Zwischen Himmel und Hölle – Rafael Capurro im Interview

Zwischen Himmel und Hölle

Inter­view mit Rafa­el Capur­ro

Rafa­el Capur­ro ist Infor­ma­ti­ons­ethi­ker und Phi­lo­soph. Mit agora42 sprach er über das In-der-Cyber­welt-sein, die engels­ar­ti­ge Vor­stel­lung vir­tu­el­ler Intel­li­gen­zen, den digi­ta­len Daten-Kapi­ta­lis­mus des 21. Jahr­hun­derts, das Recht Din­ge ver­ber­gen zu dür­fen und die Chan­ce der Zivil­ge­sell­schaft sich digi­tal-poli­tisch zu orga­ni­sie­ren.

 

Herr Capur­ro, vor 20 Jah­ren haben Sie die The­se auf­ge­stellt, dass sich im Zuge der Digi­ta­li­sie­rung eine vir­tu­el­le Welt her­aus­bil­den wird, die für uns bedeu­ten­der als die rea­le Welt wer­den könn­te. Woher rühr­te die­se Begeis­te­rung fürs Vir­tu­el­le?

Damals herrsch­te eine Auf­bruch­stim­mung: Beson­ders die Erfin­dung des Inter­nets und spä­ter des World Wide Web hat alle begeis­tert. John Per­ry Bar­low rief 1996 die Decla­ra­ti­on of the Inde­pen­dence of Cyber­space aus. Der Cyber­space erschien vie­len als ein vir­tu­el­ler Raum, der nichts mit der mate­ri­el­len Welt zu tun hat. Dabei war die vir­tu­el­le Welt natür­lich gar nicht so unab­hän­gig von der mate­ri­el­len Welt, wie es den Anschein mach­te: Der Com­pu­ter, die bits wie auch die mathe­ma­ti­schen Sym­bo­le 0/1, die in das elek­tro­ma­gne­ti­sche Medi­um ein­ge­prägt wer­den, die­ses Medi­um also „in-for­mie­ren“ – das ist alles Ener­gie und Mate­rie. Aber das wur­de aus­ge­blen­det. Man war fas­zi­niert vom Imma­te­ri­el­len.

Das Gan­ze hat­te etwas Meta­phy­si­sches: Es ging um die Erret­tung des Men­schen aus der schnö­den Welt hier unten und das Empor­stei­gen in die Höhen des Cyber­space. Eine gan­ze Gene­ra­ti­on hat das zu Beginn so erlebt. Damals dach­ten wir wirk­lich, es gäbe zwei getrenn­te Wel­ten, eine vir­tu­el­le und eine mate­ri­el­le.

 

Kön­nen Sie die Fas­zi­na­ti­on des Imma­te­ri­el­len genau­er beschrei­ben?

Das Inter­net erweck­te den Ein­druck, als kön­ne man sich von Raum, Zeit und Mate­rie lösen, als kön­ne man an ver­schie­de­nen Orten gleich­zei­tig sein. Wir bewe­gen uns hier wie­der im Bereich der Meta­phy­sik, in einer Welt des Jen­seits, in der die Kate­go­ri­en des Dies­seits – Raum, Zeit und Mate­ria­li­tät – nicht gel­ten. So dach­te ich damals, die Unter­schei­dung von Mate­rie und Geist wür­de in der Tren­nung von Hard­ware und Soft­ware wie­der auf­tau­chen. Ich habe Soft­ware sogar mit der mate­rie­lo­sen Seins­wei­se von Engeln (vom Grie­chi­schen ange­los = Bote) ver­gli­chen – also mit der mit­tel­al­ter­li­chen Vor­stel­lung engels­glei­cher, von der Mate­rie getrenn­ter Intel­li­gen­zen. Intel­li­gen­tiae sepa­ra­tae war der Begriff, den die mit­tel­al­ter­li­chen Phi­lo­so­phen dafür gebrauch­ten. Ist Soft­ware in die­sem Sin­ne nicht kör­per­los? Ist das In-der-Cyber­welt-sein nicht bei­na­he engels­ar­tig? Ich dach­te, dass die Lücke, die der Ver­fall der Reli­gio­nen und der Meta­phy­sik hin­ter­las­sen hat­te und die nicht mehr durch engels­glei­che Boten zwi­schen Gott und dem Men­schen aus­ge­füllt wird, durch das In-der-Cyber­welt-sein geschlos­sen wer­den könn­te.

 

Ist Soft­ware in die­sem Sin­ne nicht kör­per­los? Ist das In-der-Cyber­welt-sein nicht bei­na­he engels­ar­tig?”

 

War das Inter­net so etwas wie ein moder­ner Gott?

Nein, denn wir haben es selbst erschaf­fen. Das macht den tech­no­lo­gi­schen Mythos doch gera­de aus: Wir schaf­fen selbst eine Intel­li­genz, die in man­cher Hin­sicht mäch­ti­ger ist als die mensch­li­che, aber nicht gött­lich. Das führ­te auch zu der Fra­ge: Wie bestim­men wir uns selbst in der digi­ta­len Moder­ne? Im Mit­tel­al­ter wur­de der Mensch als ein Grenz­we­sen defi­niert, das zwi­schen dem Geis­ti­gen und dem Ani­ma­li­schen steht und sich sowohl durch sei­ne tie­ri­sche Her­kunft als auch durch sei­nen gött­li­chen Geist defi­niert. Im 19. Jahr­hun­dert war aber im Abend­land von Gott und Engeln nicht mehr viel übrig geblie­ben. Nach unten konn­ten wir uns über die Evo­lu­ti­on, das heißt unse­re tie­ri­schen Wur­zeln defi­nie­ren. Nach oben aber war nichts mehr da, wor­an wir uns ori­en­tie­ren konn­ten. Da kam die Vor­stel­lung eines Cyber­space wie geru­fen – eine vir­tu­el­le Intel­li­genz, die über uns steht, die wir tech­no­lo­gisch erschaf­fen und die nicht theo­lo­gi­scher Her­kunft ist. Ähn­lich war im Mit­tel­al­ter die phi­lo­so­phi­sche Funk­ti­on der Engel: Der Ver­gleich zwi­schen Gott und Mensch war per defi­ni­tio­nem nicht mög­lich, weil Gott das Unver­gleich­ba­re ist; also muss­te man nach etwas suchen, was zwi­schen Gott und dem Men­schen steht, was uns nicht gleicht, aber trotz­dem nicht so weit weg von uns ist wie Gott.

 

Der Engel ist vom Kör­per befreit. Ist das nicht auch die Vor­stel­lung, die dem berühm­ten Gedan­ken­ex­pe­ri­ment „Gehirn im Tank“ zugrun­de liegt?

Ein Grin­sen ohne Kat­ze ist wie ein Den­ken ohne Kör­per.”

Genau. Der fran­zö­si­sche Phi­lo­soph Jean-François Lyo­tard hat die Fra­ge gestellt, ob man ohne Kör­per den­ken kann. Wow, was für eine Fra­ge! Das riecht stark nach Engel! Aber als leib­li­che Wesen kön­nen wir uns ein Den­ken ohne Kör­per nicht vor­stel­len. Lewis Car­roll erzählt in Ali­ce in Wun­der­land die schö­ne Geschich­te von der Grin­se-Kat­ze, die lang­sam ver­schwin­det: „‚So etwas!’ dach­te Ali­ce; ‚ich habe schon oft eine Kat­ze ohne Grin­sen gese­hen, aber ein Grin­sen ohne Kat­ze! Das ist doch das Aller­selt­sams­te, was ich je erlebt habe!’“ Ein Grin­sen ohne Kat­ze ist wie ein Den­ken ohne Kör­per.

 

Von der anfäng­li­chen Begeis­te­rung für die unbe­grenz­ten Mög­lich­kei­ten des Inter­nets ist aller­dings nicht viel übrig geblie­ben, oder?

Mit dem Auf­kom­men des World Wide Web hat­te man geglaubt – und eini­ge glau­ben das auch heu­te noch –, eine Super­in­tel­li­genz schaf­fen zu kön­nen, die uns ein neu­es Mit­ein­an­der ermög­licht. Die gan­ze Welt soll­te vom Netz über­zo­gen sein und von der digi­ta­len Gesell­schaft pro­fi­tie­ren, alles soll­te geteilt wer­den kön­nen, nichts soll­te etwas kos­ten. Tat­säch­lich ist in kur­zer Zeit unglaub­lich viel pas­siert: Nach­rich­ten wur­den plötz­lich nicht mehr one-to-many ver­teilt, das heißt aus­ge­hend von zen­tra­len Insti­tu­tio­nen wie den Mas­sen­me­di­en oder dem Staat an alle ande­ren, son­dern jeder konn­te many-to-many oder few-to-many oder few-to-few messa­ges ver­tei­len.

Dann ist es aber schnell ans Ein­ge­mach­te gegan­gen: Gro­ße Kon­zer­ne wit­ter­ten Macht und Geld und besetz­ten alle digi­ta­len Kanä­le. Heu­te bestim­men Zucker­berg, Goog­le, Ama­zon & Co. was im Inter­net gesagt wer­den darf und was nicht. Es ist eine halb-öffent­li­che Moral ent­stan­den, die sich um demo­kra­ti­sche Regeln und Ver­fah­ren nicht schert. Wenn ich die Erwar­tun­gen und Hoff­nun­gen, die ich vor zwan­zig Jah­ren hat­te, mit den heu­ti­gen Gege­ben­hei­ten ver­glei­che, ist das, als ob sich der Him­mel in die Höl­le ver­wan­delt hät­te. Denn die Höl­le haben wir nun offen­bar: Über­wa­chungs­ge­sell­schaft, Geheim­diens­te, Big Data etc. Das alles kam in den letz­ten Jah­ren wie eine Lawi­ne über uns und zer­stör­te die Träu­me der 90er-Jah­re. Was machen wir jetzt? Dar­auf haben wir noch kei­ne halb­wegs ver­läss­li­che Ant­wort. Der Staat ist gegen­über den digi­ta­len Rie­sen ziem­lich macht­los und die Fir­men küm­mern sich um ihren Pro­fit. Wir kön­nen nicht erwar­ten, dass die IT-Gigan­ten sich um das Wohl der Mensch­heit küm­mern: Wel­ches Unter­neh­men wür­de schon ein gutes Geschäft aus­schla­gen? Die rules of fair play müs­sen stets im Diens­te des Pro­fits ste­hen.

