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Der Wert der Menschenwürde. Das unabhängige Lebensgeld – Interview mit Carsten Rachow

Der Wert der Menschenwürde – Das unabhängige Lebensgeld

Interview mit Carsten Rachow

 

Von der Subprime-Krise zur Finanzkrise zur Eurokrise zur Demokratiekrise zur Klimakrise zur Selbstbild-Krise: der Grund allen Übels scheint der Mensch zu sein. Hoffnungslose meinen bereits, dass er es immer schlimmer machen wird – und wollen die gesellschaftliche Steuerung lieber der künstlichen Intelligenz überlassen. Herr Rachow, was stimmt mit unserem Welt- und Selbstbild nicht?

Wenn der Mensch der Grund allen Übels ist, dann ist er potenziell natürlich auch der Grund aller Freude, alles Guten. Er kann kraft seiner geistigen Fähigkeiten gute und schlechte Wirkungen erzeugen. Diese geistigen Fähigkeiten agieren jedoch nicht im „geistleeren“ Raum – unser aller Denken ist eingebunden in geistige Kontexte, findet statt entlang kollektiver Prägungen und individueller Überzeugungen. Die fehlende Bewusstheit darüber, dass der Mensch ein „bedingt erzeugendes geistiges Wesen“ sein könnte (und nicht etwa ein materielles Nebenprodukt feuernder Hirnsynapsen) könnte tatsächlich etwas sein, was „mit unserem Welt- und Selbstbild“ nicht stimmt.

In der Tat habe auch ich den Eindruck, dass weltweit immer mehr Menschen nachdenklicher und kritischer geworden sind angesichts der „Früchte“, die wir individuell erdacht und kollektiv erschaffen haben. Die Welt ist ja mittlerweile zu einem medial sichtbaren Dorf geworden: Menschen erfahren heute überall auf der Erde, dass nicht nur bei ihnen vor Ort, sondern in der ganzen Welt nicht nur die Natur massiv durch den Menschen geschädigt wird, sondern auch der Mensch. Hunger, Armut, Gewalt und Ausbeutung existieren selbst in scheinbar „reichen“ Staaten. Die Menschen wissen heute, dass nicht Götter oder dubiose magische Kräfte für viele Übel verantwortlich sind, sondern Menschen, Interessen, Überzeugungen, Denksysteme und Organisationen.

Diese zutreffende anthropozentrische Weltdeutung führt viele Menschen nun zu wenigstens zwei naheliegenden Schlussfolgerungen: Erstens zu heftiger Kritik an den jeweils politisch Verantwortlichen („Die da oben sind schuld und müssen weg“) und zweitens zu einer Sehnsucht nach „besseren“ mächtigen Menschen und Systemen (Trump, Putin, Erdogan etc.). Beide Ableitungen sind logisch und rational: Wenn es stimmt, dass der Mensch der Grund allen Übels ist, dann müssen unfähige Menschen eben ersetzt werden durch fähigere Menschen. Doch beide Antworten übersehen, dass menschliches Handeln sowohl individuell wie auch kollektiv stets ausgeformt wird durch zumeist unbewusst bleibende Grundüberzeugungen. Die Folge: Wir können zwar einzelne Menschen austauschen und neue Politiker oder Führungskräfte bestimmen, doch wenn die unsichtbaren kollektiven Überzeugungen unverändert bleiben, werden auch die neuen Mächtigen wenig Neues zu bieten haben.

Wer die gesellschaftliche Steuerung der KI überlassen möchte, gibt gewissermaßen eine dritte, eine technologische Antwort: Wenn der Mensch das Übel verursacht, dann sollten wir ihn möglichst komplett aus dem Spiel nehmen und durch künstliche Intelligenz ersetzen. Die Hoffnung: Mensch weg – Übel weg. Diese Antwort übersieht, dass sie sich hervorragend als technologische Tarnkappe für wenige menschengemachte Machtzentren eignet. Sie suggeriert, dass KI die Probleme besser lösen könne und verschweigt, dass es letztlich immer Menschen sein werden, die KI programmieren und die von KI vorgeschlagenen Lösungen bewerten und entscheiden werden. KI wird dann zu einer psychologischen Verdrängungsmatrix, die das eigentliche Geschehen nicht erhellt, sondern verdunkelt.

