Das Böse kommt nicht vom Kapitalismus – Interview mit Ruth Hagengruber

Anläss­lich der aktu­el­len Aus­ga­be zum The­ma “DER KAPITALISMUS AUF DER COUCH” haben wir aus­ge­wähl­ten Per­so­nen drei Fra­gen zu die­sem The­ma gestellt – dar­un­ter auch Prof. Dr. Ruth Hagen­gru­ber. Sie hält die gän­gi­ge Kapi­ta­lis­mus­schel­te für einen Vor­bo­ten natio­na­ler auto­ri­tä­rer Bewe­gun­gen und plä­diert dafür den Kapi­ta­lis­mus nicht zu dämo­ni­sie­ren, son­dern zu demo­kra­ti­sie­ren.

 

Das Böse kommt nicht vom Kapitalismus – Interview mit Ruth Hagengruber

 

1. Frau Hagen­gru­ber, wel­chen Aspekt des Kapi­ta­lis­mus fin­den Sie am inter­es­san­tes­ten und am ehes­ten zu beden­ken?

Die heu­te ver­brei­te­te Kapi­ta­lis­mus­schel­te darf gewiss mehr als Trend denn als Ein­sicht ange­se­hen wer­den. Wer den Kapi­ta­lis­mus gar ins Reich des Bösen ver­weist, ist sich der Zustim­mung der Vie­len und daher auch der Medi­en gewiss. So ein­fach ist es nicht. Kein Zwei­fel, auf Trug gebau­te Kapi­tal­ak­ku­mu­la­tio­nen, Intrans­pa­renz ver­stö­ren den „Nor­mal­bür­ger“, der es sich nur im Rah­men sei­ner Ein­künf­te leis­ten kann, die eige­nen Ide­en zu rea­li­sie­ren. Und der über­zeugt ist: Das Gute im Leben kann mit Kapi­tal nicht erkauft wer­den. In die­ser Span­ne zwi­schen Ent­täu­schung und über­zo­ge­nen Hoff­nun­gen ermög­licht uns die phi­lo­so­phi­sche Per­spek­ti­ve wie­der einen neu­en Blick auf die Öko­no­mie­ge­schich­te und auf das, was unter Kapi­tal über­haupt zu ver­ste­hen ist. Dabei ist es wohl nicht zufäl­lig, dass ihr Begrün­der, Adam Smith ein Moral­phi­lo­soph war. Phi­lo­so­phie und Öko­no­mie sind schon seit der Anti­ke, also seit dem Anfang der Phi­lo­so­phie eng ver­zahnt. Kein gerin­ge­rer als Sokra­tes hin­ter­ließ fol­gen­de Anwei­sung, das Ver­mö­gen zu meh­ren: auxein ton oikon. Das über­lie­fert Xeno­phon. Klug, wie die­se anti­ken Den­ker waren – übri­gens waren es auch Den­ke­rin­nen, denn in eben die­sem Buch bezeich­net Sokra­tes Aspa­sia als sei­ne Leh­re­rin – wis­sen sie, dass die Ver­meh­rung des Ver­mö­gens zwar das Ziel der Öko­no­mie dar­stellt, aber auch, dass es dabei nicht um quan­ti­ta­ti­ve, son­dern um qua­li­ta­ti­ve Wer­te geht.

Ruth Hagengruber

Ruth Hagen­gru­ber habi­li­tier­te mit einem wirt­schafts­phi­lo­so­phi­schen The­ma (Nut­zen und All­ge­mein­heit) und lei­tet seit 2005 den For­schungs­be­reich EcoTech­Gen­der an der Uni­ver­si­tät Pader­born. Sie publi­ziert regel­mä­ßig zu The­men der Wirt­schaft, Infor­ma­tik und zu Fra­gen der Geschlech­ter­ge­rech­tig­keit (sie­he web­page). Seit 2013 lehrt sie in einem Pro­jekt: Ethik Den­ken Öko­no­mie regel­mä­ßig zu The­men der Wirt­schafts­phi­lo­so­phie.