 

Wir kön­nen nicht erwar­ten, dass die IT-Gigan­ten sich um das Wohl der Mensch­heit küm­mern: Wel­ches Unter­neh­men wür­de schon ein gutes Geschäft aus­schla­gen?”

 

Rafa­el Capur­ro wur­de 1945 in Uru­gu­ay gebo­ren. Er stu­dier­te Geis­tes­wis­sen­schaf­ten und Phi­lo­so­phie in Chi­le und Argen­ti­ni­en als Mit­glied des Jesui­ten­or­dens (1963–1970) und erlang­te 1971 den Grad eines Lizen­ti­ats der Phi­lo­so­phie an der Uni­ver­si­dad del Sal­va­dor (Bue­nos Aires). Nach sei­nem Aus­tritt aus dem Jesui­ten­or­den stu­dier­te er Doku­men­ta­ti­on am Lehr­in­sti­tut für Doku­men­ta­ti­on in Frank­furt am Main (1972–1973). Es folg­te die Pro­mo­ti­on in Phi­lo­so­phie an der Uni­ver­si­tät Düs­sel­dorf (1978). 1986 wur­de er zum Pro­fes­sor für Infor­ma­ti­ons­wis­sen­schaft an der Stutt­gar­ter Hoch­schu­le der Medi­en beru­fen, wo er bis 2009 auch Infor­ma­ti­ons­ethik lehr­te. Von 2000 bis 2010 war er Mit­glied der Euro­pean Group on Ethics in Sci­ence and New Tech­no­lo­gies (EGE) der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on. Seit 2007 enga­giert sich Capur­ro ins­be­son­de­re in Afri­ka, wo er das Afri­ca Net­work for Infor­ma­ti­on Ethics (ANIE) an der Uni­ver­si­tät Pre­to­ria mit­be­grün­de­te. 2010 grün­de­te er mit sei­ner Ehe­frau Annet­te die Capur­ro Fiek Stif­tung für Infor­ma­ti­ons­ethik. Die­se för­dert Pro­jek­te, wel­che sich mit den sozia­len und kul­tu­rel­len Aus­wir­kun­gen digi­ta­ler Tech­no­lo­gi­en in der Drit­ten Welt, vor allem in Afri­ka und Latein­ame­ri­ka, befas­sen. Mehr unter capurro.de

Das klingt, als wären alle Hoff­nun­gen begra­ben. Ande­rer­seits gibt es noch Träu­mer wie Vita­lik Bute­rin, die mit­hil­fe neu­er Tech­no­lo­gi­en – Stich­wort Block­chain – das Inter­net dezen­tra­li­sie­ren wol­len. Wird das Inter­net viel­leicht doch noch der erträum­te sha­red space, der uns zusam­men­führt?

Struk­tu­ren müs­sen von unten wach­sen – bot­tom up. Solan­ge die­se Mög­lich­keit besteht, ist auch Hoff­nung da. Und noch ist Raum für Krea­ti­vi­tät vor­han­den. Nur: Die öko­no­mi­schen Mäch­te sind erdrü­ckend in ihrem Geschäfts­ge­ba­ren und ihrer welt­wei­ten Domi­nanz. Die kau­fen gan­ze Län­der. Wie kann man die­sen ent­fes­sel­ten digi­ta­len Kapi­ta­lis­mus begrei­fen? Wor­um geht es dabei? Nach wel­chen Geset­zen läuft er ab? Eine kri­ti­sche Inter­pre­ta­ti­on von Marx’ Kapi­tal im digi­ta­len Zeit­al­ter wäre nötig.

 

Inwie­fern hat sich der Kapi­ta­lis­mus seit Marx ver­än­dert?

Momen­tan gibt es phi­lo­so­phisch gese­hen kei­ne Ant­wort auf die Her­aus­for­de­rung der Digi­ta­li­sie­rung bezie­hungs­wei­se des digi­ta­len Kapi­ta­lis­mus. Da stel­len sich ganz neue Fra­gen: Was bedeu­tet Frei­heit in der digi­ta­len Welt? Wie hängt die Digi­ta­li­sie­rung mit dem Kapi­ta­lis­mus zusam­men? Die­ses öko­no­mi­sche Sys­tem, ver­bun­den mit der Vor­stel­lung von Fort­schritt und Wachs­tum, hat etwas sehr Reli­giö­ses – nicht nur, sofern das Kapi­tal die Stel­le Got­tes besetzt, son­dern auch, sofern der digi­ta­le Kapi­ta­lis­mus in sei­ner glo­ba­len Gleich­zei­tig­keit eine Eigen­schaft besitzt, die tra­di­tio­nell einer gött­li­chen All­ge­gen­wart vor­be­hal­ten war.

 

Und das funk­tio­niert ja aus­ge­zeich­net, wie der Geld­berg von Zucker­berg zeigt. Ist es nicht ver­rückt, dass eine Fir­ma, die nichts Mate­ri­el­les pro­du­ziert, so viel Geld anhäuft?

Dass inner­halb von zehn Jah­ren rie­si­ge Fir­men wie Face­book aus dem Nichts ent­stan­den sind, ist tat­säch­lich kaum zu fas­sen. Womit haben sie das Geld gemacht? Nicht mit Öl. Mit Daten. Die digi­ta­li­sier­ten Daten sind die Basis des Kapi­ta­lis­mus des 21. Jahr­hun­derts. Und die­se Daten sind ein Fetisch, das heißt, man behan­delt sie so, als ob sie ein Eigen­le­ben füh­ren. Sie erwe­cken den Ein­druck, als wür­den sie zir­ku­lie­ren, wie schon Marx vom Kapi­tal sag­te, und als gäbe es kei­nen Men­schen, der über sie herrscht oder von ihnen pro­fi­tiert.

Wir erle­ben gera­de eine neue Form des Kapi­ta­lis­mus, auf des­sen Schat­ten­sei­te nicht mehr nur das natio­na­le Pro­le­ta­ri­at, son­dern auch das glo­ba­le Cyber­ta­ri­at steht. Im Gegen­satz zum unter­drück­ten Pro­le­ta­ri­at des 19. Jahr­hun­derts arbei­tet das Cyber­ta­ri­at weit­ge­hend fröh­lich für das Kapi­tal. Das Lum­pen­pro­le­ta­ri­at trägt heu­te Jeans und Kapu­zen­pul­li, kommt lachend daher und schenkt fröh­lich sei­ne Daten an die IT-Gigan­ten. Es ist eine ganz ver­dreh­te Situa­ti­on, weil man frei­wil­lig zum Skla­ven wird. Eigent­lich ist das ide­al: Alle sind glück­lich! Eine Win-win-Situa­ti­on. Die Kapi­ta­lis­ten sind glück­lich, weil sie so viel Geld bekom­men, und die Skla­ven sind glück­lich, weil sie arbei­ten, kon­su­mie­ren und online sein dür­fen. Das ist doch der Him­mel auf Erden.

 

Wir erle­ben gera­de eine neue Form des Kapi­ta­lis­mus, auf des­sen Schat­ten­sei­te nicht mehr nur das natio­na­le Pro­le­ta­ri­at, son­dern auch das glo­ba­le Cyber­ta­ri­at steht.”

 

Das hört sich an wie die Beschrei­bung Dro­gen­ab­hän­gi­ger …

Das Inter­net kann tat­säch­lich eine Dro­ge wer­den. Marx hat gesagt, die Reli­gi­on sei „das Opi­um des Vol­kes“. Heu­te wür­de er ver­mut­lich sagen, die digi­ta­len Medi­en sind das Opi­um.

Unser Grund­ge­setz und unser Selbst­ver­ständ­nis sind tief ver­wur­zelt im Den­ken Kants, der die Ach­tung vor dem ande­ren, des­sen Recht zu exis­tie­ren und sei­ne prin­zi­pi­el­le Gleich­wer­tig­keit unter dem Begriff Men­schen­wür­de zusam­men­fass­te. Glei­cher­ma­ßen prägt uns die Erfah­rung des Zwei­ten Welt­kriegs und ins­be­son­de­re des Holo­causts. Des­halb ist es so wich­tig, die Erin­ne­rung sowohl an die Ide­en­ge­schich­te wie auch an die his­to­ri­schen Ereig­nis­se wach zu hal­ten.

Doch die­ses Bewusst­sein von den Grund­la­gen unse­res Zusam­men­le­bens löst sich gera­de welt­weit auf. Heu­te leben wir bequem in unse­rer Face­book-Bub­b­le. Hier wer­den wir dau­ernd bestä­tigt und den­ken: „Das hab ich doch gleich gesagt!“ Es gibt nur das, was ich sage, was ich mag, wie ich bin. Das erschwert das Abstand­neh­men, die Kri­tik, das selbst­stän­di­ge Den­ken, also all das, was für die euro­päi­sche Auf­klä­rung wich­tig war. Aber wie gehen wir gegen die­se Täu­schung vor oder mit ihr um? Das ist die Kern­fra­ge einer künf­ti­gen digi­ta­len Ethik.

 

Wie könn­te eine Ant­wort dar­auf aus­se­hen?

Ganz grund­sätz­lich: Sie müss­te unse­ren gesam­ten Rea­li­täts­be­griff und unser Selbst­ver­ständ­nis, nicht also was, son­dern wer wir sind, ver­än­dern.

Der Phi­lo­soph der Auf­klä­rung Geor­ge Ber­ke­ley hat die For­mel „esse est per­ci­pi“ auf­ge­stellt, also „Sein ist Wahr­ge­nom­men­wer­den“. Ber­ke­ley zufol­ge gibt es nur das Wahr­ge­nom­me­ne. Was nicht wahr­nehm­bar ist, exis­tiert nicht. Und ich sage, dass es heu­te das Wahr­ge­nom­me­ne nur inso­fern gibt, als es digi­ta­li­sier­bar ist: Esse est com­pu­ta­ri. Sprich: Was sich nicht digi­ta­li­sie­ren lässt, ist nicht. Und zwar nicht im Sin­ne von „It from Bit“, also nicht so ver­stan­den, dass die Rea­li­tät aus bits besteht, die Din­ge also digi­tal sind und nur aus­se­hen wie Mate­rie. Mei­ne The­se lau­tet viel­mehr, dass wir glau­ben, etwas nur dann ver­ste­hen zu kön­nen, wenn es digi­ta­li­sier­bar ist. Dem­entspre­chend defi­nie­ren wir uns selbst und alles, womit wir zu tun haben, als digi­ta­le Infor­ma­ti­on. Wer sind wir? Ant­wort: Wir sind unse­re digi­ta­len Daten.

