wenn uns gegenwärtig unsere Intelligenz nicht daran hindert, Atomkraftwerke zu bauen, Tropenwälder zu roden und die Ozonhülle zu schädigen, dann zeigt das, dass die materiellen Strukturen, die solche Entwicklungen bedingen, stärker geworden sind als die menschliche Einsicht. Zu den dümmsten Aussagen über Technik gehört die, sie sei neutral, es komme darauf an, was der verantwortliche Mensch mit ihr mache. Neutral ist Technik nur, solange sie nicht vorgaukelt, es gäbe einen Gewinn an Macht ohne Kosten. In der Konsumgesellschaft wird Technik systematisch benützt, um süchtig zu machen; kommerziell erfolgreiche Waren beruhen weitgehend auf solchen Mechanismen.

 

"In der Konsumgesellschaft wird Technik systematisch benützt, um süchtig zu machen."

 

In der Fabel Der Ziehbrunnen aus China lehnt ein weiser alter Mann den Hebelbrunnen ab, weil er fürchtet, durch seine Benutzung selbst wie eine Maschine zu funktionieren. Günter Anders hat in seinem Buch Die Antiquiertheit des Menschen (1956) diesen Gesichtspunkt der Ansteckung durch die Maschine um den Aspekt der Beschämung durch sie ergänzt. Seine Formulierungen über die „prometheische Scham“ beschreiben die Reaktion auf Produkte angehäufter, überindividueller menschlicher Erfindungskraft, vor der die eigenen Fähigkeiten kümmerlich erscheinen. Diese Einwände gehören in eine Zeit, in der sich das selbstkritische Individuum noch von den regressiven Reizen der Konsumgesellschaft abgrenzen konnte (Regression – hier: unbewusster Rückgriff auf kindliche Verhaltensmuster).

Heute überwiegen Verschmelzungen mit den Maschinen, deren übermenschliche Qualitäten schamlos zur Steigerung des eigenen Machtempfindens und der Verwöhnungsbedürfnisse dienen. Solange Automobile, Handys und Laptops komfortabler werden, sind wir abgelenkt nachzudenken, ob sie nicht prinzipiell unbekömmlich für den Menschen sind. In der Verschmelzung und Identifizierung mit scheinbar immer fortschrittlicheren Produkten ist das erschlichene Machtgefühl nicht mehr erkennbar. Der Konsument ist Sieger, wenn nicht über die düstere Zukunft, dann doch über die hoffnungslos rückständige Vergangenheit, in der beispielsweise ein Auto noch eine Handkurbel hatte, um es anzuwerfen, ein Motorrad mit einem Fußtritt gestartet wurde, ein Fotoapparat mithilfe eines Daumendrucks den Film transportierte oder eine Uhr aufgezogen wurde und nicht alle zwei Jahre eine Portion Batteriegift in die Umwelt entließ.

"In der Welt der stummen Diener ist es selbstverständlich, dass die kleinste Unbequemlichkeit von einem geräuschlosen Servomotor beseitigt wird."

 

Wären sie nicht selbst Teilhaber an diesem selbstverständlichen Machtgewinn, dann würden die Intellektuellen und die Angehörigen helfender Berufe (Ärzte, Sozialarbeiter, Therapeuten etc.) öfter darauf hinweisen, wie wenig die Warenverwöhnungen auf die unausweichlichen Enttäuschungen des Lebens vorbereiten. Die Gefahr wächst, dass erträgliche, unter Umständen sogar entwicklungsfördernde Einschränkungen in der Konsumgesellschaft wie unerträgliche Frustrationen erscheinen, die nach sofortiger Rache schreien. Neue Kategorien wie Mobbing und Stalking signalisieren, dass es den Menschen schwerer geworden ist, Kränkungen zu verarbeiten. Schließlich ist es in der Welt der stummen Diener um uns herum selbstverständlich, dass die kleinste Unbequemlichkeit von einem geräuschlosen Servomotor beseitigt wird. In einem gesellschaftlichen Klima, das die eigene Bequemlichkeit zum sittlichen Gut erklärt, ist Vertrauen schwerer zu haben als alles andere. Dabei wirkt die Warenbotschaft nachhaltiger als die ethische Erziehung, die nach wie vor Gemeinwohl, Altruismus und Vertrauensbeziehungen betont.