Ver­mö­gens­meh­rung aus die­ser phi­lo­so­phi­schen Per­spek­ti­ve meint näm­lich, die sub­jek­ti­ve ganz per­sön­li­che Beur­tei­lung und Ein­schät­zung über eine Sache. Sokra­tes bringt dafür anschau­li­che Bei­spie­le: Es nützt nichts, wenn einer ein Pferd besitzt, das ihn tritt! Obwohl quan­ti­ta­ti­ver Besitz, ist es kein Ver­mö­gen, son­dern einen Scha­den! Selbst, wer kei­nen direk­ten Scha­den nimmt, aber auch kei­nen Vor­teil, han­delt unwei­se. Wer eine Flö­te besitzt, die er nicht spie­len kann, scha­det sich und sei­nem Ver­mö­gen.

Was Xeno­phon hier durch den Mund des Sokra­tes mit­teilt ist die Ein­sicht, dass unser Urteil der Aus­druck des Wis­sens über Nut­zen und Gebrauch eines Dings ist. Es ist ein ganz per­sön­li­ches Urteil, das vom Urtei­len­den abhängt. Das Urteil spie­gelt sozu­sa­gen den Urtei­len­den. Die­ser Mehr­wert, den der Urtei­len­de rekla­miert, spie­gelt sein Wis­sen um die Sache und rezi­prok. Die Ver­mö­gens­meh­rung, damit das Kapi­tal, kommt folg­lich aus die­sem Wis­sen, nicht aus der Sache. Das war die idea­le Auf­fas­sung Xeno­phons.

Aus die­ser Ein­sicht las­sen sich vie­le inter­es­san­te Urtei­le ablei­ten. Z.B. auch die­je­ni­ge, dass Kapi­tal sich nicht auf Geld oder Boden oder Pro­duk­ti­ons­mit­tel beschrän­ken lässt. Der wah­re Grund des Kapi­tals ist der qua­li­ta­tiv zuge­mes­se­ne Mehr­wert, der sich in der Sache ver­ding­licht. Nut­zen und Gebrauch wer­den sozu­sa­gen erfun­den. Zucker­berg und Gates, Rubin­stein, Goog­le und Sky­pe prä­sen­tie­ren heu­te in dem von ihnen kre­ierten Kapi­tal die Trans­for­ma­ti­on der Ide­en zu Kapi­tal. Wir kre­ieren den Mehr­wert. Wir kre­ieren das Kapi­tal. Heu­te ist prak­tisch allen klar, dass Kapi­tal nicht im Geld liegt. Das wah­re Kapi­tal ist Wis­sen. Was wir als Kapi­tal anse­hen, wan­delt sich. Wenn wir wol­len, kön­nen wir den ganz  gro­ßen Kapi­ta­lis­ten unse­ren Zuspruch ent­zie­hen – jeden­falls, wenn wir die demo­kra­ti­sche Kon­trol­le aus­üben kön­nen und ver­ste­hen ler­nen, dass der Kapi­ta­lis­mus, wie alles und wir selbst, not­wen­dig kor­rek­tur­be­dürf­tig sind.

Der demo­kra­ti­schen Kor­rek­tur des Kapi­ta­lis­mus geht es daher um die gro­ße Streu­ung des Zugangs zum Kapi­tal, das idea­ler­wei­se in vie­len Län­dern die­ser Welt aktiv ist und dabei zugleich die Auf­lö­sung auto­ri­tä­rer oder und patri­ar­cha­ler Herr­schaft mit sich führt.

Die­ser eigent­lich demo­kra­ti­sche, aber auch glo­ba­le Pro­zess beflü­gelt die Angst des Ein­zel­nen in den Wohl­stands­län­dern, sie möch­ten dabei ihr „biss­chen Kapi­tal“ ver­lie­ren. Die glo­ba­le Stra­te­gie des moder­nen und par­ti­ku­lar ori­en­tier­ten Kapi­ta­lis­mus wird von den neu­en natio­na­lis­ti­schen Bewe­gun­gen bekämpft. Sie sind Bewe­gun­gen, denen die Streu­ung und Par­ti­ku­la­ri­sie­rung des Kapi­tals zuwi­der ist.