 

Wir glau­ben, etwas nur dann ver­ste­hen zu kön­nen, wenn es digi­ta­li­sier­bar ist. Dem­entspre­chend defi­nie­ren wir uns selbst und alles, womit wir zu tun haben, als digi­ta­le Infor­ma­ti­on. Wer sind wir? Ant­wort: Wir sind unse­re digi­ta­len Daten.”

 

Inwie­fern ist das ein Pro­blem?

Es besteht die Gefahr, dass die­se Sicht auf die Welt tota­li­tär wird. Dann begrei­fen wir unser In-der-Welt-sein nicht mehr als frei gestalt­bar, son­dern dür­fen nur das als bedeu­tungs­voll für unser Dasein anse­hen, was das Digi­ta­le uns erlaubt. Die Erkennt­nis müss­te durch­si­ckern, dass unser In-der-Welt-sein nicht durch das Digi­ta­le allein bestimmt ist. Es ist nur eine Form des In-der-Welt-seins, nicht die ein­zi­ge.

Auf die Phi­lo­so­phie über­tra­gen hie­ße das: Aus einer Onto­lo­gie, also einer mög­li­chen Deu­tung des Seins, wird eine Meta­phy­sik, das heißt eine star­re Auf­fas­sung des­sen, was das Sein der Din­ge und vor allem was uns selbst aus­macht. Wenn das Digi­ta­le die onto­lo­gi­sche und ethi­sche Deu­tungs­ho­heit über­nimmt, dann wird die Sache auch poli­tisch gefähr­lich. Das haben wir schon im 19. Jahr­hun­dert erlebt, als das Mate­ri­el­le plötz­lich für die allei­ni­ge Basis der Rea­li­tät gehal­ten wur­de. Dadurch ent­stand der Mate­ria­lis­mus – und zwar nicht nur in theo­re­ti­scher Hin­sicht, son­dern prak­tisch-poli­tisch! So nach dem Mot­to: Was sich nicht der mate­ria­lis­ti­schen Dia­lek­tik ein­schrei­ben lässt, ist ein rück­stän­di­ges Den­ken. Ähn­li­ches steht uns bevor, wenn wir aus dem Digi­ta­len eine dog­ma­ti­sche poli­ti­sche Sicht der Rea­li­tät machen.

 

Machen sich die Anfän­ge einer digi­ta­len Ideo­lo­gie schon im All­tag bemerk­bar?

Man bemerkt die Fol­gen der Ideo­lo­gi­sie­rung in vie­ler­lei Hin­sicht: Die Arbeit ist nicht mehr räum­lich und zeit­lich fest gere­gelt. Man muss Tag und Nach parat sein. Die Leu­te star­ren unter­wegs stän­dig auf ihre Smart­pho­nes und unter­wer­fen sich dem Dik­tat, online prä­sent sein zu müs­sen.

Grund­sätz­lich leben wir gleich­zei­tig in Ver­gan­gen­heit, Zukunft und Gegen­wart. Ich kann mich jetzt mit Ihnen unter­hal­ten, jeder­zeit zurück­ge­hen in die Ver­gan­gen­heit und mich auch jeder­zeit in die Zukunft pro­ji­zie­ren. In den Bekennt­nis­sen des Augus­ti­nus gibt es ein berühm­tes Kapi­tel über die Zeit, in dem das sehr tref­fend beschrie­ben wird: Wir gehen durch das Gedächt­nis zurück in die Hal­len der Ver­gan­gen­heit und pro­ji­zie­ren uns in die Zukunft. Das gibt uns eine unglaub­li­che Frei­heit über die Gegen­wart. Wenn wir die­se Mög­lich­kei­ten nicht hät­ten, wären wir gefan­gen in dem, was im Moment pas­siert. So jedoch kön­nen wir über Din­ge spre­chen, die es (noch) gar nicht gibt, die aber mög­lich sind; bei­spiels­wei­se dar­über, was Sie in einer Stun­de machen wer­den. Das Pro­blem ist aber, dass die Gegen­wart, das Jetzt, in unse­rer vom Digi­ta­len bestimm­ten Gesell­schaft zum Maß aller Din­ge wird. Es schrumpft alles auf das digi­ta­le Jetzt zusam­men.

 

Die­ses Inter­view sowie wei­te­re span­nen­de Arti­kel zum The­ma lesen Sie in der Aus­ga­be DIGITALISIERUNG von agora42.

Was tun? Wie sich befrei­en vom Druck der digi­ta­len Gegen­wart? Den stres­si­gen Job kün­di­gen? Das Smart­pho­ne weg­wer­fen?

Wir ste­cken in der Klem­me. Denn das Digi­ta­le ist immer bezo­gen auf das Jetzt. Sprich: Nur sofern ich in der Gegen­wart ange­spro­chen wer­de, gel­te ich etwas – und sofern ich im Gegen­warts­mo­dus hand­le. Durch die­ses Gefan­gen­sein in der digi­tal bestimm­ten Gegen­wart ent­ste­hen aber schwe­re sozia­le und psy­chi­sche Pro­ble­me. Das lässt sich im Fami­li­en­all­tag, aber auch am Arbeits­platz täg­lich erle­ben. Nicht online zu sein, wird als ein Risi­ko emp­fun­den: Ich könn­te etwas ver­pas­sen, wenn ich eine Wei­le mein Han­dy aus­schal­te oder gar nicht mit­neh­me; außer­dem erwar­ten alle, dass ich stän­dig ansprech­bar bin. Wenn man stän­dig und über­all digi­tal ver­netzt sein muss und sich auch gar nichts ande­res mehr vor­stel­len kann, ist das ein kla­res Anzei­chen von Frei­heits­ver­lust.

 

Muss dann der gesam­te gesell­schaft­li­che Rah­men ver­än­dert wer­den? Und wie gehen wir das an? Demons­tra­tio­nen? Peti­tio­nen?

Dafür bräuch­ten wir erst ein­mal wie­der einen öffent­li­chen Raum und eine Gesell­schaft, die sich mit ande­ren Gesell­schaf­ten ver­bun­den fühlt. Wir tei­len mit ande­ren Men­schen auf viel­fäl­ti­ge Wei­se eine gemein­sa­me Welt. Die­se gemein­sa­me Welt ist aber in Gefahr zu zer­fal­len: Aus Mög­lich­kei­ten des Zusam­men­seins dro­hen Rea­li­tä­ten des Gegen­ein­an­derseins zu wer­den. Aus der Welt wird sozu­sa­gen eine Unwelt und aus frei­en, sich für­ein­an­der ein­set­zen­den Men­schen wer­den in sich ver­schlos­se­ne, von ande­ren und der gemein­sa­men Welt getrenn­te Ego­is­ten, die nur an sich selbst den­ken. Das Beun­ru­hi­gen­de im Moment ist doch, dass wir den öffent­li­chen Raum nicht nur mäch­ti­gen digi­ta­len Fir­men und Staa­ten, son­dern auch digi­tal agie­ren­den Ter­ror­grup­pen sowie digi­ta­ler Des­in­for­ma­ti­on über­las­sen haben. Wir haben die Chan­ce ver­passt, uns digi­tal-poli­tisch zu orga­ni­sie­ren. Wir wis­sen nicht, wer wir als digi­ta­le Gesell­schaft sein wol­len. Wir kön­nen nicht all unse­re Stra­ßen pri­va­ti­sie­ren, unse­re Auto­bah­nen und unse­re Plät­ze – aber genau das haben wir in der digi­ta­len Welt gemacht! Die Kraft und die Mög­lich­keit, selbst­stän­dig zu urtei­len, gehen immer mehr ver­lo­ren. Auch das Ver­schen­ken von Daten ist kei­ne Lap­pa­lie. Es wird zuneh­mend an ande­rer Stel­le ent­schie­den, wer wir sind. Das Gefühl der Ohn­macht wächst. Alles wird kleb­rig und sti­ckig.

 

Das Beun­ru­hi­gen­de im Moment ist doch, dass wir den öffent­li­chen Raum nicht nur mäch­ti­gen digi­ta­len Fir­men und Staa­ten, son­dern auch digi­tal agie­ren­den Ter­ror­grup­pen sowie digi­ta­ler Des­in­for­ma­ti­on über­las­sen haben. Wir haben die Chan­ce ver­passt, uns digi­tal-poli­tisch zu orga­ni­sie­ren.”

 

Rafa­el Capur­ro im Gespräch mit Frank Augus­tin und Tan­ja Will von agora42.

Wie kann man sich wie­der los­ma­chen und sich Luft ver­schaf­fen?

Wenn jemand fragt: „Hast du etwas zu ver­ber­gen?“, kann man ganz ein­fach ant­wor­ten: „Das geht dich nichts an! Ich bestim­me, was ich von mir zei­ge. Punkt.“ Wo kämen wir hin, wenn wir nichts zu ver­ber­gen hät­ten und stän­dig alles sagen wür­den? Auch in poli­ti­scher und öko­no­mi­scher Hin­sicht wäre das undenk­bar. Eine Welt, in der es kei­ne Geheim­nis­se geben darf, wäre die Höl­le. Trans­pa­renz und Geheim­hal­tung gehö­ren zusam­men. Übri­gens liegt das auch dar­an, dass ich selbst nicht alles über mich weiß. Ich bin undurch­sich­tig für mich selbst. War­um soll ich mich preis­ge­ben gegen­über ande­ren, die genau­so undurch­sich­tig sind wie ich? Die heu­ti­ge For­de­rung: „Tei­le allen alles stän­dig und über­all mit!“ ist daher unethisch und über­haupt nicht leb­bar!

 

Es scheint, als wür­de die Gesell­schaft ihren Kitt ver­lie­ren. Was geht uns ver­lo­ren? Oder anders gefragt: Was ver­bin­det uns als Men­schen?