Wer die regressiven Neigungen der Konsumenten fördert und ausbeutet, macht mehr Umsatz und kann mehr Geld in Reklame investieren, die den Absatz seines Schundes weiter steigert. Die Ware programmiert den Konsumenten. Angesichts einer Störung fällt ihm nichts ein, weil er weder weiß, wie sein Gerät funktioniert, noch dieses ihm irgendetwas beigebracht hat. Dumme Dinge sagen uns nichts über ihr Innenleben und helfen uns nicht, aus ihren Störungen zu lernen. Der Konsument soll sie wegwerfen und das nächste Produkt kaufen, ohne nachzudenken.

2013-02_agora42-Wohlstand Cover

Dieser Artikel ist erstmals in agora42 WOHLSTAND erschienen.

Wer heute mit Ärzten spricht, kommt bald auf ein Thema, das vielen engagierten, nicht primär am Gelderwerb interessierten Medizinern die Freude am Beruf vergällt. Patienten wollen zwar ihre Gesundheit wiederhaben, aber auf nichts verzichten. Der Doktor soll doch, wozu verfügt er über diese wunderbaren Apparate und Medikamente, die Depression wegzaubern, das Herz in Ordnung bringen, die chronische Bronchitis wegschaffen, aber bitte ohne eigenes Bemühen, ohne den Verzicht auf Zigaretten und Alkohol. Hat er nichts Angenehmes zu sagen? Dann kaufe ich mir einen anderen Experten! Der Medizin sind Leistungen möglich, die der menschlichen Mobilität in einem Zweisitzer mit Zwölfzylindermotor entsprechen – die dritte Herztransplantation, Operationen im Greisenalter, die Rettung von Unfallopfern, die dann ein halbes Menschenleben im Koma liegen. Dabei gerät aus dem Blick, dass der Verzicht auf Junkfood, Zuckergetränke und Genussgifte sowie mehr Bewegung nachweislich mehr für die Lebensqualität der Bevölkerung leisten als alle chirurgischen und medikamentösen Neuerungen. Wir haben längst angefangen, eine durch Alkoholismus bedingte Leberzirrhose durch die Transplantation eines neuen Organs zu „heilen“ und Fettsüchtige dadurch zu behandeln, dass ihnen ein Stück Dünndarm herausgeschnitten wird. Die Solidargemeinschaft der Versicherten inszeniert so ihre eigene Auflösung.

Weil das neue Auto über 230 Stundenkilometer schnell ist und einen Motor von jener Stärke hat, die sonst einen Omnibus bewegt, braucht es Antiblockiersysteme, Gurtstraffer, Airbags rundum, einen Seitenaufprallschutz und ein denkendes Fahrwerk. Um zu verhindern, dass die machtvoll getriebenen Reifen beim Anfahren verheizt werden, ist eine Antriebsschlupfregelung eingebaut. Wer sich auf diese faszinierende Absurdität einlässt, ist von vertrauten Problemen und vertrauten Lösungen umgeben; er fühlt sich in der Beschäftigung mit einer lebensgefährlichen Maschine, die seinen Kindern Erde und Luft wegnimmt, geborgen.

Solche Exempel dokumentieren die Verwundbarkeit der Industriegesellschaft. Ein gut konstruiertes Auto oder Motorrad fasziniert uns wie ein Kunstwerk, das wir andächtig streicheln, begehren und nutzen. Diese emotionalen Reaktionen sind in einer handwerklich strukturierten Welt angemessen, in der es wenige solcher Dinge gibt und ihr ökonomisches Umfeld ihre herausgehobene Stellung rechtfertigt. In der Konsumgesellschaft ist es möglich geworden, diese Dinge massenhaft zu erzeugen. Da dies nur auf Kosten des ökologischen Gleichgewichts möglich ist, werden die geweckten Ansprüche zu einer schweren Hypothek.

 

Digitale Angebote verdummen mehr, als dass sie stimulieren.

 

Der Ulmer Nervenarzt Manfred Spitzer beschreibt die destruktiven Wirkungen eines übermäßigen Bildschirmkonsums auf die geistige Entwicklung von Kindern und Erwachsenen. Eines seiner Beispiele sind vergleichende Untersuchungen an Taxifahrern in London. Seit diese sich mithilfe elektronischer Hilfsmittel orientieren, müssen sie nicht mehr rund 20.000 Straßennamen lernen und räumlich zuordnen. Parallel dazu haben sich die für solche Funktionen zuständigen Gehirnareale messbar verkleinert.