Das Kapi­tal hat das Bür­ger­tum von der Adels­herr­schaft befreit und Chi­na zum Glo­bal Play­er gemacht. Das Kapi­tal kann alte Ord­nun­gen ver­wer­fen. Die ande­ren ver­spre­chen das Gute, wenn sie das Kapi­tal in der Hand hal­ten. Hier kommt es dar­auf an, für wen wir uns ent­schei­den, solan­ge wir die Chan­ce haben, uns zu ent­schei­den, wem wir unser Kapi­tal anver­trau­en. Selbst die Grü­nen ver­spre­chen, „Ren­te geht auch grün“. Kapi­tal kann man in jeder Ver­si­on anspa­ren und ver­meh­ren, je nach­dem für wel­ches „gute“ man sich ent­schei­det, solan­ge es einem noch frei steht, sich zu ent­schei­den. Wer will die­se Ver­tre­ter der neu­en Bewe­gun­gen als zen­tra­le Ver­wal­ter der dann wie­der deut­schen Finanz­kraft? Der freie Bür­ger wird dann weni­ger frei sein, sein biss­chen Ver­mö­gen nach sei­nen eige­nen Vor­stel­lun­gen zu ver­meh­ren. Man muss den Kapi­ta­lis­mus demo­kra­ti­sie­ren, nicht zen­tra­li­sie­ren.

 

2. War­um konn­ten sich die Men­schen so schnell und unbe­merkt für das kapi­ta­lis­ti­sche Den­ken begeis­tern? Ent­spricht der Kapi­ta­lis­mus unse­rer Natur?

Die Frei­heit für einen Men­schen wächst mit sei­ner Mög­lich­keit, sei­ne eige­nen Vor­stel­lun­gen zu  rea­li­sie­ren. Kapi­tal ist einer­seits genau das, was wir dank unse­res eige­nen Ver­mö­gens in den Din­gen sehen. Unser Blick auf die Din­ge der Welt und wie wir sie für unse­re Inter­es­sen nut­zen kön­nen, gehört wesent­lich zu unse­ren Akti­vi­tä­ten. Noch erfreu­li­cher ist es, wenn sich die Welt nach unse­rem Urteil for­men lässt. Das ist letzt­lich der Wunsch der Men­schen, sozu­sa­gen anthro­po­lo­gi­sche Deter­mi­nan­te. Die Din­ge nach der eige­nen Vor­stel­lung zu bewer­ten, ist ein Teil der Selbst­ver­wirk­li­chung. Wir rea­li­sie­ren uns und ver­ding­li­chen unser Ego auf die­se Wei­se in den Din­ger der Welt. Das Ich ver­ding­licht sich im Nicht-Ich, sagen die Phi­lo­so­phen. Damit rea­li­siert sich das säku­la­re Glück im Hier und Jetzt und nicht im Jen­seits. Dem Indi­vi­du­um scheint es, als könn­te es sich damit ver­ewi­gen.

Nun ent­brann­te mit Rawls, aller­dings nicht zum ers­ten Mal in der Phi­lo­so­phie, die Debat­te, ob die natür­li­che Ver­schie­den­heit der Men­schen nicht unge­recht und daher der Aus­gleich der natür­li­chen Vor­tei­le „zen­tral“ gesteu­ert wer­den müs­se. Die natür­li­che Ver­schie­den­heit aus­zu­glei­chen ist nun zur Auf­ga­be all deren gewor­den, die sich auf den quan­ti­ta­ti­ven Aus­gleichs spe­zia­li­sie­ren. Wer aber kann es quan­ti­fi­zie­ren? Alle fischen im Trü­ben. Aris­to­te­les und Tho­mas Hob­bes ver­tra­ten die Auf­fas­sung, die Ver­schie­den­heit der Men­schen sei per sei die Vor­aus­set­zung und frucht­ba­re Grund­la­ge aller Gemein­schaf­ten. Gleich­heit hin­ge­gen mache sie unmög­lich, oder, wie bei Hob­bes, mache die Idee der natür­li­chen Gleich­heit sogar „mör­de­risch“. Nach Aris­to­te­les kann es kei­ne Gemein­schaft geben „mit zwei Bau­ern, oder zwei Ärz­ten“. Es braucht einen Arzt und einen Bau­ern, damit der Aus­gleich statt­fin­den kann. Die Ver­schie­den­heit ist selbst Ursa­che der Ent­wick­lung der eige­nen Fähig­kei­ten und der Dif­fe­ren­zie­rung der Tätig­kei­ten.