Nicht mehr und nicht weni­ger als ein frei­es, ver­trau­ens­vol­les Ver­hält­nis. Frei­heit als Ver­trau­en ist das Bin­de­glied! Wie kön­nen wir also freie Ver­trau­ens­struk­tu­ren in der heu­ti­gen digi­ta­len Gesell­schaft schaf­fen? Die­ser Auf­ga­be müs­sen sich die Phi­lo­so­phie und die Poli­tik heu­te stel­len. Im Moment ten­die­ren wir in die ent­ge­gen­ge­setz­te Rich­tung: weni­ger Ver­trau­en, mehr Kon­trol­le, weni­ger Den­ken, mehr Aktio­nis­mus. Die Lage ist brenz­lig. Den­ken braucht Zeit.

 

Herr Capur­ro, wir dan­ken Ihnen für die­ses Gespräch.

 

 

 

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agora42 ist das phi­lo­so­phi­sche Wirt­schafts­ma­ga­zin und erscheint seit 2009 im Eigen­ver­lag in Stutt­gart. Alle drei Mona­te ver­öf­fent­li­chen wir ein neu­es The­men­heft. Dabei wid­men wir uns den gro­ßen Fra­gen der Öko­no­mie, wie etwa Frei­heit, Wachs­tum, Fort­schritt, Gerech­tig­keit, Nach­hal­tig­keit u.v.m. Anspruchs­voll, aber trotz­dem ver­ständ­lich las­sen wir Den­ker und Prak­ti­ker zu Wort kom­men, die meist nur in ihren spe­zi­el­len Fach­krei­sen gele­sen wer­den – aber deren Erkennt­nis­se für alle Men­schen von Bedeu­tung sind.

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Wir dürfen die Technik nicht einfach laufen lassen” – Peter Schaar im Interview

Wir dürfen die Technik nicht einfach laufen lassen”

Peter Schaar im Interview über schubsende Algorithmen und den Verlust der Privatsphäre

 

Herr Schaar, wel­che Hoff­nun­gen ver­bin­den Sie mit der Digi­ta­li­sie­rung? Was ist ihre größ­te Errun­gen­schaft? 

Digi­ta­le Tech­ni­ken erleich­tern vie­le Din­ge, die unse­ren All­tag aus­fül­len. Sie ste­hen damit in der Tra­di­ti­on tech­ni­scher Inno­va­tio­nen, prin­zi­pi­ell seit der Stein­zeit statt­fin­det. Dies ist grund­sätz­lich posi­tiv, jeden­falls dann, wenn wir von den neu­en Mög­lich­kei­ten sinn­voll Gebrauch machen und die Neben­wir­kun­gen im Blick behal­ten. Mit Sor­ge erfül­len mich ins­be­son­de­re das Tem­po, mit dem die Digi­ta­li­sie­rung sich durch­setzt und die Sorg­lo­sig­keit beim Umgang mit ihr. Die damit ein­her­ge­hen­den Risi­ken wer­den viel­fach aus­ge­blen­det, sowohl im Hin­blick auf den Ver­lust der Pri­vat­sphä­re als auch im Hin­blick auf die man­geln­de Zuver­läs­sig­keit und die Ver­letz­lich­keit der Sys­te­me.

 

Per­sön­li­che Daten gehen durch glo­ba­le Netz­wer­ke und gelan­gen poten­ti­ell auch in die Hän­de Drit­ter. Wel­che Aus­wir­kung hat dies auf die Gesell­schaft und die Rech­te des Ein­zel­nen?

Peter Schaar war von 2003 bis 2013 Bun­des­be­auf­trag­ter für den Daten­schutz und die Infor­ma­ti­ons­frei­heit. Seit 2013 ist er der Vor­sit­zen­de der Euro­päi­schen Aka­de­mie für Infor­ma­ti­ons­frei­heit und Daten­schutz (EAID). Für sein Buch “Das Ende der Pri­vat­sphä­re” wur­de Schaar 2008 von der Fried­rich-Ebert-Stif­tung aus­ge­zeich­net. Bild: Wiki­pe­dia, Alex­an­der Klink, CC-BY 3.0

Wenn mit den tra­di­tio­nel­len Instru­men­ten des Daten­schut­zes kon­kre­te Miss­brauchs­fäl­le ver­hin­dert wer­den kön­nen, ist das zwar erst­mal gut, reicht aber ange­sichts der alle Berei­che durch­drin­gen­den Digi­ta­li­sie­rung bei wei­tem nicht aus. Schon jetzt sehen wir, dass immer mehr Daten bei sehr weni­gen Unter­neh­men und mäch­ti­gen Geheim­dienst­zen­tra­len zusam­men­lau­fen. Die­ses struk­tu­rel­le Pro­blem ist bis­her nicht gelöst, denn die Ent­wick­lung läuft wei­ter­hin auf immer grö­ße­re Macht­kon­zen­tra­ti­on in weni­gen Hän­den hin­aus. Die Men­schen – aber auch klei­ne­re Unter­neh­men – wer­den dadurch für die gro­ßen Platt­form­an­bie­ter und ggf. auch für staat­li­che Stel­len sehr trans­pa­rent, wäh­rend nie­mand wirk­lich weiß, was mit die­sem Wis­sen geschieht. Infor­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung – ein Begriff, den wir in Deutsch­land syn­onym zum Ter­mi­nus “Daten­schutz” ver­wen­den –setzt aber vor­aus, dass der Ein­zel­ne dar­über infor­miert ist, wer was über ihn weiß. Wenn wir immer stär­ker von daten­ge­füt­ter­ten Algo­rith­men gesteu­ert oder geschubst wer­den (Nud­ging), ent­steht ein erheb­li­cher Kon­for­mi­täts­druck. Die­ser zwei­fel­haf­te Effekt wird noch dadurch ver­stärkt, dass wir viel­fach nicht ein­mal wahr­neh­men, dass wir gera­de Gegen­stand einer auto­ma­ti­sier­ten Ent­schei­dung wer­den, oder von einer Ent­schei­dung, die zwar for­mell noch von einem Men­schen getrof­fen wird, die aber auf einem intrans­pa­ren­ten Score­wert beruht. Schließ­lich stellt sich die Fra­ge, inwie­weit wir unter der­ar­ti­gen Bedin­gun­gen zukünf­tig über­haupt noch frei ent­schei­den kön­nen.

 

Mit dem Aus­bau der Tech­nik wächst auch die Abhän­gig­keit von ihr. Best­sel­ler wie “Black­out” von Marc Els­berg zei­gen, dass das Unbe­ha­gen gegen­über lebens­wich­ti­gen High-tech-Ver­sor­gungs­sys­te­men wächst. Brau­chen wir mehr low-tech?

Wir dür­fen die Tech­nik nicht ein­fach lau­fen las­sen. Dort, wo nega­ti­ve Effek­te ein­ge­tre­ten oder zu befürch­ten sind, ist mehr gesell­schaft­li­che Ein­fluss­nah­me auf die Gestal­tung der Sys­te­me gefragt. In die­sem Zusam­men­hang ste­hen auch recht­li­che Regeln auf der Tages­ord­nung. Auf EU-Ebe­ne gibt es zum Glück eine neue Daten­schutz­ver­ord­nung, die in allen Mit­glieds­staa­ten gilt. Sie sieht bei ris­kan­ten Tech­ni­ken Daten­schutz­fol­gen­ab­schät­zun­gen vor und sie ver­pflich­tet Unter­neh­men und staat­li­che Stel­len dazu, Daten­schutz­me­cha­nis­men in früh­zei­tig die Sys­te­me zu inte­grie­ren (Pri­va­cy Byte Design). Eine sinn­vol­le Gestal­tungs­maß­nah­me kann auch ein Down­si­zing sein. Nicht jeder Gegen­stand, nicht jedes tech­ni­sche Sys­tem muss ver­netzt sein und nicht sämt­li­che Daten müs­sen zwangs­läu­fig in der Cloud lan­den. Zudem muss sich jeder Mensch und jedes Unter­neh­men letzt­lich mit der Fra­ge aus­ein­an­der­set­zen, wie weit sie sich von ver­letz­li­chen Tech­ni­ken abhän­gig machen. Gera­de die Vor­fäl­le der letz­ten Wochen haben gezeigt, wel­che Kon­se­quen­zen sich aus einem ziem­lich besin­nungs­lo­sen Tech­nik­ein­satz erge­ben kön­nen.

 

Big Data, Block­chain, KI und Co. geben kei­ne Ant­wort dar­auf, wie wir in Zukunft leben wol­len. Gesell­schaft­li­che Uto­pi­en sind im Ver­gleich zu Tech­ni­ku­to­pi­en gera­de Man­gel­wa­re. Wie möch­ten Sie im tech­nik­ge­präg­ten Zeit­al­ter leben?

Zen­tra­le Wer­te und auch Grund­rech­te unse­rer Gesell­schaft wer­den doch nicht des­halb obso­let, weil tech­ni­sche Sys­te­me es ermög­li­chen oder gar erfor­dern, davon abzu­wei­chen. Wir brau­chen des­halb eine sehr viel brei­te­re Debat­te dar­über, wie Tech­nik in unse­rer Gesell­schaft ein­ge­setzt wer­den soll. Dazu gehört auch ein bewuss­ter Abschied von Gewohn­hei­ten, die in den letz­ten Jah­ren ein­ge­ris­sen sind. Dazu gehört etwa der Wahn von der jeder­zei­ti­gen Erreich­bar­keit und Ver­füg­bar­keit.

 
 
 
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Digitalisierung bringt kritische Reflexion an Orte, an denen vorher nur konsumiert wurde – Interview mit Pascal Suckow

agora42_DigitalisierungAnläss­lich der neu­en agora42 DIGITALISIERUNG haben wir aus­ge­wähl­ten Per­so­nen zum The­ma ein paar Fra­gen gestellt. Hier die Ant­wor­ten vom Body­buil­der Pas­cal Suc­kow:

 

Digitalisierung bringt kritische Reflexion an Orte, an denen vorher nur konsumiert wurde

Pascal Suckow im Interview

Pascal Suckow

Pas­cal Suc­kow über die Chan­cen der Digi­ta­li­sie­rung, die Zunah­me kri­tisch-reflek­tier­ter Nut­zer sowie das Smart­pho­ne als Ein­nah­me­quel­le.

 

Herr Suc­kow, wel­che Hoff­nun­gen ver­bin­den Sie mit der Digi­ta­li­sie­rung?