Kinder, denen amerikanische Forscher 2010 eine Spielkonsole schenkten, verschlechterten sich bereits nach vier Monaten in ihren Schulleistungen, wenn sie mit Kindern verglichen wurden, die ohne solche Ablenkung in die Schule gingen. Ähnliche Studien gibt es über die Folgen von Gewaltspielen auf die Empathiefähigkeit.

Es ist Spitzer vorgeworfen worden, dass er mögliche positive Wirkungen von Computern auf die geistige Leistungsfähigkeit ignoriert. Aber solche Hinweise sollten nicht dazu führen, seine gut begründeten Einwände gegen die Verwöhnungen einer durch Mausklick und Joystick beherrschten Bildschirmwelt zu ignorieren.

Ähnlich wie Politiker vor Einführung des Privatfernsehens geistige Anregung und vielfältige Informationen versprachen, während die Realität der vielen Kanäle doch ein Überwiegen primitivster Unterhaltung zeigt, scheinen die verdummenden Folgen der digitalen Angebote mehr Wucht zu entfalten als die stimulierenden.

Überall, wo uns der Wohlstand geistige oder körperliche Übung abnimmt, wird er auch gefährlich. Er unterstützt Entwicklungen, die zur Sucht führen. Das beschränkt sich nicht auf Details wie das Übergewicht und den Diabetes, die nach einer von Spitzer zitierten Studie zu einem Sechstel auf die digitalen Medien zurückzuführen sind.

 

Das eigene, „veraltete“ Produkt wird zum Feind, die Dinge ziehen in den Krieg.

 

Die Logik der Dinge in der Konsumgesellschaft hängt mit der globalisierten Nachfrage zusammen; diese wiederum wird durch die Fortsetzung nationalistischer Eroberungspläne mit anderen Mitteln geprägt. Besonders deutlich ist diese Situation in der japanischen Industrie.

Die Japaner übertrugen nach ihrer dramatischen Niederlage im Zweiten Weltkrieg und ihrem Verzicht auf eigene Waffenproduktion die Prinzipien der Rüstungsindustrie auf die Konsumgüterproduktion. So überwältigten sie die Wirtschaft ihrer Wettbewerber. Einige Jahre lang blickten die Festredner der deutschen optischen Industrie vom hohen Ross ihrer traditionsreichen Marken auf die japanischen „Billigkopien“. Ehe sie sich besonnen hatten, waren sie erledigt. Eine Entwicklung, die damals begann, prägt heute fast alle Konsumgüter. Selbst wo der Markt nicht von Japan bestimmt ist, wirkt er doch japanisiert. Das eigene, „veraltete“ Produkt wird zum Feind, die Dinge ziehen in den Krieg.

Wenn die gesamte Produktion sich gewissermaßen auf Kriegszustand einstellt, gewinnt sie gegenüber anderen Produzenten einen kurzfristigen Vorteil, dessen langfristige Nachteile erst später bemerkbar werden. Im Krieg sind viele – manche denken alle – Mittel erlaubt, den Feind zu schädigen. Er erzieht zur Rücksichtslosigkeit gegenüber den Ressourcen und zur Schamlosigkeit, mit der Zwecke die Mittel heiligen.

Die Militarisierung in der Konsumgüterproduktion führt zu sehr widersprüchlichen, gelegentlich absurd anmutenden Konsequenzen. Beispielsweise werden für Fahrräder Schnellspannnaben angeboten. Sie sind für Rennsportler sinnvoll, die ein defektes Rad rasch auswechseln müssen. In Rädern, die an einer Straßenlaterne geparkt werden, erfreuen Schnellspanner Diebe, welche mit einem Griff ein teures Laufrad mitnehmen können. So wurde eine Schnellspannnabe entwickelt, die zugesperrt werden kann.

 

Wir bräuchten Dinge, die unseren kritischen Bezug zur Wirklichkeit verbessern.

 

Wir bräuchten Dinge, die unseren kritischen Bezug zur Wirklichkeit verbessern, die vernünftige Verhältnisse zwischen Aufwand und Ertrag sinnfällig machen. Wir kaufen Dinge, die uns Verschwendung, Sucht nach maximaler Bequemlichkeit, Angst vor Anstrengung und Größenfantasien jeder Art beibringen.