Das Pro­blem des gegen­wär­ti­gen Kapi­ta­lis­mus sind sei­ne Stö­run­gen. Zwi­schen „gut“ und „böse“ wer­den die Eigen­schaf­ten des Kapi­ta­lis­mus tariert, als hiel­te man einen Gott in den Hän­den. In der Tat, die Mög­lich­kei­ten, die sich durch die Kapi­ta­li­sie­rung erschlie­ßen, sind gewal­tig. Wir aber befin­den uns erst in den Kin­der­jah­ren der Ent­wick­lung. Die Smart­pho­nes bie­ten theo­re­tisch inter­es­san­te Mög­lich­kei­ten einer demo­kra­ti­schen Dis­tri­bu­ti­on, aber auch hier hat­ten die ver­bre­che­ri­schen Absich­ten schnel­ler die Hand auf den Gerä­ten, als die auf­ge­klär­te Bür­ge­rin. Sie und poli­ti­sche Gewalt stö­ren die­sen Markt, wie wir täg­lich hören. Sie spio­nie­ren, mal­trä­tie­ren, und wol­len sein Schei­tern, aber nur für den ein­zel­nen Bür­ger, für ihre eige­nen Vor­tei­le wol­len sie sein Funk­tio­nie­ren, damit sie wie­der eines haben: Kon­trol­le, Auto­ri­tät, Kapi­tal, Macht, ande­re für ihre Zwe­cke zu miss­brau­chen.

 

3. In unse­rer aktu­el­len Aus­ga­be liegt der Kapi­ta­lis­mus auf der Couch. Er ist aus­ge­brannt, kaum jemand glaubt noch ernst­haft an ihn, immer häu­fi­ger fragt man sich “wozu”, Kri­sen­stim­mung macht sich breit. Ist die Blü­te­zeit des Kapi­ta­lis­mus vor­über?

Die gegen­wär­tig modi­sche aber häu­fig ideo­lo­gi­sche Kapi­ta­lis­mus­schel­te besteht aus einer Rei­he von Schuld­zu­wei­sun­gen, die den Kapi­ta­lis­mus per se nicht tref­fen, son­dern sei­nen Miss­brauch und sei­ne Akteu­re. Der ver­brei­te­te Anti­ka­pi­ta­lis­mus unse­rer Gesell­schaft ist eine Vor­stu­fe der poli­ti­schen Bewe­gun­gen, die wir heu­te beob­ach­ten, die auto­ri­tä­re Ten­den­zen ver­fol­gen. Für sie ist die welt­weit gestreu­te Kapi­tal­macht eben­so wie die Demo­kra­tie eine Her­aus­for­de­rung.