Mit jeder Art der Ver­än­de­rung erge­ben sich nicht nur Ein­schrän­kun­gen, son­dern auch Chan­cen: Mit der Digi­ta­li­sie­rung ste­hen neue Mög­lich­kei­ten der Infor­ma­ti­ons­be­schaf­fung, der Kana­li­sie­rung von Auf­merk­sam­keit und damit auch die Mög­lich­keit sich als Indi­vi­du­um zu ent­fal­ten, den Ein­schrän­kun­gen ent­ge­gen. Ich hof­fe, ange­sichts der Fake-News und Steue­rungs­ver­su­che mäch­ti­ger Inter­es­sens­ver­tre­ter, ent­wi­ckelt der Kon­su­ment ein stär­ke­res Bewusst­sein für die Bewer­tung von Quel­len. Wir sind mehr denn je gezwun­gen, die The­men, die sich in unse­rem Auf­merk­sam­keits­fo­kus befin­den, mit Abstand zu betrach­ten – auch wenn sie augen­schein­lich so klar und ein­fach for­mu­liert sind. Ich sehe nun auch in weni­ger pri­vi­le­gier­ten Gesell­schafts­grup­pen eine kri­ti­sche Hal­tung gegen­über Infor­ma­tio­nen und ver­meint­li­chen Auto­ri­tä­ten. Dies habe ich nicht immer so wahr­ge­nom­men…

 

Was erach­ten Sie als die größ­te Bedro­hung durch die Digi­ta­li­sie­rung?

Ich den­ke die Digi­ta­li­sie­rung bedroht uns nicht, sie berei­chert uns. Es ist jedoch eine gesell­schafts­po­li­ti­sche Ant­wort auf die­se, wenn man so will, „vier­te indus­tri­el­le Revo­lu­ti­on“ not­wen­dig. Es gibt eine Viel­zahl an Men­schen „dazwi­schen“, die nicht ver­ste­hen was sich nun abspielt. Die­se Men­schen müs­sen mit­ge­nom­men wer­den und dür­fen nicht mit ihrem über­hol­ten gesell­schaft­li­chen Ver­ständ­nis ori­en­tie­rungs­los in 2020 ver­blei­ben. Für mich ist es eine Erleich­te­rung mei­ne Steu­er­erklä­rung online ein­zu­rei­chen, für mei­ne Eltern hin­ge­gen eine Qual.

 

Wir ver­brin­gen mehr Zeit vor dem Com­pu­ter, als in der Natur, mehr Zeit im vir­tu­el­len Schrift­ver­kehr, als mit ech­ten Gesprä­chen – Wie ver­än­dert uns die­ses digi­ta­le Lebens­um­feld?

Pascal Su Bodybuilding

Pas­cal Suc­kow ist Psy­cho­lo­gie-Stu­dent, begeis­ter­ter Body­buil­der und akti­ver You­Tuber. Sein Video “Abrech­nung mit der Fit­ness Jugend” über­rasch­te und erfreu­te uns zugleich.

Das Smart­pho­ne hat kei­ne Lücke gefüllt, die zuvor leer war, son­dern hat ande­re Tätig­kei­ten abge­löst und im Umgang mit Situa­tio­nen mehr Effi­zi­enz gebracht. Der Mensch, der sich gern in ech­te Gesprä­che stürzt, wird die­se auch heu­te noch dem vir­tu­el­len Schrift­ver­kehr vor­zie­hen. So gern ich die Aus­sa­ge der Fra­ge wei­ter­hin hin­ter­fra­gen wür­de, stößt mir im ers­ten Gedan­ken ein öko­no­mi­sches Effi­zi­enz­den­ken auf, wel­ches rigo­ros auf sozia­le Bezie­hun­gen aus­ge­wei­tet wird. Wenn die Anzahl der Likes in sozia­len Medi­en kein unver­bind­li­ches Merk­mal von Zuwen­dung, son­dern eine öko­no­mi­sche Mess­grö­ße für das eige­ne Wohl wer­den, dann könn­te man vor­sich­tig ein Pro­blem der Effek­te der Digi­ta­li­sie­rung ver­mu­ten. Ernst­haf­ter wird es, wenn nach dem Auf­ste­hen der ers­te prü­fen­de Blick auf die Benach­rich­ti­gungs­leis­te im Smart­pho­ne geht: Dies ver­führt schnell in eine Rast­lo­sig­keit, deren Ursa­che den meis­ten gar nicht zugäng­lich ist.

 

Big Data, Block­chain, KI und Co. geben kei­ne Ant­wort dar­auf, wie wir in Zukunft leben wol­len. Gesell­schaft­li­che Uto­pi­en sind im Ver­gleich zu Tech­ni­ku­to­pi­en gera­de Man­gel­wa­re. Wie möch­ten Sie im tech­nik­ge­präg­ten Zeit­al­ter leben?

Auf­ge­klärt und inmit­ten eines glo­ba­li­sier­ten Ver­ständ­nis­ses von Huma­nis­mus. Hier­zu hilft die Tech­nik, denn sie bringt kri­ti­sche Refle­xi­on an Orte, an denen vor­her nur kon­su­miert wur­de. Wenn der Kon­su­ment mün­dig wird, sich dem Wert sei­ner Daten bewusst und sich sei­ner Posi­ti­on im öko­no­mi­schen, sowie auch gesell­schaft­li­chen Gefü­ge kla­rer wird, dann wird er ein bes­se­res Leben füh­ren kön­nen. Ob sich dies nun sub­jek­tiv bes­ser anfühlt, bezweif­le ich, jedoch birgt dies Effek­te auf unse­re Per­spek­ti­ve, auf unse­ren Auf­merk­sam­keits­fo­kus: Die­ser schließt dann viel­leicht Orte und Grup­pen ein, die uns bis­her unzu­gäng­lich blie­ben. Heu­te kann ich mit mei­nem Smart­pho­ne Geld ver­die­nen, egal von wo. Wenn die­se Erkennt­nis auch Bevöl­ke­rungs­grup­pen erreicht, die das gegen­wär­tig noch für uto­pisch hal­ten, dann ist ein wenig für das Gleich­ge­wicht getan.

 
 
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Über blöden Komfort und falsche Helden – Wolfgang Schmidbauer

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Über blöden Komfort und falsche Helden

von Wolf­gang Schmid­bau­er

 

War­um erken­nen Men­schen das Rich­ti­ge, bil­li­gen es – und tun dann doch das Fal­sche? Die­se Fra­ge wur­de vie­le hun­dert Jah­re lang von Mora­lis­ten gestellt (Der römi­sche Dich­ter Ovid schrieb: „Das Bes­se­re seh ich und lob ich, Schlech­te­rem fol­get das Herz.“) und bezog sich auf das Han­deln von Indi­vi­du­en, die bei­spiels­wei­se wis­sen, dass Ehe­bruch ver­bo­ten ist, die­se mora­li­sche Hal­tung auch gegen­über ihrem Part­ner ver­tre­ten – und dann fremd gehen. Heu­te beschäf­tigt uns ange­sichts des Wider­spruchs zwi­schen gutem Wis­sen und schlech­tem Tun weni­ger die Moral von Indi­vi­du­en als die Sta­bi­li­tät von Staa­ten, der Erhalt der Bio­sphä­re, glo­ba­le Ener­gie- oder Schul­den­kri­sen.

 

Fast alle Kon­sum­ge­sell­schaf­ten trei­ben Raub­bau an der Gegen­wart, ver­brau­chen mehr Roh­stof­fe und Ener­gie­trä­ger, als nach­wach­sen, und zah­len die Zin­sen für ihre Kre­di­te durch neue Schul­den. Wer einen klei­nen Kre­dit haben will und kei­ne Sicher­heit bie­tet, geht leer aus; wer einen Staat führt und nicht die gerings­te Wahr­schein­lich­keit gel­tend machen kann, dass er des­sen Schul­den­last min­dern wird, kann sich gerau­me Zeit hohe Sum­men lei­hen.

Wenn uns gegen­wär­tig unse­re Intel­li­genz nicht dar­an hin­dert, Atom­kraft­wer­ke zu bau­en, Tro­pen­wäl­der zu roden und die Ozon­hül­le zu schä­di­gen, dann zeigt das, dass die mate­ri­el­len Struk­tu­ren, die sol­che Ent­wick­lun­gen bedin­gen, stär­ker gewor­den sind als die mensch­li­che Ein­sicht. Zu den dümms­ten Aus­sa­gen über Tech­nik gehört die, sie sei neu­tral, es kom­me dar­auf an, was der ver­ant­wort­li­che Mensch mit ihr mache. Neu­tral ist Tech­nik nur, solan­ge sie nicht vor­gau­kelt, es gäbe einen Gewinn an Macht ohne Kos­ten. In der Kon­sum­ge­sell­schaft wird Tech­nik sys­te­ma­tisch benützt, um süch­tig zu machen; kom­mer­zi­ell erfolg­rei­che Waren beru­hen weit­ge­hend auf sol­chen Mecha­nis­men.

 

In der Kon­sum­ge­sell­schaft wird Tech­nik sys­te­ma­tisch benützt, um süch­tig zu machen.”

 

In der Fabel Der Zieh­brun­nen aus Chi­na lehnt ein wei­ser alter Mann den Hebel­brun­nen ab, weil er fürch­tet, durch sei­ne Benut­zung selbst wie eine Maschi­ne zu funk­tio­nie­ren. Gün­ter Anders hat in sei­nem Buch Die Anti­quiert­heit des Men­schen (1956) die­sen Gesichts­punkt der Anste­ckung durch die Maschi­ne um den Aspekt der Beschä­mung durch sie ergänzt. Sei­ne For­mu­lie­run­gen über die „pro­me­t­hei­sche Scham“ beschrei­ben die Reak­ti­on auf Pro­duk­te ange­häuf­ter, über­in­di­vi­du­el­ler mensch­li­cher Erfin­dungs­kraft, vor der die eige­nen Fähig­kei­ten küm­mer­lich erschei­nen. Die­se Ein­wän­de gehö­ren in eine Zeit, in der sich das selbst­kri­ti­sche Indi­vi­du­um noch von den regres­si­ven Rei­zen der Kon­sum­ge­sell­schaft abgren­zen konn­te (Regres­si­on – hier: unbe­wuss­ter Rück­griff auf kind­li­che Ver­hal­tens­mus­ter).