Und dieses „eigentliche Geschehen“, das sind in der Tat „wir alle“. Mächtige brauchen ohnmächtige Kollektive, die an ihre Macht glauben, anderenfalls wären sie nicht mächtig. Wissen die Kollektive, woran sie glauben? Wissen sie, wie sie durch ihren Glauben diejenigen Verhältnisse mit-konstruieren, die sie anschließend beklagen? Ich glaube nicht – und hier würde dann tatsächlich etwas nicht stimmen mit unserem Selbst- und Weltbild. Mein Vorschlag: Machen wir uns alle bewusster, woran wir tief innerlich glauben, denn erst dann werden wir diejenigen „unsichtbaren“ Bedingungen, die unser aller Handeln leiten, besser verstehen und dann auch verändern können. Das wirkmächtigste System der Gegenwart ist zweifellos das moderne Geldwesen – und genau deshalb habe ich versucht, einige systemtragende Glaubenssätze sichtbarer zu machen. Wenn es stimmt, dass das moderne Geld ausschließlich als Schuldgeld erschaffen und verteilt wird, dann will ich wissen: Warum? Wozu? Und können wir es auch anders machen?

 

Sie haben die Idee des unantastbaren Lebensgeldes entwickelt (mehr dazu hier). Was steckt konkret dahinter und worin unterscheidet es sich zum bedingungslosen Grundeinkommen?

Das ULG entspringt einer geistigen Welt „jenseits“ der gegenwärtigen Grundüberzeugungen. Ich habe zunächst versucht, diese tief sitzenden Überzeugungen sichtbarer zu machen: „Geld muss Schuldgeld sein.“ Oder: „Wenn wir Geld erschaffen, können wir es nur als Kredit verteilen.“ Dann habe ich versucht, jenseits dieser Überzeugungen einen neuen Gedanken, eine neue Überzeugung auszuformen: „Warum können wir Geld nicht anders erschaffen und verteilen? Warum stets nur als Schuldgeld, als Kredit – warum nicht auch als Wertgeld, als abrufbares Guthaben?“ Mit diesen Fragen überschreite ich bewusst die herkömmlichen Übereinkünfte. Mir ist wichtig, dass auch beim Geld erkannt wird: Der Mensch hat sich seine Geldform erschaffen. Weil das so ist, kann der Mensch auch eine neue Geldform erschaffen und eine neue Geldordnung aufrichten. Anders gesagt: Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Mensch in 500 Jahren noch immer der aktuellen Geldordnung folgen wird. Auch diese Ordnung wird sich verändern – und vielleicht ist die Zeit jetzt reif genug für einen ersten Impuls.

Der wichtigste gedankliche Unterschied zwischen ULG und BGE ist, dass das ULG an die Menschenwürde gekoppelt ist, während das BGE geistig an ökonomische Merkmale wie Arbeitsfähigkeit, Leistungsbereitschaft, Wirtschaftswachstum und Kreditwürdigkeit gebunden ist. Es spielt keine Rolle, ob das BGE an alle Bürger oder nur an einen definierten Kreis von Bedürftigen ausgezahlt wird: Alle Bürger wären aufgerufen, dieses Geld zuvor „erwirtschaften“ zu müssen. Warum? Weil auch dieses BGE-Geld der aktuellen Schuldgeldordnung entspringt und bei seiner Geburt als Kredit verteilt wurde.

Nicht so das ULG: Es muss nicht „erwirtschaftet“ werden, denn es wird einfach „erschaffen“. Das ULG würde als abrufbares Werteguthaben erschaffen und entsprechend verbucht werden. Es würde uns lastenfrei und lebenslang zufließen. Es wäre das individuelle Eigentum eines jeden Menschen, quasi seine „göttliche Mitgift“, sein monetäres Geschenk an die Welt. Mit dem ULG würde jeder Mensch seinen inneren Wert (seine Würde) im Außen teilweise symbolisieren. Das ULG wäre nicht das Eigentum der Zentralbank und auch nicht des Staates. Wir alle würden eine „Einlage“ bei der EZB machen und ihr unser Lebensgeld treuhänderisch zur Verfügung stellen. Die EZB und das Bankensystem würden als Verwalter und Verteilerzentren agieren. Ein ULG würde man bekommen, weil wir alle uns als Menschen voller Wert anerkannt hätten, unabhängig von Talent, Fähigkeit, Herkunft und Geschlecht. Das ULG wäre „Mittel zum Zweck“: lebenslanger Zufluss von Geldmitteln zum Zwecke der Unterstützung eines menschenwürdigen Lebens in sozialem Miteinander. Es wäre ein Konstrukt zur Förderung menschlicher Kooperationen, nicht der Konkurrenz. Es würde das menschliche Miteinander stärken und das ökonomische Gegeneinander schwächen.