Kapi­tal ist gefähr­lich, wenn es in der Hand weni­ger liegt und eigent­lich ist Kapi­ta­lis­mus dann gar nicht mehr mög­lich. Der Kapi­ta­lis­mus ist umso weni­ger ent­fal­tet, je mehr er die Ein­zel­nen aus dem Markt­zu­gang aus­schließt und je mehr nur weni­ge defi­nie­ren, was denn das (Gute) ist, das mit dem Kapi­tal erzeugt wer­den soll. Intrans­pa­renz und Akku­mu­la­ti­on ver­hin­dern, dass sich Men­schen mit ihren Fähig­kei­ten ein­brin­gen. Das sind die wirk­li­chen Stö­run­gen. Das hat aber gar nichts damit zu tun, ob ein Fuß­ball­spie­ler oder ein Vor­stands­chef 15 Mil­lio­nen im Jahr ver­die­nen darf oder zehn. Die­se Leu­te ver­die­nen ihr Geld auf dem Markt, der wenigs­tens inso­fern frei ist, als wir zu die­sem Pro­zess nicht bei­tra­gen müs­sen. Wer die Ver­si­che­rung wech­seln kann, geht zu der, die die effi­zi­en­tes­te für ihn ist. Viel­leicht ist es die, bei der der Vor­stand 5 Mil­lio­nen ver­dient, viel­leicht jene, wo er 15 ver­dient. Schlimm wird es, wenn wir kei­ne Aus­wahl mehr haben, wenn wir auf ein Pro­dukt ange­wie­sen sind. Dann hat die demo­kra­ti­sche Kon­trol­le ver­sagt.

Auch in unse­rer Gesell­schaft herr­schen auto­ri­tä­re Aus­schlüs­se. Das betrifft die Frau­en, das betrifft z.B. aber auch alle jene Men­schen, die in die­ses  Land kom­men woll­ten, und ihre Arbeit anbie­ten woll­ten, wie es Imma­nu­el Kant in sei­ner Schrift vom Ewi­gen Frie­den gefor­dert hat. Die Gerech­tig­keit des Mark­tes zu erhö­hen, hat auch damit zu tun, den Markt zu öff­nen und trans­pa­ren­ter zu machen. Das Gegen­teil ist aber der Fall und wird von vie­len gefor­dert. Opel soll in Bochum blei­ben, Nokia soll nicht in Rumä­ni­en pro­du­zie­ren und die Flücht­lin­ge sol­len nicht die Arbeits­plät­ze weg­neh­men. Die natio­na­le und zen­tra­le und auto­ri­tä­re Ver­wal­tung des Kapi­tals folgt dem Wunsch der Stun­de.

Wir ste­hen im Zei­chen des Umbruchs. Wenn wir es schaf­fen, eine brei­te und krea­ti­ve Kapi­tal­wirt­schaft zu erhal­ten, sind wir poli­tisch – im glo­ba­len Rah­men — sta­bi­ler. Die Ten­den­zen der natio­na­len und auch der patri­ar­chal begrün­de­ten Zen­tra­li­sie­run­gen lau­fen jedoch die­sem Ziel ent­ge­gen. Dabei gibt es die­sen Zusam­men­hang zwi­schen einer demo­kra­ti­schen, kapi­ta­lis­ti­schen und indi­vi­dua­lis­ti­schen Gesell­schaft auf der einen Sei­te und der anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen, auto­ri­tä­ren Gesell­schaft auf der ande­ren. Die Dämo­ni­sie­rung des Kapi­ta­lis­mus war nur ein Vor­spiel zu den poli­ti­schen Bewe­gun­gen der Gegen­wart.

Systemwechsel – Marc Elsberg

Systemwechsel

von Marc Els­berg

 

Marc Elsberg

Marc Els­berg, öster­rei­chi­scher Best­sel­ler­au­tor. Foto: Cle­mens Lech­ner

Kli­ma­wan­del, Raub­tier­ka­pi­ta­lis­mus, stei­gen­de Ungleich­heit, Wachs­tums­wahn, Glo­ba­li­sie­rung, Digi­ta­li­sie­rung, Auto­ma­ti­sie­rung – und jetzt noch Völ­ker­wan­de­run­gen!

Wir müs­sen etwas ändern!“, so schallt es allent­hal­ben.

Man könn­te anmer­ken: Die­se Ent­wick­lun­gen ändern doch ohne­hin jede Men­ge.