Heu­te über­wie­gen Ver­schmel­zun­gen mit den Maschi­nen, deren über­mensch­li­che Qua­li­tä­ten scham­los zur Stei­ge­rung des eige­nen Macht­emp­fin­dens und der Ver­wöh­nungs­be­dürf­nis­se die­nen. Solan­ge Auto­mo­bi­le, Han­dys und Lap­tops kom­for­ta­bler wer­den, sind wir abge­lenkt nach­zu­den­ken, ob sie nicht prin­zi­pi­ell unbe­kömm­lich für den Men­schen sind. In der Ver­schmel­zung und Iden­ti­fi­zie­rung mit schein­bar immer fort­schritt­li­che­ren Pro­duk­ten ist das erschli­che­ne Macht­ge­fühl nicht mehr erkenn­bar. Der Kon­su­ment ist Sie­ger, wenn nicht über die düs­te­re Zukunft, dann doch über die hoff­nungs­los rück­stän­di­ge Ver­gan­gen­heit, in der bei­spiels­wei­se ein Auto noch eine Hand­kur­bel hat­te, um es anzu­wer­fen, ein Motor­rad mit einem Fuß­tritt gestar­tet wur­de, ein Foto­ap­pa­rat mit­hil­fe eines Dau­men­drucks den Film trans­por­tier­te oder eine Uhr auf­ge­zo­gen wur­de und nicht alle zwei Jah­re eine Por­ti­on Bat­te­rie­gift in die Umwelt ent­ließ.

In der Welt der stum­men Die­ner ist es selbst­ver­ständ­lich, dass die kleins­te Unbe­quem­lich­keit von einem geräusch­lo­sen Ser­vo­mo­tor besei­tigt wird.”

 

Wären sie nicht selbst Teil­ha­ber an die­sem selbst­ver­ständ­li­chen Macht­ge­winn, dann wür­den die Intel­lek­tu­el­len und die Ange­hö­ri­gen hel­fen­der Beru­fe (Ärz­te, Sozi­al­ar­bei­ter, The­ra­peu­ten etc.) öfter dar­auf hin­wei­sen, wie wenig die Waren­ver­wöh­nun­gen auf die unaus­weich­li­chen Ent­täu­schun­gen des Lebens vor­be­rei­ten. Die Gefahr wächst, dass erträg­li­che, unter Umstän­den sogar ent­wick­lungs­för­dern­de Ein­schrän­kun­gen in der Kon­sum­ge­sell­schaft wie uner­träg­li­che Frus­tra­tio­nen erschei­nen, die nach sofor­ti­ger Rache schrei­en. Neue Kate­go­ri­en wie Mob­bing und Stal­king signa­li­sie­ren, dass es den Men­schen schwe­rer gewor­den ist, Krän­kun­gen zu ver­ar­bei­ten. Schließ­lich ist es in der Welt der stum­men Die­ner um uns her­um selbst­ver­ständ­lich, dass die kleins­te Unbe­quem­lich­keit von einem geräusch­lo­sen Ser­vo­mo­tor besei­tigt wird. In einem gesell­schaft­li­chen Kli­ma, das die eige­ne Bequem­lich­keit zum sitt­li­chen Gut erklärt, ist Ver­trau­en schwe­rer zu haben als alles ande­re. Dabei wirkt die Waren­bot­schaft nach­hal­ti­ger als die ethi­sche Erzie­hung, die nach wie vor Gemein­wohl, Altru­is­mus und Ver­trau­ens­be­zie­hun­gen betont.

Wer die regres­si­ven Nei­gun­gen der Kon­su­men­ten för­dert und aus­beu­tet, macht mehr Umsatz und kann mehr Geld in Rekla­me inves­tie­ren, die den Absatz sei­nes Schun­des wei­ter stei­gert. Die Ware pro­gram­miert den Kon­su­men­ten. Ange­sichts einer Stö­rung fällt ihm nichts ein, weil er weder weiß, wie sein Gerät funk­tio­niert, noch die­ses ihm irgend­et­was bei­ge­bracht hat. Dum­me Din­ge sagen uns nichts über ihr Innen­le­ben und hel­fen uns nicht, aus ihren Stö­run­gen zu ler­nen. Der Kon­su­ment soll sie weg­wer­fen und das nächs­te Pro­dukt kau­fen, ohne nach­zu­den­ken.

2013-02_agora42-Wohlstand Cover

Die­ser Arti­kel ist erst­mals in agora42 WOHLSTAND erschie­nen.

Wer heu­te mit Ärz­ten spricht, kommt bald auf ein The­ma, das vie­len enga­gier­ten, nicht pri­mär am Geld­erwerb inter­es­sier­ten Medi­zi­nern die Freu­de am Beruf ver­gällt. Pati­en­ten wol­len zwar ihre Gesund­heit wie­der­ha­ben, aber auf nichts ver­zich­ten. Der Dok­tor soll doch, wozu ver­fügt er über die­se wun­der­ba­ren Appa­ra­te und Medi­ka­men­te, die Depres­si­on weg­zau­bern, das Herz in Ord­nung brin­gen, die chro­ni­sche Bron­chi­tis weg­schaf­fen, aber bit­te ohne eige­nes Bemü­hen, ohne den Ver­zicht auf Ziga­ret­ten und Alko­hol. Hat er nichts Ange­neh­mes zu sagen? Dann kau­fe ich mir einen ande­ren Exper­ten! Der Medi­zin sind Leis­tun­gen mög­lich, die der mensch­li­chen Mobi­li­tät in einem Zwei­sit­zer mit Zwölf­zy­lin­der­mo­tor ent­spre­chen – die drit­te Herz­trans­plan­ta­ti­on, Ope­ra­tio­nen im Grei­sen­al­ter, die Ret­tung von Unfall­op­fern, die dann ein hal­bes Men­schen­le­ben im Koma lie­gen. Dabei gerät aus dem Blick, dass der Ver­zicht auf Junk­food, Zucker­ge­trän­ke und Genuss­gif­te sowie mehr Bewe­gung nach­weis­lich mehr für die Lebens­qua­li­tät der Bevöl­ke­rung leis­ten als alle chir­ur­gi­schen und medi­ka­men­tö­sen Neue­run­gen. Wir haben längst ange­fan­gen, eine durch Alko­ho­lis­mus beding­te Leber­zir­rho­se durch die Trans­plan­ta­ti­on eines neu­en Organs zu „hei­len“ und Fett­süch­ti­ge dadurch zu behan­deln, dass ihnen ein Stück Dünn­darm her­aus­ge­schnit­ten wird. Die Soli­dar­ge­mein­schaft der Ver­si­cher­ten insze­niert so ihre eige­ne Auf­lö­sung.

Weil das neue Auto über 230 Stun­den­ki­lo­me­ter schnell ist und einen Motor von jener Stär­ke hat, die sonst einen Omni­bus bewegt, braucht es Anti­blo­ckier­sys­te­me, Gurt­straf­fer, Air­bags rund­um, einen Sei­ten­auf­prall­schutz und ein den­ken­des Fahr­werk. Um zu ver­hin­dern, dass die macht­voll getrie­be­nen Rei­fen beim Anfah­ren ver­heizt wer­den, ist eine Antriebs­schlupf­re­ge­lung ein­ge­baut. Wer sich auf die­se fas­zi­nie­ren­de Absur­di­tät ein­lässt, ist von ver­trau­ten Pro­ble­men und ver­trau­ten Lösun­gen umge­ben; er fühlt sich in der Beschäf­ti­gung mit einer lebens­ge­fähr­li­chen Maschi­ne, die sei­nen Kin­dern Erde und Luft weg­nimmt, gebor­gen.

Sol­che Exem­pel doku­men­tie­ren die Ver­wund­bar­keit der Indus­trie­ge­sell­schaft. Ein gut kon­stru­ier­tes Auto oder Motor­rad fas­zi­niert uns wie ein Kunst­werk, das wir andäch­tig strei­cheln, begeh­ren und nut­zen. Die­se emo­tio­na­len Reak­tio­nen sind in einer hand­werk­lich struk­tu­rier­ten Welt ange­mes­sen, in der es weni­ge sol­cher Din­ge gibt und ihr öko­no­mi­sches Umfeld ihre her­aus­ge­ho­be­ne Stel­lung recht­fer­tigt. In der Kon­sum­ge­sell­schaft ist es mög­lich gewor­den, die­se Din­ge mas­sen­haft zu erzeu­gen. Da dies nur auf Kos­ten des öko­lo­gi­schen Gleich­ge­wichts mög­lich ist, wer­den die geweck­ten Ansprü­che zu einer schwe­ren Hypo­thek.

 

Digi­ta­le Ange­bo­te ver­dum­men mehr, als dass sie sti­mu­lie­ren.

 

Der Ulmer Ner­ven­arzt Man­fred Spit­zer beschreibt die destruk­ti­ven Wir­kun­gen eines über­mä­ßi­gen Bild­schirm­kon­sums auf die geis­ti­ge Ent­wick­lung von Kin­dern und Erwach­se­nen. Eines sei­ner Bei­spie­le sind ver­glei­chen­de Unter­su­chun­gen an Taxi­fah­rern in Lon­don. Seit die­se sich mit­hil­fe elek­tro­ni­scher Hilfs­mit­tel ori­en­tie­ren, müs­sen sie nicht mehr rund 20.000 Stra­ßen­na­men ler­nen und räum­lich zuord­nen. Par­al­lel dazu haben sich die für sol­che Funk­tio­nen zustän­di­gen Gehirn­area­le mess­bar ver­klei­nert.

Kin­der, denen ame­ri­ka­ni­sche For­scher 2010 eine Spiel­kon­so­le schenk­ten, ver­schlech­ter­ten sich bereits nach vier Mona­ten in ihren Schul­leis­tun­gen, wenn sie mit Kin­dern ver­gli­chen wur­den, die ohne sol­che Ablen­kung in die Schu­le gin­gen. Ähn­li­che Stu­di­en gibt es über die Fol­gen von Gewalt­spie­len auf die Empa­thiefä­hig­keit.

Es ist Spit­zer vor­ge­wor­fen wor­den, dass er mög­li­che posi­ti­ve Wir­kun­gen von Com­pu­tern auf die geis­ti­ge Leis­tungs­fä­hig­keit igno­riert. Aber sol­che Hin­wei­se soll­ten nicht dazu füh­ren, sei­ne gut begrün­de­ten Ein­wän­de gegen die Ver­wöh­nun­gen einer durch Maus­klick und Joy­stick beherrsch­ten Bild­schirm­welt zu igno­rie­ren.