Noch einmal, weil es mir sehr wichtig ist: Das BGE stammt gedanklich aus der aktuellen Ordnung, aus der Kredit- und Schuldwelt. In dieser Welt fließen Menschen Geldmittel nur dann in hinreichender Menge zu, wenn sie „arbeiten“, „produktiv“ oder „kreditwürdig“ sind. Wer nicht arbeitet, nicht produktiv und nicht kreditwürdig ist, wird zu einem Bedürftigen, für dessen BGE andere noch mehr arbeiten und noch produktiver werden müssen – oder neue Schulden machen müssen. Geld fließt ihnen nicht zu, weil sie Menschen sind, von Geburt an voller Wert und Würde. Wir haben den Zufluss von Geld gedanklich nicht an die Menschenwürde gekoppelt, sondern an bestimmte ökonomische Merkmale. Wir leben momentan mit einer ökonomisierten Menschenwürde. Damit reduzieren wir die Menschenwürde auf enger gedachte Kriterien. „Wertvoll“ kann dann nur derjenige sein, der gut und hart und viel arbeitet, der besonders kreditwürdig ist, der das Geld selbst vermehren kann.

Solange wir innerhalb des aktuellen Geldsystems operieren, wird das BGE durch genau dieses System limitiert und gedanklich definiert. Anders formuliert: Das BGE ist eine edle Konstruktion aus den Bedingungen dieses Systems heraus. Wer BGE sagt, bejaht unbewusst das aktuelle Geldsystem. Er will den einen etwas geben und bemerkt nicht, wie sich andere für diese Gabe noch mehr verschulden müssen. Das ULG hingegen setzt die Veränderung des Geldsystems voraus. Sein geistiger Impuls ist ein Impuls der Befreiung von diesem System und ein Aufruf an alle fühlenden Wesen, ein neues Geldsystem zu konstruieren, welches die Menschenwürde besser abbilden kann als wir es bislang tun.

 

Was könnte in einer Zukunft, in der wir alle das unantastbare Lebensgeld erhalten, anders sein, als heute?

Vorausgesetzt, es gelingt uns, die relativen Preise einigermaßen stabil zu halten, wird zunächst einmal die Geldarmut verschwinden und mit ihr viel innere Armut. Menschliche Isolation wird nachlassen. Ängste werden verschwinden. Der lebenslange Zufluss an ULG ermöglicht mehr Teilhabe durch die Sozialkontakte als nachfragender Konsument. Unser Leben wird entschleunigt. Wir können weniger arbeiten, weshalb die Arbeitslosigkeit verschwinden würde: Wo heute ein Mensch 40 Std. arbeiten muss (!), um genügend Geld zu bekommen, können morgen zwei Menschen jeweils 20 Std. arbeiten. Subtile Machtverhältnisse werden gleichgewichtiger: Nicht mehr jede Arbeit muss zu jeder Bedingung akzeptiert werden. Mehrfachjobs und Zeitarbeit verschwinden. Nicht mehr jede Zumutung von staatlichen Sozialbehörden muss erduldet werden. Wir werden mehr Zeit und mehr Optionen haben für Miteinander, für Pflege, für Erziehung, Bildung und Kreativität. Arbeitsmärkte werden „aufrichtiger“, Menschen werden selbstbewusster. Arbeitslosigkeit, Alter, Rente und Krankheit verlieren ihre Schrecken. Die Würde des Menschen würde aufblühen …

Das ULG ist wie ein Willkommensruf von uns an alle Menschen: „Schön, dass es dich gibt und dass du hier auf der Erde bist. Damit du es hier einfacher hast, haben wir das ULG erfunden. Nun lebe, zeige dich, verbinde dich mit anderen, erfinde Neues, Besseres.“ Die Kriminalität würde nachlassen, auch das Misstrauen der Menschen untereinander. Niemand kann ja mehr aus dem Geld gedrängt werden. Allein die von uns allen ausgesprochene Garantie eines lebenslang zufließenden Geldes würde jeden Menschen auch kreditwürdig machen. Kreditgeber könnten das ULG beleihen. Aus Zukunftsängsten resultierendes Sparen oder Vermögensbildung könnte unattraktiver werden (wozu sparen, wenn ich lebenslang Geld bekommen werde?), was sofort die Aktien- und Immobilienpreise senken würde. Der Staat würde seinen Haushalt sukzessive entschulden können. Demokratisch gewählte Volksvertreter wären unabhängiger gegenüber der Banken- und Finanzwelt. Sozialabgaben und Steuern könnten deutlich gesenkt werden. Unternehmen müssten anders mit ihren nun wertvollen Mitarbeitern umgehen.