Wer Konsumgüter von 1956 mit denen der Gegenwart vergleicht, findet eben so viele Rückschritte wie Fortschritte. Die verwirrende Vielfalt, die technische Extravaganz sind Belege für den Vorstoß der Ware in eine Zone, in der sie der Konsument nicht mehr erfassen, durchschauen, reparieren und zu hundert Prozent nutzen kann. Die typische Ware des Grenznutzens wird der Käufer in seinem Leben so wenig brauchen können wie einen Ferrari im Stadtverkehr.

Die modernen Konsumgüter entwickeln sich in zwei Richtungen. In beiden streben sie in die Todeszone des Grenznutzens, wo die Luft dünn wird. Einmal werden sie immer komfortabler, idiotensicher, nehmen uns alles ab. Die Funkuhr muss nicht einmal mehr auf die Sommerzeit gestellt werden. In Autos sind Apparate eingebaut, die einen Stadtplan ersetzen. Die Benutzeroberfläche erlaubt es bereits Kindern, einen Computer zu bedienen. Andererseits werden aber die Geräte immer komplizierter. Bei einer britischen Firma ergab eine Untersuchung, dass die Hälfte der als defekt eingeschickten Videokameras völlig in Ordnung war. Die Kunden hatten die Anleitung nicht verstanden. Obwohl die vorhandene, noch tadellos funktionierende Produktgeneration ihren Zweck perfekt erfüllt, werden neue Modelle angeboten, mit Millionenaufwand vermarktet und gekauft.

Während die Produzenten von lebensnotwendigen Gütern Bedürfnisse befriedigen, die immer wieder spontan entstehen (wie Hunger, Durst, Schutz vor Witterung), achten die Hersteller von Konsumgütern darauf, Abhängigkeiten zu schaffen. Eine davon ist die Undurchschaubarkeit: Nur der vom Hersteller ausgebildete Spezialist, der in aller Regel auch am Verkauf des Produkts und der Ersatzteile verdient, verfügt über genügend Kenntnisse, um Störungen zu beheben. In diese Richtung sind wir in zentralen Gebieten der Technisierung mit Riesenschritten marschiert.

James Bond ist ein Held der Konsumgesellschaft. Er bildet sich auch noch etwas darauf ein, dass er keines der Wunderdinge versteht, mit denen er seine Feinde narrt. Er kann keines reparieren; daher wechseln die Gadgets so schnell wie die Szenen und lösen sich in Explosionen auf.

 

Konsumismus schädigt nicht nur die Umwelt, sondern macht Menschen auch süchtig, primitiv und dumm.

 

1972 führte ich in meinen Buch Homo consumens aus, dass der Konsumismus nicht nur die Umwelt schädigt, sondern Menschen auch süchtig, primitiv und dumm macht – ein Plädoyer gegen die Konsum-Demenz. Seither verfolge ich die Differenzierungen der Kritik am blinden Wachstum, die unterschiedlichen akademischen Beiträge zur Ökologie, das Entstehen und Vergehen von Lösungsvorschlägen. Am meisten beeindruckt hat mich die Geduld und Gründlichkeit von Elinor Ostrom, die erforscht hat, unter welchen Bedingungen Menschen die Welt um sich herum stabilisieren können, indem sie sich untereinander einigen. Ostrom weist auch immer wieder darauf hin, wie gefährlich Patentrezepte und Ehrgeiz werden, auch wenn die Ideale untadelig sind, an denen sie sich orientieren.

Ich vermute, dass die Zeit vorbei ist, in der Menschen, von großen Idealen begeistert, den Planeten eroberten, Eingeborene missionierten und Kolonien gründeten. Die Menschheit hat ihre Grenzen gefunden, auch wenn sie das noch nicht wahrhaben mag. Sie wird auf dieser Erde bleiben, Eroberung ist Zerstörung geworden, die Pflege der Räume um uns herum die einzige Chance, einen sicheren Ort zu finden und zu behalten.

 

Wolfgang Schmidbauer ist Psychonanalytiker und Schriftsteller. Er gilt als einer der ersten Kritiker der Konsumgesellschaft aus ökologisch-psychologischer Sicht (Homo consumens, 1972; Jetzt haben, später zahlen, 1995).

 

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