Ähn­lich wie Poli­ti­ker vor Ein­füh­rung des Pri­vat­fern­se­hens geis­ti­ge Anre­gung und viel­fäl­ti­ge Infor­ma­tio­nen ver­spra­chen, wäh­rend die Rea­li­tät der vie­len Kanä­le doch ein Über­wie­gen pri­mi­tivs­ter Unter­hal­tung zeigt, schei­nen die ver­dum­men­den Fol­gen der digi­ta­len Ange­bo­te mehr Wucht zu ent­fal­ten als die sti­mu­lie­ren­den.

Über­all, wo uns der Wohl­stand geis­ti­ge oder kör­per­li­che Übung abnimmt, wird er auch gefähr­lich. Er unter­stützt Ent­wick­lun­gen, die zur Sucht füh­ren. Das beschränkt sich nicht auf Details wie das Über­ge­wicht und den Dia­be­tes, die nach einer von Spit­zer zitier­ten Stu­die zu einem Sechs­tel auf die digi­ta­len Medi­en zurück­zu­füh­ren sind.

 

Das eige­ne, „ver­al­te­te“ Pro­dukt wird zum Feind, die Din­ge zie­hen in den Krieg.

 

Die Logik der Din­ge in der Kon­sum­ge­sell­schaft hängt mit der glo­ba­li­sier­ten Nach­fra­ge zusam­men; die­se wie­der­um wird durch die Fort­set­zung natio­na­lis­ti­scher Erobe­rungs­plä­ne mit ande­ren Mit­teln geprägt. Beson­ders deut­lich ist die­se Situa­ti­on in der japa­ni­schen Indus­trie.

Die Japa­ner über­tru­gen nach ihrer dra­ma­ti­schen Nie­der­la­ge im Zwei­ten Welt­krieg und ihrem Ver­zicht auf eige­ne Waf­fen­pro­duk­ti­on die Prin­zi­pi­en der Rüs­tungs­in­dus­trie auf die Kon­sum­gü­ter­pro­duk­ti­on. So über­wäl­tig­ten sie die Wirt­schaft ihrer Wett­be­wer­ber. Eini­ge Jah­re lang blick­ten die Fest­red­ner der deut­schen opti­schen Indus­trie vom hohen Ross ihrer tra­di­ti­ons­rei­chen Mar­ken auf die japa­ni­schen „Bil­lig­ko­pi­en“. Ehe sie sich beson­nen hat­ten, waren sie erle­digt. Eine Ent­wick­lung, die damals begann, prägt heu­te fast alle Kon­sum­gü­ter. Selbst wo der Markt nicht von Japan bestimmt ist, wirkt er doch japa­ni­siert. Das eige­ne, „ver­al­te­te“ Pro­dukt wird zum Feind, die Din­ge zie­hen in den Krieg.

Wenn die gesam­te Pro­duk­ti­on sich gewis­ser­ma­ßen auf Kriegs­zu­stand ein­stellt, gewinnt sie gegen­über ande­ren Pro­du­zen­ten einen kurz­fris­ti­gen Vor­teil, des­sen lang­fris­ti­ge Nach­tei­le erst spä­ter bemerk­bar wer­den. Im Krieg sind vie­le – man­che den­ken alle – Mit­tel erlaubt, den Feind zu schä­di­gen. Er erzieht zur Rück­sichts­lo­sig­keit gegen­über den Res­sour­cen und zur Scham­lo­sig­keit, mit der Zwe­cke die Mit­tel hei­li­gen.

Die Mili­ta­ri­sie­rung in der Kon­sum­gü­ter­pro­duk­ti­on führt zu sehr wider­sprüch­li­chen, gele­gent­lich absurd anmu­ten­den Kon­se­quen­zen. Bei­spiels­wei­se wer­den für Fahr­rä­der Schnell­spannn­aben ange­bo­ten. Sie sind für Renn­sport­ler sinn­voll, die ein defek­tes Rad rasch aus­wech­seln müs­sen. In Rädern, die an einer Stra­ßen­la­ter­ne geparkt wer­den, erfreu­en Schnell­span­ner Die­be, wel­che mit einem Griff ein teu­res Lauf­rad mit­neh­men kön­nen. So wur­de eine Schnell­spannna­be ent­wi­ckelt, die zuge­sperrt wer­den kann.

 

Wir bräuch­ten Din­ge, die unse­ren kri­ti­schen Bezug zur Wirk­lich­keit ver­bes­sern.

 

Wir bräuch­ten Din­ge, die unse­ren kri­ti­schen Bezug zur Wirk­lich­keit ver­bes­sern, die ver­nünf­ti­ge Ver­hält­nis­se zwi­schen Auf­wand und Ertrag sinn­fäl­lig machen. Wir kau­fen Din­ge, die uns Ver­schwen­dung, Sucht nach maxi­ma­ler Bequem­lich­keit, Angst vor Anstren­gung und Grö­ßen­fan­ta­si­en jeder Art bei­brin­gen.

Wer Kon­sum­gü­ter von 1956 mit denen der Gegen­wart ver­gleicht, fin­det eben so vie­le Rück­schrit­te wie Fort­schrit­te. Die ver­wir­ren­de Viel­falt, die tech­ni­sche Extra­va­ganz sind Bele­ge für den Vor­stoß der Ware in eine Zone, in der sie der Kon­su­ment nicht mehr erfas­sen, durch­schau­en, repa­rie­ren und zu hun­dert Pro­zent nut­zen kann. Die typi­sche Ware des Grenz­nut­zens wird der Käu­fer in sei­nem Leben so wenig brau­chen kön­nen wie einen Fer­ra­ri im Stadt­ver­kehr.

Die moder­nen Kon­sum­gü­ter ent­wi­ckeln sich in zwei Rich­tun­gen. In bei­den stre­ben sie in die Todes­zo­ne des Grenz­nut­zens, wo die Luft dünn wird. Ein­mal wer­den sie immer kom­for­ta­bler, idio­ten­si­cher, neh­men uns alles ab. Die Funk­uhr muss nicht ein­mal mehr auf die Som­mer­zeit gestellt wer­den. In Autos sind Appa­ra­te ein­ge­baut, die einen Stadt­plan erset­zen. Die Benut­zer­ober­flä­che erlaubt es bereits Kin­dern, einen Com­pu­ter zu bedie­nen. Ande­rer­seits wer­den aber die Gerä­te immer kom­pli­zier­ter. Bei einer bri­ti­schen Fir­ma ergab eine Unter­su­chung, dass die Hälf­te der als defekt ein­ge­schick­ten Video­ka­me­ras völ­lig in Ord­nung war. Die Kun­den hat­ten die Anlei­tung nicht ver­stan­den. Obwohl die vor­han­de­ne, noch tadel­los funk­tio­nie­ren­de Pro­dukt­ge­ne­ra­ti­on ihren Zweck per­fekt erfüllt, wer­den neue Model­le ange­bo­ten, mit Mil­lio­nen­auf­wand ver­mark­tet und gekauft.

Wäh­rend die Pro­du­zen­ten von lebens­not­wen­di­gen Gütern Bedürf­nis­se befrie­di­gen, die immer wie­der spon­tan ent­ste­hen (wie Hun­ger, Durst, Schutz vor Wit­te­rung), ach­ten die Her­stel­ler von Kon­sum­gü­tern dar­auf, Abhän­gig­kei­ten zu schaf­fen. Eine davon ist die Undurch­schau­bar­keit: Nur der vom Her­stel­ler aus­ge­bil­de­te Spe­zia­list, der in aller Regel auch am Ver­kauf des Pro­dukts und der Ersatz­tei­le ver­dient, ver­fügt über genü­gend Kennt­nis­se, um Stö­run­gen zu behe­ben. In die­se Rich­tung sind wir in zen­tra­len Gebie­ten der Tech­ni­sie­rung mit Rie­sen­schrit­ten mar­schiert.

James Bond ist ein Held der Kon­sum­ge­sell­schaft. Er bil­det sich auch noch etwas dar­auf ein, dass er kei­nes der Wun­der­din­ge ver­steht, mit denen er sei­ne Fein­de narrt. Er kann kei­nes repa­rie­ren; daher wech­seln die Gad­gets so schnell wie die Sze­nen und lösen sich in Explo­sio­nen auf.

 

Kon­su­mis­mus schä­digt nicht nur die Umwelt, son­dern macht Men­schen auch süch­tig, pri­mi­tiv und dumm.

 

1972 führ­te ich in mei­nen Buch Homo con­su­mens aus, dass der Kon­su­mis­mus nicht nur die Umwelt schä­digt, son­dern Men­schen auch süch­tig, pri­mi­tiv und dumm macht – ein Plä­doy­er gegen die Kon­sum-Demenz. Seit­her ver­fol­ge ich die Dif­fe­ren­zie­run­gen der Kri­tik am blin­den Wachs­tum, die unter­schied­li­chen aka­de­mi­schen Bei­trä­ge zur Öko­lo­gie, das Ent­ste­hen und Ver­ge­hen von Lösungs­vor­schlä­gen. Am meis­ten beein­druckt hat mich die Geduld und Gründ­lich­keit von Eli­nor Ostrom, die erforscht hat, unter wel­chen Bedin­gun­gen Men­schen die Welt um sich her­um sta­bi­li­sie­ren kön­nen, indem sie sich unter­ein­an­der eini­gen. Ostrom weist auch immer wie­der dar­auf hin, wie gefähr­lich Patent­re­zep­te und Ehr­geiz wer­den, auch wenn die Idea­le unta­de­lig sind, an denen sie sich ori­en­tie­ren.

Ich ver­mu­te, dass die Zeit vor­bei ist, in der Men­schen, von gro­ßen Idea­len begeis­tert, den Pla­ne­ten erober­ten, Ein­ge­bo­re­ne mis­sio­nier­ten und Kolo­ni­en grün­de­ten. Die Mensch­heit hat ihre Gren­zen gefun­den, auch wenn sie das noch nicht wahr­ha­ben mag. Sie wird auf die­ser Erde blei­ben, Erobe­rung ist Zer­stö­rung gewor­den, die Pfle­ge der Räu­me um uns her­um die ein­zi­ge Chan­ce, einen siche­ren Ort zu fin­den und zu behal­ten.