Da das ULG an keine weitere Bedingung als an die dem Menschen innewohnende Würde gekoppelt ist, ist seine Botschaft auch: „Hallo du, wir alle glauben an dich und deinen Wert. Mach mit, bring dich ein und dann können wir gemeinsam mit dem ULG ein Leben in größerer Sicherheit und Freiheit garantieren.“ Wenn man so will, symbolisiert das ULG durch seine Herleitung von der Menschenwürde auch die sozialdemokratischen Werte der Freiheit, der Gleichwertigkeit und der Solidarität. Würdige Menschen entfalten sich ohne Angst vor Geldarmut und Unterdrückung in einer Gemeinschaft der Würdigen – das ist meine Vorstellung einer menschenmöglichen Zukunft.

 

 

Wie können solche radikalen Veränderungen eingeleitet werden? Braucht es dazu eine Revolution?

Mein Wunsch und meine Hoffnung ist ein Weg der Aufklärung, der offenen Diskussion, der Bewusstwerdung. Ich wünsche mir viele Arbeitskreise, viele „Geldkonvente“ mit Bürgern, aber auch viele technische Diskussionen mit Experten, Geldtheoretikern, Ökonomen und Bankern, denn natürlich müssen viele wichtige Details erst noch erdacht und überprüft werden. Wie halten wir das neue Geld wertstabil? Ist es sinnvoll, das ULG mit der Vollgeld-Idee zu kombinieren? Es gibt noch viele offene Fragen, doch grundsätzlich sehe ich nirgendwo ein unüberwindbares Stopp-Schild.

Meine Erfahrung sagt mir jedoch, dass der Mensch meistens erst dann etwas verändert, wenn Leid und Schmerz unerträglich werden. Selten nur ist aus kluger Voraussicht agiert worden. Ich persönlich meine, dass das aktuelle Geldsystem erst kollabieren muss. Die sozialen Schmerzen werden dann allerdings heftig sein. Es wäre sehr hilfreich, wenn dann eine durchdachte Alternative existieren würde, wenn Menschen dann sagen könnten: „Seht her, wir machen das mit dem Geld jetzt mal anders. Wir erschaffen Lebensgeld und …“

Ich möchte keine Revolution, sofern damit Gewalt und Umsturz verbunden sind. Eine friedliche Revolution, die auf Bewusstwerdung und demokratischer Übereinkunft basiert, wäre okay. Ich möchte aber auch nicht naiv sein: Die Widerstände gewisser Kreise gegen eine Neuordnung des Geldwesens werden erheblich sein. Die EZB erfährt gerade, wie es sich anfühlt, wenn man seine geldpolitische Munition verschossen hat und nun weitgehend machtlos dasteht. Vielleicht wird uns die nächste Finanzkrise schon über die Rolle der EZB nachdenken lassen und vielleicht werden wir in Europa auch ihr geldpolitisches Mandat kritischer betrachten und neu justieren. Eine „unabhängige“ Notenbank, deren Unabhängigkeit soweit gediehen ist, dass sie „ohne Staat“ (es gibt keinen europäischen Staat) und ohne demokratische Aufsicht operieren kann, ist mir entschieden zu unabhängig.

Ich rechne mit solchen Diskussionen binnen der nächsten 10 Jahre, also bis 2029. Der Grund dafür heißt „Deutschland“. Wir sind die wirtschaftliche Stütze Europas und wir sind weitgehend einverstanden mit der Geldpolitik der EZB. Doch wir werden in den nächsten 10 Jahren große wirtschaftliche und soziale Probleme bekommen: Unsere Rente kann nicht finanziert werden, unsere Schlüsselindustrien werden schwächer und unsere verdeckten Schulden werden sichtbar. Wankt Deutschland, wankt Europa und damit auch die EZB. Bis dahin sollten wir ein besseres Geldsystem erdacht haben.

Persönlich bin ich vor kurzem in die SPD eingetreten, um politisch von innen heraus mitzuwirken. Würden 100.000 SPD-Mitglieder das ULG ausformulieren, wäre ein guter Anfang gemacht. Doch soweit ist es noch lange nicht … (lacht)