Aber in die fal­sche Rich­tung!“

Mit­nich­ten!“, erwi­dern Mil­li­ar­den Men­schen in Chi­na, Indi­en und ande­ren „Schwel­len­län­dern“, die in den ver­gan­ge­nen Deka­den aus der Armut in die Mit­tel­schicht auf­stei­gen konn­ten, sowie wei­te­re Mil­li­ar­den, die das noch ger­ne möch­ten.

Das macht unser Pla­net nicht mit!“, hallt es aus dem Wes­ten wider. (Und der wegen Migran­ten, Kli­ma­wan­del etc. „besorg­te Bür­ger“ schon gar nicht.)

Kei­ne Sor­ge, die Märk­te allo­kie­ren die Res­sour­cen schon“, ant­wor­tet dar­auf der neo­klas­si­sche Volks­wirt; wer­den die Kos­ten der Umwelt­ver­schmut­zung zu hoch, fließt das Kapi­tal in umwelt­freund­li­che­re Tech­no­lo­gi­en und so wei­ter.

Na sicher, die Märk­te! Die mit der Sub­pri­me­ban­ken­schul­den­wäh­rungs­dau­er­kri­se?“

Und nicht weni­ge möch­ten, dass alles wie­der so wird, wie es in ihrer ver­zerr­ten Erin­ne­rung frü­her ein­mal war.

Wir sehen schon: Uto­pi­en, Wün­sche, Träu­me gibt es genug. Die Mei­nun­gen über die wün­schens­wer­te Zukunft gehen aller­dings aus­ein­an­der. Was also tun?

 

In mei­nem Roman Black­out wol­len poli­tisch moti­vier­te Ter­ro­ris­ten durch einen wochen­lan­gen Strom­aus­fall in Euro­pa und den USA das gegen­wär­ti­ge Sys­tem so nach­hal­tig zer­stö­ren, dass Platz für eine neue Ord­nung ist. Wie schon vie­le vor ihnen glau­ben sie, dass das ver­meint­lich fal­sche Sys­tem nur durch einen gewalt­tä­ti­gen Umsturz geän­dert oder besei­tigt wer­den kann. Sol­che Fan­ta­si­en und Taten fin­det man in allen Berei­chen des gesell­schaft­li­chen Spek­trums. Mal flie­gen Brand­sät­ze von „rechts“ gegen Flücht­lings­un­ter­künf­te, mal Zie­gel von „links“ gegen Poli­zei­sta­tio­nen, um nur zwei Bei­spie­le aus Deutsch­land zu nen­nen.

Aber erreicht man auf gewalt­tä­ti­ge Wei­se das ange­streb­te Ziel?

Es kommt auf das Ziel an.

Vor­hang auf für: die Pfad­ab­hän­gig­keit! Bekannt aus Sozi­al- und Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten, der Sys­tem­theo­rie etc. Ihr zufol­ge hängt das Ver­hal­ten eines Sys­tems stark von sei­nen Aus­gangs­pa­ra­me­tern ab. Selbst wenn sich die Situa­ti­on spä­ter ändert und ande­re Ver­hal­tens­wei­sen klü­ger wären, hält das Sys­tem gern an sei­nen Stra­te­gi­en fest (der Starr­kopf!). In der Dis­kus­si­on um gesell­schaft­li­che Sys­tem­wech­sel wür­de das bedeu­ten: Gewalt­tä­ti­ge Umstür­ze durch klei­ne Grup­pen füh­ren eher zu gewalt­tä­ti­gen, auto­kra­ti­schen Sys­te­men, fried­li­che, mit brei­ter Unter­stüt­zung der Bevöl­ke­rung erreich­te Ver­än­de­run­gen brin­gen eher fried­fer­ti­ge, demo­kra­ti­sche Sys­te­me her­vor. Daten­ana­ly­sen zu poli­ti­schen Sys­tem­wech­seln stüt­zen die­se The­se (sie­he bei­spiels­wei­se Bruce Acker­man, Adri­an Karat­ny­cky, Eri­ca Chenoweth, Maria Ste­phan). Misch­for­men wie Rück­tritt oder Putsch schei­nen weni­ger Erfolg ver­spre­chend als brei­ter gesell­schaft­li­cher Kon­sens, Vor­ab-Kapa­zi­täts­auf­bau der Zivil­ge­sell­schaft, Ver­hand­lun­gen, Wah­len (sie­he zum Bei­spiel Jona­than Pinck­ney). (Der Erfolg gesell­schaft­li­chen Kon­sen­ses und Vor­ab-Kapa­zi­täts­auf­baus der Zivil­ge­sell­schaft erklärt dann auch die zuneh­men­den Repres­sio­nen gegen und Ver­bo­te von Medi­en und NGOs in auto­kra­ti­schen Regi­men.)