 

Wolf­gang Schmid­bau­er ist Psy­chon­ana­ly­ti­ker und Schrift­stel­ler. Er gilt als einer der ers­ten Kri­ti­ker der Kon­sum­ge­sell­schaft aus öko­lo­gisch-psy­cho­lo­gi­scher Sicht (Homo con­su­mens, 1972; Jetzt haben, spä­ter zah­len, 1995).

 

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- Inklu­si­ve der aktu­el­len Aus­ga­be DIGITALISIERUNG.

Bei einer Sintflut muss man Schiffe bauen, nicht Deiche – Interview mit Gunter Dueck zur Digitalisierung

agora42_DigitalisierungAnläss­lich der neu­en Aus­ga­be DIGITALISIERUNG haben wir aus­ge­wähl­ten Per­so­nen zum The­ma ein paar Fra­gen gestellt. Hier die Ant­wor­ten von Prof. Dr. Gun­ter Dueck:

Gunter Dueck Digitalisierung

Bei einer Sintflut muss man Schiffe bauen, nicht Deiche – Interview mit Gunter Dueck zur Digitalisierung

 

Herr Dueck, wel­che Hoff­nun­gen ver­bin­den Sie mit der Digi­ta­li­sie­rung?

Ich ver­bin­de sie nicht mit Hoff­nun­gen. Die Welt ver­än­dert sich, und wir soll­ten bemüht sein, das Bes­te dar­aus zu machen. Wir soll­ten also beherzt han­deln. Von Deutsch­land wird aber durch­weg gesagt, dass es hin­ter­her­hinkt – wahr­schein­lich, weil sich mit der Digi­ta­li­sie­rung zu weni­ge Hoff­nun­gen ver­bin­den. Man will nur dann los­ge­hen, wenn es für alle bes­ser wird. An die­sen Punkt kom­men wir bald, näm­lich wenn es uns wegen Hin­ter­her­hin­kens schlecht geht. Dann ist die Hoff­nung des Auf­ho­lens für alle bes­ser. Und dann gehen wir schon, weil wir irgend­wie nicht Hoff­nun­gen in Taten umset­zen, son­dern lau­fen, wenn man uns von hin­ten tritt.

 

Was erach­ten Sie als die größ­te Bedro­hung durch die Digi­ta­li­sie­rung?

Gunter Dueck

Gun­ter Dueck lebt als frei­er Schrift­stel­ler, Phi­lo­soph, Busi­ness Angel und Speaker bei Hei­del­berg. Nach einer Kar­rie­re als Mathe­ma­tik­pro­fes­sor arbei­te er fast 25 Jah­re bei der IBM, zuletzt bei sei­nem Wech­sel in den Unru­he­stand als Chief Tech­no­lo­gy Offi­cer. Er ist für humor­voll-sati­risch-kri­tisch-unver­blüm­te Reden und Bücher bekannt, zuletzt „Das Neue und sei­ne Fein­de“ und „Schwarm­dumm“. Mehr auf sei­ner Home­page www.omnisophie.com

Sehen Sie? Gleich kommt wie­der die­se deut­sche Fra­ge oder die Pro­blem­stel­lung der Ger­man Angst. War­um fra­gen Sie nicht, was getan wer­den muss? Das sage ich schon seit vie­len Jah­ren – unwi­der­spro­chen übri­gens: Wir müs­sen alle (!) bil­dungs­mä­ßig bes­ser sein als der Com­pu­ter, weil die Rou­ti­ne­ar­beit weg­fällt. Die­sen Fakt sehen nun vie­le als Bedro­hung, aber nicht als Hand­lungs­auf­for­de­rung. Die Bedro­hung liegt also nicht in der Digi­ta­li­sie­rung an sich, son­dern an unse­rer Akti­ons­un­wil­lig­keit mit­ten im Wan­del. Bei einer Sint­flut muss man Schif­fe bau­en, nicht Dei­che. Deich­bau­er agie­ren wie Bedroh­te und han­deln aus die­ser Sicht ganz falsch. Der Blick auf das Pro­blem ist manch­mal ent­schei­dend.

 

Big Data, Block­chain, KI und Co. geben kei­ne Ant­wort dar­auf, wie wir in Zukunft leben wol­len. Gesell­schaft­li­che Uto­pi­en sind im Ver­gleich zu Tech­ni­ku­to­pi­en gera­de Man­gel­wa­re. Wie möch­ten Sie im tech­nik­ge­präg­ten Zeit­al­ter leben?

Die Digi­ta­li­sie­rung ver­än­dert unser Leben ja nicht so sehr. Statt der Kas­se an der Bank habe ich den Auto­ma­ten, statt 100 TV-Pro­gram­men eben Stream. Das Gril­len und Fei­ern bleibt doch gleich, aber die Leis­tungs­er­brin­gung ändert sich stark, eben durch die genann­ten Tech­no­lo­gi­en. Es fin­det mehr ein Umbau der Arbeits­welt statt. Gesell­schaft­li­che Uto­pi­en sind Man­gel­wa­re, weil die Geis­tes­wis­sen­schaft­ler oder Intel­lek­tu­el­len sich inter­net­phob tot­stel­len und sich nur ab und zu für Bedro­hungs­jam­mer­kla­gen raus­wa­gen. Zu mei­ner Bil­dungs­gret­chen­fra­ge: Die Intel­lek­tu­el­len haben sich immer an der Auf­klä­rung ergötzt. Ja, Enligh­ten­ment für alle! Wis­sen für alle! Nun brau­chen wir als posi­ti­ve Uto­pie aber viel wei­ter­ge­hen­der “Empower­ment für alle” und die Mög­lich­keit zu Self-Empower­ment für alle! Das kann man doch sogar als Bibel­le­ser gut fin­den? Die Intel­lek­tu­el­len wol­len aber irgend­wie immer nur, dass der uto­pi­sche Mensch alles DARF, nun aber MUSS er Bil­dung haben. Wahr­schein­lich behagt ihnen die­se Pflicht nicht, spe­ku­lie­re ich.

 

Edu­ard Käser schreibt in agora42: “Einst hat­ten wir Pro­ble­me und erfan­den Gerä­te zu ihrer Lösung. Heu­te haben wir Gerä­te und erfin­den zu ihnen pas­sen­de Pro­ble­me.” – Haben wir nicht schon alles erfun­den, was wir brau­chen? War­um erfin­den wir lau­fend neue Gerä­te und Tech­no­lo­gi­en?

Die­se Fra­ge wird immer gestellt. Stel­len Sie sich die Fra­ge vor zehn Jah­ren vor. Da hät­ten wir sagen kön­nen: Wir haben doch alles. Heu­te sagen wir: Ohne Smart­pho­ne ist das Leben gar nicht mehr so schön. Und in fünf­zehn Jah­ren sagen wir: Selbst­fahr­au­tos sind toll, gera­de für die altern­de Gesell­schaft. Mit 90 noch zu den Enkeln gebracht wer­den! Ich will sagen: Das, was wir schon neu bekom­men und in unser Leben inte­griert haben, wol­len wir nicht mehr her­ge­ben, aber das, was gera­de neu erfun­den wird, sehen wir als Unsinn oder Bedro­hung. Die­ser Man­gel an Phan­ta­sie und Wan­de­lun­lust lässt sich als Phi­lo­so­phie ver­kau­fen, weil man natür­lich kri­ti­sie­ren kann, dass heu­te im Sili­con Val­ley nur um des Mil­li­ar­den­ma­chens wil­len erfun­den wird. Das ist eben so im Umbruch, vie­le suchen ihre Chan­ce mit­ten in der Revo­lu­ti­on. Zu ande­ren Zei­ten (also nach Edu­ard Käser: “einst”) wur­de doch auch wegen vor­ge­stell­ter Pro­ble­me geforscht, weil man in den Welt­raum woll­te oder Wett­rüs­ten betrieb – es sind eben die Umbrü­che, die hek­tisch erfin­den las­sen.

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Die neue Ausgabe: DIGITALISIERUNG

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Die neue agora42 ist nun im Shop erhält­lich. Das Cover gestal­te­te die Male­rin Eloï­se Cot­ty. Eine Vor­schau fin­den Sie hier.

Die Aus­ga­be der agora42 zum The­ma DIGITALISIERUNG ist ab sofort im Shop erhält­lich. Mit Bei­trä­gen von u.a. Felix Stal­der, Pro­fes­sor für digi­ta­le Kul­tur in Zürich, Karin Frick, Lei­te­rin Rese­arch und Mit­glied der Geschäfts­lei­tung des Gott­lieb Dutt­wei­ler Insti­tuts, Joa­chim Paul, Bio­phy­si­ker und für die Pira­ten-Par­tei im Land­tag Nord­rhein-West­fa­lens oder Eike Wen­zel, Grün­der und Lei­ter des Insti­tuts für Trend- und Zukunfts­for­schung. Im Inter­view ver­gleicht Rafa­el Capur­ro, Infor­ma­ti­ons­ethi­ker und Phi­lo­soph, die vir­tu­el­le mit der rea­len Welt:

 

Der Cyber­space erschien vie­len als ein vir­tu­el­ler Raum, der nichts mit der mate­ri­el­len Welt zu tun hat. Dabei war die vir­tu­el­le Welt natür­lich gar nicht so unab­hän­gig von der mate­ri­el­len Welt, wie es den Anschein mach­te…”

 

Im Edi­to­ri­al die­ser Aus­ga­be schreibt Chef­re­dak­teur Frank Augus­tin:

Man kommt um The­men wie Big Data, Inter­net der Din­ge, Block­chain oder künst­li­che Intel­li­genz kaum her­um. Inzwi­schen kön­nen Din­ge fak­tisch Editorial Frank Augustinmit­ein­an­der ver­kop­pelt wer­den, die man frü­her nicht ein­mal gedank­lich in Ver­bin­dung gebracht hat – mit über­wäl­ti­gen­den Mög­lich­kei­ten für Kom­mu­ni­ka­ti­on, For­schung, Mobi­li­tät, Logis­tik und Pro­duk­ti­on. Auch in phi­lo­so­phi­scher Hin­sicht ist das The­ma über­aus reiz­voll, stel­len sich doch sogleich Fra­gen nach neu­en For­men des Wirt­schaf­tens, des gesell­schaft­li­chen Zusam­men­le­bens oder danach, wel­che Aus­wir­kun­gen die tech­ni­schen Ent­wick­lun­gen auf die Frei­heit des Men­schen und des­sen Selbst­ver­ständ­nis haben.”