Es stellt sich daher die nächs­te Fra­ge: Wel­ches Ziel soll ich wol­len?

Ein­fa­che Ant­wort: hohe Diver­si­tät. Denn die­se erhöht die Mög­lich­kei­ten eines Sys­tems, auf Stö­run­gen zu reagie­ren. Sonst ergeht es der Gesell­schaft wie land­wirt­schaft­li­chen Mono­kul­tu­ren, die durch eine ein­zi­ge Stö­rung (Schäd­ling, Wet­ter etc.) leicht ver­nich­tet wer­den kön­nen.

Fazit: Den ohne­hin per­ma­nent von­stat­ten­ge­hen­den Wan­del gestal­tet man dem­nach mög­lichst fried­lich und Viel­falt för­dernd (wobei „fried­lich“ der schwie­ri­ge­re Teil ist, gera­de wenn man mit einem auto­kra­ti­schen und/oder gewalt­tä­ti­gen Regime kon­fron­tiert wird; aber selbst dann soll­te man sich im Sinn der Pfad­ab­hän­gig­keit so ver­hal­ten, dass ein sol­ches Regime mit höhe­rer Wahr­schein­lich­keit in ein fried­li­ches und diver­ses Sys­tem über­ge­hen kann).

Alles leich­ter gesagt als getan.

Aber mit dem Sagen könn­te man anfan­gen – am Anfang steht bekann­ter­ma­ßen (fast) immer das Wort.

Der Stil des Dis­kur­ses bestimmt das Ergeb­nis; Pfad­ab­hän­gig­keit, der alte Stur­schä­del, schon wie­der. (Und – eige­nes The­ma – hof­fen wir, dass die zuneh­men­de Pola­ri­sie­rung aller Debat­ten ihren Ursprung nicht in der nun­mehr allen Lebens­be­rei­chen zugrun­de lie­gen­den digi­ta­len Kom­mu­ni­ka­ti­on hat, die als Zustän­de nur die Pole 0 oder 1 kennt.)

Wei­ter­ma­chen könn­te man beim Han­deln. Nach dem bekann­ten Mot­to: Sei selbst der Wan­del, den du dir wünschst! (Wie­der Pfad­ab­hän­gig­keit: Vie­le han­deln, und das neue Sys­tem wird sich ent­spre­chend her­aus­bil­den.)

Aber das hie­ße ja dann statt: „Wir müs­sen etwas ändern“ plötz­lich: „Ich muss etwas ändern“, ja, „Ich muss mich ändern“!

Na, und das ist jetzt viel­leicht etwas viel ver­langt.

 

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Marc Els­berg ist ein öster­rei­chi­scher Best­sel­ler­au­tor. Sei­ne Sci­ence Thril­ler Black­out und Zero wur­den in zahl­rei­che Spra­chen über­setzt und als „Wis­sens­buch des Jah­res“ in der Kate­go­rie Unter­hal­tung aus­ge­zeich­net. Marc Els­berg ist gefrag­ter Dis­kus­si­ons­part­ner bei Poli­tik, Wirt­schaft und Wis­sen­schaft. Mehr dazu unter www.marcelsberg.com

Die­ser Arti­kel wur­de erst­mals in der agora42 3/2016 LEITBILDER ver­öf­fent­licht.

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